Um noch einmal drüber nachgedacht zu haben.

Ich fühle mich scheiße.

Der Freeh-Report zeichnet an einigen Stellen horrende Bilder vom Wesen an der Pennsylvania State University. Einfaches Putzpersonal traute sich nicht, das abscheulichste denkbare Verbrechen, sexuellen Missbrauch von Kindern, zu melden, weil Football die Universität regierte. Weil Paterno ein Gott war. Weil Football Penn State war.

Dieses Blütenweiß, dieses wunderschöne, einzigartige, riesige Stadion in College Station, irgendwo im Nirgendwo im Bundesstaate Pennsylvania, dem man heute ansieht, wie hier in runden fuffzich Jahren etwas gewachsen ist, dieser alte Mann Mitte 80 und seit drei Generationen am Ruder – für mich war das jahrelang bewundernswert. Nun fühle ich mich naiv. Dass Paterno sportlich dem Programm nicht mehr zu helfen vermochte, konnte jeder sehen. Dass eine Galionsfigur wie Paterno für den College Football aber etwas Gutes stellte, war für mich auch stets klar. Weil es das sonst nirgendwo gibt.

Stellte sich aber heraus, dass dieser Schein trügte. Ein Schein, dem auch ich unkritisch verfallen war.

In mir hatte sich über die Jahre der Eindruck verfestigt, dass Paterno über den anderen stehe. Es gibt Gestalten (anders: Head Coaches) an den Seitenlinien, denen ich in ihrem Streben nach Allmacht und ihrer Selbstzentrik einiges zugetraut hätte. Nicht so Paterno. Das Grand Experiment hatte für mich irgendwo separat – und über den anderen – gestanden, trotz einiger Indizien, die man nun – mit dem Wissen um Sandusky und die Führungskultur bei Penn State – in der Retrospektive anders interpretieren würde. Das Kartenhaus ist erst jetzt zusammengefallen. Die Augen wurden mir erst jetzt geöffnet.

Das tut mir leid. Sehr, sehr leid sogar.

Protokoll des Schreckens

Joe Paterno Statue am Beaver Stadium

Paterno – Bild: Flattr

Der Untersuchungsbericht eines ehemaligen FBI-Agenten im Falle „Jerry Sandusky“ ist raus (Download hier), und er malt ein horrendes Bild von der Pennsylvania State University, deren Footballprogramm, aber auch und vor allem der Universitäts-Führungsriege.

Der Bericht legt offen, dass bereits Ende der 90er die Pädophilie-Vorwürfe gegen Sandusky bekannt waren und Ermittlungsarbeiten dagegen von Paterno höchstpersönlich geblockt wurden. Die „Big Four“ – Paterno, Uni-Präsident Graham Spanier, Finanzchef Gary Schultz und Sportchef („Athletic Director“) Tim Curley, die mächtigsten Männer der Penn State University nach innen und nach außen zu jener Zeit – kaschierten trotz eindeutiger Indizien die Vorfälle und schützten Sandusky. Der Bericht suggeriert auch internen Druck gegen einfaches Hilfspersonal, die Vorfälle in den Duschen der Umkleidekabinen nicht öffentlich werden zu lassen.


Der Fall wirft zu all den Korruptionsvorwürfen, den verarschten Student-Athletes und der Augenauswischerei namens „NCAA“ eine weitere ungute Komponente in das Gebilde „College Football“. Der Sport als Millionenbusiness ist für Universitäten wichtig genug geworden, um sämtliche ethische Grundsätze über Bord zu werfen und selbst das Abgründigste im Menschen – sexuellen Missbrauch von Kindern – um des Scheins (oder Erfolgs) willen zu tolerieren. Der ehemalige Student an der Penn State University, der Autor Michael Weinreb, wütet in einem flammenden Appell gegen das System: The Failed Experiment.


Verwiesen sei an dieser Stelle auch noch einmal an den besten Artikel, den ich im kompletten Jahr 2011 gelesen habe: Growing Up Penn State (auch von Michael Weinreb).

Möglicherweise sind Bild und Ruf einer der in den letzten vier Jahrzehnten zur einer der wichtigsten Bildungsanstalt gewachsenen Universität mit dieser bodenlosen Affäre auf Jahre hinaus verbrannt.