Die Washington Redskins vor der Rückkehr zur Relevanz?

Über Jahre wurden die Washington Redskins dank ihrer ignoranten Personalpolitik verspottet. Owner Dan Snyder, ein finanzstarker Investor, war getrieben von der Vorstellung, sich mit teuren Einkäufen einen Superbowlsieger zusammenkaufen zu können. Wiederzufalleswollte gelang das selbst mit großen Namen am Trainerpult (Turner, Schottenheimer, Gibbs) nie, sodass Snyder vor zwei Jahren zur Einsicht gelang, die sportliche Leitung abzugeben. Das neue Duo an der Front: GM Bruce Allen und Headcoach Mike Shanahan, die in zwei Offseasons den Kader gänzlich umkrempelten und nun ein namenloses, junges Team beisammen haben.

Die Offense                          

So genau weiß niemand, wie viel Mike dem Sohnemann Kyle Shanahan an Zuständigkeiten für den Angriff übertragen hat. Fakt ist: Vater wie Sohn haben prinzipiell ähnliche Vorstellungen. Shanahans Offenses sind um starke Offensive Lines mit Zonenblocks gebaut, worin in den ersten beiden Jahren auch etliche Ressourcen gesteckt wurden. So hat man den hoch bezahlten Rookie-LT Trent Williams und den ehemals hoch gedrafteten RT Jammal Brown als starke Eckpfeiler geholt und die Line sah im ersten Anschein auch bereits recht vertrauenswürdig aus.

„Vertrauenswürdig“ ist kein Stichwort, bei dem im selben Atemzug der Name von Rex Grossman fällt. Grossman wurde überraschend die Rolle des Quarterbacks überlassen, was NFL-Fans erstmal die blanke Gänsehaut über den Rücken fahren lässt angesichts der legendären Inkonsistenz und der Turnoveranfälligkeit des ehemaligen Bears-QBs. Nun hat Grossman zur Saisoneröffnung tatsächlich recht ordentlich gespielt und scheint das volle Vertrauen von Team und Coach zu genießen – trotz einiger recht unpräziser Würfe, die nur dank der Akrobaten bei den Ballfängern komplettiert wurden.

Diese Ballfänger sind sehr zahlreich im Kader vertreten, 8 WR und 3 TE an der Zahl, aber es fehlt am richtigen Go-To-Guy. WR Santana Moss wird nicht jünger (aber auch nicht schwächer), ist aber wie WR Anthony Armstrong kein Mann, der 10 Catches/Spiel macht. Nicht mehr als ein Notnagel ist seit Jahren WR Jabar Gaffney, der aus Denver gekommen ist, aber nicht als Mann gilt, Mismatches zu kreieren. Dito WR Brandon Banks, ein fantastischer Returner, aber ein schlampiger Receiver. Und was die explosiven Rookies Leonard Hankerson und Niles Paul können, ist noch in der Schwebe. Dass TE/H-Back Chris Cooley ein großartiger Mann ist, darüber sind sich alle einig. Cooley spielt allerdings eine Position, die in der NFL nicht wirklich dafür gedacht ist, die zentrale Rolle einer Offense zu stellen.

Im Laufspiel gibt es nach dem Abgang vom langjährigen Superstar Clinton Portis ein neues, recht unbeschriebenes Trio. Da wäre zum einen RB Tim Hightower, ein Lokalmatador, dessen Verpflichtung aus Arizona angesichts seiner starken Qualitäten als Ballfänger vor allem für 3rd downs essenziell sein wird, aber Hightower ist mit seiner uneigennützigen Art vielleicht ein wichtigerer Bestandteil im Laufspiel als angenommen. RB Roy Helu ist schließlich noch ein Rookie und RB Ryan Torain ist nicht wirklich als explosiver #1-Back in der Hinterkammer eingespeichert.

Die Defense

Den ersten Eindrücken aus dem Season Opener zur Folge ist die Defense gedacht, mit recht viel Zug zum Quarterback zum Erfolg zu kommen – etwas, das so gar nicht zum lethargisch daherkommenden DefCoord Jim Haslett passen will. Nach dem Abgang des fantastischen, aber launischen DT Albert Haynesworth fehlt der furchterregende Ankermann, jedoch schien die Rotation in der Defensive Line trotz allem recht durchdacht zu sein. Der neu eingekaufte DL Barry Cofield kann alle drei Positionen spielen, während Chris Neild, ein Rookie aus der siebten Runde, phasenweise andeutete, den für eine 3-4 Defense so essenziellen Nose Tackle geben zu können. Neild intreprätiert die Rolle allem Anschein nach „offensiv“, sprich weniger anchorman, mehr Passrush-orientiert. Man werfe den teuren DE Stephen Bowen und den grundsoliden DE Adam Carriker dazu: Die Line hat Potenzial.

Bisschen Sabbern auch für die beiden jungen Outside Linebackers: Es ist bekannt, dass der Blogbetreiber ein Fan des druckvollen Spiels von OLB Brian Orakpo ist, und auch der Rookie #91 Ryan Kerrigan, ein umgeschulter Defensive End, zeigte Potenzial, nicht nur dank einer artistischen Interception, sondern auch mit gutem Positionsspiel und in Ansätzen auch Zug zum QB. Die Innenseite wird von London Fletcher zusammengehalten, einen Mann mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung.

Die Secondary besteht aus Puzzleteilen mit großen Namen: Die Safetys LaRon Landry und O.J. Atogwe sowie die Cornerbacks DeAngelo Hall sowie Josh Wilson, allesamt Spieler, die berüchtigt sind, risikoreich zu spielen und für Big Plays ihre Schwiegermütter verschenken würden, aber auch Spieler, die man ohne Murren zu ernten gegen kräftige Running Backs im Laufspiel abstellen kann. Im Verlauf der Saison wird sich auch noch der erstmal gesperrte CB Philip Buchanon gesellen, ein extrem von Instinkten getriebener Athlet, der nicht in der Lage ist, sich analytisch auf einen Gegner vorzubereiten und entsprechend häufig selbst von mäßigen Receivers verbrannt wird. Ein interessanter Ersatzmann soll Kelvin Barnes sein, ein Mann im dritten Jahr.

