Establish the Review: NFL 2019, Woche 7

Vier Spiele von Woche 7 im Rückspiegel, u.a. die Trubisky-Performance gegen die Saints, Kyler Murray gegen Daniel Jones, Lamar Jackson und das Coaching-Duell in Seattle sowie die kreativsten Verlierer der NFL. Weiterlesen

NFL Vorschau 2014 – Green Bay Packers & Seattle Seahawks

Football!

Die NFL ist zurück und wird wieder viele, viele besser nutzbare Abende in Beschlag nehmen und blabla Opportunitätskosten – NBC´s Sunday Night Football hat ihren Theme Song schon mit Bedacht gewählt.

Zum season opener bei NBC heute nacht reisen die Green Bay Packers zum Titelverteidiger Seattle Seahawks. Die Seahawks machten seit dem Amtsantritt von Pete Caroll den Eindruck einer Studenten-WG. Sie hatten unglaublich viel Spaß, waren best buddies und hatten zum Schluß die beste Zeit ihres Lebens. Wilde parties, beste Freundschaften und am Ende ein toller Abschluß sind Dinge, die ihnen niemand jemals wird nehmen können. Trotzdem müssen sie jetzt erwachsen werden.

Es ist vielleicht etwas langweilig, aber sie brauchen mehr Struktur und Ordnung. Aus ihrer wild zusammengeschustertem WG müssen sie in eine richtige eigene Wohnung umziehen. Ihre Talent, ihren Ehrgeiz, Willen und Zielstrebigkeit müssen sie aus dem Studium in ihren ersten richtigen Job mitnehmen. Die Packers der Ära Mike McCarthy/Aaron Rodgers sind schon dort, im mid-level management sozusagen, aber hängen da auch irgendwie fest. Weiterlesen

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Abschluss der Sezierstunde-Serie wie immer mit dem amtierenden Superbowl-Champion, dem überzeugendsten NFL-Titelträger seit langer Zeit, den Seattle Seahawks. So sehr ich den Zufall in dieser Sportliga NFL liebe, so angenehm ist es, mal wieder einen überzeugenden, über allen stehenden Meister zu sehen. Es gab auch in den letzten Jahren immer wieder bockstarke Siegermannschaften, aber selten in der Kombination: Qualität, Siege, Superbowl-Blowout. Wie Seattle den bedauernswerten Endspielgegner Denver platt wie eine Scheibe Toastbrot machte, das hatte was Episches, von dem man sich auch drei Monate hernach nicht so recht lösen kann.

Den Weg der Seahawks in den letzten Jahren habe ich schon im Vorfeld der Superbowl 48 nachzuzeichnen versucht: Philosophie trifft Pragmatismus. Ein jahrelang fast wie zufällig aussehendes Hin- und Herverschieben von Spielern und Draftpicks als verzweifelter Versuch des Head Coaches / quasi-GMs Pete Carroll, seine Trainerkarriere zu retten, ergab in Seattle erst dann einen Sinn, als man in der dritten Runde des NFL-Drafts die QB-Granate Russell Wilson fand. Mit dem richtigen Quarterback im Line-Up fügten sich die entscheidenden Teile der Mannschaft plötzlich zusammen.

2011 hatte man eine fantastische, aber nahezu unbekannte Defense, die unbemerkt blieb, weil die Offense nix war. Ein Jahr später hatte man mit Frontmann Wilson dann auch die Feuerkraft im Angriff, scheiterte aber extrem unglücklich in den Playoffs. 2013 fügte sich alles zusammen: Dank der billigen jungen Superstars hatte man Geld genug um auf kritischen Positionen einen enorm breiten Kader zusammenzukaufen, der quasi von der Nummer 1 bis zur Nummer 4 im Depth-Chart keinen Qualitätsverlust hatte.

Der Titelsturm hatte noch ein weiteres Gutes: Carroll konnte seine Assistenten halten. Galten OffCoord Bevell und DefCoord Dan Quinn lange Zeit als potenzielle Headcoach-Kandidaten z.B. in Cleveland, verhinderte die lange Playoffserie ein Abwerben der Co-Trainer. Bis Anfang Februar warten heutzutage nur noch ganz wenige Mannschaften – ad hoc fielen mir nur noch die Browns ein, die vor zehn Jahren nach dem letzten Patriots-Titel in New Englands Stab wilderten.

So haben wir in Seattle in diesem Frühjahr fast unveränderte Rahmenbedingungen: Ein Head Coach Carroll, der es auch weiterhin allen Kritikern zeigen will. Einen Trainerstab, der beisammen blieb. Einen sehr jungen Mannschaftskern, der nur wenige Abgänge zu verzeichnen hat. Und höchstens ein paar Fragezeichen mit mittelfristigem Fokus.

Überblick 2013

Record        13-3    SB
Engeö Spiele   5-3
Pythagorean   12.9     1
Power Ranking  0.760   1
Pass-Offense   6.8     8
Pass-Defense   5.1     1
Turnovers      +20

Management

Salary Cap 2014.

Freilich sind aber selbst die Seahawks nicht ohne Schwachstellen. Die Offensive Line zum Beispiel war das ganze Jahr über ein Fragezeichen, und sie zwang QB Wilson zeitweise, noch stärker zu improvisieren als gewohnt. Nun ist Wilson kein QB, der sich irgendwelche Anflüge von Nervosität anmerken lässt, wenn der Druck von allen Seiten auf die Pocket hereinprasselt, aber 51 Sacks in 526 Drop-Backs sind dann doch eine Hausnummer. Fast 10% Sack-Quote kassieren nur wenige NFL-Spielmacher.

Es war für Seattles Offense egal, weil sie eh primär versucht, ein hartes, staubtrockenes Laufspiel aufzubauen. Weil sie auf die Qualität der Defense bauen kann. Und weil sie darauf bauen kann, dass Wilson genügend Plays – zu Fuß oder mit aufregenden tiefen Bomben – macht um die Spiele trotzdem locker zu gewinnen.

LT Russell Okung gilt als Anker der Offensive Line, aber er verpasste Teile der 2013er-Saison mit Verletzungen und war ganz generell in seiner Karriere nie einer der Spieler, auf die du für alle 1200 Offense-Snaps pro Jahr bauen konntest. Der zweite Klassemann der Offense Line ist C Max Unger. Aber alle anderen Stamm-Vorblocker bekamen heuer auf die Fresse: LG Carpenter wird als 1st-Round Bust beschimpft, RG McQuistan wurde ohne mit der Wimper zu zucken nach Cleveland abgeschoben, und RT Giacomini stabilisierte sich erst Ende der Saison, wurde dann aber auch in der Free-Agency fortgeschickt.

Es gilt als hausgemacht, dass Seattle einen seiner hohen Draftpicks für einen Offense Liner spendieren wird – entweder für einen Guard oder einen Tackle, vielleicht werden es sogar je eins und eins. Seattle pickt erst zum Ende der ersten Runde, aber das ist kein Problem, wenn haarklein die OT-Position als eine der bestbesetzten im Draft 2014 gilt.

Eine weitere potenzielle Stelle zum Nachbessern in der Offense wurde auf Wide Receiver aufgemacht, wo man Golden Tate nach Detroit ziehen ließ. Man konnte sich zwar letzte Woche sozusagen als verführtes Ostergeschenk die Dienst von Sidney Rice erneut sichern (man hatte sich Rices teuren Vertrags im Februar entledigt, bekam ihn nun für Minimalgehalt und Einjahresvertrag wieder), aber ein Rice allein macht keine Kadertiefe hinter dem Stamm-Trio, und sei das noch so gut.

Dieses Trio Baldwin / Kearse / Harvin hat seine Schwächen – der klassische Wideout, der die Manndeckungen im Alleingang schlägt, fehlt – aber es reicht eigentlich potenziell aus. Harvin ist dabei der Star, der einzige Slot-WR der Liga, der wirklich aus eigener Kraft dem Gegner seinen Willen aufzwingen kann, aber Harvin ist halt oft verletzt. Letzte Saison hatte man sogar Glück, dass sich Harvin schon in der Vorbereitung die Bänder riss und somit erst zum Saisonende wieder fit wurde und nicht mehr genug Plays hatte um sich nochmal ernsthaft für das Endspiel zu verletzten; vielleicht sollte er es noch einmal so machen, aber dann gehen den Hawks die Optionen aus.

