NFL-Bazar 2011: Defensive Front Seven

Nach der Offense wird heute und morgen die Defense in der Free Agency kurz vorgestellt.

Defensive Tackles

Ich verweise noch einmal auf den Eintrag vom März – einige (Rogers, Stroudt) haben mittlerweile neue Teams gefunden. Dazu kommt noch Pat Williams, dessen Größe sich vor allem zahlenmäßig in Minnesotas Lauf-Defense wiederschläft. Diese Statistik dürfte Stammlesern mittlerweile hinreichend bekannt sein, aber sie ist einfach frappierend – es ist die Lauf-Defense der Minnesota Vikings (yds/carry):

2003 4,9yds/Lauf
2004 4,6yds/Lauf
2005 4,0yds/Lauf (erstes Jahr mit Pat Williams)
2006 2,8yds/Lauf
2007 3,1yds/Lauf
2008 3,3yds/Lauf
2009 3,9yds/Lauf
2010 3,9yds/Lauf

Bekannt ist auch der Name von John Henderson, einstiger Pro Bowler in Jacksonville und zuletzt in Oakland integraler Bestandteil einer Würfegriff-Defense. Sein Wert dürfte durch zahlreiche Verletzungsprobleme um einiges geschmälert werden. Ganz interessanter Mann: San Franciscos Aubrayo Franklin, bei dem ich geneigt war von „jüngerer Generation“ zu schreiben, der aber tatsächlich schon Ü30 ist – und trotzdem einen massiven Vertrag kassieren dürfte. Franklins Wert ist in keiner Statistik ablesbar, aber der Ruf des „two-gap“ NT dürfte Millionen wert sein. „Two gap“ heißt: Spielt nicht bloß 1-gegen-1 gegen den Center, sondern kriegt auch Zugriff auf den Running Back.

„Jüngere Generation“ ist korrekt für Seattles Brandon Mebane. Ein völlig unbekannter Name, der sich aufgrund der konstant hohen Wertschätzung bei Pro Football Focus aus der grauen Masse heraushebt.

In Sachen Trades kann ich mir einen Albert Haynesworth vorstellen.

Defensive Ends

Zwei Namen stechen sofort heraus: Ray Edwards (Minnesota) und Charles Johnson (Carolina), die eines einst: Sie standen lange Zeit im Schatten anderer (Allen, Peppers), sind beide noch jung (26 respektive 25 Jahre alt) und beide schwer zu blockende Pass Rusher auf dem aufsteigenden Ast. Bei Edwards geht man von einem Mannschaftswechsel aus, aber bei beiden gilt: Der neue Vertrag wird richtig schwer. Aufsteigender Ast gilt auch für Cliff Avril (Detroit), der aber RFA-Status genießt und somit recht sicher bleiben wird.

Eher auf dem absteigenden Ast sind die beiden Jets Shaun Ellis und Trevor Pryce, beide Mittdreißiger. Sie sollen dem Vernehmen nach tatsächlich N.Y. verlassen (müssen), aber irgendwo sorge ich mich dann doch um die nötige Kadertiefe bei den Jets.

Alteisen gilt auch für die Ends Raheem Brock, Cullen Jenkins und Jason Babin, die alle seit Jahren mehr oder weniger konstante Leistungsträger für diverse Teams waren und alle Varianten von Defenses gesehen haben, von 3-4 bis 4-3 und wieder zurück.

Linebackers – Olbs und Sams, Ilbs und Mikes

Haufenweise bekannte Namen, die man nicht so recht einschätzen kann. Steve Tulloch von den Titans ist nicht nur jung (26), sondern mit fünf Saisons auch schon recht erfahren – gegen ihn spricht seine breakout season 2010/11, zufällig genau in dem Jahr, vor dem sein Vertrag auslief. Solche Spieler tendieren oft dazu, nach dem Kassieren der big bucks wieder auf Normalmaß gestutzt zu werden.

