Der längste Sonntagsvorschauer der Saison 2015/16

Im Power-Ranking unter der Woche schloss die AFC South mit einem durchschnittlichen Wert von knapp 35% WP auf neutralem Platz gegen eine neutrale Mannschaft ab. Das ist so bodenlos schlecht, dass es sogar die NFC West der Jahre 2008-2010 in den Schatten stellt.

Die Chance ist hoch, dass diese Division ein Team mit negativem Record in die Playoffs hieven wird. Die Colts sind mit 3-5 der überlegene Spitzenreiter (2-0 Division-Bilanz). Heute wartet für die Colts im Galopp Pony gegen Rennpferd der Denver Bronco und damitdie nächste Abreibung. Morgen wird der Divisions-Leader der AFC South eine .333 Bilanz haben.

Und trotzdem ist das System NFL richtig. Trotzdem gehört jeder Divisionssieger in die Playoffs. Mit der Aufteilung der Conferences in je vier (statt wie früher 3) Divisionen wurde die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die NFL alle paar Jahre eine Freak-Division stellt. Unter den gegebenen Voraussetzungen finde ich es auch die „logischste“ Entscheidung, jeden Divisionssieger zumindest ein Heimspiel absolvieren zu lassen.

Die NFL ist extrem erfolgreich. Die NFL ist gewissermaßen zutiefst „ungerecht„. Die NFL ist wahrscheinlich so erfolgreich, weil sie so absurd ungerecht ist. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans gelten seit einigen Jahren als gesichtsloseste Franchise ist in der NFL, was nicht zuletzt an der wenig greifbaren Ära von Mike Munchak („We are going to run to win“) und jahrelangem Herumkrebsen im Liga-Mittelmaß liegt. Unter dieser Prämisse war die 2-14 Debütsaison von Head Coach Ken Whisenhunt sogar sowas wie ein Erreger von Aufmerksamkeit, mehr als die letzten fünf Titans-Jahre zusammen. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans der letzten Jahre waren ein wenig inspirierender Laden. Immerhin wurden nach der letzten mittelmäßigen Saison 2013/14 mit 6-10 Bilanz die richtigen Schlüsse gezogen und die kurze Amtszeit von Head Coach Mike Munchak („Hartes Laufspiel gewinnt in der NFL!“) beendet. Der neue Headcoach ist Ken Whisenhunt, eine Personalie, die nicht alle überzeugt.

Whisenhunt scheidet die Geister, und das weniger aus persönlichen Gründen – er ist kein Unsympath – sondern mehr aufgrund seiner Coaching-Vita: Er feierte große Erfolge in verantwortungsvollen Positionen, gewann als OffCoord mit den Steelers die Superbowl, erreichte mit dem jahrzehntelangen Mauerblümchen Arizona als Headcoach die Superbowl, aber mindestens genauso im Gedächtnis geblieben sind seine letzten beiden sehr armen Jahre bei den Cardinals.

Dabei war es weniger das Problem, dass Whisenhunt nicht die richtigen Schlüsse gezogen hätte – er zog sie – sondern mehr eine Art Wahrnehmungsproblem. Whisenhunt schmiss nach dem Rücktritt seines Franchise-QBs Kurt Warner dessen hoch gedrafteten Zögling Matt Leinart raus – ein pragmatischer Move, nachdem der wurfschwache Partykönig Leinart schlicht nicht in Whisenhunts Offense-System gepasst hatte. Dass Whisenhunt dann aber so gar keinen Nachfolger aufbauen konnte, fiel in Arizona schließlich auf ihn zurück, und man fragte sich, was er als Head Coach so eigentlich drauf habe. Man erinnerte sich plötzlich dran, dass die Steelers die Superbowl vielleicht bloß wegen ihrer Monster-Defense gewonnen hatten, und die Cardinals sie nur gerade so als wenig überzeugendes 9-7 Team in einer absurd schwachen Division erreicht hatten.

So oder so: Whisenhunt, der Head Coach, muss einigen noch einiges beweisen. Das Bild, das alle von ihm haben, ist folgendes: Mit entsprechendem Franchise-QB kann er gewinnen, ohne ist er aufgeschmissen. Damit ist er wie so ziemlich jeder Head Coach außer den paar auserwählten Elite-Jungs wie Belichick oder Parcells.

Überblick 2013

Record         7-9
Enge Spiele    6-6
Pythagorean    7.5    18
Power Ranking  0.438  21
Pass-Offense   6.1    16
Pass-Defense   6.2    13
Turnovers    +/- 0

Management

Salary Cap 2014.

So ist die Quarterback-Situation bei den Titans auch angenehm spannungsgeladen vor dem Start von Whisenhunts Debütsaison: QB Jake Locker, ehemaliger Erstrundenpick in seine do or die Jahr, ist der Mann, auf den es zu bauen gilt. Locker passt zumindest stilistisch in das Idealbild Whisenhunts: Monster-Wurfarm für die vertikale Offense, verdammt gute Mobilität um dem Passrush auszuweichen, Typ Führungsspieler, der eine Mannschaft zu einen imstande ist. Aber auf der anderen Seite gibt es da die beiden abschreckenden Dinger, die dazu führen, dass seit Jahren alle den Abgesang auf Locker einstimmen:

  • Präzision einer Schrotflinte
  • Verletzungsanfälligkeit

Durch Lockers Karriere zieht sich wie ein roter Faden eine unterdurchschnittliche Completion-Rate, die auch letztes Jahr nur bei 60.7% lag. In seinem bisher besten NFL-Jahr, in dem Locker für mehrere Wochen so aussah als würde er den Durchbruch schaffen. Bis er sich mal wieder verletzte.

Fakt ist auch: Locker, so gut er teilweise wirklich aussah, brachte erneut nur 5.8 NY/A im Passspiel zustande. Seine Effizienz-Stats lasen sich quasi auf Augenhöhe mit seinem Backup Fitzpatrick, der ihn in der zweiten Saisonhälfte ersetzte. Locker ist ein uneingelöstes Versprechen, das noch Träume ermöglicht, aber es sind mittlerweile vage Träume. Packt er es heuer nicht, ist er raus in Tennessee.

