Cleveland Browns in der Sezierstunde

Die Cleveland Browns haben mehr oder weniger offiziell die Raiders als Komödiantenstadel Nummer 1 in der NFL abgelöst – Pate steht dafür der verrückte Start in die Offseason 2014, als man nacheinander Head Coach Rob Chudzinski nach nur einem Jahr feuerte, sich wochenlang auf der Suche nach einem Nachfolger nur Watschen holte, eine gefühlte C-Lösung präsentierte und schließlich die Bomben zündete in Form von Hausreinemachen mit Entlassung von CEO und General Manager. Zurück bleibt ein Club, bei dem man sich fragen muss, ob der Owner Jimmy Haslam – rein zufällig noch immer in FBI-Ermittlungen steckend – ihn überhaupt noch unter Kontrolle hat.

Es ist also viel passiert, und über die Hintergründe kann man weiter nur spekulieren. Als Positives bleibt festzuhalten: GM Michael Lombardi ist entsorgt. Lombardi ist zwar der Magier, der für RB Trent Richardson noch einen 1st-Rounder via Trade herausholen konnte, aber

a) war sein Vertragspartner Jim Irsay, und
b) irgendwas Positives bewirkt jeder.

Lombardi darf nun in New England wieder Praktikant Belichicks spielen und wird dort keinen weiteren Schaden anrichten. Als sein Nachfolger wurde das Eigenbauprodukt Ray Farmer installiert, ein Mann, von dem man sagt, er sei in der Trainersuche auf Weisung Lombardis überhaupt nicht involviert gewesen. Na denn. CEO Joe Banners Posten wurde erstmal nicht nachbesetzt.

Zum Schreien ist dabei tatsächlich: Die Browns haben einiges Potenzial im Kader, und der neue Headcoach, so unglücklich die Suche nach ihm verlief, ist durchaus ein spannender: Mike Pettine, ehemaliger Defensive Coordinator der Jets und Bills, einer, der schon bewies, dass ihm längerfristige Planung kein Fremdwort ist.

Und er ist mutig, holte sich den ligaweit verpönten OffCoord Kyle Shanahan in den Trainerstab, der nach dem Fiasko in Washington erstmal einigen verspielten Kredit wieder aufnehmen muss. Shanahans Ankunft wird vermutlich für die Browns auch die Umschulung auf eine zonen-basierte Offense bedeuten, die schon sein Vater in Denver kultivierte, und die er selbst schon in Houston kultivierte, und die beide gemeinsam in Washington… kultivierten kann man es vielleicht nicht nennen, aber damit kurzzeitig großen Erfolg hatten.

Pettine nahm einen Posten an, den sonst keiner wollte, denn wer will schon wie Vorgänger Chudzinski nach nur einem einzigen Jahr abgesägt werden? Noch dazu, wenn man Chudzinskis Rahmenbedingungen berücksichtigt – oder die Tatsache, dass die Cleveland Browns 2013/14 durchaus recht fetzige „Upside“ andeuteten: Mit .507 Sieg-Wahrscheinlichkeit gegen den Ligaschnitt war man #18 der NFL nach meinem Power-Ranking, und so ziemlich der klassische Mittelfeldläufer. Die Pythagoreische Erwartung, und überhaupt alle punktbasierten Rankings sehen Cleveland etwas schlechter als die reinen Effizienz-Stats Down für Down, aber no way, dass Cleveland im kommenden Herbst noch einmal bloß vier Siege holt.

Überblick 2013

Record         4-12
Enge Spiele    2-5
Pythagorean    5.4    26
Power Ranking  0.507  18
Pass-Offense   5.5    27
Pass-Defense   5.5     4
Turnovers       -8

Management

Salary Cap 2014.

