Der Meistercoach: Vince Lombardi

Vince Lombardi Trophy, Super Bowl

Vince Lombardi Trophy – ©Wikipedia

Jeder Footballfan kennt die Vince Lombardi Trophy, jene 55 Zentimeter hohe Silbertrophäe, die jedes Jahr im größten, spektakulärsten Wettbewerb des American Football, der Super Bowl, dem Sieger (NFL-Slang: World Champion) überreicht wird. Die Trophäe ist, wer hätte es geahnt, nach Vince Lombardi benannt, dem ehemaligen Trainer der Green Bay Packers, die die ersten beiden Ausgaben der Super Bowl, die damals noch nicht Super Bowl hieß und vor gelichteten Rängen ausgespielt wurde, gewann.

Vince Lombardi war nicht die längste Zeit NFL-Coach. Seine Legende schrieb er in nur neun Jahren in Green Bay, wo er eine am Boden liegende Mannschaft über Nacht zum alljährlichen Titelanwärter transformierte und fünf Meisterschaften gewann. Lombardi, der eine Franchise übernommen hatte, die kurz vor dem finanziellen Ruin gestanden hatte, schaffte das Kunststück, nicht eine einzige losing season einzufahren. Etliche seiner Spieler wanderten in die Hall of Fame. In der Post Season war er zwischendurch neun Spiele lang unbesiegt – ein Rekord, der hielt, bis ihn Belichick und die Patriots vor wenigen Jahren um ein Spiel überboten.

Dabei hatte Vince Lombardi viele Jahre lang Angst gehabt, niemals für einen Cheftrainerjob infrage zu kommen, und es brauchte zusätzlich zu seinen Glanzleistungen als Assistent bei den Giants (zwei Titel, bahnbrechende Neuerungen in den Blockschemen) noch etliche Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben von Weggefährten, um ihn schließlich 1959 in die Beletage nach Green Bay zu bringen. Denn Lombardis Familie, man glaubt es bei diesem Namen ja kaum, war italienischer Abstammung, und damit von Anfang an sozialer Außenseiter. Dass die Großeltern und Eltern erfolgreiche mittelständische Unternehmer waren, schürte nur noch mehr Misstrauen gegen diese Sonderlinge.

Lombardi musste beißen, ackern, um sich Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Er war ein Workaholic, Football-verrückt, dass seine Familie darunter litt. Lombardi war ein Choleriker zu einem Grad, dass seine Frau und seine Kinder noch Jahre nach seinem Tod öffentlich mit einem Mix aus Bewunderung und Abschaum über die Schreiduelle zwischen Vince und Frau Marie sprachen. Er war sicher kein einfacher Mensch im privaten Umgang, aber getrieben von einem unheimlichen inneren Willen. Selbst Schicksalsschläge wie ein Frühtod beim Erstgeborenen und eine danach immer wieder in den Suff abfallende Ehefrau konnten Lombardi nicht stoppen. Immer wieder abgeschmetterte Bewerbungen auf den Head Coach-Posten? 20 Jahre lang wiederkehrend, aber er ließ sich nie entmutigen.

Auf dem Trainingsplatz verlangte Lombardi totale Hingabe. Wer nicht spurte, war unten durch. Fehler seiner Spieler nahm Lombardi persönlich. Lombardi wusste, wie man ein Team eint, klare Führungsstrukturen aufbaut – so gut, dass sich noch später seine Kinder damit in Seminaren als Gastredner verdingen konnten. Der Erfolg interessierte ihn, aber er achtete auch den Menschen dahinter. Bei einem seiner Spieler erkannte Lombardi, was Eltern, Lehrern und Doktoren entgangen war: Taubheit. Dank Lombardis Eingreifen konnte der Junge später ein beschwerdefreies Leben führen.

Vince Lombardi - Archivbild

Vince Lombardi – Archivbild

Lombardi war, vielleicht gebrandmarkt durch die am eigenen Leibe erfahrene Ausgrenzung, ein Fan von Außenseitern. Lombardi war einer der Pioniere in der Integration von schwarzen Spielern (offizielle Sprache: „es gibt nicht Schwarze und Weiße, sondern nur Packers-Grüne“). Seine Mannschaften bezogen ausschließlich Gasthäuser, die alle seine Spieler gleich behandelten. Er hasste die Rassentrennungsgesetze der Jim Crow („Jim, die Krähe“) und machte daraus auch öffentlich keinen Hehl. Er drohte jenen, die Mischehen zwischen Schwarzen und Weißen kritisch sahen. Er golfte in weißen Clubs mit indianischen Caddys. Und Lombardi war einer der ersten Coaches, ja Führungsfiguren, Amerikas, der Schwule nicht bloß akzeptierte, sondern förderte. In den frühen 60ern! Er lud als schwul bekannte Prospects ins Trainingslager und hoffte insgeheim, dass die Jungs sich den Roster-Platz verdienen würden.