Kearse gilt als echter Kämpfer. Er hat schon in Seattle studiert (University of Washington) und sich als ungedrafteter Rookie durchgesetzt. Seine absolute Stärke ist das Blockspiel, ungewöhnlich für einen Receiver. Baldwin kann alles ein bisschen und nix hervorragend – das reicht zu einer sehr, sehr brauchbaren Nummer 2, aber wie gesagt: Sollte Harvin ausfallen, könnte das diesem Passspiel schon einen Knacks geben. Rice ist schließlich auch bis auf sein Ausreißer-Jahr 2009 in Minnesota auch bestenfalls ein mittelklassiger Mann.

Soll ich erwähnen, dass auch Wide Receiver als außerordentlich tief besetzte Position im Draft 2004 gilt?

Tight Ends: Check. Miller ist zwar kein Star, aber für 2-3 Catches pro Spiel und den einen oder anderen tiefen Ball immer zu haben. Der junge Luke Willson hatte zwar nur einen bestenfalls soliden Einstand in der Liga, aber er wird es erstmal tun.

Running Backs: Check. Marshawn Lynch ist einer der ganz wenigen Runningbacks der NFL 2014, um die du wirklich versuchen kannst, deine Offense zu bauen. Auch ein Lynch kann zwar die Offense nicht allein tragen, aber allein Lynchs Power reichen aus, um für Seattle die Balance im PlayCalling zu halten. Das kannst du sonst heute nur noch von einem Peterson in Minnesota oder einem Doug Martin in Tampa behaupten – und da drücken wir schon bei Letzterem ein Auge zu. Lynch ist zwar nicht außerordentlich effizient (41.6% Success-Rate ist Liga-Durchschnitt / 4.2yds/Carry sind auch nicht weltbewegend), aber er zwingt mit seiner Konstanz jeden Gegner, ein Auge auf das Laufspielzu halten. 1545yds, 16 Rush-TDs, und 37 Catches für 319yds und 3 TD-Catches sind Zeugnis für einen kompletten Spieler.

Sein Backup Turbin hatte zuletzt ein eher schwaches Jahr. Aber in der Hinterhand wartet noch RB Christine Michael, vor einem Jahr gedraftet als einer der herausragenden Zukunftstalente auf der RB-Position. Michael war letztes Jahr einer der großen Favoriten von Mike Mayock im Draftprozess, und bei Texas A&M am College ein extrem auffälliger, explosiver Back.

In der Defense kamen einige Leistungsträger für die Kadertiefe abhanden, aber die für die Spielidee zentralen Spieler sind alle noch da: Die Achse der Legion ist Boom ist noch komplett, der großartige DT MeBane ist noch da, LB Bobby Wagner ist noch da. Sogar die beiden Star-DE Michael Bennett und Cliff Avril, die besten und wichtigsten Spieler beim Superbowl-Blowout, bleiben in Seattle. Bennett konnte für einen nicht billigen, aber auch nicht überteuerten Vertrag gehalten werden. Er ist vielleicht mit nur rund 600 Snaps/Jahr kein klassischer Stammspieler, aber als Rotationsspieler ist er unersätzlich, und in den Snaps, in denen er spielt, gibt es kaum vielseitigere Leute.

Aus der Defense Line wurden nur DE Red Bryant und DE Clemons ziehen gelassen; beide gingen zum ehemaligen DefCoord der Hawks, Gus Bradley, nach Jacksonville. Dafür konnte Rotations-Tackle McDaniel (530 Snaps letztes Jahr) gehalten werden. Damit ist die Front-Four der Seahawks aktuell wie folgt besetzt:

  • DT: Brandon Mebane, Tony McDaniel, Jordan Hill, Jesse Williams
  • DE/LEO: Michael Bennett, Cliff Avril, Bruce Irvin

Es braucht nicht zwingend eine Neuverpflichtung, aber man darf trotzdem darauf tippen, dass der Stab der Seahawks versuchen wird, in den mittleren bis späten Runden (Seattle hat allerdings keinen 3rd-Rounder) einen neuen Defensive Liner zu holen, der langsam eingelernt werden kann.

Ein Irvin kann auch als Outside-Linebacker spielen, gilt dort jedoch als Sicherheitsrisiko, wenn der Gegner überraschend mit einem Laufspielzug daher kommt. Selten, dass Spieler deplatzierter aussehen wie ein Irvin in der Run-Defense, aber dafür wurde er ja auch nicht geholt. Die anderen Linebacker sind alle komplette Jungs: Wagner, der gerne unterschätzte K.J. Wright, und auch der offizielle Superbowl-MVP Malcolm Smith hat eine Wandlung hin zu einem gebräuchlichen three down Verteidiger gemacht.

Die Achse der Legion-of-BoomCB Sherman, FS Thomas, SS Chancellor – steht und muss nicht weiter diskutiert werden. Das vierte Gründungsmitglied Browner wurde nach New England ziehen gelassen, aber der verpasste eh die meiste Zeit mit Drogenproblemen. Browners Ersatzmann 2013, CB Thurmond, musste auch ziehen gelassen werden, sodass mittlerweile der CB Byron Maxwell die legendäre Seahawks-Secondary vervollständigt.

Maxwell und Slot-CB Jeremy Lane machten aber beide ihre Jobs im letzten Jahr sehr ordentlich, und man kann ihnen durchaus vertrauen. Brutal schwierig ist ihre Arbeit auch nicht: Die meisten Top-Receiver beim Gegner werden eh durch Sherman und der Scheming weggenommen, und wenn der Passrush wie gewohnt zündet, haben sie auch lange genug Zeit um ihre Gegenspieler halbwegs abzudecken. Zu schauen ist höchstens, ob und wie die Jungspunde SS Jeron Johnson (einst Boise State) und CB Tharold Simon (einst Problemkind bei LSU) besser eingebunden werden.

Wir haben also in Summe Needs in der Offensive Line (vermutlich Guard und Tackle), Spots für verbesserte Tiefe auf Wide Receiver, Defensive Line und vielleicht noch im Defensive Backfield, aber das sind Luxusprobleme vergleichen mit auch unmittelbaren Konkurrenten.

Fazit: Der Titelverteidiger ist schon vor dem Draft gut aufgestellt für die Titelverteidigung. Die sollte man zwar nicht erwarten – in einer NFL solltest du nie etwas „erwarten“ – aber der Kader ist schon wieder eine der komplettesten von allen.

In Offense und Defense greifen so fassungslos viele Rädchen ineinander, dass er bei Seattle gar nicht den „einen“ Mega-Spieler braucht, um den sich alles dreht. Die Offense ist ums Laufspiel gebaut, aber das Laufspiel hat nur deswegen eine Chance, weil der Quarterback ein Goldstück ist. Umgekehrt funktioniert dieser Quarterback vermutlich auch deswegen so fassungslos gut, weil er die Unterstützung von einem brachialen Run-Game hat.

Ähnlich die Defense: Die Secondary wäre vermutlich auch ohne Passrush in der Lage, jeden Gegner unter 6.0 NY/A zu halten, aber erst in Kombination mit dem Passrush ist sie total dominant. Deckt der Cornerback den Gegner 0.3 Sekunden länger als der durchschnittliche Corner, hat der Passrush 0.3sek mehr Zeit durchzubrechen. Bricht dieser Passrush dann noch aus eigener Kraft 0.2sek schneller durch als der durchschnittliche Passrush, hast du die dominanteste Defense seit mindestens zehn Jahren beisammen.

Es ist diese ausgeglichene, mannschaftliche Geschlossenheit, die mich bei allen famosen Einzelkönnern wie Wilson oder Earl Thomas seit gut zwei Jahren so fasziniert die Seahawks beobachten lässt. Es ist dieser Mannschaftsgedanke, der dazu führt, dass diese Mannschaft nicht einmal den Titel gebraucht hätte um mich für sie zu begeistern. Selten, sehr selten, dass solche Naturgewalten so perfekt ineinander verschmelzen – und schon allein deshalb ist auf die Seattle Seahawks schon wieder zu achten.

Philosophie trifft Pragmatik: Wie die Seattle Seahawks ein einzigartiges Business Model schafften

Gestern hatten wir die Denver Broncos als erste der beiden Superbowl-Mannschaften 2013/14 unter der Lupe im Versuch, ihre Stilfindung zu analysieren. Heute ist die andere Mannschaft dran, die Seattle Seahawks aus dem rauen Nordwesten der Vereinigten Staaten – eine Franchise, die viele Jahre lang als reiner Mitläufer wahrgenommen wurde.

Ursprünglich wurden die Seahawks in den 70er Jahren als Expansion-Team in die AFC eingegliedert. Dort waren sie Divisionskonkurrenz der… Denver Broncos. Während die Broncos aber alljährlich mit einem der größten Stars, QB John Elway, Division und Conference viele Jahre lang dominierten, ging bei den Seahawks so vieles daneben, dass man zwischendurch vergaß, dass da droben in den Wäldern, wo es eh immer regnet, noch eine NFL-Mannschaft zuhause war.

