Was von Olympia 2014 an Eindrücken übrig bleibt

Das Eishockeyfinale der Herren (heute 13h MESZ) zwischen Kanada und Schweden steht noch als letzter Höhepunkt der Olympischen Winterspiele 2014 aus – eine Ansetzung, mit der man durchaus rechnen konnte. Beide schlichen sich recht unauffällig durch das Turnier. Kanada würgte Finnland mit einer starken Abwehrleistung nieder und schlug die USA in einem sehr temporeichen, intensiven Spiel. Die Schweden sind extrem spielstark, hatten aber gegen die Finnen mit zunehmender Spieldauer einige Probleme. Am Ende erwies sich der schwedische Abwehrblock aber als extrem souverän und ließ trotz etlicher Strafminuten die finnische Offensive überhaupt nie mehr sowas wie aufkommen. Beide Teams kommen trotz famoser Einzelspieler vor allem über Kollektiv. Ingrendienzien für ein Super-Finale sind gegeben.

Wenn das Herren-Endspiel annähernd das bringt, was das Frauen-Finale USA vs Kanada geliefert hat, wird es automatisch ein instant classic. Was die Frauen lieferten, war ganz beeindruckender Sport. Dieses Tempo und diese Intensität haben mich überrascht. Das war schon extrem ansprechend, ohne all die Spannungsbögen zu berücksichtigen.

Ich wusste natürlich, dass der Zwischenstand +2 pro US-Girls über den wahren Spielverlauf hinweg täuschte und dass er auch die Kommentatoren im TV blendete. Ich weiß um die Zufälligkeit des Spieles „Eishockey“. Das Schussverhältnis zwischen beiden Teams war ausgeglichen. Trotzdem hatte es irgendwo nicht mehr den Anschein, dass den kanadischen Mädels noch eine solche Schlussphase glücken würde… unterstützt natürlich von einem US-Pfostenschuss auf ein leeres kanadisches Tor… zustande gekommen durch eine Schiedsrichterbehinderung einer Kanadierin… du brauchst nicht weiter zu schreiben. Wir haben die Message verstanden.

Von denen, die zusammen gewinnen und verlieren zu denen, die so allein sind wie niemand anderes: Die Eiskunstläufer.

Eiskunstlaufen… ich habe durchaus ein Herz für die Ästhetik dieser Sportart. Dieses sanfte Gleiten zu dramatischer, ruhiger oder flotter Musik hat etwas Erwärmendes. Keine Sportart ist extremer, was diese Kombination aus „allein auf glattem Untergrund vor einer Menschenmasse“ angeht. Bei den Frauen noch krasser als bei den Männern. Es kommt nicht von irgendwo her, dass sie alle nach Ende der Show weinend zusammenbrechen.

Auf der anderen Seite habe ich tief in mir drin innigste Abneigung gegen alle Sportarten, die auf Bewertungsschemata fußen.

Ich habe trotzdem während des Hockeyfinals der Frauen immer wieder rübergeschaltet zur Kür der Damen – Carolina Kostner und dem Betteln meiner Liebsten zuhause sei Dank. Ich gestehe, die letzten Kürläufe waren fantastisch. Sie haben meine Aufmerksamkeit von einem Mannschaftssport (von Hockey!) weg geleitet. Der Daumen zum Wegschalten am Knopf, aber ich konnte nicht.

Und dann sah ich die Entscheidung, und ich wusste wieder, warum ich mir die Eis-Show ganz gerne Freitagnacht gebe, aber bei Olympia sonst nie hinein schalte. Was für eine Verarsche. Ich wusste es. Ich wusste es.

Trotzdem: Kudos für die Koreanerin Kim. Ihre Kür war einer der faszinierendsten Momente dieser Spiele. Ich liebe diesen Sport so sehr wie ich ihn verabscheue. Und ich befürchte, dass ich beim nächsten Mal wieder zuschauen werde.


Bobfahren ist für mich auch immer eines der Highlights bei Olympischen Winterspielen. Nicht, weil ich Cool Runnings gesehen habe, aber Bobfahren ist mit seinen urigen Typen noch ein richtig bodenständiger Sport. Und sie scheinen sich den Erfolg gegenseitig zu gönnen. Ich hab schon wieder den Namen des Siegers vergessen und könnte nur noch sagen, dass der Schweizer Medaillengewinner den Vornamen „Beat“ trug, aber beim Männerbob bereue ich hinterher niemals auch nur eine Sekunde, die ich zugeschaut habe.

Dass auch das Steuern durch den Eiskanal durchaus schwierig ist, siehst du bei den Frauen, die doch deutlich öfter gegen die Banden knallen und im 45°-Winkel dahersegeln. Das Frauenrennen bot die interessante Facette, dass Athletinnen wie die Hürdensprinterin Lolo Jones oder die ehemalige 100m-Weltmeisterin Williams als Anschieberinnen fungierten – eine recht originelle Idee, wie ich fand, auch wenn vor allem der Einsatz der Lolo – durch ihr Bekenntnis zur Jungfräulichkeit zu einem Sexsymbol geworden – in den Staaten durchaus auch kritische Stimmen hervorrief.

Die Heldinnen für mich waren aber die holländischen Bobpilotinnen: Vor dem letzten Lauf Fünfte, holten sie noch einen Platz auf und wurden am Ende Vierte. Die Steuerfrau, eine Ärztin, freute sich wie Bolle drüber. Ihre schwarze Anschieberin lag ihr heulend und schluchzend vor Freude im Arm. Wer sich so freut über einen vierten Platz bei Olympia, ist mit sich selbst bestimmt im Reinen, dass es ein Traum ist.

„Olympischer Moment“ ist auch Freude, und die Kombination aus der spannenden Entscheidung und dem Jubelknäuel der deutschen Mannschafts-Skispringer war diesbezüglich durchaus einer der besten Momente. Skispringen ist durch seine Unübersichtlichkeit und sein undurchsichtiges Bewertungssystem immer mehr unwatchable geworden, aber die Mannschaftsentscheidung fesselte mich an den Schirm bis zum Ende.

Dass Mario Matt den Slalom gewinnen konnte, freut mich ungemein. Ich habe Matt stets als echten Sportmann wahrgenommen, der irgendwie nicht in diese ORF-Hypemaschine passte. Dass Matt mit Hirscher einen meiner anderen Favoriten (Stichwort Preisgeld-Spende für Erdrutschopfer in Südtirol 2012) schlug – geschenkt. Hirscher wird noch Chancen bekommen. Matt ist mit 35 Lenze am Ende der Fahnenstange angekommen.

