NFL-Franchises im Porträt (25): Cincinnati Bengals

Die Franchise-Serie zur NFL zieht sich nun schon viereinhalb Jahre. Acht Teams fehlen noch. Heute an der Reihe: Die Cincinnati Bengals, ein „Small Market Team“ aus Ohio, das in den 1980er Jahren zweimal um ein Haar die große Dynastie der San Francisco 49ers zum Wanken gebracht hätte. Weiterlesen

Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Das einstige hässliche Entlein der Liga, die Cincinnati Bengals, hat sich in den letzten Jahren zu einer der bestgeführten Franchises entwickelt – ein Wahnsinn, wenn man sich zurückerinnert an die Zeiten, in denen fünf Saisonsiege gefeiert wurden wie die Weltmeisterschaft. Zu verdanken ist das in erster Linie der ruhigen Hand von Head Coach / GM Marvin Lewis, aber – Cincinnatis Ureinwohner geben das ungern zu – wohl auch dem Franchise-Owner Mike Brown, der es in der letzten schweren Krise vor drei Jahren vermied, Lewis zu feuern, und ihm sogar zusätzliche Komptenzen zuschusterte. Das Resultat kann sich sehen lassen: Drei Playoff-Qualifikationen en suite für die Bengals und ein Kader, der minimum 25 Kontrahenten vor Neid erblassen lässt – allein, der letzte Durchbruch wurde noch nicht geschafft: Lewis hat noch immer keinen Playoffsieg vorzuweisen.

In dieser Offseason musste Lewis dann auch erstmals seit Jahren seinen Trainerstab größer umbauen: OffCoord Jay Gruden wurde Headcoach in Washington, DefCoord Mike Zimmer in Minnesota. Beide gelten als ersetzbar, aber ein Coordinatorwechsel in beiden großen Units ist nie zu unterschätzen. Vermutlich wird Marv, der Defensiv-Guru, wieder mehr Hand in der Tagesarbeit anlegen müssen. In der Offense kann man nur hoffen, dass der neue OffCoord Hue Jackson besser ist als sein Ruf: Jacksons bisherige Positionen mit viel Verantwortung (OffCoord Atlanta, Headcoach Oakland) gingen beide eher in die Hosen, auch weil beide Male unter zugegeben fast unmöglichen Umständen.

Überblick 2013

Record        11-5    WC
Enge Spiele    5-3
Pythagorean   11.2     5
Power Ranking  0.711   4
Pass-Offense   6.7     9
Pass-Defense   5.1     2
Turnovers       +1

Management

Salary Cap 2014.

Dass der Bengals-Kader eine Wucht ist, muss nicht mehr öfters betont werden. Er wird auch gleich anschließend noch in aller Länge und Breite diskutiert, aber widmen wir uns gleich dem wichtigsten Thema bei den Bengals in dieser Offseason: Quarterback. Der Rotschopf Andy Dalton, Zweitrundenpick von 2011, hat mittlerweile drei Jahre Erfahrung als Stamm-QB auf dem Buckel – drei Jahre, die nicht jeden – besser: Nur wenige – überzeugt hinterließen.

Dalton hat immer wieder gute Momente. Er sieht bei gegebenen Rahmenbedingungen sogar wie ein richtig Guter aus, aber dann lässt er wieder Spiele zum Haareraufen folgen. Dalton ist kein mittelmäßiger boom or bust-QB. Dalton ist eher der Typ Quarterback, der wegen seines limitierten Wurfarms zwar sehr effizient sein kann, wenn der Gegner den GamePlan nicht überreißt, aber der keine Antworten mehr weiß, wenn der Gegner ihm seine paar Routen wegnimmt, die er werfen kann. So geschehen zuletzt in der seelenlosen Playoffpleite gegen San Diego, als Dalton sogar gegen die mittelmäßige Chargers-Defense kein Bein in den Boden bekam.

Es ist das stuck in the middle-Phänomen, das BWL-Studenten aus dem Erstsemesterkurs kennen, und das auch für die NFL in ihrer heutigen Struktur gilt: Wenn der Quarterback gut, aber nicht hervorragend ist, riskierst du, immer und immer wieder auf dreiviertel Weg stecken zu bleiben. Zu gut, um per Absturz den Umbau zu probieren, zu schlecht, um ohne viel Glück die Lombardi Trophy zu holen.

Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, dass Cincinnati einen Quarterback draften muss. Mike Tanier von Sports on Earth hat in einem sehr stimmigen Eintrag den Standpunkt vertreten, wieso Zach Mettenberger die Wahl der Bengals sein muss: Mettenberger gilt mit seiner Rakete von Wurfarm als großes Talent, kommt aber von einer schweren Verletzung und ist möglicherweise für 2014 keine gute Option für Teams mit dringendem QB-Need.

Mettenberger würde es Cincinnati erlauben, Dalton noch ein Jahr Zeit zu geben ohne den Druck, ihn nach dem nächsten schwachen Spiel ersetzen zu müssen, wie es bei einem großen Namen wie Bridgewater der Fall wäre. Mettenberger böte aber gleichzeitig die Option an, ihn ein Jahr Lernen zu lassen und im Falle eine Scheiterns Daltons nächstes Jahr nicht auf einen komplett grünen Rookie angewiesen zu sein.

Soweit alles stimmig. Cincinnati hat keine dringenden Löcher im Kader, die man mit dem Erstrundenpick angehen muss. Es ist bloß der Fakt, dass das Management, sprich Lewis, schon verlauten ließen, mit Dalton möglicherweise schon im Sommer den Vertrag zu verlängern um ihm das volle Vertrauen zu schenken.

Das kann gut gehen – auch ein Flacco explodierte zum rechten Zeitpunkt, auch wenn er ein anderer Spielertyp ist. Aber Punkt ist: Auf eine Explosion bei Dalton zu hoffen, ist Hoffen auf den Zufall. Den Zufall, dass er genau im kritischen Moment den Durchbruch schafft.

Der Rest im Kader passt. Der Schlüsselspieler der Offense ist WR A.J. Green, der sich innerhalb kürzester Zeit zum Mega-Wideout entwickelt hat. Den fantastischen Green kannst du jederzeit 1-gegen-1 gegen die besten Cornerbacks der Liga schicken. Er sieht 30% der Anspiele der Bengals, und davon 30% tief. Er fabrizierte zuletzt wieder 101 Catches für 1460yds und 11 Touchdowns, und das als oft isolierte Waffe downfield.