Das heißt nicht, dass der Einstand der neuen Führungsriege besonders optimistisch stimmte: Cleveland hatte so ziemlich genau drei oder vier echte NFL-Spitzenspieler. Einen davon – S T.J. Ward – ließ man trotz vieler Millionen Cap-Space ziehen. Einen anderen – C Alex Mack – hielt man unnötig lange hin, vergrämte ihn mit einer „Transition-Tag“ Klausel, die zu seinem Abgang hätte führen können.

Es wurden aber auch gute Moves gemacht. QB Brandon Weeden, gescheiterter 2012er-Erstrundendraftpick, wurde nach Dallas ziehen gelassen und somit ein Neuaufbau auf der zentralen Footballposition schlechthin ermöglicht. Weedens Backup Brian Hoyer ist Stand heute die Nummer 1 im Kader, ein blasser Mann, der bisher in New England und Arizona nur als Karteikartenhalter in Erscheinung getreten war, aber letztes Jahr in seinen wenigen Einsätzen zwischen Weedens Demontage und Campbells Verletzung sehr, sehr brauchbar ausgesehen haben soll.

Da folgt die klassische Frage: Sollen wir ihm das abnehmen? Sind drei Wochen Brian Hoyer aussagekräftig genug um 28 Jahre Brian Hoyer vergessen zu machen? Sollen wir ihm eine Chance geben um drauf zu kommen, dass er Matt-Moore-like nach drei weiteren Spielen ausgeguckt ist oder kann er es wirklich packen?

Fakt ist: Cleveland hat mal wieder ernsthafte Fragezeichen auf Quarterback. Lösung a) ist Hoyer zu glauben und eventuell in einem Jahr sicher zu sein, keine Lösung oder die Lösung zu haben. Lösung b) ist, sofort einen neuen Quarterback zu draften. Von Manziel bis Carr geisterten denn auch schon alle möglichen Namen von bekannten Talenten aus dem Draft durch die Gazetten.

Wer auch immer neuer Quarterback wird: Er kann mit Material arbeiten. Bei den Wide Receivers hatte Josh Gordon seinen Durchbruch mit 1646yds aus nur 86 Catches. Von Gordon sind noch nicht alle überzeugt, dass er der neue beste Receiver der Liga ist, aber er sah auf alle Fälle phasenweise brillant aus. Gegen echt gute Manndeckung hat er noch Probleme, aber das haben viele andere auch.

Der groß gewachsene TE Jordan Cameron hat auch Potenzial zuhauf angedeutet, und die große Schwachstelle des Receiving-Corps hinter diesen Jungs wurde in der Offseason mit den Verpflichtungen von Andrew Hawkins aus Cincinnati und Nate Burleson aus Detroit angegangen – zwei wenig spektakuläre Neuzugänge, beide mit Verletzungssorgen, aber sie sind billig und sie bringen neben etwas Routine wohl auch die erhoffte kurzfristige Lösung für 2014 – eigentlich ideal, um noch einen jungen Wideout zu draften und den dieses Jahr einzulernen.

Bei den Runningbacks ist man schon qua Verkauf von Richardson besser aufgestellt als letzten Sommer, sagen die Spötter. Ganz so wird es nicht sein: Richardson war schon ein sehr spezielles Talent – aber einen 1st-Round Draftpick zu haben ist besser. Aus Houston wurde für relativ satte RB-Kohle (3.5 Mio/Jahr) Ben Tate eingekauft, der dort immer wieder kurz vor dem Durchbruch stand, ihn aber nie ganz schaffte. Tate gilt als kräftiger und explosiver Back, soll aber nicht rundum komplett sein, sprich Probleme haben, kurze Pässe aus dem Backfield heraus aufzunehmen. Tates Backups sind allesamt völlig unbeschriebene Blätter, bei denen man wohl auf den Shanahan’schen Effekt hofft.

