Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Die Baltimore Ravens haben eine Seuche von Saison hinter sich. Die 8-8 Bilanz erzählt dabei noch nicht einmal die ganze Geschichte: Mit 5.4 NY/A war man eine der drei ineffizientesten Pass-Offenses und laut Power-Ranking beendete man die Saison auf dem 29ten Platz. Als Titelverteidiger. Das nenne ich mal einen Absturz.

Das Vertrags-Dilemma um QB Joe Flacco wurde auf diesem Blog bereits häufig und intensiv thematisiert. Wir brauchen es nicht mehr: Flacco bekam seinen Monster-Vertrag, weil er im rechten Moment seine drei spektakulärsten Spiele absoliverte und die Superbowl gewann; das allein schaffen so wenige, dass allein „der Moment“ eine folgende Leidensgeschichte von 5-8 Jahren wert ist – oder nicht? Auf alle Fälle wird der Flacco-Vertrag die Ravens noch einige Zeit lang knebeln, bzw. sie dazu zwingen, im Draft die richtigen Spieler zu verpflichten.

Überblick 2013

Record         8-8
Enge Spiele    6-5
Pythagorean    7.1    21
Power Ranking  0.315  29
Pass-Offense   5.4    30
Pass-Defense   6.2    14
Turnovers      -5

Management

Salary Cap 2014.

Flacco hat keine gute Saison hinter sich: Nur 59% Completion Rate bei 5.4 NY/A, eine unrhythmische Offense, aber man muss ihm zugestehen, dass vieles nicht zusammenpasste: Die Offense Line war ein Torso, hinter dem Flacco (48 Sacks) und sämtliche Runningbacks verbrannt wurden, der wichtigste Tight End Pitta fehlte das ganze Jahr verletzt, Wide Receiver waren so schwach wie erwartet. Baltimore hat einige Baustellen.

In der Offensive Line war man schon recht umtriebig: LT Eugene Monroe, mitten in der letzten Saison via Trade aus Jacksonville geholt und von PFF.com sehr gut benotet, wurde für runde 7 Mio/Saison gehalten – ein logischer Move, aber wer sich in den Ravens-Foren umsieht, wird schnell merken, dass Monroe durchaus nicht das Standing genießt, das man erwarten würde. Er ist eher das „kleinste Übel“, oder so. Immerhin, sagen die Ravens-Fans, wurde Michael Oher nach Tennessee gehen gelassen, das sei Addition durch Subtraktion per se. Oher – einst eine exzellente Story („The Blind Side“), aber sportlich seit Jahren schwer unter Beschuss.

Mit Monroe, RG Yanda und dem Springer Kelechi Osemele hat man drei der fünf Stammpositionen besetzt; es fehlen noch deren zwei: Center Gradkowski wurde nicht nur in der eigenen Stadt in Grund und Boden geschrieben („schlechtester Starting-Center der Liga etc.“). Lösungen konnte man auf dem Transfermarkt bisher keine finden, weswegen es nicht auszuschließen ist, dass Baltimore im Draft aktiv wird. Auch eine Tackle- oder Guard-Position, je nachdem was Osemele nicht spielen wird, dürfte noch auf dem Einkaufszettel stehen.

Zu beachten wird dabei sein, welche Art von Line-Männern der neue OffCoord Gary Kubiak, ein Mann, der berühmt geworden ist für sein „Zone-Blocking“ System, holen wird: Kubiaks Offense gilt als relativ horizontal, was heißt, dass hier erst einmal in die Breite geblockt wird – ein System, das in Baltimore bis dato eher unbekannt ist.

Es bedeutet auch, dass Baltimore sich möglicherweise nach einem zweiten Tight End neben Pitta umsehen wird. Und dann bleibt die ultrawichtige Position der Wide Receiver, die letztes Jahr nach dem Abgang von Boldin einer mittleren Katastrophe glich: 137 Anspiele für Torrey Smith (44% davon tief, 65 gefangen für 1128yds und 4 TD), 82 Anspiele für den Rookie Malcolm Brown und 67 Anspiele für Jacoby Jones (wird Free-Agent) – und dann lange nichts. Es fällt auch, dass fast alle Wide Receiver in über drei von zehn Fällen tief angespielt wurden, was dafür spricht, dass Baltimores Offense eklatant die Mitteldistanzwaffen abgingen. Einen Teil wird Pitta abdecken, der von einer schweren Verletzung zurückkehrt.

