Cleveland Browns in der Sezierstunde

Die Cleveland Browns haben mehr oder weniger offiziell die Raiders als Komödiantenstadel Nummer 1 in der NFL abgelöst – Pate steht dafür der verrückte Start in die Offseason 2014, als man nacheinander Head Coach Rob Chudzinski nach nur einem Jahr feuerte, sich wochenlang auf der Suche nach einem Nachfolger nur Watschen holte, eine gefühlte C-Lösung präsentierte und schließlich die Bomben zündete in Form von Hausreinemachen mit Entlassung von CEO und General Manager. Zurück bleibt ein Club, bei dem man sich fragen muss, ob der Owner Jimmy Haslam – rein zufällig noch immer in FBI-Ermittlungen steckend – ihn überhaupt noch unter Kontrolle hat.

Es ist also viel passiert, und über die Hintergründe kann man weiter nur spekulieren. Als Positives bleibt festzuhalten: GM Michael Lombardi ist entsorgt. Lombardi ist zwar der Magier, der für RB Trent Richardson noch einen 1st-Rounder via Trade herausholen konnte, aber

a) war sein Vertragspartner Jim Irsay, und
b) irgendwas Positives bewirkt jeder.

Lombardi darf nun in New England wieder Praktikant Belichicks spielen und wird dort keinen weiteren Schaden anrichten. Als sein Nachfolger wurde das Eigenbauprodukt Ray Farmer installiert, ein Mann, von dem man sagt, er sei in der Trainersuche auf Weisung Lombardis überhaupt nicht involviert gewesen. Na denn. CEO Joe Banners Posten wurde erstmal nicht nachbesetzt.

Zum Schreien ist dabei tatsächlich: Die Browns haben einiges Potenzial im Kader, und der neue Headcoach, so unglücklich die Suche nach ihm verlief, ist durchaus ein spannender: Mike Pettine, ehemaliger Defensive Coordinator der Jets und Bills, einer, der schon bewies, dass ihm längerfristige Planung kein Fremdwort ist.

Und er ist mutig, holte sich den ligaweit verpönten OffCoord Kyle Shanahan in den Trainerstab, der nach dem Fiasko in Washington erstmal einigen verspielten Kredit wieder aufnehmen muss. Shanahans Ankunft wird vermutlich für die Browns auch die Umschulung auf eine zonen-basierte Offense bedeuten, die schon sein Vater in Denver kultivierte, und die er selbst schon in Houston kultivierte, und die beide gemeinsam in Washington… kultivierten kann man es vielleicht nicht nennen, aber damit kurzzeitig großen Erfolg hatten.

Pettine nahm einen Posten an, den sonst keiner wollte, denn wer will schon wie Vorgänger Chudzinski nach nur einem einzigen Jahr abgesägt werden? Noch dazu, wenn man Chudzinskis Rahmenbedingungen berücksichtigt – oder die Tatsache, dass die Cleveland Browns 2013/14 durchaus recht fetzige „Upside“ andeuteten: Mit .507 Sieg-Wahrscheinlichkeit gegen den Ligaschnitt war man #18 der NFL nach meinem Power-Ranking, und so ziemlich der klassische Mittelfeldläufer. Die Pythagoreische Erwartung, und überhaupt alle punktbasierten Rankings sehen Cleveland etwas schlechter als die reinen Effizienz-Stats Down für Down, aber no way, dass Cleveland im kommenden Herbst noch einmal bloß vier Siege holt.

Überblick 2013

Record         4-12
Enge Spiele    2-5
Pythagorean    5.4    26
Power Ranking  0.507  18
Pass-Offense   5.5    27
Pass-Defense   5.5     4
Turnovers       -8

Management

Salary Cap 2014.

Das heißt nicht, dass der Einstand der neuen Führungsriege besonders optimistisch stimmte: Cleveland hatte so ziemlich genau drei oder vier echte NFL-Spitzenspieler. Einen davon – S T.J. Ward – ließ man trotz vieler Millionen Cap-Space ziehen. Einen anderen – C Alex Mack – hielt man unnötig lange hin, vergrämte ihn mit einer „Transition-Tag“ Klausel, die zu seinem Abgang hätte führen können.