In den 90er Jahren wurde die Franchise an den CEO von Microsoft, Paul Allen, verkauft, der rasch mit der Sanierung begann. Allen riss den morschen Kingdome ab und baute das neue Seahawks-Stadion in Downtown Seattle, eines der fantastischesten NFL-Stadien mit Blick auf die Stadt und mehreren Lautstärkerekorden. Allen installierte auch den Erfolgscoach der Green Bay Packers, den stets grimmig dreinschauenden Mike Holmgren, als neuen Cheftrainer – und schon waren die Seahawks eine Nummer.

Allerdings ab 2002 in der NFC, denn im Zuge der NFL-Aufnahme der Houston Texans wurde eine Neustrukturierung der Divisionen gemacht. Weil zu wenige NFC-Teams im US-Westen zuhause waren, wurden die Seahawks einfach mal auf ihre 30jährige Geschichte scheißend von der AFC in die NFC umgeschichtet. Viel zu sagen hatten sie dabei nicht; es hätte auch keine Sau interessiert.

Sportlich war es ihr Glück, denn ihr neues Zuhause, die NFC West, war viele Jahre lang die Lachnummer der NFL. Seattle gewann sie jahrelang im Schlafwandel. 2005/06 schaffte man sogar den Sprung in die Superbowl XL in Detroit. Dort war man eigentlich die bessere Mannschaft, aber eine Kombination aus Pech, einigen wenigen Steelers-Plays und einem lachhaften Schiedsrichter-Gespann verwehrte den Seahawks den ersten Titelgewinn. In der Folge dümpelte man zurück in altbekannte Gewässer mit 7-9 und 4-12 Saisons.

Am Ende der Saison 2008 wurde Holmgren verabschiedet. Als Nachfolger wurde – schon damals wenig überzeugend – Jim Mora jr. installiert. Mora konnte allerdings keine Begeisterung auslösen, und so waren die Hawks schon ein Jahr später wieder ohne Head Coach.


Pete Carroll trat Anfang 2010 von seinem Head Coach-Posten bei den USC Trojans zurück. Dort hatte er in über einem Jahrzehnt eine große Dynastie geformt und die stolze private University of Southern California zurück in die Erfolgsspur gebracht. Es war ein Erfolg, den man Pete Carroll gar nicht zugetraut hatte, denn Pete Carroll war in den 1990er Jahren zweimal als Head Coach in der NFL gescheitert.

Bei den Jets musste er nach nur einer Saison gehen. Bei den Patriots übernahm er 1997 eine Superbowl-Mannschaft und schaffte in drei Jahren erst 10, dann 9, dann 8 Siege. Siehst du einen Trend? Er ist nicht dein Freund. Schnell war das Urteil über Carroll gefällt: Ein netter Kerl, ja, aber ungeeignet als Head Coach in der NFL.

Ging ans College und brachte USC in gigantische Höhen. Allerdings gerüchtelte es viele Jahre lang ob da schon alles mit rechten Dingen zugegangen war. Ende 2009 verdichteten sich die Indizien immer mehr, dass es teilweise größere Recruiting-Verletzungen bei USC gegeben hatte und dass Carroll der NCAA-Hammer um die Ohren fliegen würde. Er ging, bevor es aufflog (das passierte ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt).

Und die Seahawks hatten ja gerade ihren Head Coach Mora jr. rausgeschmissen.


Carroll unterschrieb Anfang 2010 bei den Seahawks, und er wurde nicht bloß Head Coach, sondern zugleich auch noch mit Kompetenzen eines General Managers ausgestattet. Es verblüffte, welche Power man ihm gab. Der „echte“ General Manager ist zwar John Schneider, aber hallo: Schneider fungiert vor allem als Carrolls Berater. Mehr noch: Schneider wurde sogar von Carroll eingestellt!

Pete Carroll ließ in den ersten Wochen und Monaten seiner Amtszeit in Seattle keinen Stein unberührt. Er räumte den Trainerstab auf. Er wälzte den Kader um wie kaum jemand vor ihm. An die 200 Transaktionen machte Carroll allein in seiner ersten Offseason. Es sah gar nicht so aus, als hätte Carroll einen besonderen Plan im Hinterkopf. Es wirkte wie ein Hin- und Herschieben von Bausteinen, aber richtig aufgeräumt wirkte die Baustelle im ersten Hingucken freilich nicht – und ich selbst spottete auch ganz gern über Carrolls Wirken.

In der Retrospektive sieht das freilich etwas anders aus. Zum ersten holte er sich mit RB Marshawn Lynch (via Trade aus Buffalo) das neue Gesicht der Franchise, einen physischen, kräftigen Back als neuen Motor der Offense. Und dann kam der Draft 2010, einer der besten Drafts, die einer NFL-Franchise in den letzten Jahren glückte:

Russell Okung, Earl Thomas, Kam Chancellor, Walter Thurmond und Golden Tate in einem einzigen Draft! Das ist ein ganzer Mannschaftskern für sich. Trotzdem waren die Hawks 2010 ein relativ schlechtes Team, das aber verrückterweise trotz 7-9 Bilanz die Division gewinnen konnte. Man spielte in den Playoffs zuhause gegen den Titelverteidiger New Orleans, und, naja: Rest ist bekannt.

Das war der beste Laufspielzug der Playoffgeschichte, und das beast mode war geboren. Lynch galt fortan als Gesicht der Carroll-Seahawks: Wuchtig, wild, druckvoll.


Die Seahawks sind heute gebaut nach dem Ebenbild des Pete Carroll. Ich hatte den wirklich aufschlussreichen Artikel von Smart Footballs Chris Brown bei Grantland schon vor zwei Wochen hier verlinkt, aber noch einmal: Who’s laughing now?

Also known as Three-Deep zone coverage, Cover Three is a fundamental defensive building block; almost every high school team in the country runs some version. As the name implies, three defenders drop and divide the field into three deep zones — typically the two cornerbacks on the outsides and the free safety in the middle — while four other defenders drop to defend underneath passes as the remainder rush the QB. This coverage is sound against the pass and allows an extra defender to come up to stop the run, but it’s also conservative, which is why veteran NFL quarterbacks tend to carve it up and thus why it’s not commonly used in the NFL on passing downs.

Die Legion-of-Boom. Die vielleicht beste Defense, die ich bisher gesehen habe. Auf alle Fälle eine der optisch herausragendsten, gewaltigsten. Thomas, Sherman, Chancellor: Viel besseres gibt und gab es nicht zu bestaunen.

Es ist auch eine Defense, die aus außerordentlich vielen Außenseitern gebaut ist, Spielern, die die erste Runde des NFL-Drafts nur vom Hörensagen kennen. Die 2010er-Clique hatten wir schon, aber auch der aktuell größte und bekannteste Seahawks-Star, CB Richard Sherman, war ein Mann aus der fünften Runde. LB Bobby Wagner kam in der zweiten Runde. Der aktuell gesperrte CB Browner? Kam aus der Canadian Football League. Leute wie DT MeBane (3. Runde 2007) oder DT Red Bryant (4. Runde 2008) stammen aus der Zeit vor Carroll, aber sie blühten erst unter ihm auf.

In der Offense: QB Russell Wilson in der dritten Runde. WR Golden Tate in der zweiten Runde. WR Jermaine Kearse und WR Doug Baldwin? Beide wurden überhaupt nicht gedraftet.

Das erstaunliche ist: Die hohen Picks des Pete Carroll gingen eigentlich eher schief. Der G Carpenter (1. Runde 2011) ist Bankdrücker. Der OLB Irvin (1. Runde 2012) gilt als one trick pony und musste heuer wegen diverser Delikte ein Saisonviertel gesperrt aussetzen. Und der letztes Jahr quasi für einen 1st-Rounder geholte WR Percy Harvin war das ganze Jahr verletzt, soll nun aber zurückkehren; okay, wenn Harvin fit ist, ist das einer der zehn besten Skill-Player in der Liga, aber er ist halt fast nie fit.

So arbeitete Carroll fast zwei Jahre lang nahezu ohne Resultat (okay, der Divisionssieg, aber…) vor sich hin. Spät in der Saison 2011 hatte man erstmals das Gefühl, dass sich in Seattles Defense auch vom Output her was regt.


