Bowl-Großkampftag II, 28.12. Preview

Weiter geht es am heutigen Freitagabend mit drei Bowls, und es steigen vermehrt die großen Conferences ein, so z.B. heute die traditionsreiche Big Ten Conference, die nach einer erkennbar schwachen Regular Season etwas für ihren Ruf tun muss. Ansonsten werden die Helme der Virginia Tech Hokies von Interesse sein, die mit einer Schleife in Gedenken an die Opfer des Amoklaufs in Connecticut antreten werden; die Virginia Tech University ist bekanntlich in Sachen Schießereien auf dem Campus ein gebranntes Kind.

Independence Bowl

Ohio Bobcats – Louisiana-Monroe Warhawks

20h LIVE bei ESPN America

Hauptgrund, hier einzuschalten, sind die Quarterbacks: Die Ohio Bobcats (8-4) aus der MAC bieten den weißen Wusler Tyler Tettleton auf, während die Louisiana-Monroe Warhawks (8-4) aus der kleinen Sunbelt Conference mit Kolton Browning den etwas spritzigeren Scrambler haben.

Zuerst zu den Neulingen: Louisiana-Monroe spielt seine erste Bowl ever. Trotz aberwitzig schlechter finanzieller Voraussetzungen und Facilities. Die Warhawks sind auch eine der Mannschaften, bei denen ich im Sommer völlig in den Gully griff, als ich ihnen wörtlich „nichts“ zutrauen wollte. Bullshit. Man war gut genug, um auswärts gegen Arkansas zu gewinnen, auswärts Auburn in die Overtime zu prügeln und war gegen Baylor nur Verlierer mit fünf Punkten. Klar, diese Truppen hatten alle schlechte Jahre, aber wir sprechen immerhin über Louisiana-Monroe.

Und der aufopferungsvolle Browning war der wichtigste Mann, Passing- und Rushing-Leader; gegen Ohio erwartet man, dass vor allem der Bodenweg gesucht wird, denn Ohio besitzt eine schwache Lauf-Defense (164yds/Spiel).

Die Bobcats selbst werden sich voll dem harten Knochen Tettleton verschreiben, der das Team schon zu einem Auswärtssieg bei Penn State führte. Tettleton hatte so viele Wehwehchen, dass man ihn zuletzt erstaunlich oft werfen ließ, und das könnte gegen die schwache Secondary von ULM zum Vorteil gereichen, denn ULMs Abwehrstärke ist eindeutig die Lauf-Defense.

Auf der anderen Seite zeigte die Formkurve von Ohio mit dem zusätzlichen Einsatz von Tettletons Arm deutlich nach unten, und man marschierte nach 7-0 Start und Aufscheinen in den nationalen Rankings runter auf 8-4 und raus aus dem MAC-Finale. Bonuswaffe wäre RB Beau Blankenship, der mir vor allem in Penn State gut gefiel.

Die Wettbüros sehen ULM mit 6 Punkten vorne, das Simple Rating System gar mit 9.5 Punkten. Man addiere da den „Heimvorteil“ (Bowlspiel wird in Shreveport/LA ausgetragen) und Louisana-Monroe darf da tatsächlich als Favorit gelten, obwohl der Abgewichstheitsfaktor eher Ohio vorne gesehen hätte.

Russell Athletic Bowl

Virginia Tech Hokies – Rutgers Scarlet Knights

Die kleinen Freuden

Outside Zone Play.

23h30 LIVE bei ESPN America

„Russell Athletic Bowl“? Was erstmal völlig neu klingt, ist beim zweiten Hingucken nix anderes als die Nachfolgerin der Champ Sports Bowl der letzten Jahre. Heimatstadion: Die Citrus Bowl in Orlando, bekannt den Fußballfans noch als Spielstätte bei der 94er WM.

Wenn wir in den letzten Tagen Offensivfeuerwerke angekündigt haben: Diese Bowl könnte eher defensivorientiert sein, und „defensivorientiert“ heißt „wenige Punkte“ und das lässt ein spannendes Spiel bis ins Schlussviertel erwarten. Nach SRS ist Rutgers dann auch „nur“ mit 2.5 Punkten favorisiert.

Das mag Fans überraschen, aber in der Tat hatte Virginia Tech (6-6) heuer ein Scheißjahr, schlechter noch als man angenommen hatte: Man brauchte zwei Siege in den letzten beiden Spielen, um überhaupt eine ausgeglichene Bilanz einzufahren. Head Coach Frank Beamer hat meistens drei Credos: Defense, Defense, Defense. Die funktionierte dieses Jahr auch halbwegs ordentlich, vor allem, wenn sie Turnovers forcierte (über 1 INT/Spiel) und der Offense damit kurzes Feld gab.