Es wurden aber auch gute Moves gemacht. QB Brandon Weeden, gescheiterter 2012er-Erstrundendraftpick, wurde nach Dallas ziehen gelassen und somit ein Neuaufbau auf der zentralen Footballposition schlechthin ermöglicht. Weedens Backup Brian Hoyer ist Stand heute die Nummer 1 im Kader, ein blasser Mann, der bisher in New England und Arizona nur als Karteikartenhalter in Erscheinung getreten war, aber letztes Jahr in seinen wenigen Einsätzen zwischen Weedens Demontage und Campbells Verletzung sehr, sehr brauchbar ausgesehen haben soll.

Da folgt die klassische Frage: Sollen wir ihm das abnehmen? Sind drei Wochen Brian Hoyer aussagekräftig genug um 28 Jahre Brian Hoyer vergessen zu machen? Sollen wir ihm eine Chance geben um drauf zu kommen, dass er Matt-Moore-like nach drei weiteren Spielen ausgeguckt ist oder kann er es wirklich packen?

Fakt ist: Cleveland hat mal wieder ernsthafte Fragezeichen auf Quarterback. Lösung a) ist Hoyer zu glauben und eventuell in einem Jahr sicher zu sein, keine Lösung oder die Lösung zu haben. Lösung b) ist, sofort einen neuen Quarterback zu draften. Von Manziel bis Carr geisterten denn auch schon alle möglichen Namen von bekannten Talenten aus dem Draft durch die Gazetten.

Wer auch immer neuer Quarterback wird: Er kann mit Material arbeiten. Bei den Wide Receivers hatte Josh Gordon seinen Durchbruch mit 1646yds aus nur 86 Catches. Von Gordon sind noch nicht alle überzeugt, dass er der neue beste Receiver der Liga ist, aber er sah auf alle Fälle phasenweise brillant aus. Gegen echt gute Manndeckung hat er noch Probleme, aber das haben viele andere auch.

Der groß gewachsene TE Jordan Cameron hat auch Potenzial zuhauf angedeutet, und die große Schwachstelle des Receiving-Corps hinter diesen Jungs wurde in der Offseason mit den Verpflichtungen von Andrew Hawkins aus Cincinnati und Nate Burleson aus Detroit angegangen – zwei wenig spektakuläre Neuzugänge, beide mit Verletzungssorgen, aber sie sind billig und sie bringen neben etwas Routine wohl auch die erhoffte kurzfristige Lösung für 2014 – eigentlich ideal, um noch einen jungen Wideout zu draften und den dieses Jahr einzulernen.

Bei den Runningbacks ist man schon qua Verkauf von Richardson besser aufgestellt als letzten Sommer, sagen die Spötter. Ganz so wird es nicht sein: Richardson war schon ein sehr spezielles Talent – aber einen 1st-Round Draftpick zu haben ist besser. Aus Houston wurde für relativ satte RB-Kohle (3.5 Mio/Jahr) Ben Tate eingekauft, der dort immer wieder kurz vor dem Durchbruch stand, ihn aber nie ganz schaffte. Tate gilt als kräftiger und explosiver Back, soll aber nicht rundum komplett sein, sprich Probleme haben, kurze Pässe aus dem Backfield heraus aufzunehmen. Tates Backups sind allesamt völlig unbeschriebene Blätter, bei denen man wohl auf den Shanahan’schen Effekt hofft.

Wo es nicht ganz übel hapern sollte: Offensive Line. Das Talent ist durchaus da. LT Thomas und C Mack gelten als möglicherweise beste Spieler ligaweit auf ihren Positionen, und beide sollten keine Probleme haben, die Umstellung auf die eher laterale Zonenoffense Shanahans haben. RT Schwartz gilt auch als aufstrebender Spieler, aber auf beiden Guard-Positionen könnte es noch Nachschub in Form von Draftpicks geben – hier ist Cleveland eher suboptimal besetzt.

Die Defense wurde zuletzt zwar ordentlich kritisiert, aber nach NY/A hatte sie eine Top-Passdefense: 5.5 NY/A, viertbester Wert der Liga. Das Personal ist gut für eine 3-4 Defense, die Pettine so liebt, aufgestellt, und mit DefCoord O’Neil holte sich Pettine auch einen alten Weggefährten in den Stab, der seine Denke teilt. Pettine ist bekannt dafür, dass er nicht häufig blitzt, sondern versucht, mit komplizierten „Zone-Wechseln“ zwischen den Outside Linebackers und Defensive Backs Druck auf das Offensive Backfield hinzukriegen. In New York bei den Jets sowie in Buffalo hatte er damit großen Erfolg.