Aber das echte Coming-Out hatte die heute bekannte Version der Seahawks erst im September 2012, als sie in einem Monday Night Game die Mega-Offense der Green Bay Packers nach Strich und Faden killten. Das Spiel von damals ist vor allem bekannt wegen der Replacement-Referees und der bizarren letzten Hail Mary des Russell Wilson, aber (zumindest bei mir) in mindestens ebenso prägender Erinnerung war die Vorstellung der Defense in der ersten Halbzeit, die Aaron Rodgers komplett abwürgte.

Der große Erfolgträger in Seattle war unter Carroll immer die Defense. Das markante Gesicht der ersten Jahre war RB Lynch aus der Offense. Aber der Schlüssel, diese Mannschaft von „gut“ und „Sleeper“ zu „Geheimfavorit“ und „Topfavorit“ war der Quarterback, Russell Wilson. Ohne Quarterback kann auch der ansonsten beste, tiefste Kader nix erreichen. Und Wilson ist nicht irgendein QB.

Wilson kam gegen alle Wetten aus der dritten Runde in die NFL. Er wurde sofort zum Stamm-QB. Nach einigen Eingewöhnungsproblemen in den ersten Wochen mauserte sich Wilson schnell zum heimlichen Star der „Big Three“ (RGIII, Luck, Wilson) der Rookie-QBs. Schon zur Halbzeit seiner ersten Saison gehörte er zu den besten Quarterbacks in der NFL, und wurde zur prägenden Gestalt einer Mannschaft, die gegen Jahresende alles an die Wand spielte, was sich ihr in den Weg stellte.

Dieser Überquall an physischer Energie und wuchtiger Dynamik, mit dem die Seahawks Ende der Saison 2012/13 alles in Grund und Boden walzten, wird für immer das definierende Bild der Carroll-Hawks sein. Es war blanker Zufall, dass die letztlich wohl beste Mannschaft der Saison letztes Jahr nicht die Superbowl erreichte, und es brauchte ein mirakulöses Comeback der nicht schwachen Atlanta Falcons in einem unglaublichen Playoffspiel.

Russell Wilson war dieses Jahr nur noch phasenweise so dominant, aber mit seiner Spielweise muss er trotzdem als Liebling der Massen angesehen werden: Ein untersetzter Mann, der eigentlich eher Kickreturner als Quarterback spielen sollte. Es ist extrem sympathisch, dem Underdog Wilson bei seiner Arbeit in der Pocket zuzusehen. Er strahlt phasenweise totale Kontrolle über sich und den Gegner aus. Es gibt wenig Anmutigeres als einen Wilson in Hochform. Da würdest ihn am liebsten als Plüschtier kaufen. Fragt sich, ob Wilsons „Formkrise“ in den letzten Wochen mehr ihm oder den dominanten gegnerischen Abwehrreihen zuzuschreiben ist.


Wilson ist nicht nur sportlich der Mann, der diesen überaus talentierten Kader über sich hinauswachsen ließ. Wilson ist auch deshalb ein „MVP“, weil er so billig ist. Er kostet die Hawks bloß nahezu das Minimalgehalt, weil er als Rookie aus der dritten Runde in einem skandalösen Kontrakt festgeknebelt ist. Auch Jungs wie Sherman, Chancellor oder Wagner spielen für lau, weswegen sich Seattle in der Offseason 2013 den Luxus leisten konnte, gefürchtete Passrusher wie DE Avril oder den kompletten DE Michael Bennett für okayes Salär einem eh schon enorm tief besetzten Kader hinzuzufügen.

So sind die Carroll-Seahawks dieser Tage ein auf recht unorthodoxem Weg zustande gekommenes, rundum fast komplettes Team. Es lebt von geglückten, späten Draftpicks. Von guten Verträgen. Von einem Trainerstab, der nach unermüdlicher Arbeit und vielen Rückschlägen doch noch die richtigen Schemata gefunden hat. Von einem Quarterback, der allen Unkenrufen zum Trotz die Liga im Sturm genommen hat. Und es ist ein markantes Team voller spektakulärer Charaktere und Geschichten.

Die heutige Ausgabe 2013/14 ist gemessen an dem Image, das die Hawks in der letzten Saison ausstrahlten, zwar tiefer und rundum vielleicht auch besser besetzt, aber es fehlt der letzte Thrill. Die Offense läuft nicht mehr so geschmiert wie 2011. Wilson, diese Wühlmaus, spielt nicht mehr ganz so lights out wie noch vor 12 Monaten. Aber dafür reißt eine der besten Pass-Defenses aller Zeiten, die Legion-of-Boom, alles heraus – sportlich und medial.

Pete Carroll hatte schon immer eine Philosophie, die er umsetzen wollte. Er konnte es nicht immer versuchen, weil ihm das Spielermaterial abging. In Seattle fand sich selbiges ein. Dank seiner pragmatischen Art, die auch Ignoranten wie mir lange suspekt erschien. Dank natürlich auch einem glücklichen Händen. Aber ohne Glück ist es nicht möglich, eine solche Mannschaft zusammenzustellen – und wir sollten sie bestaunen, solange sie noch in dieser Form zusammenspielen kann.

Vielleicht ist der Superbowl Sunday auch schon der Höhepunkt der Seattle Seahawks.

Wer sollte Coach des Jahres 2013/14 werden?

Der Award „Coach des Jahres“ verhält sich in der NFL anders als alle anderen Awards. Denn während der NFL MVP oder Rookie-des-Jahres Preis tatsächlich an den Spieler vergeben werden, der nach common sense die beste Saison hatte (wie auch immer das definiert sein mag), so wird der Coach-Preis für gewöhnlich an den Coach gegeben, der an ihn gehegten Erwartungen vom Sommer am meisten übertrifft.

Die Wildcard gleich zu Beginn geht an John Fox von den Denver Broncos. Fox ist manchmal etwas nervtötend, weil er so konservativ ist, aber man kann ihm eines nicht absprechen: Dass seine Mannschaften nicht souverän spielen. Sie tackeln sicher. Sie begehen zwar Strafen, aber nicht viele Phantom-Tackles. Trotzdem spricht es Bände, dass der Coach, der seine Mannschaft dieses Jahr in die Superbowl geführt hat (Fox schaffte das schon vor zehn Jahren mit den Panthers), eigentlich kaum Presse. Denver wird als Peyton Mannings Team wahrgenommen. Aber allein mit Manning fährst du nicht in die Superbowl. Was Fox allerdings in dieser Liste knapp raus schießt: Er verpasste vier Spiele im November mit Herzproblemen. Klingt makaber, aber es gibt heuer genügend gute Coaching-Leistungen, dass ich das mal als Entschuldigung her ziehe. Ebenso knapp draußen: Sean Payton und Jim Harbaugh. Würde ich eine Top-10 Liste machen, zwei dieser drei hätten sie komplettiert.

#8 Andy Reid (Kansas City Chiefs)

Die Chiefs drehten ihre Bilanz innerhalb eines Jahres von 2-14 und Top-Draftpick auf 11-5 und Playoff-Qualifikation. Sie sind damit das zweite Team in Folge, dem das gelang (2012 schaffte es Indianapolis), und damals gewann der Colts-Headcoach den offiziellen Award. Andy Reid ist einer der Topfavoriten in diesem Jahr. Aber Hand aufs Herz: Reids Job war relativ einfach. Er fand zu seiner Einstellung vor einem Jahr einen Kader mit etlichen Pro Bowlern und vielen ehemals hohen Draftpicks vor, dem nur zwei Dinge abgegangen waren: Quarterback und Coaching. Zufällig sind das die wichtigsten Dinge im Football. Zufällig waren die Chiefs in diesen Bereichen nicht bloß schlecht, sondern unterirdisch.

Reid kam, und musste „nur“ zwei Dinge verändern. Er holte sich QB Alex Smith aus Kansas City. Es war wie erwartet das einflussreichste QB-Upgrade des Jahres. Und natürlich Reid selbst. Die Chiefs waren nicht besonders effizient nach Downs (Power-Ranking: untere Tabellenhälfte), aber weil sie mit der risikolosen Spielweise kaum Turnovers begingen, landeten sie doch bei 6.1 Punkten über Durchschnitt im SRS (#7 der Liga) und bei einem hervorragenden Pythagorean von 11.2 Siegen (#5 der Liga).

#7 Mike McCoy (San Diego Chargers)

Die Auswahl von Mike McCoy ist weniger ergebnisgetrieben als sie nach dem kurzen, aber doch überraschenden Playoff-Lauf aussieht. Ich hatte McCoy schon Ende November ganz weit oben auf meiner Short-List, und ich glaube, dass er einen echt guten Job als Rookie-Coach bei den Chargers gemacht hat.

