NFL Draftvorschauer 2017 – Offensive Line

Offensive Line ist, wie ich schon vor einigen Tagen angedeutet hatte, eine Position, die in der NFL für immer mehr Sorgenfalten sorgt. Man kann argumentieren, dass nur noch ganz wenige Mannschaften in der Liga eine wirklich gute Offensive Line besitzen – Teams wie die Dallas Cowboys oder Oakland Raiders sind prinzipiell mit ihren starken Lines heute fast schon Teams, die eine Marktineffizienz genutzt haben. Weiterlesen

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Das Ärgernis mit den Schützengräben

Vor drei Jahren wagten es die Detroit Lions mit einer mehr als suspekten Offensive Line nach ihrer sieglosen Saison ihren Neuaufbau mit einem Quarterback zu beginnen und drafteten den erstmal horrend teuren Matthew Stafford an erster Stelle. Obwohl ich bis hinter beide Ohren verknallt war und bin in diese wunderschönen Flugobjekte, die Stafford abfeuert, fühlte sich Staffords Einberufung für lange Zeit eher mulmig an. Jahrelang war ich der Meinung, man schafft immer die Rahmenbedingungen, dann kommt die Kür. Die „Rahmenbedingungen“ hierbei sollte die Offensive Line sein. Die Kür: Der Quarterback.

Obwohl Stafford wie befürchtet hinter der Lions-Line abgeschossen wurde, bin ich mir a) nicht mehr so sicher, ob eine dominante Offensive Line so wichtig für eine Mannschaft ist und b) auch nicht sicher, ob Staffords Schulterverletzungen wirklich auf die Line zu schieben waren – man schaue sich mal die Situationen an, in denen es zu den Verletzungen kam: Allerweltsdinger, die auch hinter starken Lines vorkommen.

Intuitiv würde man behaupten, in Zeiten, in denen jede Mannschaft ihren Super-Passrusher sucht, um Super-Quarterbacks einzubremsen, wird eine Offensive Line immer wichtiger. Green Bays Rodgers war dagegen schon vor Jahren der Meinung, die beste Protection sei eine Spread Offense.

In seiner Trendanalyse stellte Fifth Downs Andy Benoit die sich erstmal steil anhörende These auf, teure Offensive Lines seien nicht bloß schädlich fürs Geschäft, sondern sogar für die sportliche Aussicht einer Franchise.

[…] Offensive lines: nothing compared to a quarterback

We knew this heading into the season but it’s been drastically reaffirmed: you don’t need a potent offensive line if you have a marquee quarterback. The Saints have survived another year with subpar pass-blocking tackles. The Packers have been riddled by injuries up front and are managing to score 34 points per game. Even the Lions with Matthew Stafford – a good, strong-armed quarterback but not yet elite– rank fourth in scoring despite their lower-tier front five. They’ve done so by operating almost exclusively out of the shotgun. The Chargers’ fifth-ranked scoring offense has caught fire down the stretch, not long after losing two Pro Bowlers on the left side of their line (tackle Marcus McNeill and guard Kris Dielman). Philip Rivers’s pocket poise is the reason for that.

The Blindside craze from a few years ago made us all believe that left tackles are vital. In reality, the significance of the left tackle – and the other four linemen – is almost inversely proportional to the quality of your quarterback.

Umgekehrte Proportionalität  mag – überlesen wir Benoits sinnfreie Begründung mal – eine übertriebene Behauptung sein, wie man bei Advanced NFL Stats nachlesen kann.

Diese Woche hat sich eine weitere sehr geschätzte Footballseite in die Diskussion eingeklinkt. Pro Football Focus diskutiert die Frage nach dem Wert einer starken Offensive Line, die nach den Erfolgen der Steelers, 49ers oder Giants in den letzten Jahren durchaus auch ihre Berechtigung haben mag, auch wenn die Schlussfolgerung von PFF dann doch etwas unoriginell daherkommt. [Als Zusatz: Der Eintrag über das Laufspiel der Broncos ist hier.]