Ganz vorne drin stehen mit den Tackle/Ends Rubin und Bryant sowie dem monströsen Nose Tackle Phil Taylor drei sehr potente, noch relativ junge Line-Spieler, die schon in den letzten Jahren gute Gegenwehr auch gegen bessere Offensive Lines leisteten. Sie sollten als Combo imstande sein, den Linebackers den Rücken frei zu halten, auch wenn sie in Sachen Tiefe Probleme bekommen könnten, wenn nicht noch der eine oder andere Rotationsspieler hinzugefügt wird.

Auf Linebacker ergänzte man den Oldie Karlos Dansby, der zuletzt einen eigenartigen Karriereverlauf hatte: In Arizona kurz nach dem Superbowl-Run 2008 entbehrlich geworden, ging Dansby nach Miami, wo er kurzzeitig mächtig aufgeigte, aber dann als zu alt abgeschrieben gefeuert wurde. Kehrte letztes Frühjahr für einen Minimalvertrag nach Arizona zurück und revitalisierte seine Karriere mit einer All-Pro würdigen Saison. Dansby ist 32 und folgte in dieser Offseason dem Ruf des Geldes, solange er noch konnte. Er unterschrieb für einen zweistelligen Millionenbetrag an Handgeld in Cleveland und ist als neuer Middle-Linebacker angedacht.

Dansby ersetzt den geschassten D’qwell Jackson, aber wer sein Nebenmann werden soll, ist nicht ganz klar: Es gibt kaum bekannte Alternativen. Ein Tank Carder, ehemals Abwehr-Hero bei TCU am College, gilt nicht als robust genug um als mehr als Ergänzungsspieler durchzugehen. Die meisten der weiteren Optionen sind eher Typus „Edge Rusher“ für die OLB-Positionen.

Zum Beispiel Paul Kruger, vor einem Jahr mit dem Nimbus des Superbowl-Champs für obszönes Geld aus Baltimore gelockt, und hernach klarerweise eine Ernüchterung. Oder Jabaal Sheard, der nach zwei sehr guten Einlernjahren schon eher als Wirbelwind an Passrush durchgeht; Sheard war nun zwei Jahre lang die beste Passrush-Waffe der Browns.

Das könnte sich ab heuer ändern, denn der 2013er-Draftpick, Barkevious Mingo, gilt als exzellentes Talent kurz vor seinem Durchbruch: Mingo hatte als Rookie seine Schwächephasen, sogar mehr Schwächephasen als gute Phasen, aber die Lichtblicke die er zeigte, sollen sehr hell gewesen sein. PFF.com charakterisiert den boom or bust-Spieler Mingo zudem schon als eine Art recht kompletter Edge-Spieler.

Wo es berechtigte Fragen gibt: Secondary. Dort wurde der Strong-Safety Ward durch den Hitter Whitner (oder Hitner) ersetzt. Es gibt wenige heftigere Downgrades als Whitner für Ward, wenn man solide Abwehrarbeit schätzt; Whitner steht für eine Handvoll Interceptions und zwei Handvoll blaue Flecken pro Jahr, wandelt aber stets am Rande eines aufgegebenen Big-Plays, weil er nicht flink genug ist um seine Rolle zur vollsten Zufriedenheit aller auszufüllen. Wenn Pettine denkt, er hat hier seinen neuen Super-Safety, könnte er sich getäuscht haben.

Auf Cornerback gibt es mit Joe Haden einen sehr guten Manndecker mit immensem Potenzial, aber Haden sah letztes Jahr manches Mal auch gegen mittelprächtige Receiver sehr, sehr durchschnittlich aus. Hadens bisherige Zeit in Cleveland verspricht allerdings Regression zur Mitte, sprich zur Mitte nach oben. Die restlichen Optionen im Backfield sind eher die Ergänzungsspieler, die du durchrotieren lässt – möglich, dass man bei vorhandenem CB-Talent im Draft nachbessert.

Ich sehe bei den Browns extrem viel schlummerndes Potenzial. Dieser Kader ist viel besser aufgestellt als es die vielen 4-12 und 5-11 Saisons der letzten Jahre befürchten lassen. Er ist halt bisher gescheitert, weil kein einziger der Quarterbacks sich als Glücksgriff erwies. Ob sich daran 2014 was ändern wird? Ob man überhaupt versuchen wird, den QB zu finden? Nix ist fix, aber Punkt ist auch, dass z.B. Seattle auch jahrelang wie eine unaufgeräumte Baustelle aussah, ehe mit Russell Wilson eher zufällig als geplant der QB-Superstar kam und plötzlich alles einen Sinn ergab.

