Silvester-Bowls im College Football 2011

Achtung: Dieses Jahr finden am morgigen Neujahrstag keine Bowls im College Football statt, da die NFL ihren letzten Spieltag des Grunddurchgangs abhält. Die traditionellen Neujahrsbowls diesmal am Montag, 2.1. Mit dem Appell, nicht verantwortungslos zu feiern, zu den heutigen Silvester-Bowls für die Partymuffel.


Meineke Car Care Bowl of Texas

Texas A&M Aggies – Northwestern Wildcats

Sa, 31.12. 18h LIVE im ESPN-Player
Tape: So, 1.1. 6h30 bei ESPNA

Da sind zwei Teams mit einer Saisonbilanz von 6-6, aber “6-6” fühlt sich bei beiden sehr unterschiedlich an. Texas A&M gehört bekanntlich zu den von mir immer noch hoch angesehenen Teams, ein Kaliber, das nur gegen Oklahoma höher verlor, ansonsten durch allerhand Freak-Einbrüche Führungen und an sich gute Vorstellungen wegwarf und sich seine letzte Saison in der Big 12 Conference zerschoss. HeadCoach Mike Sherman ist dann auch gefeuert worden, doch heute wird nicht der Nachfolger Kevin Sumlin (von Houston gekommen) coachen, sondern DefCoord Tim DeRuyter, der sich dann auch nach der Partie brav nach Fresno State verzieht, wo er der neue Mann am Steuer sein wird. Alles klar?

Die Aggies leben von einem sehr guten Angriff (496yds/Spiel) um QB Ryan Tannehill (3415yds, 28 TD, 14 INT) und den Top-WR Jeff Fuller, aber die beiden starken Running Backs Michael/Gray sind seit Wochen entweder außer Gefecht oder schwer angeschlagen unterwegs. Northwesterns Defense gilt jedoch immer noch nicht als stark genug, um aTm zu einzubremsen.

Texas A&Ms Defense gilt als ordentlich gegen den Lauf, aber anfällig gegen fliegende Bälle. Die Stärken der Northwestern Wildcats passen da dummerweise genau ins Profil: QB Dan Persa muss in Abwesenheit eines ernst zu nehmenden Laufspiels viel und oft werfen und gilt dann auch als sehr akkurater QB.

Excel spuckt die Aggies trotzdem als 15pts-Favorit aus, wobei noch Fragezeichen bezüglich der Motivation bei den Aggies bleiben. Inwiefern lässt sich der Kader nach dem enttäuschenden Saisonverlauf inklusive verheerender Derbyschlappe gegen Texas vom Interimscoach noch genügend motivieren, um sich ein letztes Mal aufzuraffen?


Hyundai Sun Bowl

Georgia Tech Yellow Jackets – Utah Utes

Sa, 31.12. 20h LIVE bei ESPN America

Billigalternative zum Silvester-Menü: Sun Bowl aus dem warmen New Mexico (Albuquerque). Utah war im ersten Jahr als BCS-Team eine dezente Enttäuschung mit 7-5 in der Pac-12, hatte in der Offense nach einigen Verletzungen nicht viel mehr als den RB John White (1404yds, 14 TD) zu bieten, was sich aber noch recht gut trifft, da Georgia Tech eine schwache Front Seven aufbietet.

Georgia Tech ist unter HeadCoach Paul Johnson mit seiner „flexbone-triple option“-Offense immer ein Hingucker, läuft 316,8yds/Spiel, was sich etwas weniger gut trifft, weil Utahs absolut größte Stärke die Lauf-Defense ist. Die Utes haben zwar heuer keine Option-Offense gesehen, jedoch in den vergangenen Jahren gegen Air Force verteidigt. Die Yellow Jackets gelten trotz aller Pitches und Options als eigenartig abhängig von den Wurfkünsten QB Tevin Washingtons, die in der zweiten Saisonhälfte eher ein nervöses Abzugshändchen waren.

IMHO eine der interessantesten Bowls, was Matchups und Aufeinandertreffen von Stärke und Schwäche angeht. Ich vertraue angesichts einer Unmasse an zu erwartenden Laufspielzügen dem Excel-Spread von 2pts zugunsten Utahs nicht wirklich und sage trotz völliger Unwissenheit über den Sieger kein Spiel voraus, das knapp enden wird.


