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NFL Power Ranking 2018 – Woche 9: New England und Baltimore unter der Lupe

NFL Power Ranking – diesmal mit einem genaueren Blick darauf, was New England von anderen unterscheidet und wie es um die Baltimore Ravens nach ihrer dritten Pleite en suite steht. Weiterlesen

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Notizblock Divisional Playoffs: Überall Trolle!

Am schönsten Wochenende des Jahres waren ungewöhnlich viele Trolle unterwegs. Jimmy Graham trollte sich in die Lächerlichkeit. Bill Belichick festigte seine Rolle als Obertroll. In Carolina trollten sich alle Beteiligten gegenseitig. In Denver ferntrollte Peyton Manning eventuell Tom Brady und nachdem am Sonnabend wir Footballnerds im Internet die Footballfans an den Sat.1-Mikrofonen getrollt haben, trollten Jan Stecker und Frank Buschmann ganz lässig direkt aus dem Fernseher zurück. Damit haben Buschi und Stecker jetzt auf jeden Fall das Momentum auf ihrer Seite. Bevor wir alle im storyline overkill mit Brady/Manning beziehungsweise Hammer-Hawks gegen Nickeligkeits-Niners verschüttet werden und uns auf Buschi-Ausraster wie im United Center annodazumal freuen, schnell nochmal ein launiger Rückblick auf die vier Spiele vom Wochenende.

New Orleans Saints 15, Seattle Seahawks 23

In der “It´s a passing league, stupid” wurde am Wochenende ungewöhnlich viel gelaufen. Das ging schon los im – zugegebenermaßen kalten, nassen und windigen – Seattle. Der siegreiche QB Russel Wilson hatte am Ende ganze neun completions. Aber mit Beast Mode und einer bärenstarken Defense war das völlig ausreichend.

Die Saints sind auch gelaufen. Richtig gut sogar. Leider gingen gleich zu Beginn einige kleine Dinge schief (verschossenes Field Goal, Fumble) und schon stand es 16-0. Weil auch danach Drew Brees, der sichtlich unter den Wetterungsbedingungen litt, kein großer Wurf gelingen wollen, kam New Orleans bis kurz vor Schluß auch nie wirklich in Schlagdistanz.

Einiges hing an dem vielen Gelaufe, aber vor allem an der Abwesenheit des Möchtegern-Trolls Jimmy Graham. Vor dem Spiel hat er den Körperkontakt händeringend gesucht, im Spiel selbst ist er dann selbigem tunlichst aus dem Weg gegangen. So war Graham dann nicht die gefährlichste Waffe auf dem Feld, sondern die größte Lachnummer.

Geglänzt haben beide Verteidigungsreihen. Seattles sowieso mit der scheinbar unendlich tiefen Rotation an fähigen pass rushers; die der Saints aber auch, die ungemein diszipliniert in ihrer Aggressivität gespielt hat. Die zwei, drei schlimmen missed tackles sollten eigentlich vom Angriff ausgeglichen werden.

Indianapolis Colts 22, New England Patriots 43

21 Punkte Rückstand, viertes Viertel, 4th&1 – Chuck Pagano läßt punten. Das ist ein Kündigungsgrund! Absolut unverzeihlich. Und so wie es aussah, wollte Andrew Luck ihm auch nicht an die Gurgel. Der sollte gleich mit gefeuert werden. Man muß nicht gerade Atomphysik studiert haben, um zu kapieren, daß die Siegchancen mit dem Punt von “sehr klein” auf “minus 1000” gesunken sind.

Und gerade so wie Luck gespielt hat, hätte gar nichts schiefgehen können. Entweder er hätte einen weiteren unfaßbaren Ball geworfen und das Spiel spannend gemacht oder jemand der seit etlichen Jahren endlich mal wieder Patriots-mäßigen Patriots-Secondary hätte eine INT zum TD zurückgetragen – und Luck hätte nochmal einen 28 Punkte Rückstand aufholen können.

Auf der anderen Seite haben die Pats mit durchschlagendem Erfolg das gemacht, was die Colts eigentlich die gesamte Saison über mit einbrechendem Mißerfolg versucht haben: smashmouth football. Erst laufen, dann laufen, dann screen pass, dann laufen, dann play action, dann Lauf in die Endzone. Was den Colts vor allem dafür fehlt, ist nicht unbedingt ein LaGarette Blount, sondern linemen, die Löcher reißen können; einen Fullback wie James Develin und einen Tight End, der Leute in die falsche Ecke stellt wie Michael Hoomanawanui.

Um das Paßspiel müssen sie sich weniger Sorgen machen. Da steht Andrew Luck auf dem Weg zu mehr MVP-Titeln als seinem Vorgänger in den nächsten Jahren nur Aaron Rodgers im Weg. Schön für die Colts auch, daß nächstes Jahr TE Dwayne Allen und Guard Donald Thomas (kam von den Patriots) von der IR quasi kostenlose Neuzugänge sind. Vielleicht hat ja sogar Reggie Wayne noch eine starke Saison im Tank.

Getrollt wurde auch hier, nämlich vom Obertroll Belichick. Von der Position, von der Pagano trotteligerweise hat punten lassen (IND 28 oder so), haben die Patriots dann trolligerweise gepuntet. Für sechs (Netto-)Yards. Das fand Belly bestimmt noch witziger als kurz vor Weihnachten, als er nach seinem liebsten Weihnachtssong gefragt wurde.

San Francisco 49ers 23, Carolina Panthers 10

In Carolina konnte man das Gegenteil des Spiels in Seattle sehen. Beide Mannschaften waren ebenso aggressiv wie Saints und Seahawks, aber teilweise peinlich undiszipliniert. Ihren großen Teil beigetragen haben die Schiedsrichter, die kaum die vielen Nickeligkeiten unterbinden konnten und sogar offensichtlichste Kopfstöße haben durchgehen lassen. Dazu kamen dann auch noch Nachlässigkeiten, die in einem Playffspiel niemals passieren dürfen. (Mike Pereira hat das hier alles kommentiert.)

Letztlich hat San Fran in der zweiten Hälfte eine überragende Leistung gezeigt und damit verdient gewonnen. Für Carolina muß es nun darum gehen, Cam Newton endlich mal vernünftige skill players zur Seite zu stellen. Newton selbst hatte in der ersten Halbzeit einige hervorragende Würfe unter Druck, bei denen er selbst nur auf dem großen Zeh stehend genaue Rakteten abgefeuert hat. In der zweiten Hälfte kam von ihm auch nicht mehr viel, da hatten seine OLine und sein schlechtes receiving corps um den humpelnden Steve Smith ihn aber auch schon im Stich gelassen.

Jim Harbaugh hat in diesem Spiel den Refs die Rolle als Head Troll genommen und Sympathien verspielt. Es gibt eine Linie zwischen „leidenschaftlich“ und „unsportlich“ beziehungsweise dumm. Er stand auf der falschen. Er wurde dafür sogar einmal bestraft. Wenn er sich weiterhin nicht unter Kontrolle hat, wird seine Rumpelstilzchenhaftigkeit – inklusive meterweit aufs Spielfeld rennen und Schiedsrichter mit Schimpftiraden eindecken – seiner Mannschaft nochmal in einer wichtigen Situation auf die Füße fallen.

San Diego Chargers 17, Denver Broncos 24

In Denvers Mile High hat erstmal Peyton Manning getrollt. Bevor er San Diegos Verteidiger mit endlosen Variationen seiner hard-count-/”Omaha”-Combo offenbar gehirnerschüttert hat, rief er mehrmals “Heidi, Heidi!” in die Landschaft. War das ein Ferntrollversuch gegen Brady, der im Regular Season Game gegen die Broncos nach “Cougar, Cougar!” verlangt hat, bevor er mit “Linda, Linda!” seine Träume von Belichicks Freundin öffentlich machte?

Wer Heidi ist, wissen wir immer noch nicht (Internet, come on!), aber Chargers HC Mike McCoy hat sich anscheinend zu viele alte gametapes von Marty Schottenheimer angesehen. RunRunPassPunt hat in den ersten drei Vierteln nix Zählbares eingebracht.

Nach der verkorksten Wiederaufnahme des NFL-Repertoireklassikers “Marty Ball” in den diesjährigen Spielplan ist McCoy nun nicht nur bei korsakoff durch jeden Rost gefallen. Nachdem Philip Rivers im vierten Viertel endlich seine seltsamen, aber erfolgreichen Kugelstoßerimitationen zeigen durfte, wurde das Spiel nochmal spannend. Immerhin hat WR Keenan Allen nach diesem Spiel die Rookie of the Year Trophäe sicher.

Weil Peyton Manning gewohnheitsmäßig auf die Einladung zum Laufen gegen six men boxes oft eingegangen ist, war das größtenteils eine ziemlich zähe Angelegenheit. Zum Schluß wurden aber alle noch dafür belohnt mit einer Aufholjagd, einem der besten Onside Kicks, die man jemals sehen wird und vor allem mit einem beeindruckenden match winner Peyton Manning. Es ist ein bißchen untergegangen, aber bei den beiden wichtigsten 3rd Downs, als San Diego nur einen Touchdown im Rückstand war, hat Manning mit schwierigen Pässen das Spiel gewonnen. In den Playoffs, draußen, in der Kälte. Nur die pundits und yada-yada-Typen werden das wohl wieder geflissentlich übergehen.