Ach ja, Tina Maze. Jahrelang das Symbol der unglücklichen Verliererin, die nahezu jede Weltmeisterschaft mit vier Hundertstelsekunden Rückstand auf dem Silberplatz beendet, waren diesmal die Hundertstel auf ihrer Seite: Ex-aequo Sieger in der Abfahrt, sieben Hundertstel im Riesenslalom ins Ziel gerettet. Glück und Pech gleichen sich im Leben aus, wenn man es nur lange genug versucht – zumindest meistens.


Was bleibt sonst?

Neue Sportarten, die ich gut finde. Skicross ist etwas, das ich mich aus blanker Angst nicht mehr aktiv auszuüben traue, aber die Crosser in Sochi hatten was. Da ist viel mehr Action drin als im x-ten Kombinationswettbewerb bei den Alpinen. Wo kann man die 17384m-Distanz im Eisschnelllauf rauswählen für mehr Skicross-Bewerbe?

Skicross > Slopestyle. Slopestyle lebt ähnlich wie der Eiskunstlauf von einer willkürlichen Siegerentscheidung, aber man hatte bei den Beteiligten wenigstens nicht das Gefühl, dass es ihnen mit Nachdruck um eine Medaille ging. Ich hab den 720 backflip Grabb gemacht, was kümmert mich die Silbrige? Vor allem bei den Herren war das atemberaubend und X-Games würdig.

Mein letzter Star ist das russische Publikum, vor allem in der Eishockey-Arena. Das Turnier endete für die Russen in einer kolossalen, aber nicht komplett unvorbereiteten, Enttäuschung, aber diese Stimmung in den ersten Tagen im Hockey-Stadion werde ich nicht vergessen. Es lief nicht alles rund für die Sbornaja, aber ein Publikum, das so bedingungslos hinter seiner Mannschaft steht ohne auch nur den leisesten Mucks obwohl es sportlich haperte, ist man als Hardcore-Konsument der amerikanischen Profiligen (booooooooooooooooooooo) oder der immer weicher gekochten Fußball-Atmosphäre im Spitzensport fast nicht mehr gewohnt. Der amerikanische College-Sport kommt noch nahe hin, aber danke, liebe Russen.

Das finale Ranking vor dem Finale

  1. Holländischer Damen-Bob.
  2. Kim Yu-na.
  3. T.J. Oshie und Russland vs USA
  4. Short-Track 500m Herren (Victor An)
  5. Damenfinale Hockey.
  6. Ski-Cross across the board.
  7. Snowboard-Slopestyle Herren
  8. Mannschafts-Skispringen Herren
  9. Michaela Shiffrin (Slalom Damen)
  10. Mario Matt (Slalom Herren)

Rein von der Unterhaltung waren es durchaus unterhaltsame Spiele… oder so.

Winterolympia 2014: Die erste Woche

Erste Woche Olympische Spiele ist um. Ein erstes Zwischenfazit mit Schwerpunkt auf das Hockey-Turnier.

Das Spiel der Spiele im Eishockey-Turnier 2014 fand bereits am Samstagnachmittag statt: Russland vs USA. Es war nur ein Vorrundenspiel und alles, was der Sieger (USA) damit gewonnen hat, ist ein Freilos für die Zwischenrunde und die direkte Viertelfinalqualifikation. Aber vom Tempo, von der Intensität war das vor allem im ersten Drittel das beste Hockeyspiel, das ich diese Saison gesehen habe. Das Spiel hatte auch sonst alles: Führung, Ausgleich, Führung für die andere Mannschaft, schneller Gegenschlag zum Ausgleich. Ein Penaltyschießen, in dem der bis dato eher unbekannte T.J. Oshie mit einer Orgie an Versuchen (vier von sechs gingen rein) Kultstatus erreichte und diese auch sportpolitisch und –historisch („Miracle on Ice“) klingende Ansetzung entschied. Sie hatte nur eines nicht: Großartige Bedeutung. Es war ein Vorrundenspiel in einer Vorrunde, in der keine Mannschaft ausscheidet.

Die Russen sind ihrerseits noch nicht voll im Turnier angekommen. Slowenien war kein Gradmesser, die USA-Pleite war auch etwas unglücklich. Im dritten Spiel, als man aus eigener Kraft hätte die Viertelfinalqualifikation schaffen können, quälten sich Ovechkin und Co. erneut durch die Verlängerung. Erst im dritten Viertel gab es sowas wie Lebenszeichen von den Russen, die viel versuchten, aber zu wenig Struktur drin hatten und nicht richtig eingespielt wirkten.

Trotzdem scheint die Stimmung im Eispalast in Sochi extremst positiv zu sein. Es gab nicht einen Pfiff zu hören. Der „Russia“-Schlachtruf dominiert die Szenerie, auch wenn es keine Volksfeststimmung zu sein scheint. Ganz merkwürdig, aber das russische Publikum hat bei mir schon mächtig Sympathiepunkte ergattert.

Die Viertelfinal-Qualifikationsrunde wird am morgigen Dienstag ausgespielt (Zeiten in MEZ):

18.2.   9h    Slowenien - Österreich
18.2.  13h30  Norwegen – Russland
18.2.  18h    Lettland - Schweiz
18.2.  18h    Tschechien – Slowakei

Slowenien gegen Österreich… da kommt tatsächlich eine der zwei vermutlich schwächsten Turniermannschaften in das Viertelfinale. Die Slowenen konnten ihr Standing aber dank eines Überraschungserfolg über zu Turnierbeginn indisponierte Slowaken steigern. Österreich hatte wie erwartet ein viel zu desorganisierte und langsame Defense um gegen die NHL-gespickten Finnen und Kanadier auch nur den Hauch einer Chance zu spüren. Aber gegen den ersten Gegner auf Augenhöhe Norwegen sah man gut aus und konnte den erhofften Sieg feiern.

Auf der anderen Seite muss einer der „Brüder“, Tschechien oder die Slowakei, schon vor dem Viertelfinale nach Hause. Die Tschechen habe ich erst in Zusammenfassungen gesehen. Die Slowaken sind mir noch ein komplettes Rätsel. Gegen die USA wurde man in einem zweiten Viertel mit sechs Gegentoren abgeschossen, die 1:7-Pleite war deutlich zu hoch um sie nicht in einer Freak-Kategorie zu stecken. Aber dann gegen Slowenien verlieren, nur um einen Tag danach mit einer richtig gut organisierten Defensivleistung die Russen vor schier unlösbare Probleme zu stellen? Hier halte ich alles für möglich.

