Glaskugel 2012: Miami Dolphins

Manchmal ist man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Die umbrüchigen Miami Dolphins sind 2012 in der AFC East. Nicht gut. Für die Dolphins.

Sie sind in einer Division mit den Patriots, bei denen ob ihrer vergangenen Leistungen und ihres Talents tatsächlich mancherorts wieder von einer 16-0-Saison geredet wird. Sie sind in einer Division mit den Jets, die immer noch eine der besten Verteidigungsreihen der Liga haben und deren Angriff besser geworden sein sollte. Und sie sind in einer Division mit den Bills, die sich das erste Mal seit Äonen heftig in der Free Agency verstärkt haben. Nachdem sie letztes Jahr fünf der ersten sieben Spiele gewonnen haben und danach viel Verletzungspech hatten.

In dieser AFC East stehen nun die Dolphins mit einem durchaus talentierten Kader – aber einem neuen Coaching Staff, einem (oder auch zwei) neuen Quarterback und einigen Löchern im Kader. Dazu kommt auch noch heftige Konkurrenz um die Wild-Card-Plätze: Steelers/Ravens; Broncos/Chargers/Chiefs. Schade eigentlich, aber so kann man sich in Ruhe für 2013 aufstellen.

Offense

In der Offense wird alles überschattet vom Duell um den Job als Starting-QB. Wir haben dort: 1) Ryan Tannehill, Nr. 8 overall pick 2012. Rookie, zu hoch gedraftet, braucht noch viel Zeit. 2) Matt Moore. War letztes Jahr schon in Miami und hat dort, wie auch vorher in Carolina, als ins kalte Wasser geworfener Backup gezeigt, daß er gut ist. Nicht großartig, aber gut. 3) David Garrard. Der Mensch gewordene sprichwörtliche “Caretaker”, der auf jeden Fall mindestens zweitbester Backup-QB (nach Dallas´ Kyle Orten) der Liga ist. Auch als Starter macht er nicht viel kaputt, kann aber auch keine “Offense tragen”, wie man so sagt.

Schedule

Wk1 @ HOU
Wk2 v OAK
Wk3 v NYJ
Wk4 @ ARI
Wk5 @ CIn
Wk6 v StL
Wk7 BYE
Wk8 @ NYJ
Wk9 @ IND
Wk10 v TEN
Wk11 @ BUF (TNF)
Wk12 v SEA
Wk13 v NE
Wk14 @ SF
Wk15 v JAX
Wk16 v BUF
Wk17 @ NE

Wer den Ball nun ihn die Hand nehmen wird, entscheidet Head Coach Joe Philbin. Philbin hat sich einen Namen gemacht als Offensive Coordinator der Green Bay Packers um Aaron Rodgers. Seit 2007 hat er unter Head Coach Mike McCarthy erst Brett Favres (vorvorletztes) Halali und dann Rodgers´ Aufstieg nach ganz oben orchestriert. Wenn auch nicht als erste Geige, denn die spielte immer McCarthy.

OC unter Philbin in Miami ist nun Mike Sherman. Sherman war die letzten Jahre Head Coach der Texas A&M Aggies – mit dem QB Tannehill. Zu Anfang des Jahrtausends war Sherman HC der Packers. Dort hat er das von Mike Holmgren, Steve Mariucci und Jon Gruden und all den anderen alten Bill-Walsh-Schülern weit entwickeltes System der West Coast Offense weitergeführt.

Tannehill kennt dieses zwar auch aus seiner Zeit bei den Aggies unter Sherman, aber es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn Garrard mit all seiner Erfahrung nicht den Stammplatz in dieser auf schnelle Entscheidungen, timing patterns und accuracy auf kurzen Routen getrimmten Offense bekommen sollte.

Quarterback ist trotz dem Dreikampf auch gar nicht das Problem dieses Angriffs. Das sind die WRs. Chad Ochojohnson soll mit aller Macht seinen zweiten Frühling als Nr.1 WR haben, nicht weil er immer noch so gut ist, sondern weil sonst niemand da ist. An der anderen Seitenlinien spielt dann Brian Hartline oder Legedu Nanee oder Roberto Wallace oder wer sich sonst im Training Camp am wenigsten dämlich anstellt. Zumindest für den Slot hat man in Miami mit Davone Bess einen Mann, auf den man einigermaßen vertrauen kann.

