Samstagsvorschauer: Großes Coaching-Duell in der Fiesta Bowl

Vorletzter Tag dieses Jahres und vorletzter Tag der Bowl-Season 2017/18. Heute gibt es einige Blickpunkte, für die man sich die Eier reiben kann. Wir sehen unter anderem zwei New Year’s Six Bowls, zudem eine wunderschöne Mid-Major Offense – und natürlich den Hauptpreis: Die beiden fulminantesten Offensivspieler im College Football – QB Lamar Jackson und RB Saquon Barkley.

Vorschau auf die großen Semifinals vom Neujahrstag habe ich schon gestern geschrieben. Verweisen möchte ich auch auf den Sportradio360-Podcast mit Christian Schimmel, Jan Weckwerth und Nicolas Martin zur Bowl-Season. Weil wir schon beim Thema sind: Christian Schimmel hat sich natürlich auch wieder heute meinen Fragen gestellt. Weiterlesen

Orange Bowl 2016 Preview: #6 Michigan Wolverines – #11 Florida State Seminoles

Die Preview auf das erste Playoff-Halbfinale, das morgen stattfindet, habe ich schon geschrieben. Die „New Year’s Six“ Bowls starten aber schon heute Nacht um 2h MEZ (live bei SPORT1 US und DAZN) mit der Orange-Bowl Ansetzung aus Miami, #6 Michigan Wolverines (10-2) vs #11 Florida State Seminoles (9-3). Weiterlesen

Bowls statt Böller an Silvester 2014 | College Football Preview

Am heutigen Silvester-Tag debütiert das neue New Year’s Six Format des College-Football Playoffs, dessen Grundzüge ich in den letzten Monaten versuchte, etwas genauer zu beschreiben [1][2]. Drei der sechs großen Bowls werden heute ausgespielt, drei – darunter die beiden Halbfinals – morgen. ESPN fährt neue Übertragungsmethoden auf, SPORT1 US steigt in die Bowl-Berichterstattung ein. Eine ausführliche Vorschau. Weiterlesen

Bowl Season 2013/14 am letzten Wochenende

Letztes Wochenende der Bowl-Season 2013/14, die viel Durchschnittskick fabriziert hat, aber auch einige wenige extrem attraktive Partien. Was steht uns noch bevor?

2./3.1. 01h30    Cotton            Oklahoma State     Missouri
2./3.1. 02h30    Orange            Ohio State         Clemson
   4.1. 19h      BBVA Compass      Vanderbilt         Houston
4./5.1. 03h      GoDaddy.com       Arkansas State     Ball State

Die Orange Bowl wird live übertragen von SPORT1 US (ab 02h30 in der Nacht auf Samstag). Die Cotton Bowl gibt es nur in Italien zu sehen, live bei FOX SPORTS 2. Der ESPN-Player hat Orange / BBVA Compass und GoDaddy.com im Programm.

Orange Bowl 2014

#7 Ohio State Buckeyes – #12 Clemson Tigers

Von der Ansetzung her ist Ohio State (12-1, Big Ten) gegen Clemson (10-2, ACC) ein Duell, das massive Offense-Power auf beiden Seiten verspricht. Aber es ist auch ein Duell, das vor über drei Jahrzehnten im College-Football Geschichte schrieb, die heute möglicherweise im Spielverlauf noch einmal bei ESPN angesprochen wird: Damals, Gator Bowl 1978, trafen Ohio State und Clemson zum bisher einzigen Mal aufeinander. Clemson gewann, aber das war am Ende unbedeutend. Viel wichtiger war eine Szene kurz vor Spielende, als der Nose-Tackle von Clemson, Charlie Bauman, eine Interception fing und entlang der Buckeyes-Seitenlinie returnierte. Der NT wurde getackelt, und die Trainerlegende von Ohio State, Woody Hayes, versetzte Bauman einen Faustschlag. Hayes, diese an sich unantastbare Legende und fünffacher National-Champion, wurde direkt nach dem Spiel gefeuert.