Auf der anderen Seite konnte sich WR Marv Jones (59 Catches, 842yds, 10 TD) als Mitteldistanzwaffe etablieren, während der geschwindige WR Sanu ganz gerne im Slot operiert. Als zusätzliche Waffe für die Spielfeldmitte wurde der wenige WR Hawkins ausfindig gemacht, während der junge TE Eifert nach seniem Rookiejahr auch schon auf 39 Catches und 445yds zurückblicken kann.

Etwas umstritten ist TE Jermaine Gresham, der jedes Jahr um die 50 Catches macht, aber mit seiner Anfälligkeit für Fumbles, seinem schlamigen Routenlaufen und seiner gelegentlichen Faulheit, Blocks zu setzen, ein Ärgernis ist. Gresham passt aber als Hüne für die Spielfeldmitte auch wie Arsch auf Eimer in das bisherige Spielsystem in Cincinnati.

Von „hinten“ soll künftig verstärkt der extrem explosive RB Gio Bernard kommen, als Rookie mit 182 Carries und 63 Catches für insgesamt 1327yds und 8 TD in Erscheinung getreten. Es sind Zweifel angebracht, ob es Bernard als Arbeitstier schaffen kann, aber sollte das nicht der Plan sein, kannst du immer noch einen Back in den mittleren bis späten Runde als Ergänzung draften. Sollte das passieren, ist der komplett durchschnittliche Green-Ellis wohl weg vom Fenster.

Sie alle werden hinter einer sehr soliden Offensive Line operieren können. Der „Swing-Tackle“ Collins, der so ziemlich alles spielen konnte, musste zwar ziehen gelassen werden, aber es bleibt immer noch eine rundum komplette Line ohne die ganz großen Schwachpunkte: LT Whitworth und RT Andre Smith gelten als Pro-Bowl Kaliber, während die beiden Guards Zeitler und Boling durchaus gehobenen Ansprüchen genügen – und beide sind noch jung und entwicklungsfähig.

Bleibt eine Offense, die insgesamt ihr Potenzial nicht ganz ausschöpfen kann, weil der Quarterback zwar ein Sympath zum Knuddeln ist, aber eben zu limitiert für das ganze Arsenal. Dalton hat noch eine Chance verdient. Dalton kann, wenn er seine guten Tage hat, durchaus diesen Kader zum Titel führen. Aber es ist wahrscheinlicher, dass er sich als zu durchschnittlich entpuppt, und in diesem Fall wäre es nicht schlecht, eine Notfalloption in der Hinterhand zu halten.

Die Defense war letzte Saison eine Offenbarung: Obwohl sie mit DT Geno Atkins und CB Leon Hall die beiden wichtigsten Verteidiger fast das ganze Jahr lang vermisste, sprangen überragende 5.1 NY/A heraus – Werte, für die viele DefCoords killen würden. Zimmer ist nun eben abgesprungen und was sein Nachfolger Guenther draufhat, ist nicht ganz klar, aber es ist immer noch Marv Lewis da, und es ist immer noch eine fast kompletter Abwehrkader da.

Die potenziellen Lücken sind „up front“. DE Michael Johnson folgte dem Ruf des Geldes und unterschrieb für 8.5 Mio/Jahr in Tampa, weswegen möglicherweise Defensive End eine Position auf dem Wunschzettel wird. Man hält dort in Carlos Dunlap zwar einen sehr brauchbaren Passrusher, aber ansonsten ist wenig geprüftes Material vorhanden. Letztes Jahr wurde der estnische Bär DE Margus Hunt (2.03m, 127kg) gedraftet, aber Hunt ist bald 27 und möglicherweise nicht mehr so entwicklungsfähig. DE Gilberry hat sich in seiner Karriere bisher als eher situativ gebräuchlicher Spieler erwiesen, und nicht als einer, den zu 800 Snaps spielen lassen willst.

DT Atkins ist nicht der allerschwerste, allerbreiteste Tackle für heutige Standard-NFL Körpermaße, aber er ist so quick, so beweglich, dass er damit alles wettmacht und für unerlässlichen Passrush über die Mitte zu haben ist. Er spielt meistens den 3-technique Tackle, und man versucht, ihm 1-vs-1 Situationen zu geben. Das heißt wiederum viel Arbeit für seinen Nebenmann, der in den letzten Jahren der struwwelige Domata Peko war – Peko gilt als allerdings durchaus upgradewürdiger Stammspieler. Ist der kürzlich gedraftete DT Brandon Thompson eine alternative Option?

Dahinter war der junge LB Vontaze Burfict zuletzt eine Offenbarung: Burficts spielerische Klasse war nur von wenigen jemals ernsthaft bestritten worden; bei ihm hatte man stets mehr Angst ob seiner Unkontrollierbarkeit: Burfict galt stets als unbeherrscht nach Spielzugende, immer eine Tätlichkeit vom 15yds-Penalty oder Spielausschluss entfernt, und auch im Privatleben ein Mensch, der seine Vita nicht unter Kontrolle bekam. Solche Leute waren für Cincinnati noch nie ein Hindernis, und auch Burfict konnte allem Anschein nach hingebogen werden. Burfict hatte von einer schwierigen Position aus sensationelle 92 Successes (Success = Sacks, Tackle für EPA-Verlust, Interceptions, Fumbles).

Er dürfte als Fixstern eingeplant sein. Sein Nebenmann ILB Maualuga tut es gerade, auch wenn man seine Hüftsteifheit schon seit Jahren versucht zu ersetzen. Der 36jährige OLB Harrison wurde trotz guter Saison entlassen – sofern der junge DE/OLB Dontay Moch aus Arizona als sein direkter Nachfolger gekauft wurde, gut. Ansonsten wird es hier für Cincinnati Nachhilfe brauchen.