Und auch nicht vergessen sollte man den gefährlichen turf troll, der Eric Decker verfolgt. In diesem Spiel hat er wieder zugeschlagen. Auch beim ersten Mal ging es gegen Denver.

http://www.nfl.com/videos/nfl-game-highlights/0ap1000000080915/Decker-hits-the-deck

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        10-6    SB
Enge Spiele    6-4 
Pythagorean    9.4   (11)
Power Ranking   .538 (10)
Pass-Offense   6.3   (15)
Pass-Defense   6.1   (14)
Turnover        +9

Management

Salary Cap.
Free Agents.

S’Leben ist manchmal komisch. Da bauen die Baltimore Ravens seit der Inthronisierung von Head Coach John Harbaugh vor fünf Jahren in Windeseile einen jahrelangen Contender mit Titelaspirationen, nur um im ersten Jahr mit erkenntlichem Leistungsabfall und deutlichen Warnsignalen (Alterungsprozess!) grad noch die Kurve zu kratzen und vor dem Auseinanderfallen die Lombardi Trophy abzustauben. 2009 und 2010 war diese Mannschaft auf der Höhe ihres Schaffens und stand sich selbst im Weg, 2011 war man immer noch gut genug, erledigte sich aber in New England im Alleingang – und erst 2012, mit der schwächsten Ravens-Variante seit vielen Jahren, blasen LB Ray Lewis und Co. ihr letztes Halali und wandern mit dem Superbowl im Gepäck in den Sonnenuntergang. Und genau deswegen schließen die Ravens als die Ringträger 2012/13 auch die Sezierstunde-Serie dieses Frühjahrs ab.

Das Ozzie-Spiel

Es blieb auch seither nicht still. QB Joe Flacco, der Superbowl-MVP, bekam eine rekordverdächtige und für einen durchschnittlichen Quarterback wie eben ihn exorbitant ausschauende Vertragsverlängerung als Belohnung, aber rundherum brachen einige Dämme. LB Ray Lewis machte seinen lange angekündigten Rücktritt perfekt. Eckpunkte wie der legendäre FS Ed Reed oder OLB Ellerbe und DE Kruger wurden ziehen gelassen, S Pollard wurde gefeuert, für WR Boldin konnte man immerhin noch einen billigen Draftpick mitnehmen.

Es mag für Fans schmerzhaft gewesen sein, aber sehen wir es mal anders: Der Schnitt hätte so oder so kommen müssen – und bei einem Strategen wie GM Ozzie Newsome wäre er auch gekommen. 2012/13 war der letzte offene Spalt für die Titelträume dieser Ravens-Generation. So sehr es schmerzt, einen Ed Reed in einem Texans-Trikot spielen zu sehen: Jetzt muss die Generalsanierung erfolgen, und sie musste immer jetzt passieren, weil die Vertragssituation entsprechend darauf ausgerichtet war.

Die Offense

Der kurioseste Move von Newsome war zweifellos dieser monströse 20 Mio./Jahr-Move mit gut und gerne 50 Millionen Dollar guaranteed-Money für QB Flacco, der eine neue Ära in der Vertragspolitik in der NFL einläutete: Ab sofort kriegen auch mittelmäßige QBs – und wenig anderes ist Flacco trotz des vierwöchigen Laufs zuletzt – gigantische Gehälter. Der Markt wird sich in wenigen Jahren von selbst regulieren, aber bis dahin verbluten Teams wie Baltimore zwangsläufig. Sei’s drum: Flacco gibt dir, was er dir immer gab – ein vertikales, tiefes Element.

Der pfeilschnelle WR Torrey Smith ist da genau der richtige Mann, wie auch der sehr flexible RB Ray Rice oder der kräftige RB Bernard Pierce. Alles andere in Baltimores „Skill“-Offense ist austauschbar bzw. schreit nach Upgrades. Nach Boldins Abgang fehlt der kräftige Receiver für die Mitteldistanzen, und die Tight Ends sind in Baltimore seit Heaps Abgang eh nur noch opportunistisch besetzt.

In der Offense Line stehen LT Oher, LG Grubbs und RG Yanda fix, aber die anderen Jungs können schon seit Jahren keine vier Monate mehr oder Ausfallszeiten durchhalten. Bissl was wird man – auch bei den Backups – unternehmen müssen.

Die Defense

Fraglich ist noch, wie die Defense in der Zeit nach dem Urgestein Lewis aussehen wird. Baltimores Abwehr war nun jahrelang um die Stärken der „Achse“ gebaut: Haloti NgataTerrell Suggs – Ray Lewis – Ed Reed. Individuelle Power kombiniert mit fassungslos viel Defensiv-Wissen in der besten Abwehrschmiede der Liga. Von den Indiviualisten sind nur noch Ngata und Suggs dabei, und beide hatten in jüngster Vergangenheit Verletzungssorgen. Weil mit DE Kruger und LB Ellerbe zwei Talente ziehen gelassen wurden, steht die Abwehr vor dem Neuaufbau.

DefCoord Dean Pees ist gefragt. In der Defensive Line wurden DT Chris Canty (möglicherweise für die NT-Position) und DE/OLB Elvis Dumervil (Passrush!) geholt – zwei Verpflichtungen, die etwas Erfahrung in einen jungen Kern bringen sollten. Gut möglich ist übrigens auch, dass Dumervil als Outside Linebacker auf der anderen Seite von Suggs aufgestellt wird. Suggs/Dumervil: Riecht nach 10-15 Sacks per capita. Höhö, und in der Hinterhand gibt es noch OLB Courtney Upshaw, der vom College als faszinierender Spieler in Erinnerung blieb, und als Rookie vor allem für seine Arbeit gegen den Lauf gelobt wurde.

In den vielen „Hybrid“-Packages kann Pees im Optimalfall die Jungs Suggs/Dumervil/Upshaw hin- und herschieben, zwischen D-Line und OLB. Dafür braucht es allerdings womöglich noch etwas Verstärkung neben Ngata und Canty in der Defense Line, vor allem innen: Der unglaublich fette DT Terrance Cody hat seine Versprechen noch immer nicht einlösen können, und die DT/DEs Jones/McPhee/Spears gelten maximal als Ergänzungsspieler.

Gebastelt wird auch noch an der ILB-Position, die nach den Abgängen von Lewis und Ellerbe vakant ist: Niemand geht davon aus, dass die „Macs“ McClellan und McClain die Langzeitlösung sind, weswegen viele spekulieren, dass Manti Te’o im Draft am Ende der ersten Runde nach Baltimore geht. Te’o – ein charismatischer Führungsspieler-Typ, der auf den Leadertypen Lewis folgt? Klingt gut? So „logisch“ der Move klingt, muss man jetzt schon Angst haben um das Seelenleben Te’os, wenn er in der Testosteronhochburg Baltimore ob des Catfishing-Skandals zerfleischt wird.

In der Secondary muss man nach dem Abgang von bei John Harbaugh angeblich verhassten (!) Ed Reed den Abgang des Ankermanns verkraften. Neuzugang S Michael Huff dürfte die Lücke halbwegs adäquat stopfen, aber weil auch Pollard flöten ging, könnte Baltimore im Draft auch im Rennen um einen Safety sein.

Auf Cornerback sind die Abgänge unspektakulärer: Der Superbowl-Schläger Cary Williams ist weg, aber dafür sollte CB Ladarius Webb wieder genesen sein – quasi ein „Zugang“ im Vergleich zu letzter Saison. Webb deckt zwar selten die Ecken ab, geistert aber als permanente Bedrohung für Interceptions durch die Spielfeldmitte. Dazu sollte es Zeit sein für den jungen CB Jimmy Smith, den nächsten Entwicklungssprung zu machen. Weil CB Corey Graham und CB Chykie Brown (geiler Vorname) als grundsolide eingestuft werden, glaube ich nicht, dass Baltimore sich weit vorne eines Cornerbacks bedient.

Ausblick

Für mein Ermessen sind die Ravens nicht viel schlechter als vor der letzten Saison aufgestellt. Wichtigstes Need ist für mein Ermessen ein groß gewachsener, kräfter Wide Receiver für die Zeit nach Boldin. Es ist schwer vorstellbar, dass Torrey Smith als go to guy in dieser Offense überlebt ohne einen Partner, der erhöhte Aufmerksamkeit der Defense auf sich zieht.

Die nächsten Needs sind in der Defense: Safety und Inside Linebacker. Ich glaube, ein mittelmäßiger Safety kann durch den auf dem Blatt weiterhin exzellenten Passrush kaschiert werden, aber irgendwo liest sich Ihedigbo (der aktuelle Mann neben Huff) nicht mal wie „mittelmäßig“. ILB ist sicher wichtig, aber im Zweifelsfall überlebst in der heutigen NFL auch ohne Topmann dort.

Baltimore ist als Titelverteidiger nicht der Topfavorit, aber weil die AFC nicht furchteinflößend stark besetzt ist, sehe ich durchaus auch weiterhin Playoffchancen.