Als eine der Hauptbelastungen empfinde ich in der Debatte um den Wert der Offense Lines die fehlenden Stats. Wie viele Pfannkuchen („Pan Cake“) ein Left Guard backen kann, mag interessant für die Videodatenbank sein, taugt aber nicht wirklich als Diskussionsgrundlage. Burkes Modell WPA für Individualstatistiken krankt an (zu?) starker Abhängigkeit der einzelnen Spieler untereinander. Auf der anderen Seite lässt sich möglicherweise subjektives Scouting wie bei PFF kaum vom menschlichen Faktor „Feeling“ lösen. Und dann kann ein Brees immer noch einen schlechten Block mit seiner quicken tiefen Bombe negieren.

Scouting halte ich auch für nicht ganz frei von Gefuzzel, weil eine Offensive Line wie kaum ein anderer Mannschaftsteil im Football als Team auftritt. Die Aufgaben eines jeden einzelnen sind komplex und dürften vor allem bei starker Blitz-Einschlaggefahr stark auf gegenseitiges Vertrauen aufbauen (siehe hierzu überdurchschnittlich hohen IQ von Offensive Tackles).

Weil schon eine Bewertung schwerfällt, lässt sich eine Diskussion um den Belang von Offensive Lines in etwa so schwer steuern wie eine Diskussion mit einer Astrologin über Sinn und Unsinn von Horoskopen. Man kann mit Argumenten Meinungshaufen als wären sie von Rainer Holzschuh jede Auseinandersetzung unwiderlegbar für sich entscheiden.

In den nächsten Wochen werden die Pundits wieder Tackles wie Kalil oder Martin hypen und bis auf die Zehennagelgröße auseinandernehmen; möglicherweise werden zwei oder drei Tackles in den Top-10 gedraftet werden. Die Pundits werden Teams wie Minnesota dafür loben, wie schlau es denn sei, den Neuaufbau um den Bau der Offensive Line zu beginnen. Und sie haben möglicherweise Recht.

Möglicherweise auch nicht. Möglicherweise wäre Ponder glücklicher, könnte er ohne Schutz jedes Mal auf Blackmon und Green werfen und so weniger Prügel kassieren. Möglicherweise rüttelte eine bessere Offense Line nicht an Detroits Antipathie fürs Laufspiel.

Das Ärgernis wird allerdings weiterhin bleiben, dass wir für die möglicherweise wichtigste oder zweitwichtigste (oder drittwichtigste, oder unwichtigste) Position im American Football keine adäquate Grundlage haben, auf Basis derer sich eine fundierte Auseinandersetzung über die Wertigkeit der einzelnen Positionen in der Offense führen ließe.

Wenn ein Benoit die trenches auch übertrieben abkanzelt, so zeigt die Diskussion doch zumindest, dass die Grundvorstellung, eine Line sei die Basis schlechthin, in der heutigen NFL nicht mehr widerspruchslos hingenommen werden sollte. Vielmehr riecht es danach, dass unterschiedliche Typen von Offensiv-Systemen – man könnte fast soweit gehen und behaupten: Quarterbacks – unterschiedliche Anforderungen verlangen. Brees ist nicht gleich Brady ist nicht gleich Roethlisberger. Und das spiegelt sich in der Draft- und Einkaufspolitik in Sachen „Ballfänger vs. Offensive Line“ stärker nieder, als man wahrhaben möchte. Die wenig originelle Schlussfolgerung von Pro Football Focus scheint in Abwesenheit objektiverer Methoden die brauchbarste zu sein.

NFL Draft 2011 Countdown T-minus 5 – Offensive Linemen für den Osterkorb

1) Ich glaube nicht den den Osterhasen.

2) Ebenso nicht an großartige Klickzahlen am Ostersonntag.

3) Ich bin kein Experte für Offensive Liner aller Art.

Trotzdem eine kleine Vorstellungsrunde.

Offensive Tackles

Als Topmann gilt USCs Tyron Smith. Smith wird großes Entwicklungspotenzial bescheinigt – die Fragezeichen sind eher anderweitig gelagert: Mit lächerlichen 129kg ist Smith eher ein Leichtgewicht. Und aufgrund mangelhafter Noten sah sich sogar einst die USC dazu gezwungen, Smith für ein Spiel zu sperren. Smith gilt als #1-OT dieses Jahr. ABER: Wie viele dominierende Tackles hat USC zuletzt in die NFL gebracht?