Ausblick

Wichtig für Washington: Die Stimmung scheint recht gut zu sein. So genau weiß zwar außerhalb des Trainerstabs niemand, wie die künftige Spielphilosophie der Mannschaft in der Offense aussieht und ob Grossmans heiß/kalt-Spiel nicht doch früher oder später zum Problem wird (man kann fast davon ausgehen), aber es scheint immerhin, dass die Mannschaft recht bedingungslos hinter dem Trainerstab steht – für D.C.-Verhältnisse ein Novum und bestimmt kein schlechtes Vorzeichen.

Wk #1 vs Giants (W 28-14)
Wk #2 vs Cardinals
Wk #3 @Cowboys (MNF)
Wk #4 @Rams
Wk #5 BYE
Wk #6 vs Eagles
Wk #7 @Panthers
Wk #8 @Bills (Toronto)
Wk #9 vs 49ers
Wk #10 @Dolphins
Wk #11 vs Cowboys
Wk #12 @Seahawks
Wk #13 vs Jets
Wk #14 vs Patriots
Wk #15 @Giants
Wk #16 vs Vikings
Wk #17 @Eagles

Im Prinzip ist ein Schedule mit der NFC West dankbar, um sich im eventuellen Wildcard-Rennen Vorteile zu verschaffen. Dass die Redskins in dieses Rennen aber überhaupt einschreiten können, dafür muss die Defense dringend an das Giants-Spiel anknüpfen und darauf aufbauen.

Das Zeiteisen verrät: 242 Minuten verbleiben. WordCount nach 25 Teams: 24476.

Die New England Patriots in der Modeschau

Heute Nacht startet mein persönlicher Topfavorit in die NFL-Saison: Die New England Patriots, die eigenartigste Franchise in dieser Liga, die über die letzte Dekade ein Erfolgsmodell gebastelt hat, das oft kopiert wurde, aber nie erreicht. Man komme mir nicht mit „aber sie haben seit sieben Jahren keinen Superbowl mehr gewonnen“. Die Patriots genießen bei mir höchstes Ansehen. Das beginnt beim Owner Bob Kraft, das setzt sich fort mit dem Head Coach Bill Belichick.

Das System Belichick

Was Belichick in New England seit Jahren unter massiven Spieler- und Coordinatorverlusten anstellt, ist mit keinem anderen Attribut als „beeindruckend“ zu beschreiben. Belichicks team first-Philosphie ist das Eine, aber was den griesgrämisch wirkenden Mann so außergewöhnlich macht, ist seine Vernarrtheit in Matchups. Bill Belichick lässt sich nicht in Offensiv- und Defensivsysteme kategorisieren. „Bill Belichick“, das ist das Suchen und Finden von Spielern, die in „sein“ System passen: Schemen, die die Schwächen des Gegners gnadenlos ausnützen. Dafür braucht Belichick Spieler, die executing nicht bloß verinnerlicht haben, sondern es leben müssen. Belichick und seine Spieler, das ist ein Geben und Nehmen.

Die Offense

Seit vergangenem Herbst ist New Englands Angriff wieder um gnadenlose Kurzpassoffense gebaut, nach den nicht wenig erfolgreichen Jahren mit der deep threat-Ergänzung Randy Moss. Moss scheint (ich traue mich nicht zu sagen: „ist“) Vergangenheit, was bleibt, ist Patriots-Angriff im alten Stil: Schnelle, präzise gelaufene Routen, quicke, intelligente Wide Receivers und Tight Ends und mitten drin ein Quarterback, dessen Fähigkeiten in Sachen Antizipation, Spiel- und Bewegungsintelligenz in der Pocket nur noch von seinen Eisklöten unter Druck übertroffen werden. Die Rede ist von Tom Brady. So wie Warner in Arizona System war, so wie Manning in Indianapolis System ist, so ist Brady unersetzlich in New England.

Diese rattenscharfen, schnellen Pässe sind New Englands Markenzeichen. Und die Anspielstationen sind breit gestreut: WR Deion Branch gilt als Brady-Kumpel und blüht in New England nach jahrelangem Siechtum ein paar tausen Meilen weiter westlich (in Seattle) wieder auf, WR Wes Welker ist mit seiner Wendigkeit sowieso ein Mann, der 120x/Jahr angespielt werden wird und als Blaupause dafür gilt, was WR Julian Edelman in ein paar Jahren sein soll, und dazu haben die Patriots mit WR Chad Ochocinco aus Cincinnati noch einen alten, routinierten Mann eingekauft, dessen Präsenz jeder Defense Sorgen machen wird.

Sorgen machen ist auch ein Stichwort bei den beiden Tight Ends, Ron Gronkowski und Aaron Hernandez, beide Spieler in ihrem zweiten Jahr, denen man jeweils sensationelle Rookie-Leistungen nachsagte. Gronkowski gilt als kompletterer Spieler, während Hernandez wie ein Wide Receiver gebaut ist und entsprechend einem Coach wie Belichick per definitionem gefallen muss. Stichwort „Matchup-Vorteile“ gegen Defensive Coordinators. Ein klein wenig erstaunt allerdings die Entlassung von Brandon Tate, einem Mann mit Ingredienzien für die tiefen Bälle.

Bei so viel Sabbern über das Passspiel darf man das Laufspiel der Patriots nicht vergessen, ein Laufspiel, das um eine Serie an guten Ballfängern (natürlich!) gebaut ist. Zu nennen ist hier die 360°-Waffen Danny Woodhead, ein kleiner, untersetzter, weißer Mann mit Armen und Beinen in Spaghetti-Dicke, aber so fassungslos wendig und vielseitig, dass ein bloßes Einsetzen bei 3rd downs einer Talentvergeudung gleichkäme. Die Hauptlast im Laufspiel trug zuletzt BenJarvus Green-Ellis, der trotz 1008yds, 4.4yds/Carry und 13 Touchdowns nur geringe Wertschätzung erfährt. Grund hierfür: Green-Ellis gilt als parasitärer Back, der nur die Yards nehmen kann, die ihm System und Blocks gewähren. Der Anti-Sanders gewissermaßen. Daher ist zu erwarten, dass die beiden hoch gedrafteten Rookies, der vielseitige RB Shaun Vereen und der brachiale RB Stevan Ridley, alle zu ihren Einsätzen kommen werden.

