NFL-Franchises im Porträt (25): Cincinnati Bengals

Die Franchise-Serie zur NFL zieht sich nun schon viereinhalb Jahre. Acht Teams fehlen noch. Heute an der Reihe: Die Cincinnati Bengals, ein „Small Market Team“ aus Ohio, das in den 1980er Jahren zweimal um ein Haar die große Dynastie der San Francisco 49ers zum Wanken gebracht hätte. Weiterlesen

NFL-Franchises in der Vorstellung, #22: New England Patriots

Über lange Jahre eine graue Maus, gelten die New England Patriots seit gut einem Jahrzehnt als Modellfranchise. Grund dafür ist eine Reihe glücklicher Fügungen, aber auch bemerkenswerte Konstanz unter dem vielleicht besten Coach aller Zeiten. Weiterlesen

NFL-Franchises im Kurzporträt, #18: Arizona Cardinals

Was kaum einer weiß: Die Cardinals sind die älteste Franchise der NFL. Bis sie aber überhaupt in der Wüste gelandet sind, musste sie Ortswechsel, Dürreperioden und viel, viel Spott über sich ergehen lassen.

That’s not maroon!

In einem Viertel von Chicago formierte sich 1898 der Morgan Atletic Club, ein Amateur-Ballsportverein. Seit 1901 heißt man „Cardinals“. Grund: Die Amateure bekamen einen Trikotsatz spendiert. Der war jedoch nicht braun (maroon), sondern kardinalrot. Deswegen „Cardinals.“

Man war bald ein Profiteam, das in den Anfangsjahren arge Probleme hatte, adäquate Gegner zu finden, weswegen die „Profis“, auch aufgrund von Krankheitsserien und Weltkriegen, eigentlich nur Teilzeitprofis waren. Bis in die 20er, als man in die blutjunge NFL eintrat. Profi-Football, zur damaligen Zeit in etwa so bedeutend wie die ostfriesische Frauenboßelmeisterschaft. Immerhin: 1925 gewann man per Liga-Dekret den Titel, den ersten von zweien in der Vereinsgeschichte.

Die Cardinals waren danach ein verspottetes Verliererteam, das nur Ende der 40er Erfolge einheimsen konnte: Je einmal Titelgewinn und Finalniederlage gegen die Eagles, doch in den 50ern war man so schlecht, dass die Zeitungen nicht mal mehr über die Mannschaft berichteten und entsprechend schlechte Zuschauerquoten eingefahren wurden. Die Ownerfamilie Bidwell sah sich genötigt, gen Westen auszuwandern.

Cardiac Cardinals

„Gen Westen“ heißt: Sie blieben am Tor zum Westen hängen. In St Louis. Dort gab es dummerweise bereits eine Baseball-Mannschaft namens St Louis Cardinals (soll es by the way heute noch geben) und trotzdem gab es keine Umbenennung. Verwunderlich, dass es gerade in Amerika keine Klage von Seiten der einen oder anderen Mannschaft gab, die das alleinige Namensrecht für sich beanspruchte.

Anyhow, die Cardinals waren zwar eine bessere Mannschaft und deutlich lieber gesehen als in Chicago, aber viele Playoffs gab es nicht. In den 70ern machte man sich aber einen Namen als Cardiac Cardinals – als Team, das für spektakulär knappe und spannende Spiele stand – mit einem Ausgang mal pro, mal contra. Das Contra kam aber stets vor der Superbowl.

Wenn du nicht gewinnst, schaut dir im Land der Amerikaner über kurz oder lang keiner zu. So auch in St. Louis. 1988 setzte Bidwell nach dem 28jährigen Zwischenstopp in St Louis seine Reise gen Westen fort und zog weiter nach Phoenix, Arizona.

In der Wüste

Ob als Phoenix Cardinals oder ein paar Jahre später als Arizona Cardinals: Man stand für die Niederungen der NFL. Ob der Verbleib in der NFC East und der dadurch hohe Reiseaufwand mitschuldig war? Da waren zwar attraktive Gegner (Dallas, Washington, Philadelphia), aber die Reisekosten, baby. Verheerend auch: Der eigene Markt und der zweite Zielmarkt New Mexico waren als Cowboys-Terrain verschrien. Das eigene Stadion war meistens dreiviertel leer, Folge: Keine Übertragungen im Heimatmarkt Phoenix, was natürlich auch bedeutet: Keine Sau weiß, dass es dich überhaupt gibt.

Keine Zuschauer, keine Erfolge. Man stand für Tristesse. Einzig der Lokalheld QB Jake Plummer sorgte für etwas Erheiterung und führte Arizona 1998/99 mit seinem spektakulären Spielstil mal in die Playoffs, wo – bitte festhalten – die Cowboys (!) auswärts (!!) in Grund und Boden (!!!) gespielt wurden. Man kann sich vorstellen, wie fürchterlich es um eine Franchise steht, wenn man sich an so einem einzigen wunderbaren Tag jahrelang aufrichten muss.

Rising up

Auch die 2000er begannen fad, bis 2004 um WR Larry Fitzgerald ein echter Kern gedraftet wurde, auf dem sich aufbauen ließ. Ein Jahr später kam der schon als verbraucht geltende QB Kurt Warner, der einst sensationell die Rams zum Titel ge-quarterbackt (oder so) hatte und nur noch zwei Gehirnerschütterungen vom Karriereende entfernt war, ein weiteres Jahr später der Heiland: QB Matt Leinart.

2008, und der uralte Warner zeigte dem Jungspund Leinart, wo der Hammer hing, führte die Mannschaft erstmals seit Äonen wieder in die Playoffs. Und dort spielte sich Unglaubliches ab: Arizona siegte (Atlanta) und siegte (Carolina) und siegte (Philadelphia) und stand in der Super Bowl. Arizona! Die Cardinals!