Lombardi ging nach Ende seiner Packers-Zeit nach Washington, krempelte dort so ziemlich alle bestehenden Strukturen um und legte den Grundstein für die kommenden erfolgreichen Jahre der Redskins, die Anfang der 70er zweimal die Super Bowl erreichten. Das erlebte Lombardi aber nicht mehr mit, denn nach dem ersten Jahr bei den Redskins wurde ihm Krebs diagnostiziert, gegen den selbst die Kämpfernatur Vince Lombardi keine Chance hatte. Am 3. September 1970 verstarb Vince Lombardi verfolgt von großem öffentlichem Interesse nach nur dreimonatigem Kampf.

Heute wäre sein 100ter Geburtstag gewesen.

Gesackt: Deacon Jones

Es gibt Pro Bowler, All-Pros und Hall of Famer, und es gibt Allzeitlegenden. Deacon Jones, Defensive End in den 60er und frühen 70er Jahren, war alles, und vor allem letzteres. Deacon Jones hieß eigentlich „David D. Jones“, aber damit tauchst du in der Masse der siebzigtausend David Jones unter. Also gab sich der gottesfürchtige David den Übernamen „Deacon“ (zu dt. Diakon), unter dem er nicht nur landesweiten Ruhm in den Vereinigten Staaten erlangte, sondern auch als eine der prägenden Gestalten in die NFL-Annalen einging.

Deacon Jones, Tradename „Secretary of Defense“, galt in den 60er Jahren bei den Los Angeles Rams als herausragender Passrusher, als erster Spieler der Neuzeit, der die gegnerischen Offensive Liner gleichermaßen überpowern wie überlaufen konnte. Die 4-3 Defense war erst wenige Jahre zuvor erfunden worden, und Jones gab ihr als erster ein Gesicht als Prototyp für kommende Generationen. Jones galt als fanatischer Passrusher, getrieben davon, Quarterbacks in den Boden zu rammen, zu sacken, und doch gibt es den langen Listen der Ligarekorde keinerlei Hinweis auf Deacon Jones.

Der Grund ist ebenso einfach wie erstaunlich: Zu jener Zeit gab es keine Sacks, oder zumindest wurden sie nicht als solche statistisch erfasst. Deacon Jones gilt heute als der Mann, dem man die Erfindung des Terminus „Sack“ („sacking the quarterbacks“) zuschreibt, eine Statistik, die erst über ein Jahrzehnt nach seinem Karriereende, 1982, offiziell von der NFL eingeführt wurde. Man geht heute davon aus, dass Jones in seiner Karriere inoffiziell zwischen 170 und 190 Sacks einfuhr, was für seine nur 14 Profijahre (bei nur jeweils 14 Saisonspielen) eine alles überstrahlende Zahl ist (der offizielle Rekordler Bruce Smith fuhr in 16 Jahren in einer viel passfreundlicheren Ära exakt 200 ein).

Deacon Jones war Teil, nein‚ Hauptbestandteil, der berühmtesten Defensive Line der NFL: Die „Fearsome Foursome“, die vier Gefürchteten, die in den 60er Jahren bei den Los Angeles Rams die Offensive Lines aufmischten. Titel gewannen sie keine, aber wenn du Charakterköpfe und sportliche Höchstleistung mischst, und einen völlig neuen, markanten Spielstil („head slap“) entwickelst, wirst du trotzdem zur Legende, zumal Jones und Konsorten nicht weit entfernt von Hollywood aufspielten und immer mal wieder einen Abstecher in die Filmstudios wagten.

Jones war aber nicht bloß Footballer, Filmstar und Ikone: Bevor er durch seinen brachialen Stil zum Superstar wurde, hatte er in seiner Jugendzeit als schwarzer Südstaatler mit etlichen Ressentiments zu kämpfen gehabt. Weil er sich als Kämpfer für die Menschenrechte Schwarzer betätigte, flog Jones von der Uni von South Carolina State. Er hatte das Glück, das viele nicht hatten und wurde von einem ebenso geschassten Assistenzcoach mit nach Mississippi genommen, ans Mississippi Vocational College, ein College, das heute Mississippi Valley State heißt und erstaunlicherweise in den 80ern mit Jerry Rice einen weiteren epochalen NFL-Star herausbrachte.

Jones musste mit seinen schwarzen Mannschaftskollegen auf Auswärtsfahrten in extra angemieteten Turnhallen schlafen, da die Motels im Bible-Belt keine Schwarzen akzeptierten. Das prägte Jones. Im NFL-Draft fiel der Schwarze durch in die 14te Runde, aber ein Vorurteil ist kein endgültiges Urteil, und der Rest ist Geschichte.

Am Montag verstarb Deacon Jones 74jährig. Der Tod war ein natürlicher. Sein Geist lebt heute weiter, in unzähligen Defensive Ends, die ihr Leben der Jagd nach Quarterbacks und einer möglichst hohen Anzahl an Sacks verschrieben haben.