Man darf bei allem Hype um die oft so perfekt und brillant funktionierende Angriffsmaschine jedoch nicht die Offensive Line vergessen, die unter dem knochenharten Positionstrainer Dante Scarnecchia den Angriff seit Jahren trägt. Mit RT Sebastian Vollmer spielt hier der aktuell einzige Deutsche mit Football-Profivertrag (LB Matt Berning ist im Trainingskader der Jets) und Vollmer genießt hohe Wertschätzung (2nd All-Pro Team 2010). Die restliche Line dürfte erstmal recht unverändert bleiben: Center bleibt der nicht prototypisch gebaute Dan Koppen, die Guards geben Dan Connolly und der mittlerweile hoch bezahlte, bärtige Logan Mankins, den Left Tackle wird wohl vorerst Matt Light geben, nachdem Rookie Nate Solder, ein Mann mit unglaublich langen Armen, noch in der Entwicklungsphase steckt.

Alles in allem ist New Englands Angriff ein Meisterwerk. Kein Spektakel, aber oft so präzise wie die Uhren aus der Schweiz, so vielseitig wie ein Chamäleon, so bis ins Detail ausgearbeitet wie eine wie ein alter Kubrick.

Die Defense

Bei allem Hype um die Offense, es wird interessanter sein, wie Belichick seine neue Defense bauen wird. New England war jahrelang das Vorbild in Sachen „3-4“, dank einiger dafür untypischer Einkäufe geht man davon aus, dass Belichick ab sofort verstärkt mehr als bloß Spurenelemente von „4-3“ einbauen wird. 4-3 ist nämlich das System, das DT Albert Haynesworth in Tennessee groß gemacht hat. Haynesworth ist der spektakulärste Neuzugang in New England, ein dominanter Tackle, wenn motiviert mehr als bloß eine Schachfigur, aber auch die Einkäufe von DE Andre Carter und DE Shaun Ellis gehören zur oberen Kategorie und sollten der Defensive Line nicht bloß Tiefe, sondern vor allem Vielseitigkeit geben (Belichick behielt zehn Liner im Kader!). Man darf also Rotation erwarten: Haynesworth, Carter, Ellis und der ebenso neue, reine Pass Rusher Mark Anderson sprechen für eine Vierer-Line, wogegen der 160kg-Bonzen NT Vince Wilfork nun schon jahrelang der Ankermann in einer Dreier-Line war.

Man wird sowieso das Gefühl nicht los, dass es Belichick weniger um 3-4 oder 4-3 geht, sondern darum, in der richtigen Situation die richtige Aufstellung mit den richtigen Matchups für den jeweiligen gegnerischen Angriffsspielzug zu finden.

Dabei vertraut Belichick offenbar darauf, dass der seit Jahren schwelende Problempunkt „Pass Rush“ von den vielen neuen Linern sowie den jungen Linebackers gemindert wird. OLB Jermaine Cunningham gilt als potenziell quick genug, um auf Blitzes geschickt zu werden, soll aber besser in der Coverage sein. MLB Jerod Mayo ist der Fixpunkt, die Tacklemaschine, die ich trotzdem für nicht überaus dominant halte, dazu gesellen sich Leute wie der wendige Gary Guyton, der junge, aber schwerfüßige Brandon Spikes und der graue Bob Ninkovich. Alles Spieler mit verschiedenen Anlagen, alles Spieler (bis auf Mayo), die darauf warten, in der richtigen Situation eingewechselt zu werden.

In der Secondary schockte Belichick mit den Entlassungen von FS Brandon Meriweather, dessen Freigeistigkeit Belichick mächtiger und immer mehr auf den Magen gestoßen war, und SS James Sanders. Wie die neue Safety-Combo ausschaut, darf man gespannt sein, dafür hat man ein recht klar umrissenes Bild von den Cornerbacks: Die beiden Starter werden der routinierte CB Leigh Bodden und die Rookie-Sensation der vergangenen Saison, Devin McCourty, sein. Wie und wo der diesjährige Rookie-CB Ras-I Dowling eingesetzt wird, bleibt ein interessanter Punkt – wird Dowling Patrick Chung als Nickelback ersetzen, damit sich Chung darauf konzentrieren kann, den Safety zu geben? Eine wichtige Frage wird auch sein, inwiefern New England 2011/12 wieder auf 25 Interceptions und insgesamt 13 Turnovers angewiesen sein wird, weil die Secondary zu viele Yards über den Luftweg zulässt.

Ausblick

Dank eines sehr umtriebigen Sommers ist das Mannschaftsbild der Patriots doch stärker verändert, als man im Frühjahr annehmen konnte. Ich weigere mich jedoch, das als negativ anzusehen. Belichick hat, und das scheint seit Jahren sein Haupt-Interesse zu sein, hier einen Kader mit vielen, vielen Optionen für verschiedenste Spielsituationen beisammen. Eine Offensive Line, von der man weiß, was man bekommt. Eine Anzahl an Ballfängern, für die man mehr als zwei Hände braucht. Eine potenziell sehr starke Front Seven. Und wie immer den Quarterback der Quarterbacks, Tom Brady.

Der Schedule ist schwer, attraktiv, aber wie immer machbar.

Wk #1 @Dolphins (MNF, heute)
Wk #2 vs Chargers
Wk #3 @Bills
Wk #4 @Raiders
Wk #5 vs Jets
Wk #6 vs Cowboys
Wk #7 BYE
Wk #8 @Steelers
Wk #9 vs Giants
Wk #10 @Jets (SNF)
Wk #11 vs Chiefs (MNF)
Wk #12 @Eagles
Wk #13 vs Colts (SNF)
Wk #14 @Redskins
Wk #15 @Broncos
Wk #16 vs Patriots
Wk #17 vs Bills

Wie eingangs erwähnt: Das ist die Vorschau auf meinen persönlichen Superbowl-Favoriten. Die Hauptschwäche, das offene Scheunentor in der Secondary, scheint durch wiedergenesene Leute (Backfield) und Neueinkäufe in mehreren Bereichen (Front Seven, Backfield) zumindest in Ansätzen behandelt worden zu sein. Und ansonsten gilt selbiges wie jedes Jahr: Ich weigere mich, gegen die Combo Belichick/Brady zu setzen.