Super Bowl XLIII wird als eines der besten NFL-Spiele aller Zeiten angesehen. Arizona verlor, 23-27. Aber das war nicht der Punkt, denn wenn du so spielst, dann kannst du mit erhobenem Haupte gehen. Irgendjemand, der noch weiß, wer 1982 die Meisterschaft gewann? Nein? Aber jeder weiß, wer sie 2008 verlor. Und niemand wird es je vergessen.

Im Jänner 2010 sorgte man mit einem spektakulären, quasi ohne Verteidigungen gespielten 51-45 gegen Green Bay für einen Playoff-Punkterekord. Eine Woche später trat Warner nach einem Bodycheck, der ihm alle Extremitäten vom Körper riss, zurück. Seither ist Arizona auf der Suche nach einem neuen Quarterback.

Das Stadion

University of Phoenix Stadium

University of Phoenix Stadium – Bild: Wikipedia.

Arizona mag als eher langweilige Franchise daherkommen, aber das Stadion ist großartig – das University of Phoenix Stadium (63.000 Plätze), seit 2006 in Betrieb und eine futuristische Arena mit verschließbarem Dach und ausfahrbarem Rasen. Kurios: Die Uni von Phoenix ist weder Besitzer der Arena, noch hat sie eine Footballmannschaft. Sie ist einzig Namenssponsor. Obwohl noch so jung, dass man immer noch den Lack aufm eigenen Sessel riechen kann, hat das Stadion schon die ganz großen Spiele erlebt, an die man sich noch in 150 Jahren erinnern wird: Super Bowl XLII (Manning to Tyree) und Fiesta Bowl 2007 (das unvergessene Boise-State-vs-Oklahoma-Spiel).

Rivalitäten

So richtige Rivalitäten haben die Cardinals trotz einer extrem langen Historie nicht entwickeln können. Gründe könnten das sportliche Siechtum sein und in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten der hohe Lebensstandard in Phoenix: Den Leuten geht es dort einfach zu gut, um sich mit so unwichtigen Dingen wie Footballrivalitäten auseinanderzusetzen. Am ehesten haben sich die Duelle mit den San Francisco 49ers in den letzten Jahren zu heißen Auseinandersetzungen entwickelt.

Gesichter der Franchise

  • Larry Fitzgerald – WR, und was für einer. Dürfte schon jetzt als bester Spieler der ansonsten wenig ruhmreichen Clubgeschichte gelten.
  • Pat Tillman – patriotischer Safety. Meldete sich, obwohl Pro Bowler und kurz vor einem schweren Millionenvertrag, freiwillig zum Kriegsdienst in Afghanistan, wo er durch friendly fire ums Leben kam.
  • Kurt Warner – QB und Gutmensch. Ich werde Warner so schnell nicht vergessen. Vor allem die Playoffs 2008/09 waren absolut fantastisch. Kein Spieler, der so cool gegen den Pass Rush spielt, obwohl er schon fuffzich Mal mit Brummschädel im Bett liegen musste. Eine ausführlichere Warner-Story habe ich schonmal früher geschrieben.

korsakoffs Highlight

Super Bowl XLIII – Ein Spiel mit fantastischen individuellen Leistungen und einem richtig tollen Schlussviertel. Ich habe es glaube ich schon ein halbes Dutzend Mal gespostet, aber es ist so grandios, dass ich es immer wieder bringen muss: Der Mitschnitt der ORF-Kommentierung von Christopher D. Ryan und Michael Eschlböck beim Touchdown Larry Fitzgeralds zur zwischenzeitlichen Führung von Underdog Arizona im letzten Viertel: Touchdown Arizona.

Eckdaten

Gegründet: 1898 als Morgan Athletic Club
Besitzer: Bill Bidwell (Hauptberuf Erbe)
Division: NFC West
Erfolge: Superbowl-Verlierer 2008, NFL-Champ 1925, 1947, 8x Playoffs (5-6)

NFL-Franchises im Kurzporträt, #17: Carolina Panthers

Trotz einer noch sehr kurzen Geschichte haben die Carolina Panthers schon vieles durchgemacht – vom Topteam zum Bodensatz und am Ende einen Kick vom Superbowl-Titel entfernt.

Die Kätzchen schlüpfen

Die NFL vergab Mitte der 90er zwei neue Plätze – Jaguars und Panthers entschlüpften. Für Carolina und seinen Owner Jerry Richardson (ein ehemaliger NFL-Profi) sprach vor allem die Tatsache der riesigen Begeisterung (besser: das viele Geld) in der Region um Charlotte. Man wollte das Stadion per Verkauf von Sitz-Lizensen bezahlen. Noch am ersten Tag waren alle Lizenzen verkauft – BEVOR überhaupt die Sicherheit da war, dass Carolina eine Footballmannschaft bekommen würde.

Erster Aufstieg

Unter Coach Dom Capers waren die Panthers dank Free Agency und guter Einkäufe schnell erfolgreich – schon im zweiten Jahr stand man wie die parallel gegründeten Kollegen in Jacksonville im Conference Finale, verlor gegen die Packers. Der schnelle Aufstieg dank teurer Free Agents resultierte aber in einem ebenso schnellen Abstieg: Aufgrund fehlender Weitsichtigkeit wurden die Panthers in den nächsten Jahren immer schlechter, auch, weil das QB-Talent Kerry Collins mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Collins verschlug es zu Trekking-Touren nach Europa, während die Panthers Capers feuerten und den ehemaligen Superbowl-Coach George Seifert einstellten, der auch nur kurzfristigen Aufschwung bringen konnte.