Als Backup wurde nach der verblüffenden Entlassung von Fitzpatrick die graue Maus Charlie Whitehurst verpflichtet, ein Move, der viele erstaunte.

Womit man in Tennessee gewiss arbeiten kann: Skill-Players. Der überteuerte RB Chris Johnson wurde nach dem vierten enttäuschenden Jahr en suite zwar entlassen, wodurch eine Lücke entsteht, die man vermutlich in den mittleren Draft-Runden zu schließen versuchen wird. Ich erwarte noch eine Ergänzung zu RB Shonn Greene via Draft (mittlere Runden) und eine RB-Rotation für die kommende Saison. Das ist die billigste und effizienteste Methode, ein Backfield zu betreiben.

Sehr gut besetzt ist man für mein Empfinden bei den Ballempfängern.

Kendall Wright schaffte zuletzt den Durchbruch und ist als Allzweckwaffe für innen und außen vor allem für die kurzen Pässe mit vielen Yards-after-Catch zuständig (wird nur 18% tief angespielt, dafür aber 139 Anspiele). Nate Washington ist so ziemlich die Idealvorstellung eines stillen #2-Wideouts. Und dann hast du da noch Justin Hunter, zuletzt Rookie mit nur 42 Anspielen, aber Hunter hat durchaus das Potenzial, die Nummer 1 im neuen Titans-System zu geben. Hunter ist am ehesten in der Lage, eine Manndeckung zu schlagen.

Dazu wurde der vielseitige Dexter McCluster aus Kansas City ergänzt. McCluster schaffte ähnlich wie Locker nie seinen Durchbruch trotz vielversprechender Ansätze, aber er ist auch kein klassischer Wideout, sondern eher ein Geschwindigkeitswechsel für diverse Spezial-Plays aus dem Backfield heraus, oder in der Spielfeldmitte.

Nummer-1 Tight End ist der geschwindige Delanie Walker, der seinen Job ganz zufriedenstellend erledigt. Eigentlich muss man keine Upgrades mehr erwarten. Sollte Whisenhunt aber viel mit 3WR-Aufstellungen operieren, könnte durchaus noch ein Draftpick aus den mittleren Runden folgen. Whisenhunt präferiert dabei für gewöhnlich große, kräftig gebaute Spielertypen.

Die Offensive Line wurde schon in den letzten Jahren ordentlich aufgeplustert. Die linke Seite ist mit dem LT Michael Roos und dem teuren LG Andy Levitre hervorragend besetzt. Die Zweifel bestehen eher vom Center rechtswärts:

C Brian Schwenke galt in seinem Rookiejahr 2013 als überfordert. Der LG Chance Warmack, erst vor einem Jahr als dominantestes Rookie-Prospect seit Menschengedenken gefeiert, enttäuschte die Erwartungen zu seinem Einstand, galt als zu schwerfüßig und zu eindimensional (Power, Power, Power, aber keine Spielintelligenz) für die NFL. Und auf dem rechten Flügel wurde nach dem Rücktritt von RT Stewart der unisono verdammte RT Michael Oher aus Baltimore geholt. Oher genießt als einstiger Erstrundenpick mit spannender Lebensgeschichte hohe Bekanntheit in den Staaten, aber spielerisch galt er längst als Bremsklotzt – für alle außer für die Titans.

Zur Defense. Dort brachte Whisenhunt seinen ehemaligen Weggefährten aus Arizona, DefCoord Ray Horton, mit. Horton hatte dort eine fantastische, druckvolle Defense mit bärenstarken Effizienz-Stats spielen lassen, galt aber als menschlich fragwürdig und wurde daher letztlich ehrenlos ziehen gelassen. Horton gilt als Verfechter exotischer Aufstellungen, ließ in seiner Vita vieles von 3-4 bis 2-4-5 spielen, aber nur sehr wenig 4-3 Defense. Blöd, dass Tennessees Front vor allem für die 4-3 Defense zusammengestellt wurde.

Es gibt erste Aussagen („Wir werden nicht auf 3-4 umschwenken“), aber so recht sicher scheint man sich noch nicht, was man künftig unter Horton spielen will. Man ist noch in der Testphase. Richtig aktiv war man in der Free-Agency auch nicht, holte im Prinzip nur drei neue Spieler für die Front-Seven: DE/OLB Shaun Phillips und LB Woodyard aus Denver und DT Woods aus Pittsburgh. Alles keine Burner.

Alles, was nicht 4-3 Defense sein wird, dürfte künftig vor allem den beiden besten Passrushern der Titans weh tun: DE Derrick Morgan und DT Jurrell Casey. Die beiden bildeten ein Mega-Duo auf der rechten Seite Defense Line. Der Rest ist eher suspekt besetzt: DT Sammy Lee Hill zum Beispiel kann zwar alles spielen, war aber schon in Detroit nur Ergänzungsspieler und kein Mann für 1000 Snaps/Jahr. Ähnliches gilt für DE/OLB Wimbley: Immer wieder lichte Momente, aber nicht die Konstanz eines Stammspielers von Klasseformat.

Auf Linebacker gibt es mit dem Neuzugang Woodyards sowie den Versprechungen Zach Brown, Moise Fokou und Akeem Ayers mehrere Optionen. Keiner gilt als soweit, dass er eine Defense per sofort anführen kann, aber es sollte sich aus der Rotation doch ein Pärchen oder Triplett formen lassen, das Konstanz in den Laden bringt.

Die meisten Sorgen macht das Backfield, wo CB Alterraun Verner ziehen gelassen werden musste. Ohne die genaue Situation zu kennen: Tennessee versuchte nie ernsthaft, Verner zu halten. Verner unterschrieb dann aber einen monetär eher banalen Vertrag in Tampa – einen, den auch Tennessee hätte anbieten können. Tat man nicht, und vor allem deswegen ist Cornerback eine Position geworden, die händeringend und wenn möglich mit einem hohen Draftpick verstärkt werden sollte. Auf Safety wurde der QB-Killer Pollard gehalten, wodurch der große Umbruch erstmal um ein Jahr verschoben wurde.