Deswegen folgende Needs:

  1. Quarterback
  2. Defensive Backfield
  3. Inside Linebacker
  4. Offensive Guard
  5. Wide Receiver

Cleveland hat alle Optionen offen. Man hält zwei Picks in der ersten Runde (#4 und #26), man hält den Pick #35, dann zweimal dritte Runde und zweimal vierte Runde. Das ist mächtig Holz zum Abfackeln eines Feuerwerks – eine doch beachtliche Hinterlassenschaft eines ex-GMs wie Lombardi. Es ist noch etwas hin zum Draft, aber so wie es sich momentan zu entwickeln scheint, könnte es sogar sein, dass die Browns mit dem ersten Pick nichtmal einen Quarterback ziehen müssen, sondern eher eine Granate wie WR Watkins oder LB Mack in Angriff nehmen können. Quarterback für die späte erste oder frühe zweite Runde… oder, Cleveland? Oder hast du, Cleveland, noch die Gespenster von Brady Quinn (#22 Pick 2007) und Weeden (#22 Pick 2012) im Hinterkopf?

Stabilität

Vor 13 Monaten war Mike Holmgren Team-Präsident, Tom Heckert GM und Pat Shurmur Head Coach in Cleveland. Dann wurde dieses Trio gegangen. Es wurde Rob Chudzinski als neuer Head Coach eingestellt. Dann wurde Michael Lombardi in das Front-Office geholt und später zum General-Manager bestellt. Joe Banner wurde als CEO eingestellt. Die neue Stabilität der Cleveland Browns wurde proklamiert.

Cut.

Ein Jahr später wurde Chudzinski entlassen. Dann suchte Lombardi einen Monat lang einen neuen Coach. Vom Trümmerhaufen der letzten Hoffenden wurde Mike Pettine aufgegabelt. Gestern wurden Banner und Lombardi gefeuert. Der neueste GM ist Roy Farmer, according to ESPN.

Es soll mir niemand sagen, ich hätte jemals freiwillig ein gutes Wort über Michael Lombardi verloren [1][2][3]. Gratulation, liebe Browns.

Trent Richardson

Ein Nachtrag zum gestern bekannt gewordenen Trade des RB Trent Richardson von Cleveland zu den Indianapolis Colts (Trade-Wert: 1-rd Pick Colts 2014), bei dem sich der finanzielle Schaden für die eh nicht in Cap-Problemen befindlichen Browns in Grenzen hält: Bill Barnwell hat einen kompletten 360°-Blick auf diesen Trade geworfen und alle möglichen Aspekte beleuchtet, vom superioren Pass-Blocking Richardsons über die Sünde, so hohe Picks für die „role player“ Running Backs auszugeben:

Richardson ist für mich ein einzigartiger Back, einer der besten, die ich je gesehen habe. Es ist halt… ein Running Back. Ich halte den Move zwar aus Colts-Sicht nicht für komplett neben die Schuach, aber die Browns kommen doch aus analytischer Sicht als klarer Sieger aus diesem Trade. Das sage ich nicht gern. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Browns-GM Michael Lombardi in diesem Leben noch mal loben würde. Bravo, Michael Lombardi.

Der weise Lombardi

Letzte Woche hatte ich dem großartigen Vince posthum zum 100ten gratuliert, aber wie es ausschaut, ist Vince ein Schulbube verglichen mit der Klugheit eines anderen Lombardi – Michael Lombardi nämlich. Über die „Weisheiten“ von Michael Lombardi dürfen wir bei Joe Fortenbach in der National Football Post lesen, der beim Gedanken an das, was er unter Michael lernen durfte, fast abspritzt: The Magic Number is 50.

Mit solchen Zahlendrehereien kommst du durch keinen Anfängerkurs heil durch. Michael Lombardi war im letzten Jahrzehnt General Manager einer der schlimmsten Franchises der NFL, den Oakland Raiders. Die 2-14 Bilanzen dort kannst aufgrund der verkrusteten Strukturen noch irgendwie entschuldigen. Michael Lombardi ging ins TV, wo er zu einem von mir verhasstesten Pundit wurde. Ich hoffte aber, dass Teams wie Green Bay seinen Weisheiten zuhören würden. Not gonna happen. Michael Lombardi ist seit diesem Winter General Manager bei den Cleveland Browns.