Das Auffälligste an seinem Wirken war die Revitalisierung einer Chargers-Offense, die zuletzt nichtmal mehr Norv Turner formen konnte. Es war nicht bloß eine „gute“ Chargers-Offense 2013/14. Es war eine fantastische. Eine Offense Line bestehend aus Rookies und längst abgeschriebenen Altstars war gut genug um landesweit Aufmerksamkeit zu erregen. Ein QB Rivers blühte auf. Leute wie RB Mathews, der schon als Bust abgeschrieben war, gehörten plötzlich zu den ligaweit besten auf ihren Positionen. Rookie-WR Keenan Allen kam aus der dritten Runde und war per Knopfdruck einer der besten Wide Receivers in der NFL.

Ich glaube, man kann McCoy nicht daran aufhängen, dass die Defense so lange so absurd war; sie war schließlich unterirdisch besetzt. Es gibt personell keine NFL-Defense, die weniger an Spielermaterial hatte. Der einzige Verteidiger von NFL-Format, OLB Ingram, war fast die ganze Saison auf der Verletztenliste. Trotzdem wurde um dieses Problem herum gewerkelt, und in den letzten Wochen hatte San Diego dann sogar eine zumindest brauchbare Defense, und prompt ging es in die Playoffs.

Ein insgesamt sehr guter Job von McCoy, dessen Mannschaft momentan in den Top-10 des Power-Rankings rangiert. Die nach SRS 2.7 Punkte besser als der Liga-Durchschnitt ist. Der mit einem guten GamePlan auswärts ein Superbowl-Kaliber schlagen konnte (Cincinnati). Der am Ende aber ein Playoffspiel in Denver abschenkte, weil man zu lange zu starr an seinem längst gescheiterten Plan fest hielt.

#6 Bruce Arians (Arizona Cardinals)

Der amtierende Coach des Jahres. Arians gewann 2012 in Indianapolis als Interimscoach, ging aber im Anschluss daran zu den Arizona Cardinals um sich ca. 60jährig doch noch erstmals als Head Coach zu versuchen. Ich geben zu, ich war skeptisch. Aber Arians schaffte das, wofür er geholt wurde: Die Offense um QB Palmer beging zwar viele Turnovers, aber sie war immerhin wettbewerbsfähig genug um den schlafenden Riesen Arizona zu wecken.

Remember: Die Cards-Defense war schon in den letzten Jahren großartig gewesen; Arians‘ Coaching-Stab konnte den Level auch nach Abgang von DefCoord Horton sogar noch eine Stufe höher schrauben. Der Schlüssel aber war die Offense: QB Palmer warf zwar 22 INTs, aber er erlebte zumindest annähernd sowas wie einen dritten Frühling, als dass er Pässe für mehr als 6.5 NY/A an den Mann brachte – ein Wert, der Welten besser ist als alles was die Cards die letzten Jahre hatten.

Arizona war eines der besten und gefürchtetsten Teams der Liga in den letzten Wochen; niemand hätte gerne gegen die Cards in den Playoffs gespielt (sie verpassten diese trotz 11-5 Bilanz in der bockstarken NFC-West). Platz 7 im Power-Ranking, Platz neun im Pythagorean, Platz sechs im SRS: Das war ein komplettes Team.

Er formte WR Michael Floyd zur NFL-Tauglichkeit. Er machte die Offense zumindest glaubwürdig. Allein die viel zu geringe Einsatzzeit für den sensationellen Rookie-RB Ellington sowie ein katastrophales Game-Management (Field Goal bei -18?) gegen Seattle ziehen das Gesamtbild Arians‘ runter.

#5 Marv Lewis (Cincinnati Bengals)

Marv Lewis ist die graue Maus unter den NFL-Coaches: Ein stilles, schwarzes Männlein im leisesten Markt der Liga in Cincinnati, wo sich die eigene Bevölkerung nicht um die Mannschaft schert, weil sie den Owner hasst. Dieser Owner ist Mike Brown, und Mike Brown war vor drei Jahren nach dem Ende eines 4-12 Kollapses und zerbrochener Träume schlau genug um Marv Lewis nicht bloß nicht zu entlassen, sondern ihm sogar eine Vertragsverlängerung mit Kompetenzen-Zuwachs zu verschaffen. Als Resultat gibt es seither bis auf vielleicht Belichick in New England keinen Head Coach in der Liga, der ein breitere Themenfeld abdeckt als Marv.

Marv hatte 2013 sein bisher bestes Produkt auf dem Feld: Die Bengals gewannen mit 11-5 Siegen die AFC North und beendeten die Regular Season an #4 im Power-Ranking. Sie beendeten das Jahr mit nur 305 Gegenpunkten, fünftbester Wert der Liga. Und das, obwohl die beiden wichtigsten Spieler der Abwehr, DT Geno Atkins und CB Leon Hall, sich beide schon in den ersten zwei, drei Wochen verletzt in den Winter verabschiedeten. Einiges an der Defense-Arbeit mag an DefCoord Mike Zimmer liegen, und Zimmer konnte das kürzlich in seinen verdienten ersten Cheftrainerposten (in Minnesota) ummünzen.

Marv Lewis hat sich als quasi-GM einen famosen Kader zusammengestellt – und das ohne echte Free-Agency Aktivität. Er hatte das Team in hohen Höhen trotz eines mittelmäßigen QB um den herum gebastelt werden musste. Schade, dass die Saison letztlich so seelenlos gegen San Diego zu Ende ging.

#4 Chip Kelly (Philadelphia Eagles)

Die größten Befürchtungen erwiesen sich als nicht angebracht, zumindest nicht im ersten Jahr: Chip Kellys Offense hatte einen guten Einstand in der NFL. Er schaffte es, viele Konzepte seiner äußerst ansehnlichen Oregon-Ducks Offense in der NFL erfolgreich zu implementieren, und er schaffte es, obwohl er seinen Quarterback wechseln musste.

Nick Foles hatte ein extrem gutes Jahr als QB-Notnagel und als QB-Typ, der eigentlich alles andere als zum „klassischen“ Chip-QB taugte. Foles hat Limitierungen, die ihn möglicherweise eine Karriere als legitimer Franchise-QB kosten werden, aber Chip baute um ihn herum eine doch sehr ansehnliche Offense. Die Offense wurde nach seinen Vorstellungen zusammengestellt: Draften von massiven Offense Tackles, Draften von groß gewachsenen Tight Ends usw. Das ist Chip-Football par excellence, und es funktionierte.

Die Defense war bestenfalls unteres Mittelmaß, aber Chip musste auch erstmal mit einem Spielermaterial arbeiten, das für eine andere Art von Abwehr (die 4-3 Defense) gebaut war. Via Free-Agency wurden einige bessere Backups wie Sopoaga oder Cary Williams verpflichtet, aber mehr war in einer einzigen Offseason noch nicht drin.

Kellys Eagles sind im Efficiency-Ranking (Power-Ranking) die #5 der Liga. Das SRS ist okay, aber nicht überragend (1.9 Punkte über NFL-Schnitt). Die 10-6 Bilanz in der Regular Season ist es – zumindest gemessen an den Erwartungen, die den Eagles ca. ein 7-9 oder 8-8 prognostiziert hatten. Mische Kellys vergleichsweise aggressives Coaching in 3rd-Downs und 4th-Downs mit rein, wird die Coaching-Leistung noch besser. Verbesserungswürdig ist sein Handling mit der roten Flagge sowie war das eine oder andere Auszeiten-Ziehen suboptimal, aber es reicht locker für einen verdienten vierten Platz – aber nicht zu einer Medaille.

#3 Pete Carroll (Seattle Seahawks)

Pete Carroll hat in Seattle eine Mannschaft nach seinem Antlitz geformt. Das ist bemerkenswert, weil es so wenigen Coaches gelingt. Das geht nicht ohne ein Quäntchen Glück (wie z.B. die Glücksgriffe wie Chancellor oder Sherman, oder aber auch QB Wilson), aber du musst trotzdem eine funktionierende Einheit basteln.

Carrolls Seahawks von 2013 strahlen nicht mehr diesen Begeisterungsfaktor aus, der sie letztes Jahr berühmt machte, aber dafür sind sie insgesamt noch solider, tiefer besetzt und gehen zumindest nicht als Außenseiter in die Super Bowl.

Seattle beendete die Regular Season mit 13-3 Bilanz. Normalerweise ist eine 13-3 Bilanz ohne etwas Glück nicht leicht erreichbar, aber der Pythagorean behauptet, Seattle habe die Performance einer Mannschaft erbracht, die im Schnitt 12.9 Spiele gewinnt. Das ist nur ein Jota unter der schwarzen Zahl. Seattle ist die #1 im Power-Ranking. Seattle ist die #1 im Simple Ranking System mit 13.0 Punkten über NFL-Schnitt.

