Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Jacksonville Jaguars Everbank Stadium

Das nicht immer ausverkaufte Everbank Field - ©Flickr

Schwierige Sezierstunde, wenn du den Patienten nur 5x auf Tape gesehen hast. Nun denn…

Es wirkt etwas uninspiriert, was die Jacksonville Jaguars seit Jahren treiben. Seit der großartigen Saison vor drei Jahren ist aus dem Brüllen der Jaguars ein molliges Schnurren geworden. Es ist gemütlich geworden in Jacksonville, man scheint sich mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Nicht abzustürzen, aber auch keine großen Investitionen, um die NFL-Spitze anzugreifen… Jacksonville ist Eintracht Frankfurt!

Es gab aber auch positive Momente – und es gab Gus-Johnson-Momente:

Chance des Lebens verpasst

2010/11 war ein Freak-Jahr. Jacksonville hätte mit einer durchaus unterdurchschnittlichen eigenen Saison in einer sehr schwachen Division mit etwas mehr Konsequenz in die Playoffs einziehen können. Und das trotz

a) sehr unrunder und unbalancierter Offense (#3 Lauf, #28 Pass),
b) ganz schlimmer Turnover-Bilanz (-15!!, #31 der NFL), und
c) unterirdischer Defense (#32 overall in der DVOA-Wertung)

Es ist eigentlich fassungslos, dass Jacksonville damit bis zur vorletzten Woche im Playoffrennen dabei war. So eine Chance wird so schnell nicht wiederkommen.

Die Offense

Im Jänner 2008 lieferte QB David Garrard zwei Augenweide-Spiele in den Playoffs ab (der göttliche Scramble gegen die Steelers und den spektakuläre TD-Pass gegen die Patriots), aber seitdem hat sich Garrard dem Niveau der Jaguars angepasst. Eben… espritlos. Oder sind die Jaguars nur so mittelmäßig, weil der Quarterback so mittelmäßig ist? Nun, in den Spielen, in denen Garrard fehlte, lief nur eines: NICHTS. Garrard wird mit 33 auch nicht jünger und der Zeitpunkt, einen QB in den mittleren Runden (ab Runde 2-3) zu holen, könnte gekommen sein. Garrard ist kein Stinkstiefel und gäbe einen guten Mentor ab.

Was Jacksonville nach zig schlechten Picks braucht, ist ein Wide Receiver. WR Mike Thomas hat es mir nicht nur wegen obigem Sensationscatch angetan, TE Mercedez Lewis ist ein auffälliger Knabe, aber dahinter wird es schon verdammt eng. WR Sims-Walkers Vertrag läuft aus und meiner Meinung nach kein wirklicher Verlust.

Maurice Jones-Drew RB Jacksonville Jaguars

Jones-Drew - ©Flickr

Ein Receiver muss her, um die Last etwas von RB Maurice Jones-Drew zu nehmen, der sportlich zu meinen Favoriten gehört (Kampfgnom mit unbändigem Einsatzwillen), aber fette Minuspunkte für den Schwachsinn in der Jay-Cutler-Causa gesammelt hat.

Die Defense

Obwohl die übertragenen Spiele das nicht mal in dem Ausmaße hätten vermuten lassen: Die Statistiken sind mit „desaströs“ milde beschrieben. Anfangend mit der idiotischen Abgabe von FS Reggie Nelson kurz vor Saisonbeginn, über die Nicht-Entwicklung von DE Harvey hin zum durchschnittlichen Spielermaterial – datt war nicht gut.

Jacksonville draftet seit Jahren munter teure Defensive Ends. Resultat: 2011 wird händeringend ein Defensive End gesucht. Mein Tipp: In Runde 1 wird ein DE geholt – und zwar keiner von der University of Florida. Positiv für Jacksonville: Der verspottete Tyson Alualu hat augenscheinlich ein formidables Rookie-Jahr gespielt.

Die Linebacker haben zum großen Teil auslaufende Verträge. Die Jaguars werden die billigen halten, die teureren ziehen lassen und sich billige Neue via Draft holen – so wird Personalpolitik im Norden Floridas gemacht.

Die Secondary schreit nach „Safety! We need Safety!“ Beim Tape-Schauen neben der Arbeit ist mir das klaffende Loch in der Secondary aufgefallen. Also muss es darum schlimm bestellt sein. Verstärkung dringenst benötigt.

Das Mysterium

Jacksonvilles Publikum ist ein Mysterium. 2009 war die Franchise mit (für NFL-Verhältnisse) unterirdischen 49.395 Zuschauern im Schnitt. 2010 ohne ersichtlichen Grund plötzlich 63.032 Zuschauer pro Spiel (über 35% Anstieg) – trotz nur leicht gesenkter Ticketpreise.

Und man sage mir nicht, es hat mit dem sportlich besseren Jahr zu tun. 1999 war Jacksonvilles bestes NFL-Jahr (14-2 Saison). Damals kamen im Vergleich zu 1998 über 3000 Zuschauer pro Spiel weniger. 2007 spielte Jacksonville spektakulären Football und galt als brandheißer Tipp in den Playoffs. Resultat: Nach zwei Jahren (05, 06) ohne Blackout war 2007/08 mit drei Blackouts deutlich schlechter.

Ich bin einigermaßen perplex. Erklären kann ich das höchstens mit einer sehr launischen Fanbasis und damit, dass die Jaguars zu wenig Identität aufgebaut haben, um einen kontinuierlichen Dauerkartenverkauf hinzukriegen.

Ausblick

So uninspirierend wie Jacksonville war: Die Mannschaft ist nicht unspannend. Head Coach Jack Del Rio ist auch nach Jahren der Stagnation nicht im Kreuzfeuer. Weil er mit mäßigem Material vergleichsweise viel herausholt? Trotzdem muss sich Del Rio fragen, wie es sein kann, dass ein ehemals schenialer DefCoord so viele Fehler beim Draften von Defensive Ends machen kann, dass die Baustelle seit gefühlten drei Jahrzehnten offen ist.

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Ich habe mit kaputtem Knie die ganze Saison durchgespielt

Das zwitscherte Jaguars-RB Maurice Jones-Drew am Sonntagabend in die Welt hinaus, nachdem Jay Cutler mit verletzten Bändern im Knie das NFC-Finale verlassen hatte. Mal abgesehen davon, dass dieser Tweet von Jones-Drew falsch ist (Jones-Drew spielte nur 14 Spiele), so ist er doch in Kombination mit den vielen anderen spöttischen Kommentaren anderer Spieler interessant. Für eine andere Diskussion.

Für die NFL-Profis ist es offenbar nur logisch und heroisch, mit Verletzungen zu spielen. Aktuell spielt die NFL mit dem Gedanken, die Saison auf 18 Spiele in der Regular Season auszuweiten, um noch mehr Kohle zu scheffeln. Die NFL-Spielergewerkschaft NFLPA stellte sich bisher quer, mit dem Argument „Angst vor noch mehr Verletzungen“.

Nun posaunen dutzende Spieler ihren Spott für einen tatsächlich Verletzten raus. Es ist offenbar nicht mal ein Problem für einen Running Back (!), eine Saison verletzt durchzuspielen. Wie wollen diese Profis nun gegen die Spielplan-Erweiterung argumentieren?