Wo es nicht ganz übel hapern sollte: Offensive Line. Das Talent ist durchaus da. LT Thomas und C Mack gelten als möglicherweise beste Spieler ligaweit auf ihren Positionen, und beide sollten keine Probleme haben, die Umstellung auf die eher laterale Zonenoffense Shanahans haben. RT Schwartz gilt auch als aufstrebender Spieler, aber auf beiden Guard-Positionen könnte es noch Nachschub in Form von Draftpicks geben – hier ist Cleveland eher suboptimal besetzt.

Die Defense wurde zuletzt zwar ordentlich kritisiert, aber nach NY/A hatte sie eine Top-Passdefense: 5.5 NY/A, viertbester Wert der Liga. Das Personal ist gut für eine 3-4 Defense, die Pettine so liebt, aufgestellt, und mit DefCoord O’Neil holte sich Pettine auch einen alten Weggefährten in den Stab, der seine Denke teilt. Pettine ist bekannt dafür, dass er nicht häufig blitzt, sondern versucht, mit komplizierten „Zone-Wechseln“ zwischen den Outside Linebackers und Defensive Backs Druck auf das Offensive Backfield hinzukriegen. In New York bei den Jets sowie in Buffalo hatte er damit großen Erfolg.

Ganz vorne drin stehen mit den Tackle/Ends Rubin und Bryant sowie dem monströsen Nose Tackle Phil Taylor drei sehr potente, noch relativ junge Line-Spieler, die schon in den letzten Jahren gute Gegenwehr auch gegen bessere Offensive Lines leisteten. Sie sollten als Combo imstande sein, den Linebackers den Rücken frei zu halten, auch wenn sie in Sachen Tiefe Probleme bekommen könnten, wenn nicht noch der eine oder andere Rotationsspieler hinzugefügt wird.

Auf Linebacker ergänzte man den Oldie Karlos Dansby, der zuletzt einen eigenartigen Karriereverlauf hatte: In Arizona kurz nach dem Superbowl-Run 2008 entbehrlich geworden, ging Dansby nach Miami, wo er kurzzeitig mächtig aufgeigte, aber dann als zu alt abgeschrieben gefeuert wurde. Kehrte letztes Frühjahr für einen Minimalvertrag nach Arizona zurück und revitalisierte seine Karriere mit einer All-Pro würdigen Saison. Dansby ist 32 und folgte in dieser Offseason dem Ruf des Geldes, solange er noch konnte. Er unterschrieb für einen zweistelligen Millionenbetrag an Handgeld in Cleveland und ist als neuer Middle-Linebacker angedacht.

Dansby ersetzt den geschassten D’qwell Jackson, aber wer sein Nebenmann werden soll, ist nicht ganz klar: Es gibt kaum bekannte Alternativen. Ein Tank Carder, ehemals Abwehr-Hero bei TCU am College, gilt nicht als robust genug um als mehr als Ergänzungsspieler durchzugehen. Die meisten der weiteren Optionen sind eher Typus „Edge Rusher“ für die OLB-Positionen.

Zum Beispiel Paul Kruger, vor einem Jahr mit dem Nimbus des Superbowl-Champs für obszönes Geld aus Baltimore gelockt, und hernach klarerweise eine Ernüchterung. Oder Jabaal Sheard, der nach zwei sehr guten Einlernjahren schon eher als Wirbelwind an Passrush durchgeht; Sheard war nun zwei Jahre lang die beste Passrush-Waffe der Browns.

Das könnte sich ab heuer ändern, denn der 2013er-Draftpick, Barkevious Mingo, gilt als exzellentes Talent kurz vor seinem Durchbruch: Mingo hatte als Rookie seine Schwächephasen, sogar mehr Schwächephasen als gute Phasen, aber die Lichtblicke die er zeigte, sollen sehr hell gewesen sein. PFF.com charakterisiert den boom or bust-Spieler Mingo zudem schon als eine Art recht kompletter Edge-Spieler.