Als kurzfristige „externe“ Lösung wurde der 35jährige Kampfzwerg WR Steve Smith aus Carolina geholt (Dreijahresvertrag). Smith wird nicht bloß angestellt, mit Trainingsschlägereien neuen Schwung in die Konkurrenzkämpfe zu bringen, sondern er soll auch die Mitteldistanzen in Baltimore bedienen: In den letzten Jahren wurde Smith in Carolina immer häufiger auf kürzeren Routen angespielt. Er gilt als sicherer Fangkünstler, wenn auch nicht mehr so spritzig wie in seiner Blütezeit. Smith ist eine lebende, in seiner tatsächlichen Größe stets verkannte Legende, und er dürfte zumindest noch dieses Jahr ein klein wenig helfen.

GM Ozzie Newsome hat seit einigen Wochen noch ein weiteres Problem an der Backe: RB Ray Rice hat offenbar seine Verlobte krankenhausreif bzw. bewusstlos geprügelt und könnte für einige Zeit im Knast landen. Rice hat einen sehr teuren Vertrag, den er im abgelaufenen Jahr nicht wert war (31% Success-Rate, 3.1 Y/A). Wieviel davon war die Offense Line (auch Backup Pierce hatte kaum bessere Stats)? Wie viel war Rice?

Wo die Ravens nach anfänglichen Problemen recht gut ausgesehen haben: Defense. Es war nicht mehr die klassische, alte testosterongeschwängerte Ravens-Abwehr, sondern vielmehr eine über weite Strecken smart spielende Unit, die mit zunehmendem Spielverlauf immer weniger Fehler beging. Der Passrush mit Dumervil und Suggs kann unter „okay“ klassifiziert werden: Zwei sehr gute Spieler, beide nimmer die jüngsten, aber beide taugen noch zum Pro-Bowler.

In der Defense Line musste man den stillen Anker Jones nach Indianapolis ziehen lassen, aber mit Leuten wie dem Berg Ngata oder dem Routinier Canty sollte man weiterhin ordentlich besetzt sein. Bei den Linebackers sagen alle Beobachter, war es essenziell, den ollen Daryl Smith für wenig Kohle zu halten, denn ein Smith ist der optimale Nebenmann für den unerfahrenen Arthur Brown, letztes Jahr mit Pauken und Trompeten von der Kansas State University geholt um den Nachfolger von Mr Ravens himself, Ray Lewis, zu geben. Brown gilt als hochklassiges Talent, blieb aber als Rookie in wenig Einsatzzeit blass.

 Ein Fragezeichen in Baltimore ist auf jeden Fall das Defensive Backfield, das letztes Jahr trotz dünner Spielerdecke erstaunlich gut hielt. Der junge Safety Elam und der Slot-CB Lardarius Webb gelten als die Leute, an denen man sich festhalten möchte. Eines der Fragezeichen rankt sich um den Outside-CB Jimmy Smith, erst vor wenigen Jahren gedraftet, aber noch nie den ganz großen Sprung gemacht, trotz guter Ansätze. Viele hassen Smith, weil sie ihm verschwendetes Talent nachsagen. Der Trainerstab scheint noch Vertrauen zu ihm zu haben.

Die Ravens werden mit neuem Secondary-Coach und den wenigen wirklichen Klassespielern sicherlich noch den einen oder anderen Cent in einen dritten Cornerback und einen Free-Safety (Ihedigbo wurde gefeuert) investieren.

Die Ravens haben durchaus noch einige Baustellen offen. Eine der Schwierigkeiten, um die GM Newsome herumdoktern muss, ist die Salary-Cap: Flaccos Monstervertrag wird erst ab 2015 richtig in Sachen „Cap-Hit“ einschlagen, weswegen Newsome beim Einkaufen auch recht genau drauf schauen muss, wie er die Verträge strukturiert um keine Cap-Hölle 2015 zu erleben.

Sportlich würde ich nach Wichtigkeit in etwa so gehen:

  1. Offensive Tackle / Offensive Guard
  2. Center
  3. Free-Safety
  4. Wide Receiver
  5. Tight End
  6. Defensive Line

Der Übergang von der großen Ravens-Ära 2008-2012 auf die Zukunft gestaltet sich erwartet happig, aber für 2014/15 ist man für meine Begriffe schon jetzt besser aufgestellt. Das heißt vielleicht nicht automatisch wieder 8 oder sogar 10 Siege – erinnere dich, die 8 Siege waren großteils freakig – aber das heißt auf alle Fälle wieder positivere Grundstimmung, und irgendwo Wildcard-Nähe ist den Jungs schon zuzutrauen, wenn Flacco nicht erneut komplett abstinkt.

Der Trainerstab um Head Coach John Harbaugh ist meisterhaft darin, den Laden mit ruhiger Hand zusammenzuhalten und gute GamePlans zu entwickeln. Der neue OffCoord Kubiak sollte der Offense schon wieder ein Gesicht geben können – Kubiak kann durchaus Laufspiel mit tiefen Bomben verbandeln. Die Defense sollte mit reiferen Jungstars auch wieder zu den besseren im Lande gehören.