Die Seahawks waren das dominanteste Team des Jahres, und sie sind nach dem Abbild des ehemaligen Defensive-Backs Coaches Pete Carroll gebaut. Die große Stärke ist die Legion of Boom, die Secondary, in der Carrolls Schützlinge Earl Thomas und Richard Sherman Angst und Schrecken verbreiten.

Carroll hätte zwingend schon im letzten Jahr den Coach-des-Jahres Preis gewinnen müssen. Dieses Jahr gibt es aber zwei Kandidaten, die ich knapp vor Carroll sehe.

#2 Bill Belichick (New England Patriots)

Letzte Woche wurde ich im Podcast bei den Sofa-Quarterbacks um eine Einschätzung zu Bill Belichick gefragt, und ich kann das, was ich dort verzapfte, nur noch einmal wiederholen: Man hat sich an die Größe Bill Belichicks gewöhnt, so sehr, dass eine erneute 12-4 Saison des alten Mannes keine Sensation mehr ist. Es gibt keinen besseren Coach da draußen. Vielleicht gab es noch nie einen so guten Coach da draußen. Vielleicht ist Belichick der beste NFL-Headcoach aller Zeiten. Aber man registriert es gar nicht mehr. Belichick ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Drei Superbowl-Siege sind das eine. Viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es Belichick in einer Ära, in der alles auf Gleichheit getrimmt wird, jedes verdammte einzelne Jahr ein Produkt aufs Feld schickt, das um den Titel mitspielt. Ohne Unterbrechung. Belichick verpasste seit seinem ersten Titel 2001/02 nur zweimal die Playoffs – beide Male mit Winning-Record. Einmal davon mit 11-5 Bilanz und Durchwursteln mit einem Quarterback, von dem nie zuvor jemals jemand was gehört hatte (Matt Cassel war sogar am College nur Backup gewesen).

Belichick erfindet sich jedes Jahr von neuem. Aber 2013 mag sein bisher markantestes gewesen sein. Eine Offense, die nach einer Lawine an schlechten Nachrichten in der Offseason und anfänglichen Schwierigkeiten durchaus wieder phasenweise exzellente Spiele hatte. Eine Defense, die bis zum Zuschlagen des Verletzungsteufels mit einem Male wieder Top-Team würdig war. Ein konstant wandelnder GamePlan, der um diese Probleme herum dokterte.

Am Ende war New England ein Top-10 Team nach Effizienz, was angesichts der Kaderqualität bemerkenswert ist. New England war 5.9 Punkte besser als der Durchschnitt nach SRS (#8der Liga). #8 nach Pythagorean. 12-4 Siege, und es hätten je nach Ausgang einiger Zufalls-Plays in den letzten Sekunden auch 10 oder sogar 14 sein können. Das müsste eigentlich reichen für den COTY, aber…

#1 Ron Rivera (Carolina Panthers)

Ich löse mein Versprechen ein und küre den Coach, der wie kein anderer für die neue Welle an aggressiven (besser: rational richtigen) 4th-Down Calls stand: Riverboat Ron. Ron Rivera ist mehr als die paar 4th-Downs. Ron Rivera war der Hauptgrund, weswegen die Carolina Panthers in der vorangegangenen Saison 2012 so „schlecht“ abschnitten: Wegen seines üblen „in-Game Managements“. Dass Rivera aus einem Schrotthaufen von Mannschaft, die er 2011 übernommen hatte, innerhalb von kürzester Zeit eine titelfähige Mannschaft gebastelt hat, habe ich nie abgestritten; Carolina hatte schon 2012 eine Superbowl-fähige Mannschaft, aber einen Top-Draftpick würdigen Coach.

Rivera war der Hauptgrund, besser: der alleinige Grund, weswegen ich Carolina im Sommer knapp außerhalb der Playoffs gesehen hatte. Bei allem Respekt für seine sicherlich exzellente Trainings- und Vorbereitungsarbeit, aber er hatte sie so oft mit inaktzeptablen in-Game Entscheidungen negiert, dass diese kein Zufall sein konnten. Weil Menschen Gewohnheitstiere sind und sich – wenn überhaupt – nur seeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr langsam ändern, hatte ich Rivera bereits als hoffnungslosen Fall abgeschrieben.

Woche 2 gegen Buffalo, und Rivera machte nahtlos weiter mit seinem „Punt in 4th-und-kurz“. Resultat: Zwei Saison-Pleite im zweiten Spiel.

Aber dann muss sich etwas bei Rivera getan haben, denn quasi über Nacht mutierte Rivera vom konservativsten Head Coach der NFL zu einem, der 4th-Down auf 4th-Down auf 4th-Down ausspielen ließ und damit mehr als eine Partie zu Gunsten seiner Mannschaft drehte. Carolina war am Ende 12-4, in etwa die Bilanz, die die Panthers schon 2012 hätten einfahren müssen. Man war ein Top-8 Team nach Effizienz-Stats. Man war die #4 der Liga im SRS mit 9.1 Punkten über Liga-Schnitt. Man stellt mit 11.7 Siegen das drittbeste Team nach Pythagorean.

Und mehr: Die Panthers funktionieren mittlerweile wie eine Mannschaft nach Riveras Vorstellungen: Massive Front-Seven, okayes Defensive Backfield. Rivera und sein Staff machten in der Offseason genau die richtigen Moves um den letztjährigen Underachiever zu upgraden. Das größte Upgrade aber war Rivera selbst – und das verdient ihm den Sideline Reporter Coach oft he Year 2013/14 Award.

Frischzellenkur rewind: Der Seahawks-Draft von 2010

Die Wurzeln des Seahawks-Aufstiegs sind Ende der Saison 2009/10 zu finden, als der Besitzer der Seahawks, Paul Allen, den Head Coach Jim Mora jr., der schon in Atlanta einen schlechten Job gemacht hatte, und GM Tim Ruskell rauswarf und sich anschickte, die seit Jahren dümpelnden Hawks wieder auf Vordermann zu bringen. Allen installierte den neuen GM John Schneider aus dem Personalbüro der Green Bay Packers, und holte Pete Carroll zurück vom College in die NFL. Für Carroll war das damals nicht bloß die Chance, es nach einer nur mäßig erfolgreichen Zeit in den 90ern noch einmal der NFL zu beweisen, sondern auch willkommene Gelegenheit, die University of Southern California rechtzeitig zu verlassen, bevor ein halbes Jahr später der Hammer der NCAA im Fall Reggie Bush zuschlug.

Erster großer Auftritt der neuen Seahawks-Leitung war der NFL-Draft 2010 – und drei Jahre später kann man ein exzellentes Zeugnis für diese Draftklasse ausstellen. Zugegeben, mit dem ersten Erstrundenpick (Pick #6) konnte Seattle damals nix falsch machen. Die Mannschaft war ein Scherbenhaufen, es gab keine „würdigen“ Quarterbacks (obwohl Tebow aufm Tablett war) und Seattle holte sich den Muskelberg LT Russell Okung von der Oklahoma State University. Die Tackle-Klasse von 2010 hatte als massiv gut besetzt gegolten, und Okung war auf den meisten Boards der höchstbewertete Tackle gewesen; als Washington an #4 OT Trent Williams zog, war eigentlich allen klar: Seattle würde in der Lotterie Okung ziehen. Es war ein einfacher Pick, den jeder Holzkopf geschafft hätte, und alle konnten die Logik nachvollziehen. Okung hatte in der NFL zwar viele Zipperlein, weil immer wieder Muskeln rissen und die Wade zwickte, gilt aber unisono anerkannt als einer der besten seiner Zunft.

Wenn du eine Draftklasse von Prädikat ganz groß haben willst, musst du auch ein wenig Glück haben. Seattle hatte das in Form eines letzten Geschenks des alten Regimes, das anno 2009 via Trade mit dem grünschnäbeligen Head Coach Josh McDaniels (Denver Broncos) einen Erstrundenpick für einen Zweitrundenpick generieren konnte! So durften die Hawks 2010 auch noch an #14 picken – und sie schlugen zu: S Earl Thomas von der University of Texas ist heute ein dynamischer Playmaker, einer meiner Lieblingsspieler, der an die besten Zeiten des besten Safetys ever, Ed Reed, erinnert. Thomas ist ein Freelancer und begeht als solcher naturgemäß viele Fehler – gescheiterte Blitzes, schlechte Coverage – macht das aber mit dem wett, was Scouts range nennen: Der Mann ist so schnell, so flink, dass er vom Gegner als ständige Bedrohung wahrgenommen wird, der man extra Aufmerksamkeit in der Vorbereitung schenken muss.