Super Bowl Champions 2012/13: Baltimore Ravens

Mit einer wieder mal beeindruckenden Leistung haben die Ravens auch das vierte Playoffspiel in Folge gewonnen und konnten so am Sonntag die Lombardi Trophy mit nach Hause nehmen. Und sie haben es auch verdient. Sie waren die bessere Mannschaften, ihr Quarterback hat deutlich besser gespielt als San Franciscos und ihr Head Coach war aggressiver beziehungsweise mutiger als sein Bruder.

Trotzdem wird Weiterlesen

Superbowl XLVII im Liveblog: San Francisco 49ers – Baltimore Ravens

[05h18] Ich bin fast 24h auf den Beinen, aber kaum Anzeichen von Müdigkeit. Insofern wage ich mich an eine kurze Analyse des Spiels, dieses geschichtsträchtigen Spiels. Superbowl 47 wird aus mehreren Gründen in die Annalen eingehen. Die Brudergeschichte. Ray Lewis. Der Stromausfall. Das Comeback. Der umstrittene Call zum Ende.

Es war in allererster Linie ein starkes Footballspiel. Man konnte diese Superbowl trotz zeitweiliger 22pts-Differenz nie abschreiben. Nicht, wenn die wichtigen Effizienz-Stats wie NY/A im Passspiel so ausgeglichen sind. Weshalb führten die Ravens so klar? Es fiel ihnen eine Interception in den Schoß, ein Fumble in den Schoß, und sie hatten einen rekordverdächtig langen Kickoff-Returntouchdown. Schon liegt du so deutlich vorn.

Nach dem bizarren Stromausfall schwang das Pendel im Stadion um – wir spürten es bis in die Stube. Er brachte mehr ins Spiel als eine kleine Nuancierung in die Partie. Aber es wäre auch nicht so, dass San Francisco den Sarg aus eigener Kraft nicht mehr aufgebracht hätte. Denn sie waren gut. Kaepernick war gut. Nicht so elektrisierend wie in den letzten Wochen, aber es reichte, um die Büchse noch einmal aufzumachen.

Momente wie der Rice-Fumble sind jenseits von gut und böse. Sie verändern komplette Spiele, obwohl niemand so richtig was dafür kann. Er hätte um ein Haar die Superbowl 47 entschieden. San Francisco brachte die Drives plötzlich zu Ende. WR Crabtree kam plötzlich ins Spiel und bot neben TE Davis eine zweite veritable Anspielstation.

Dann killte eine simple Out-Route zu Anquan Boldin die emotionale Welle. Dieser eine Spielzug beruhigte die Gemüter. Es blieb bis zum Ende ein hautenges Spiel. Am Ende brachten die 49ers aus 5yds in drei Versuchen den Ball nicht in die EndZone. Im vierten Versuch schlitterte man haarscharf am Holding. Ein eher richtiger Call der Refs, auch wenn Jim Zeter und Mordio schrie. So knapp war’s. Am Ende setzte John Harbaugh mit der Belichick-Gedächtnisentscheidung („Safety“) den das Sahnehäubchen drauf – eine richtig durchdachte Coaching-Entscheidung zum Superbowlsieg.

Woran es für den Favoriten San Francisco letztendlich scheiterte? Schwierig. Die 49ers mit einer unterirdischen Verwertungsrate bei dritten Downs (2 von 9). Mit einem Turnover mehr. Zweimal nur ein Field Goal in der RedZone. Kassierten einen Special-Teams-TD. Nach Yards pro Spielzug gewann man deutlich (7.8 vs 5.2 bei den Ravens). Sie spielten gut genug, um zu gewinnen. Sie spielten gut genug, um einen Favoritenstatus zu rechtfertigen. Sie scheiterten an Winzigkeiten.

Ich bleibe nicht ungern dabei: Boldin oder Jacoby Jones wären noch verdientere MVPs als Flacco gewesen. Flacco ist eine leicht simplifizierte Wahl. Aber keine unverdiente.

Die Medien werden versuchen, das Spiel zum besten Superbowl ever hochzujazzen. Ich sollte mich weiterhin nicht in diese Wertung einmischen, aber: Es gehört in die Diskussion. Eng. Comeback. Intensität. Rangeleien. Schlägereien. Knisternde Atmosphäre. Im Stadion und auf dem Spielfeld.

So muss Sport sein. Lebenswichtig.

[05h10] Übrigens höchste Positionierung ever für Sideline Reporter in den WordPress Blogs-des-Tages:

Die #2.

Die #2.

[05h04] Eher kalte Reaktion von John Harbaugh auf Nachfrage zum Handshake mit Brüderchen Jim.

[05h01] Flacco scheint ein netter Zeitgenosse zu sein, verzichtet auf clownige MVP-Ansprachen. Sogar Ray Lewis mit einer weniger schmalzigen Ansage als befürchtet. Und im Hintergrund fightet die Seven Nations Army.

[04h54] Kurzer TV-Review: Ich habe ESPNA und den CBS-Feed fast komplett ignoriert. SAT.1 mit einer für mich rundum gelungenen Performance, erklärten viel, weit weg von Anfängerkommentierung; sophisticated war’s nicht, aber das erwartet auch keiner. Die Italiener mit sehr viel Detailanalysen, wie gewohnt eine superbe Vorstellung.

[04h47] QB Joe Flacco (22/33 für 287yds, 3 TD, null Turnovers) ist MVP. Kann man machen.

Ich hätte noch zwei andere Kandidaten zu bieten gehabt:

  • Jacoby Jones. Ja, nur zwei richtige Plays. Aber einer ein der lange TD. Der andere grub das Grab des Gegners mit Beginn dritter Halbzeit.
  • Anquan Boldin. Fantastische Catches von Boldin in richtigen „Clutch“-Situationen.

Ed Reeds Interception negierte sich mit dem großen 49ers-Comeback. Terrell Suggs war auch nur in Halbzeit eins richtig dominant. RB Rice hatte diesen bösen Fumble. Insofern: Flacco geht in Ordnung. Flacco wird den MVP in wenigen Wochen mit ein paar Extramillionen versüßen.

Viertes Viertel

[04h45] Endstand San Francisco 31, Baltimore 34. Teddy Ginn legt noch einmal alles in den Fair-Kick-Return, wird aber an der Mittellinie gestoppt. Die Ravens gewinnen die Lombardi Trophy 2012/13.

Ja. Große Sensation. Ich habe es nicht kommen sehen (VM schon). Dreimal mit mehr als 10 Punkten gegen Baltimore gesetzt. Dreimal baden gegangen. Damit haben Sie’s zu tun.

[04h41] San Francisco 31, Baltimore 34/Q4 0:04. Der Punter nimmt den Safety. Und damit ist die Partie vorbei.

[04h41] 12sek. Baltimore wird gleich punten. 2-5sek dürften bleiben. Hail Mary.

[04h40] Mike Pereira zum Call beim 4th down:

[04h37] Selbst wenn San Francisco den Ball nochmal bekommt: Mehr als 8-15sek werden sie nicht mehr bekommen. Und schlechte Feldposition. Auf der Bank draußen wird entsprechend auch schon geheult.

[04h35] 2nd down: incomplete.

3rd down: Pass raus für WR Crabtree. incomplete, wäre aber nicht für mehr als 1yd gegangen.

4th down: massive Blitzes, Kaepernick feuert hoch ins Eck der EndZone. CB #22 Rodgers hält gegen WR #15 Crabtree, aber nicht genug für eine Flagge. (Holla?) incomplete.

1:46 bleiben. 1 Timeout für San Francisco.

[04h30] Großartiger Pass für WR Crabtree über die Mitte (gegen einen DB mit #24 und LB Lewis). Direkt im Anschluss zündet Frank Gore den Brenner und umläuft links die Defense – an die SF 8. Ein Play später sind sie an der 5.

2min Warning. Zeit bei diesem Spielstand absolut ein Faktor. (BAL hat noch drei Timeouts und sollte diese bald zücken)

[04h25] San Francisco beginnt an der eigenen 20. 4:19 zur Unsterblichkeit.

[04h21] San Francisco 29, Baltimore 34/Q4 4:23. Dicke Klöten von John Harbaugh, im dritten und 0.5yds einen gelupften Ball downfield zu werfen – aber Boldin klaubt das Ei sehenswert gegen CB Culliver runter. Danach wird humorlos gelaufen, bis der Drive – lebenswichtig für die 49ers – an der Grenze zur RedZone gebremst wird. „Nur“ ein Field Goal. San Francisco braucht nun einen TD. Aber hätten die Ravens den TD gemacht, das Spiel wäre 99% over gewesen.

Boldin mausert sich derweil zum veritablen MVP-Kandidaten im Falle eines Ravens-Siegs.

[04h04] San Francisco 29, Baltimore 31/Q4 9:57… und da dringen erhöhte Dezibelwerte durch den Sportitalia-Äther. Langer Pass für WR Randy Moss. Kreative Laufspielzüge über RB Gore. Nahe der GoalLine schicken die Ravens einen massiven Blitz, den Kaepernick per blitzschnellem Scramble zum Touchdown verbrennt. Die 2pts-Conversion scheitert – weil die Ravens erneut einen All-Out Blitz schickten.