Gratulation, Cleveland Browns.

(Ja, mir gehen Jungs wie Lombardi und Fortenbach auf den Sack, weil Leute wie sie mit ihren „Analysen“ und „Weisheiten“die Statistik bescheißen. Lombardi und Fortenbach finden zufällig irgendwo einen Fakt und verkaufen das Ding als nugget of information. Als ein Stück Information, das Football-Strategie erklären soll. Und der Durchschnittsamerikaner am TV glaubt den Scheiß. Ich sage, was Lombardis Erkenntnis offenlegt: Seine einzigartige Ignoranz. Unglaublich, dass man nach einer langen Lernzeit unter Belichick noch immer kein Jota begriffen hat. Lombardi hat zufällig eine Verbindung zwischen einer wirren Zahlenkombination und einer „Playoffgarantie“ gefunden, unhinterfragt übernommen und in die Welt hinausposaunt. 80% des US-Pundits sind Hohlköpfe, aber Lombardi ist einer der fünf schlimmsten. Oder wie es Chase Stuart so cool formulierte: Die Jungs, die Ende viertes Viertel abknien, gewinnen 98% der Spiele.)

Cleveland Browns in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record         5-11   --
Enge Spiele    3-5  
Pythagorean    6.1   (24)
Power Ranking   .425 (25)
Pass-Offense   5.7   (23)
Pass-Defense   6.1   (14)
Turnover        +3

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Es gibt Franchises, die dümpeln immer irgendwo am unteren Ende der National Football League vor sich hin und dann kommt da plötzlich ein kometenhafter Aufstieg aus dem Nichts. Bestens aufgestellt als nächste Sternchen sollten die Cleveland Browns (die Browns!) sein. Wenn man sich anschaut, wie die meisten erfolgreichen NFL-Teams aufgestellt sind und welche der wichtigen Effizienz-Stats schon heute für Cleveland sprechen, sehen wir:

  • Offensive Line? Check.
  • Defensive Line? Check.
  • Defensive Back? Check.

Wo es fehlt, sind Quarterback und mit Abstrichen Wide Receiver. Und dafür hat der neue Owner Phil Haslam, dessen erste Monate „Amtszeit“ durchaus vielversprechend waren, schließlich zwei der besten Offensivgeister landesweit verpflichtet: Head Coach Rob Chudzinski aus Carolina und OffCoord Norv Turner aus San Diego. Vor allem letzterer macht Hoffnung, denn so fragwürdig Turners Ägiden als Cheftrainer waren, so hoch ist die Meinung vieler – inklusive meiner – von Turner als Kreator von phantastischen Offenses.

Als allererstes gilt Turner als Quarterback-Zuflüsterer, als Magier, der selbst aus einem jungen Alex Smith einen Spielmacher mit NFL-Potenzial machen konnte. Turners Offenses sind – wie jene Chudzinskis – vertikal angelegt. Keine sieben Wide Receivers an der Anspiellinie, sondern 2/2/1-Formationen mit tiefen Routen. Wichtig dabei: Ein Receiver mit big play-Fähigkeiten, ein fangstarker Tight End, ein fangstarker Running Back. Und ein Quarterback mit Kanone von Wurfarm.

Der Running Back dürfte der sicherste Kandidat sein: Trent Richardson gilt als eines der größten Talente seit Jahren und zeigte dies als Rookie bereits andeutungsweise. Bei den Wide Receivers gibt es den ebenso jungen Josh Gordon (31.6% tiefe Anspiele), einen Partylöwen mit Notwendigkeit nach einer harten Hand. Komplizierter wird es bei den Tight Ends: Ben Watson, aus New England bekannt, gilt als zu wankelmütig. Aber mit Jordan Cameron steht ein junger, ehemaliger Basketballer bereit. Tight End? Ex-Basketballer? Es würde mich wundern, wenn Turner da nicht wenigstens kurz an einen gewissen Antonio Gates zurückgedacht hat…

Bleibt die wichtigste Frage: Quarterback. Dort wurde letztes Jahr in einem ebenso spektakulären wie umstrittenen Move der mittlerweile bald 30jährige Brandon Weeden gedraftet, dessen Rookie-Saison nicht jeden begeisterte (geringe Completion-Rate, 17 INT, nur 5.7 NY/A). Der risikofreudige Weeden hat immer den Hang zur Interception, kann aber mit einem Wurfarm auch die 50yds-Bomben auspacken, wenn nötig.

