NFL Woche 3, Notizblock Bengals@Redskins

Die Washington Redskins (1-1) empfingen zu ihrer Heimspielpremiere 2012 die Cincinnati Bengals (1-1). Warum das wirklich sehenswert war, gibts after the jump.

Bei diesem Spiel sind zwei Philosophien aufeinandergetroffen. Auf der einen Seite die vergleichsweise langweiligen Bengals, die vor allem in der Defense sehr diszipliniert sind; und auf der anderen Seite die Redskins, die im Angriff aussehen wie eine College-Mannschaft und in der Defense unter DC Jim Haslett wilde Sau spielen und mehr blitzen als jedes Sommergewitter.

Die Defense der `Skins ging schon enorm geschwächt ins Spiel, nachdem OLB Brian Orakpo und DE Adam Carriker sich letzte Woche auf IR verabschiedet haben. In dieser Woche fehlte auch noch Safety Brandon Meriweather verletzt. Cincys OC Jay Gruden wollte gleich mit dem ersten Play mal versuchen, Hasletts Aggressivität gegen ihn zu wenden – und war sehr erfolgreich: WR Mohamed Sanu steht als QB in der wildcat, Washington spielt ohne tiefe Absicherung; WR A.J. Green hat ein 1-on-1 gegen einen Backup-Safety, läßt diesen natürlich locker hinter sich und Sanu, der zu Highschoolzeiten QB gespielt hat und auch im College einige Pässe geworfen, schleudert den Ball einfach so weit wie er kann und Green erläuft ihn sich – 73-Yard-TD. Nach 17 Sekunden steht es 7-0.

Später im ersten Viertel macht Haslett das, was Haslett eben so macht: all out blitz on 2nd&20. Ich werde nie verstehen, warum man so etwas macht. Will er unbedingt ein 3rd&30? In der Regel ist das eine Einladung für jeden einigermaßen fähigen QB. So ein Himmelfahrtskommando funktioniert vielleicht, wenn man einen Darelle Revis hat. Aber ganz sicher nicht mit Leuten wie DeAngelo Hall. Nach 11 Minuten also gibts den zweiten langen Touchdown-Paß der Bengals: Andy Dalton über 48 Yards zu Rookie Armon Binns.

Washingtons-D hatte dazwischen auch ein Big Play, was aber mehr ein Geschenk von Dalton war, der völlig blind eine Interception in der eigenen Endzone zu Back-up OLB Rob Jackson geworfen hat.

Das war aber noch nicht genug Action für den Geschmack aller Beteiligten. Mitte des zweiten Viertels, nachdem Dalton wie fast gesamte Spiel über seine Mannen zu einem 1st Down nach dem anderen dirigiert hat, entscheidet sich HC Marvin Lewis für ein fake field goal attempt von Washingtons 6-Yard-Linie aus – und scheitert. Ein Field Goal später, es steht nun 17-7 Cincinnati, erlebt Washingtons Laufspiel seinen absoluten Tiefpunkt des Tages, als QB Robert Griffin bei einem read option play den Ball saudämmlich fumblet. Drei Minuten vor dem Halbzeitpfiff steht es 24-7 Bengals.

Überhaupt war Griffin den ganzen Nachmittag lang völlig überfordert. Die Bengals haben einfach das alte Rezept gegen Option-Offenses angewendet: alle Spieler, besonders die der Front-7, haben diszipliniert ihre jeweilige Aufgabe erledigt und niemand hat versucht, total spektakulär den Helden zu markieren und Griffin einen Denkzettel zu verpassen. So kamen die Redskins in der ersten Hälfte nur auf sechs passing Yards (6!) bei vier Sacks; 62 rushing yards nur sechs First Downs und drei Punkte. Die Offensive Line (die gleich im ersten Drive LT Trent Williams verloren hat) hatte dabei die größten Schwierigkeiten, gerade gegen die DEs Michael Johnson und Carlos Dunlap.