Fall und Wiederaufstieg

Der Aufstieg war rasant – der Abstieg auch. 2001 verlor man unter Seifert nach Auftaktsieg sämtliche weiteren Spiele und war mit 1-15 Bodensatz der NFL. Das Management hatte den Mut, den gestandenen Coach abzusägen und installierte mit John Fox den Defensive Coordinator der New York Giants.

Fox baute sich innerhalb kürzester Zeit seine Mannschaft zusammen und hatte kurz nach Amsantritt eine Defensive Line, die noch heute für Gänsehaut sorgt: DE Julius Peppers, DT Kris Jenkins, DT Brentson Buckner, DE Mike Rucker. Die Fox’sche Philosophie lautet: Stoppe den Lauf und laufe selbst. Auftritt Stephen Davis. Gemeinsam mit QB Jake Delhomme spielten sich die Panthers im Herbst 2003 dank haufenweise spektakulär knapper Siege (u.a. geblockte PATs in der letzten Spielsekunde, Comebacksiege 16sek vor Schluss, fünf Overtimes) in die Playoffs.

Das Playoffspiel bei den Rams gehört zu meinen absoluten Favoriten. Ich saß schweißnass im Zimmer. Müde, erschöpft. Zweifache Overtime und Carolina gewann im fünftlängsten Spiel der Ligageschichte beim hohen Favoriten 29-23.

Drei Wochen später eine knappe Niederlage dank gegnerischem Field Goal in letzter Sekunde in einer abenteuerlichen Super Bowl. 29-32 gegen New England, und seit diesem Tag hoffe ich, dass die Panthers in absehbarer Zeit mal den verdienten Titel holen. Wenn nötig, dann mit QB Newton.

Die Jahre danach verliefen wechselhaft – messbar auch an den schwankenden Leistungen Delhommes. 2005 scheiterte man im NFC-Finale, 2008 nach einer brillanten Regular Season im ersten Playoffspiel. Jeweils schwache Auftritte Delhommes. Die Schwächen von Fox‘ Spielidee, nämlich mit einem auf Fehlerminimierung bedachten QB, viel Lauf und viel Defense zum Erfolg zu kommen, wurden nun in dem Moment offenbar, in dem der geforderte Quarterback Delhomme sein nervöses Abzugshändchen offenbarte.

Nach einem selten schlechten Jahr 2010/11 ist die RivEra angebrochen und mit dem überraschend vielversprechenden QB-Talent Cameron Newton wenigstens die Hoffnung nach Charlotte zurückgekehrt.

The Vault

Bank of America Stadium

Bank of America Stadium

Die Panthers tragen ihre Heimspiele im in den 90ern gebauten, seelenlosen Bank of America Stadium (Spitzname: „The Vault“) aus (ca. 70.000 Plätze) – vor allem die Fans wären mir ein Dorn im Auge: Bei Rückständen fliehen sie gefühlt noch früher als andernorts, oder buhen ihre Mannschaft gnadenlos in Grund und Boden.

Rivalitäten

Hitzigste Rivalität ist jene mit den Tampa Bay Buccaneers, die zirka in den Jahren 2003, 2004 begründet wurde, damals mit zwei bärenstarken, aber unterschiedlich gepolten Defenses und teilweise Schlägereien nach jedem Spielzug.

Auch NFC-South-Gegner Atlanta haben die Panthers schon zum Rivalen „gewonnen“. Atlanta, weil a) die beiden Heimatstädte Charlotte und Atlanta sich nicht grün sind, b) die Wege zum jeweiligen Auswärtsspielort nicht die allerweitesten sind und c) die Panthers jahrelang ihre Probleme mit Michael Vick hatten.

Ansonsten könnte man nur noch die Dallas Cowboys nennen, gegen die Carolina in der Regular Season praktisch immer verliert, die sie aber in beiden Playoffspielen bislang geputzt haben, beide Male auf dem Weg ins NFC-Finale.

Gesichter der Franchise

  • Julius Peppers – DE, und bisher bester Spieler der Franchise. Peppers war in seiner Blütezeit so gut, dass bis heute im NFL-Draft jede Franchise ihre Fühler nach ähnlich athletischen Abwehrspielern ausstreckt.
  • Kris Jenkins – DT und kritischer Geist. Jenkins war leider zu häufig verletzt und hatte bei den Panthers und Jets jeweils zu kurze Hochphasen, ist aber vermutlich der beste Defensive Tackle, den ich bisher in der NFL habe spielen sehen.
  • John Fox – Head Coach, Mastermind einer Top-Defense und um ein Haar Superbowl-Champ.
  • Steve Smith – der Super-Zwerg. Der wunderbare Superbowl-Touchdown gegen die Patriots ist noch im Gedächtnis, wie auch die sensationelle Vorstellung in den Playoffs 2005/06 bei den Bears. Überhaupt dürfte Smiths 2005/06er Saison eine der großartigsten aller Zeiten für Wide Receivers sein.
  • Jake Delhomme – ich habe Delhomme gemocht, weil er zwar kein Gunslinger war, aber immer wieder diese inspirierenden Momente hatte. Die beiden Playoff-Pleiten in Seattle und gegen Arizona waren verheerende Spiele, aber abseits davon wird mir Delhommes Karriere heute zu schlecht geredet.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2003/04 gegen die Rams – Die drei Wochen darauf folgende Superbowl war auch spektakulär, aber das Playoffspiel bei den Rams war instant classic. Bizarre Touchdowns, fantastische Interceptions, verschossene Fieldgoals, eine immer wieder stockende RedZone-Offense der Rams – Gefühlswellentäler und ein völlig unerwarteter Außenseitersieg in der zweiten Overtime. Ein Spiel, für das es sich lohnt, drei Monate nur Graupenspiele serviert zu bekommen – und here you get the Highlights:

Eckdaten

Gegründet: 1995
Besitzer: Jerry Richardson (ehemaliger NFL-Profi) zu 48%
Division: NFC South
Erfolge: Superbowl-Verlierer 2003, 4x Playoffs (6-4)

NFL-Franchises im Kurzporträt, #16: San Diego Chargers

Pleiten, Pech und Pannen unter Palmen… oder so. Ein paar der größten Spieler aller Zeiten haben in San Diego gewirkt. Erfolge hat die Franchise indes kaum vorzuweisen.