Wer einen Tackle für eine lauforientierte Offense sucht, wird vermutlich zu Gabe Carimi greifen. Viele Wisconsin-Tackles sind schwer und eisenhart und diszipliniert. So auch Carimi, dem ein hohes Maß an Spielintelligenz attestiert wird. Red flag: Knieprobleme und überhaupt verletzungsanfällig. Positiv für NFL-Denke: Spielte auch schon mit gerissenem Kreuzband durch.

Nate Solder (Colorado) soll ziemlich ungeschliffen sein, aber allein sein Körperbau (2,03m, 142kg) und seine immens langen Arme machen ihn zum Liebling eines jeden O-Line-Coaches. Unter Garantie wird Solder spätestens am Freitag off the board sein, obwohl er z.B. von Cameron Jordan (einziger NFL-tauglicher Gegenspieler Solders am College) verbraten wurde.

Derek Sherrod (Mississippi State) gilt als recht fertig und solide, aber unspektakulär. Tony Castonzo (Boston College) soll sehr athletisch sein, aber nur künstlich angefressene Pfunds wiegen und möglicherweise zu wenig kräftig für die NFL.

Markus Gilbert (Florida) und Jason Pinkston (Pitt) gelten als Tackles für Mannschaften mit eher altertümlicher Spielanlage, sprich: hartes Laufspiel über die halbrechte Spielfeldseite. Unter Pinkstons Stärke-Profil ist an erster Stelle zu finden „gets his job done with brute force“. Zu Deutsch: definiert sich vor allem über rohe Gewalt…

Guards

Bekanntester Name ist Mike Pouncey, dessen Bruder Maurkice vor einem Jahr zu den Steelers gegangen ist und dort sofort eingeschlagen hat – nicht so schenialisch, wie uns der Mainstream vorgaukeln will, aber trotzdem eine starke Saison. Mike kann Center und Guard spielen und schon allein deswegen ist alles andere als ausgeschlossen, dass Mike wie der große Zwilling bei den Steelers landen wird. Ist aber angeblich zu sehr Allrounder und auf keiner Position NFL-ready.

Bester Guard soll Marcus Cannon sein. Ich musste ja zweimal hinschauen, denn Cannon ist mir als TCU-Tackle in der Rose Bowl in Erinnerung. Für die NFL soll Cannon aber zu ungelenk sein, daher der Move nach innen zu den Guards.  Macht Sinn: In der Rose Bowl hat J.J. Watt Cannon mehrmals ziemlich böse verbrannt.

Rod Hudson von der Florida State University hat am College diverse Preise abgeholt („Offensive Lineman of the Year“ in der ACC usw.) und gilt als überragender Techniker. Problem: Nur 128kg schwer und vermutlich zu saftlos für die NFL.

Vierter im Bunde ist Danny Watkins, mit 1,90m und 140kg sowas wie ein Modellathlet für Guards. Watkins hat ein ungewöhnliches Problem: Er ist bereits 26. Will heißen: Bis der Rohdiamant geschliffen ist, könnte er locker 28, 29 sein. Smells like eher kurze Karriere.

Rastaman Ben Ijalana (Villanova) könnte das Problem haben, nur FCS (Div. I-AA) gespielt zu haben. Körpermaße und Athletik sprechen aber für ihn.

Die Feel-Good-Geschichte ist Andrew Phillips von Stanford. Im vergangenen Sommer verlor der Mann bei einem Flugzeugunfall seinen Vater und um ein Haar einen seiner vielen kleinen Brüder. Phillips wollte seine Footballkarriere aufgeben um seine Mutter zu stützen. Die schickte den jungen Mann aber straight zurück nach Palo Alto. Jetzt gilt Phillips als Kandidat für die NFL.

Center

Schwacher Jahrgang für Center – aber das will normalerweise nichts heißen. Stefen Wisniewski hat in Penn State bei Joe Paterno gelernt und war schnell so gut, dass er als Freshman schon spielen durfte. Gilt als intelligent, wird aber beim Strong Men Cup nicht in der Spitzengruppe mitmachen dürfen.

Frohen Ostersonntag!