Lettland gegen die Schweiz wird 1:0 enden, so wie alle bisherigen Ergebnisse der Schweizer (1:0 gegen Lettland, 0:1 gegen Schweden, 1:0 gegen Tschechien). Im Vorrundenspiel gegen die Letten fiel der Schweizer Siegtreffer acht Sekunden vor Spielende.

Fürs Viertelfinale, das am Mittwoch ausgespielt wird, sind bereits fix qualifiziert: USA, Kanada, Finnland, Schweden.

Ein gefühltes Ranking nach der Vorrunde würde so aussehen:

  • Die Überzeugenden: Kanada, Schweden, USA. Die Kanadier brennen noch nicht das ganz große Feuerwerk ab, aber man hatte stets das Gefühl, dass sie noch Luft nach oben haben. Bei den Schweden gibt es nix zu kritisieren, allerdings wird Zetterberg für den Rest des Turniers ausfallen. Die USA waren gegen die Russen mindestens auf Augenhöhe, und lösten den ansonsten einfachen Spielplan locker.
  • Die Ungemütlichen: Finnland, Schweiz. Ich lästere über die finnische Offensive und dann machen sie 14 Treffer in den ersten beiden Spielen – allerdings nur gegen bessere Laufkundschaft. Gegen Kanada war man ein Drittel lang komplett an die Wand gespielt, erfing sich danach. Die finnische Defensive ist rundum überzeugend. Das ist auch jene der Schweizer, die einfach mal 3x 60 Minuten mit vier Mann plus Goalie den eigenen Kasten verriegelt und dann hofft, dass vorne ein Schuss reingeht. Drei Schweizer Vorrundenspiele, drei 1:0-Ergebnisse.
  • Das Fragezeichen: Russland. Wie geschrieben: Es läuft noch nicht richtig rund, aber wenn eine Mannschaft über Nacht zu explodieren imstande ist, sind es die Russen. Und wer weiß, wenn der amerikanische Goalie Quick nicht sein Tor aus Versehen verschiebt, gewinnen die Russen das Mega-Spiel und alles ist paletti.
  • Die Enttäuschenden: Tschechien, Slowakei. Bei beiden regierte die blanke Torhüter-Panik. Der slowakische Goalie Halak wurde im ersten Spiel auf die Bank gesetzt, aber sein Backup konnte gegen Russland überzeugen. Beide haben Offensiv-Probleme.
  • Die Exoten: Österreich, Slowenien, Norwegen, Lettland. Keiner aus diesem Quartett konnte sich besonders abheben. Die Slowenen schafften eine Überraschung gegen anfangs indisponierte Slowaken. Österreich und Norwegen sind roughly auf Augenhöhe, und die Letten… okay, die darfst du mit ihrem fantastischen Goalie nicht abschreiben. Wenn die Letten die Schweiz rauswerfen, wäre ich nicht mehr völlig verblüfft.

Also nix Unerwartetes bisher.


Power-Ranking der besten Momente aus Woche 1 in Sochi:

  1. USA vs Russland (Hockey Männer), 3:2 nach Penaltyschießen.
  2. Snowboard-Slopestyle Männer. Was für ein fantastischer Parcours. Bei uns gibt es in tausend Skigebieten vielleicht insgesamt drei solche Sprünge wie der Sochi-Lauf in einem einzigen Run hatte. Was für Sprünge der Teilnehmer! Als am nächsten Tag die Frauen dran waren, merkte man einen krassen Unterschied (aber auch der Frauen-Bewerb hatte seine Reize).
  3. Julia Mancuso holt Bronze in der Abfahrt. Ich bin verknallt in Julia Mancuso.
  4. Frauen Super-G. Die Kurssetzung fand ich bemerkenswert und gewagt. Zuerst ärgerte ich mich darüber, dass man in einem Olympia-Rennen einen so speziellen Kurs setzt. Aber er machte das Rennen zu dem was es war. Sieben der ersten acht Läuferinnen flogen raus, u.a. auch eine Schwedin, die möglicherweise gewonnen hätte. Der Siegerin Anna Fenninger ist jedes Olympiagold zu vergönnen, und wie großartig war die Reaktion von Maria Riesch im Anschluss an das Rennen?
  5. Biathlon-Verfolgung Herren. Der Skibruch des Kanadiers LeGuellec sowie die Faust des späteren Siegers Fourcade werden prägende Momente der Spiele bleiben, zumindest für mich.

Angenehm ist das stets schöne Wetter nach den Schlechtwetterspielen von Vancouver sowie die beschriebene gute Stimmung in und um die Wettkampfstätten herum. Die Stadien scheinen auch nicht überdimensioniert zu sein. Es ist nicht übervoll, aber es sieht nirgendwo leer aus. Du kannst zur Vergabe und dem Bauwahn in der Region stehen wie du willst, aber die Bauwerke selbst und die Skipisten sind immerhin richtige Schmuckkästchen.

Die Olympische Hockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe C

Heute geht es los: Das Olympische Eishockeyturnier der Männer mit so viel NHL-Power, dass du gar nicht mehr weißt wohin du schauen musst. Gruppe A und Gruppe B hatte ich, aber weil in der Welt alles logisch sein muss, beginnt in Sotschi die Gruppe C das Turnier. Live ist man bei SPORT1 im TV oder bei deren Streams mit dabei. Gruppe C besteht aus folgenden Mannschaften:

Tschechien
Schweden
Schweiz
Lettland

Tschechien

Die Tschechische Republik ist verantwortlich für mein erstes großes Hockey-Erlebnis, 1998 in Nagano, als sie im Endspiel sensationell die Russen bezwangen. Im Mittelpunkt stand damals der Hexer, Dominik Hasek, der Inbegriff des Hockey-Goalies, der Russland in jenem Spiel komplett zur Verzweiflung brachte. Seither sind die Tschechen stets ein Titelkandidat, aber den ganz großen Wurf haben sie nur mehr selten geschafft.

Diesmal geht ihnen etwas die Sexyness und der ganz große Star-Rummel ab. Klar, Right Winger und Nationalsymbol Jaromir Jagr ist auch mit seinen 41 Lenze noch mit dabei, aber es ist kein Zufall, dass Jagr zuletzt kaum mehr länger als vier Monate für eine Franchise in der NHL spielte, ehe er weiterverschifft wurde. Jagr ist ein Techniker vor dem Herrn, aber mit vier Jahrzehnten auffm Buckel eben nur mehr so schnell wie man von einem 41jährigen befürchtet.