Wo es berechtigte Fragen gibt: Secondary. Dort wurde der Strong-Safety Ward durch den Hitter Whitner (oder Hitner) ersetzt. Es gibt wenige heftigere Downgrades als Whitner für Ward, wenn man solide Abwehrarbeit schätzt; Whitner steht für eine Handvoll Interceptions und zwei Handvoll blaue Flecken pro Jahr, wandelt aber stets am Rande eines aufgegebenen Big-Plays, weil er nicht flink genug ist um seine Rolle zur vollsten Zufriedenheit aller auszufüllen. Wenn Pettine denkt, er hat hier seinen neuen Super-Safety, könnte er sich getäuscht haben.

Auf Cornerback gibt es mit Joe Haden einen sehr guten Manndecker mit immensem Potenzial, aber Haden sah letztes Jahr manches Mal auch gegen mittelprächtige Receiver sehr, sehr durchschnittlich aus. Hadens bisherige Zeit in Cleveland verspricht allerdings Regression zur Mitte, sprich zur Mitte nach oben. Die restlichen Optionen im Backfield sind eher die Ergänzungsspieler, die du durchrotieren lässt – möglich, dass man bei vorhandenem CB-Talent im Draft nachbessert.

Ich sehe bei den Browns extrem viel schlummerndes Potenzial. Dieser Kader ist viel besser aufgestellt als es die vielen 4-12 und 5-11 Saisons der letzten Jahre befürchten lassen. Er ist halt bisher gescheitert, weil kein einziger der Quarterbacks sich als Glücksgriff erwies. Ob sich daran 2014 was ändern wird? Ob man überhaupt versuchen wird, den QB zu finden? Nix ist fix, aber Punkt ist auch, dass z.B. Seattle auch jahrelang wie eine unaufgeräumte Baustelle aussah, ehe mit Russell Wilson eher zufällig als geplant der QB-Superstar kam und plötzlich alles einen Sinn ergab.

Deswegen folgende Needs:

  1. Quarterback
  2. Defensive Backfield
  3. Inside Linebacker
  4. Offensive Guard
  5. Wide Receiver

Cleveland hat alle Optionen offen. Man hält zwei Picks in der ersten Runde (#4 und #26), man hält den Pick #35, dann zweimal dritte Runde und zweimal vierte Runde. Das ist mächtig Holz zum Abfackeln eines Feuerwerks – eine doch beachtliche Hinterlassenschaft eines ex-GMs wie Lombardi. Es ist noch etwas hin zum Draft, aber so wie es sich momentan zu entwickeln scheint, könnte es sogar sein, dass die Browns mit dem ersten Pick nichtmal einen Quarterback ziehen müssen, sondern eher eine Granate wie WR Watkins oder LB Mack in Angriff nehmen können. Quarterback für die späte erste oder frühe zweite Runde… oder, Cleveland? Oder hast du, Cleveland, noch die Gespenster von Brady Quinn (#22 Pick 2007) und Weeden (#22 Pick 2012) im Hinterkopf?

Free-Agency 2014, Stunde null

In 365 Tagen werden einige dieser Moves ganz schön mies aussehen. Trotzdem lohnt sich immer der Blick in die Hirnkästen der Funktionäre am ersten Tag der Free-Agency (Disclaimer: Stand des Artikels ist gestern Abend, 23h15 MEZ). Einer der auffälligsten Moves am ersten Tag des Transfermarkts 2014 war der Wechsel vom Left Tackle der Oakland Raiders, Jared Veldheer, zu den Arizona Cardinals. Der Move erstaunt aus mehreren Perspektiven:

  • Die Raiders: Ein Team mit unendlich viel Platz unter der Salary-Cap, aber GM McKenzie unternahm offenbar keinen ernsthaften Versuch, Veldheer zu halten.
  • Veldheer war einer der wenigen Spieler im Raiders-Kader, die eine akzeptable Kombination aus Alter (26 Lenze), Leistung (vor seiner Verletzung nur in 2% seiner Snaps mit einem QB-Pressure) und Reputation (Pro Bowler) boten.
  • Der Vertrag: Veldheer kostete die Cardinals „nur“ 35 Mio. Dollar für fünf Jahre (Handgeld ist mir nicht bekannt). Das ist bloß der 15t-teuerste Vertrag für Left-Tackles in der NFL nach der Metrik „Durchschnitt pro Jahr“ (APY) – kein perfektes Messmittel, aber nur um mal eine Hausnummer zu geben, kann man die schonmal verwenden.
  • Rodger Saffold: Kurz nach Veldheers Abgang gaben die Raiders bekannt, dass sie Rodger Saffold aus St Louis holen – einen Mann, der dort als Offense Tackle als gescheitert galt. Saffold wurde explizit als „Guard“ geholt, ist also nicht direkt als Veldheers Ersatz anzusehen, aber die Vertragskennzahlen sind doch erstaunlich: Saffold kriegt für fünf Jahre 42.5 Mio. Dollar, bei 21 Mio. Handgeld. Das ist der Vertragswert eines sehr guten Offense Tackles für einen unterdurchschnittlichen Offense Guard.

Crazy. Da lässt du einen offensichtlich sehr guten Mann ziehen und holst dir Minuten später einen offensichtlich riskanten Mann für sehr viel teureres Geld. Der Veldheer-Move ist aus Oakland-Sicht nicht so ganz nachvollziehbar.

Für den Spieler selbst dürfte es ein Upgrade sein: Er ist mit einem Mal in einer Mannschaft, die durchaus in Playoffnähe mitspielen dürfte – allerdings in einer hammerharten Division. Veldheer schließt aber in Arizona eine der eklatantesten Lücken über die letzten Jahre: Left-Tackle. Die Position, die die Cards so oft verbrannt hat. QB Carson Palmer, schon in Oakland Veldheers Teamkamerad, dürfte sich freuen wie ein Weinhamster.

Man denke da mal dran: Der letztes Jahr als Rookie gedraftete Jonathan Cooper und Veldheer dürften die Offense Line der Cardinals ab Sommer verstärken.

Eine andere Mannschaft bekam ihren Wunsch-Tackle für viel teureres Geld: Miami musste für die Dienste von LT Brandon Albert (kommt aus Kansas City) und seine fünf Jahre währende Unterschrift 46 Mio. Dollar und 25 Mio. Dollar Handgeld hinblättern. Albert dürfte sportlich in etwa in einer Kategorie mit Veldheer liegen – vielleicht einen Tick drunter – aber immerhin kriegt er jetzt den Arbeitsplatz, den ihm schon alle letztes Jahr prognostiziert hatten.

Und im Left-Tackle Zielschießen auch dabei: Eugene Monroe von Baltimore. Verlängert auch um fünf Jahre. Gesamtsumme: 37.5 Mio. Dollar.


Noch einmal Arizona Cardinals – Die Cards haben jedoch auch einen bekannten Abgang zu verkraften: LB Karlos Dansby ging nach Cleveland (4 Jahre, 24 Mio. Dollar/14 Mio. Handgeld). Dansby ist der Mann, der nicht mehr als jüngster Spieler unter der Sonne gilt, aber letztes Jahr eine echte Revitalisierung in Arizona erlebte. Dansby dürfte der direkte Nachfolger von D’Qwell Jackson in der Browns-Defense werden.

Jackson unterschrieb in Indianapolis für einen Vierjahresvertrag für 22 Millionen Dollar und 10.13 Mio. Handgeld. Das sind fast identische Zahlen für zwei Spieler, die nach allen erdenklichen Metriken leistungsmäßig eine Klasse auseinander liegen. Jacksons einziger Vorteil im „direkten Duell“ mit Dansby: Er ist zwei Jahre jünger.