AutoZone Liberty Bowl

Cincinnati Bearcats – Vanderbilt Commodores

Sa, 31.12. um 21h3o LIVE im ESPN-Player
Sa, 31.12. 23h30 LIVE bei ESPN America (Einstieg in die Endphase)

Wenn man über dieses Spiel ein paar Zeilen verliert, kommt man nicht drum herum, den Umschwung an der gebrandmarkten Verlierer-Universität Vanderbilt (aus Nashville/Tennessee) zu thematisieren:  Jahrelang in der SEC verlacht und verspottet, aber seit letztem Winter sitzt dort der glatzköpfige Offensivgeist James Franklin am Ruder, der dann auch gleich in seiner Debütsaison mehr Siege holte als die letzten beiden Jahre zusammen. QB ist mit Jordan Rodgers der Bruder des großen Aaron, und Jordan fügte sich dann nach anfänglichen Problemen auch ordentlich ein, machte mit seiner Beweglichkeit viele Plays. Cincinnati (9-3) wird nun doch mit seinem in Rekordzeit wieder genesenen QB Zach Collaros antreten können, was essenziell sein könnte, da Vanderbilts Pass Rush zwar als aggressiv gilt, aber die Deckung viele Yards aufgibt – der unerfahrene Backup Munchie Legaux wäre hier vermutlich leichter verbrannt worden (Excel-Spread übrigens: 0,0 Punkte).


Kraft Fight Hunger Bowl

Illinois Fighting Illini – UCLA Bruins

So, 1.1. Tape um 9h30 bei ESPN America

Ein Spiel mit Potenzial zur schlechtesten College-Bowl seit Äonen: Illinois nach sechs Niederlagen en suite von 6-0 auf 6-6 gefallen und HeadCoach Ron Zook gefeuert, UCLA nach wechselhaftem Saisonverlauf 6-7 mit haushohen Klatschen gegen USC (null zu fuffzich) und Oregon (31-48) zum Abschluss, Head Coach Rick Neuheisl gefeuert und nur dank einer speziellen Klausel trotz negativer Saison überhaupt qualifiziert. Dazu kommt das ungeliebte Baseball-Stadion AT&T von San Francisco als Austragungsort, wo die beiden Teams an derselben Seitenlinie an der 50yds-Linie voneinander getrennt sein. Zum wenig begeisternden Stuff tragen auch die vielen angeschlagenen Running Backs in Illinois’ Angriff und der Zorn der UCLA-Fans auf den frisch eingestellten HeadCoach für 2012, Jim Mora jr., der heute allerdings noch nicht coachen wird, bei. Bei Illinois wird allerdings bereits die neue Fixlösung, Tim Beckman (von Toledo gekommen), die Spielleitung übernehmen.


Chick fil-A Bowl

#25 Auburn Tigers – Virginia Cavaliers

Sa/So, 31.12./1.1. 01h30 LIVE bei ESPN America
Tape: 1.1. um 12h30 bei ESPN America

Beim Noch-Titelträger Auburn herrscht schlechte Stimmung, weil die Saison in den letzten Wochen noch gegen die Wand gefahren wurde, die Coordinators mittlerweile entlassen oder an anderen Orten Chefcoaches geworden sind (OffCoord Malzahn soll noch dieses letzte Spiel leiten) und die einzige nennenswerte Offensiv-Waffe RB Michael Dyer aus nicht genannten Gründen intern für das Spiel gesperrt wurde. Da hätten wir dann auch gleich unser erstes essenzielles Matchup: Auburns an #104 gerankte Offense ohne seinen besten Mann gegen eine der besten Lauf-Defenses in der FBS.

Virginia, das kleine Virginia, erlebt unter dem leidenschaftlichen Head Coach im zweiten Jahr, Mike London (ein Schwarzer), einen Aufschwung, der sich in einer überraschend starken 8-4 Bilanz widerspiegelt. Im letzten Spiel der Regular Season wurde man zwar von Virginia Tech 38-0 in Grund und Boden gemäht, aber das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hochzufrieden mit der Entwicklung ist. Stärke ist die Offensive Line, hinter der sich ein ordentliches Laufspiel und ein fehlerarmer QB Michael Rocco entfalten können und gegen die tackling-resistente Defense Auburns etliche Yards zurücklegen sollten.