Der Thomas-Pick war seinerzeit nicht ohne Nebengeräusche, da alle Welt von Carroll erwartet hatte, dass er „seinen“ Schützling vom College, S Taylor Mays, mit diesem Pick holen würde. Das ist so ein gängiges Gerede vor dem Draft: Coach X holt Spieler Y, weil er den am College unter seinen Fittichen gehabt hatte. Stimmt manchmal, oft aber nicht: Carroll kannte die Schwächen des undisziplinierten Mays und überging die Sentimentalitäten. Es ist eine vergleichbare Situation mit der Nassib/Marrone-Geschichte bei den Bills dieses Jahr. Mays ging dann übrigens in der zweiten Runde nach Cincinnati, wo man seither versucht, ihn irgendwie ins System einzubauen.

Mit dem Zweitrundenpick (#60) bekamen die Seahawks WR Golden Tate, dessen berühmteste Szene bisher sicher der Freak-Touchdown bei der Hail Mary gegen Green Bay war. Niemand hält Tate heute für den besten Receiver der Liga, aber in einem kompletten WR-Corp ist Tate durchaus ein wertvoller Baustein, ein Spieler, für den es sich lohnt, einen so hohen Draftpick zu investieren.

Was beim Blick auf die Seahawks-Klasse von 2010 auffällt, ist, dass sie viele Trades machten: Nur der Okung-Pick war einer, der ursprünglich den Hawks gehört hatte; alle anderen wurden entweder gegen andere Picks eingetauscht oder von der NFL in Form von Compensatory Picks geschenkt. So hatte Seattle keinen Drittrundenpick, was in der Retrospektive nicht übel ist, da die dritte Runde von 2010 nur wenige wirklich herausragende Spieler produzierte (LB Bowman und TE Graham sind die mit Abstand besten).

Der dritte Tag des Drafts 2010, also ab vierte Runde, tut in der Rücksicht etwas weh, da die Seahawks Granaten wie DT Geno Atkins oder TE Aaron Hernandez verpassten, obwohl beide Positionen als große Needs gegolten hatten. Gerade ein Hernandez hätte wunderbar in die Carroll-Philosophie gepasst, Spieler zu holen, die alles Potenzial der Welt hatten, aber charakterliche Zeitbomben sind. Man lasse sich heute nicht davon täuschen: Hernandez war ein Knallkopf, der allerhand Probleme mit der Justiz hatte und sich mehr als einmal die Woche die Birne zukiffte. Aber er hatte auch als fantastisches sportliches Prospect gegolten, fiel dann aber wohl wegen der Bedenken in die vierte Runde. New England sagte danke. Seattle holte seinen Tight End erst in der sechsten Runde in Form von TE Anthony McCoy, und der war ein Carroll-Schützling vom College; McCoy ist kein Mann, um den du deine Offense baust, aber das verlangt von einem Sechstrundenpick auch niemand.

Seattle verpasste Hernandez also in der vierten Runde, und das gleich zweimal (Seattle hatte zwei 4th-Rounder). Mit dem ersten Viertrundenpick holte das Front-Office CB Walter Thurmond, der auch ins Schema des Carroll passte: Eigentlich ein Talent für die höheren Runden, aber ein großes Verletzungsfragezeichen nach einer horrenden Knieverletzung mit mehreren Bänderrissen. Thurmond ist drei Jahre später ein wertvoller Cornerback für die Rotation. Starter ist er keiner, da die Hawks ein Jahr später Browner und Sherman vom Schrotthaufen aufklaubten, und bei den Jungs muss sich keiner grämen, wenn er nicht dran vorbei kommt. Der andere Viertrundenpick der Seahawks war DE E.J. Wilson, ein längst vergessener Mann.

Die Klasse ist bisher schon sehr gut, aber das Kronjuwel fehlt noch: SS Kam Chancellor, der in der fünften Runde mit dem 133ten Pick kam und im Grunde eine Markt-Ineffizienz offen legte. Die NFL war zu dieser Zeit gefangen in ihren immergleichen Deckungssystemen, und Chancellor war so ein Spieler, der nirgendwo richtig reinpasste: Zu klein für einen Linebacker, zu groß für einen Safety, zu wenig Spezialist, zu viel Generalist. Der Typ Spieler, den du in den letzten Runden draftest eben. Oder auch nicht.

Es mag Zufall sein, und vielleicht waren Carroll und DefCoord Gus Bradley überrascht, dass Chancellor so gewaltig einschlug, aber es ist schwierig zu leugnen, dass Carroll/Bradley einen Plan für ihre Defense hatten. Der Plan legte wert auf Aggressivität und Physis an der Anspiellinie. Aggressivität, Physis und superbe Lauf-Defense sind die größten Assets des Kam Chancellor, der gern auch mal über die Strenge schlägt und nicht weit davon entfernt ist, das Label des nächsten großen Hard Hitters übergestülpt zu bekommen. Für den Gedanken, dass sie einen Plan hatten, steht auch die Einberufung von CB Richard Sherman ein Jahr später: Sherman war ein ähnlicher Spielertyp und kam in der fünften Runde.

Chancellor war also in gewissem Sinne auch ein Trendsetter. Heute, nur drei Jahren später, werden solche Spielertypen in der zweiten und dritten Runde gedraftet, sind also sehr viel teurer. Die Pioniere profitierten noch vom ineffizienten Markt.

(Man muss an der Stelle allerdings auch anmerken, dass die überwiegende Mehrzahl der Pioniere mit ihren unkonventionellen Ideen scheitert und nur die paar wenigen gelungenen Neuerungen wie eben Chancellor am Ende herausragen. Der Draft 2010 hatte auch ein bekanntes Negativbeispiel: Tim Tebow)

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        11-5    DP
Enge Spiele    5-5 
Pythagorean   12.5    (3)
Power Ranking   .682  (3)
Pass-Offense   6.9    (7)
Pass-Defense   5.4    (4)
Turnover       +13

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass ich die Seattle Seahawks von 2012/13 ganz tief in mein Herz geschlossen habe. Man hatte es schon in der Saison zuvor andeutungsweise sehen können, wie gut Seattles Defense sein würde, aber mit dem knuddeligen QB Russell Wilson im Lineup hatten die Hawks im abgelaufenen Herbst auf einmal auch eine überragende Offense und waren die vielleicht beste Mannschaft der Saison. Auf alle Fälle ist der strength of victory der Seahawks 2012/13 gigantisch und niemand, wirklich niemand, möchte mehr gegen Seattle in deren Stadion spielen.

Am Ende scheiterte man in einem fantastischen Viertelfinalspiel in Atlanta unter unglücklichen Umständen, aber die Impressionen dieser vielseitigen Offense, dieser dynamischen, extrem aggressiven Defense – sie bleiben. Man muss nicht immer den Titel gewinnen, um in Erinnerung zu bleiben.

Seattle ist gut aufgestellt für die Zukunft: GM John Schneider und Head Coach Pete Carroll haben da klammheimlich nicht nur einen der besten Spielerkader zusammengestellt, sondern vor allem auch einen der jüngsten: Nicht nur war der Quarterback Rookie, nein, nur ein einziger Starter im Angriff war älter als 27 (ein Offense Guard), und bis auf DE Clemons waren sämtliche Leistungsträger der Verteidigung jünger als 25 (!). Die Zukunft kann kommen.

Knuddeloffense

Seattle spielt als eine der wenigen Mannschaften noch eine auf hartem, trockenen Laufspiel basierende Offense, wobei „basierend“ das Schlüsselwort ist, denn schon im Laufe der ersten Wochen begann man, komplexere Elemente und „read-option“-Elemente einzubauen und legte immer mehr Last auf die Schultern der QB-Wühlmaus. Russell Wilson… ich kann mich mit meiner Begeisterung kaum zurückhalten. Es mag an meiner Affinität für die unkonventionellen Underdogs liegen, aber nein: Nie, nie, nie hätte ich gedacht, dass der Mann in der NFL so einschlagen würde. Ich lasse mir nicht nachsagen, Wilson am College in NC State und Wisconsin nicht oft genug gesehen zu haben, aber der Wilson in Seattle war noch zwei Spurenelemente souveräner, dominanter. Spätestens als der Advent begann, hätte ich RG3 zum Teufel gejagt und meine Offense bedenkenlos in Wilsons Hände gelegt.