Erste Stromschläge

Gegründet 1959 als Los Angeles Chargers, ist die Franchise schnell nach San Diego runtergezogen und spielte fortan ein Jahrzehnt in der American Football League. Einmal reichte es dabei sogar zum Titel – 1963 in einem lächerlichen Endspielkantersieg über New England. Allerdings waren die „Football unter Palmen“-Chargers schon immer eher die Schönwetterspieler und absolvierten immer periodisch eine gute und dann wieder 2-3 schlechte Jahre.

Die Jahre von „Air Coryell“

Ab Mitte der 70er quarterbackte der Kalifornier Dan Fouts die Chargers und mit Beginn der 80er war man ein hoch respektiertes Team, das allerdings zweimal das AFC-Finale verlor. Diese Jahre sind in den NFL-Annalen als die Jahre der spektakulären, vertikalen Offense „Air Coryell“ verankert, eine für die damalige Zeit revolutionäre Offense mit starker Einbindung des Tight Ends Kellen Winslow sr. – Vorläufer der von Joe Gibbs, Norv Turner oder Mike Martz veranstalteten Angriffsspektakel.

Vor allem die 81er-Mannschaft lieferte zwei ganz nette Anekdoten für die Footballhistorie – zuerst mit einer gewonnenen, spektakulären Offensivschlacht in Miami. Und dann mit dem AFC-Finale.

Es war ein lauer Vorfühlingstag bitterbitterkalter Abend in Cincinnati, so kalt, ich höre Echo des klirrenden Fensterscheiben immer noch. Gemütliche -22°C bei Windstille und Windchill -50°Celsius.

Minus fuffzich.

Ich musste mal bei -24° (Windchill nicht reingerechnet) zehn-zwölf Minuten sturmbedingt auf einem Skilift ausharren. Ich kann garantieren, dass das nicht so angenehm ist (hint: schamlose Untertreibung). Wer da ohne Handschuhe Football spielt oder mit Handschuhen auf der Tribüne sitzt, hat einen Knicks in der linken Gehirnhälfte. San Diego ging 7-27 „baden“.

Danach war man jahrelang ein eher verspottetes Team, bis 1992 Bobby Ross neuer Head Coach wurde und nach einem Fehlstart innerhalb weniger Jahre um den legendären Linebacker Junior Seau eine höheren Ansprüchen genügende Mannschaft baute. Dass die AFC eine schwache Conference war – geschenkt. 1994 wurstelte man sich sogar bis in die Super Bowl durch. Ergebnis: Eine verheerende Schlappe gegen San Francisco, und nur deshalb 23-Punkte-Niederlage, weil die 49ers auf halbem Weg keine Lust mehr hatten.

Der Aufschwung war nur von kurzer Dauer. San Diego begab sich in der Folge wieder in die kuscheligen Niederungen der AFC West. Unglaublich: Schon jetzt sind acht (!) Mitglieder der Superbowl-Mannschaft der Chargers gestorben. Und es sind bizarre Tode: Selbstmorde (Junior Seau), Blitzeinschläge, Flugzeugabstürze – letzterer betraf einen besonders gruseliger Fall in die Everglades, die Sümpfe Floridas. Über Flug ValuJet 592, den Absturz und die Suchaktion danach, habe ich mal eine Dokumentation gesehen, ich werde noch heute beim Gedanken daran vom Schauer übermannt.

Talentvergeudung at its worst

1998 hatte man im Draft die zweite Wahl und holte QB Ryan Leaf. Leaf galt als so gut wie der direkt vor ihm genommene Peyton Manning. Resultat: Manning gilt heute als einer der besten QBs ever. Leaf gilt als einer der größten Flops ever, verscherzte es sich mit alles und jedem und machte nur noch als Modelficker und Drogendealer Schlagzeilen.

Der Flop Leaf führte auch dazu, dass die besten Jahre des kurz danach geholten RB LaDainian Tomlinson einfach verschenkt wurden, da der QB Drew Brees zu lange brauchte, um sich zu entwickeln und seine Blütezeit dann woanders erlebte. San Diego hatte so schlechtes Ansehen, dass 2004 der von den Chargers auserwählte Eli Manning fast Rotz und Wasser heulte, als ihn S.D. an #1 draftete.

Marty Schottenheimer coachte San Diego aber immerhin zu respektablen Saisons – 2006/07 war man das beste Team der NFL, nur um das erste Playoffspiel daheim zu vergeigen. Seither coacht Norv Turner. Resultat: Fast jedes Jahr starten die Bolts katastrophal, erreichen dann dank Kraftakt die Post Season, gewinnen dort ein Spiel und fliegen dann raus. QB Philip Rivers gehört zu den besten, aber das Fenster des Erfolgs schließt sich langsam.

QUALCOMM Stadium

Qualcomm Stadium

Qualcomm Stadium

San Diegos Footballstadion hat gewaltige Ausmaße für seine 67.000 Plätze, gilt aber trotz seiner wehenden Fähnchen und FootballunterPalmen-Image als langweilig und veraltet. Im vergangenen Winter war das Stadion sogar mal überflutet. Lange spielen die Chargers nicht mehr hier.