Das Zeiteisen verrät: 269 Minuten verbleiben. WordCount nach 24 Teams: 23535.

Mit den Chicago Bears in den Sonnenuntergang

Eine der glücklicheren Mannschaften der Vorsaison: Die Chicago Bears, NFC-Finalist und auf dem Weg dorthin von etlichen merkwürdigen lucky breaks begleitet, inklusive Verletzungsserien bei jeweiligen Gegnern, unterirdische Gegner bei eigenen Verletzungssorgen, haufenweise knappe Siege, haufenweise knappe Niederlagen für den Konkurrenten Green Bay – und in den Playoffs mit den Seattle Seahawks der einfachst-mögliche Gegner. Das NFC-Endspiel war dann allerdings ein Fiasko der verheerendsten Sorte, mit Heimniederlage gegen Erfzfeind Green Bay und anschließendem fröhlichen Dreinprügeln in den QB Jay Cutler. Solche Niederlagen haben nur allzu oft den Beigeschmack, noch ganz tief in die kommende Saison hineinzuwirken.

Die Offense

Der Offensive Coordinator ist Mike Martz, und wenn Mike Martz Offensive Coordinator ist, dann bedeutet dies eine passlastige Offense mit Spielzügen, die lange in ihrer Entwicklung brauchen und entsprechend über eine gute Pass Protection verfügen müssen. Diese hatte Martz einst in St Louis, diese hat Martz in Chicago… nicht mehr. Die Offensive Line der Bears gilt als einer der schwächeren in der NFL, speziell und ausgerechnet für alles, was mit Pass Protection zu tun hat. Der gemeinhin als schwächstes Glied anerkannte J’Marcus Webb ist auch noch Left Tackle, während auf der rechten Seite mit Gabe Carimi ein Rookie startet, der aus Wisconsin kommt und somit den Stallgeruch von mehreren Jahrzehnten Tradition bereits kennt. Und dann hat man mit dem Rauswurf von C Olin Kreutz noch ein zusätzliches Fass aufgemacht.

Protection-Probleme beiseite geschoben, den Fokus auf das Passspiel geworfen: QB Jay Cutler lebt noch, aber Cutler dürfte noch die Phantomschmerzen von 52 (!) Sacks in der Regular Season spüren. Zur besseren Einordnung: Cutler hat noch nichtmal alle 16 Spiele durchgespielt – welch Wunder. Die furchtbare Protection dürfte auch ein Hauptgrund für Cutlers extrem schwankende Leistungen sein. Der Mann ist von der Anlage ein optimaler Mann für dieses Offensivsystem, gesegnet mit einem wurfgewaltigen Arm. So „wurfgewaltig“, dass er an schlechten Tagen auch keine Probleme hat, vier Turnovers zu produzieren.

In dieser Saison wird zusätzlich seine Psyche eine Sollbruchstelle darstellen, denn kein Mensch weiß, wie der stets weltabgewandte Cutler mit der völlig aus dem Rahmen fallenden Häme im und nach dem bitteren NFC-Endspiel umgehen wird können. Hinter Cutler wird es schnell dünn: QB Caleb Hanie zeigte ordentliche Ansätze in besagtem Fiasko-Spiel, mehr nicht. Und der dritte Mann ist mit Nate Enderle ein Rookie aus Idaho.

Die Anspielstationen sind auf alle Fälle gegeben: Mit WR Roy Williams ist ein neuer #1-Mann aus Dallas gekommen, dem bislang noch nicht der Durchbruch gelungen ist, dessen bestes Jahr aber 2006/07 war – in Detroit, unter OffCoord Martz. Das ist auch kein Zufall, denn Williams ist zu hüftsteif für schnelle Cuts, bekommt vom Martz’schen System hingegen viel besser auf seine Talente zugeschnittene Routen. Als Wide Receiver scheint sich nun auch der beste Returnspieler der NFL-Geschichte, Devin Hester, der Windy City Flyer, etabliert zu haben, dazu hat es mit Dane Sanzenbacher ein ungedrafteter Rookie von Ohio State in den Kader geschafft, ein idealer Mann für die Slot-Routen. Dass man mit Greg Olsen den vermeintlich besten Tight End bereitwillig abgab, sorgte für viel massive Kritik, die jedoch geflissentlich ignoriert, dass Mike Martz niemals fangstarke Tight Ends in seiner Offense groß einplante.

Dafür sind die beiden Running Backs gute Fänger: RB Matt Forté und der neue RB Marion Barber, ein agiler und ein brachialer Back, nicht die unsinnigste Kombination.

Die Defense

Chicagos Defense ist um Geschwindigkeit gebaut, um quicke Spieler, die auf dem frostigen Boden in Chicagos Soldier Field Gegner mit Zonendeckungen und starker Defensive Line durcheinanderbringen. Der wichtigste Mann dieser Verteidigung ist DE Julius Peppers, dessen Saison 2010/11 nicht nur wegen seiner Sacks und Passrush-Aktivität sensationell war, sondern auch und vor allem wegen der schieren Masse an Snaps: Peppers stand in neun von zehn Spielzügen auf dem Feld. Erklären lässt sich diese Menge auch mit dem kritischen Faktor „Depth“, der in der Defensive Line nicht gegeben zu sein scheint. Auch die Tackles sind nach dem Abgang von Tommie Harris etwas dünner geworden, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass mit Stephen Paea ein Rookie schneller als gedacht ins kalte Wasser geworfen wird.

Über deutlich mehr Qualität und Breite verfügt Chicago bei den Linebackers, wo der große alte Mann Brian Urlacher gemeinsam mit dem herausragenden OLB Lance Briggs seit Jahren das Herz der Abwehr bilden. Beide gelten als exzellente, komplette Männer, die auch die Coverage unterstützen können.

Die Coverage im Defensive Backfield dagegen sollte suboptimal sein, nachdem nach Danieal Mannings Abgang mit CB Charles Tillman und SS Chris Harris so wenige starke Leute übrig blieben, dass man den überraschend in New England gefeuerten Freelancer FS Brandon Meriweather mit Kusshand aufnehmen musste. Persönlich bin ich sehr gespannt auf den FS Winson Venable, der bei Boise State einer der auffälligsten Abwehrspieler war, auch so ein Instinktfootballer. Riecht aber insgesamt eher alles danach, als ob wir uns die dominante Bears-Defense vergangener Tage (2005-2007) auch heuer schon in Teilen abschminken können, spätestens nach den ersten zwei, drei Verletzungen, die kommen werden, nachdem Chicago in der vergangenen Saison außergewöhnlich davon verschont geblieben war.

