Drei Worte dominieren die 1990er: National Championship Game

College Football ist eine der bizarrsten Sportarten, weil sie sich über Jahrzehnte einer echten Meisterschaftsentscheidung auf dem Spielfeld verwehrte. Es mag heute kaum mehr zu glauben sein, aber bis in die 1990er Jahre hinein war das System so designt, dass der Landesmeister jedes Jahr durch getrennte Abstimmungen unter Journalisten und Coaches ausfindig gemacht wurde, die noch nicht mal garantierten, dass ein einhelliger Meister bestimmt wurde. Weiterlesen

College Football: National Championship Game 2016 Preview

Heute Nacht, ab 2h30 (live bei SPORT1 US) wird in Glendale der Champion der College-Football Saison 2015/16 gekürt. Das Matchup lautet #1 Clemson Tigers (14-0, Sieger ACC) vs. #2 Alabama Crimson Tide (13-1, Sieger SEC). In den Vereinigten Staaten gilt es als erstes Landesmeisterschaftsfinale seit Äonen, in dem wirklich ein Newcomer (Clemson) das alteingesessene Establishment herausfordert. Weiterlesen

Wie Saban Alabama umbaute: Das Wie und Warum

Gestern hatten wir Nick Sabans strategischen Approach in Sachen Football im Blick, heute wollen wir ein bisschen auf die spielerische Komponente von Alabama werfen, denn Crimson Tide hat es in den letzten Jahren gewagt, trotz aller tonnenschweren Rucksäcke (Stichwort Tradition) neue Elemente und neue Ideen von dreikäsehohen Konkurrenten aufzunehmen – ein notwendiger Schritt. Aber weder ein leichter, noch ein selbstverständlicher. Weiterlesen

College Football 2014 nimmt Gestalt an

Die neue Bowl-Season in der post-BCS Ära (ab 2014/15) nimmt Gestalt an, und unter der Woche wurden neue Beschlüsse gefasst. Der aktuelle Stand scheint nun zu sein:

Sechs „große“ Bowls (anstelle von bisher vier) plus das separat ausgetragene National Championship Game. Zwei der sechs Big-Bowls werden jedes Jahr als Halbfinale für das eine Woche später stattfindende Endspiel herangezogen, auf jährlich rotierender Basis. Das System soll für 12 Jahre gelten, ESPN dafür sagenhafte 7.2 Milliarden (!) Dollar geboten haben (ca. 600 Mio. $ pro Jahr).

Die sechs Bowls teilen sich auf in „Contract Bowls“ (Bowls mit fixen Verträgen mit Conferences) und „Host Bowls“ (Bowls ohne vertragliche Bindungen). Das Title-Game wird jedes Jahr meistbietend versteigert.

Die Contract Bowls sollen lt. Sportingnews folgende sein:

Rose Bowl (Big Ten vs. Pac-12)

Sugar Bowl (SEC vs. Big 12)

Orange Bowl (ACC)

Yup, es sind also doch wieder AQ (automatic qualifier) mit im System integriert, allen Unkenrufen zum Trotz. Big Ten und SEC sollen bereits einen zweiten AQ bekommen haben, und zum Wochenbeginn scorten sogar die „other five“, MAC, Big East, MWC, Sunbelt, C-USA, einen Touchdown und bekamen gemeinsam einen Fixplatz in einer der großen Bowls zugeteilt: Der höchstgerankte Champ aus diesen fünf Conferences ist auf alle Fälle fix dabei, und wenn es ein Freakteam wie Colorado State sein sollte.

Es soll ein Zugeständnis gewesen sein, das die großen Player ohne mit der Wimper zu zucken gemacht haben, weil es fair sei.

Rose Bowl bleibt traditionell bei ihren Partnern Pac-12 und Big Ten. Die Sugar Bowl stach in den Verhandlungen um die schon vor Monaten beschlossene Allianz zwischen SEC und Big 12 andere Bewerberstädte wie Glendale, Jacksonville oder San Antonio aus und sieht nun jedes Jahr das Matchup der beiden (zumindest aktuell) stärksten Conferences,

Hinfällig werden die „Contracts“ in Rose, Sugar und Orange Bowl jedoch, wenn deren Champs im nationalen Meisterschafts-Playoff mit dabei sind bzw. wenn die Bowls selbst Semifinal-Gastgeber sind.

Die Independents sind nicht berücksichtigt. Notre Dame könnte allerdings noch einen Vertrag mit der Orange Bowl oder einer anderen Bowl abschließen.