Jung, dynamisch und variabel sind auch Paul Poluszny (Bills), Quincy Black (Buccs), James Anderson (Panthers) und Justin Durant (Jags). Bei Anderson spielt der Zusatzfaktor Thomas Davis mit, der ebenso FA ist und von einer Kreuzbandverletzung zurückkehrt.

Von der älteren Garde sind Akin Ayodele (Bills), der ewige Runningback-Schreck Takeo Spikes (49ers), Mike Peterson (Falcons) und Dhani Jones (Bengals) vertragslos. Spikes sollte auf alle Fälle bleiben.

Minnesota Vikings in der Sezierstunde

Minneapolis Metrodome kollidiert

Symbolisch und fast schon Tragikomödie - Das Dach des Metrodomes kollabierte ähnlich schlimm wie die Saison der Minnesota Vikings - Foto: Bobak Ha'Eri

Nach dem erneut unsäglichen Theater rund um QB Brett Favre und sein sechshundertsiebenundachtzigstes Comeback waren die Vikings für mich eine Unbekannte und ich war gespannt auf die ersten Auftritte – ESPN war ja zu Saisonbeginn regelmäßig sehr lila gefärbt.

Es war erschreckend: Eine Offense komplett aus dem Rhythmus, eine auf Normalgröße gestutzte Defense und ein weltabgewandter Head Coach an der Seitenlinie. Verletzungen, Uneingespieltheit und teaminterne Reibereien mixten sich mit Favres Schniedel-Fotostory.

Resultat: Ein krasser Fehlstart, den man mit dem spektakulären Trade für Randy Moss zu korrigieren versuchte, was die Spirale in den Abgrund aber nur um ein paar Prozent beschleunigte und schließlich schon nach zwei Drittel der Saison mit der Demission Moss’ und Entlassung Brad Childress’ endete.

Dass im Dezember bei heftigen Schneefällen das eigene Stadiondach kollabierte und man bei zig Minusgraden und ohne Bieraufschank im Freien spielen musste – geschenkt und ein verhältnismäßig kleines Ärgernis (zumal es den seit Jahren nach einer neuen Arena krähenden Vikings vielleicht nicht mal unrecht gewesen sein dürfte).

Umkrempelungen

Die Vikings werden sich in der nächsten Saison rundumerneuert zeigen, und das liegt nicht nur daran, dass Uropa Favre „definitiv“ (hatten wir das nicht schon mal ein paar Mal?) in den Ruhestand geht.

Neuer Mann am Kommandostand wird Head Coach Les Frazier sein, der ein paar Wochen Erfahrung sammeln durfte und das gut genug hingekriegt hat, um den Posten behalten zu dürfen. Frazier hat sich für seinen Stab einen alten Bekannten eingekauft: Mike Singletary. Die beiden haben einst zusammen als Spieler mit den Bears die Superbowl gewonnen (Jänner 1986). Jetzt ist Singletary nach seiner desaströsen Zeit als 49ers-Coach Fraziers Assistent. Auch die Offense ist in neuen Händen: Bill Musgrave ist aus Atlanta gekommen.

Tavaris Jackson

Kein Franchise-QB: Tavaris Jackson

Musgrave steht nach Favres Rücktritt erstmal ohne brauchbaren Quarterback da, denn Tavaris Jackson wird nach fünf wechselhaften Jahren gehen und Joe Webb gilt als noch nicht annähernd bereit für die komplexe NFL. Neben den besten QBs kommt auch der beste Wide Receiver abhanden: Sidney Rice wird seinen Vertrag wohl nicht mehr verlängern.