Nun bleibt abzuwarten, was Chudzinski und Turner von der Option Weeden halten; als gesichert gilt, dass der neue GM Michael Lombardi, nicht der unumstrittenste GM unter der Sonne, von Weeden in etwa so viel hält wie Beyoncé von Achselnässenfehlfunktion. Lombardi lechzt nach gigantischen Wurfarmen und soll angeblich bereits in New England ob der Verfügbarkeit des ehemaligen Arkansas-Bombers Ryan Mallett angefragt haben.

Mallett wie Weeden eint freilich eines: Beide haben die Beweglichkeit einer einbetonierten Straßenlampe und sind auf Jahre auf exzellente Pass-Protection angewiesen. Da kommt es gelegen, dass die Browns bereits eine anerkannt gute Line ohne viel Nachbesserungsbedarf vorzeigen können.

Nachdem kaum davon auszugehen ist, dass Cleveland sich mit seinem sechsten Draftpick einen Offensivspieler draften wird, bleiben drei mögliche Optionen: Secondary, Pass Rush, oder Trade nach unten. Eine aufregende Idee könnte eine Einberufung von Alabamas CB Dee Milliner sein, wenn man die Passverteidigung, eine der wichtigsten Elemente einer Footballmannschaft, stärken möchte. Milliner und der All-Pro würdige Joe Haden – im Erfolgsfall wären die Abwehrsorgen der Browns auf Jahre erledigt.

So oder so wird es zumindest für die Tiefe einen oder zwei solide Manndecker brauchen. Den Rest wird DefCoord Ray Horton per scheming erledigen. Horton ist auch so eine Geschichte mit Würze: Jahrelang als Unbekannte durch die NFL getingelt, und schließlich in den letzten drei Jahren in Arizona eine schlichtweg begeisternd gute Defense zusammengebastelt. Jetzt Cleveland. Wieder so eine schnelle Secondary.

Wieder viele nette Bausteine für Hortons 3-4 Defense. Die Defensive Line könnte mit wuchtigen Körpern wie Taylor, Winn oder dem extrem breiten Rubin durchaus bereits stehen, und für die Linebacker-Crew stehen in D’Qwell Jackson und J.M. Johnson guter NFL-Durchschnitt bereit. An den OLBs wird es haken. Jabaal Sheard als ehemaliger Defense End dürfte eine Konstante sein, aber die zweite wird gesucht. Vielleicht im Draft. Vielleicht in Person des schwer gehypten OLBs Jarvis Jones aus Georgia. Ein Move dieser Güteklasse würde Sinn machen.

Für einen Trade nach unten sprechen der fehlende Zweitrundendraftpick (ging für Gordon letztes Jahr drauf) und die wenigen eklatanten Lücken im Kader.

Ausblick

Die Situation bei den Browns ist aufregend. Die Mannschaft hat ein sehr viel besseres Gerüst als man angesichts von jahrelangem Siechtum erwarten würde, und obwohl die heikelste Position (Quarterback) die unsicherste ist, spricht vieles für einen baldigen Aufschwung. Die Coordinators Turner und Horton kreierten in jüngster Vergangenheit jeweils Units vom obersten Regal, und zumindest Turner dürfte als Head Coach soweit verbrannt sein, dass er so schnell keine Abwerbungsangebote bekommen dürfte.

Was Chudzinski so auf dem Kasten hat, bleibt abzuwarten, aber der Mann sollte sich bei solchen Coordinators nicht allzu weit ins Tagesgeschäft einmischen müssen. Aber: Turner war in alten Chargers-Zeiten einer von Chudzinskis Lehr-„Meistern“. Ein X-Faktor könnte GM Lombardi sein, dessen Ego das Browns-Stadion sprengt und der durchaus nicht allen koscher ist. Es spricht einiges danach, als dass sich das Machtgefüge abseits der Trainingsplätze noch einrenken muss. Darin liegt natürlich Sprengstoff.

Abzuwarten bleibt die Qualität des in game-Coachings. Positiv ist, dass Shurmurs „Künste“ nun ein paar hundert Meilen weiter östlich zu bestaunen sind. Aber weder ist Turners Ruf diesbezüglich der beste, noch kommt Chudzinski (Carolina/Rivera, San Diego/Turner) von Stationen, in der gutes PlayCalling an der Tagesordnung stand bzw. erlernt hätte werden können.