Drama, Baby.

[03h57] San Francisco 23, Baltimore 31/Q4 12:54. Viel Laufspiel über RB Rice über die Mitte, und nach einem Goal-Line Stand plus einer erzwungenen Incompletion für Flacco steht John Harbaugh 4th-und-1.5yds vor der GoalLine vor einer der Entscheidungen der Superbowl-Geschichte…

und enttäuscht. John lässt kicken. Wenn du hier nicht ausspielst, wann dann?

Drittes Viertel

[03h52] Längstes drittes Viertel der Superbowlgeschichte. Ein Catch plus langer Lauf des WR Anquan Boldin im dritten Versuch beruhigt die Gemüter im Stadion etwas und bringt Baltimore zurück ins Spiel. Danach folgen knackige Läufe – und ein riskanter Call: 3rd-und-inches, und der RB Pierce wird über außen geschickt. Glückt. Baltimore fast in Punkte-Range.

[03h48] Jetzt bräuchte Baltimore einen Stromausfall.

[03h43] San Francisco 23, Baltimore 28/Q3 3:14. Meine Fresse. Ich wiederhole mich: Meine Fresse.

K Akers versemmelt einen 39yder, aber aufgrund eines „running into the kicker“ gibt es einen zweiten Versuch – und der sitzt aus 34yds. Aber: 4th-und-2, da ist es aus der Feldposition doch überlegendwert, auszuspielen?

[03h40] Wahnsinn. Flacco steht die Angst in die Augen geschrieben. Schneller Screen raus zu Ray Rice, CB #25 Terrell Brown rauscht heran, schlägt Rice das Ei aus der Hand. Fumble. SF beginnt an der BAL 24.

[03h37] Aus dem Bloginnenraum: Die ersten drei Stunden haben auf diesem Blog alle bisherigen Besucherrekorde gesprengt. Seit dem Stromausfall ist die Bewegung drastisch zurückgegangen.

[03h32] San Francisco 20, Baltimore 28/Q3 4:59. Pass für TE Davis, dann an der 6yds-Line Ballübergabe an RB #21 Gore gegen die Laufrichtigung der Defense, FB #46 Delanie Walker räumt Ed Reed aus dem Weg wie eine luftige Mücke und Gore trabt in die EndZone. Und DT #92 Ngata wird aus dem Spiel geknockt, humpelt aus der EndZone raus.

Football. Du kannst jedes Matchup in die Pupette analysieren. Nada. Zwei Plays stellen die Welt auf den Kopf.

(keine 2pts-Conversion für San Francisco? Jimmy?)

[03h31] Mental sind die 49ers nun obenauf: Incomplete Pass, Lauf für nix, im dritten Down ein Blitz von LB #55 Brooks, der Flacco von hinten umreißt. Punt, #19 Teddy Ginn jr. returniert in die RedZone! Bitte, weckt eure Liebsten wieder auf! Wir haben ein Spiel!

[03h27] Jetzt ist es übrigens gut, dass San Francisco mit Kaepernick einen „wilden“ Spieler hat. Kaepernick traut man ein Comeback zu. Alex Smith nicht.

[03h25] San Francisco 13, Baltimore 28/Q3 7:20. Nach dem Auszeit-Fehler zwei schöne Dinger von Kaepernick: Schöner „gelobbter“ Pass für TE Davis, Rakete nach halblinks für den bis dato über weite Strecken ausgeschalteten WR Michael Crabtree, der von zwei Verteidigern (#29 Williams/#31 Pollard) abprallt und zum TD durchläuft.  (7 Plays, 80 Yards und fast alles per Pass oder Scrambles)

[03h21] SiehabennichtgenugvonderAuszeit. Jetzt passiert das, was dieses Jahr für Kaepernick typisch war und einer meiner Hauptkritikpunkte an Kaepernick: Er muss eine Auszeit verbrennen, weil sie den Spielzug nicht durchbringen. a) idiotisch, wegen 5yds ein Timeout zu nehmen. b) diese Zeit wird im letzten Viertel u.U. noch richtig wehtun.

[03h16] Die Ravens mit einer halbherzigen Angriffsserie. Passend, dass sie im 4th-und-inches nicht die Traute haben auszuspielen, und punten. SF beginnt gleich an der eigenen 20 und sollte langsam anfangen, produktiv zu werden.

[03h12] Spiel geht nach 35 Minuten Pause weiter. 49ers müssen schnell punten.

[03h06] Steve Tasker von CBS: „Draußen ist ein Generator geflogen, es mussten viele Checks durchgemacht werden, daher dauerte es so lang… Teams haben nun so lange Zeit zum Aufwärmen, wie sie glauben zu brauchen… definitiv ein Vorteil für die 49ers“

Studioexperten sehen auch unisono Vorteile für San Francisco in diesem Moment. Es komme sehr auf die Coaches an, wie sie den Fokus bei ihren Spielern hielten.

[03h02] Auch die deutsche Wikipedia hat auch schon reagiert.

[02h59]

[02h55] Ich habe gerade im Gamepass zurückgespult. CBS-Kommentar war kurzzeitig weg, was nicht weiter ins Gewicht fiel, da man sofort Werbepause schaltete und danach ins Studio schaltete. Mittlerweile ist der Sound wieder da.

[02h53] Wenn das während der Halbzeitshow passiert wäre…

[02h50] Kein terroristischer Akt. Wir sind beruhigt.

[02h49] Stromausfall soll um ca. 3h MEZ behoben sein.

[02h45] Ist das Ines Sainz (die Ines Sainz), die da bei SAT.1 grad im Interview ist?

[02h43] Man kann nur hoffen, dass sich die 49ers an dem Stecker angesteckt haben, um Energie zu tanken.

Auf alle Fälle weiterhin Licht aus im Superdome. Im Superbowl.

[02h38] Hm, mein Drinking Game schlug 4 Shots für Stromausfall in der Halftime Show vor. Können wir das ändern auf „Lichtausfall während drittes Viertel“? Ich trink jedenfalls einen drauf.

[02h32] San Francisco 6, Baltimore 28/Q3 14:49. Paukenschlag. KR #12 Jacoby Jones returniert den Kickoff der zweiten Halbzeit 109yds (!) zum Touchdown. Untouched. Längster Superbowl-Spielzug ever. Längster NFL-Spielzug ever (zumindest tied). Sargnägel liegen plötzlich bereit.

Oder wir bekommen den legendärsten Superbowl ever.

Half Time Show

[02h25] Nach dem Revival der Lingerie Football League Half Time Show bleibt festzuhalten: Die weltbewegend beste Stimme hat Beyoncé Knowles nicht. Dafür muss man keine Ahnung von R&B haben.

(und, ja, ich bin gespannt auf die Reaktion der amerikanischen Prüderie-Kommission. Die tagt morgen. in allen großen Zeitungen)

[02h22] Ich oute mich mal als völlig inkompetent in Sachen MTV und R&B, insofern kann ich nicht viel zur Qualität der Halftimeshow um Beyoncé beisteuern. Auf alle Fälle sieht die Lichtershow beeindruckend aus. Aber die Ladys auf der riesigen Bühne sind so leicht bekleidet, dass wir von Nippelgate nicht meilenweit entfernt sind. Fest steht: Nächstes Jahr in New York holen sich die Mädels damit eine schwere Verkühlung ab.

Halbzeitanalyse

[01h59] Überraschendes Halbzeitergebnis, das uns entweder ein großes Upset oder ein großes Comeback servieren wird. Die 15pts-Führung der Ravens fühlt sich zu hoch an. Beide Offenses sind recht effizient im Passspiel (Flacco 9.4 NY/A, Kaepernick 9.9 NY/A), aber die San Francisco 49ers missachteten die erste Superbowl-Regel:

Gibt Acht auf den Ball.

Fumble James und eine so hoch fliegende Interceptions Kaepernicks – ein Ball, den ich nun wochenlang erwartet hatte –  und schwupps erweckt ein Team den Eindruck, es sei von der Rolle. Nope. Kaepernick ist nicht perfekt, aber die 49ers-Offense bleibt gefährlich.

Bedenklicher ist das, was San Francisco in der Abwehr zeigt: Der Pass-Rush ist mau und in der Secondary sind Tight Ends und Wide Receivers häufig abartig frei und können vergleichsweise einfache Catches fangen. QB Flacco zeigt auch gutes Gefühl für die Pocket, bewegt sich notfalls bis zum letzten Moment und wirft, wenn er mal unter Druck ist, keine hirnlosen Pässe.

Schließlich Baltimores Defense: Weitgehend sehr gute Vorstellung. Die Aggressivität ist da, und Corey Williams zeigt die Einstellung eines grobschlächtigen Abwehrtreters (bzw. Abwehrschlägers). Die Front-Seven scheint einige Snap-Counts zu kennen und insbesondere OLB #55 Suggs war häufig mit dem Snap schon im Backfield und machte das Timing kaputt bzw. verhinderte ein Weglaufen Kaepernicks, weil er nicht zu aggressiv auf den Mann ging, sondern das Containment hielt. Bis auf die Tight Ends wird auch recht gut gedeckt, auch wenn man nicht Herr der Spielfeldmitte ist (gell, Lewis?). Auf den Außenpositionen wird eng gedeckt.