Moral von der Geschicht: Die Colts haben ein Jahr „post Walden“ und nach dem mittleren Fiasko Trent Richardson noch nicht viel gelernt.


Darrelle Revis… als ich gestern schlafen ging, war Revis noch in Tampa unter Vertrag, aber er könnte durchaus mittlerweile schon gefeuert sein. Ich verstehe die Hintergründe und die Gedanken der Buccaneers: Revis passt als bester Manndecker unter der Sonne nicht wirklich in ein Abwehrschema, das zwar nicht ausschließlich, aber doch zu sehr großen Teilen, Zonendeckung spielt. Lovie Smith kommt aus diesem System, und er wird die meisten Ideen von dort einbauen. Was sich mir aber nur schwer erschließt: Ist ein System wirklich so unflexibel, dass man einen der drei, vier besten Abwehrspieler der Liga nicht integrieren kann?

Der andere Punkt: Revis kostet 16 Mio. gegen die Salary-Cap. Das ist fast Quarterback-Region für eine Position, auf der die nächst-teuersten Spieler – Leute wie CB Hall aus Cincinnati, CB Carr aus Dallas (!), CB Shields aus Green Bay (!!) oder CB Davis aus Indianapolis (!!!) – um die 9 bis 10 Mio./Jahr wert sind.

Revis ist damit 60% teurer als der nächstteuerste Cornerback. Das ist auch Wahnsinn, egal wie weit sich Revis vom Rest der Liga abhebt.

Auf der anderen Seite: Sind 16 Mio. für Revis so viel wahnsinniger als 10 Mio. für Davis oder Shields, die beide als relative Durchschnittsleute gelten? Oder ist es einfach diese Cornerback-mäßige „Ereigniskette“: Wenn ein Element bricht, ist die ganze Kette kaputt?

Cornerback ist im Gegensatz zu einem Passrusher ja viel mehr „Defense“, weil du nur relativ wenig „attackierst“, dafür umso mehr einfach nur abwehrst. Da ist es für Mannschaften u.U. ratsamer, vier durchschnittliche Spieler zu haben als einen Superstar, zwei okaye und eine Katastrophe. Ist das die Denke hinter 10 Mio. für Shields und Davis?


Ein möglicher Kandidat für die Dienste von Revis soll Cleveland sein. Ein Cornerback-Tandem mit Revis und dem aufstrebenden Joe Haden hätte Potenzial, der Legion-of-Boom in Seattle Konkurrenz zu machen. Die Historie zeigt allerdings: Trifft eine exzellente Offense auf eine Defense mit zwei exzellenten Cornerbacks, ist die Offense im Schnitt immer noch eher in der Lage, einen der beiden Cornerbacks auseinanderzunehmen.

Zumal die Browns sich auf der Safety-Position eklatant geschwächt haben: Von Ward (nach Denver) auf Donte Hitner – für mein Empfinden ein Downgrade wie von einem Reus auf einen Podolski, Weltklasse gegen eindimensionalen Durchschnitt mit Hau-Drauf-Mentalität.


Letzte Auffälligkeit: Atlanta Falcons. Die Moves der Falcons lassen darauf schließen, dass DefCoord Mike Nolan sich dort in Richtung 3-4 Defense bewegen möchte. Atlanta holte sich den massiv gebauten 150kg-Bolzen DE Tyson Jackson (5-technique) aus Kansas City. Jackson galt dort zwar als Bust, soll aber immerhin an Physis und Lauf-Defense zugelegt haben. Für eine derartig softe Abwehr-Front wie die von Atlanta dürfte Jacksons Physis ein Gewinn sein. Allerdings sind mir seine Vertragszahlen nicht bekannt.

Der andere DL-Move der Falcons ist Paul Soliai (5yrs, 33 Mio) aus Miami. Soliai wie Jackson gelten seit Jahren zumindest vom Körperbau als Prototypen für die 3-4 Abwehr. Was heißt das für die Gerüchte „Clowney nach Atlanta“?