Ein interessantes Vertragsdetail scheint auch zu sein, dass die großen Fünf, SEC, Big 12, Big Ten, Pac-12 und ACC, in jedem Jahr, in dem die jeweils „ihrige“ Bowl (s.o.) ein Playoffspiel abhalten muss/darf, den vollen Umsatzanteil einstreichen wird – guaranteed.

Die Favoriten auf die drei „Host Bowls“ sollen sein: Fiesta Bowl in Glendale, Cotton Bowl Classic zu Dallas/Arlington und die Chick fil-A Bowl von Atlanta. Dieser Bewerbungsprozess dürfte allerdings noch Monate dauern, auch wenn Beobachter das Rennen für entschieden halten.

Weiteres Detail: Ab 2014 sollen Unis Gelder für zu schlechte akademische Leistungen der Footballer gestrichen werden können (ca. 10% vom Gesamtbudget einer Conference) – soweit ich das verstanden habe, kriegt nur die jeweilige Uni das Geld in diesem Falle nicht ausgezahlt.

Die Semifinals sollen – Schreck! – entweder am Silvester- oder Neujahrstag ausgespielt werden. Das Championship Game – keine Bowl, sondern von den Conferences organisiert! – soll am „Champsionhip Monday“, dem ersten oder zweiten Montag im Jänner, ausgespielt werden – Ort wie beschrieben je nach meistbietendem Bewerber.

Die BCS-Rangliste wird entfallen. Anstelle deren wird ein Komitee treten, das die vier Playoffteams auswählt. Die Kriterien. Win/Loss, Strenght of Schedule, direkter Vergleich und die Frage, ob ein Team Conference-Champion ist. Sind schon mal transparentere Kriterien als bisher.

Ganz geklärt sind die Abläufe in Sachen Playoffteam-Auswahl aber noch nicht, und auch die genauen Schlüssel zur Verteilung der TV-Gelder sind noch zu verhandeln. Aber ansonsten scheint sich der Schleier zu legen.

Faszination College Football III: FBS, BCS, Bowl Season und National Championship

Stand des Artikels: Sommer 2011. Die Aktualität sieht schon etwas anders aus: 125 Teams, die WAC existiert im Football nicht mehr, BCS wird ab 2014/15 ersetzt durch eine zweite Playoffrunde.


Wir wissen mittlerweile um Joe Paterno und warum die Amerikaner College Football lieben. Teil 3 bringt etwas Licht ins Dunkel, was die oberste Kategorie des College Football – die FBS (Football Bowl Subdivision) angeht – und was es mit der berühmten Bowl Season so auf sich hat.

Die Conferences

Die FBS besteht aktuell aus 120 Universitätsmannschaften, die sich auf 11 Conferences aufteilen – nicht jede ist sportlich ähnlich hochkarätig, aber jede lässt sich ungefähr geographisch einordnen. Die SEC (Southeastern Conference) ist zum Beispiel im Süden der Staaten beheimatet, im erzkonservativen Bible Belt. Die ACC (Atlantic Coast Conference) findet völlig überraschend entlang der Atlantikküste statt. Die traditionsreiche Big Ten Conference ist im Norden rund um die Großen Seen daheim, die Pac-12 Conference in der westlichen Hälfte der Staaten.

Viele der Conferences sind historisch gewachsen und leben von internen Rivalitäten, aber es gibt immer wieder Wechsel und hin und wieder lösen sich Conferences auf oder fusionieren mit anderen. So geschehen Mitte der 90er, als die legendäre Big 8 Conference mit Teilen der aufgelösten Southwest Conference fusionierte und die Großmacht Big 12 Conference in den Rednecks – dem mittleren Westen der Staaten – entstand.

Man muss im Hinterkopf behalten, dass seit einer kartellrechtlichen Klage 1984 gegen die Zentralvermarktung durch den Dachverband NCAA die Conferences selbst den Ligabetrieb nebst Vermarktung organisieren. Seither passiert es auch hin und wieder, dass Conferences sich geographisch aus dem Rahmen fallende Teams holen – juristisch kann man dagegen nicht mehr vorgehen.

Eine jede Universität spielt zwischen 7 und 9 Spiele gegen Teams aus der eigenen Conference, plus so genannte out of conference games, die mit anderen Teams vereinbart werden – jo, jede Uni spielt letztendlich ihren individuellen, selbst ausgehandelten Spielplan runter.