Ausblick

Head Coach Lovie Smith ist ein Mann, dem ich nichts sehnlicher als Erfolg wünsche, aber mit ein paar klaren Gedanken gebe ich zu: Die Bears sind meine #4 in der NFC North 2011/12. Schauen wir uns den Schedule an:

Wk #1 vs Falcons
Wk #2 @Saints
Wk #3 vs Packers
Wk #4 vs Panthers
Wk #5 @Lions (MNF)
Wk #6 vs Vikings
Wk #7 @Buccaneers (Wembley-Stadium)
Wk #8 BYE
Wk #9 @Eagles (MNF)
Wk #10 vs Lions
Wk #11 vs Chargers
Wk #12 @Raiders
Wk #13 vs Chiefs
Wk #14 @Broncos
Wk #15 vs Seahawks
Wk #16 @Packers (SNF)
Wk #17 @Vikings

Auch nicht viel besser. Wenn deine Offense in überdurchschnittlichem Maße von einer starken Offensive Line abhängig ist (und sie in realiter zu den 3, 4 schwächsten gehören dürfte), wenn deine Defense über so geringe Kadertiefe verfügt, wenn dein Quarterback so brutal in die Pfanne gehauen wurde, dass die 50 potenziellen Sacks und Hits dein kleinstes Problem darstellen, dann hast du ein Problem. Und dann sind die vielen glücklichen Zufälle des vergangenen Herbstes noch nicht erwähnt. Wird keine gute Saison und ich befürchte das Ende von Lovie Smiths Ära.

Das Zeiteisen verrät: 315 Minuten verbleiben. WordCount nach 23 Teams: 22173.

Mit den Kansas City Chiefs in den Sonnenaufgang

Die Chiefs sind eine Mannschaft, die 2010/11 auch von einem einfachen Schedule unterstützt recht kometenhaft aufgestiegen sind und überraschend die Playoffs erreicht haben. Man kann natürlich attestieren, dass man damit hätte rechnen können: die Chiefs verfügen über einen ordentlichen Trainerstab, viele junge, hohe Draftpicks in den letzten Jahren und einige fantastische individuelle Einzelspieler. Trotzdem war die Saisonbilanz besser als erwartet – und vielleicht besser als verdient.

In der Offseason 2011 wurden einige intelligente Moves gemacht, aber ein wichtiger Mann ist weg: Offensive Coordinator Charlie Weis, der an die University of Florida gewechselt ist. Die Neuen am Steuer: Bill Muir, QB-Coach Jim Zorn und natürlich der offensiv denkende Head Coach Todd Haley.

Die Offense

Obwohl mit Haley und Weis zuletzt zwei Pass-Fans die konzeptionelle Arbeit der Chiefs-Offense inne hatten, ist das primär eine Lauf-Offense. Das liegt zum einen an der Zusammensetzung der Offensive Line, wo der sogar Left Tackle ein ehemaliger Guard ist, zum anderen aber auch am Personal bei den Skill Players.

Der Top-Running Back Jamaal Charles ist ein faszinierender Spieler, leichtfüßig und gesegnet mit dem Antritt von Klassesprintern, ein Back, der im vollen Lauf über den Boden zu schweben scheint. 2010/11 machte Charles sensationelle 6.4yds/carry, 2.7yds/Lauf mehr als Kollege Thomas Jones, der meistens in der RedZone abstauben durfte. Trotzdem vernimmt man bereits Stimmen, dass die Carries auch weiterhin schön gesplittet werden und auch der junge, vielseitig verwendbare RB/WR Dexter McCluster mehr Einsatzzeit bekommen wird.

Das Pass/Lauf-Verhältnis war in der vergangenen Saison in etwa in der Region 48:52 zu verorten, ultrakonservativ für heutigen NFL-Standard. Die Einkäufe in der Offseason sprechen allerdings dafür, dass die Offense heuer passorientierter werden wird. WR Jon Baldwin wurde in der ersten Runde gedraftet und soll langfristig das #2-Mann werden, der aus Arizona gekommene Haley-Buddy WR Steve Breaston, ein quicker Mann für die Slot-Routen, die #3-Option. Den Durchbruch zum Top-Mann hat in der abgelaufenen Saison WR Dwayne Bowe (15 Touchdowns) geschafft. Allerdings ist der in der vergangenen Saison groß herausgekommene TE Tony Moeaki bereits auf der Injuried Reserve und wird heuer komplett ausfallen.

Der Hund liegt auf der QB-Position begraben. Matt Cassell ist ein Quarterback, der zu den blässlicheren Vertretern seiner Zunft gehört und (noch?) nicht über das Standing eines Franchise-QBs verfügt. Cassells 2010/11er Saison hat statistisch gesehen ziemlichen Freak-Charakter: 27 TD zu 7 INT, aber nur 58,2% Completion Rat? Riecht nach einer ungemütlichen kommenden Saison und mit den deutlich besseren gegnerischen Defenses dieses Jahr (u.a. Patriots, Dolphins, Steelers, Bears, Jets, Packers) nach einem deutlichen statistischen Rückgang. Helfen sollte Zorn, der als QB-Coach einen exzellenten Ruf genießt. Die Chiefs sind jedoch an Cassell und seinen millionenschweren Vertrag gebunden und der Rookie-QB Ricky Stanzi gilt als noch lange nicht bereit.

Die Defense

Story der vergangenen Saison in Kansas City war die Defense, die unter dem DefCoord Romeo Crennel wirklich gut gespielt hat. Es ist eine 3-4 Defense mit einer Handvoll sagenhaft guten, jungen Talenten, und es gibt nicht viele Lücken. Am wackeligsten dürfte die Defensive Line sein, der ein Nose Tackle abgeht, sollte der neu eingekaufte, alternde DT Kelly Gregg diese Position nicht spielen können. Gregg ist schon vor allem deshalb wichtig, weil gegen Kansas City in 63% der Fälle über die Mitte gelaufen wird – sprich: Die Gegner wissen um die Lücken.