Rivalitäten

Die ganz großen Rivalitäten haben die Chargers nicht entwickelt. Selbst in den klassischen Auseinander-„Fetzungen“ der AFC West ist man eher der Außenseiter. Am ehesten waren in den vergangenen Jahren die Denver Broncos der größte Konkurrent, wenn auch „nur“ sportlicher Natur. Diverse Playoffgeschichten lieferte man im abgelaufenen Jahrzehnt mit Jets, Patriots und Colts, aber von einer echten Rivalität zu sprechen, wäre glaube ich vermessen.

Gesichter der Franchise

  • Dan Fouts – QB mit tiefsten Bomben Anfang der 80er, als die Chargers ihre erste Glanzzeit hatten.
  • Junior Seau – LB. Legendärer Linebacker und der Star schlechthin der Chargers in den 90ern. Nahm sich vor wenigen Wochen das Leben und dürfte posthum in die Hall of Fame gewählt werden.
  • Rodney Harrison – SS. Lange Zeit ein Idol in San Diego, ehe er dann in New England zwei Superbowls holte und einen dritten knapp verpasste – weil sein Gegenspieler den Ball mit dem Helm fing.
  • Ryan Leaf – QB und legendärer Bust im 1998er-Draft. Ich finde es ja witzig, dass sämtliche Pundits auf die Chargers und den Leaf-Pick als kolossale Dummheit so einprügeln, nachdem es vor dem Draft Konsens gewesen war, dass Leaf die #2 locker wert sei. Klassischer Fall von hindsight bias.
  • LaDainian Tomlinson – RB. Gilt als einer der besten Running Backs aller Zeiten. Persönlichkeit mit Klasse, deren sportliche Höchstleistungen in San Diego aufgrund zahlreicher anderweitiger Probleme regelrecht verschenkt wurden.
  • Philip Rivers – QB. Spielt noch nicht lange, darf aber als einer der erfolgreichsten Luftjäger angesehen werden.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2006/07 gegen die Patriots – Marty Schottenheimer at his best. San Diego dominierte nach Strich und Faden und hätte die Patriots zur Halbzeit unter der Erde haben müssen. Aber als Brady innerhalb von Sekunden einen rattenscharfen Drive das Spielfeld hinunterorchestierte, war klar: Die Patriots bleiben im Spiel. Schlussviertel, Brady auf der Suche nach dem Comeback: Interception der Defense, Spiel AUS…

Wait! Der Verteidiger McCree mit dem Fumble beim Return, der das Spiel gewinnen muss (!!!). Brady kriegt die zweite Chance, gleicht aus, dreht Minuten später die Partie und mit auslaufender Uhr verschießen die Chargers das Field Goal und verlieren als deutlich besseres, aber weniger abgewichstes Team daheim 21-24, trotz Acht-Punkte-Führung und Interception.

Eckdaten

Gegründet: 1959
Besitzer: Alex Spanos (Immobilien)
Division: AFC West
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1994, AFL-Champion 1963, 17x Playoffs (10-16)

NFL-Franchises im Kurzporträt, #15: Dallas Cowboys

America‘s Team, einer der teuersten Sport-„Vereine“ der Welt (ca. 1,3 Mrd. Euro), ist bei genauerer Betrachtung eher etwas anderes geworden: Jerry Jones’ Spielzeugwiese. Es ist die Geschichte eines Besitzers, der Idole, langjährige Freundschaften, haufenweise Moneten gegen eines eingetauscht hat: Seine Liebe zu einer Franchise, die andere groß gemacht haben – und die er auf den Gipfel hob.

Steers? Rangers? Cowboys!

Die AFL war Ende der 50er grade im Begriff zu entstehen, nachdem die NFL Lamar Hunt die Gründung einer Footballmannschaft in Dallas verweigert hatte. Hunt gründete daraufhin die Dallas Texans und mit der AFL eine neue Football-Liga und zwang die NFL zum Umdenken. Noch im Jänner 1960 vergab die NFL eine Lizenz für eine Footballmannschaft in Dallas. Nach Monaten entschied man sich dafür, die Mannschaft Cowboys zu taufen, anstelle von Steers oder Rangers. Cowboys. Texanisch eben.

Der Sprinter und die Ringe

Nach dem Präsidentenmord von Dallas trugen die Cowboys ab Mitte der 60er erheblich dazu bei, das Selbstvertrauen der Stadt wieder aufzupolieren. Head Coach Tom Landry baute um WR Bob Hayes (Sprint-Olympiasieger) eine titelreife Mannschaft, die fast die ersten beiden Superbowl anstelle der Packers bestritten hätte. 1967/68 lieferte man sich in Green Bay die berühmt/berüchtigte „Ice Bowl“, mit -25°C ohne Windchill eines der kältesten Spiele der NFL-Historie.

Die 70er waren geprägt von QB Roger Staubach und aufgrund gelungener Außendarstellung immer schneller steigender Popularität der Mannschaft. Landry galt als sehr innovativer Coach mit modernem Scouting und die Marketing-Abteilung kreierte die ersten Cheerleader in der NFL. Superbowl V wurde noch verloren, aber ein Jahr später war man nach Sieg über Miami schon Weltmeister – wie auch 1977/78, als die Denver Broncos geputzt wurden. In den 80ern verkalkte Landry dann zusehends und die Erfolgsbilanzen wanderten immer weiter gen Süden.

Der Neuankömmling

Ende der 80er kaufte dann der riesige Fan und ehemalige Footballspieler Jerry Jones die Franchise und feuerte nur wenige Tage später die Legende Landry. Der neue Coach war Jimmy „Betonfrisur Johnson, Jerrys ehemaliger Studienkumpel von der University of Arkansas. Johnsons erste Aktion: QB Troy Aikman draften. Resultat: Erste Saison, 1-15. Aber Johnson und vor allem Aikman lernten schnell.