In der Secondary ist zu hoffen, dass CB Hall sich nicht erneut verletzt; Hall ist der Mann, der als eine Art „Standard-Nickelback“ im Slot operiert. Die Außen-Cornerbacks sind mit Pacman Jones und Terrance Newman ansprechend besetzt – immer im Hinterkopf zu halten, dass diese Jungs einen funktionierenden Passrush brauchen. Vielleicht sieht der vom Runningback zum CB umgeschulte junge Onterrio McCalebb (Sprintstar bei Auburn) auch erste Snaps im regulären Spielbetrieb. Die Safetys waren in Cincinnati noch nie ein großes Problem: Iloka, Reggie Nelson und der junge Shawn Williams (galt als gute Führungsfigur an der University of Georgia) dürften Arbeitsteilung betreiben.

Zusammenfassend: Quarterback ist die Position, die für die Bengals über Wohl und Wehe entscheidet. Dalton ist keine zwingende Katastrophe, aber er ist trotzdem einer der wenigen unterdurchschnittlichen Stammspieler in Cincinnati auf der Position, auf der man es sich am wenigsten leisten kann. Die Mettenberger-Lösung gefiele mir außerordentlich von der Idee.

Andere Stellen, die man angehen könnte: Defensive End, Outside Linebacker, Center, Tiefe bei den Cornerbacks, Wide Receivers und Runningbacks. Viele eklatante Lücken gibt es nicht. Prinzipiell ist man wie Seattle, San Francisco oder Tampa Bay aufgestellt, was die Qualität der Positionen abseits der Quarterbacks angeht, sprich: Man ist schon wieder einer der Superbowl-Anwärter in der AFC. Dalton oder sein Nachfolger müssen es halt überreißen. Und die Coordinator-Wechsel dürfen sich nicht als zu große Umstellung herausstellen…

Glaskugel 2013: Cincinnati Bengals

Wer schon immer mal einen erfolgreichen NFL-Kader backen wollte, kann dafür getrost zum Rezept der Cincinnati Bengals der letzten Jahre greifen. Man nehme zwei starke Linien, garniere diese mit jeweils ein, zwei herausragenden pass rushers und Offensive Tackles. Das verührere man mit sehr viel Talent und Tiefe auf der Cornerback-Position. Anschließend erhitzt man das alles mit einem jungen Quarterback und serviert das ganze zum Schluß mit einem A.J. Green – fertig.

Was die Bengals in den letzten drei, vier Jahren in Sachen Kaderplanung gemacht haben ist ganz großer Sport: nebenbei mal fast das gesamte Team umgekrempelt, deutlich verjüngt und einen neuen Quarterback verpflichtet. Und die Ergebnisse dieses Teams sind gut, wirklich gut: drei Playoffteilnahmen in den letzten vier Jahren. Aber mittlerweile ist man fast geneigt zu sagen: nur gut.

Defense

Das Prunkstück der Bengals ist ihre Defensive Line, die getragen wird von jeder Menge junger Athletik. In der alten Warren-Sapp-Rolle als 4-3-Under-Tackle terrorisiert Geno Atkins gegnerische Linienspieler und Quarterbacks. Er war in der vergangenen Saison der ligaweit beste Defensive Linemen (wenn man nur menschliche Footballspieler nimmt und J.J. Watt ausspart).

Stats 2012

record: 10-6
WC PO @HOU 13-19
Pythagorean: 9.9 wins
DVOA O: -1,8% (17)
DVOA D: -3,8% (10)
Sezierstunde korsakoff

Die undankbare Position des Nose Tackles bemannt der zottelige Domata Peko unauffälig zuverlässig. Man wartet aber noch darauf, daß der letztjährige 2nd-rd pick Devon Still mehr aus seinem Talent macht. Als Vierter die Rotation in der Mitte vervollständigt Pat Sims, ebenfalls unspektakulär zuverlässig.

Noch mehr Tiefe bieten die Defensive Ends. Auf der einen Seite spielt der lange Michael Johnson, der manchmal eine besenstielverschluckte Körperhaltung wie der große Sprinter und Namensvetter an den Tag legt, fast durch. Johnson hat die Explosivität eines Sprinters, aber er lebt nicht nur von seiner Physis, sondern auch von seinem hohen “Football-IQ”, der nach vier Jahren in Mike Zimmers Schule ausgezeichnet ist.

Den Platz auf der anderen Seite teilen sich Robert Geathers und Carlos Dunlap. Geathers geht nunmehr in seine zehnte Bengals-Saison und hat ganz klar den Auftrag, sich von Dunlap ablösen zu lassen. Da muß jetzt nur noch Dunlap mitspielen. Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hat dieser vor der Saison auch keinen neuen Vertrag bekommen, sondern das Franchise Tag. Dunlap hat alles Talent der Welt, aber nun muß ihm in Jahr vier auch der Durchbruch gelingen.

[Korrektur: Michael Johnson hat das Franchise Tag bekommen. Dunlap hat seinen noch ein Jahr lang laufenden Vertrag um fünf Weitere verlängert.  $11,7M sind garantiert; in den ersten drei Jahren des Vertrages bekommt er – sofern er nicht gecuttet wird – $21,4M plus jeweils 300k in 21015 und 2016 als workout bonus + potentiell $4,5 weitere Millionen durch escalators. Insgesamt könnte Dunlap mit diesem Vertrag $40M verdienen.]

Als Nummer vier in der DE-Rotation kommt Wallace Gilberry, der letztes Jahr mehr Sacks hatte als Dunlap (6,5 v 6). Um auch noch das letzte gegnerische Team neidisch zu machen, hat DC Zimmer in der zweiten Runde der Draft den baltischen Kolossus Margus Hunt geschenkt bekommen (auch um Dunlap noch ein bißchen mehr Feuer zu machen und zur Not gleich seinen Nachfolger im Haus zu haben). Hunt ist ein interessantes prospect, der mal den Juniorenweltrekord im Diskuswerfen innehatte, noch nicht viel von Football versteht, dafür aber 2,05m groß ist, in seinen ersten 14 Collegespielen acht Kicks geblockt und bestimmt auch schon mal einen Bären mit seinen Händen erlegt hat.

Secondary & Linebackers

Den Durchbruch schon geschafft hat Leon Hall. Hall ist unter den vielen guten Cornerbacks die Nummer Eins. Er muß sich vor keinem Wide Receiver an der Außenlinie fürchten; was ihn aber besonders wertvoll macht, ist, daß er das auch im Slot erstklassig ist. Das gibt Zimmer den Luxus, in Nickel-Situationen von dem überraschend guten Jungen Pacman Jones, dem letztjährigen 1st-rd pick Dre Kirkpatrick und I´ve-seen-it-all-veteran Terrence Newman die zwei mit der besten Tagesform aufzustellen. Definiere: depth.