Tight End spielt der alte mittelmäßige Recke Anthony Fasano oder vielleicht auch 1,95m-Rookie Michael Egnew. Beide sind nicht schlecht, aber vor allem nicht besonders gut.

Im Backfield haben die Dolphins den zweiten Frühling von Reggie Bush; die eventuelle Breakout-Season des ehemaligen 1st-rd pick Daniel Thomas und den heißen Rookie der University of Miami Lamar Miller. Alles nicht schlecht, aber eben: in dieser AFC East nicht gut genug.

Auch die Offensive Line ist ganz anständig. Für die Blind Side haben wir den Prototypen des Elite-Left Tackle in Jake Long. Als Center einen guten Mann mit Mike Pouncey. Als RT den ehemaligen Personenschützer Andrew Lucks. Und die Guards sind zumindest OK. Insgesamt wirklich gut – aber in dieser AFC East. Zu wenig. Es fehlt in der Offense der eine Mann, der alles auf ein anderes Level hebt. In der NFC West würde man damit richtig gut aussehen, aber eben nicht hier. Wrong time, wrong place.

Defense

Die Defense ist sogar noch besser. Cameron Wake ist einer der besten Pass Rusher der Liga. Karlos Dansby einer der besten ILBs. Mit Kevin Burnett und Koa Misi auch noch zwei weitere talentierte LBs, die wild darauf sind, sich zu beweisen.

Mit Sean Smith von Vontae Davis finden wir auch zwei gute Cornerbacks in der Tiefe. Und mit Paul Soilai einen wirklich guten NT; mit Randy Starks einen gute 34-DE; und mit dem 24jährigen Jared Odrick ein Riesentalt in der D-Line.

Letztes Jahr war das nicht zufällig eine Top-10-Defense. Leider ist Defensive Coordinator Mike Nolan (einer unserer Lieblinge) nicht mehr dabei und der neue DC Kevin Coyle, der keine Coordinator-Erfahrung hat, will den Laden von 3-4 auf 4-3 umkrempeln. Immer eine blöde Situation für kurzfristigen Erfolg.

Das sieht insgesamt auch in der Defense gut aus – aber eben nicht sehr gut. Systemwechsel, kein herausragender Safety, wer spielt Nickelback? Auch hier: Talent ist da, gute Leute sind da, aber es wird eben gerade umgebaut.

Ausblick

In einer schwächeren Division könnten die Miami Dolphins ein Breakout-Kandidat sein. Mit dieser Konkurrenz in der AFC East kann man sich aber ganz in Ruhe und ohne großen Druck umbauen. Allerdings sollten schon in dieser Saison erste Ergebnisse zu sehen sein, damit man voll motiviert und mit großen Erwartungen 2013 entegegenblicken kann. In der NFL dauert es nicht lange, bis das erste Stuhlbein des Cheftrainers angesägt wird und um den Stuhl einigermaßen kalt zu halten, sollten schon 6 Siege drin sein. Aber Wunder werden nicht erwartet.

Miami Dolphins in der Frischzellenkur 2012

  • #8 (1) QB Ryan Tannehill Texas A&M
  • #42 (2) OT Jonathan Martin Stanford
  • #72 (3) DE Olivier Vernon Miami (Fl.)
  • #78 (3) TE Michael Egnew Missouri
  • #97 (4) RB Lamar Miller Miami (Fl.)
  • #155 (5) LB Josh Kaddu Oregon
  • #183 (6) WR B.J. Cunningham Michigan State
  • #215 (7) DT Kheeston Randall Texas
  • #227 (7) WR Rishard Matthews Nevada

Diese Draftklasse steht und fällt mit QB Ryan Tannehill. Der neue Coaching Staff um Mike Sherman hat offensichtlich kein großes Vertrauen in Matt Moore, der zum Ende der letzten Saison – mal wieder – wie ein richtig fähiger NFL-Quarterback aussah. Es scheint, als wären alle Mannschaften ohne einen Aaron Rodgers oder Drew Brees bereit, einen Top-10 Pick für jemanden zu riskieren, der bis vor wenigen Jahren noch als prospect in den Runden zwei bis vier gedraftet worden wäre (siehe auch Ponder/Locker/Gabbert 2011). Nun gut. Immerhin kennen sich Tannehill und Sherman aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Texas A&M, daher sollte das Playbook für den jungen Signal Caller kein Buch mit sieben Siegeln sein.