Mit der Taktik, Eigenbauprodukte via Draft zu holen, stabilisierten sich die Cowboys innerhalb weniger Jahre und waren schon im vierten Jahr unter Johnson Superbowl-Champion (Kantersieg gegen die Bills). Herausragend in Erinnerung bleiben unter OffCoord Norv Turners Anleitung die „Triplets“: QB Aikman, RB Emmitt Smith, WR Michael Irvin. Aber das Erfolgsgeheimnis der Cowboys war ein anderes: Sie schafften es immer und immer wieder, unbekanntes Talent in der späteren Runden des Drafts zu finden.

1993 verteidigte man den Titel, wieder ein Sieg gegen die Bills in der Super Bowl. Danach allerdings schmiss Jones Johnson aufgrund fehlender Kompatibilität mit seinen Vorstellungen von Football raus. Jones wollte wohl beweisen, dass der Kader, den er persönlich als GM zusammengestellt hatte, personell gut genug war, um auch johnsonlos zu brillieren.

Der neue Head Coach war der etwas clownige Barry Switzer, der am Vorhaben „Titel-Hattrick“ dank Steve Young und seinen 49ers scheiterte. Switzer holte sich aber 1995/96 den Ring, unter anderem mit einem eben von den 49ers gekommenen weiteren Clown, CB Deion Sanders, im Kader. Switzer war damit auch nach Vorgänger Johnson der zweite Coach, der College- und NFL-Meisterschaft gewann.

Mehr Hype, denn Fundament

In den Jahren danach wurden mehrere Schlüsselspieler des Dopings (Zufall oder nicht – Sie entscheiden!) überführt oder hatten triebgesteuerte Probleme mit Frauen. Switzer blieb noch ein paar Saisons, ebenso wie Aikman, dessen Karriere nach etlichen Gehirnerschütterungen 2000 fertig war. Emmitt Smith spielte noch ein paar Jahre weiter, um den Rekord an Rushing Yards zu brechen (schaffte es 2002). Erst Bill Parcells motzte die verreckte Karre „Cowboys“ Mitte der 2000er wieder auf.

In den letzten Jahren waren die Cowboys eine überhypte Mannschaft – gemessen an den sportlichen Darbietungen. Es wurde Talentvergeudung betrieben. Mittlerweile spielt man im neuen, unfassbar monströsen Cowboys Stadium – Jerry Jones‘ Denkmal, in dem er vermutlich selbst noch persönlich Hand anlegte und die Schrauben zu den Sitzreihen im dritten Rang andrehte – in Arlington genau zwischen Dallas und Forth Worth. Dort, wo Super Bowl XLV stattfand. Dallas hätte teilnehmen sollen – und war schon zur Saisonhälfte krepiert: 1-7.

Das Monstrum                     

Dallas Cowboys Stadium

Dallas Cowboys Stadium

Seit 2009 eben jenes neue, unfassbar gigantische (eben texanische) Cowboys Stadium (je nach Wahl 80.000 bis 105.000 Plätze). Die Arena kann auch als persönliches Denkmal Jerry Jones‘ gelten und ist versehen mit allem Schicki-Micki und einer monströsen Anzeigetafel, die über dem Spielfeld thront. Das Ding ist so riesig (harhar, texanisch), dass davon schon mehrmals Punts abgeprallt sind.

Auch die alte Arena, das Texas Stadium, war eines der berühmteren NFL-Stadien gewesen, dank seiner misslungenen Dachkonstruktion – als Halle gedacht, konnte das Dach nicht sämtliche Last tragen und wurde mit einem Loch versehen. Wie man solche Fehler schönt? Die Cowboys sagten ganz einfach – Ein Loch, damit Gott uns beim Spielen zuschauen kann. So klingt Selbstvertrauen.

Rivalitäten

Größter historischer Rivale sind die Washington Redskins – zurückgehend auf die Zeit, als es die Dallas Cowboys noch nicht einmal gegeben hatte. Die Rivalität zwischen Cowboy und Indianer hatte ich im vergangenen Herbst schon mal angeschnitten, und sie geht weit über den Sport hinaus, war unter anderem dafür verantwortlich, dass Dallas trotz geographischem Unsinn in der NFC-East mitspielt.

Immer noch verschärft, aber deutlich hinter den Redskins einzuordnen, sind die beiden anderen Divisionsrivalen aus der NFC East. Die Philadelphia Eagles sind dabei insbesondere aufgrund diverser „Bounty“-Geschichten aus den 80ern und 90ern, sowie dank der Flauseln des T.O. in den 2000ern ein ungern gern gesehener Gast, die New York Giants der „sanfteste“ Konkurrent.

Sportlicher und historischer Natur sind die Auseinandersetzungen mit Pittsburgh Steelers und Green Bay Packers. Die Steelers sind dabei seit den 70ern ein Gegenpool zu den stets aufregenderen, extrovertierteren Cowboys, die Packers gehören seit der Anfangszeit der Superbowl-Ära in den 60ern zu den großen Konkurrenten. Dallas verpasste zweimal denkbar knapp die ersten beiden Superbowls gegen Green Bay („Ice Bowl“) und musste in den 90ern schließlich zusehen, wie die Käsköpp unter der QB-Legende Favre der großen Cowboy-Dynastie den Rang abliefen.