Schedule

WK1 @ CHI
Wk2 vs PIT (MNF)
Wk3 v GB
Wk4 @ CLE
Wk5 v NE
Wk6 @ BUF
Wk7 @ DET
Wk8 v NYJ
Wk9 @ MIA (TNF)
Wk10 @ BAL
Wk11 v CLE
Wk12 BYE
Wk13 @ SD
Wk14 v IND
Wk15 @ PIT (SNF)
Wk16 v MIN
Wk17 v BAL

Aber auch bei den Bengals ist nicht alles Freibier und Blowjobs. Bei den Safeties dürfte Reggie Nelson seinen Stammplatz sicher haben. Er bekommt von Leuten wie PFF auch stets gute Noten, aber immer wenn ich die Bengals gesehen habe, sah er manchmal aus wie ein Patriots-Safety circa 2010. Um den anderen Platz streiten sich Taylor Mays, der seit 2011 bei mir das Label “heillos verloren in der Tiefe des Raumes” weghat; 3rd-rd pick Shawn Williams und George Iloka, den man noch aus glorreichen Boise-State-Zeiten kennt.

Und eine richtige Resterampe findet schließlich man auf der LB-Position. Problemkind Vontaz Burfict immerhin scheint in seiner Rookiesaison sein Leben umgekrempelt zu haben. Vom hochtalentierten troublemaker bei Arizona State, den vor lauter red flags niemand draften mochte, hat er sich zu Trainers Liebling gemausert. Aber erstklassig ist er nicht. MLB Ray Maualuga ist so beweglich wie ein Kühlschrank. Er ist einer der wenigen NFL-Spieler, mit denen ich manchmal Mitleid habe, wenn man wieder ein mittelmäßiger Tight End an ihm vorbeirauscht. Als dritten im Bunde finden wir hier den ehemaligen Defensive Player of the Year James Harrison. Der 35-Jährige kam aus Pittsburgh und soll jetzt 4-3-OLB spielen. Mmh. Harrison war mal einer meiner absoluten Lieblingsspieler, nur hab ich wenig Vertrauen, daß er nochmal groß aufspielen kann.

Dahinter kommen im depth chart noch ein paar Rookies und einer der größten 1st-rd busts aller Zeiten: Aaron Maybin. Hier sind die Bengals verwundbar.

Offense

Auch auf der offensive Seite überzeut Cincinnati mit einer starken Linie. Left Tackle Andrew Whitworth läßt nur in Schaltjahren mal einen Sack zu und ist wohl nur noch under the radar, weil sein Name so schwierig zu buchstabieren ist. Auf der anderen Seite ist Andre Smith dermaßen überzeugend, daß er sich schon seit seinem Willkommensholdout  ein paar Sperenzchen und Übergewicht im Sommer erlauben darf.

Wenn die Jungs von Pro Football Focus über die Rookiesaison des Right Guards Kevin Zeitler schreiben, müssen sie danach die Unterhose wechseln. Mit Whitworth, Smith und Zeitler fällt mir aus dem Stegreif auch kein anderes Team ein, daß drei blue chipper in der Offensive Line hätte.

Dazu kommen noch die erfahrenen Kyle Cook und Clint Boling, die mit dem 23-jährigen Trevor Robinson nun angeblich auch noch hochtalentierte Konkurrenz haben. Positiv untypisch ist auch, daß mit Dennis Roland, Travelle Wharton und Mike Pollak vergleichsweise alte Recken, die alle schonmal irgendwo starter waren, die Kadertiefe sicherstellen. Again – define: depth.

Mit dieser OLine hat das Paßspiel ein bombensicheres Fundament. Selbst wenn QB Andy Dalton nicht den berüchtigten “nächsten Schritt” macht, ist ein völliges Einbrechen ausgeschlossen (solange kein schwarzer Schwan im Paul Brown Stadium nistet). Der Angriff war letztes Jahr NFL-weit gutes Mittelfeld – und das in einer Division mit Steelers und Ravens.

Skill Positions

Allerdings ist der Paßangriff extrem abhängig von einem Wide Receiver (das ist gemeinhein ein beliebtes Brutgebiet der schwarzen Schwäne). Solange A.J. Green fit ist, wird er wieder seine 100 Bälle fangen und hin und wieder ein Spiel mit überragenden Sololeistungen alleine entscheiden können.

Daneben sind im WR-Corps nur Jungs, die erst seit wenigen Monaten das Wunder des legalen Alkoholkonsums genießen dürfen. Mohamed Sanu hat in seinen acht Spielen explosive Ansätze gezeigt, macht aber nicht den Eindruck, mal Pro Bowler zu werden wenn er groß ist. Der kleine Andrew Hawkins ein Randall-Cobb-Typ, nur ohne das ganz große WOW!. Dann wirds dünn: Marvin Jones, 22 Jahre alt und 18 catches in 11 Spielen, und Brandon Tate, Special-Teams-Ass, aber WR-Krücke, werden wahrscheinlich im Kader bleiben. Man hofft in Ohio noch, daß ein Rookie im Camp groß aufspielt und hat auch wieder Dane Frikkin´ Sanzenbacher im Trainings Camp.

Stabilität sollen die Tight Ends in das Paßspiel bringen. Der große Jermaine Gresham ist zwar in seinen drei Jahren in der Liga nicht der neue Jimmy Graham geworden, aber für 60 catches pro Jahr ist er konstant gut. Als weitere Hilfe für QB Dalton wurde dieses Jahr Tyler Eifert in der ersten Runde gedraftet. Eifert wurde weithin als bester Tight End der letzten NCAA-Saison gesehen. Als dritter Tight End ist Orson Charles dabei. Der letztjährige 4rd-rd pick gilt weiterhin als Geheimtip. Was auch immer das heißen mag.

Um Daltons Rundumwohlfühlpaket komplett zu machen, bekam er in der diesjährigen Draft einen Running Back in der zweiten Runde. Giovani Bernard soll das workhorse werden, wird sich wahrscheinlich aber erst mal die carries mit dem durchschnittlichsten aller Durchschnitts-RBs, Ben Jarvus Green-Ellis, und dem alten 3rd-down back Brian Leonard teilen.