Zurück in die Gegenwart. Offense rulez, und das zweimal auf unterschiedliche Art und Weise. Clemson ist eine eher traditionelle Pass-Offense mit dem lange Zeit gehypten QB #10 Tajh Boyd, einem Farbigen, der eine gute, aber nicht überragende Saison spielte. Der Superstar ist WR #2 Sammy Watkins, ein Mann, der im Draft-2014 in der ersten Runde gezogen werden wird (14.6yds/Catch, 10 TD), aber es gibt in TE Bryant und WR Humphries weitere Klasse-Waffen. Diese Offense trifft auf ein dezimiertes Backfield bei Ohio State, wo der künftige Profi CB Bradley Roby mit Knieverletzung wohl ausfallen wird.

Ohio State von Headcoach Urban Meyer spielt eine Spread-Run/Option Offense als Basis, auch wenn die Versuche von Meyer, QB Braxton Miller immer mal wieder tief werfen zu lassen, unübersehbar sind. Ohio State ist um seine sehr gute Offense Line und RB Carlos Hyde (mehrere 200yds-Spiele) gebaut, und Clemson muss erstmal dieses Laufspiel stoppen bevor es daran denken kann, den Pass zu verteidigen. Weil Clemsons Secondary als extrem ausgedünnt gilt, könnte Ohio State heute aber mehr werfen als gewohnt.

SRS favorisiert Ohio State, aber nur mit drei Punkten. Die Frage ist nur noch, ob die Buckeyes auch motiviert genug sind, ihren Stiefel runter zu spielen. Die Fan-Base scheint eher enttäuscht zu sein, denn Ohio State hatte Probleme, sein Kartenkontingent für die an sich attraktive Reise ins warme Südflorida loszuwerden.

Cotton Bowl Classic 2014

#8 Missouri Tigers – #13 Oklahoma State Cowboys

Rein vom Simple Ranking System her ist die Cotton Bowl die hochwertigste Ansetzung der Bowl-Season 2013/14 hinter dem BCS-Title Game. Missouri (11-2, Finalverlierer SEC) und Oklahoma State (10-2, Zweiter der Big 12 Conference) gelten als rundum komplette, überraschend starke Mannschaften. SRS favorisiert die Oklahoma State Cowboys knapp mit 0.5 Punkten.

Beide Teams dürften sich noch aus der Big 12 Conference kennen, die Mizzou vor zwei Jahren gen SEC verließ. Missouri spielte dann heuer ein erstklassiges Jahr, das ich schon mehrfach dokumentiert habe: Erst im SEC-Finale wurde man von Auburn überlaufen. Die Offense wird von QB James Franklin angeführt, einem Mann, der dir keine großen Bolzen begeht. Das Laufspiel macht locker über 200yds/Spiel und ist um den wuchtigen RB Henry Josey konzipiert. Die Defense lebt von ihrer bockstarken Front-Seven um DT Kony Ealy.

Oklahoma State ist in erster Linie extreme Offense-Wucht, aber für die Cowboys wird es essenzieller, wie sie Defense spielen. Die Matchups der Defensive Backs gegen die groß gewachsenen WR-Schlakse von Missouri (z.B. der profireife Dorial Green-Beckham) könnten spielentscheidend sein.

Ich bin froh, dass FOX SPORTS 2 dieses Spiel überträgt.

Die kleinen Wochenend-Bowls

Samstag: BBVA Compass Bowl, Vanderbilt (8-4, SEC) vs Houston (8-4, The American). Eigentlich galt diese Bowl ja stets eher als kleine Veranstaltung, zu der niemand gern hinfährt, aber die Anhängerschaft von Vanderbilt, dieser eigentlich relative kleinen Privatuniversität aus Nashville/TN, soll euphorisch auf die Einladung ins provizonelle Alabama (dort wird die Bowl ausgespielt) reagiert haben, und die Karten sollen wie die warmen Semmeln weg gegangen sein. Dabei gibt es um Vandy durchaus Fragezeichen: Wie zum Beispiel sieht es mit der Zukunft von Head Coach James Franklin aus, der immer wieder von Abwanderungsgerüchten umgeben wird? Vandy spielte diesmal eine 8-4 Saison, aber es war eine wackelige Saison: In einem relativ soften SEC-Schedule verlor Vandy alle Spiele gegen die respektablen Gegner haushoch. Houston dagegen ist auch 8-4, aber 1-4 in engen Spielen. Gegen das starke BYU verlor man nur mit einem Punkt, und gegen die BCS-reifen UCF (wir haben gesehen, was UCF drauf hat) und Louisville (Teddy Bridgewater) verlor man nur mit fünf bzw. sieben Punkten. Daher ist Houston nach SRS auch mit 3 Punkten favorisiert (ein großer Unterschied zu den Wettbüros, die Vandy mit 2.5 vorn sehen).