Immerhin: Seine Nebenleute in den ersten beiden Reihen gelten als hochklassig und vielseitig genug, um die tschechische Mannschaft gegen jeden Gegner im Spiel zu halten: Voracek kann alles außer abschließen. Die beiden Center Plekanek und Hanzal gehören zu den defensivstärksten Mittelstürmern, und auf links freut man sich immer den torhungrigen Michalek in Aktion zu sehen. Die Frage ist, was Michalek dieses Jahr drauf hat: Seine NHL-Saison wird als desaströs bezeichnet, er gilt als völlig verunsichert (was „völlig verunsichert“ bei einem Hockey-Crack bedeutet, kann jeder selbst für sich beantworten). Ach, und: Den steinalten RW/C Patrick Elias hat man nun auch lange genug gesehen um zu wissen, dass das ein ganz abgebrühter Hund ist.

Es gab allerdings Kritik in Tschechien, weil der Coach eine ganze Latte an brauchbaren weiteren Stürmern draußen ließ, und vor allem, weil D Jan Hejda aus Colorado nicht mitgenommen wurde. Denn: Die Abwehr ist einer der Schwachpunkte. Nur die Routiniers Zidlicky und Michalek sind noch echte NHL-Stammspieler aus den tschechischen Defensivreihen. Eine halbwegs solide Abwehr wird essenziell für die Tschechen, denn anders als vor 16 Jahren mit Hasek im Kasten gilt die Goalie-Situation diesmal als verheerend: Pavelek will man in Winnipeg fast jede Woche ersetzen und wenn man sieht, was andere Contender für Torhütersituationen vorfinden, muss man die Tschechen ob der Ihrigen schon fast bemitleiden.

Schweden

Schweden war der Olympiasieger von 2006, scheiterte aber in den Ausgaben 2002 und 2010 jeweils schon überraschend im Viertelfinale an den Medaillenhoffnungen. Das Dreikronen-Team von 2014 als ganz großer Gold-Favorit – übertreibe ich, wenn ich die Schweden im Head-to-Head minimum auf Augenhöhe mit den Kanadiern sehe, darauf pfeifend, dass mit Henrik Sedin ein ganz wichtiger Offensivspieler wegen Rippenverletzung für die Spiele ausfällt? Let me explain.

Schweden, das ist in allererster Linie ein Hockey-Synonym für die komplette Mannschaft. Das war schon immer so, und auch diesmal gibt es selbst nach dem Sedin-Ausfall kaum Schwachstellen im Kader. Alles fängt damit an, dass die Abwehr so wendig ist, dass sie pfeilschnell nach Puck-Eroberung nach vorne eröffnen kann. Den schwedischen Verteidigern geht zwar nach dem Rauswurf von Verteidiger Hedman die allerletzte Physis ab, aber dafür spielen diese Jungs so schnell, dass du als Gegner nie unvorsichtig angreifen kannst.

Im Kasten steht Henrik Lundqvist, der bei den Rangers immer mal wieder in die Kritik gerät, aber mit dem Adler auf der Brust mit drei Kronen am Kopf ist Lundqvist fast nur als unbezwingbarer Block bekannt. Legendär sind seine Paraden beim Goldwurf 2006 in Turin.

Der ganze Defensiv-Block mit seiner schnellen Spieleröffnung ist das Getriebe der Schweden für ihre famose, famose Offensive. Ein Sedin fehlt, aber der andere ist noch da. Henrik Zetterberg war schon ein Superstar als ich noch ein kleines Kind war, und ist immer noch „erst“ 33, was mich verblüfft hinterließ. Der neue Zetterberg ist auch schon im Kader, der 21jährige Gabriel Landeskog von Colorado, der schon in seinem zweiten NHL-Jahr zum Team-Kapitän gewählt wurde.

Die schwedischen Winger werden in erster Linie angespielt von ihrem Center, Nicklas Backström von den Caps. Backström verglühte im Dezember fast vor Spielfreude, aber schleppte danach erstmal eine kleine Formkrise mit sich und ist seit 15 NHL-Spielen ohne Tor. Bloß: Einen Backström misst du nicht allein an Treffern. Ein Backström ist da, eine Unzahl an Assists vorzulegen (3t-meiste der NHL-Saison), sodass Sedin, Zetterberg, Landeskog, Alfredsson und wie sie –bergs und -ssons alle heißen nur noch einschieben brauchen.

Im Eishockey ist bei dieser Leistungsdichte in der absoluten Spitze natürlich extrem viel Zufall mit im Spiel, aber: Aufgestellt ist nur eine Mannschaft am besten für Gold – und das ist für meinen Geschmack Schweden. Es ist die einzige Mannschaft ohne auch nur einen Anflug von Schwäche im Kader. Und sie ist immer flott anzusehen.

Schweiz

Die Schweiz… die beste Nati ever soll Headcoach Sean Simpson da unter seinen Fittichen haben. Letztes Jahr marschierten die Schweizer sensationell ins WM-Finale und erst dort mussten sie sich den Schweden geschlagen geben. Ein WM-Endspiel ist immer eine feine Sache, auch wenn eine WM aufgrund vieler NHL-Abwesenheiten längst nicht den Stellenwert eines Olympiaturniers besitzt.

Von allen Mannschaften außerhalb der „Big-7“ (Schweden, Kanada, Russland, Tschechien, Finnland, USA, Slowakei) dürften die Schweiz über den mit Abstand besten Kader verfügen, und vor allem: Über den komplettesten, tiefsten. Sie haben in praktisch allen Mannschaftsteilen richtig gute Leute, die auch in Amerika Begehren erwecken.

Das beste von allen: Goalie Jonas Hiller, der seit vielen Jahren eine feste Größe in der NHL ist und auch dieses Jahr als Anwärter auf die Vezina Trophy als bester Torhüter der Saison gilt. Hiller ist der Ankermann einer Schweizer Mannschaft, die vor allem auf ihre Abwehrstabilität baut. Zum Beispiel mauerte man sich letztes Jahr mit nur 11 Gegentoren aus den ersten neun Spielen (inkl. nur insgesamt einem in Viertel- und Halbfinale) ins WM-Endspiel, und erst dort brachen die Dämme.

Eine Klasse schwächer, aber immer noch durchaus respektabel, ist man im Angriff besetzt. Damien Brunner von den New Jersey Devils ist als Center der einzige Spieler von Weltformat. „Der einzige“ liest sich negativer als es für eine Schweizer Mannschaft klingen sollte. Aber hinter Brunner ist die Tiefe eher mittelmäßig, zumindest vergleichen mit den Topnationen.