Für die Schützengräben in der Offense tat Atlanta auch was: G Asamoah kommt aus Kansas City.


Und der Rausschmeißer: Jacksonvilles GM David Caldwell schaffte es, für Blaine Gabbert im Trade mit den 49ers einen 6th-Round Draftpick herauszuschlagen. Damit ist klar, wer eine Außenseiterchance zum NFL-Funktionär des Jahres hat.

Glaskugel 2012: Miami Dolphins

Manchmal ist man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Die umbrüchigen Miami Dolphins sind 2012 in der AFC East. Nicht gut. Für die Dolphins.

Sie sind in einer Division mit den Patriots, bei denen ob ihrer vergangenen Leistungen und ihres Talents tatsächlich mancherorts wieder von einer 16-0-Saison geredet wird. Sie sind in einer Division mit den Jets, die immer noch eine der besten Verteidigungsreihen der Liga haben und deren Angriff besser geworden sein sollte. Und sie sind in einer Division mit den Bills, die sich das erste Mal seit Äonen heftig in der Free Agency verstärkt haben. Nachdem sie letztes Jahr fünf der ersten sieben Spiele gewonnen haben und danach viel Verletzungspech hatten.

In dieser AFC East stehen nun die Dolphins mit einem durchaus talentierten Kader – aber einem neuen Coaching Staff, einem (oder auch zwei) neuen Quarterback und einigen Löchern im Kader. Dazu kommt auch noch heftige Konkurrenz um die Wild-Card-Plätze: Steelers/Ravens; Broncos/Chargers/Chiefs. Schade eigentlich, aber so kann man sich in Ruhe für 2013 aufstellen.

Offense

In der Offense wird alles überschattet vom Duell um den Job als Starting-QB. Wir haben dort: 1) Ryan Tannehill, Nr. 8 overall pick 2012. Rookie, zu hoch gedraftet, braucht noch viel Zeit. 2) Matt Moore. War letztes Jahr schon in Miami und hat dort, wie auch vorher in Carolina, als ins kalte Wasser geworfener Backup gezeigt, daß er gut ist. Nicht großartig, aber gut. 3) David Garrard. Der Mensch gewordene sprichwörtliche “Caretaker”, der auf jeden Fall mindestens zweitbester Backup-QB (nach Dallas´ Kyle Orten) der Liga ist. Auch als Starter macht er nicht viel kaputt, kann aber auch keine “Offense tragen”, wie man so sagt.

Schedule

Wk1 @ HOU
Wk2 v OAK
Wk3 v NYJ
Wk4 @ ARI
Wk5 @ CIn
Wk6 v StL
Wk7 BYE
Wk8 @ NYJ
Wk9 @ IND
Wk10 v TEN
Wk11 @ BUF (TNF)
Wk12 v SEA
Wk13 v NE
Wk14 @ SF
Wk15 v JAX
Wk16 v BUF
Wk17 @ NE

Wer den Ball nun ihn die Hand nehmen wird, entscheidet Head Coach Joe Philbin. Philbin hat sich einen Namen gemacht als Offensive Coordinator der Green Bay Packers um Aaron Rodgers. Seit 2007 hat er unter Head Coach Mike McCarthy erst Brett Favres (vorvorletztes) Halali und dann Rodgers´ Aufstieg nach ganz oben orchestriert. Wenn auch nicht als erste Geige, denn die spielte immer McCarthy.

OC unter Philbin in Miami ist nun Mike Sherman. Sherman war die letzten Jahre Head Coach der Texas A&M Aggies – mit dem QB Tannehill. Zu Anfang des Jahrtausends war Sherman HC der Packers. Dort hat er das von Mike Holmgren, Steve Mariucci und Jon Gruden und all den anderen alten Bill-Walsh-Schülern weit entwickeltes System der West Coast Offense weitergeführt.