Der zweite Stammgast in der DL ist der einst hoch gedraftete Glenn Dorsey, der in sein viertes Jahr geht und mittlerweile zu den besseren seines Fachs gehört. Dagegen gilt DE Tyson Jackson (drittes Jahr) als bislang massive Enttäuschung. Die beiden Haupt-Joker für die Line sind Shaun Smith, wenn Laufspiel erwartet wird, und DE Wallace Gilberry, der als exzellenter Pass Rusher gilt.

„Exzellenter“ Pass-Rusher ist auch der OLB #91 Tamba Hali, ein unglaublich explosiver Spieler, der gegen Baltimore in gefühlt 99% der Pass-Situationen die Hand am Quarterback hatte. Hali machte zuletzt 14 Sacks, nach PFF-Statistiken war Hali der effizienteste Pass Rusher in der NFL.

Entsprechend gut waren die Chiefs auch in der Passverteidigung, die auch deckungsstark war – beginnend mit ILB #56 Derrick Johnson, der elf Bälle abwehrte. Dazu kommt ein junges, aufstrebendes Backfield mit den beiden Einser-CBs Brandon Flowers/Brandon Carr sowie den beiden Safetys Kendrick Lewis/Eric Berry, wobei Flowers mit seinen 25 Lenzen der erfahrenste von allen ist!

Ausblick

Die Chiefs sind für mich eine Wundertüte. Wir haben hier einige der besten Spieler in der NFL plus eine sehr solide Offensive Line, aber mir machen mehrere Dinge Kopfzerbrechen: Der raketenartige Aufstieg 2010/11, bei dem man zusätzlich von einem sehr einfachen Schedule schmarotzte, Cassell und die gleichzeitige völlige Abhängigkeit von Cassell, der Unsicherheitsfaktor Baldwin, die Passrush-Abhängigkeit von OLB Tamba Hali und der unangenehme Schedule, der mit einer Reihe an defensivstarken Gegnern wirklich nicht auf die Chiefs zugeschnitten ist:

Wk #1 vs Bills
Wk #2 @Lions
Wk #3 @Chargers
Wk #4 vs Vikings
Wk #5 @Colts
Wk #6 BYE
Wk #7 @Raiders
Wk #8 vs Chargers (MNF)
Wk #9 vs Dolphins
Wk #10 vs Broncos
Wk #11 @Patriots (MNF)
Wk #12 vs Steelers (SNF)
Wk #13 @Bears
Wk #14 @Jets
Wk #15 vs Packers
Wk #16 vs Raiders
Wk #17 @Broncos

Ich sehe a) keine Playoffs für die Chiefs in diesem Jahr und habe sogar leise, ganz leise Befürchtungen, dass es b) sogar potenziell einen Absturz auf den letzten Divisionsplatz geben könnte.

Das Zeiteisen verrät: 349 Minuten verbleiben. WordCount nach 22 Teams: 21159.

Die Denver Broncos in der Abenddämmerung

2010/11 war für die Denver Broncos eine ziemlich üble Saison, mit einer komplett kollabierenden Defense, einer QB-Enteierung, mehreren wichtigen Verletzten und einem mitten in der Saison gefeuerten Head Coach Josh McDaniels. Dessen höchst unglückliche Zeit – auch auf diesem Blog wurde darüber intensiv diskutiert – am Steuer ist beendet, vom spektakulären Offensivgeist McDaniels geht es nun zurück zu den Wurzeln. Der neue Mann, dem in Denver vertraut wird, ist John Fox, der ehemalige Defensive Coordinator der Giants und Head Coach der Panthers, der mit Carolina einst das Unmögliche möglich machte und innerhalb von zwei Jahren von 1-15 zum unglücklichen Superbowl-Verlierer mutierte.

Fox, das Rebuilding-Genie. Trotzdem verwundert seine Verpflichtung: Mit Owner Pat Bowlen und dem sportlichen Leiter John Elway säßen eigentlich eher offensiv denkende Leute im Front Office – aber nach dem Stress mit McDaniels scheint man sich nach ruhigeren Zeiten zu sehnen.

Die Offense

Die Fox’sche Footballphilosophie in der Offense: Run the ball. Eine Philosophie, für die allerdings das Spielermaterial in Denver nicht optimal zu sein scheint. Die Offensive Line ist noch aus McDaniels’ Zeiten dafür gebaut, für das Passspiel zu blocken und besitzt mit LT Ryan Clady nur einen herausragenden Mann. Und dann ist da Running Back Knowshon Moreno, ein Mann, der 4.3yds/Carry macht, aber trotzdem nicht wie der Franchise-Back aussieht. Als Sicherheitsoption wurde erstmal RB Willis McGahee aus Baltimore eingekauft, ein nicht jünger werdender, aber vielseitiger Spieler, der Moreno entlasten soll.

Weil das Laufspiel vermeintlich noch nicht dominant genug sein wird, lastet der Druck vorerst eher auf dem Passspiel, das nach einem zeitweise unrühmlichen Theater wie erwartet auf QB Kyle Orton lastet, einem Mann, der wie die Faust aufs Auge auf eine Offense von John Fox passt: Säufer der alten Schule, Frisur aus den 60ern und ein Spiel, so blässlich und verlässlich wie Fox es nicht besser kriegen könnte. Ortons limitierte Fähigkeiten im Lesen von Abwehrschemen müssen allerdings mit simplifizierten Gameplans kaschiert werden.

Anspielstationen sind zur Genüge da: WR Brandon Lloyd hatte 2010/11 sein Coming Out und 18.8yds/Catch über 77 Catches (11 Touchdowns), dazu gesellt sich der solide WR Eddie Royal – und, erfreulich, womöglich irgendwann im Lauf der Saison auch WR Demaryius Thomas, dem hohen Pick von 2010, der nach einer schweren Achillessehnenverletzung überraschend von der PUP-Liste genommen wurde.

Ortons Backup wird vorerst der noch blassere Brady Quinn sein, während der eigentliche Superstar in dieser Mannschaft, QB #15 Tim Tebow, nach seiner famosen Karriere am College weiterhin ein Schattendasein fristet und trotz vehementer Fanproteste beim alteingesessenen Fox wohl über längere Sicht keine Chance auf den #1-Posten hat. Allerdings: Orton wird früher oder später Fehler machen, und dann geht das Theater wieder los.