Wo Tennessee noch Nachbesserungsbedarf sehen könnte:

  • Cornerback (dringend)
  • Defensive End/Edge Rusher (dringend)
  • Center (optional)
  • Linebacker (optional)
  • Wide Receiver (optional)

Right Tackle dürfte mit Oher abgehakt sein, wenn auch nicht zur Zufriedenheit aller. Dann verbleiben die Fragen, was Whisenhunt so reißen wird. Kann er Locker hinbiegen? Ein Locker, der es packt, würde die Titans im Alleingang zu einem Playoffanwärter in der AFC machen. Aber es gibt berechtigte und deutliche Signale, dass Locker den Schritt womöglich nie schaffen wird. Und dann die Defense: Sie wird keine Sollbruchstelle sein, aber wie und mit welchem System Horton das Maximum herauszuholen versuchen wird, bleibt etwas, auf das man schauen kann.

Trainerkarussell 2014: Ken Whisenhunt, Tennessee Titans

Lass uns mal den neuen Head Coach der Tennessee Titans unter die Lupe nehmen: Ken Whisenhunt.

Whisenhunt soll nach diversen Medienberichten auch ein Kandidat bei den Detroit Lions gewesen sein, weswegen ich ihn schon vor einigen Wochen genauer unter die Lupe genommen habe. Vom Gefühl her war „Whiz“ nicht mein Lieblingskandidat. Jetzt ist er bei den Titans untergekommen.

Whisenhunt ist extrem schwer in ein Schema zu pressen. Er war als Assistenzcoach, Coordinator und Alleinverantwortlicher enorm erfolgreich (brachte den Cardinals einen ewigen Underdog in die Superbowl), war aber auch verantwortlich für einen üblen Kollaps in Arizona. Aber der Reihe nach.

Whisenhunt war vor zehn Jahren Positionstrainer für Tight Ends in Pittsburgh, wurde 2004/05 zum Offensive Coordinator befördert (sein Vorgänger Mularkey hatte damals einen Cheftrainersessel in Buffalo bekommen). Whisenhunt war mit verantwortlich für die Entwicklung von Ben Roethlisberger. Er installierte ursprünglich die später gewohnte downfield-Offense der Steelers. Roethlisberger war schon als extrem junger Spieler sehr effizient: 7.4 NY/A und 7.8 NY/A in seinen ersten beiden Jahren in der NFL sind sensationelle Werte!

Pittsburghs Offense war damals nicht so passlastig wie in späteren Jahren gewohnt, ja sie war vielleicht sogar noch immer eine auf dem Laufspiel basierende Offense, aber es gebührt Whisenhunt großes Lob, dass er aus einem Rookie solch fassungslose Effizienz-Stats herauspressen konnte – und sei es „nur“ in einem Passspiel, das gelegentlich mit effizienten Plays den GamePlan unterstützte. Zum Vergleich: Ein Peyton Manning hat heuer auch 7.8 NY/A zustande gebracht. Zwar in viel mehr Passversuchen und als Hauptlast der Offense, aber es ist ja auch nur ein Zahlenvergleich.

Whisenhunt wurde 2007 Headcoach der Arizona Cardinals. Dort hatte er es mit einem QB-Jungspund zu tun, der erst ein Jahr zuvor vom Vorgänger-Regime gedraftet wurde, und der nicht in sein Konzept passte: Matt Leinart. Ein wurfschwacher Schönling, der keine Lust hatte seinen glamourösen Lebensstil aufzugeben. Whisenhunt hatte die Schneid, den QB-Oldie Kurt Warner Leinart vorzuziehen, und erreichte mit Warner 2008/09 die Superbowl. Arizona hatte damals kein überragendes Team, aber in einer schwachen NFC West reichte es zu mittelmäßigen Bilanzen, plus ein Ravens-artiger Playoff-Lauf. Aber nicht vergessen: Es war Arizona. Dort waren über etliche Jahrzehnte alle Coaches gescheitert, auch welche mit mehr und größeren Vorschusslorbeeren.

Warner trat nach der Saison 2009/10 zurück, und Arizona stürzte ab. Man macht heute viel davon an Whisenhunt fest. Aber eines muss man Whisenhunt lassen: Er hatte die Schneid, Leinart, den er als ungeeignet für seine Vorstellungen von Football erachtete, zu feuern. Nein, Whisenhunt bekam sein QB-Problem nach Warner nie gelöst. Aber was wären seine Optionen gewesen? 2010 gab es keinen würdigen QB im Draft (ok, Tebow…), 2011 war Newton schon vom Tablett, 2012… Russell Wilson hatte niemand viel zugetraut. Die richtigen Stars bekam Whisenhunt nie zu greifen.

Whisenhunt bekam aber mehr als die QBs nicht mehr in den Griff; es war auch die Offense Line. Die Cardinals ignorierten dieses Problem viele Jahre lang. Warner konnte es kaschieren. Durchschnitts-QBs wie Kolb, Skelton oder Hall sahen kein Land.

Whisenhunt ging nach San Diego und arbeitete dort an der Seite von Mike McCoy als OffCoord. Das Resultat ist verblüffend: Die Chargers-Offense ist ein Jahr, nachdem sie abgeschrieben war, wieder eine der drei besten der Liga. QB Philip Rivers sah aus wie in seinen besten Tagen. Ich meine: Der Vorgänger dort war in Norv Turner keiner, der nix von Offense versteht. Die Chargers-Offense ist mit das verblüffendste, das es dieses Jahr zu sehen gab.

Es gibt viele Anzeichen, dass Whisenhunt mit adäquatem Material viel herausholen kann. Er half Pittsburghs, genügend Offense zu kreieren, um die Superbowl zu gewinnen. Er brachte Arizona ins Endspiel. Er hatte 2011 eine mehr als konkurrenzfähige Cards-Truppe unter seinen Fittichen, die NFL-untaugliche Gurken auf QBs durchschleppen musste.