TV-technisch sehe ich relativ viel Hockey aus der Schweizer Liga, da ich SRF empfange und häufig zur Wochenmitte und um die UEFA-CL Berichterstattung herum einiges Hockey gezeigt wird. Natürlich ist eine NHL eine andere Welt, aber für meinen Geschmack ist die Schweizer Liga, was Tempo und Physis angeht, in Europa schon eine Hausnummer. Da wird erstklassiges Hockey gespielt. Wenn man das mit Hockey in Göteborg oder so vergleicht (und die schwedische Liga hat einen exzellenten Ruf), ist die National League in der Schweiz nicht weit weg.

Insofern: Nicht enttäuscht sein, wenn es zu keiner Medaille reicht; dafür sind die Arrivierten wohl noch zu weit weg. Aber den einen oder anderen Nadelstich traue ich dieser Schweizer Nati schon zu – vielleicht gelingt gegen die Tschechen sogar eine Überraschung.

Lettland

Lettland ist als #11 der Weltrangliste höher gerankt als zum Beispiel Österreich oder Slowenien, aber die Jungs von Coach Ted Nolan gelten trotzdem als klare Außenseiter in diesem Turnier. Die Auswahl der Letten setzt sich zusammen aus mehr oder weniger dem gesamten Kader von Dinamo Riga plus dem einen oder anderen NHL-Import.

Ich kenne keine Einzelspieler, aber von den letzten Weltmeisterschaften ist eine sehr quicke, wendige Defense in Erinnerung, die nach Puck-Gewinn nicht lange zaudert, sondern das Ding recht schnell via Kombinationsspiel nach vorne treibt. Das Problem ist allerdings, dass man zu wenige Bälle erobert. Die Letten kassieren viel zu viele Schüsse aus guten Positionen, und zusammen mit relativ unerfahrenen Goalies summiert sich das gegen spielstarke Offensiven wie Tschechien oder Schweden schnell mal auf 5-6 Gegentreffer; sprich: Man ist chancenlos gegen solche Gegner.

Gegen Mittelklasse-Gegner reicht die lettische Defense meistens aus, und dann kann man auch recht flink nach vorn spielen, wo der Center der Buffalo Sabres, der blutjunge Zamgus Girgensons (2012 in der ersten Runde gedraftet), wartet. Girgensons spielt mittlerweile auch in Buffalo unter seinem Nationalcoach Nolan, der dort Mitte der Saison als Interimscoach eingesprungen ist.

Es ist nicht zu erwarten, dass den Letten eine Überraschung in der Gruppe gelingt – am ehesten gegen die Eidgenossen, aber hm… nein. Es braucht dazu schon eine so disziplinierte Leistung ohne Penaltys, und das von einer so jungen, unerfahrenen Mannschaft, dass ich nicht dran glaube. Aber selbst ohne große Ambitionen für Medaillen ist das eine Mannschaft, die mir mit ihrem beherzten Spiel bei den letzten Weltmeisterschaften durchaus ans Herz gewachsen ist – vielleicht springt ja ein Punktgewinn für die Balten heraus.


Spieltage (alle Uhrzeiten MEZ)

  1. Am 12.2.: Tschechien – Schweden (18h), Lettland – Schweiz (18h)
  2. Am 14.2.: Tschechien – Lettland (9h), Schweden – Schweiz ( 13h30)
  3. Am 15.2.: Schweden – Lettland (18h), Schweiz – Tschechien (18h)

Die Olympische Eishockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe B

Zweiter Teil der großen Eishockey-Vorschau für die Olympischen Spiele 2014 mit der Gruppe, die folgende vier Teams umfasst:

Kanada
Finnland
Norwegen
Österreich

Beginnen wir mit dem Titelverteidiger.

Kanada

Eishockey ist in Kanada Nationalsport Nummer 1. Als ich vor eineinhalb Jahren in Toronto war und die Toronto Argonauts in der eigenen Stadt das Endspiel in der immer noch populären Canadian Football League vor Augen hatten, war die NHL gerade in der Lockout-Pause. Gesprächsthema waren nicht die Argos. Gesprächsthema waren die möglichen Neueinkäufe der Toronto Maple Leafs für den Fall, dass die NHL doch irgendwann weitergehen würde. Deutschland = Fußball. Österreich = Skifahren. Kanada = Hockey.

Entsprechend hoch wird das fantastische Olympia-Finale von 2010 gegen die USA in der kanadischen Sporthistorie wohl auch gereiht sein:

Die “Ahornblätter” bringen eine ganze Latte an Stars mit, und es ist nur bezeichnend, dass das Team trotz des Ausfalls des torgefährlichsten Centers der Welt, Steven Stamkos von den Tampa Bay Lightning (Schienbeinbruch), noch immer als einer von zwei Topfavoriten gehandelt wird. Besser: Sogar das kanadische Ersatzteam gälte als Gold-Anwärter.

Der kanadische Sturm dürfte auch nach Stamkos‘ Ausfall der tiefstbesetzte aller Olympia-Teams sein (Stamkos wird ersetzt durch Martin St Louis). Sidney Crosby ist nur der Superstar und bekannteste Name. Es wird häufig diskutiert, wie schwierig es für einen Spieler ist, Crosbys Nebenmann zu geben, aber Punkt ist, wenn du mit so einem versierten, aggressiven, vielseitigen Mann spielst, dann darf das kein Problem sein. Die Frage ist eher, welchen Spielertyp die Kanadier Crosby zur Seite stellen? Ist es ein „echter Winger“ wie der mittlerweile fast schon zu hüftsteife Rick Nash oder setzt man eher auf verkappte Center wie Patrice Bergeron oder Jonathan Toews?

In den ersten gemeinsamen Trainingseinheiten sollen die Kanadier folgende Reihen getestet haben:

    • Jeff Carter – Crosby – Chris Kunitz
    • Sharp – Toews – Nash
    • Tavares – Getzlaf – Perry

Plus eine Powerplay-Unit mit der Blueline Sharp und Keith, sowie Crosby mit Kunitz und Tavares vorn.

Besser geht kaum. Die Auswahl ist gigantisch. Du kannst minimum drei hochkarätige Reihen mit den kanadischen Angreifern bilden. Du hast extremen Speed, egal ob du Crosby und Toews einwechselst oder auf Leute wie Marleau oder Duchene setzt.

Die Frage wird sich eher darauf konzentrieren, wie sich die Defensive zusammensetzt. Es gibt mit Subban, Weber, Drew Doughty (ein fabulöser Skater) und vor allem Duncan Keith minimum vier Weltklasse-Verteidiger für exzellentes Umschalten, aber Leute wie Vlasic oder Hamhuis gelten als potenzielle „Schwachstellen“, weswegen viele erwarten, dass Kanadas Gegner vornehmlich über Vlasics Seite (häufig die linke Abwehrseite) attackieren werden.