Die Defense

Die Fox’sche Footballphilosophie in der Defense: Stop the run. Fox baute in Carolina innerhalb kürzester Zeit eine starke Defense um seine dominante Defensive Line auf. Tendenzen dazu gibt es auch in Denver und es sind Bestandteile da: DE Elvis Dumervil kehrt von einer schweren Verletzung zurück – sollte Dumervil an seine Form von 2009/10 anknüpfen können, ist der Pass Rush automatisch verstärkt. Der zweite Defensive End dürfte ein bislang gefloppter, gehypter ehemaliger hoher Draftpick sein: Robert Ayers oder der Neuzugang aus Jacksonville, Derrick Harvey, da DE Ty Warren erstmal mehrere Wochen, vielleicht Monate ausfallen wird. Der Ankermann der Defense dürfte der aus Philadelphia über bizarre Umwege gekommene DT Broderick Bunkley sein, eine händeringend benötigte Verstärkung auf der Innenseite.

Sollte die Line den Erwartungen halbwegs genügen, könnte Denver schneller als gedacht eine mehr als formidable Front Seven besitzen, denn die Linebackers lesen sich richtig gut: MLB wird der junge, hoch talentierte Joe Mays sein, die Outside Linebackers werden vom athletischen ehemaligen Miami Hurricane D.J. Williams und dem heuer an #2 gedrafteten Top-Pick Von Miller gebildet. Vor allem Miller ist ein Typ, dem man sehr viel Empathie entgegenbringen kann, ein großartiger Charakter und ein großartiger Athlet – und der vermeintliche neue Star-Pass Rusher der Broncos.

Der Trümmerhaufen der vergangenen Jahre war das Defensive Backfield, trotz zweier großer Namen. CB Champ Bailey ist einer der Spieler des Jahrzehnts, die ihre Karriere in mittelmäßigen Mannschaften verschwenden mussten, und Bailey gilt auch mit 33 noch als potenzieller Pro Bowler, der sich auf keiner tiefen Route verarschen lässt. Sämtliche weiteren Cornerback-Positionen sind allerdings so mau besetzt, dass sogar der aus New England in sehr unguter Erinnerung gebliebene Jonathan Wilhite ein möglicher Starter sein könnte.

Der zweite big name ist der feurige Leadertyp SS Brian Dawkins, ein mittlerweile auf die 40 zugehender knochenharter Hitter, dessen letztes Karriereziel sein dürfte, den Tutor für den jungen Free Safety von der University of California/Los Angeles, Rahim Moore, zu geben. Moore ist vom Drafttag in Erinnerung geblieben, als er mit literweise Tränen im Gesicht ein paar warme Worte für die Möglichkeit, an Dawkins’ Seite zu spielen, gab.

Ausblick

Bleibt nur noch abzuwarten, wie holprig die Umstellung von 3-4 auf 4-3 verlaufen wird, zumal große Teile der Defense noch sehr jung sind und über kaum NFL-Erfahrung verfügen – ein Problem, das in abgespeckter Version auch für die Offense gilt. Prinzipiell halte ich bekanntermaßen große Stücke auf Fox, und ich glaube an eine deutlich bessere Saison in Denver, irgendwo in der Region der .500, sollte der Sport und nicht die Debatte um Tebow im Fokus bleiben. Der Schedule hält in den ersten drei Wochen drei mögliche Siege bereit und auch danach wäre es nicht vermessen, an das eine oder andere Upset zu glauben.

Wk #1 vs Raiders (MNF)
Wk #2 vs Bengals
Wk #3 @Titans
Wk #4 @Packers
Wk #5 vs Chargers
Wk #6 BYE
Wk #7 @Dolphins
Wk #8 vs Lions
Wk #9 @Raiders
Wk #10 @Chiefs
Wk #11 vs Jets (Donnerstag)
Wk #12 @Chargers
Wk #13 @Vikings
Wk #14 vs Bears
Wk #15 vs Patriots
Wk #16 @Bills
Wk #17 vs Chiefs

Die AFC West ist eine interessante Division mit einem klaren Favoriten (San Diego) und einem IMHO völlig offenen Rennen um den zweiten Platz, eine mögliche Wildcard. Die Broncos müssen vermutlich aber sehr verletzungsfrei bleiben, um diese zu ergattern.

Das Zeiteisen verrät: 378 Minuten verbleiben. WordCount nach 21 Teams: 20293.

Die Dallas Cowboys an der Hand genommen

Wenn man die Franchise der Dallas Cowboys beschreiben will, genügt in der reduzierten ein einziger Name: Jerry Jones, Owner und General Manager in Personalunion und ein Mann, dessen Hingabe für diese Franchise schier unendlich ist. Diese Hingabe geht so weit, dass Jones hier über eine sehr zentralisierte Organisation herrscht, in der die Fäden nach oben hin zusammenlaufen. Und Jones ist der klassische amerikanische jack of all trades, würde wohl sogar noch für die Spieler die Trikots waschen, bügeln und in der Umkleidekabine verteilen. Wäre ich Cowboys-Fan, würde mir dies allerdings mehr und mehr auf den Keks gehen.

Denn wir sprechen hier über eine Footballmannschaft. Und Footballspieler können Arschlöcher sein, zum Beispiel wenn sie wissen, dass eine letzte Entscheidungsbefugnis nicht beim Headcoach, sondern beim Owner liegt – bei einem Owner, der nicht bedingungslos hinter dem Headcoach steht. Wie anders ist die Laxheit der Cowboys im vergangenen Herbst zu erklären, als man ganz einfach eine Saisonhälfte lang lustlosen Mist zusammenspielte, während in Saisonhälfte zwei mit neuem Coach plötzlich wieder eine feurige Einheit auf dem Feld stand?

Dieser neue Headcoach ist Jason Garrett und er soll ein langjähriger jones’scher Liebling sein. Garretts Mannschaft spielte nach dem Trainerwechsel teilweise richtig ansehnlich – man darf gespannt sein, wie es heuer aussieht, in der Offense, aber vor allem in der Defense, wo mit Rob Ryan ein gemeinhin verkanntes Genie den neuen Defensive Coordinator gibt.