Sonntag: GoDaddy.com Bowl, Arkansas State (7-5, Sunbelt) vs Ball State (10-2, MAC). Das Programm in der Sonntagnacht für die Zeit nach dem Wildcard-Weeken (Kickoff 03h). Arkansas State hat sich in den letzten Jahren zum Sprungbrett für Headcoaches wie Gus Malzahn (ging nach einem Jahr zu Auburn) und Bryan Harsin (ging nach einem Jahr zu Boise State) entwickelt, und ist aktuell mit Interimscoach unterwegs. Heuer spielte man ein vergleichsweise schwaches Jahr. Ball State dagegen hatte einen exzellenten Herbst und wurde nur einmal hoch abgeschossen. Nach SRS ist Ball State klarer 10.5pts-Favorit.

Das wären dann 34 von 35 Bowls gewesen. Am Dreikönigstag folgt das BCS-National Championship Game als Abschluss der Saison 2013/14.

Go for the Win

Michael Weinreb schreibt auf Grantland.com über einen der größten Momente in der Geschichte des US-College Sports: Die Orange Bowl von 1984, die zwischen den ungeschlagenen #1 Nebraska Cornhuskers und den #2 Miami Hurricanes (eine Niederlage) in der Miami Orange Bowl ausgetragen wurde. Auf dem Spiel: Der National Title.

Es war eine wilde Zeit im College-Football. Jedes Jahr flogen 1-2 renommierte Programme durch zu üble Bestechungen und Recruiting-Verletzungen auf. Die Conferences waren gerade inmitten eines Vermarkuntgs-Streits mit der NCAA. Korruption in NCAA, Bowl-Veranstaltern und Universitäten war mit der von heute kaum vergleichbar (das heißt was!). Und an der University of Miami („The U“) war gerade ein neureiches Programm drauf und dran, unter dem schrulligen Head Coach Howard Schnellenberger nach oben zu stürmen.

Okay. Orange Bowl 1984, Halbzeit eins: Nebraskas PlayCalling tanzt Rock’n’Roll, und die Huskers scorten mit dem l-e-g-e-n-d-ä-r-e-n Fumblerooski, einem Spielzug, den man bei uns dank The Longest Yard und so als eher kitschig aufnehmen würde – aber, Nope: Das Ding wurde wirklich mal in nem quasi-National Championship Game angesagt! Aber das ist hier nicht mal der Punkt, denn der kommt jetzt.

Das ganze Spiel

Miami/FL – Nebraska 1984

Miami führte vor dem letzten Drive der Huskers 31-24. Nebraska marschierte in den letzten 107 Sekunden downfield, ohne seinen besten Running Back Mike Rozier. Einmal mitten im Drive ließ der beste Wide Receiver der Universitätsgeschichte, Irving Fryar, späterer NFL-Star, einen sicheren Touchdown so absurd beschissen fallen, dass es keine andere rationale logische Erklärung als „Schiebung“ gibt. Die drei Meter hinter Fryar in der EndZone vor Freude über den Drop tanzenden Veranstalter (!) der Orange Bowl geben eines der bizarrsten Bilder, die ich im Sport kenne – und sie sind Symbol für die komplett verschobenen Strukturen jener Zeit.

Tom Osbourne

Tom Osbourne

Nebraska scorte schließlich den Touchdown zum 31-30, und Nebraskas Head Coach Tom Osbourne, ein als langweilig empfundener Traditionalist, machte den geilsten Call, den du als Head Coach in dem Moment machen kannst: Go for two. Man muss wissen, dass es zu jener Zeit keine Verlängerung gab, und das Spiel remis geendet hätte. Ein erfolgreicher P.A.T. hätte die Partie ausgeglichen, und weil Nebraska als #1 ins Spiel gegangen war und von der #2 Miami in deren Stadion nicht bezwungen werden konnte, hätte ein 31-31 den sicheren National Title bedeutet – den ersten für Nebraska seit Äonen, den ersten überhaupt für Osbourne.

Er ging trotzdem auf den Sieg – und scheiterte.