Damit ist das Urteil über ihn schnell geschrieben: Gib ihm einen adäquaten Quarterback, und er wird dich zu großem Ruhm führen. Ist es so einfach? Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist, dass Whisenhunt mit tauglichen QBs Großartiges erreicht hat. Fakt ist, dass Leute wie Kolb, Skelton, Leinart auch andernorts nix gerissen haben. Das einzige, das man ihm nachsagen könnte: Hat er zu stur an „seiner“ Offense festgehalten? Auf der anderen Seite: Alle Whisenhunt-Offenses haben als wichtiges Element ein tiefes Spiel zumindest in Spurenelementen. Leinart, Kolb oder Max Hall hatten bei weitem nicht den Wurfarm um die tiefen Bomben raketenscharf anzubringen.

Für vereinzelte tiefe Spielzüge an sich brauchst du keine Granate von Wurfarm. Aber sie hilft dir, und sie ist essenziell, wenn du ein vertikales Element als integralen Bestandteil zum Funktionieren deiner Offensiv-Ideen brauchst. Leute wie Leinart werfen zu langsame Bälle, zu hoch fliegende. Bogenlampen. Die werden dir abgefangen in der heutigen NFL. Du musst sie flach und scharf werfen. So wie QB Jake Locker in Tennessee. Locker hat einen extrem guten Wurfarm, dem allerdings die letzte Präzision abgeht. Locker galt zwei Jahre lang als stagnierendes Talent, bis er in der abgelaufenen Saison 2013 plötzlich einen großen Sprung nach vorn machte.


Whisenhunt gab in seiner ersten Pressekonferenz kein eindeutiges Statement pro Locker ab. Locker soll allerdings in der Titans-Organisation bei GM Ruston Webster ein gutes Standing genießen. Allerdings darf man auch festhalten, dass Whisenhunt im NFL-Draft 2011 als Cards-HC Locker mit den fünften Pick hätte ziehen können, aber die Cards zogen damals CB Patrick Peterson vor. Alles in allem wäre man aber schon überrascht, wenn Locker sofort abgesägt wird.

Whisenhunt will in Tennessee als Play-Caller in der Offense fungieren, was den neuen OffCoord Jason Michael, den er aus San Diego mitbrachte (Michael war dort TE-Coach), in realiter zu einer Art Assistenten für die OffCoord-Position verkommen lässt.

Für die Abwehr hat sich Whisenhunt den DefCoord der Cleveland Browns, Ray Horton, der schon sein DefCoord in Arizona war, geholt. Eine Wahl, die einiges verspricht. Horton hatte in Arizona eine der besten, meist unterschätzten Defenses unter seinen Fittichen. In Cleveland? Auch. Aber was erstaunte: Whisenhunt sprach in seiner ersten Pressekonferenz davon, auf keinen Fall eine 3-4, 2-gap Defense spielen zu wollen. Genau dafür aber steht und stand Horton schon immer. Vielleicht wird es eine lässige 2-4-5 Defense, die man der Cards-Defense von Horton unter der Hand auch schon nachsagte.

Wird auf alle Fälle eine interessante Zeit. Whisenhunt ist bekannt dafür, den „Steeler-Way“ zu gehen und nie allzu kurzfristig zu denken. Er möchte Stabilität und Kontinuität. Das hatten die Titans nun viele Jahre lang, erst unter Jeff Fisher und dann unter dessen Nachfolger Munchak, aber Whisenhunt ist der erste, der wirklich gewillt sein wird, eine echte Pass-Offense aufzuziehen.

Glaskugel 2013: San Diego Chargers

Nach sechs Jahren Norv Turner ging in San Diego eine Was-wäre-nur-gewesen-wenn-Ära zu Ende wie es nur wenige Was-wäre-nur-gewesen-wenn-Ären gegeben hat. In ehernem Gedenken daher mit einer etwas größeren Ausholbewegung der Griff zur Glaskugel 2013.

Die San Diego Chargers unter Norv Turner haben sich ausgezeichnet durch eine einzigartige Unbeständigkeit. Höhen und Tiefen sind bei jedem NFL-Team normal; hohe Kantersiege und überraschend hohe Schlappen gehören bei jedem Team dazu, einfach weil manchmal sehr wenige (big) plays wie Interceptions oder Special-Teams-Touchdowns schnell aus einem engen Spiel einen scheinbaren blowout machen.

Allein: bei den Chargers umschlich in den letzten Jahren selbst wohlgesonnen Beobachtern manchmal das Gefühl, sie litten unter gefährlichem Konzentrationsmangel infolge zuviel Sonne und einem Überangebot an hübschen Mädchen am Pazifikstrand.

2007 – 2009

Stats 2012

record: 7-9
no playoffs
Pythagorean: 8.0 (16)
DVOA O -10,1% (24)
DVOA D: 2,0% (18)
Sezierstunde korsakoff

Es fing 2007 unter Turner noch richtig stark an: nur die Patriots waren im AFC Championship Game besser. Eine Saison später rieb man sich das erste Mal verwundert die Augen, als Ende November 8 Niederlagen nur 4 Siege gegenüberstehen. Machte aber nix: kurz mal am Riemen gerissen und 160 Punkten in den letzten vier Spielen später war man selbst in den Playoffs und nebenbei Tampas Jon Gruden und Denvers Mike Shanahan in die Arbeitslosigkeit befördert. Mit högschter Konzentration wurden dann sogar Peyton Mannings Colts bezwungen, bevor nur der spätere Super-Bowl-Champion aus Pittsburgh die Sunnyboys in den Schatten stellte.

2009: wieder lausiger Start (2-3), dann aber 11 Siege in Folge mit phantastischer Offense. In den Playoffs folgte aber direkt eine Niederlage gegen die damals noch gefürchtete Rex-Ryan-/Mark-Sanchez-Combo. Es sollte ihr letztes Playoffspiel unter Turner sein

2010 – 2012

Im Jahr darauf stellen Turners Chargers Rekorde für die Ewigkeit auf: Offense und Defense sind nach Yards die besten der Liga – und man verpaßt die Playoffs; die Chargers setzten 74 verschieden Spieler ein; vier Punts werden geblockt und drei Kickoffs läßt man zu Touchdowns zurücktragen.