Fazit: Ich sehe da ein weiterhin spannendes, überwiegend gut exekutiertes Spiel. Kann so weitergehen, aber San Francisco muss seine längeren Drives zu Touchdowns, nicht zu Field Goals verwerten.

Zweites Viertel

[01h59] San Francisco 6, Baltimore 21/Q2 0:00. Schöne Pässe Kaepernicks downfield für die TEs Davis und Walker, und es fällt auf, wie aggressiv die Ravens auch nach dem Catch auf den Ball gehen. Am Ende muss man mit einem Field Goal Vorlieb nehmen.

[01h49] San Francisco 3, Baltimore 21/Q2 1:45. Das ist ja fassungslos! QB Flacco tiefe Bombe für Smith, CB Culliver schlägt zu Boden. Nächstes Play, QB Flacco tiefer Ball für WR #12 Jacoby Jones, der Culliver auf und davon rennt. Culliver springt ins Leere. Jones fängt den Ball im Fallen, steht auf und läuft weiter. Culliver und S Goldson zeigen die Angriffigkeit von homophilen Mauerblümchen und Jones trabt zum 56yds-TD in die EndZone.

[01h45] San Francisco schnell gestoppt. Im dritten Down wirft Kaepernick einen weiteren gefährlichen Ball nach außen, WR Randy Moss beugt sich wie ein alter Mann nach unten, während unser Prügel-CB Williams dazwischenspritzt und fast eine weitere INT mit Pick-6 Potenzial fängt. Punt, 2:07 vor Halbzeit kriegt Flacco den Ball nahe der Spielfeldmitte.

[01h41] Two Cents:

  • CB Williams hätte IMHO sofort ausgeschlossen gehört.
  • Guter Aspekt beim FG-Trick: 49ers müssen immer noch an der eigenen 6 starten. Gibt keinen besseren Moment, so ein Ding anzusagen. Und das in der Superbowl.

[01h37] Baltimore wird zum Field Goal gezwungen… denkste. 4th down und der ehemalige Special-Teams-Coordinator John Harbaugh sagt einen geilen, geilen FG-Fake an, K Tucker macht drei Kreuzchen und läuft los, und läuft, und… wird 1yd vor der gelben Linie aus dem Spielfeld gedrängt. Gescheitert, aber coole Ansage!

[01h34] Es wäre, wenn San Francisco gewinnen sollte, übrigens jetzt schon das größte Superbowl-Comeback ever (in den 80ern mal ein 0-10 von den Redskins aufgeholt steht immer noch als Comeback-Rekord für Superbowls).

[01h28] Interception Ed Reed. Da ist der Fehler Kaepernick, ein meterweit überworfener Ball für Moss, und FS #20 Reed fällt der Ball mutterseelenallein in den Schoß. Danach entladen sich die feindseligen Vibes zwischen den Teams nicht bloß in Nickligkeiten, sondern in einer zünftigen Massenschlägerei. (Ausschlussfoul-würdiges Einprügeln von Ravens-CB #29 Williams, für das Ndamukong Suh ein Jahr aus dem Verkehr gezogen würde)

[01h22] San Francisco 3, Baltimore 14/Q2 7:10. Blitzsauberer Drive der Ravens, die nicht den tödlichen tiefen Pass suchen, sondern geduldig über die Mitte (RB Pierce) laufen, respektive warten, bis die TEs #84 Dickson und #88 Pitta offen sind – und sie sind jedes Mal offen und können halbwegs einfache Catches machen. 10 Plays, 75 Yards, Touchdown für Pitta und dicker werdendes Brett für San Francisco.

[01h15] Die Funken sprühen weiter: Auch für Gelegenheitszuschauer ist zu sehen, wie perfekt Kaepernick die „read-option“ aus der Pistol-Aufstellung praktiziert, sei es für RB Gore und RB James. Allein: James fumbelt beim Versuch, ein broken play zu retten, das Ei weg und Baltimore bekommt in der eigenen Platzhälfte das Ei.

Erstes Viertel

[01h04] Das erste Viertel geht mit höchster Intensität zu Ende. QB Flacco macht unter kollabierender Pocket den Eli, und feuert furchtlose tiefe Bälle: WR Boldin klaubt einen 30yds-Wundercatch runter, WR Smith auf dem Weg in die Endzone leicht von CB Culliver gehalten, aber es gibt keine Flagge. Im dritten Down passiert schließlich der Sack und die Ravens werden aus Fieldgoal-Reichweite getrieben. Es folgt wohl ein Punt.

Und: Ed Reed musste in die Umkleidekabine.

[00h54] San Francisco 3, Baltimore 7/Q1 3:58. Die Ravens kriegen mit nur drei Mann ausreichend Druck hin, weil sie ohne Reaktionszeit zum Snap durchbrechen. Sonst ein Drive, der zeigt: San Francisco ist im Spiel, wenn auch alles nur über die Mitte geht.

Pässe für WR Crabtree (gegen den ins Leere greifenden Ray Lewis) und TE Davis (zwischen den Zonen) sind erfolgreich, und auch das Laufspiel über die tänzelnden Kaepernick/Gore schaut nicht übel aus, sofern die Ravens den Snap-Count nicht 100%ig erwischen.

TE Davis kniet allerdings gerade mit Grimassen an der Seitenlinie und hält sich den Arm.

[00h41] San Francisco 0, Baltimore 7/Q1 10:36. Simple Spielzüge, die die Ravens zeigen – aber es ist effektiv (6 Plays, 51 Yards). Ein langer Raumgewinn für WR Torrey Smith, der sich zwischen die Zonen von CB Brown und S Whitner schwindelt, und ein paar Plays später ein Lupfer über die Mitte, für TE Boldin zwischen LB #53 Bowman und S Whitner. Boldin mit dem TD, Außenseiter führt.

[00h35] Erste Angriffsserie, 49ers beginnen mit einem False Start. Danach zeigt sich eine sehr aggressive Front-Seven der Ravens mit OLB #55 Suggs zweimal haarscharf am Offside. Im dritten Down nehmen die 49ers die „sichere“ Option des kurzen Laufspiels und müssen punten.

Pre-Game

[00h30] Münzwurf: Baltimore gewinnt unter Seven Nation Army-Schlachtrufen seiner Fans und deferred. Kaepernick kommt also gleich aufs Feld, nachdem er noch jedem Mitspieler einen Schulterklopfer gegeben hat.

[00h24] Handgestoppte 2:42min. Keys begleitete sich selbst am Piano.

[00h15] Wichtigste Wette der Woche: Wie lange wird Alicia Keys gleich für die US-Nationalhymne brauchen? Over/under ist bei sagenhaften 2:15min angesetzt! Der Grund könnte sein, dass Alicia Keys ankündigte, eine „my way“-Performance hinlegen zu wollen. Keys sang noch nie die Hymne in der Öffentlichkeit. 2:15 lässt sich nicht einfach nur mit einem langgezogenen home of the brave erreichen.

[00h05] Liveblogging auch bei dogfood von Allesaussersport.

[00h00] Die Mehrzahl der Experten sieht San Francisco vorn, aber nahezu alle erwarten ein extrem knappes Spiel – und widersprechen mir damit.

[22h50] Der letzte Dreck unter der Fingernägeln ist analysiert. Fehlt nur noch das Spiel. Die letzte dreiviertel Stunde vor Kickoff wird optisch wie stimmlich genüsslich, und hoffentlich auch die Mitternachtsmahlzeit.

Hart, aber fair: Die Baltimore Ravens am Ende einer Epoche

Superbowl 47 ist auch ein Kampf der Kulturen. Das von Kriminalität und Gentrifizierung gebeutelte Baltimore gegen das weltoffene San Francisco, mit den Eliteschulen Stanford und Cal und Silicon Valley in unmittelbarer oder mittelbarer Nähe. Die sehr lauten, aggressiven Ravens gegen die eleganten, charmanten 49ers – ein Aufeinandertreffen zweier Welten. Ein Zweiteiler, der sich mit den Eigenheiten der beiden Superbowl-Teilnehmer 2012/13 auseinander setzt. Heute: Die Ravens.

Wer erst seit ein paar Jahren Football verfolgt, möchte kaum glauben, dass es sich bei den Baltimore Ravens um die drittjüngste NFL-Franchise handelt, noch keine 20 Jahre alt. Aber während andere Neulinge wie Jacksonville oder Houston noch am Erstellen von Identifikationspunkten werkeln, weiß bei den Baltimore Ravens jeder per sofort, worum es geht.

Physische Defense. Laut. Testosterongeladen. Harte Hits.

Niemand verkörpert diese Baltimore Ravens besser als der Mann mit der #52, Linebacker Ray Lewis. Lewis, in den 90ern von der University of Miami („The U“) kommend gedraftet worden, passt wie die Faust aufs Auge auf beschriebene Attribute. Besser umgekehrt: Lewis dürfte der wichtigste Grund sein, dass wir heute über jene Attribute schreiben. Lewis war alles: Superbowl-MVP, Defensiv-MVP, Motivator, Mordverdächtiger. Es gibt kaum einen Spieler in der NFL-Geschichte, der enger mit dem Image seiner Mannschaft verknüpft ist als Ray Lewis.