Hälfte zwei begann Washington dann wie verwandelt. OC Kyle Shanahan verlegte sich viel mehr aufs „richtige“ Laufspiel, vor allem um Griffin aus der Schußlinie zu nehmen, und zwei Drives später, einmal über 9 Plays und einmal über 10, steht es plötzlich 24-24. Das Spiel steht völlig Kopf, als Ben-Jarvus Green-Ellis das erste Mal in seiner NFL-Karriere fumblet. Das war Ende des dritten Viertels und da entschieden sich die Bengals, mal wieder vernünftigen, disziplinierten Football zu spielen.

Dalton steht das ganze Spiel über sehr selbstbewußt in der Pocket, einige Male auch zu selbstbewußt bei den wilden Blitzes und mußte das lange Ballfesthalten mit einigen blauen Flecken bezahlen. A.J. Green zerstört CB Hall in Mannverteidigung ein ums andere mal, aber weil Washingtons DC Haslett ein „my-way-or-the-highway“-Typ zu sein scheint, bleibt es bei man coverages und blitzes und es bleibt dann schließlich auch bei den selben Ergebnissen wie in der ersten Hälfte. TE Gresham macht den TD zum 31-24 und den Schlußpunkt setzt WR Andrew Hawkins mit einem 59-Yard-TD, bei dem er erst seinen Verteidiger schlägt und schließlich im Playstadion-Modus zickzack zwischen einigen anderen Veteidigern hindurch zum 38-24 wuselt. Überhaupt dieser Hawkins! Zuweilen erinnert der kleine Irrwisch an einen Percy Harvin. Er könnte die zweite, dringend benötigte Waffe neben Green sein.

Gegen ganz softe Zonenverteidigung, fast schon prevent defense, kommt Washington zwar nochmal auf einen TD heran, aber weil auch HC Mike Shanahan von den Blödsinnigkeiten seines DCs genug hat (zu seiner Verteidigung sei gesagt, daß sein Personal im Defensive Backfield auch nur Regionalliganiveau hat), versuchen die `Skins mit noch 3:35 Minuten (!) einen Onside Kick. Game Over. Zum Schluß hat Kyle Shanahan dann noch die Referees verfolgt und sie aufs Übelste beleidigt, aber das gehört ja mittlerweile zum guten Ton.

Spieler des Spiels sind die DEs Dunlap und Johnson auf der defensiven Seite. Und der kleine Andy Dalton auf der anderen Seite, der mit der aggressiven Defense umgegangen ist wie ein Großer.

Cincinnati Bengals in der Frischzellenkur 2012

  • #17 (1) CB Dre Kirkpatrick (Alabama)
  • #27 (1) G Kevin Zeitler (Wisconsin)
  • #53 (2) DT Devon Still (Penn State)
  • #83 (3) WR Mohamed Sanu (Rutgers)
  • #93 (3) DT Brandon Thompson (Clemson)
  • #116 (4) TE Orson Charles (Georgia)
  • #156 (5) CB Shaun Prater (Iowa)
  • #166 (5) WR Marvin Jones (California)
  • #167 (5) S George Iloka (Boise State)
  • #191 (6) RB Dan Herron (Ohio State)

Die Tiger aus Ohio waren dieses Jahr als Räuberbande unterwegs, wenn man den Auguren Glauben schenken darf. Steal um Steal wurde eingetütet und mit den beiden 1st-rd picks (den zusätzlichen gabs durch den Carson-Palmer-Trade) hat man vielleicht sogar die beiden besten Spieler auf ihren jeweiligen Positionen geangelt.