SD unter Turner

– 2007-2012
– nach erzielten Punkten
immer in den Top5 –
außer 2012 (20.)
– nur einmal negative
Saisonbilanz: 2012

In der Spielzeit 2011 startet San Diego überraschend konzentriert mit vier Siegen in den ersten fünf Spielen – dafür kommt der nächste Sieg dann erst wieder im Dezember, als mit einer 4-7-Bilanz kaum noch Chancen auf die Playoffs bestehen.

Die signature games der letzten Saison waren schließlich das erste Aufeinandertreffen mit den Broncos und das Spiel gegen den späteren Champion aus Baltimore. Gegen Mannings Broncos führt San Diego zur Halbzeit 24-0 – und verliert in der zweiten Hälfte bei sechs Drives fünf Mal den Ball und die Partie 24-35. Baltimore verwandelt kurz vor Schluß einen 4th&29 (in Worten vierter Versuch und neunundzwanwzig Yards zu gehen), rettet sich so in die Verlängerung und gewinnt letztendlich.

What a ride.

Der neue Head Coach Mike McCoy findet nun einen Kader vor, dem es auf wichtigen Positionen in der Offense an Tiefe fehlt; und auf wichtigen Positionen in der Defense an impact players.

Offense

Es ist nur schwer vorstellbar, daß der Angriff besser sein könnte, als letztes Jahr. So madig man auch Quarterback Philip Rivers ob seiner 35 Interceptions in den letzten beiden Jahren machen mag – er kannte Turners Offense aus dem Effeff, fühlte sich in ihr wohl und hatte einige ganz starke Jahre. Jetzt muß er sich in einem neuen System zurechtfinden.

McCoys QBs

2007 Vinny Testaverde
2008 Jake Delhomme
2009 Kyle Orton
2010 Kyle Orton
2011 Tim Tebow
2012 Peyton Manning

Wie das aussehen wird, ist schwer zu prognostizieren. Head Coach McCoy hat lange Jahre unter der Run-First-Old-School-Combo John Fox und Jeff Davidson in Carolina gelernt; dann mit Josh McDaniels aus Kyle Orton einen Quarterback gemacht, der jetzt $5 Millionen als backup verdient; nur kurze Zeit später einen Steinzeitangriff mit Tim Tebow auf die Beine gestellt; bevor Tebow von Peyton Manning ersetzt wurde und McCoy nur noch dessen Assistent war.

Als Offensive Coordinator hat sich McCoy Arizonas Ex-Head-Coach Ken Whisenhunt nach Kalifornien geholt. Die offensive Philosophie wird wohl, vage gesprochen, eher Richtung paßlastig gehen. Zumal das Laufspiel 2012 auch katastrophal war.

Laufspiel und Offensive Line

Der ehemalige 1st-rd pick Ryan Matthews kämpft konstant mit Verletzungs- und Fumblesorgen. Sein backup ist Ronnie “ich-bin-31-Jahre-alt-und-immer-noch-NFL-Running-Back” Brown. Immerhin haben die Chargers jetzt, Jahre zu spät, endlich einen Ersatz für Darren Sproles gefunden. Mit Danny Woodhead kommt aus New England einen quicker space player, der, vielseitig einsetzbar, ein hervorragender 3rd-down-back ist.

Das größte Problem für das Laufspiel war aber die Offensive Line. Hier hat vor allem die Tiefe gefehlt. Die vielen Verletzungen sind natürlich einfach nur großes Pech, aber die backups waren dermaßen unterirdisch, daß Rivers und Matthews wohl keine Krankenversicherung gefunden hätten, die sich dieses Risiko antäte. Aber wenn ein völligst überforderter ungedrafteter Rookie wie Mike Harris der Ersatz des Lazaret-Dauergastes Jared Gaither ist, hat der GM etwas falsch gemacht.

Wie sehr der gesamten Offensive Line Tiefe fehlt, erkennt man daran, daß der nach der Saison 2012 gefeuerte GM A.J. Smith seit 2007 keinen 1st- oder 2nd-rd pick in einen Linienspieler investiert hat und nur einen 3-rd- und einen 4th-rd pick. Diese beiden sind jetzt auch noch weg. Bei Ty Green ist das nicht weiter tragisch, aber Louis Vasquez ist ein Verlust. Auf den Guard-Positionen tummeln sich nur no-Names.

Der diesjährige 1st-rounder wurde in Alabamas Offensive Tackle D.J. Fluker investiert. Er sollte sofort starten, sind doch seine Konkurrenten die unauffälig Handelsreisenden Max Starks (ehemals Pittsburgh) und der riesige, aber recht hüftsteife King Dunlap. Wenn fit, sollten man aus diesen Dreien ein halbwegs taugliches Tackle-Duo machen können. Allerdings sind Dunlap und Starks arbeitslos geworden, weil sie eher selten voll fit waren.

Wide Receivers und Rivers

Einige wahre Juwelen hingegen könnten bei den WRs zu finden sein. Nach vielen Verletzungen hat Danario Alexander ab November auf sich aufmerksam gemacht. Er ist groß und kräftig und hat seine Stärken after the catch. Daneben sorgt Vincent Brown für allerhand vorzeitige Aufregung. Ihm wird enormes Talent nachgesagt; die letzte Saison hat er wegen eines gebrochenen Knöchels gefehlt. Da wird sich Veteran Malcolm Floyd strecken müssen, seinen Stammplatz zu behalten.

Mit dem neuen System von McCoy und Whisenhunt sollte auch Eddie Royal seine Stärken im Slot ausspielen können. Es soll wohl mehr auf kurze, schnelle Pässen gesetzt werden. Richtig groß raus kommen könnte Royal, wenn Tight End Antonio Gates noch eine starke Saison im Tank hätte. Mit zunehmendem Alter (33) und immer mehr Wehwechen ist er nurmehr ein Schatten seiner selbst. 2-Meter-Mann Ladarius Green als Paßfänger und Neuzugang John Philipps als Blocker sollen sich daneben gegenseitig und auch Gates die Snaps streitig machen.