In der Defense wird der „Williams Wall“ auseinandergerissen. Bestehend aus Kevin Williams und Pat Williams hat das Defensive-Tackle-Duo drogenunterstützt über Jahre jedes Laufspiel im Ansatz erwürgt. In jüngster Vergangenheit war der Williams Wall aber schon löchriger als gewohnt – sicherlich altersbedingt und wohl auch, weil die beiden mit einer bevorstehenden Sperre nicht mehr jedes Mittel bedenkenlos schlucken konnten. Pat Williams hat mit seinen 38 Lenzen auf dem Buckel am Mittwoch bekannt gegeben, dass er die Vikings verlassen wird.

Die Suche nach dem Häuptling

Der Kern der Mannschaft ist auch nach zwei verschwendeten Jahren unter QB Favre noch eher jung – allein: Es fehlt der Franchise-QB. Ein neuer soll nun via Draft gefunden werden, was 2-3 Jahre Entwicklungszeit verlangt. Dadurch wird aber vermutlich die Blütezeit von RB Adrian Peterson verschenkt – ein ähnliches Problem wie vor ein paar Jahren in San Diego mit dem großartigen LaDainian Tomlinson. Und jammerjammerjammerschade.

Die Vikings haben im Draft Pick #12. Der QB-Jahrgang darf ruhig als nicht überschwänglich angesehen werden, und an #12 dürfte einer der vielen QBs zu haben sein: Der Rohdiamant Jake Locker, der fertigere Blaine Gabbert oder Selbstdarsteller Cam Newton. Ich kann noch keine Tendenz erkennen, in welche Richtung von Offense sich Minnesota entscheiden wird. Ich würde aber auch über einen Chris Ponder (2. Runde) nachdenken. Ungeschickt: Bei Lockout könnte man über Monate die Option „Trade für einen QB á la McNabb“ vergessen.

Minnesota hat auch andere Schwachstellen: Ein neuer Defensive Tackle wird händeringend gesucht. Nur leider keiner im Draft, der Williams heißt. Dafür aber gilt der Jahrgang für Defensive Liner als überdurchschnittlich.

Die Secondary war außerordentlich unzuverlässig und immer gut für zugelassene Big Plays. Soweit ich das überblicke, ist nur ein einziger Safety und neben CB Antoine Winfield eine Reihe an namenlosen Cornerbacks unter Vertrag – Verstärkungen höchst erwünscht.

Verstärkungen der Kategorie „Ergänzungsspieler“ braucht es bei den Linebackers, von denen nur fünf Vertrag haben. Geschichte der abgelaufenen Saison war MLB E.J. Henderson, der nach einer fürchterlichen Verletzung ein ganz spezielles Comeback feierte und am Ende sogar Pro Bowl spielen durfte.

In der Offense sollten O-Line und Running Backs (Peterson & Gerhart) passen, aber die Wide Receivers bilden ein Fragezeichen. Rice wird gehen, Percy Harvin hat seit gefühlt 50 Jahren mit Migräne zu kämpfen und abgesehen davon ist wenig Klangvolles da, mit dem sich der geneigte Vikings-Fan hochziehen kann.

Ausblick

2011/12 könnte ein bitteres Jahr werden: Vermutlich wird man mit Rookie-QB spielen und im Falle eines Lockouts nur eine arg beschnittene Vorbereitung bestreiten können. Deswegen – und wegen der wenig überzeugenden Top-Quarterbacks im Draft – würde ich an Vikings-Stelle drüber nachdenken, einen Defensive Tackle in Runde 1 zu nehmen und später Chris Ponder oder Andy Dalton draften. Auf diesen Rat wird Les Frazier aber kaum hören…

Neben dem Sportlichen wird das Front Office der Vikings eine strategische Entscheidung zu treffen haben: Neues Stadion, altes Stadion renovieren oder aus den Twin Cities ausziehen? Die Aktien eines Stadion-Neubaus sollen in den letzten Wochen gestiegen sein, auch wenn man sich in Minneapolis/St. Paul noch nicht einig ist, ob man das Stadion mit Dach versehen soll.

Die bisherigen Sezierstunde-Artikel sind auf der NFL-Überblicksseite (ganz unten) zu finden.