Auburn geht als nur leichter Favorit in diese Bowl mit dem genialsten aller Sponsornamen – Chick fil-A – (3,1pts), aber ein Cavs-Sieg wäre alles andere als ein Upset.

BCS Championship 2011: Wenn zwei Zentimeter entscheiden

Hin und wieder geht im Leben alles schief. Und dann kommt man doch noch mit einem blauen Auge davon. Um 7h steht ein Kumpel vor der Tür, mit dem Tape vom BCS-Championship, so frisch, dass sich die DVD noch warm anfühlte. Na denn, let’s review das große Finale (Achtung, Spoiler).

Es war kein herausragendes Spiel. Es war vielmehr ein hoch interessantes, ungewöhnliches Spiel. Und, nein. Die 74 Punkte oder/under wurden nicht erreicht, bei weitem nicht. Am Ende entschieden zwei Zentimeter. Zwei Zentimeter, die ein Knie nicht am Boden war. Doch der Reihe nach.

Viertel #1

Wenn du 37 Tage Pause hast zwischen zwei Football-Spielen, dann kann dir die Uni noch so viel Zeit freigeben zum Trainieren, aber du wirst immer Anlaufschwierigkeiten haben. So diesmal beide Offenses. Zweiter Drive der Ducks, erste INT. QB Darron Thomas mit dem Wurf rechts hinaus, aber dem RB Kenyon Barner flutschte das Ei durch die Finger, direkt in die Arme des DBs Washington. Der Schaden hielt sich insofern in Grenzen, als dass QB-Superstar Cameron Newton auf der Gegenseite recht übermotiviert zu Werke ging: Im zweiten Play ein Wurf über die Mitte, direkt in die Arme von Safety Cliff Harris.

Was Auburn wurscht war, oder besser: DT Nick Fairley. Die Ducks vergaßen, Fairley zu decken, der Defensive Tackle mit dem Hechtsprung durch zu QB Thomas, dessen überschneller Wurf zu schnell für den eigenen Mann war, aber nicht für den Gegner: INT durch die #4 Etheridge.

Viertel #2

Genug des Defensiv-Schlagabtauschs. Plötzlich waren die Offenses wach und Oregon kurz vor dem Touchdown. Und dann, mit einem Pass-Rusher in der Fresse, verpasste QB Thomas, den Ball an seinen Running Back zu übergeben. Sack und nur ein Field Goal. Diese Option-Plays haben bei Oregon noch das ganze Jahr funktioniert, aber diesmal war der QB einen Bruchteil zu langsam beim Lesen der Spielzugentwicklung.

Auf der Gegenseite nahm auch der Angriff der Tigers Fahrt auf. Newton: Pump Fake, Pass, und in der Mitte des Spielgfeldes ist plötzlich WR Kodi Burns meterweit offen, läuft durch und schleift zwei Verteidiger mit in die Endzone, 7-3 Tigers.

Reaktion? Nun, Oregon ging an der eigenen 7 raus, WR Jeff Maehl wurde auf einen tiefe Slant-Route geschickt und QB Thomas mit dem laaaaaaaangen Ball, den der weiße Maehl mit einem Schritt Vorsprung gegen die schwarzen Defensive Backs aus der Luft pflückte und in die gegnerische RedZone marschierte. Drei Plays später: Touchdown. Ein Spielzug, der sich auf die rechte Seite entwickelte, doch dann QB Thomas ansatzlos mit einem Lateral-Pass über die Schulter auf RB LaMichael James, der zum TD spazieren kann. 10-7? Nope. Chip Kelly macht das, was er gerne macht: Dicke Hosen anziehen und schauen, was geht. Fake beim P.A.T., ein Option-Spielzug über den Punter und der Kicker mit dem Hechtsprung in die Endzone. Also 11-7 und keiner konnte wissen, dass das für die Dramaturgie des Spiels noch wichtig werden sollte.