Bleibt noch Quarterback Philip Rivers. Rivers, der den Football wirft wie ein betrunkener Kugelstoßer, war bis mindestens Anfang Saison 2011 unbestritten ein Top-10 Quarterback. Nach 20 INTs 2011 und nichtmal 4000 Yards 2012 ist angeblich nicht einmal ausgeschlossen, daß die Chargers in der nächsten Draft einen neuen QB suchen. Das Talent hat Rivers zweifellos, aber am jetzigen Scheideweg seiner Karriere muß er richtig abbiegen.

Defense

Was Smith bei der Offensive Line falsch gemacht hat, hat er auf der anderen Seite goldrichtig gemacht. Mit Kendall Ryes, Core Liuget (34-DEs) und Cam Thomas (NT) versammelt sich hier eine ganz starke und junge Linie. Wenn Melvin Ingram sich nicht im Frühling das Kreuzband gerissen hätte, wär sogar noch ein passabler pass rusher mit an Board.

Dahinter spielen zwei ebenso junge und talentierte ILB: Donald Butler und Manti Te´o. Bei den OLB finden man dann die ersten Vertreter der Generation Ü25. Dwight Freeney und Jarret Johnson haben als einzige ernsthafte Konkurrenz Denvers ehemaligen 1st-rd bust Larry English im Nacken. Hier ist die Besetzung deutlich zu dünn. Reyes und Liuget sind zwar auch gute pass rusher; aber einen richtigen edge rusher braucht es schon. Das war aber Johnson noch nie und Freeney nicht mehr.

Die Secondary

Schedule

WK1 vs HOU (MNF)
Wk2 @ PHI
Wk3 @ TEN
Wk4 vs DAL
Wk5 @ OAK
Wk6 vs IND (MNF)
Wk7 @ JAX
Wk8 BYE
Wk9 @ WAS
Wk10 vs DEN
Wk11 @ MIA
Wk12 @ KC
Wk13 vs CIN
Wk14 vs NYG
Wk15 @ DEN (TNF)
Wk16 vs OAK
Wk17 vs KC

Eric Weddle, der auch erst 28 ist, führt die Secondary an und wird gemeinhin als bester Free Safety der Liga gepriesen. Neben ihm wird es dann richtig jung. Sophmore Brandon Taylor (3rd-rd pick 2012) wird wahrscheinlich den anderen Safety geben.

Marcus Gilchrist (2nd-rd pick 2011), der im Slot ganz anständig aussah, wird nach den Abgängen der beiden langjährigen Starter an den Seitenlinien Quentin Jammer und Antoine Cason der Nr.1 corner sein. Auf der anderen Seite wird wahrscheinlich der lange Derek Cox spielen, der immerhin vier Jahre Stammspieler war – wenn auch nur in Jacksonville. Um den Platz im Slot streiten sich Shareece Wright (3rd-rd pick 2011) und Johnny Patrick, der ebenfalls 2011 in der dritten Runde gedraftet wurde, aber schon nach zwei Jahren in New Orleans´ secondary keine Zukunft mehr hatte.

San Diegos Defense hat also vor allem viel junges Blut. Wenn ILB Donald Butler, der sehr gute Ansätze gezeigt hat, einen weiteren Schritt nach vorne machen kann und/oder Te´o einschlägt, sind in allen drei levels difference makers am Start. Da John Pagano als Defensive Coordinator gehalten wurde, muß kein neues System einstudiert werden, was der Verteidigung zu Gute kommen sollte.

Ausblick

Den personellen Umbruch, der in den letzten Jahren so mustergültig auf der defensive Seite eingeleitet wurde, hat man auf der anderen Seite leider verschlafen. Sollten die WRs Brown und Alexander richtig steil aus der Kurve kommen, Rivers sich gut zurecht finden in dem neuen System und die Offensive-Tackle-Position nach der katastrophalen letzten Saison stabilisiert werden können, kann der Angriff ganz gut werden.

Und wenn die neuen Cornerbacks nicht baden gehen und Pagano irgendwie auch noch einen vernünftigen Pass Rush herzaubert, sieht auch die Defense gut aus. Einige Wenns sind also dabei. Laufen zwei, drei dieser Wenns falsch, ist das ein 5-11-Team. Andernfalls können die Chargers bis zum Schluß um die Playoffs mitspielen, zumal in einer Division mit Kansas City und Oakland.

NFL Woche 11 – Notizblock Cardinals @ Falcons

Die Arizona Cardinals (4-5) haben am Sonntag nachmittag versucht, ihre Saison zu retten. Nach fünf Niederlagen in Folge besuchten sie die Atlanta Falcons (8-1) im Georgia Dome, die einen Sonntag zuvor ihr erstes Saisonspiel verloren haben. Spiele der Cardinals sind immer spannend. Die Defense ist aufregend gut, die Offense aufregend schlecht und die Spiele am Ende immer knapp. Wie es vorgestern lief, nach dem Klick.

Arizonas Defense hat ohne ihren besten Mann, DE/DT Calais Campbell gespielt und war trotzdem spektakulär gut. Am Ende hatte Atlantas Angriff 14 (!) Drives und produzierte gerade mal einen Touchdown und drei Field Goals. Dagegen standen sechs (!) Ballverluste, 5 Interceptions von Matt Ryan und ein Fumble von RB Jason Snelling. Den Unterschied im Score (23-19 Atlanta) hat ein Touchdown von DT Jonathan Babineaux nach einem Fumble Return gemacht.

Stats & more

Gamebook

Den Fumble hat QB Ryan Lindley nach einem Sack von John Abraham verloren. Ja, 6th-rd Rookie Ryan Lindley von San Diego State hat Quarterback gespielt. Head Coach Ken Whisenhunt hatte nämlich schon im ersten Viertel von John Skelton die Nase gestrichen voll (Kevin Kolb ist noch/wieder verletzt). Nach Ryans dritter Interception im 1st Quarter (!) waren die Cardinals das einzige Mal seit dem TD im Opening Drive (den RB LaRod Stephens-Howling ganz alleine bestritten hat) in der Nähe der Endzone, dort war Larry Fitzgerald mutterseelenallein und Skelton hat es geschafft, drei Meilen an ihm vorbei zu werfen.

