Coaches und GMs im AFC-East-Karussell

Nach dem alljährlichen black monday gab es etliche offene Trainer- und GM-Stellen. Die meisten sind nun besetzt. Werfen wir einen Blick auf die AFC East, in der es nur wenige neue, dafür viele alte Gesichter gibt. Weiterlesen

Chip Kelly – der Innovator

Wer mich nach den drei präferierten Offenses im American Football fragt, dem werde ich antworten: Boise State unter Chris Petersen, New England unter Bill Belichick, und – natürlich! – Oregon unter Chip Kelly. Letztere ist dabei fast mein größter Favorit, weil sie bei aller Schönheit im Detail auch die ästhetische Ader des Gelegenheitszuschauers anspricht. Der Entwickler dieser Ducks-Offense, Chip Kelly eben, ist nun in die NFL gewechselt, als neuer Head Coach der Philadelphia Eagles.

Dieser Move macht die Iggles auf einen Schlag zur spannendsten Franchise in der Liga. Es gab in der Vergangenheit des Öfteren Wechsel von erfolgreichen College-Coaches in die NFL, mal erfolgreich (Jimmy Johnson/DAL, Barry Switzer/DAL), mal weniger (Steve Spurrier/WAS, Dennis Erickson/SEA+SF, Nick Saban/MIA). Insgesamt sind Trainer mit dem Label „erfolgreich am College“ latent stigmatisiert als accident waiting to happen für den Profifootball, auch, weil College und Profifootball schon teilweise gravierend unterschiedliche Arbeitsfelder sind.

Chip Kelly ist einer der Coaches, die ich am intensivsten über die vergangenen Jahre verfolgte. Ich halte sehr viel von diesem Mann. Wird er sich in der NFL durchbeißen? Die Frage bleibt offen. Coaches mit mehr – und besserem – Resümee sind schon gescheitert. Vieles hängt auch vom Umfeld ab, und es gibt wenige NFL-Städte, in denen sich der Wind so schnell dreht wie Philadelphia. Oft reißen Verletzungen, zwei, drei dumme Niederlagen oder ein stagnierender Quarterback eine Franchise (und ihren Coach) in die Scheiße. Belichick baute in den 90ern eine Super-Mannschaft in Cleveland, fand aber keinen QB. Vielleicht wäre Belichick längst vergessen, wäre ihm in New England mit Pick #199 nicht Tom Brady in den Schoß gefallen.

Diese Unwägbarkeiten sind aber schwer planbar. Ich glaube, Chip Kelly hat alle Voraussetzungen, um sich in der NFL zu behaupten.

Chips Werdegang

Denn durch seine Vita zieht sich das eine: Wissensgier. Kelly war nie ein großer Athlet, spielte in den Niederungen des College Football ein paar Jahre als Defensive Back und coachte danach ab Mitte der 90er Jahre lange Zeit in den Highschools und Colleges an der US-Ostküste. Was ihn immer auszeichnete: Der Wille zu lernen. Kelly war nie ein Mann, der sich zuhause im Hinterzimmer versteckte, sondern ging raus, besuchte andere Schulen, schaute sich Trainingsmethoden anderer Coaches an, redete und bandelte mit Coaches. Ende der 90er wurde Chip Kelly zum OffCoord der kleinen University of New Hampshire berufen und begann dort, Konzepte seiner erlernten Zonenblock-Offense mit Elementen der Spread-Option Offense zu verknüpfen.

Kelly weckte schon damals erste Begehrlichkeiten der NFL (bei Tom Coughlin), aber nur als Wasserträger für Positionstrainer. Selbstsicher wie er war, blieb er in New Hampshire, wartend auf die große Chance. Die kam Jahre später über Beziehungen, und er wechselte zu Mike Bellotti an die University of Oregon. Dort begann der große Aufschwung in Form dieser wundersamen Spread-„Zone read“-Laufoffense mit Zilliarden an kleinen 1,25m-Backs, die 9.7 über 100m sprinten.

Während Kelly vor zehn Jahren an Colleges und NFL vorsprach, um als Eintagespraktikant den neuesten Schrei an Spielzugdesign aufzunehmen, sah die Universität von Oregon plötzlich das Umgekehrte: NFL-Coaches, die bei Kelly lernten. Ein Jon Gruden, Meister der West Coast Offense, wäre um ein Haar als Kellys Offensive Coordinator bei den Ducks gelandet. Leute wie Dungy schickten ihre Söhne zu Kelly. Grund war Kellys tiefster Innovationstrieb, und während die Massen diese glitzernden Irrwische übers Feld zischen sahen, staunte die Fachwelt über Kellys fassungslos gute Trainingsplanung inklusive Nutzung auch noch der letzten Sekunde der knapp bemessenen Trainingszeit im College Football. No huddle nicht bloß als Mittel auf dem Feld, sondern als Lebensphilosophie eines Footballprogramms. Nutze deine Zeit, verschwende keine Sekunde.

Damit sollten die Rahmenbedingungen abgesteckt sein: Chip, der umtriebige Innovator. Ein extrem selbstbewusster Mann, der aus niedersten Niederungen kam, seinen sicheren Job im relaxten Nordwesten der Staaten für das Haifischbecken schlechthin – NFL in Philadelphia – aufgab.