Tja, und dann sind da die Goalies – ein permanentes kanadischens Gesprächsthema ähnlich der „T-Frage“ in Deutschland. Es ist seit ich denken kann das erste Olympiaturnier ohne die Goalie-Legende Martin Brodeur, der schon vor vier Jahren von Roberto Luongo verdrängt wurde. Luongo konnte seinen Platz behalten, gilt aber als Unsicherheitskandidat. Von den Stats her ist der Goalie der Montreal Canadiens, Carey Price, dieses Jahr der souveränste kanadische Tormann, wobei man bei Price stets die wenig sattelfeste Habs-Defense beachten muss. Nicht ausgeschlossen, dass es eine erneute Wachablöse gibt.

Also: Das ist der logische Topfavorit vieler.

Finnland

Ein permanenter Geheimfavorit ist Finnland, der Bronzemedaillengewinner von Vancouver. Die Finnen bauen seit Jahren stets primär auf ihren kompakte Defense und exzellentes Goaltending. Die Offense hat fast schon traditionell nicht die allergrößte Feuerkraft, aber mit ihrer zeckigen Spielweise sind die Finnen nicht einfach zu bespielen.

Im Tor wird vermutlich der Bruins-G Tuukka Rask (92.8% Save-Quote) die meiste Spielzeit gegenüber Antti Niemi bekommen; Rask hat die meisten Shutouts in der NFL dieses Jahr. Auch Niemi ist kein schlechter: Letztes Jahr wurde er zum zweitbesten Goalie der NHL gewählt, und sein Name steht seit 2010 auch in der Siegerliste des Stanley Cups.

Die Frage bei Suomi ist mehr: Wer soll die Tore schießen? Mikko Koivu und Valterri Filppula fallen beide mit Knöchelverletzungen für die Spiele aus; Mikkos älterer Bruder Saku hat mit 39 Lenze keine Lust mehr auf Olympia. Da lacht die 43jährige Stürmerlegende Teemu Selänne, der noch immer in der dritten oder vierten Reihe aufläuft. Selänne wird in der NHL in Anaheim nur noch sporadisch eingesetzt und muss nicht mehr jede Auswärtsfahrt mitmachen, aber als Joker und für die Erfahrung gilt dieser Methusalem noch immer als wertvoll.

Erfahrung ist auch etwas, was den Finnen sonst abgeht. Mehrere Spieler sind jung; etliche verdienen ihre Sporen im eigenen Land oder in der russischen KHL und wollen sich für die NHL empfehlen. Mit diesem Team ist aber zu rechnen. Sie werden dich nicht 8:3 aus dem Stadion schießen, aber vielleicht ein 2:1 heraus wringen, das dann die großen Titelfavoriten (mal wieder) ratlos hinterlässt.

Österreich

Zugegeben: Ausgerechnet die österreichische Mannschaft ist mir nicht überaus bekannt, da ich die EBEL aus diversen Gründen kaum verfolgen kann. Die Österreicher waren zuletzt 2002 für Olympia qualifiziert, und sie haben ein recht junges, gutes Team. Und vor allem: Eines, das beißt. Die Qualifikation für Sotschi schaffte man als #15 der Weltrangliste und ohne die beiden großen NHL-Stars, die Winger Vanek (linker Flügel) und Grabner (rechter Flügel) von den New York Islanders. Auch der dritte der aktuell drei österreichischen NHL-Profis ist offensiver Flügelspieler: Michael Raffl von den Flyers. Allerdings könnte die eklatante Center-Not die Österreicher dazu bewegen, Raffl in die Mitte zu schieben; Raffl hatte dieses Jahr auch in Philadelphia durchaus einige Minuten Einsatz als Ersatz-Center. Aber diese Offense-Fragen sind bei Rot-Weiß-Rot eher angenehme Fragen.

Denn: Die Probleme der Österreicher sind eher in der Defensive zu verorten, wo einige der Verteidiger im Olympiakader schon in der heimischen EBEL manchmal eher maue Kritiken bekommen. Dazu gelten die Stürmer nicht als allergrößte Abwehrbeißer vor dem Herrn. Der einstige NHL-Profi Pöck hat als Verteidiger die größte Stärke im schnellen Aufbauspiel, aber die Frage ist halt, ob du gegen die Crosbys überhaupt zu einem schnellen Aufbauspiel kommst oder eher schauen musst, nicht abgeschossen zu werden. Auf alle Fälle offenbarte das Testspiel gegen Dänemark letzte Woche teilweise gravierende Abwehrlücken. Immerhin gelten die Goalies als erfahrene Recken, die sich nicht nervös machen lassen, wenn Kanada im ersten Drittel gleich mal einen Hattrick einschenkt.

Ich bin gespannt. Rein personell und vom Speed her dürfte die Mannschaft nicht allzu weit über Slowenien einzuordnen sein. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Österreicher die Fachwelt überraschen, indem sie einem Arrivierten den einen oder anderen Punkt abluchsen. Alles andere als ein Aus vor dem Viertelfinale müsste allerdings als Sensation gewertet werden.

Norwegen

Auch die Norweger kommen als (mir) eher unbekanntes Team daher. Sie gelten international als schwächste der Big-3 in Skandinavien (Schweden, Finnland, Norwegen), aber knapp über Dänemark angesiedelt. Sie gelten auch als leicht favorisiert gegenüber dem „anderen“ Zwerg in dieser Gruppe, Österreich.

In Erinnerung dürften die Elche wohl vor allem den deutschen Eishockeyfans sein: Von vor zwei Jahren ist noch ein 12:4-Abschuss aus der WM-Vorrunde in Erinnerung. Überhaupt gaben diese Jungs bei jener WM Gas: 8 Spiele, sage und schreibe 35 Treffer!

LW Mats Zuccarello von den New York Rangers ist der einzige NHL-Profi im Kader. Zuccarello ist aktuell der Scoring-Leader bei den Rangers und natürlich gesetzt. Aber um ihn herum hat der stockkonservative Coach Roy Johansen endlos viele Optionen, da es zwar keine herausragenden Spieler, aber viele gleichwertige geben soll. Eine Option als Center könnte Thorensen sein, der in St. Petersburg spielt. Es gilt auch als wahrscheinlich, dass Johansen schön durchmischt – es wird schwierig, sich taktisch auf diese Offensive einzustellen.