Offensive Tackles haben wieder zwei Rookies gespielt; Bobby Massie rechts und Nate Potter jetzt das zweite Spiel in Folge links. Potter, 7th-rd pick, hat D´Anthony Battiste verdrängt. Der ehemalige Boise State Bronco hat einen unglaublich großen Körper, ist aber leider beweglich wie ein Kühlschrank. Aber hey: er ist tatsächlich besser als Battiste. Oder besser: er ist ein kleines bißchen weniger furchtbar.

Im Spiel, das Arizonas letzte Chance auf die Playoffs retten sollte, haben also auf der QB-Position und den beiden Tackle-Positionen drei Rookies aus der 6ten, der 4ten und der 7ten Runde gespielt. Wieso wurde der GM noch nicht gefeuert?!?

Natürlich war das Paßspiel spektakulär katastrophal. Auf dem Spielberichtsbogen standen nach vier Vierteln 41 Netto-Yards. 41! Der einzige Lichtblick in Arizonas „Offense“ war RB Stephens-Howling. Schon in der ersten Hälfte hatte er mehr als 100 Rushing Yards auf dem Tacho. Als Atlantas D in der zweiten Halbzeit nur noch ihn und sonst niemanden verteidigt hat, war alles aus. Die schockierendste Statistik ist vielleicht diese: fünf Drives begann Arizona in Atlantas Hälfte und das Ergebnis waren null First Downs und zwei Field Goals. Oder diese: sieben First Downs im gesamten Spiel. Diese Saison können die Cards abhaken.

Das ist besonders bitter, weil die Verteidigung so beeindruckend stark ist. Mit Campbell und ILB Daryl Washington haben sie zwei der besten 10 Verteidiger der Liga in ihren Reihen. Mit Patrick Peterson einen der besseren, an manchen Tagen sogar einen der besten Cornerbacks. Mit Sam Acho und O´Brien Schofield haben sie auch zwei junge sehr passable Pass Rusher auf den Außen (Schofield ist zur Zeit verletzt). Atlantas Offensive hatte aber auch gegen die Linie ohne Campbell riesige Schwierigkeiten. Darnell Dockett hat den Chef gegeben; daneben stach besonders sophmore David Carter heraus. Aber auch Dan Williams, Nick Eason und Opa Vonnie Holliday haben mit aller Macht versucht, Arizonas Chancen auf die Playoffs zu wahren. Am Boden hielten sie die Falcons bei 58 Yards aus 24 Läufen.

Atlantas Defense hatte nicht viel zu tun. Arizona war so schlecht, daß man gar nicht weiß, ob 178 Yards und 2 von 16 verwandelten 3rd Downs jetzt eine besonders gute Leistung war. Weil aber die Defense die Punkte gemacht hat, die am Ende für den Unterschied sorgten, sagen wir einfach mal: ja!

Atlantas Offense hat sich so durchgewurschtelt. Wie gesagt: mit 16 Punkten aus 14 Drives gewinnt man normalerweise kein Spiele. Mit sechs Ballverlusten schon mal gar nicht. So aber hat sich QB Ryan eines der schlechtesten Spiele seiner Karriere für genau den richtigen Gegner aufgehoben. Ein, zwei Interceptions waren auch ein wenig unglücklich, weil komisch abgefälscht. Aber die anderen waren einfach ungenau oder Folgen schlechter Entscheidungen. Jetzt kann sich Atlanta in Ruhe auf die Playoffs vorbereiten und bitte endlich mal an short yardage situations arbeiten.

Arizona Cardinals in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#5 CB Patrick Peterson (Lousiana State)     
#38 RB Ryan Williams (Virginia Tech)
#69 TE Rob Housler (Florida Atlantic)
#103 DE Sam Acho (Texas)
#136 FB Anthony Sherman (Connecticut)
#171 LB Quan Sturdivant (UNC)
#184 DT David Carter (UCLA)
#249 WR DeMarco Sampson (San Diego State)

Ein recht wüster Draft der Arizona Cardinals ohne erkennbare Prioritätsverortung, dafür mehr „von allem ein bisserl“. CB Patrick Peterson fiel Arizona geradezu an #5 in den Schoß und dürfte Brechreiz bekommen haben, in der Wüste von Arizona dem Vergammeln entgegenzuschauen. Dabei schaut die Secondary der Cards nun auf den ersten Blick gar nicht so übel aus: Peterson/Rod-Cromartie als Corners, Wilson/Rhodes als Safetys.

Rodgers-Cromartie hatte ein allgemein anerkannt unterirdisches Jahr, war aber auch der einzige brauchbare CB und Rhodes soll fürchterlich gegen das Laufspiel verteidigen. Von daher macht der Peterson-Pick sehr viel Sinn: Könnte ein immens wichtiger Baustein des defensiven Rückgrats werden.

Danach wird es wüst: An #38 wurde RB Ryan Williams geholt. Das Eingeständnis, dass Beanie Wells nicht der every down back ist (harhar, Wells ist ehemaliger Buckeye). Aber: Dann hole ich mir einen Spieler, der vom Profil her fast ident ist (=Sekundengenie, aber kein Arbeitstier)? Für mich ein idiotischer Pick. Ähnlich TE Bob Housler, ein Athlet vor dem Herrn, aber sehr ungeschliffen und butterfingrig. Arizona hat schlimmste Probleme im Blockspiel, aber Housler ist mehr der Typ Gates denn der Typ Witten. Wenigstens FB Sherman sollte in dieser Hinsicht hilfreich sein.

Die Defense Line kriegt DE Acho und DT Carter zwei Perspektivspieler als Zuwachs. Beide werden den Konkurrenzkampf anheizen und ich bin nicht sicher, ob von den fuffzich D-Linern in Glendale alle ihren Kaderplatz behalten dürfen. Der bestaussehende der späten Picks ist UNCs Quan Sturdivant. Sofern Ken Whisenhunt den Mann halbwegs auf dem Boden halten kann, dürften die Linebackers eine Verstärkung erhalten haben.

Summa summarum

So sehr die Idee mit Patrick Peterson gefällt: Was danach kam, spaziert eher planlos daher. Der Williams-Pick ist zum Augenreiben und warum weder Offensive Line, noch Pass Rush mit Vehemenz angegangen wurden, ist schwer verdaulich.