Chip und die NFL

Jetzt kommt der harte Schritt. Anstatt eines einzigen Gottes über sich (Oregon-Booster Phil Knight, der Nike-Gründer) muss sich Kelly nun mit millionenschweren Profis, der wetterwendischen Presse in Philadelphia, einem Owner mit Siegansprüchen und dem speziellsten Fanpublikum in den Staaten auseinandersetzen. Die ersten Monate waren verheißungsvoll.

Kelly nahm nicht den halben Oregon-Trainerstab mit in die Stadt der brüderlichen Liebe, sondern setzte durchaus auch auf Personalien außerhalb seiner Comfort Zone. Das spricht dafür, dass sich Kelly der Unterschiede zwischen NFL und College bewusst ist. Zum zweiten attestiert man ihm, nicht eine bedingungslose Symbiose mit „seiner“ Spread-Laufoffense eingegangen zu sein, sondern durchaus „nur“ eine konzeptionelle Idee von Offensiv-Football zu haben und diese sehr adaptiv gestalten zu können.

Das heißt in anderen Worten: Football ist für Kelly keine Aneinanderreihung von einstudierten Spielzügen, sondern im Kern ein „Nummern-Spiel“ wie bei Peyton Manning. Die Defense ausgucken, je nach Aufstellung seine Plays ansagen. Die Offense ist „spread“, weil die Defense sich dadurch breiter aufstellen und ihre Intention preisgeben muss. Steht sie „front-lastig“, wird geworfen. Steht sie mit Nickelback am Platz, wird gelaufen. Das atemberaubende Tempo zwischen den Snaps als Mittel, die Defense in ihren Optionen zu limitieren. Das liest sich alles wie bei Belichick/Brady in New England, und im Kern ist es auch nix anderes.

Kriegt Kelly einen Top-Werfer auf QB, wichst er einen Patriots-Klon über das Spielfeld. Als pragmatisch genug dafür schätzt man ihn ein, denn Kelly zwängt einem Team nicht per se „sein“ System auf, sondern passt es an. Ein Geben und Nehmen. Man darf annehmen, dass Kelly liebend gerne einen mobilen Quarterback hätte, um die Stärken seiner Philosophie zu maximieren, aber wenn es am Ende eine Statue mit Granatenarm wird – so what? Die nächsten zwei, drei Jahre werden zeigen, in welche Richtung Kelly seinen Angriff zu lenken gedenkt.

Aus seiner Vergangenheit kann man schließen, dass Kelly es liebt, vielseitige Laufspielzüge zu kreieren. Dass Kelly fangstarke Tight Ends mag. Groß gewachsene Wide Receivers. Flinkfüßige Athleten in der Offense Line lieber als 370-Kilo-Bomber. Die Zonenblock-Offense verlangt danach. Kelly hasst Sacks. Der Quarterback muss in der Lage sein, im letzten Moment den Ball zumindest aus der Pocket zu feuern. Kelly liebt druckvolle Defensive-Fronts. Daher lässt er gerne 3-4 mit passrush-starken Outside Linebackers spielen.

Kelly ist extrem anspruchsvoll und fordert vollen Einsatz in Training und Spiel. Wer nicht spurt, fliegt (hallo, DeSean Jackson!). Kelly liebt es, seinen Spielern Details nicht bloß einzuprügeln, sondern sie zu lehren und zu erklären. Warum spielen wir No-Huddle? Warum spielen wir nicht ausschließlich Option? Warum dieses? Warum jenes? Warum Shurmur?

Darum: OffCoord Pat Shurmur ist eine interessante Personalie. Mein Misstrauen gegen den Mann ist seit seiner Zeit bei den Browns gewachsen, aber Shurmur kommt aus der Tradition der West Coast Offense (Holmgren, Andy Reid) und sollte als Pass-Guru und Quarterback-Entwickler das willkommene Gegenstück zum lauf-affinen Kelly sein. Es zeigt auch eines: Kelly weiß, dass er in der National Football League seine Quarterbacks nicht durchtauschen kann wie am College die Kollegen Dixon, Masoli, Thomas, Bennett oder Mariota. Du brauchst einen, du brauchst deinen Franchise-Quarterback. Und Shurmur ist der Zuflüsterer. Ein potenziell guter Move. Manche Leute sind halt mehr die geborenen Umsetzer (Positionscoaches, Coordinators) denn die Strategen und Visionäre (Head Coaches). Shurmur dürfte einer von diesem Schlage sein.

Um zum Schluss zu kommen: Kelly steht für das Streben nach Vollkommenheit. Der Mann ist ein positiv Wahnsinniger, aber er ist – und das zeigt seine jahrelange Verbandelung mit vielen Coaches wie Belichick, Gruden oder Dungy – stets auf der Suche nach neuen Impulsen. Dieser Drang zur ständigen Selbsthinterfragung, diese Suche nach neuen Wegen – all das allein macht Kelly für mich schon zu einem Mann, dem ich meinen Cheftrainersessel geben wollte. Geht es schief, kannste in drei Jahren den Stecker ziehen und es wieder mit Joe Cleveland und ruhigeren Zeiten versuchen.

Kelly gibt die Möglichkeit zur Evolution. No risk, no fun. Selbst wenn der Karren gegen die Wand fährt (und das Risiko ist durchaus da), bist du danach froh, es probiert zu haben. Denn die Möglichkeit, großartig und stilbildend zugleich zu sein, geben dir nur ganz wenige Menschen. Chip Kelly ist einer von ihnen.