Kriegt die Offense dieses nicht, ist Ende der Fahnenstange: QB Logan Thomas, der angebliche „Cam Newton 2.0“, floppte schwer und produzierte 23 Turnovers. Der Mann ist trotzdem einer meiner Favoriten, nicht nur weil Namenskollege, sondern auch, weil das double threat Thomas neben hirntoten Momenten auch immer für einen spektakulären Spielzug aus dem Nix gut ist.

„Spektakulär“ im selben Atemzug mit „Rutgers“ (9-3) zu verwenden, wäre dagegen unangebracht: Die Offense läuft auch im Jahr eins nach Greg Schiano (jetzt Tampa Bay Buccs) fast ausschließlich am Boden und muss sich immer wieder auf die Defense verlassen. Dort laufen künftige NFL-Spieler wie der LB Khaseem Greene oder DT Scott Vallone in der Front-Seven auf, und das Backfield ist bekannt dafür, extrem aggressiv gegen den Mann zu gehen und dabei überproportional viele Turnovers zu provozieren.

Logan Thomas gegen diese Secondary? Das riecht nach minimum zwei INTs. Logan Thomas gegen diese Front-Seven? Riecht nach locker zwei Fumbles.

Das ist eine Partie, die durchaus auf einen oder zwei Big Plays hinauslaufen könnte, und ich gebe diesbezüglich eher den Hokies den Vorteil, widerspreche also Excel/SRS.

Meineke Car Care Bowl of Texas

Texas Tech Red Raiders – Minnesota Golden Gophers

03h LIVE bei ESPN America; Tape morgen 11h30.

Hier steigt die Big Ten Conference in die Bowl Season 2012/13 ein, und der erste, der die Ehre der stolzen Mutter aller Conference verteidigen muss, ist der Underdog von der University of Minnesota gegen Texas Tech.

Minnesota gegen Texas Tech? Da war doch mal was? Tief in mich hineingehorcht, und ja, im fernen 2006 zu meiner Anfangszeit im College Football gab es eine Bowl Season mit irren Footballspielen (Sun Bowl, Fiesta Bowl usw.), und eines davon war das damals leider bei uns nicht live übertragene Insight Bowl, Texas Tech – Minnesota:

Heute also die “Neuauflage”, und beide Unis sind spannend. Die Texas Tech Red Raiders (7-5), deren Record schwächer ist als die Leistungen, und auch wenn die Offensivpower von Zeiten eines Mike Leach nicht ganz erreicht wurden, so gibt es dennoch im Schnitt 38 Punkte pro Partie. Hauptgrund ist nach wie vor das Passspiel um QB Seth Doege.

Allerdings war die Vorbereitung auf das Spiel nicht ohne Nebengeräusche: Der Head Coach Tommy Tuberville, im College Football schon eine Hausnummer, wechselte Anfang Dezember völlig überraschend nach Cincinnati, und der Nachfolger lässt die Fanscharen in Lubbock/TX geiler als geil werden: Der 33jährige Kliff Kingsbury, aus der NFL als Brady-Backup in New England bekannt, und zuvor am College der erste von vielen Star-Quarterbacks bei Texas Tech. Kingsbury gilt bei den Red Raiders als Legende, und er sammelte zuletzt als Assistent von Kevin Sumlin in Houston und bei Texas A&M Erfahrung; nicht wenige glauben, dass der Cheftrainer-Job zu früh kommt, aber das soll die Euphorie nicht bremsen. Heute wird Kingsbury allerdings noch nicht coachen, sondern der OL-Coach Chris Thomsen, und diese Ablenkungen könnten die Chance für Minnesota sein…

…die auch so ihre Trainergeschichten liefern: Jerry Kill ist nun zwei Jahre dort und man hört prinzipiell nur Gutes über seine Arbeit, aber Kill hatte schon mehrere epileptische Anfälle an der Seitenlinie (letztes Jahr habe ich das live am TV miterlebt, das mucksmäuschenstille Stadion war gespenstisch) und Kill ist ob der nervlichen Belastung nicht über jeden Zweifel erhaben.

Auf dem Spielfeld ist die 6-6 Bilanz für die notorischen Loser Minnesotas schon ein Erfolg – Euphorie will aber nicht so recht aufkommen. Verletzungsprobleme und Suspendierungen haben dafür gesorgt, dass der QB/WR MarQueis Gray mittlerweile zum reinrassigen Wide Receiver zurückgeschult wurde und die Spielmacheraufgabe an Freshman Philip Nelson übertragen wurde, der so blass spielte, dass die Gophers fast ausschließlich laufen müssen. Und wenn Texas Tech in der Defense so was wie eine Stärke hat, ist es die Position der Defensive Tackles um das NFL-Kaliber Kerry Hyder (ein Junior).

Das sind alles Gründe, weswegen sich der 12pts-Spread pro Texas Tech für mich nicht zu hoch anfühlt, trotz der unruhigen Vorbereitung auch auf deren Seite.