Es lag an Auburn zu reagieren. Die Tigers mit viel RB Michael Dyer und QB Newton, viel Laufspiel. Immer wieder Newton mit den 2yds über die Mitte beim 3rd down. Es hatte was von der Iron Bowl. Am Ende Newton mit einem fürchterlichen Pass beim 4th down in die Endzone, der vor dem weit offenen Receiver zu Boden fällt. Oregon an der 1/2yds Line. DT Fairley wird ausgetauscht, der Backup reißt RB James zum Safety in der Endzone um. 11-9, und das in einem Footballspiel!

Safety-Kick, Auburn auf dem Vorwärtsmarsch, QB Newton unter Druck, und findet links draußen WR Blake, der von einem Linebacker bewacht wird und dadurch einfaches Spiel hat, durchzulaufen. Halbzeit, 16-11. Lange etwas zäh, aber im zweiten Viertel ging’s rund.

Viertel #3

Gleich zu Beginn zeigte Newton, warum er es in die NFL schaffen könnte: Wunderschöner Pass in den Lauf des Tight Ends mit dem genialen Namen: Philip Lutzenkirchen. Weil Newton aber nicht konstant solch brillante Bälle wirft, nur Field Goal, 19-11.

Zwei Angriffe später wieder Chip-Kelly-Alarm. Fake Punt, und der Punter wartet erneut bis zum letzten Moment, ehe der Vorblocker frei wird, lupft den Ball über den heranstürmenden Verteidiger zum 1st down. Großartiger Spielzug, und Oregons Offense kommt plötzlich ins Rollen, inklusive Traumpass in den Lauf von WR Tuinei. An der Goal Line aber dominiert wieder DT Fairley und seine D-Line. Die Spread Offense der Ducks kriegt nicht genug Blocks hin und am Ende der Goal Line Stand gegen RB Barner. Überraschend wurde RB James nicht eingesetzt.

Schlussviertel

Das Spiel wieder zäher. Ehe es fünf Minuten vor Schluss noch mal wild wird. Plötzlich rauscht von hinten die blonde Mähne von OLB Casey Matthews heran und schlägt Newton beim Scramble den Ball aus der Hand. Casey, der kleine Bruder von Clay! Oregons Offense kommt aber nicht wirklich in Fahrt, wieder 4th down. Wieder Kelly-Moment. QB Thomas wartet wieder bis zum letzten Moment, wirft den Ball 0,02 Sekunden vor dem Hit in die Arme von WR DJ Davis, dessen Gegenspieler vom Referee (!!) getackelt wird. Wieder Goal Line Stand, und diesmal ist Oregon schlauer, lässt den Pass Rush kommen und Thomas mit dem Shovel-Pass zu James, der einlaufen kann, 19-19 nach fantastischem Catch durch WR Maehl bei der 2pt-Conversion.

Noch 153 Sekunden auf der Uhr, letzer Drive – und es wird bizarr. RB Michael Dyer – ein Freshman – wird beim 1st down getackelt. NNNNNNNOPE! Dyer steht auf, kein Referee pfeift, die Defense sortiert sich zum Huddle, und plötzlich rennt Dyer los! 37yds weit. Was passiert?

Die Wiederholung zeigt: Dyers Knie war um 2cm nicht am Boden, ehe es AUF den Oberschenkel (!) des Verteidigers fiel. Also kein Kontakt mit dem Boden. Es ist der entscheidende Spielzug. Oregon kriegt die Ducks zwar an der 1 gestoppt, aber mit auslaufender Uhr macht Wes Byrum eiskalt den Sack zu. 22-19, Auburn nach 53 Jahren wieder National Champion.

Dat war’s

Es war kein herausragendes Spiel und schon gar kein Offensiv-Festival. Trotzdem ein würdiges Finale, voll von Eiern, voll von großartiger Defensive und (leider) ohne allzu viel von der stilbildenden Ducks-Offense.

Auburn ist Champion, wird vermutlich QB Newton verlieren, vielleicht gar noch NCAA-Sanktionen kriegen. Sicher weg sein wird DT Fairley, der seinen Ruf bestätigt hat: Großartiger DT, unfairer Spieler (Schlag ins Gesichtsgitter von RB James).

Oregon wird bis auf WR Maehl alle seine Skill Player zurückbringen und im nächsten Jahr wieder ein heißer Kandidat auf den Titel sein. Schade um Oregon, aberdukannstnichtimmeralleskriegen.