(Man sieht eingangs dieses Videos übrigens auch noch einmal den wahnwitzigen Drop von Fryar und links oben die tanzenden Offiziellen) 

Der Newcomer Miami/FL wurde infolge des Überraschungssiegs erstmals zum National-Champion gewählt, auch dank einer Entscheidung, die die Landschaft im College Football nachhaltig und für immer veränderte. Eine neue Supermacht war geboren, und sie hatte eine alte Supermacht geschlagen.

Obwohl: Osbourne war kein Verlierer. Er bewies Courage. Go for the win. Leider murksen heute viel zu viele Coaches in blanker Angst um ihren Job und drücken sich, und verschieben die Entscheidung auf die Verlängerung. Osbourne wurde erst elf Jahre später belohnt: Ungeschlagen und punktgleich mit Penn State, und die Voter gaben Nebraska die Stimme und den Titel der Saison 1994/95, in erster Linie, weil Osbourne auch dann noch titellos gewesen war.

Die Entscheidung, auf das remis zu verzichten, half auch langfristig, den Meisterfindungsprozess, der im College-Football ja schon immer sagenhaft beknackt gewesen war, war, und ist (und möglicherweise auch sein wird), zu verändern. Wie schreibt Weinreb nochmal?

Osborne’s choice did not alter anything overnight, because college football seems to pride itself on the glacial nature of its decision-making process. But it moved us steadily forward, toward the realization that the current system was inherently flawed and purposefully nebulous — that it almost seemed designed to punish those who pushed for any sort of definitive resolution. It set us on a path toward overtime and toward the BCS and eventually toward a playoff system, and it rewarded Osborne with a lifetime of solid karma from the people of his state.

Für den, der sich für die Football-Folklore aus der guten, alten Zeit interessiert, hier nochmal: Tom Osbourne Goes for Two.

Bowl Season 2010/11, Tag 13: Die Bauern und die Farm

Dritte BCS Bowl, und diesmal fahren wir nach Miami, Südflorida. Zielort: Das Sun Life Stadium, Austragung der Discover Orange Bowl.

Discover Orange Bowl

Mo./Di., 3.1.2011 um 02h30 live bei ESPN America und am 4.1. um 19h30 als Tape

#13 Virginia Tech Hokies – #4 Stanford Cardinal

Hm. Zwei schwer vergleichbare Universitäten. Da hätten wir auf der einen Seite die Virginia Tech Hokies, eine vorwiegend auf landwirtschaftliche Fächer spezialisierte Uni im grauen Nordosten der USA, etwas südlich der riesigen atlantischen Megalopolis. Auf der anderen Seite eine Uni mit dem Spitznamen „The Farm“. Das ist aber auch alles, was die Stanford University mit Agrikultur zu tun hat. Stanford – dieser Name steht für San Francisco, für Elite und für gigantisches Stiftungsvermögen – rund 17 Milliarden Dollar, unfassbar. Ein Bekannter war dort und werkelte an einem revolutionären Miniaturflugzeug mit – die Uni ist ganz allgemein federführend, wenn es um Forschung und Entwicklung geht.

Sportlich sind die Cardinal nicht ganz so dominant, aber 2010 war mit 11-1 Siegen die beste Saison in der Schulgeschichte – und das schließt die Zeiten eines John Elway mit ein. Stanford ist unter Head Coach Jim Harbaugh (Bruder des Ravens-Coaches und ex-Colts-QB) innerhalb weniger Jahre von der Lachnummer wieder zum Schwergewicht geworden – unter gütiger Mithilfe auch von QB Andrew Luck. Luck ist der Sohn des ehemaligen Rhein Fire-GMs Oliver Luck (jetzt West Virginia Mountaineers), und aktuell Junior. Luck ist seit Wochen in aller Munde, weil er als fast sicherer #1-Pick im NFL Draft gehandelt wird.

Ich habe Luck nicht hautnah verfolgt, aber: Das Standing dieses Mannes kommt auch in den wenigen Spielen rüber. Ruhiger Typ, brutal genaue Pässe, zwischendurch immer wieder die langen Bälle einstreuend. Der Prototyp des NFL-QBs und heuer auch mit einer starken Saison – 28TDs, 7INTs und 7 von 10 Pässe an den Mann gebracht. Gut genug, um #2 im Heisman Trophy Voting zu werden – hinter Cam Newton. Luck und Harbaugh – beide gelten auf ihre Weise als prädestiniert für zukünftige Aufgaben in der NFL. Zweiter Glanzpunkt in der Offense: Toby-Gerhart-Nachfolger RB Stepfan Taylor (über 1000yds, 15TDs).