Ausblick

Das erste Mal seit 30 Jahren haben die Bengals in zwei aufeinanderfolgenden Saisons die Playoffs erreicht. Neben dem sehr guten Kader ist dafür auch Stabilität auf der Position des Cheftrainers grundlegend. Marvin Lewis ist seit nunmehr 10 Jahren am Ohio River.

Nach drei Playoffteilnahmen in vier Jahren wäre alles andere als ein erneuter Platz in der Endrunde eine Enttäuschung. Die Aussichten sind rosig in Cincinnati: entweder zeigen die Bengals einmal mehr, daß man auch ohne guten QB eine starke Division wie die AFC North gewinnen kann. Oder Dalton macht den “nächsten Schritt” – dann ist noch viel mehr drin.

Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        10-6    WC
Enge Spiele    5-4  
Pythagorean    9.9   (10)
Power Ranking   .520 (15)
Pass-Offense   6.1   (19)
Pass-Defense   5.6    (6)
Turnover        +4

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Sie sind wieder da! Die Sezierstunden 2012/13 beginnen mit den Cincinnati Bengals, die zum zweiten Mal in Serie in den Wildcardplayoffs gegen Houston scheiterten. Obwohl die Bengals damit für ihre Franchise schier Historisches leisteten (aufeinanderfolgende Playoffqualifikation gab es zum letzten Mal vor 30 Jahren), warf das enttäuschende Ausscheiden altbekannte Fragen auf. Die Kritik fokussierte sich einmal mehr auf Head Coach Marvin Lewis (viermal Playoffs, noch kein Sieg) und den jungen Quarterback Andy Dalton.

Insbesondere Dalton lieferte eine bedenkliche Vorstellung ab und zeigte, wie aufgeschmissen er sein kann, wenn man ihm seinen Go-To Guy WR A.J. Green wegnimmt. Der Schlaks Green ist eine sensationelle Waffe, wird in jedem dritten Passversuch Daltons angespielt (31.3% um genau zu sein), kann den Angriff aber nicht im Alleingang tragen: Von 175 Anspielen fing Green 102 Bälle für 1430yds und 11 Touchdowns – starke Werte, die aber zeigen: Cincinnati braucht Entlastung.

Der TE Jermaine Gresham und der junge Slot-WR Artrell Hawkins gelten als gute Optionen für die Spielfeldmitte, sind aber keine Leute, die eine Defense auseinander ziehen können. Da würde man eher an den WR Marvin Jones denken (32% Bälle über 20yds), der in der zweiten Saisonhälfte Potenzial andeutete und den ebenso jungen WR Mohamed Sanu nach dessen Verletzung mehr als würdig vertrat. Es sind Leute da, aber ich weiß nicht, ob man zu diesem Bulk an Receivern das allergrößte Vertrauen hegen oder nicht doch noch den einen oder anderen groß gewachsenen Receiver für die Außen einkaufen sollte.

Nicht schaden würde auch ein fangstarker Running Back für die Screenpässe, nachdem die Bengals mit „Law Firm“ RB BenJarvus Green-Ellis nur einen parasitären Back besitzen, der nicht imstande ist, aus eigener Kraft Yards zu produzieren und Hände aus Butter besitzt.

Ob mit oder ohne Frischblut: Dalton ist nach einem durchwachsenen zweiten Jahr angezählt. Es ist nicht nur die extreme Fokussierung auf Green, es sind auch die vielen Sacks, die Dalton kassiert (48 an der Zahl), obwohl es an der Offensive Line anerkannt wenig auszusetzen gibt. Dalton wird die Entwicklung hin zu einem etwas komplizierteren und weniger durchschaubaren Spielsystem schaffen müssen, oder wir reden in einem Jahr über seine Nachfolge.

Die Defense vermittelt ein ähnliches Bild: Gut, aber es fehlt der eine „difference maker“. DT Geno Atkins gilt unisono als Naturgewalt und Ankermann, aber sein Einfluss als Tackle kann eben nur so weit gehen. Es fehlt an wirklich dominanten Defensive Ends als Passrush-Entlastung für Atkins; DE Michael Johnson ist Free Agent und dürfte teurer werden als gewünscht. DE Dunlap sagte man ein eher durchwachsenes Jahr nach und fehlende Disziplin gegen den Lauf. Und hinter diesem Duo wird es schnell ganz dünn.

Größter Handlungsbedarf dürften die Linebackers sein: MLB Maualuga sagte man zu steife Hüften und einen schwachen Herbst nach und man geht gemeinhin davon aus, dass Maualugas auslaufender Vertrag nicht verlängert wird. An dessen Stelle könnte der unerfahrene Vontaze Burfict treten, jene Knalltüte von Arizona State, die Cincinnati vor einem Jahr als ungedrafteten Free Agent von der Straße holte und der sofort zum Starter wurde. Ob allerdings Burfict die Spielintelligenz für Mike Zimmers Defense besitzt? Und wer gibt dann den OLB, nachdem Lawson gefeuert wurde?

Schließlich die Deckung: Die Cornerbacks sollten mit Leuten wie Hall, Newman und dem jungen Kirkpatrick passen und maximal in der Breite verstärkt werden, aber auf Safety klafft dann doch ein großes Loch: Clements und Crocker werden wohl ziehen gelassen, aber die Alternativen lauten Mays, Reggie Nelson und Iloka: Das abgelaufene Jahr zeigte, wie aufgeschmissen die Defense ohne Nelson sein kann – ich erwarte den einen oder anderen Move in der Offseason.

Das Gesamtbild der Bengals über die letzten beiden Jahre war stets ein gutes, aber kein wirklich großartiges. Der Kern des Kaders steht, aber die Fragezeichen sind vertrackte: Ist der Quarterback for real? Kann die Defense jemals über Mehltauniveau hinauswachsen?

Nachdem davon ausgegangen werden kann, dass der Vertrag mit RT Andre Smith ohne größere Umstände verlängert werden wird, dürfte sich der Fokus eindeutig auf die zweite WR-Position, auf einen Outside Linebacker und einen Safety richten. Platz unter der Gehaltsobergrenze ist locker gegeben, aber wird der notorisch geizige Owner Mike Brown die Schatulle öffnen? Oder beschränkt man sich wieder „nur“ auf billige Problemcharaktere und hofft, dass die good guys Lewis, Zimmer und OffCoord Gruden die Jungs hinbiegen?