Tannehill kennt dieses zwar auch aus seiner Zeit bei den Aggies unter Sherman, aber es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn Garrard mit all seiner Erfahrung nicht den Stammplatz in dieser auf schnelle Entscheidungen, timing patterns und accuracy auf kurzen Routen getrimmten Offense bekommen sollte.

Quarterback ist trotz dem Dreikampf auch gar nicht das Problem dieses Angriffs. Das sind die WRs. Chad Ochojohnson soll mit aller Macht seinen zweiten Frühling als Nr.1 WR haben, nicht weil er immer noch so gut ist, sondern weil sonst niemand da ist. An der anderen Seitenlinien spielt dann Brian Hartline oder Legedu Nanee oder Roberto Wallace oder wer sich sonst im Training Camp am wenigsten dämlich anstellt. Zumindest für den Slot hat man in Miami mit Davone Bess einen Mann, auf den man einigermaßen vertrauen kann.

Tight End spielt der alte mittelmäßige Recke Anthony Fasano oder vielleicht auch 1,95m-Rookie Michael Egnew. Beide sind nicht schlecht, aber vor allem nicht besonders gut.

Im Backfield haben die Dolphins den zweiten Frühling von Reggie Bush; die eventuelle Breakout-Season des ehemaligen 1st-rd pick Daniel Thomas und den heißen Rookie der University of Miami Lamar Miller. Alles nicht schlecht, aber eben: in dieser AFC East nicht gut genug.

Auch die Offensive Line ist ganz anständig. Für die Blind Side haben wir den Prototypen des Elite-Left Tackle in Jake Long. Als Center einen guten Mann mit Mike Pouncey. Als RT den ehemaligen Personenschützer Andrew Lucks. Und die Guards sind zumindest OK. Insgesamt wirklich gut – aber in dieser AFC East. Zu wenig. Es fehlt in der Offense der eine Mann, der alles auf ein anderes Level hebt. In der NFC West würde man damit richtig gut aussehen, aber eben nicht hier. Wrong time, wrong place.

Defense

Die Defense ist sogar noch besser. Cameron Wake ist einer der besten Pass Rusher der Liga. Karlos Dansby einer der besten ILBs. Mit Kevin Burnett und Koa Misi auch noch zwei weitere talentierte LBs, die wild darauf sind, sich zu beweisen.

Mit Sean Smith von Vontae Davis finden wir auch zwei gute Cornerbacks in der Tiefe. Und mit Paul Soilai einen wirklich guten NT; mit Randy Starks einen gute 34-DE; und mit dem 24jährigen Jared Odrick ein Riesentalt in der D-Line.

Letztes Jahr war das nicht zufällig eine Top-10-Defense. Leider ist Defensive Coordinator Mike Nolan (einer unserer Lieblinge) nicht mehr dabei und der neue DC Kevin Coyle, der keine Coordinator-Erfahrung hat, will den Laden von 3-4 auf 4-3 umkrempeln. Immer eine blöde Situation für kurzfristigen Erfolg.

Das sieht insgesamt auch in der Defense gut aus – aber eben nicht sehr gut. Systemwechsel, kein herausragender Safety, wer spielt Nickelback? Auch hier: Talent ist da, gute Leute sind da, aber es wird eben gerade umgebaut.

Ausblick

In einer schwächeren Division könnten die Miami Dolphins ein Breakout-Kandidat sein. Mit dieser Konkurrenz in der AFC East kann man sich aber ganz in Ruhe und ohne großen Druck umbauen. Allerdings sollten schon in dieser Saison erste Ergebnisse zu sehen sein, damit man voll motiviert und mit großen Erwartungen 2013 entegegenblicken kann. In der NFL dauert es nicht lange, bis das erste Stuhlbein des Cheftrainers angesägt wird und um den Stuhl einigermaßen kalt zu halten, sollten schon 6 Siege drin sein. Aber Wunder werden nicht erwartet.