Sofern der Draft halbwegs glückt – und bei Ozzie Newsome stehen die Aktien da besser als beim durchschnittlichen GM – kann ich mir eine optimistische Zukunft in Baltimore ausmalen.

Baltimore Ravens in der Frischzellenkur 2012

  • #35 (2) OLB Courtney Upshaw (Alabama)
  • #60 (2) G Kelechi Osemele (Iowa State)
  • #84 (3) RB Bernard Pierce (Temple)
  • #98 (4) G/C Gino Gradkowski (Delaware)
  • #130 (4) S Christian Thompson (South Carolina State)
  • #169 (5) CB Asa Jackson (Cal Poly)
  • #198 (6) WR Tommy Streeter (Miami, Fl.)
  • #236 (7) DE Deangelo Tyson (Georgia)
…und dann kam auch noch ein wenig Glück dazu: Weil die meisten nicht so Recht wußten, wie Alabamas Courtney Upshaw in der NFL am besten einzusetzen wäre, ist er bis in die zweite Runde abgerutscht. Obwohl er ganz klar ein 1st-round Talent ist. Upshaw ist ein ungemein aggressiver Edge Rusher wie auch Edge Setter – die letztere Position wurde vom abgewanderten Jarrett Johnson ausgefüllt, die erstere vom nun verletzten Terrell Suggs (Achillessehnenriß, mehrere Monate Pause). Bei der Crimson Tide hat Upshaw rechts wie links, DE wie OLB und im 2-point stance wie auch mit Händen im Dreck gespielt. Mit seinem sehr kräftigen Körperbau – 123kg auf 1,88m -, seiner Aggressivität, seiner Sicherheit als Tackler und nicht zuletzt seiner Ausbildung bei der Defensiv-Schmiede schlechthin machen ihn in Runde Zwei zum Steal und perfect fit für die Ravens.

Aus den drei folgenden Picks läßt sich ziemlich deutlich herauslesen, was für eine Offensive die Raben haben wollen. Offensichtlich ist es keine, die auf Joe Flaccos Schultern lastet. Mit den Guards Kelechi Osemele und Gino Gradkowski hat sich Baltimore mächtig Beef für die Mitte der O-Line geangelt. Die wichtigste Aufgabe der inside guys (Guards und Center) ist das Reißen von großen Löchern für die Running Backs. Bei Delawares Gradkowski müssen die Herren um Ozzie Newsome sehr viel Talent gesehen haben. In den meisten pre-draft Berichten ist mir sein Name nicht einmal über den Weg gelaufen und von den meisten Auguren wurde er auch nur Free Agent eingestuft. Er kann sowohl Guard als auch Center spielen und wird damit wohl als Nachfolger für den alten Matt Birk aufgebaut.

Als Komplementärstück zu Ray Rice kommt in der dritten Runde Temples Bernard Pierce neu in den Angriff. Auch diesen wollten die Ravens unbedingt haben. So sehr, daß sie ihren 3rd-rd pick (#91) und einen 5th-rd rounder (#164) nach Atlanta geschickt haben, um sieben Plätze nach vorne zu rücken. Der Angriff wird um die Running Backs und das Laufspiel herum aufgebaut. QB Flacco soll nicht zu viel Last tragen müssen, sondern vor allem nichts kaputt machen und ab und zu mal ein Big Play raushauen.

In den Runden vier und fünf verstärkt Baltimore die Tiefe Im Defensive Backfield. Auffällig ist hier, daß nach Gradkowski auch S Christian Thompson und CB Asa Jackson von FCS- (Div-II) Schools kommen. Traditionell bekommen die mid- und late-round picks bei den Ravens immer viel Zeit sich zu entwickeln und müssen nicht als Rookies schon Aufgaben übernehmen, die noch eine Nummer zu groß für sie sind.

Überblick

So richtig große Löcher hatten die Baltimore Ravens mal wieder nicht. Den Verlust von OLB Johnson (geplant) und DE Suggs (nicht geplant) konnte mit Upshaw zumindest teilweise wettgemacht werden. RB Pierce und die beiden O-Liner Osemele und Gradkowski machen deutlich, daß das Power Game der Fokus ist und nicht der endgültig als mittelmäßig entlarvte Quarterback Flacco. Obwohl das Receiving-Corps sehr dünn ist, hat er erst zum Ende der sechsten Runde ein neues Spielzeug bekommen. Weil Tommy Streeter aber 1,93m groß ist und eine 4.4 läuft, ist es zumindest ein interessantes Spielzeug. Dazu noch Kadertiefe für Secondary und Special Teams sowie ein vielseitiger D-Liner in Runde sieben und fertig ist eine typische solide Draft von Ozzie Newsome.