NFL Wild Card Weekend 2011/12 – Beobachtungen (Tebow, Steelers, Lions, Bengals, Falcons)

Ohne große Einleitung im Folgenden einige kurze Beobachtungen zu den Spielen vom Wochenende: Pittsburghs Gameplan; undisziplinierte Lions und Bengals; Atlantas Front Seven und New Yorks Lauspiel.

Dick LeBeaus Game Plan war ziemlich simpel: acht oder neun Mann an der Line of Scrimmage, um Denvers Laufspiel zu stoppen; enge Mannverteidigung gegen die WRs, weil Tebow die “accuracy” fehlt, um Würfe gegen diese Deckung zu machen. Die Überlegung dahinter: Laufspiel abwürgen und Denver dazu zwingen, ihr Heil in längen Bällen zu suchen.

Tja, das Ergebnis war letztlich nicht überragend, aber trotzdem war es der richtige Game Plan. Es gab dann am Sonntag Nachmittag nur zwei Probleme. Das kleinere war, daß Pittsburghs Verteidiger einige wenige Fehler gemacht haben. Der größere war, daß Tebow viel besser gespielt und gepaßt hat, als es alle erwartet hatten.

Der entscheidende Fehler war natürlich, daß Backup-Safety Ryan Mundy beim TD in der Verlängerung den Play-Action-Fake glaubt und daraufhin “underneath” seine Verantwortung in der Deckung verpennt. Dazu ist CB Ike Taylor zu langsam und kann den Tackle nicht machen. Aber bis auf einige überaggressive Schritte in die falsche Richtung von Safety Troy Polamalu war das eine gute Leistung der Verteidiung.

Denvers Laufspiel wurde gut in Schach gehalten und machte nur 131 Yards bei 34 Carries (3,9 yds/carry). Aber drei ganz starke Pässe haben zu zwei Touchdowns geführt. Man kann da auch weder LeBeau noch den CBs einen großen Vorwurf machen: perfect pass beats perfect coverage heißt eine der ältesten Footballweisheiten. Ansonsten gabs noch ein FG nach Roethlisberger-INT; ein FG nach Big-Play zu TE Fells, bei dem Polamalu schlecht aussieht; ein FG nach 32-Yard-DPI, die auch nicht jeder Referee so pfeift.

Tebow hat einfach die entscheidenden Plays gemacht. Besser gemacht als die Defense und das spricht nicht gegen Pittsburghs D, sondern für Tebow und den mutigen Game Plan von Denvers OC Mike McCoy. Man sollte nicht versuchen, mit Ausreden wie Verletzungen, zu alte Verteidiger oder blöder Game Plan Tebows Leistung zu schmälern. (Tebow hat übrigens ohne WR Eric Decker gespielt, der in der Regular Season mehr Catches als jeder andere Bronco gemacht hat und auch ohne Chris Kuper, den besten O-Liner Denvers. Wer hat im Januar keine Verletzten?)

Schlechte Defense gabs dagegen bei den Bengals und den Lions zu beobachten. Nicht in Sachen Strategie und Schemes, sondern in Disziplin und Fundamentals. Vergeigte Tackles und schlechte Winkel zum Ballträger en masse. Dazu fürcherliche blown coverages und sichere Interceptions, die einfach fallen gelassen werden. Beide, Bengals und Lions, hätten mit einer disziplinierten Leistung bis zum Schlußpfiff mithalten können. So muß man sich fragen, wie erfahrene und ausgewiesen Verteidigungsexperten wie Marvin Lewis und Mike Zimmer (HC/DC Cincinnati) beziehungsweise Jim Schwartz und Gunther Cunningham (HC/DC Detroit) ihre Spieler trainieren. Oder ob einige Spieler einfach zu schlecht sind. (Vor allem die Safeties waren unterirdisch. Und ich als Patriots-Fan dachte, ich hab schon den Bodensatz dieses Jahr gesehen.)

Fragen muß man sich auch, was mit Atlantas Front Seven los war. Die viel kritisierte Offensive Line und die Running Backs der Giants sahen gegen diese aus wie die sprichwörtlichen “Man among Boys”. Vor allem die hochgelobten DT Corey Peters, DE John Abraham und die LBs Sean Weatherspoon und Curtis Lofton konnten die (hohen) Erwartungen nicht erfüllen, ließen sich ständig rumschubsen oder waren “out of postition”. Wenn New Yorks Laufspiel dieses Niveau auch nächste Woche gegen Green Bay zeigen kann, sollten sie viel Spaß haben. Die Front Seven der Packers ist noch mal ´ne ganze Klasse schlechter als Atlantas. Brian Van Gorder, DC der Falcons, ist gestern übrigens zum Defensive Coordinator der Auburn Tigers ernannt worden. Vielleicht hat er zu viel Zeit in den Bewerbungsprozeß gesteckt, statt seine Defense auf die Playoffs vorzubereiten.

Besser vorbereiten sollen hätte auch OC Mike Mularkey sein Playcalling bei 3rd/4th&short-Situationen. Ein wenig kreativer als “Matt Ryan fällt nach vorne und hofft, daß es reicht” hätte es schon sein müssen. Auch Mularkey bewirbt sich seit einigen Tagen bei anderen Teams und hat die Zeit zwischen Woche 17 und Wild Card Weekend mit Vorstellungsgesprächen anderswo verbracht.

Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Es war Thanksgiving und ich machte zwei Nächte lang mit wildesten Zahnschmerzen kaum ein Auge zu. Vorteil der Qual: Viel Football sorgte für die Ablenkung. Das Nachtspiel des Tripleheaders am amerikanischen Erntedank-Donnerstag hieß NY Jets – Cincinnati Bengals. Ich habe einigermaßen fassungslos am TV-Schirm gesessen. So fassungslos, dass ich diesen Beitrag noch in der Nacht geschrieben habe.

Es ist Zeit, alles in Grund und Boden zu stampfen. Die Cincinnati Bengals brauchen einen Neuanfang.