Die Offense

Quarterback, Frauenheld, Medienliebling: Tony Romo ist das bekannteste Gesicht in dieser Offense, ein Mann mit Tendenzen zum Gunslingern, allerdings auch einer, dem ich meine Oma nicht anvertrauen würde, wenn es drum geht, Großmütterchen über den Zebrastreifen einer vielbefahrenen Hauptstraße zu führen. Will heißen: Ich halte Romo für zu oberflächlich, zu schlampig und für nicht in der Lage, die kleinen Dinge dieser Welt im Griff zu haben. Oder auf neudeutsch: Ein Schönwetterquarterback.

Trotzdem produziert der Mann immer wieder ansehnliche Statistiken, was man allerdings auch Dallas‘ traditionell hochkarätigen Ballfängern zuschreiben könnte. Da wäre zum einen der sehr komplette Tight End Jason Witten (94 Catches, 1002yds, 9 TD), gleichermaßen gut als Blocker und Fänger, und da wären die beiden Top-WRs Miles Austin (69/1041/7) und Dez Bryant. Bryant ist charakterlich wohl nicht einwandfrei und anfällig für alle möglichen Blödsinne ernsthafter oder weniger ernsthafter Natur, aber als Spieler gilt Bryant als Naturtalent, als Moss‘ Friedensschluss mit dem einst vergessenen Randy Moss. Und Bryant ist ein fantastischer Punt Returner.

WR Roy Williams wurde nach zweieinhalb „lauten“ Jahren ziehen gelassen, was nachvollziehbar ist, weil Williams viel besser in eine Offense mit tiefen Routen passt, allerdings mit Blick auf die Tiefe im Kader ein riskanter Move – abseits der großen Drei Witten/Austin/Bryant muss schnell Wikipedia als Informationsquelle herhalten.

Immerhin gilt RB Felix Jones als recht guter Ballfänger, aber Jones‘ primäre Aufgabe wird das Laufspiel sein, wo Dallas ein Trio an ordentlichen Running Backs aufwarten kann: Jones, den fleißigen RB Tashard Choice und den jungen DeMarco Murray, der als ehemaliger Oklahoma Sooner das Cowboys Stadium bereits vom Red River Shootout kennen sollte.

Problempunkt ist die Offensive Line, die auf drei Positionen verändert wird und in der der wichtigste Mann, der Left Tackle, ein Rookie ist, von dem keiner so recht weiß, was er in dieser Saison zu leisten vermag. Wir reden vom Grünling Tyron Smith, dem Draftpick #9.

Die Defense

Dallas war 2010/11 eindimensional im Pass Rush, wenig erbaulich in der Laufspielverteidigung und fürchterlich in der Passabwehr, und das, obwohl das Spielerpersonal eigentlich als sehr okay gilt. Die Probleme hier noch mehr als in der Offense: Der Schlendrian. Mit dem neuen Coordinator Rob Ryan soll sich daran einiges geändert haben und man hört nur Gutes über Ryan und seine unkonventionellen Abwehrschemen.

Die Defensive Line wird um den NT Ray Ratliff gebaut sein, bei dem nie unerwähnt bleibt, wie wenig prototypisch er denn eigentlich für diese Position gebaut sei, aber mit zwei dicken DE-Säcken an seiner Seite gilt Ratliff als dominante Waffe und potenzieller All-Pro. Die Line wird gut spielen müssen, um die als schwach gegen den Lauf geltenden Linebackers zu entlasten, und dies ohne den abgewanderten DE Stephen Bowen (zu Erzfeind Washington).

In Sachen Pass Rush vertraut man auf zwei Dinge: OLB DeMarcus Ware, einer der konstant Allerbesten auf diesem Gebiet, und Ryans Kreativität. Man erwartet viele Zone Blitzes und überhaupt Blitzfreudigkeit, was auch dem jungen Anthony Spencer helfen sollte, ein Mann, dem großes Potenzial nachgesagt wird, allerdings auch ein schwer enttäuschendes Vorjahr.

Pass Rush, und zwar vielseitiger Pass Rush, wird wichtig sein, da das Defensive Backfield zuletzt arge Probleme hatte. CB Mike Jenkins ist eine Wundertüte, die mal großartig, mal fürchterlich spielt, CB Terrance Newman wird nicht jünger und die Safetys gelten bis auf Gerald Sansabaugh als zu wenig athletisch.

Ausblick

Ich kenen Rob Ryan kaum. Ich habe Cleveland im Vorjahr nie spielen sehen, aber die Tenöre, die auf den Kleinen Rex gesungen werden, sind hymnisch. Dallas hatte 2009/10 eine sehr dominante Defense, das Personal ist so stark verändert nicht – also gehe ich davon aus, dass der neue Coordinator diese Unit wieder hinkriegt. Die Offense liegt in den Händen eines Mannes, dem ich in kritischen Momenten ungern vertraue (Romo), aber sowohl die drei Running Backs, als auch die drei Top-Anspielstationen gefallen – kritisch dürfte allerdings die Tiefe sein, und wenn die Offense Line zu lange braucht, um eingespielt zu sein…

Der Schedule ist recht ausgeglichen, von der AFC East bis zur NFC West und die Platzierungsspiele gegen Tampa und Detroit:

Wk #1 @Jets (SNF)
Wk #2 @49ers
Wk #3 vs Redskins (MNF)
Wk #4 vs Lions
Wk #5 BYE
Wk #6 @Patriots
Wk #7 vs Rams
Wk #8 @Eagles (SNF)
Wk #9 vs Seahawks
Wk #10 vs Bills
Wk #11 @Redskins
Wk #12 vs Dolphins
Wk #13 @Cardinals
Wk #14 vs Giants (SNF)
Wk #15 @Buccaneers (Donnerstag)
Wk #16 vs Eagles
Wk #17 @Giants

Es ist un-analytisch und es ist gegen den common sense, aber irgendetwas gibt mir das Gefühl, dass wir hier über den NFC East-Champion 2011/12 sprechen. Obwohl ich Sorgen um die Line habe, obwohl mir die geringe Tiefe völlig bewusst ist, obwohl mehrerenorts Fragezeichen dicker als 0,75pts sind: Dallas sollte die Division gewinnen.

Das Zeiteisen verrät: 411 Minuten verbleiben. WordCount nach 20 Teams: 19307.