Lewis wurde rein zufällig auch im ersten Jahr des Bestehens der Ravens gedraftet. Das war 1996. Und wie es zu einer zwielichtigen Stadt mit so eigenen Charakteren so passt, war die Teamgründung nicht ohne Kontroversen abgelaufen. Wir haben schon mehrmals abgehandelt, wie es genau ablief, deswegen nur noch die Kurzfassung.

Baltimore hatte in der Urzeit des Football mit seinen heiß geliebten Colts, Superbowlsieger 1970, und dem mystischen QB Johnny Unitas, ein gefürchtetes und landesweit bekanntes Team gehabt, das Mitte der 80er über Nacht an das seelenlose Indianapolis verloren wurde („Mayflower-Transit“). Trotz vieler Versprechen der NFL dauerte es über ein Jahrzehnt, bis die Schweinehaut nach Baltimore zurückkehrte.

Ende 1995 sorgte der Owner der Cleveland Browns, auch so ein geschichtsträchtiges Team, Art Modell, für einen Skandal, als er mitten in der Saison ankündigte, mit seiner Franchise nach Baltimore umzuziehen. Nach Protesten und Klagen musste Modell den Franchise-Namen „Browns“ in Cleveland lassen, durfte aber mitsamt der kompletten Angestelltenschaft schließlich übersiedeln.

Es entstand ein „neues“ Team, eine neue Franchise mit neuer Geschichte: Die Ravens, benannt nach einer poetischen Figur des Dichters Edgar Allen Poe, der in Baltimore begraben liegt („und es sprach der Rabe Nimmermehr“).

Die Ravens schienen die Pechmarie in Cleveland gelassen zu haben, und Modell beförderte schnell einen ehemaligen NFL-Profi, den schwarzen Ozzie Newsome, zum GM. Newsome machte sich einen Namen als exzellenter Draft-Stratege, und punktete gleich im besagten ersten Versuch (1996) doppelt, holte mit Lewis und OT Jonathan Ogden zwei fast sichere künftige Hall of Famer.

Nach wechselhaften Anfangsjahren verpflichtete Newsome im Jänner 1999 schließlich den Offensive Coordinator der rekordträchtigen Minnesota Vikings, Brian Billick, und weil man alles so schön planen kann, mutierten die Ravens fast über Nacht zur Defensivmaschine galore.

Die NFL-Saison 2000/01 hat bis heute und darüber hinaus etwas Freakiges, etwas, das es kaum jemals wieder geben wird. Der eine Satz wurde auf die Grausamste bestätigt: Defense wins Championships. An alle Pundits: Der Satz ist verbraucht. Er ist auf ewig reserviert für die Ravens 2000/01, die es tatsächlich schafften, nahezu ohne Offense die Superbowl zu gewinnen (bzw. mit nicht mehr als parasitärer, „effizienter“ Offense).

Über ein Monat Durchlavieren ohne Touchdown durch die Offense. 165 zugelassene Punkte in der kompletten Regular Season. Am Ende ein Kantersieg in einem Puntfestival (nicht Punktfestival), das sich selbst mit US-Hypemaschine nur schwer als „Superbowl 35“ verkaufen ließ. MVP wurde, natürlich, Ray Lewis, kein Jahr, nachdem er in einem bizarren Doppelmordfall nur wegen unsicherer Beweislage freigesprochen worden war.

So ging es unter Billick weiter, Herbst für Herbst. Spektakuläre Tackles, blaue Flecken, aber kein Quarterback und keine Offense. Man war gut genug, um mit 9-7 oder 10-6 in die Playoffs zu kommen, flog dort aber meistens schnell wieder raus. Bis Billick schließlich Anfang 2008 gefeuert wurde und durch John Harbaugh, ein unbeschriebenes Blatt aus den Tiefen des Trainerstabs der Philadelphia Eagles, ersetzt wurde.

Harbaugh griff gleich im ersten Draft, 2008, nach einem Quarterback, der einst in der Stadt des größten Rivalen, Pittsburgh, am College gescheitert war, und sich dann in der Niederungen der Div-IAA/FCS ein paar Meilen weiter nördlich in Delaware seine Sporen verdient hatte: Joe Flacco.

Flacco war nie der beständigste, aber mit ihm war die Offense gut genug, um die Ravens vom Level des reinen Wildcard-Teams zu einem alljährlichen Superbowl-Anwärter zu heben. Prachtstück blieb die Defense um ihre nichts anderes als fantastischen Einzelspieler: Lewis. DT Haloti Ngata. OLB Terrell Suggs. Und der allerbeste von allen, Free Safety Ed Reed, ein Freelancer, der die Anforderungen an seine Position neu schrieb.

Im Kern sind die Ravens 2012/13 noch immer defensivorientiert, aber dank Flacco gibt es einen zumindest akzeptablen Angriff, der die langsam zerbröckelnde Defense auffangen kann. Dort sind die Herren alt geworden. Mit Ray Lewis wird sich der erste am Sonntag verabschieden. Reed kokettierte auch schon des Öfteren mit der Footballrente.

Superbowl 47 könnte das letzte Halali der Baltimore Ravens, wie man sie kennen und fürchten gelernt hat, werden.

Glaskugel 2012: Baltimore Ravens

Die Baltimore Ravens sind ein überschätztes Team, das mindestens im letzten Jahr völlig über seine Verhältnisse gespielt hat. Joe Flacco kratzt nicht mal am Top-10-QB-Status. Offensive Coordinator ist ein älterer Brian Schottenheimer, der sich für das klügste Mastermind der Liga hält, aber oft einfach nur albernern Quatsch macht. Die Defense wird getragen von von einem 37 Jahre alten Linebacker, der schon lange seine physischen Verfallserscheinungen nicht mehr mit Feuer und Wille wettmachen kann. Der zweite Eckpfeiler, Safety Ed Reed, hat zum wiederholten Male ernsthaft überlegt zurückzutreten, weil seine Knochen nur noch eine Packung Cornflakes sind. Der wahre MVP und Defensive Player of the Year, Terrell Suggs, hat sich die Achillessehne gerissen und ist vielleicht 2013 wieder auf seinem alten Niveau. Einen erstklassigen WR kennt man in Baltimore nur aus dem Fernsehen. “Superstar” Michael Oher ist auch nur ein Fernseh- oder Kinostar. Ray Rice, der beste Angreifer, schert sich nur um seine Kohle und nicht um den um ihn herum verfallenden Haufen, in dem ein 200kg schwerer Rentner die Blind Side verteidigt. Schließlich ist auch noch der Defensive Coordinator abgehauen.

Damit geben wir nun ab zu Alters Ego, der sich mit tatsächlichen Ergebnissen und Zahlen beschäftigt. Die Ravens haben unter John Harbaugh, seit 2008, 44 Spiele in der Regular Season gewonnen; fünf Playoffsiege eingefahren, davon vier auswärts; und standen zwei Mal im AFC Championship Game. Alle Playoff-Teams, gegen die Baltimore letzte Saison gespielt hat, wurden geschlagen: 2x Steelers, 2x Texans, 2x Bengals plus die 49ers. Nur gegen die Patriots haben sie verloren, im Championship Game – aber auch das erst, nachdem sie den Game-Winning-TD eigentlich schon hatten und nachdem ihr Idiot Kicker ein 23-Yard-FG in die Rabatten gejagt hat.

Offense

Schedule

Wk1 v CIN (MNF)
Wk2 @ PHI
Wk3 v NE (SNF)
Wk4 v CLE (TNF)
Wk5 @ KC
Wk6 v DAL
Wk7 @ HOU
Wk8 BYE
Wk9 @ CLE
Wk10 v OAK
Wk11 @ PIT (SNF)
Wk12 @ SD
Wk13 v PIT
Wk14 @ WAS
Wk15 v DEN
Wk16 v NYG
Wk17 @ CIN

Alter guckt sich auf diesen Absatz Egos hin die Offense genauer an und meint, ich bleib dabei: überschätzt. Joe Flacco bringt nicht mal 58% seiner Pässe an den Mann, schafft keine 7 Yards/Paßversuch und sein QB-Rating ist auf Mark-Sanchez-Niveau. Und ja, Rumbling RB Ray Rice from Rutgers ist ein Guter, aber: 1364 Yards, von denen 400 (!) in zwei Spielen gegen Browns und Bengals kamen? 11 Spiele mit weniger als 90 Rushing Yards? In den Playoffs 42 Läufe für 127 Yards – 3,0 Yds/Carry?!? Und wer spielt da nochmal WR? Anquan Boldin, der in seinem Leben noch nicht einen wichtigen Ball festhalten konnte? Torrey Smith, der nichts kann außer gerdeauslaufen – und das auch nur, wenn niemand im Weg steht?

Das läßt Ego natürlich nicht auf sich sitzen und kontert: wir reden hier von dem Angriff, der als einziger mehr als 350 Yards Raumgewinn gegen die Steelers erzielt hat – und das zwei Mal! Die Ravens, die der guten Bengals-D in zwei Spielen mehr 700 abgetrotzt hat, den Browns 800. Die ach-so-starke AFC North mit sechs Siegen in sechs Spielen in Grund und Boden getrampelt hat?