Dass die Virginia Tech Hokies in der Orange Bowl spielen, ist angesichts ihres Saisonstarts eine Überraschung. Nach der Auftaktniederlage gegen Boise State verloren die Hokies in Woche 2 gegen James Madison (!), daheim (!!), und ein FCS-Team (!!!). Zwei Spiele, die nicht für die ACC zählen, über die sich VT qualifiziert hat, aber trotzdem: Dass die letzten 11 Spiele gewonnen wurden, konnte man damals nicht unbedingt erwarten.

Die Hokies besitzen ihrerseits einen guten QB Tyrod Taylor, ein Senior und ein sehr mobiler Mann, der wenige INTs wirft. VT definiert sich hauptsächlich über seine Defense, die nicht allzu dominant ist, aber knallhart von den Fehlern der Offense schmarotzt und mit 22 Interceptions eine der Defenses mit den meisten Turnovers ist.

VT ist zuletzt Stammgast in der Orange Bowl – wohl auch aufgrund der sportlichen Mittelmäßigkeit der Atlantic Coast Conference. Vor drei Jahren wurde verloren, vor zwei gewonnen – jetzt kommt Stanford daher mit seinem Motivationsgenie Harbaugh und seinem herausragenden QB Luck, lechzend nach einem Prestigeerfolg. Stanford hat seit 15 Jahren nicht mehr in einer Bowl gespielt. Nicht BCS Bowl. Bowl.

Ich erwarte einen Sieg der Cardinal. Vielleicht kein dominanter und brillanter Erfolg, aber ein Sieg.

Bowl Season 2010/11: Das System mit den Schüsseln im Schnelldurchlauf

Die Zeit um den Jahreswechsel naht. Assoziationsspielchen: Jahreswechsel? Bowl Season! Aus gegebenem Anlass krame ich einen sechs Wochen alten Artikel von einem Spox-Projekt hervor: Die Bowl Season. Als kleine Einleitung. Zu den Paarungen wird es nach und nach Previews geben.

Warnung: Sie begeben sich auf Territorium, wo Kraut & Rüben wachsen.

College Football ist nicht bloß Grillparty und Dixie zum Spiel: Größere Universitäten machen mit Football Umsätze wie Bundesliga-Mittelklassevereine. Am Saisonende wird – obwohl lange nicht primäres Anliegen der Unis – ein Meister ermittelt. Bei 120 Teams in der höchsten Stufe („NCAA Division I-A“ oder „FBS“) und nur jeweils 12 oder 13 Saisonspielen ist das Prozedere dabei so obskur, da sind die US-Präsidentschaftswahlen dagegen ein Zuckerschlecken: Statt Playoffs gibt es Abstimmungen und zwischen Weihnachten und Anfang Jänner eine ganze Latte sog. Bowls.

Geh warten’s… Schüsseln?

Erwähnte 120 Unis sind auf elf Gruppen („Conferences“) aufgeteilt, plus einige unabhängige Unis. Jede Uni stellt ihren eigenen Spielplan individuell zusammen. Kriterien sind Gruppengegner, alte Rivalitäten und Verträge mit TV-Stationen.

Der fehlende Quervergleich wird durch wöchentliche Abstimmungen unter Trainern, Journalisten und Experten umgangen. Daher geht es für die Unis nicht nur darum, möglichst jedes Spiel bloß zu gewinnen, sondern möglichst überzeugend zu siegen und am liebsten auch noch gegen starke Gegner, um die Experten zu beeindrucken. Anfang Dezember wird die endgültige Rangliste der BCS („Bowl Championship Series“) verkündet und die Unis werden nach vertraglich festgelegten Abmachungen auf die Saisonabschlussspiele („Bowls“) aufgeteilt.

Teilnahmeberechtigt sind Teams mit min. 50% Siegen (also mindestens eine 6-6 Bilanz). Bowls sind für die Unis wichtige Einnahmequellen, und für die Athleten die (offiziell) einzige Chance, neben einem Stipendium eine zweite Belohnung für ihre Football-Aktivitäten zu erhalten.