Nun bin ich eigentlich kein Freund von Aktionismus (und das kann man ruhig auch auf die Fußball-Bundesliga übertragen). Aber: Meine Fresse, ich hätte mir spätestens nach diesem Spiel NIEMALS erträumen lassen, dass Marv Lewis heute noch Coach der Bengals ist, OBWOHL sein Vertrag Anfang Jänner ausgelaufen ist UND Lewis die „Frechheit“ besaß, als dead man walking für eine Verlängerung zusätzliche Kompetenzen einzufordern.

So kann man sich täuschen. Lewis hat einen Zweijahresvertrag bekommen, inklusive mehr Involvierung in der Zusammenstellung seines Trainerstabs. Ich hielt Lewis stets für einen Top-Coach, bis Lewis in den Playoffs 2009/10 mit einem inspirationslosen Coaching gegen die Jets (harhar, wieder die Jets) die Saison vergurkte. Und, natürlich, bis Cincinnati mit dem Coach Marv Lewis im letzten Vertragsjahr 2010/11 voll gegen die Wand gefahren ist. Ich hätte keinen Cent mehr darauf gewettet, dass Lewis auch nur einen Funken Chance auf eine Vertragsverlängerung erhalten würde.

Die Probleme

Cincinnati 2010/11 war ein unglaublich schlampiges Team. Strafen zu den dümmsten Zeitpunkten, ein Kollaps des Laufspiels, Zicken² nach Owens-Einkauf, ein unkonstanter Quarterback… Während einer Niederlagenserie von 10 Spielen sorgte in jeder Partie ein anderer Mannschaftsteil (oder Coaching-Fehler oder Individualfehler) für das „L“ im Schedule.

Dabei wäre das Spielermaterial recht brauchbar. Es hakt an der charakterlichen Zusammensetzung. Für Cincinnati ist ein Knastaufenthalt in der Vita ein dickes, fettes Plus.

Carson Palmer QB Bengals, NFL Football

©Wikipedia

Als wäre die ganze Situation nicht schon verfahren genug, kündigte QB Carson Palmer (einst #1-Pick) vor ein paar Wochen an, vor einer Entscheidung zu stehen: Entweder sein Abgang aus Cincinnati. Oder das Karriereende. Palmer hat es satt, als alleiniger Sündenbock für die katastrophale 4-12 Saison hinhalten zu müssen. Jüngst stellte Palmer sogar sein Haus auf den Immobilienmarkt.

Damit der Tiger wieder brüllt…

… müssen massivste Fragezeichen geklärt werden: Ist es Palmer tatsächlich so ernst? Auf der anderen Seite kann ich mir schwer vorstellen, dass Sturkopf Mike Brown Palmer seine Wünsche erfüllen wird – solange Cincinnati nicht ordentlich Entschädigung kriegt. Ich bleibe dabei: Palmer ist ein solider QB. Nicht mehr so überragend wie vor 5-6 Jahren, aber gut genug für die Bengals im Moment. Denn die gravierenderen Probleme sind an anderen Stellen zu verorten.

Sollte Palmer wirklich gehen, kann ich mir kaum vorstellen, dass Cincinnati einen QB draftet. Lewis muss siegen und kann sich keine neuerliche Heranzucht eines QBs leisten. Positiv: Cincinnati 2011/12 wird in der Offense von Jay Gruden gecoacht, einem ehemaligen Arena-League-Trainer, der als QB-freundlich gelten sollte.

Zweite Offense-Baustelle: Das Laufspiel. RB Cedric Benson ist das alleinige Arbeitstier, aber Benson leidet an Fumbleitis und noch mehr unter dem fehlenden Komplementär-Back, der für Rhythmuswechsel sorgen könnte. 3,5yds/Lauf sind keine guten Statistikwerte. Bensons Vertrag läuft aus.

Dritte Baustelle in der Offense: Die Wide Receivers. Selbst das dickste Fell ist irgendwann nicht mehr dick genug und was sich Chad Ochocinco Johnson und Terrell Owens (zusammen 50% der Touchdowns gefangen und fast 50% der Pass-Yards geholt) geleistet haben, schreit nach Rausschmiss. Wenn Lewis einen letzten Rest Selbstachtung besitzt, entsorgt er die beiden Eierköpfe und hätte im Draft an #4 womöglich WR A.J. Green von der University of Georgia auf dem Präsentierteller. Ein Top-Mann.

In der Defense verorte ich vor allem das Fehlen einer soliden Basis für die Lauf-Verteidigung. Auffällig, wie häufig Cincinnati gegen laufstarke Teams verliert. Von daher würde ich eine Verbesserung der Defensive Line (v.a. Tackles) als essenziell ansehen.

Was die Pass-Defense angeht: Cincinnati steht statistisch nicht schlecht da und besitzt mit CB Leon Hall einen Deckungsspieler, der ligaweit als einer der besten seines Fachs eingeschätzt wird. Was mau ist: Der Pass Rush (nur 27 Sacks). Weil der beste Passrusher, DE Antwan Odom, ein verletzungsanfälliger Mann ist, darf man für die #4 auch spekulieren, ob Cincinnati nicht am besten einen Defensive End nehmen sollte.

Ausblick

Cincinnatis wichtigste Personal-Fragen sollten sein:

a) Können wir Palmer zum Bleiben bewegen? Wenn nein, welcher erfahrene QB ist der beste zu akzeptablem Preis?
b) Wiegt der sportliche Verlust CJ/Tos schwerer als die gewonnene Team-Chemie?
c) Frage b) wird auch den Draft beeinflussen, und zwar massiv: Welche Baustelle ist uns wichtiger: Wide Receiver oder Defensive Line?
d) Was machen wir mit RB Cedric Benson?

Schwierig, Cincinnati einzuschätzen. Zu viele Baustellen, zu viele Ungewissheiten. Die Einstellung von OffCoord Jay Gruden deutet auf passlastigeres Spiel hin.

Für Marv Lewis wird es in erster Linie darum gehen, ob er das Team nach der wiederholten verkorksten Saison und dem nicht bedingungslosen Rückhalt durch Owner Mike Brown hinter sich einen kann. Die ersten Schritte sollten die Säuberung des Kaders sein. Lewis dürfte IMHO an der Sideline ruhig etwas aktiver auf das Spiel einwirken. Vor allem sein Instant-Replay-Management hinterlässt mich regelmäßig ratlos.