Dazu gibt es Universitäten, die keiner Conference angehören, sogenannte Independents, die sich mehr Medienpräsenz und Geld erwarten, wenn sie alle ihre Spiele inklusive TV-Verträge selbst aushandeln kann. Derzeit gibt es vier Independents in der FBS: Notre Dame, die Army, die Navy und die Mormonen-Uni BYU.

An der Stelle sei auf die FBS-Liste bei ncaa.org verwiesen und noch einmal auf das Wiki-Bild von gestern:

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Die 120 FBS-Universitäten 2011/12; ©Wikipedia (GNU-Lizenz)

Bowl Season

College Football in der FBS verfügt über kein Playoff-System, um am Ende aus 120 Teams, 11 Conferences und 4 Free Riders einen Meister auszuspielen. Dafür gibt es um die Weihnachtstage bis hinein in die Neujahrstage ein nettes Knuddelmuddel, das sich Bowl Season nennt – die Post Season des College Football.

Eine Bowl ist ein Saison-Abschlussspiel, und jede Uni mit winning season (50% gewonnene Spiele) ist daran teilnahmeberechtigt. Die meisten dieser Bowls finden im Süden der Staaten (oder auf Hawaii) statt, wo es sich bei recht milden Temperaturen leichter aushalten lässt. Eine Bowl ist im Prinzip nichts anderes als ein Freundschaftsspiel gegen eine andere Universität – der sportliche Wert hält sich arg in Grenzen und der Reiz besteht hauptsächlich in einer Geschenkorgie für die Amateurfootballer und einer landesweiten TV-Übertragung.

Es gibt große, traditionelle Bowls (Rose Bowl, Sugar Bowl, Cotton Bowl), die seit Äonen ausgetragen werden und bessere TV-Quoten als die NBA-Finals erzielen, aber die überwiegende Mehrheit der Bowls ist aus der Retorte entschlüpft und trägt kalte Namen wie uDrove Humanitarian Bowl, S.D. County Credit Union Poinsettia Bowl, New Era Prinstripe Bowl oderMilitary Bowl Presented By Northrop Grumman Bowl – diese Spiele interessieren dann nur noch eine Randgruppe und die Stadien sind oftmals nicht mal halb gefüllt. Böse Zungen würden soslche Bowls „Corporate Sponsored Exhibition Game“ nennen.

Aus europäischer Sicht ist die Bowl Season aber trotzdem ein Spektakel, weil man viele Teams zum einzigen Mal in der Saison zu Gesicht bekommt und zudem eine ganze Latte unterschiedlicher Spielsysteme beobachten darf. ESPN America zeigt alle Spiele zumindest in der Konserve, und gut zwei Drittel live.

Für jede Bowl gibt es recht komplizierte Zuteilungs-Schlüssel und jede Bowl hat Verträge mit gewissen Conferences, z.B. spielt in der Chick-fil-A Bowl ein Team aus der ACC gegen eines aus der SEC, wobei der Dschungel zwischen „Regel“ und „Ausnahme“ recht undurchschaubar ist.

So charmant die Sache mit den Bowls aussieht, so nett Southern Miss gegen San Diego State anzuschauen ist: Die Bowl Season hat sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem Riesenverlustgeschäft entwickelt, da die teilnehmenden Unis gezwungen sind, einen vorgegebenes Kartenkontingent einzukaufen (und oftmals nicht wieder loswerden). Jüngst sind auch noch mehrere Korruptionsskandale aufgekommen, die das System bedrohlich wackeln lassen.

Damit ist immer noch nicht geklärt, wie in der FBS der Meister gekürt wird.

Die Meisterkrönung: BCS und ihre Flauseln

Über die Jahrzehnte besaß die Division I die Eigenart, Woche für Woche via Abstimmungen (AP, Coaches udgl.) ein Ranking der 25 besten Mannschaften zu erstellen, und das letzte Ranking nach Ende der Bowl Season bestimmte über den Landesmeister („National Champion“). Richtich, der Meister wurde per Akklamation bestimmt. Das Geschachere war meist herzhaft und die Streitereien würzig – welch Überraschung.

Das führte ab Ende der 80er immer mehr zu einem Umdenken, und Mitte der 90er trat ein neues System in Kraft, geschaffen von den Universitätspräsidenten der größten US-Colleges. Willkommen beim Reizwort „BCS“, ein Akronym für Bowl Championship Series.