Alter meint darauf trocken: ich meine die Ravens, die gegen Tennessee, San Diego, Seattle und Jacksonville verloren haben, die alle nicht in die Playoffs gekommen sind. Sieben Punkte gegen Jacksonville! Und gegen die Patriots im Championship Game war auch nur das Ergebnis knapp. New England hat Baltimore so sehr auf die leichte Schulter genommen, daß Julian Edelman im alles entscheidende Drive Anquan Boldin verteidigt hat! Daß sogar eine gute Aktion von Sterling Moore (wer?) gereicht hat, um den Touchdown zu verhindern.

Defense

Laß uns über die Defense reden, lenkt Ego ab. Neunmal 14 oder weniger Punkte zugelassen, nach Yards die Nr. 3 der Liga, nach Punkten die Nr. 3; verdammt nochmal: in drei Spielen weniger als 100 Passing-Yards zugelassen! Das ist ungesehen in der heutigen NFL! T-Sizzle, Ed Reed und Ray Lewis, dazu die starken junge CBs Ladarius Webb und Jimmy Smith. Durch gute Drafts kommen dazu noch viele junge Talente in der Front Seven: Pernell McPhee, Mount Cody, Sergio Kindle, Paul Kruger, Cortney Upsahw. Und ach ja, schon mal was von Haloti Ngata gehört? Das ich nicht ein hervorragender Kern einer Defense, sondern ein Fundament, auf dem ein Wolkenkratzer stehen könnte.

Daß zu kontern ist fast zu einfach, lächelt Alter. Ray Lewis spielt seit gefühlt 50 Jahren in der NFL, spätesten jetzt wird man ihm das auch ansehen. Suggs wird gar nicht spielen. Ed Reed wird wie immer die Hälfte der Saison verletzt sein, bei einer Verletzung vielleicht auch einfach hinwerfen, weil sein späteres Leben ihm viel mehr Wert ist, als eine NFL-Saison mehr oder weniger. Cody, Kindle, Upshaw, Kruger, McPhee: große Namen. Gute Presse. Sicherlich auch Talent, nur: gezeigt haben sie bis jetzt nichts besonderes. Beinahe jedes Team hat einige solcher talentierter Jungspunde, die nach Ansicht der eigenen Fans dieses Jahr ganz bestimmt voll durchstarten. LB und edge setter par excellence Jarret Johnson ist übrigens auch nicht mehr da.

Hinzu kommt noch die Sache mit dem Defensive Coordinator, setzt Alter gleich nach. Chuck Pagano war der letzte in einer langen Reihe von DCs, die das spezielle System der Ravens-D über viele Jahre als Assistant aufgesogen hat und fortführen konnte. Dean Pees ist ein gesichtsloser Handlanger, der ganz sicher nicht in einer Riege mit Marvin Lewis, Mike Nolan, Rex Ryan und eben Pagano stehen wird.

Egos Gesicht rötet sich. Nur weil Pees nicht bekannt ist, heißt das noch lange nicht, daß er nichts taugt. Er hat immerhin sechs Jahre lang für Bill Belichick gearbeitet. Und daß Baltimore ihn jetzt in eine Reihe mit Lewis, Nolan und Ryan stellt, spricht eindeutig für ihn. Und, lieber Alter, zu Ngata hast du vorsorglich auch kein Wort verloren. Denn auch Du weißt, daß dieser 150kg-Koloß, der beweglich und quick ist wie ein Linebacker, absolut einzigartig ist.Wie Darrelle Revis für die Jets oder Patrick Willis für die 49ers, so zählt auch Ngata eigentlich für zwei, so unfaßbar gut und so unglaublich viel besser als alle anderen auf seiner Position ist er.

Ausblick

Alter wirft dann schnell noch das nicht wiederholbare Turnover-Glück in den Raum, worauf Ego entgegnet, daß dann aber auch wirklich mal über die tollen Cornerbacks geredet werden müsse. Aber Alter und Ego müssen los – zum Taligaiting für das Hall of Fame Game (ja, das ist schon übermorgen!). Ihre Prognosen hört man noch, während sie verschwinden.

Ego ist überzeugt: Baltimore war nicht zufällig vier Jahre in Folge in den Playoffs. Baltimore hat auch in dieser Saison viel, viel individuelles Talent, starkes Coaching und durch die erstklassige Arbeit von GM Ozzie Newsome mehr Tiefe im Kader, als die meisten anderen Mannschaften. Playoffs sind locker drin und wenn Flacco noch ein kleines Schippchen draufpackt und Ray Rice einfach so weitermacht wie bisher, dann trifft der Kicker im nächsten Championship Game auch.

Alter wirft zum Abschluß die 2008er Tampa Bay Buccaneers in den Raum. Weißt Du noch, Ego, damals? Einige Besserwisser haben schon 2007 gesagt, daß die Bucs deutlich über ihre Verhältnissen spielen. Die Defense war von hervorragend auf gut abgerutscht, hatte aber komischerweise trotzdem noch sehr gute Statistiken. Der QB, Jeff Garcia, war damals nicht schlechter als heute Flacco. Der junge Head Coach hatte immer noch sein Wunderkind-Image. Und als Tampa 2008 neun der ersten 12 Spiele gewann, haben alle über die Besserwisser gelacht. Die restlichen vier Spiele gingen alle in die Hose und plötzlich wußten alle, daß ein Neuanfang nötig ist. Man kann seine Schwächen nicht für immer verstecken und wenn die Schwächen allzu deutlich werden, hat auch keiner mehr Angst vor ihnen. You can fool some people some time, but you can´t fool all the people all the time.

So gehen Alter und Ego von dannen und freuen sich beide auf das, was die Glaskugel dann schließlich im Herbst ausschütten wird.

NFL-Franchises im Kurzporträt, #2: Baltimore Ravens

Zweiter Teil der Vorstellungsreihe „NFL-Teams“ bei Sideline Reporter. Ich habe für die Präsentation der Baltimore Ravens einen eingefleischten Fan gewinnen können: Blogger huddle*, der seit seinem Auslandssemester vor einigen Jahren Anhänger von Ray Lewis und Kumpanen ist. Dankeschön!

* „Huddle“ scheint mittlerweile als „David52“ in unseren Breitengraden unterwegs zu sein und auf Football-Stammtisch zu bloggen.

Vorgeschichte

1995 entschied der Besitzer der Cleveland Browns, seine Franchise nach Baltimore im Bundesstaat Maryland (bei Washington DC) zu verfrachten. Das „neue“ Team sollte ursprünglich Baltimore Colts genannt werden. Doch weil es die Baltimore Colts, ein  Vorgänger-Team der Indianapolis Colts, bereits in den 1950er Jahren gegeben hatte, wollte man einen anderen Namen suchen. Fans und Einwohner Baltimores hatten wochenlang Zeit, Vorschläge für einen geeigneten Namen einzureichen. Letztendlich entschied man sich für den Namen Baltimore Ravens. „The Raven“ ist ein bedeutendes Werk des in Baltimore  gestorbenen Schriftstellers Edgar Allan Poe. Die Wahl des Namens spaltete Football-Fans in ganz Amerika in zwei Lager: jene, die den Namen aufgrund des unattraktiven Erscheinungsbilds eines Rabens unglücklich fanden und jene, die gerade das Unübliche an diesem Namen so schätzten.

Die Anfänge

In ihren ersten drei Saisons von 1996 bis 1998 spielten die Ravens unter Coach Ted Marchibroda eher schlecht als recht. 16 Siege, 31 Niederlagen und 1 Unentschieden war die ernüchternde Bilanz. Die Ravens spielten zu der Zeit eine Art Football, die wenig Begeisterung bei den Zuschauern auslöste. Mit einer ideenlosen Offense verließ man sich meist auf die relativ solide Defense und bewegte sich mit dieser Spielweise knapp oberhalb des NFL-Abgrunds.

Doch nicht alles war schlecht: Im Draft von 1996 sicherten sich die Ravens mit dem #26 Overall-Pick einen gewissen Ray Lewis, der Herz, Hirn, Milz, Niere, Leber, Magen, Darm und Seele der Ravens werden sollte. Aber dazu später mehr.

Der Beginn der Billick-Ära

1999 übernahm Brian Billick bei den Ravens. Und der neue Coach brachte ordentlich Schwung in den Laden. Er war verantwortlich für die Verpflichtung des zuvor bei den Rams spielenden Quarterbacks Tony Banks, der bei Baltimore gut mit Wide Receiver Qadry Ismail harmonierte und der Offense Frische verlieh. Die Ravens absolvierten ihre erste nicht negative Saison (8-8).

Year 2000

Es gibt wohl kein Jahr, welches die Baltimore Ravens besser beschreibt, als das Jahr 2000, auch wenn das Ende sicherlich ein bisschen zu viel Hollywood ist.