Dazu kommt die schwere Division mit zwei Titelanwärtern und den Browns, die möglicherweise auf dem aufsteigenden Ast sind.

Das Archiv der „Sezierstunde“ ist hier zu finden – oder per Klick auf den entsprechenden Tag „Sezierstunde“.

In Cincy geht die Sonne unter

In Cincy geht die Sonne unterSonnenuntergang hinter dem Paul Brown Stadium – ©Flickr

Ich bin heute Nacht mit Zahnschmerzen noch einmal aufgewacht. Also hab ich mich noch mal vor den Schirm gesetzt, um die lange Thanksgiving-Footballnacht noch zu verlängern. Zweite Halbzeit Jets – Bengals. Eineinhalb Viertel, dann hatte ich genug gesehen.

Es ist Zeit, alles in Grund und Boden zu stampfen. Die Cincinnati Bengals brauchen einen Neuanfang.

Augenscheinlich wurde das, als Mitte des dritten Viertels, frisch nach einem verschossenen kurzen Field Goal zum möglichen 10-10, die Jets gestoppt und zum Punt gezwungen wurden. Der Punt kullerte in die Red Zone der Bengals, die Bengals drehten ab und plötzlich warf sich ein Jet drauf. Turnover.

An der Seitenlinie ganz cool: Marvin Lewis. Das rote Taschentuch blieb in den Socken stecken, und keine Anstalt, damit zu wedeln oder es noch besser wutentbrannt ins Spielfeld zu feuern. Obwohl in keiner Zeitlupe irgendetwas von einer Bengals-Berührung mit dem Ball zu sehen war.

Das hässliche Entlein

Marvin Lewis kam vor fast genau acht Jahren von den Baltimore Ravens zu den Bengals. Er machte aus dem hässlichen Entlein innerhalb von zwei Jahren einen Superbowl-Anwärter. Gemeinsam mit dem jungen QB Carson Palmer. Stinkstiefel wie RB Corey Dillon wurden gefeuert und sogar der exzentrische WR Chad Johnson konzentrierte sich auf das Spielfeld.

Aus den Fugen geriet die plötzlich heile Bengals-Welt an einem frühen Sonntagnachmittag im Jänner 2006. Erstes Playoffspiel der Bengals seit Äonen. Palmer gleich zu Beginn mit einem langen Pass, als Steelers-DE Von Oelhoffen sämtliche Bänder in Palmers Knie zertrümmerte. Seitdem sind die Bengals nicht mehr die gleichen: Palmer kam zwar zurück und spielte zwei überdurchschnittliche Saisonen, allein, die Mannschaft kam nicht mehr in die Nähe der Playoffs, trotz einer mediokren AFC North.

2008 verletzte sich Palmer erneut schwer, diesmal am Ellenbogen. Die Bengals mit dem Totalabsturz. 4-11-1, wobei das noch geschönt wurde durch drei Siege zum Saisonausklang. Ich hielt Palmer für essentiell für die Mannschaft und hatte trotzdem vage Playoffhoffnungen für 2009. Und siehe da: Die Bengals mit einer formidablen Saison. Allein: Palmer machte trotzdem keinen guten Eindruck. Marv Lewis, das Genie, coachte die Bengals mit einer starken Defense und viel Laufspiel in die Playoffs. Trotz Palmers schwacher Vorstellung. Trotz unglaublich vieler charakterlicher Problemfälle. Trotz eines internen Todesfalls während der Saison.

Erste Playoffrunde gegen die mäßigen Jets. Und Marv Lewis coachte einen derartigen Mist zusammen, dass ich schon Mitte des zweiten Viertels jegliche Sieg-Hoffnungen begraben hatte. Zwei sinnlose Challenges im ersten Viertel, ein völlig uninspirierter Gameplan, eine katastrophale Defense. Es waren Vorboten des jetztigen Herbstes.

Die Bengals haben acht Spiele in Serie verloren. ACHT. U.a. letzte Woche gegen die Bills, wo trotz 21-Punkte-Führung mit 18 Punkten verloren wurde! Auch gegen die Jets war eine legitime Siegchance da. Aber die Mannschaft hat die Scheiße am Fuß, und sie scheint so sehr festzustecken, dass es ohne Neuanfang nicht mehr geht.

Ich brauche frische Luft!

Marv Lewis’ Vertrag läuft am Saisonende aus. Obwohl ich den Coach immer noch schätze und glaube, dass er irgendwann noch einmal eine Mannschaft zu einem Titelanwärter machen wird. In Cincinnati wird das nicht der Fall sein. Es braucht frischen Wind. Carson Palmer? Der Mann ist nicht mehr großartig, aber nicht die Baustelle. Notfalls ginge noch ein Jahr. Aber das steht noch auf einem anderen Blatt – bis der neue Head Coach gefunden ist und klar ist, wohin die Reise geht.

Freilich wäre es mir am liebsten, Mike Brown würde sich aus Cincy verziehen. Der Mann ist nicht nur für den von mir hoch geschätzten Michael Silver einer der übelsten Owner. Brown, der Geizhals, der sich stets in der Opferrolle sieht, der die Liga torpediert und gleichzeitig einen einzigen charakterlichen Sauhaufen an Spielern auf dem eigenen Trainingsplatz hat. Der sich seit Jahren gegen ein neues Trainingszentrum verwehrt und sich weigert, Scouts zu bezahlen. Wenn ein Mann wie Brown einer Franchise dann auch noch als Präsident vorsteht und nichts anderes im Kopf hat, als die finanziellen Nachteile gegenüber Redskins und Cowboys zu beklagen, dann kann das nicht förderlich sein für rosigere Zeiten..

Brown wird die Bengals so schnell aber nicht verkaufen. Ihn in den Ohio zu spülen wäre zwar das Beste für die Bengals, doch wer soll das machen?

Fest steht: Es braucht ein Ausmisten und Frischwind mit neuem Coach (Stanfords Jim Harbaugh?).

So. Ich bin nicht der Bengals-Insider und ich tue es mir auch nicht Woche für Woche an, das Gegurke anzuschauen, aber ich blute innerlich, wenn ich diese wunderbare Franchise so den Bach runtergehen sehe. Daher die paar Cents von meiner Seite.