Die BCS ist der Zusammenschluss der sechs größten Conferences/BCS-Conferences (SEC, Big Ten, Big 12, Big East, ACC, Pac-12) plus dem Independent Notre Dame, kreiert, um dem Champion einer jeden Conference einen sicheren Platz in einer der vier lukrativen Bowls (Rose Bowl, Sugar Bowl, Fiesta Bowl, Orange Bowl) zuzuschachern – und aus der Taufe gehoben, um am Ende ein „echtes“ Endspiel zwischen der #1 und der #2 der eigens eingeführten BCS-Rangliste zu haben: Das BCS National Championship Game, erst unter dem Deckmantel einer der vier großen Bowls ausgetragen, seit 2007 eine eigenständige Angelegenheit. Zu schnell gegangen?

Also – die BCS-Bowls:

Rose Bowl in Pasadena: Meister Big Ten vs. Meister Pac-12
Sugar Bowl in New Orleans: Meister SEC vs. At-large
Orange Bowl in Miami: Meister ACC vs. At-large
Fiesta Bowl in Glendale: Meister Big 12 vs. At-large

„At-large“ steht für „ist gleich nicht vertraglich bestimmt“: Es wird ein Team eingeladen, das hinreichend hoch gerankt ist plus der Big-East-Meister, denn die Big East hat keinen fixen Bowl-Vertrag. Wenn Notre Dame in den Top-8 gerankt ist, bekommt der Quoten-Hit Notre Dame eine automatische Einladung. Dazu das National Championship Game, das den Landesmeister kürt und um den 10. Jänner rotierend zwischen Pasadena, New Orleans, Miami und Glendale stattfindet.

BCS National Championship Game: BCS #1 vs. BCS #2

Da es sich bei #1 und #2 fast immer um die Meister einer der sechs BCS-Conferences handelt, werden die restlichen Bowls gerne ordentlich durcheinandergewirbelt. Zur Bowl Season gab es im Dezember bereits einmal einen Eintrag.

BCS-Kontroversen

So kompliziert das System klingt, so viele Polemiken löst es Jahr für Jahr aus. Angefangen mit der pseudo-objektiven BCS-Rangliste – ein computergenerierter, intransparenter Mix aus menschlichen Abstimmungen („human polls“) und haufenweise Statistiken – bis hin zur generellen Skepsis gegenüber kleinen Universitäten und deren einfacherem Spielplan fühlten und fühlen sich immer wieder Universitäten massiv benachteiligt.

Ein Team aus einer der fünf Nicht-BCS-Conferences muss schon sämtliche Gegner in Grund und Boden spielen, um überhaupt für eine BCS-Bowl in Betracht gezogen zu werden, geschweige denn in das National Championship Game zu kommen: Zuletzt wurden beispielsweise mehrfach Utah, TCU und Boise State obwohl ungeschlagen nicht für das Endspiel in Betracht gezogen – und zertrümmerten in der Folge ihre BCS-Gegner in den BCS-Bowls.

Weil fast jedes Jahr hinsichtlich der BCS-Rangliste die Fetzen fliegen, wird die BCS-Rangliste konstant überprüft, verfeinert, erneuert – mit dem bizarren Ziel, die Computer-Ranglisten den „menschlichen“ Ranglisten anzunähern. Ein Fakt, der schon für sich nach Zerschlagung der BCS schreit.

In 13 Ausgaben hat übrigens nur 7x die #1 über die #2 triumphiert, und dies auch nur, wenn man die getürkte USC-Meiterschaft von 2004/05 mit reinrechnet. Da auch American Football ein Sport ist, der auf dem Platz entschieden werden will, kräht auch Sideline Reporter beharrlich nach einem Playoff-System, das zumindest einer größeren Menge als der #1 und #2 die Chance auf den Titel gibt.

Gefühlt wird sich die BCS nicht ewig halten können. Der Druck aus den Medien wird größer und größer, erste kartellrechtliche Sammelklagen werden vorbereitet, und am Wichtigsten: Es wächst eine neue Generation an Sportdirektoren heran, die die alte, verkalkte Generation langsam ablöst und sich zum beträchtlichen Teil durchaus als nicht so engstirnig gezeigt hat.

Alle Einträge über die Themenwoche Faszination College Football finden sich unter den Tags oder im Portal über College Football beim Sideline Reporter. Fragen? Nur zu – was beantwortet werden kann, wird beantwortet.