Es gibt rund 30 Bowls, die meisten klimatisch bedingt im US-Süden. Einige sind unbedeutende Trostpreise, andere haben große Namen und große Tradition. Und dann gibt es da noch die vier BCS-Bowls – Rose Bowl, Fiesta Bowl, Sugar Bowl & Orange Bowl – die in den ersten Jännertagen ausgespielt werden und reichlich Geldscheine ausgeben.

Das letzte Bowl-Spiel ist das BCS National Championship Game, wo die beiden Erstplatzierten der BCS-Rangliste aufeinander treffen, um den College-Meister auszuspielen. Erst seit der Saison 2006 gibt es dieses Endspiel als eigenständiges Match, vorher haben die Amis den Landesmeister – man mag es kaum glauben – per Abstimmung ernannt!

Das System ist sehr umstritten. Große Unis werden gerne bevorzugt – sie bringen einfach mehr Zuschauer und damit mehr $$$. Immer wieder fühlen sich Unis massiv benachteiligt. Playoffs werden in der Dauerschleife angeregt, aber die Uni-Präsidenten sind immer noch glücklich mit dem Belohnungs-System „Bowls“ und brauchen offenbar keinen unumstrittenen Meister.

So. Lust auf eine kleine Spritztour durch die vier wichtigsten, die sog. „BCS Bowls“, und das Endspiel im College Football?

Rose Bowl Game

Austragungsort: Rose Bowl in Pasadena, Kalifornien
Ausgespielt seit: 1902
Conferences: Big Ten vs. Pac-10

 Rose Bowl Front

©Flickr

Die Mutter aller Bowls oder wie die Amis sagen – The Granddaddy of Them All – ist das Rose Bowl Game. 1902 erstmals ausgespielt und seit 1916 jährlich, ist das Match reichlich umrankt von Geschichte und Geschichten.

Die Rose Bowl wird traditionell am 1. Jänner ausgespielt und nur im Falle eines Sonntags auf den Tag danach verlegt. Vor dem Spiel findet ein fünfeinhalb Meilen langer Neujahrsumzug statt, bei dem rosenbeschmückte Wagen durch Pasadena (Vorort von Los Angeles) gefahren werden.

Seit 1924 findet das Match in der Rose Bowl statt – das Stadion dürfte Fußballfans noch vom unseligen Fußball-WM-Finale 1994 bekannt sein. Die Ränge des riesigen Stadion sind schüsselförmig in die Hügel von Pasadena gelegt, daher der Beiname Bowl. Das Spiel hatte sich bis dahin „Tournament East-West Football Game“ geschimpft, und nun dank neuer Arena den aktuellen Namen Rose Bowl Game übernommen.

Name da, Stadion fertig – zur Berühmtheit fehlte nur noch ein Mythos. 1929 war es auch schon soweit, als Roy Riegels von der Uni California/Berkeley den Ball irrtümlich in die falsche Richtung trug, was zu zwei Punkten für Gegner Georgia führte. Georgia siegte am Ende 8-7, und sowohl Riegels als auch die Rose Bowl waren schlagartig bekannt.

Traditionell spielen in der Rose Bowl die Sieger der beiden Conferences Big 10 und Pac-10 gegeneinander. Eine Ausnahme wird nur dann gemacht, sollte eine Mannschaft an #1 oder #2 des BCS-Rankings stehen: Für die geht es dann in das Endspiel.

Auch anderweitig war die Rose Bowl lange eine konservative Veranstaltung: Erst seit 1998 ziert ein Sponsor das Logo der Veranstaltung – gut eine Dekade nach den ersten Bowls.

Die letzte denkwürdige Rose Bowl erlebten wir am 1. Jänner 2006: Die University of Texas entthronte die University of Southern California in einem sehenswerten Krimi mit 41-38.

Aktueller Titelträger ist die Uni von Ohio State.

Am 1.1.2011 spielen die Wisconsin Badgers als BigTen-Champ gegen die TCU Horned Frogs, die als Mid Major durch ihre ungeschlagene Saison eine Einladung in die Rose Bowl bekamen. Der Pac-10 Champ Oregon spielt im BCS Finale.

Orange Bowl

Austragungsort: Sun Life Stadium in Miami, Florida
Ausgespielt seit: 1935
Conferences: ACC vs. At-large

 Orange Bowl Pregame

©Flickr

Oder besser: Discover Orange Bowl. Die Kommerzialisierung macht auch vor dem Amateursport nicht Halt und so läuft die Orange Bowl seit zwei Jahrzehnten unter dem Namen eines potenten Geldgebers.