Zu tun bleibt einiges: Ein Quarterback muss via Free Agency gefunden werden. Die Tendenz soll in Richtung Marc Bulger gehen. Wäre IMHO eine schlechte Entscheidung, denn Bulger ist ein Mann, der wie kein zweiter dafür steht, „die Umstände müssen stimmen“, sprich: Top-Blocking, Top-Receiver. Ich halte einen Donovan McNabb für eine potenziell sehr kluge Wahl in Arizona. Das würde auch den Draft nachträglich noch aufwerten.

Arizona Cardinals in der Sezierstunde

Ken Whisenhunt Head Coach Arizona Cardinals

Ken we reclaim NFC West reign?

Jahr eins nach Kurt Warner – und was macht Head Coach Ken Whisenhunt? Er feuert den teuren Warner-Backup Matt Leinart! Arizona ging mit Unheil versprechendem QB-Trio in die Saison. Dementsprechend fatal verlief dann auch der Herbst. Am Ende nur fünf Saisonsiege für die Cardinals, zwei Jahre nach dem Superbowl-Einzug.

Ken we get it done without Matt Leinart?

Antwort: Nope. Was Whisenhunts Entscheidung nicht automatisch falsch macht. Leinart stand bei mir sowieso im Ruf, ein blasser Quarterback ohne Esprit zu sein – ganz im Gegensatz zu seinem glamourösen Lebensstil nebenher.

Was Whisentungs Entscheidung aber schlecht ausschauen lässt: Arizonas restliche Quarterbacks lieferten dann aber eher bescheidene Vorstellungen ab. Um es vorsichtig auszudrücken.

Completion Rate 50,8%, 10TDs, 19INTs, QB-Rating 60.5, nach DVOA #32 der Liga

Dafür darf man ruhig die Vokabel “entsetzlich” benutzen, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass a) Whisenhunts Offense auf Pass-Spiel basiert und Laufspiel nur als Ablenkungsmanöver einsetzt und b) mit WR Larry Fitzgerald einer der bestmöglichen Receiver im Lineup steht.

Fitzgeralds Saisonbilanz (90 Catches, 1137yds, 6 TD) darf man daher ruhig als “sensationell” einstufen, obwohl Fitzgerald von 174 Würfen in seine Richtung nur knappe 90 gefangen hat. Zu Fitzgeralds Entschuldigung: Viele Würfe waren einfach schlecht und uncatchable. Punkt.

Ken, do last year’s moves look smart?

Für Warners Abgang konnte niemand nix. Leinart hat sich als Flop erwiesen. Arizona musste noch weitere Hochkaräter ziehen lassen. Den egomanischen WR Anquan Boldin zum Beispiel. Oder Linebacker Karlos Dansby. Oder den leicht überschäzten Safety Antrel Rolle.

Whisenhunts Einkäufe haben eher gefloppt. OLB Joey Porter gilt als massive Enttäuschung, FS Kerry Rhodes wurde häufig mangelnde Einstellung vorgeworfen und der 1st round DT Dan Williams war dann auch nicht so berauschend. Die beiden Rookie-QBs Max Hall und John Skelton hatten keine Pass Protection und sind daher entschuldigt. QB Derek Anderson gilt als mittelmäßig.

Ken we get a Quarterback?

Keine Frage: Whisenhunt muss einen Quarterback holen. Anderson ist mal wieder beim Publikum unten durch, die beiden jungen Hall & Skelton werden hinter dieser Offensive Line verbrannt. Die spannende Entscheidung ist: QB via Draft oder QB via Free Agency?

Die Tendenz geht in Richtung „Free Agency“. Whisenhunt riskiert mit einer weiteren schlechten Saison seine Entlassung, von daher riecht es eher für sie „sichere“ Lösung eines erfahrenen QBs. Ich würde z.B. ganz gerne Donovan McNabb in Glendale sehen. Mobiler QB und ein Mann, der es gewohnt ist, in eindimensionalen Offenses mit maximal einem guten Receiver zu spielen. Im Schatten McNabbs könnte man Hall/Skelton heranzüchten.

Ken we upgrade this Offensive Line?

Viel Arizona habe ich heuer nicht gesehen. Aber genug, um die Offensive Line zu zerreißen und als bildliche Beschreibung für „zerbröseln“ heranzuziehen. Die Guards Lutui und Faneca haben auslaufende Verträge, Faneca wird wahrscheinlich zurücktreten. Tackle Levi Brown hatte ich stets geschätzt, zeigte sich als Left Tackle aber als gnadenlos überfordert. Whisenhunt/Grimm müssen diese Line austauschen bzw. upgraden.

Ken we fix our defensive holes?

Kritisiert wird vor allem der Pass Rush und die Secondary. Bezüglich OLBs schaut es immer mehr danach aus, als seien Joey Porters Tage gezählt. Porter war zu Steelers-Zeiten einer meiner Favoriten, gilt aber mittlerweile nur mehr als schwaches Abbild alter Zeiten. Arizona wird höchstwahrscheinlich einen OLB an der #5 draften. Vielleicht den gehypten Von Miller?

In der Secondary fehlen laut Auguren ein zweiter Cornerback und ein zweiter Safety neben Adrian Wilson. Rhodes gilt als desinteressiert, gegen den Lauf zu arbeiten. Alles in allem halte ich aber die Notwendigkeit, die Offense zu verstärken, für deutlich dringender.

Ken we win the division?

San Francisco ist mein Favorit in der NFC West. Die Division ist aber so durchwachsen, dass Arizona 2010/11 trotz aller Schlechtigkeit nur zwei Spiele Rückstand auf den ersten Platz hatte. Findet Whisenhunt einen brauchbaren Quarterback und wird die Offensive Line verstärkt, halte ich Arizona für nicht chancenlos, ein Wörtchen um diesen Divisionssieg mitzureden. So krass es klingen mag.

Die anderen Sezierstunden sind auf der NFL-Seite zu finden. Oder unter dem Tag „Sezierstunde“.