Dazu steht er hinter einer soliden Offensive Line, die dieses Jahr um Jonathan Martin verstärkt wurde. Martin hat während seiner Zeit in Stanford die blindside von Andrew Luck geschützt. Mit LT Jake Long und C Mike Puncey könnte Martin eine der besten jungen Linien der Liga bilden.

DE/OLB Olivier Vernon war in den Neven-Shapiro-Skandal verwickelt und daher letztes Jahr sechs Spiele gesperrt. Er soll ein explosiver Edge Rusher sein, ähnlich Cameron Wake. Die Defense war nicht die große Schwäche der Dolphins und wird so punktuell verstärkt. Da sub-packages eine immer größere Rolle spielen, sollte er von Anfang an viel Spielzeit bekommen. Neben Vernon hat man in den späteren Runden für die Kadertiefe noch einen athletischen LB, Oregons Josh Kaddu, und einen Big Body mit dem Longhorn Kheeston Randall verpflichtet.

Michael Egnew soll irgendwann mal das werden, was Jimmy Graham oder Jermichael Finley sind. Egnew ist ein 2-Meter-Typ, für seine Größe aber ziemlich schlaksig und technisch ungeschliffen. Das waren Graham und Finley aber auch. Mit dem Rookie-QB sind die Dolphins im Aufbau- und nicht im win-now-Modus; Egnew wird Zeit für seine Entwicklung bekommen und könnte mit seinen körperlichen Voraussetzungen ein echter difference maker werden, daher ein gut investierter 3rd-rd pick.

Mit Lamar Miller haben die Dolphins einen weiteren Local Hero gedraftet, der in Kombination mit Reggie Bush und dem letztjährigen 2nd-rd pick Daniel Thomas ein durchaus sehenswsertes Backfield bilden kann. Miller ist ein sehr explosiver Back, der noch viel früher vom Board gegangen wäre, wenn viele Teams nicht ob seiner operierten Schultern und einer Knieverletzung abgeschreckt worden wären.

Überraschend ist, daß man für Tannehill nicht mehr Waffen gedraftet hat, nachdem man den besten WR, Brandon Marshall, abgegeben hat. Die beiden Starter auf der WR-Position wären zu diesem Zeitpunkt Brian Hartline und Davone Bess. Darüber lachen sogar die Nachbarn weiter nördlich in Jacksonville. In der sechsten Runde erst hat man mit B.J. Cunningham einen Receiver gedraftet, der aber immerhin die Rekorde für die meisten Catches und Yards der Michigan State Spartans hält. In 51 Spielen fing er 218 Pässe für 3086 Yards. 2011 wurde er von der Mannschaft zum MVP der Saison gewählt – und nicht QB Kirk Cousins. Vielleicht ein Steal. In der siebten Runde kam noch der kräftige WR Rishard Matthews von Nevada und als ungedrafteter Free Agent Tannehills alter Teamkollegen WR Jeff Fuller hinzu.

Überblick

Mit fünf Picks in den Top-100 könnten die Dolphins einen weiteren Schritt Richtung Top-Team gemacht haben. Die `Fins waren letzte Jahr keine schlechte Mannschaft, man muß nicht bei 0 anfangen. Vor allem die Defense war stark. In zwei Jahren könnten sich RB Miller und TE Egnew als echte Impact Player entpuppen und Jonathan Martin das passende Gegenstück zu Jake Long sein. Sollte Tannehill sich allerdings nicht zu dem Franchise Player entwickeln, der endlich, endlich in die Fußstapfen von Dan Marino tritt (oder wenigstens in seine Badelatschen), dann war auch das alles für die Katz´.