Inspiration für die Orange Bowl war der Erfolg der Rose Bowl. Die Touristiker in Miami wollten ihre Region in Zeiten der Großen Depression Anfang der 30er aufpeppen, u.a. mit Hilfe eines Football-Spiels nach Vorbild von Pasadena. „Orange“ war eine Idee eines Radioreporters und der Zusatz „Bowl“ dank Rose Bowl marketingtechnisch prägnant. Ab 1. Jänner 1935 war die Idee Wirklichkeit – Bühne frei für die erste Orange Bowl!

Ab 1938 wechselte man in die Miami Orange Bowl. Die Namensgebung der Arena ist nicht kreativ, aber einprägsam. Ende der 90er war dieses alte Stadion den Machern dann zu marode und sie wechselten in das neue Footballstadion der Miami Dolphins, heute „Sun Life Stadium“. Bitte mit Vorsicht zu genießen: Dieses Stadion wechselt permanent seinen Namen, öfters als die Volkspark/AOL/HSH Nordbank/Imtech Arena in Hamburg.

In der Orange Bowl spielt auf jeden Fall der Sieger der AAC (Atlantic Coast Conference), die zweite Uni wird von der Veranstaltern ausgewählt.

Aktueller Titelträger ist die University of Iowa.

Am 3.1.2011 spielen die Virginia Tech Hokies als ACC-Champ gegen die Stanford Cardinal.

Sugar Bowl

Austragungsort: Louisiana Superdome in New Orleans, Louisiana
Ausgespielt seit: 1935
Conferences: SEC vs. at-large

Louisiana Superdome in New Orleans

©Wikipedia

Wie die Orange Bowl wird auch die Sugar Bowl in Louisiana seit 1. Jänner 1935 ausgespielt. Interessant ist die Sugar Bowl vor allem, weil hier der Meister der sportlich besten Gruppe SEC (Southeastern Conference) spielt. „Leider“ ist der Meister der SEC seit Jahren stets eine der beiden besten Mannschaften des Landes und spielt somit anstatt in der Sugar Bowl im nationalen Endspiel.

„Sugar“ Bowl bezieht sich auf den Zuckerrohr-Anbau in der Region um New Orleans. Nach Vorbild von Pasadena und den Ideen in Miami waren die Leute im Sumpfstaat schnell und realisierten ebenso zum Neujahrstag Anno 35 ihr erstes Bowl-Spiel, ausgetragen im Tulane Stadium.

Eine politische Note bekam die Sugar Bowl 1956, als mit Bobby Grier erstmals ein Afro-Amerikaner ran durfte. Gegner war Georgia Tech, und der Gouverneur von Georgia galt als eingefleischter Rassist. Am Ende durfte Grier spielen, doch ein (ungewollter) Schiedsrichterfehler ausgerechnet gegen Grier entschied das Spiel zu Ungunsten von Griers Uni Pittsburgh.

1975 erfolgte der Umzug in den Superdome, europaweit bekannt geworden durch Hurrikan Katrina im Spätsommer 2005. Nach Katrina gab es keine besonders ansehnlichen Sugar Bowls mehr – zu überlegen war meistens selbst die zweitbeste Equipe aus der SEC.

Aktueller Titelträger ist die University of Florida.

Am 4.1.2011 spielen mit den Arkansas Razorbacks und den Ohio State Buckeyes zwei at-large Teams gegeneinander.

Fiesta Bowl

Austragungsort: University of Phoenix Stadium in Glendale, Arizona
Ausgespielt seit: 1971
Conferences: Big 12 vs. At-large

University of Phoenix Stadium, Glendale

Die jüngste der großen Bowls ist die Fiesta Bowl, die in Glendale, Arizona ausgespielt wird. 1971 ins Leben gerufen, um neben der Rose Bowl ein zweites Bowl-Spiel im US-Westen zu etablieren, entwickelte sich die Fiesta Bowl schnell zu einem sportlich höchst attraktiven Event. Dank fehlender vertraglicher Bindungen konnten die Veranstalter ihre Teams selbst wählen – und sie machten ihre Sache gut. 1986 beispielsweise spielten die beiden besten Mannschaften des Landes in der Fiesta Bowl gegeneinander.