Der erste, Alabamas Dre Kirkpatrick, galt lange Zeit als sicherer Top-10 pick und auf Augenhöhe mit dem schließlich an Position sechs genommenen Stephon Gilmore. Schließlich wurde er aber durchgereicht wie weiland Prince Amukamara. Den Bengals fiel somit der dringend benötigte Ersatz für Jonathan Joseph, nach der Spielzeit 2010 für einen großen Scheck gen Houston abgewandert, in den Schoß. Kirkpatrick war ein Cornerstone Crimson Tide-D, eine der besten, die jemals ein Footballfeld betreten haben. Man darf allerdings nicht vergessen, daß Cornerbacks mit die längste Zeit benötigen, um sich an die NFL zu gewöhnen und mithalten zu können. Selten hat schon ein Rookie eine großartige Saison gespielt. Glücklicherweise haben die Bengals mit Nate Clements einen erfahrenen und soliden CB in ihren Reihen, der den Jungspund unter seine Fittiche nehmen kann. Auch Pacman Jones ist noch im Kader, von dem sollte sich Kirkpatrick allerdings nicht all zuviel abschauen; mit diesen Dreien plus No.1 Corner Leon Hall sieht die Secondary zumindest auf dem Papier sehr anständig aus.

Für die mit den junge Superstars DE Carlos Dunlap und DT Geno Atkins bestückte Defensive Line gab es gleich in Runden zwo und drei neue junge Big Bodies, auf deren Stirn groß Steal steht. Devon Steal Still und Brandon Thompson sollen die abgewanderten Jonathan Fanene (Patriots) und Frostee Rocker (Browns) ersetzen. Die Bengals mit ihrem weit über Ohio hinaus geschätzten Defensive Coordinator Mike Zimmer setzen seit Jahren auf eine 7-Mann-Rotation in der Linie, da kann man nie genügend frisches Blut haben.

In Runde 5 gabs für die Verteidigung noch weitere Verstärkung. CB Shaun Prater wird Mühe haben, einen Roster Spot zu ergattern. Aber S George Iloka wird allenthalben als großes Talent vielleicht sogar mit Pro-Bowl-Potential gesehen. Andere sagen, er kann nicht gut genug decken, was bei Safeties heutzutage immer blöd ist, da ständig „neue“ Tight Ends und Slot Receiver des Weges kommen. Immerhin ist er sehr groß und kräftig für einen Safety (1,93m, 102kg) und damit auf jeden Fall brauchbar in der Nähe der D-Line.

Für die Offense wurde zum Ende der ersten Runde Guard Kevin Zeitler verpflichtet, der wohl vor allem dem Laufspiel auf die Sprünge helfen soll. Dafür hat man in der Free Agency schon RB BenJarvus Green-Ellis und OG Travelle Wharton für teuer Geld verpflichtet. Hinten raus, in Runde sechs, kamen auch noch Boom Herrons junge Beine. Der ehemalige Star der Buckeyes sah seine College-Karriere durch einige Regelverstöße und Suspendierungen den Bach runtergehen; könnte nun also auch richtig einschlagen. Zeitler, um auf ihn zurück zu kommen, gilt als Steal und vielleicht gar bester O-Liner der diesjährigen Draftklasse, weil er OFFENSIVE LINEMAN WISCONSIN!

Schließlich ist man auch für den jungen Franchise-QB Andy Dalton noch mal in die Spielzeugabteilung marschiert und hat in den Runden 3, 4 und 5 zwei WRs und einen TE eingesackt. 3rd-rounder Mohamed Sanu ist groß und stark und kann sowohl an der Seitenlinie als auch im Slot spielen. 5th-rounder Marvin Jones soll die besten Hände aller diesjährigen WRs haben. Natürlich gelten beide als Steal. TE Orson Charles soll auch so ein „neuer“ TE sein; sicherer Ballfänger, der auch weite Wege gehen kann.

Überblick

Wenn die vielen angeblichen Steals auch tatsächliche Steals sind, gewinnen die Bengals in zwei Jahren den Super Bowl. So wird es wahrscheinlich nicht kommen. Aber es ist tatsächlich ganz großer Sport, was da in Cincinnati für ein starker, junger Kader zusammengebastelt wird. Fünf Picks in den Top 100; potentiellen Star-CB bekommen; Blue Chipper für die O-Line bekommen; neues Beef für die D-Line Rotation bekommen; neue Waffen für Dalton bekommen. Ohne kopfüber aus dem Fenstersims zu hängen, kann man schon behaupten, daß die Bengals mittlerweile vom Talent her auf einer Stufe mit ihren großen Rivalen aus Pittsburgh und Baltimore sind.