Eine besondere sportliche Auseinandersetzung ist jene zwischen San Francisco und Dallas – gründend vor allem auf den Grabenkämpfen in den 90ern, als das eine Team sich so aufstellte, um das andere im NFC-Finale schlagen zu können. Zeiten, in denen der Conference-Titel in der NFC die 95%ige Miete zum Superbowlsieg war. Dreimal gewann Dallas mit Aikman. Einmal San Francisco mit Steve Young. Intensiviert wurde die Sache durch den Wechsel von „Primetime“ Deion Sanders, jenem egomanischen Spinner, der heute im NFL Network einen so speziellen (ich betone den positiven Unterton!) Zugang zu den Spielern findet.

Die eine oder andere Nickligkeit gibt es im Prinzip mit fast jeder der populäreren NFL-Franchises. Die Cowboys sind, wenn man mal beide Augen fest zudrückt, so was wie der FC Bayern der NFL: Entweder geliebt oder gehasst. Sie scheiden die Geister und so wirklich scheint es Jerry Jones nicht zu passen, wenn eine unspektakuläre Franchise wie New England in den 2000ern daherspaziert und sich in der Gunst der Bandwagoners nach oben arbeitet.

Gesichter der Franchise

  • Jerry Jones – Owner, Stadionbauer und General Manager. Dallas Cowboys personifiziert und entsprechend gemocht und gehasst quer durch die Lande.
  • Tom Landry – erster Head Coach der Dallas Cowboys (28 Jahre!, 1960-1988) und Erfinder zahlreicher Defensivformationen (u.a. „4-3“ Defense) und -taktiken („Doomsday Defense“). Zweimaliger Superbowlchamp und insgesamt fünfmal in der Superbowl.
  • Roger Staubach – Scrambelnder Quarterback und Medienstar aus den 70ern. Mitverantwortlich für die heutige Popularität der Franchise und Erfinder des „Hail Mary“-Passes.
  • Troy Aikman– QB. Der Anführer der sogenannten “Triplets”, trotz vieler Gehirnerschütterungen und recht kurzer Karriere dreifacher Champion und Hall of Famer. Heute mittelmäßig interessanter Co-Kommentator bei FOX.
  • Emmitt Smith – RB mit den meisten Rushing Yards aller Zeiten, Teil der „Triplets“, aber aufgrund der eher keimfreien Persönlichkeit und unspektakulären Spielweise oft übersehen. Bei mir vor allem bekannt aufgrund der horrenden Grammatikfehler – eine Kompilation der Fauxpässe gibt es bei Youtube. (bitte Ohren ausschalten)

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2007/08 gegen die Giants – völlig unnötige Playoff-Pleite für die Cowboys nach gefühlter haushoher Dominanz in der ersten Hälfte, ließen die Giants stets irgendwie am Hauseck lungern. Als dann plötzlich im Schlussviertel New York 21-17 führte, spielten sich unglaubliche Szenen im Texas Stadium ab: Eine a-u-f-g-e-s-c-h-e-u-c-h-t-e Offense rund um Tony Romo, die in jedem Spielzug den Touchdown suchte, anstatt beständige Drives auszuspielen. Das forcierte Big Play kam – für den Gegner, der die außer Rand und Band spielenden Cowboys böse, böse verlud.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Jerry Jones (Öl, Football)
Division: NFC East
Erfolge: Superbowl-Champ 1971, 1977, 1992, 1993, 1995, Superbowl-Verlierer, 30x Playoffs (33-25) – Stand 2012

NFL-Franchises im Kurzporträt, #14: Buffalo Bills

Einer der kleinsten Märkte der Liga beheimatet eines der traditionellsten Teams. Die Bills waren nicht immer die unsichtbaren Jungs von nebenan, und sie halten bis heute einen unglaublichen Rekord.

Der Büffel steht über allem

Eher zufällig kam Buffalo 1959 zu seiner Football-Franchise, denn Ralph Wilson war an anderen Orten mit seiner angedachten AFL-Franchise gescheitert. Blieb die Frage nach der Namensgebung. Am Ende stand „Buffalo Bills“ nach einer bereits krepierten, früheren Franchise.

„Buffalo Bills“ ist natürlich eine Anspielung an den Western-Helden Buffalo Bill, aber weil Bill weder im Helm-, noch im Vereinslogo vorkommt, liegt der Verdacht nahe, dass Fans und Owner interessierter daran waren, einen „nichtssagenden“ Spitznamen zu kreiern und dafür den Büffel (ist gleich Buffalo) als Ikone (und Maskottchen) des Vereins zu nehmen.

Die Jahre in der AFL…

…waren wechselhaft. Die Bills gewannen zwar zwei Meisterschaften, aber sie sind auch bis heute die einzige Mannschaft, die je gegen eine CFL-Truppe (CFL = Canadian Football League) verloren haben. Immerhin: Mit dem Guard Bill Shaw spielte der einzige Hall of Famer, der nie ein NFL-Spiel bestritten hat, bei den Bills.

Die ersten Jahrzehnte NFL…

…waren ziemlich schlecht. Buffalo erlebte mehr schlechte als gute Jahre, trotz des berühmten (und mittlerweile eher berüchtigten) Running Backs O.J. Simpson. Coaches kamen und gingen, nur der Erfolg kam nie. Bis 1985.

Vizechamp im Viererpack

Unter Bill Polian und dem greisen Coach Marv Levy bastelten die Bills jahrelang klammheimlich an einer titelreifen Mannschaft. Levy war ein rigider, vom Militär geschulter Mann, der auch im hohen Alter noch innovativ zu denken imstande war, und wurde durch Sprüche wie (sinngemäß) Die Superbowl ist kein „Must-Win“. Der Zweite Weltkrieg war „Must-Win“ berühmt. Die Philosophie: Die Defense um Pass Rush-DE Bruce Smith bauen und ansonsten alle Ressourcen in die Offense stecken.