Vor der Saison drafteten die Ravens einen Raketen-RB mit Jamal Lewis, der im Jahr 2003 einer von bis zum damaligen Zeitpunkt fünf Running Backs werden sollte, der die 2000-yd-Marke innerhalb einer Saison geknackt haben. (CJ2K stolperte damals schließlich noch über High-School-Plätze.) In seiner Rookie-Saison kam Jamal Lewis auf eindrucksvolle 1364 Rushing Yards.

Wesentlich angsteinflößender für gegnerische Teams war jedoch die Ravens-Defense. Was Defensive Coordinator Marvin Lewis damals auf die Beine stellte, war wohl eine der stärksten Defensive Units, die je dieses Spiel gespielt haben. Die Ravens-D stellte einen NFL-Rekord auf, bezüglich zugelassener Punkte in der Regular Season. Mit 165 Punkten unterboten sie den bisher geltenden Rekord der 1986er Chicago Bears, die 186 Punkte zuließen.

Die Ravens begannen die Saison 5-1. Doch in den darauf folgenden fünf Spielen erlebte Baltimore eine Durststrecke und erzielte in keinem dieser fünf Spiele einen Offensive Touchdown (!). Noch beeindruckender ist jedoch, dass das Team trotzdem zwei dieser Spiele wegen überragender Leistungen der Defense gewann. Nach dieser Durststrecke übernahm Trent Dilfer als Quarterback und die Ravens gewannen jedes der verbleibenden sieben Spiele. Mit einem Record von 12-4 erreichte Baltimore erstmals die Playoffs. Im Wildcard-Game gegen die Denver Broncos gewannen die Ravens problemlos 21-3. Dann ging es zu den Tennessee Titans. Nach dem vierten Quarter stand es 10-10. Ein Interception-Return-TD von Ray Lewis entschied die Partie. Im AFC Championship Game gegen die Oakland Raiders war relativ früh klar, wer in den Super Bowl einziehen würde. Ein spektakulärer 96-Yard-TD-Catch von Shannon Sharpe, eine Verletzung von Raider-QB Rich Gannon sowie eine gewohnt eisenharte Ravens-Defense führten zu einem 16-3 Sieg.

Im Super Bowl waren die Ravens gegen die New York Giants krasser Außenseiter, gewannen aber 34-7. Kurios: In diesem Spiel entstanden innerhalb von drei direkt aufeinander folgenden Plays drei Touchdowns. Ravens-CB Duane Starks punktete mit einem Interception-Return-TD. Den darauf folgenden Kick brachte Giants-Returner Ron Dixon in die Endzone. Und gleiches gelang Ravens-Returner Jermaine Lewis beim anschließenden Kick der Giants.

Ray Lewis wurde zum Super-Bowl-MVP sowie zum Defensive Player of the Year ernannt und spielte mit seinen Teamkollegen Rod Woodson (SS) und Sam Adams (DT) im Pro Bowl.

2001-2007

In den Jahren nach dem Super-Bowl-Sieg blieb den Ravens die starke Defense zum größten Teil erhalten. Doch auch die eindimensionale Offense änderte sich nicht. Der 2003 gedraftete QB Kyle Boller hielt nie, was man sich von ihm versprach und so war es einzig RB Jamal Lewis, der Yardage produzierte, unterstützt vom überragenden LT Jonathan Ogden. Die Ravens wurden wie in den Jahren vor dem Super Bowl wieder Liga-Mittelmaß und retteten sich 2001 und 2003 dank ihrer guten Defense jeweils mit 10-6 ins Wild Card Game, wo sie kläglich scheiterten. 2006 spielte Baltimore dank QB Steve McNair eine solide Runde (13-3) und schied in einem denkwürdigen Playoff-Spiel aus. Das 6:15 bei den Indianapolis Colts war das bisher einzige Playoff-Spiel der NFL-Geschichte, in dem keine Touchdowns, sondern nur Field Goals erzielt wurden. Nach einer katastrophalen Saison 2007 (5-11) trennten sich die Ravens von Brian Billick.

Die neue Ära

2008: Das große Jahr der Veränderungen bei den Ravens. Brian Billick ging, Jamal Lewis ging, und einige Neue kamen. Hier die wichtigsten personellen Veränderungen: Headcoach John Harbaugh, Offensive Coordinator „Cam“ Cameron, Rookie-QB Joe Flacco, Rookie-RB Ray Rice.

Diese vier Personen haben großen Anteil an dem sich nach wie vor vollziehenden Veränderungs-Prozess der Ravens. Zwar zählt die Defense immer noch zu den stärksten der Liga. Doch in Baltimore hat man nun das Passspiel für sich entdeckt. Flacco warf in seiner ersten Saison für 3000 Yards sowie 14 TDs und brachte 60% seiner Pässe an den Mann. Die Ravens spielten eine starke Saison, und kamen mit ihren Rookie-Coach und QB bis ins AFC Championship Game und scheiterten dort mit 14-23 bei den Pittsburgh Steelers, was die ohnehin schon große Rivalität der beiden AFC North Division Rivals um ein vielfaches anheitzte. In der Saison 2009 zog Baltimore erneut in die Playoffs ein. Im Wild Card Game fegten die Ravens die New England Patriots aus dem Gillette Stadium. Nach dem ersten Quarter stand es bereits 24-0. Doch in der nächsten Runde scheiterte das Team von Harbaugh am späteren Super-Bowl-Teilnehmer Indianapolis. Ray Rice spielte in diesem Jahr überragend und produzierte mehr als 2000 Yards from Scrimmage. Mit seinen 700 Receiving Yards zeigte der kleine Wirbelwind, wie vielseitig er ist.

Die diesjährige Mannschaft

Head-Coach John Harbaugh: Er ist für mich der Jürgen Klopp der NFL: Jung, dynamisch und immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Er begeistert die Menschen in der sonst so unattraktiven Industriestadt Baltimore, die die vierthöchste Kriminalitätsrate unter amerikanischen Großstädten aufweist. Seit Harbaugh die Ravens trainiert, ist das 70.000 Menschen fassende M&T-Bank-Stadium stets ausverkauft.

Offensive-Coordinator Cam Cameron: Cameron ist ein absolutes Schlitzohr. Trick Plays sind bei ihm keine Seltenheit. Daher hat man als Ravens-Fan in den vergangenen Jahren oft Flea Flicker, Wild Cats und dergleichen gesehen.

Defense: Auch wenn die Defense sicherlich nicht mehr so dominant ist, wie sie es vor knapp zehn Jahren war, gehört sie immer noch zu den stärksten in der NFL. DE Haloti Ngata räumt alles aus dem Weg, was ihm in die Quere kommt. Mit CB Ladarius Webb hat Baltimore einen der am meisten unterschätzten Spieler der Liga. Safety Ed Reed liest das Spiel so gut wie kaum ein anderer auf seiner Position. Und neben der OLB-Maschine Terrell Suggs (dem am höchsten bezahlten Linebacker der NFL) gibt es da noch MLB Ray Lewis. Ray Lewis IST Baltimore und Baltimore ist Ray Lewis. Und jedes Mal, wenn Leute munkeln, Lewis könne jetzt langsam zu alt werden, bestätigt er durch Mega-Hits, dass er immer noch dazu gehören muss. Bei der Wahl der besten Spieler aller Zeiten von Experten auf NFL.com landete Lewis auf Platz 18. Legendär ist sein Einmarsch samt Tänzchen im heimischen Stadion.

Offense: Bis vor drei Jahren hätten hier nur zwei Wörter gestanden: „Jamal Lewis“. Doch die Zeiten sind vorbei. Neben den starken RBs Ray Rice und Willis McGahee sowie Pro-Bowl-FB LeRon McClain verfügen die Ravens über einen der besten WR-Corps der Liga. Anquan Boldin, Derrick Mason, TJ Houshmandzadeh, Donte Stallorth, TE Todd Heap und im Grunde auch Ray Rice – das kann sich sehen lassen. Ein solches Arsenal an Receivern ist ein Traum für jeden Quarterback. Und da wären wir auch schon beim Zünglein an der Waage. Bei den Ravens steht und fällt alles mit QB Joe Flacco. Nach seiner für Rookie-Verhältnisse fantastischen Premieren-Saison 2008 rechnete jeder in Baltimore damit, dass sich Flacco zu einem der absoluten Top-QBs der Liga entwickeln würde. Diese Entwicklung blieb bisher aus. Flacco spielt solide, mehr aber nicht. Noch zu oft fehlt ihm einfach das Auge für den offenen Receiver oder die Genauigkeit im Pass. Vielleicht braucht Flacco noch dieses eine Jahr, um sich an die neuen Receiver und die Rolle eines Quarterbacks zu gewöhnen in einem Team, das immer mehr auf den Pass setzt und dank einer eisenharten Defense in diesem und sicher auch im kommenden Jahr ein Kandidat für den ganz großen Wurf ist.

Das Stadion

M&T Bank Stadium

©Flattr/Iswicicki

Seit 1998 spielen die Ravens im M&T Bank Stadium, das für Footballspiele 71.000 Zuschauer fasst und im klassischen Outdoor-Stil gebaut wurde.

Eckdaten

Gegründet: 1996
Besitzer: Steve Bisciotti (Aerotek/Allegis)
Division: AFC North
Erfolge: Superbowl-Sieger 2000 und 2012, 9x Playoffs (14-7)