Die Blueline gilt als geschwindig, aber zu wenig physisch um gegen die NHL-Cracks gegenzuhalten. Die Erfahrung in den ersten zwei Reihen ist gegeben, aber Erfahrung kompensiert dir halt nicht für alles. Goalie soll keine Problemzone darstellen, aber keiner der Keeper hinten wird dich aus der Scheiße retten.

Klingt ein wenig wie Überraschungsfreiheit in dieser Gruppe: CAN > FIN > NOR > AUT, wobei ich den Österreichern durchaus ein Upset gegen Norwegen zutraue.

Die Olympische Eishockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe A

Am Mittwoch, 12.2. beginnt das olympische Hockey-Turnier der Männer, für das sogar die NHL pausiert und eine ganze Latte an Stars abstellt. 12 Mannschaften sind auf drei Vorrundengruppen aufgeteilt qualifiziert. Sie werden im Round-Robin Modus jeweils drei Vorrundenspiele bestreiten. Die drei Gruppensieger plus der beste Zweiter qualifizieren sich für das Viertelfinale. Die vier verbleibenden Gegner werden in einer Hoffnungsrunde aus den acht restlichen Mannschaften ermittelt. Das garantiert, dass jede Mannschaft mindestens vier Auftritte unter Wettkampfbedingungen hat. Danach wird im KO-Modus der Goldmedaillengewinner ausgespielt.

Viele Spiele werden von SPORT1 (das sublizenziert wurde) übertragen: Sendepläne und Streaming-Angebote kann man direkt von der Sender-Homepage übernehmen. Hockey ist für mich neben dem Curling-Turnier und den Alpinen Skiwettbewerben immer das ganz große Highlight der Winter-Olympiade, also nutze ich mal den Sideline Reporter, um mich auf das Turnier und seine Mannschaften einzustimmen. Ich beginne heute mit der Gruppe A.

Russland
USA
Slowakei
Slowenien

Russland

Die russische Mannschaft („Sbornaja“) ist die launische Diva des Eishockeysports. An guten Tagen zerlegt sie die Konkurrenz mit ihrem geschwindigen, technisch feinen Spiel, dass es eine Augenweide ist. Auf der anderen Seite ist sie in permanenter Gefahr, ihr Katastrophenpotenzial auszuschöpfen und hirnrissige Pleiten mit komplett lahmen Leistungen einzubauen. Es ist ein „ur-russisches“ Problem, und es ist schwierig nachzuvollziehen.

Das russische Angriffspersonal ist absolute Sahne und schon allein wegen der phänomenalen Ausnahmekönner wie dem Left Winger Alexander Ovechkin oder dem Center Evgeni Malkin gehört diese Auswahl immer zu den Topfavoriten. Habe ich Right Winger Kovalchuk oder Pavel Datsyuk (stand letzte Woche wieder im Aufgebot der Red Wings) bereits erwähnt? Nein? Die bilden nur das „Beiwerk“ zu Ovechkin und Malkin, den beiden letzten NHL-MVPs der Jahre 2012 und 2013.

Auf der anderen Seite beherbergt die seit Jahren schwelende Fehde zwischen Ovechkin und Malkin weiterhin Konfliktpotenzial. So gut diese beiden Einzelspieler sind, sie können sich immer noch nicht wirklich riechen. Vielleicht ist das aber egal; die beiden werden möglicherweise nicht in der gleichen Reihe aufgeboten.

Ovechkin ist immer noch der vielleicht faszinierendste Hockeyspieler der Welt, eine derartige Wucht auf dem Flügel, dass um ihn herum alles verblasst wenn dieser helle Stern in Aktion tritt. Heuer hat Ovechkin in 5-vs-5 Situationen in der NHL-Saison erst 17 Treffer erzielt (insgesamt 40, was die Torschützenliste deutlich anführt), aber das täuscht über seinen wahren Wert hinweg: Die Schuss-Statistik ist für die Qualität die bessere Argumentation, und Ovechkin gibt sensationelle 13 Schüsse pro 60 Spielminuten in 5-vs-5 Situationen ab. Ovechkin führt die iFenwick und iCorsi Wertungen der Liga an. Das sind die beiden Statistiken, die am nächsten das abbilden, was in der NFL der NY/A Wert ist.

So prächtig die russische Offensive ist, es gibt Fragezeichen in der Defense. Coach Bilyaletdinov wird vorgeworfen, die Nominierung der Spieler nicht nach dem Löwschen Leistungsprinzip vorgenommen zu haben, sondern ganz inzestuös auf die Spieler zu setzen, die ihm in den letzten Jahren schon des Öfteren den verlängerten Rücken gerettet haben. Bilyaletdinov setzt lieber auf eingespielte Pärchen in der Abwehr als auf Experimente, wobei Leute wie Voinov und Belov schon in den letzten Jahren nicht immer für Stabilität standen.

Immerhin gelten die beiden Goalies als mittlerweile etablierte NHL-Stars: Bobrosky (Columbus, 92.8% Saves) und Varlamov (Colorado, 93.5% Saves) gelten als Stammspieler in ihren jeweiligen Franchises und sollten das in den letzten Jahren immer mal wieder zutage getretene „Torhüterproblem“ bei den Russen zumindest lindern können.

Kurzum: Die Russen sind „loaded“ in der Offensive, sie haben hinter den Big-4 noch Winger wie Semin oder Radulov zum Einwechseln für zwischendurch bereitstehen. Die Defense ist suspekt, aber das Power-Play der Russen ist unbremsbar. Das Spielermaterial gibt es her. Die Teamchemie ist aber noch ein Fragezeichen, und dann ist da noch der Druck des Gewinnen Müssens im eigenen Land, nicht unähnlich der kanadischen Seele vor vier Jahren. Damals wurde der Volksheld Crosby zum Gold-Boy. Wird es Ovechkin, dem man zurecht oder nicht eine gewisse Peyton-Manningsche Spotlight-Allergie nachsagt, ihm gleichtun?

USA

Es gibt auf alle Fälle schon in der eigenen Gruppe heftige Konkurrenz. Die USA gelten seit Jahren als eine Art dark horse, denen man schon oft voraus prognostizierte, sie seien noch nicht so weit, aber es sei bald soweit, und trotzdem standen sie zuletzt mehrfach im olympischen Finale knapp vor dem ganz großen Triumph. Diesmal wurde der Pens-Coach Dan Bylsma als US-Coach engagiert, und es sind sich alle einer Meinung: Dieser Kader ist der beste, den die US-Boys jemals hatten.