Im Jänner 1991 war es dann endlich soweit – ein paar Wochen nach dem Golfkrieg stand man hinter QB Jim Kelly und einer äußerst schnell spielenden Offense („No-Huddle“) in der Super Bowl. Gegner: Die Giants. Ergebnis: Buffalo verlor 19-20, weil nach langem Hin und Her Kicker Scott Norwood in der letzten Sekunde des Spiels ein Field Goal wenige Zentimeter rechts vorbeikickte. Al Michaels‘ Kommentar dazu („No Good. Wide Right“) ist für Bills-Fans in etwa das, was für Bayern-Fans „Wo-warst-du-während-der-Nachspielzeit-von-Barcelona-99?“ ist.

Die Bills erholten sich von dem Schock und spielten in den nächsten drei Saisons JEDES Jahr in der Superbowl (gegen Washington und zweimal Dallas). Vier Superbowls in Folge hat außer Buffalo keine Mannschaft je erreicht. Allein: Die Bills verloren sie alle und jedes Jahr wurden die Niederlagen deutlicher.

Eine potenziell deutliche Niederlage in der Saison 1992/93 wurde legendär abgewandt: Im Wildcard-Spiel lag man zuhause gegen die Houston Oilers bereits mit zweiunddreißig Punkten (3-35) in Rückstand, nur um am Ende unter der Führung des Backup-QB Frank Reich noch in der Overtime 41-38 zu gewinnen – das größte Comeback in der Historie der NFL. Reich ist keiner der höher dekorierten Quarterbacks, hält jedoch für NFL und College Football die größten Comeback-Siege ever inne.

Post Marv Levy

Nach Marv Levys Abgang wurde es ruhig um die Bills. 1999/2000 war man noch einmal in den Playoffs – um in einem weiteren legendären Spiel rauszufliegen. Bei 16-15 Führung wenige Sekunden vor Schluss trugen die Tennessee Titans einen Kickoff nach Lateral mit auslaufender Uhr in die Endzone. Das Spiel ist noch heute berühmt als „Music City Miracle“.

Seitdem haben die Bills die Post Season nie mehr erreicht. Quarterbacks kamen und gingen, die Erfolge blieben aus, aber die Fans kommen nach wie vor ins Stadion. Besitzer Ralph Wilson jr. ist in den 90ern und wird mit seinem Tod das Team höchstwahrscheinlich aufgrund der hohen Erbschaftssteuern verkaufen lassen. Ob die Bills danach noch in Buffalo spielen werden, weiß kein Mensch.

Das Stadion

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Ralph Wilson Stadium in Orchand Park

Die Bills spielen in Orchand Park im Ralph Wilson Stadium (68.000 Plätze), ein vom Design her eher 0/8/15-Stadion, das aber berüchtigt ist a) wegen seiner Winde und b) wegen der treuen und wilden Fans, die trotz langer sportlicher Dürreperioden und schwacher Konjunktur in der Stadt immer noch fast jedes Spiel ausverkaufen.

Rivalitäten

Richtig intensive Rivalitäten haben die Bills keine. Mit den Miami Dolphins vielleicht – eine Rivalität, die auf die Gegensätzlichkeit zwischen dem sonnigen Südflorida und dem kalten, windigen Buffalo beruht. Mit Jets und Patriots ist es mehr eine divisionsinterne, gesunde Rivalität.

Gesichter der Franchise

  • Ralph Wilson jr. – Owner. Mit dem berühmten Telegramm „Count me in with Buffalo“ gründete er die Bills. Heute mit 93 Jahren der älteste Owner.
  • Jim Kelly – QB. Verweigerte sich erst zwei Jahre lang den Bills, aber dann ging die Post ab. Viele Yards, viele Super Bowls, keine Titel, aber bekannt geworden durch den engagierten Kampf gegen eine seltene Nervenkrankheit seines Sohnes.
  • Marv Levy – Head Coach. Als einer der letzten Überlebenden der amerikanischen Unabhängigkeitskriege war der Levy auf seine alten Tage erfolgreicher Kopf hinter der pfeilschnellen No-Huddle-Offense – und ein Mann martialischer Worte.
  • Bruce Smith – DE und mit genau 200 Sacks der Leader der ewigen Tabelle.
  • O.J. Simpson – einziger Running Back, der 2000yds in 14 Spielen schaffte. Später in einen so berühmten Mordfall an seine Ehefrau verwickelt, dass die am gleichen Tag stattfindende WM-Eröffnung 1994 (Deutschland – Bolivien) US-weit kaum Beachtung fand. Simpsons Verfolgungsdrama wurde dagegen live übertragen.

korsakoffs Highlight

Don Beebe – die Bills sind eines der Teams, mit denen ich noch kein bleibendes TV-Erlebnis teilen konnte. Vor Jahren gab es mal einen Kollaps in einem Monday Night Game gegen die Patriots, doch das einschneidendste Erlebnis aus Bills-Sicht ist für mich jene Szene aus Superbowl 27. Die Bills gegen Spielende ein paar Touchdowns in Rückstand und bereits mehr oder weniger zum dritten Mal in Serie sicherer Superbowl-Verlierer. Dallas’ Abwehrspieler Leon Lett returniert einen Fumble gen EndZone.

Der Mann mit der BUF #82 ist Don Beebe, ein Sprinter mit Kämpferherz. Jener Don Beebe ist im Übrigen der Head Coach an der Schule, an der der Enkel des Dean Griffing (wir hatten berichtet), zur Schule gegangen war.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Ralph Wilson jr. (Versicherer)
Division: AFC East
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1990, 1991, 1992, 1993, AFL-Champ 1964, 1965, 17x Playoffs (14-15)