Die Veranstalter waren zuletzt oft mutig und innovativ in ihrer Team-Wahl. 2005 wurde erstmals eine der Unis aus einer kleinen Conference (Utah) eingeladen.

Das Spiel der Spiele fand aber am 1. Jänner 2007 statt, als die Underdogs von der Boise State University den turmhohen Favoriten Oklahoma dank einer zuvor ungesehenen Latte an Trickspielzügen in der Schlussphase mit 43-42 in der Verlängerung putzten. Dieses Spiel gilt als eines besten Footballspiele aller Zeiten und genießt bereits legendären Status – in meiner persönlichen Hitliste gehört es irgendwo in die Kategorie zwischen Barcelona 99 und Interlagos 2008.

Dieses Video mit den Höhepunkten aus Underdog-Sicht (Oh Baby! Oh Wow! Oooooooh Mamma!) ist immer wieder sehenswert – Fünf Minuten zurücklehnen und anschauen!

 

Der Running Back mit der #41 Ian Johnson sprintete nach seinem Siegeslauf direkt zu seiner Freundin, einer Cheerleaderin seiner Uni, und machte ihr vor laufender Kamera einen Heiratsantrag. Sie sagte ja.

Auch aktuell sind die Boise State Broncos Inhaber des Fiesta-Bowl-Titels. Am 1.1.2011 spielen Big12-Champ Oklahoma Sooners und der Sieger der Big East, die Connecticut Huskies, gegeinander.

Genug der Sentimentalitäten, und kommen wir zum Ende.

BCS National Championship Game

Austragungsort: Austragungsort rotiert zwischen Miami, New Orleans, Glendale und Pasadena
Ausgespielt seit: 1999, seit 2007 als eigenständiges Match
Mannschaften: #1 vs. #2 der BCS-Rangliste

Das Chaos bei der Abstimmung, wer denn nun die College-Meisterschaft für sich beanspruchen durfte, war stets schnuckelig, sorgte aber mit der Zeit für immer mehr Kritik. Die sechs größten Conferences schlossen sich deswegen Ende der 90er zur BCS („Bowl Championship Series“) zusammen. Ziel: Eine Rangliste erstellen zu können, die neben den Trainer- und Experten-Abstimmungen auch harte Fakten – u.a. Stärke der Gegner – mit einfließen lässt.

Anfangs der 2000er lief das Endspiel unter dem Deckmantel einer der vier vorhin vorgestellten Bowls ab. Seit 2007 ist das BCS National Championship Game aber eine eigenständige Veranstaltung – die letzte, saisonabschließende Bowl, die im Stadion einer der vier großen Bowls rund eine Woche nach der letzten großen Bowl ausgetragen wird. Aufeinander treffen die #1 und #2 der pseudoobjektiven BCS-Computer-Rangliste.

Es hat seit der Einführung immer wieder heftigste Streitigkeiten gegeben – und nicht nur einmal führte sich das Spiel selbst ad absurdum. Im Jänner 2004 z.B. durfte Oklahoma daran teilnehmen, obwohl es nicht einmal seine Conference gewonnen hatte. Das augenscheinlich beste Team des Jahres, USC, das alle „menschlichen“ Abstimmungen gewonnen hatte, wurde durch die Computer-Rangliste dagegen aussortiert.

In den letzten Jahren wurde die BCS-Rangliste immer wieder modifiziert und verfeinert – trotzdem glänzt sie immer noch durch völlige Intransparenz und klare Benachteiligung kleinerer Unis.

Solange die Big Player aber die Fassade aufrecht erhalten können, wird die Coaches Trophy dem Endspielsieger überreicht. Sie ist nicht die einzige Meister-Trophäe, da die einzelnen Ranglisten weiterhin ihre Sieger separat küren, aber es ist der „offiziellste“ aller Pokale.

Aktueller Champion ist die University of Alabama.

Am 10. Jänner 2011 treffen die Auburn Tigers und die Oregon Ducks in einem Duell zweier offensivstarker Mannschaften aufeinander. Ausgespielt wird der College-Meister der Saison 2010.

Damit wären die fünf BCS-Bowls kurz vorgestellt. Ab morgen gibt es möglichst viele Matchups der laufenden Bowl Season hier bei Sideline Reporter. Hier geht es zur Übersicht der Bowl Season 2010/11.