I’m not convinced, um ehrlich zu sein. Bylsma nominierte einen Kader, der auf potenzielle Scorer wie Bobby Ryan verzichtete, um irgendwelche „Role Player“ für die dritte Reihe oder die Shutdown-Line mitzunehmen. Ist das der richtige Weg in der NHL? Absolut, denn bei 30 Franchises gibt es nicht genügend Spielermaterial, um alle Teams mit gleichwertigen 24-Mann Kader zu füllen. Aber bei Olympia hast du dieses Problem nicht. Du kannst deine besten auswählen. Bylsma verzichtete darauf.

Die Offense der USA bietet zwei potenziell überragende Winger-Reihen auf: Patrick Kane, Zach Parise, Olympia-Spezialist Phil Kessel und James van Riemsdyk können egal in welcher Kombination für locker zwei Drittel und mehr fantastischen Druck erzeugen. Das ist allein von der Qualität und Tiefe vielleicht noch besser als die russischen Winger. Allein: An richtigen Center vermissen sie in den Staaten. Möglicherweise werden Kesler oder Pavelski per Handzeichen reingewählt, weil es sonst niemanden gibt. Immerhin sollten solche Jungs die Defensive stärken.

Die Blue-Line ist durchaus nicht immer sattelfest mit nur einem wirklichen NHL-Star der gehobenen Klasse im allerdings einzigartigen Ryan Suter (Minnesota Wild). Dass sie nicht zum allergrößten Problem wird, dafür könnte aber das Herzstück der amerikanischen Mannschaft sorgen: Die Goalies.

Manche Mannschaft wäre mit einem 80%igen Jonathan Quick schon zufrieden, aber Quick ist in den Staaten wohl noch nichtmal die Nummer 1 trotz 92.4% Save-Quote. Quick und sein „Vorgesetzter“ Ryan Miller sind sich in den Save-Quoten nicht unähnlich, aber wo ein Quick in Los Angeles hinter einer funktionierenden Mannschaft spielt, hält Miller in Buffalo seit zwei Jahren einen kompletten Trümmerhaufen quasi im Alleingang zusammen und verhindert den Komplettabsturz.

Wenn Bylsma diesen Kader in der kurzen Zeit zu einer funktionierenden Mannschaft formen kann, wenn die Goalies heißlaufen, wenn sich das Center-Problem nicht als echtes Problem herauskristallisiert und etwas Glück in kritischen Momenten dazukommt, dann kann das durchaus was werden mit der Goldmedaille für die USA. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht dran. Es gibt komplettere Mannschaften in diesem Turnier.

Slowakei

Auch die Slowakei ist einigermaßen „frontgeloaded“, mit einigen größeren Namen, die jeder Eishockeyinteressierte aus dem Effeff herunterrattern kann, aber hinter der ersten und zweiten Linie gibt es nur beschränkte Optionen.

Vor allem die Defense der Slowaken dürfte eine Sollbruchstelle werden. Der häufig bockstarke Goalie Halak (92.3% Savings) kann die Kohlen nicht im Alleingang aus dem Feuer holen, und spätestens seit fix ist, dass Visnovsky von den Islanders ausfallen wird, dürfte jedem klar sein, dass die slowakische Defensive nicht den höchsten Ansprüchen genügen wird.

Immerhin hat die Abwehr aber einen markanten Superstar: Zdeno Chara, den 2.06m-Hünen von den Boston Bruins, den größten NFL-Spieler ever. Chara war am Freitag bei der Eröffnungsfeier, als die Kollegen in der NHL noch spielten, der Fahnenträger der slowakischen Olympia-Delegation.

Im Sturm wird bei den Slowaken nach dem Ausfall von Marian Gaborik alles über den Flügelspieler Marian Hossa laufen. Hossa ist einer der Spieler der Güteklasse, sagen wir, Curtis Martin um einen Quervergleich mit der NFL zu wagen: Jahrzehntelang ein Leistungsträger in jeder seiner Mannschaften, aber nie der ganz große Star, der aus seiner Mannschaft herausragt, weil es immer einen Bledsoe oder John Abraham gibt, der dich überstrahlt… bis du am Karriereende realisierst, dass er 1000 Spiele mit minimum 500 Toren und weit über 1000 Scorerpunkten aufm Konto hat und in die Hall of Fame gehört. Das ist Hossa, einer meiner Lieblingsspieler.

Aber Hossa kann es nicht allein reißen. Du kannst ihm kaum zwei Drittel Eiszeit geben und hoffen, dass er seine sensationelle Pace (ich hab was von 1.7 Scorer-Punkten pro Olympiaeinsatz gelesen) hält.

Die Slowaken sind so einer der brandgefährlichen Außenseiter. Sie können an einem guten Tag, an dem es einigermaßen für sie läuft, jeden schlagen. Aber ich bin nicht überzeugt, dass sie sich durch drei K.O.-Spiele hindurch unversehrt durchwursteln. Dafür müsste Halak schon sensationell heiß laufen und vorne… naja, Jungspunde wie Panik oder Tatar brauchen auch ihre Breakouts um Hossa halbwegs zu unterstützen.

Slowenien

Jede Gruppe braucht einen krassen Außenseiter, und in der Gruppe A trifft dieses Mantra auf die Slowenen zu, die keinen Stich machen werden. Für Slowenien ist es schon ein großer Erfolg, die Qualifikation geschafft zu haben (immerhin Weißrussland, Dänemark und Ukraine geschlagen), aber das dürfte es dann auch gewesen sein. Mit Anze Kopitar (Stürmer, Ergänzungsspieler LA Kings) gibt es nur einen einzigen aktuellen NHL-Spieler im Kader, aber immerhin: Die Quali haben die Slowenen ohne Kopitar geschafft.

Mehrere der Slowenen spielen in der Schweizer Liga, der schwedischen oder aber auch, wie im Fall vom Goalie Luka Gracnar in der österreichischen Liga in Salzburg. Bekannter Spieler ist bei mir eigentlich nur der Backup-Goalie Hocevar, der vor ein paar Jahren ums Eck in Pontebba aufgelaufen ist.

Die Slowenen müssen hoffen, nicht allzu heftig abgeschossen zu werden. Aber sie sind sicher das qualitativ schwächste aller heurigen Olympia-Teilnehmer.


Spieltage (alle Uhrzeiten MEZ)

  1. Am 13.2.: Russland – Slowenien (13h30), USA – Slowakei (13h30)
  2. Am 15.2.: Slowakei – Slowenien (9h), USA – Russland (13h30)
  3. Am 16.2.: Slowenien – USA (13h30), Russland – Slowakei (13h30)