Nun muss nicht automatisch währen, was gut war. Seattles Offense hat trotz der gefinkelten Spielzüge über den laufstarken Quarterback immer noch was von „wir sind stärker, wir laufen über dich drüber“ – Auftritt RB Marshawn Lynch. Dieses „Power“-Element hinter einer mehr als grundsoliden Offensive Line gibt der Offense ihren eigenen Touch, tendiert in der NFL aber dazu, nicht über Jahre das stabilste zu sein. Der Angriff wird sich also zwar nicht neu definieren müssen, aber es wird doch einige inkrementelle Verbesserungen und Innovatiönchen brauchen, um nicht alsbald ausgeguckt zu werden.

Schneider scheint das erkannt zu haben und kaufte für massiven Preis in der Offseason die Allzweckwaffe Percy Harvin aus Minnesota ein. Harvin ist bei allen Kopfzerbrechen, die der Mann auch dem eigenen Trainerstab bereiten kann, eine fulminante Waffe und dürfte eines der Lieblingsspielzüge des OffCoords Darrell Bevell werden. Gepaart mit dem mehr als brauchbaren eingesessenen WR-Trio bestehend aus dem Hünen Sidney Rice und der wendigen Zwergencombo Golden Tate/Doug Baldwin dürfte der Receiving-Corp der Hawks zu den vielseitigsten ligaweit gehören. Man werfe noch den brauchbaren „Torpedo“ Robert Turbin als change of pace-RB rein und fertig ist ein Repertoire aus verschiedensten Spielertypen – ein Paradis für einen Trainerstab.

Wo nach dem Verkauf von Matt Flynn noch Nachbesserungsbedarf ist: Backup-QB. Da wird man einen Draftpick investieren müssen (entweder für ’nen Rookie oder ’nen veteran via Trade.)

Ansonsten: Eine Unit ist nie vollkommen, aber die Seahawks-Offense ist in ihrer Aufstellung eine Ansammlung, wie es einer NFL-Franchise selten gelingt. Es gibt keine offensichtlichen Schwachstellen, in Spitze und Breite ist man ziemlich gut besetzt und sofern sich nicht zu viele Bausteine verletzen oder Wilson einen großen Einbruch erlebt, liest sich der Kader recht komplett für eine weit auseinander gezogene Spread-Offense.

Die Defense

Die famose, druckvolle Seahawks-Defense gehört wie die Offense zum feinsten, was es in der NFL zu bestaunen gibt. Der abgewanderte DefCoord Gus Bradley (jetzt Head Coach in Jacksonville) hinterlässt als Erbe für den Nachfolger Dan Quinn (respektive Carroll, der jetzt mehr Hand anlegen wird) eine auf möglichst frühe Störung im Spielzug konzipierte Abwehr mit entsprechend gut gewähltem Personal.

Eingangs der Offseason gab es nur zwei erkennbare Lücken in der Defense: Passrush/Defense Line und Linebacker. Der Passrush wurde mit den erstaunlich preiswerten Einkäufen von DE Cliff Avril aus Detroit und DE Mike Bennett aus Tampa aufgemotzt – zwei Spieler, die als Spezialisten für Druck gen QB gelten, aber nicht die großen Allrounder sind. Sollte DE Chris Clemons (für den Avril/Bennett auch Langzeitlösungen werden könnten) wieder fit werden, gibt es nun vier potenzielle Weltklasse-Passrusher (der vierte ist OLB Bruce Irvin). Auf der „Innenseite“ der Line können Red Bryant und Brandon MeBane auftreten. Um die Tiefe ist es allerdings bei den Tackles nicht herausragend bestellt.

Bei den Linebackers hinterlässt der Abgang der Knalltüte OLB Leroy Hill (spielte meistens weakside) zwar nicht eine charakterliche Lücke, aber eine sportliche: Mit dem jungen Bobby Wagner gibt es einen großartigen Dirigent, dazu K.J. Wright und möglicherweise Irvin, aber ein Mann, der besser als der offensichtlich in der Laufverteidigung überforderte Irvin in klaren Lauf-Situationen eingewechselt werden kann. Ob sich aus dem Haufen Namenloser in Seattle was rauskristallisiert? Möglich, aber möglich auch, dass die Hawks ihren ersten Pick (den in der zweiten Runde) für einen guten Laufverteidiger investieren.

In der Secondary haben wir ein absolut fantastisches Starting-Quartett: CB Richard Sherman, SS Kam Chancellor, FS Earl Thomas, CB Brandon Browner. Bei den Jungs gibt es nur die blanke Angst, dass sie sich mal verletzen oder dass mal wieder einer für ein paar Wochen in die Dopingsperre geschickt wird. In Kombination mit einem (wie man erwarten sollte) aufgemotzten Passrush dürfte die Pass-Defense der Seahawks auch diesen Herbst wieder stark sein. Vielleicht wird noch ein Pick in einen Cornerback für ganz krasse Spread-Aufstellungen mit 5 WR investiert.

Ausblick

Der Preis für Harvin war hoch, aber es ist einer der Moves, die man machen kann: Seattle ist ein win now-Team, trotz des noch jungen Durchschnittsalters. Wilson wird noch zumindest zwei Jahre unter einem absurd billigen Vertrag spielen und während sämtliche Teams mit etablierten QBs 15-20 Mio./Jahr für den Spielmacher aufwenden, kostet jener in Seattle nicht eine einzige Million! Du hast 15-20 Mio. um dich anderswo zu verstärken und kriegst mit Wilson 95% des Leistungsvermögens eines Superstar-QBs. Diese 2-3 Jahre musst du nutzen, es gibt kein besseres Fenster für die Lombardi Trophy.

Ein bisschen Skepsis bleibt bei mir noch. Seattle 2012/13, das war auch eine stark von Verletzungen verschonte Mannschaft. Dass man gesünder durch die Saison kommt, ist bei jungen Mannschaften wahrscheinlicher als bei älteren, aber trotzdem: Wenn dein einziger nennenswerter Ausfall eines richtigen Leistungsträgers erst in den Playoffs kommt (Clemons), dann warste schon sehr vom Glück begünstigt. Wenn hier Regression zur Mitte einschlägt und Seattle drei-vier wichtige Starter für weite Teile der Saison vorgeben muss, wäre das schon eine herbe Schwächung.

Soll hier aber nicht das Thema sein, denn die Sezierstunden interessieren sich vor allem auf die Dinge, die man bevorzugt kontrollieren kann: Das Kadermanagement. Und das ist in Seattle – ich wiederhole mich gerne, weil ich es lange nicht wahrhaben wollte – eine Eins mit Sternchen.

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Nach allem Spott um Planlos in Seattle über Wochen und Monate fühle ich mich den Seattle Seahawks gegenüber zu einer genaueren Analyse verpflichtet. Die Personalpolitik der Hawks und von Head Coach Pete Carroll ist nicht immer durchsichtig oder nachvollziehbar, aber sie trägt ihre ersten Früchte. Seattle 2011/12, das war durchaus eine aufregende Mannschaft, wie ich bereits zum Donnerstagnachtspiel Anfang Dezember schrieb.

Beginnen wir mit der jungen Defense, deren Arbeit insbesondere gegen den Lauf fantastisch war. Bei Seattles Front Seven sprechen wir nicht von einer sonderlich druckvollen Unit gegen Quarterbacks, aber die Schotten gegen alles, was ein Ei in der Hand hielt, waren dicht. Tackling: Erstklassig. Disziplin: Hoch. Vor allem der grundsolide DT Red Bryant wurde in den Himmel gehoben und sogleich mit einer relativ teuer anmutenden Vertragsverlängerung (5yrs/35M) belohnt. Neu aus Tennessee kam der als Geheimtipp geltende DT Jason Jones, womit Seattles Line eine neue Dimension gewinnen könnte: Pass Rush. Diesbezüglich ging die meiste Gefahr vom alternden DE Clemons aus; DE Brock soll nicht mehr die Agilität alter Tage an den Tag legen.

Ein Punkt, mit dem Seattle stets zu kämpfen hatte: Verletzungen bei Linebackers. Hawthorne wurde ziehen gelassen, weswegen nun händeringend Ersatz gesucht wird. Dieser Mannschaftspart könnte von der ordentlichen Line profitieren, dürfte aufgrund der schieren Unerfahrenheit verstärkt werden müssen.

In der Secondary fällt sofort die Dynamik von Safety Earl Thomas (früher Texas Longhorns) ins Auge; Thomas ist der kleine Polamalu. Trotz 4,1% INT-Quote wird Seattle aber personell nachbessern müssen, da das Defensive Backfield a) am ehesten die Schwäche stellte und b) abseits von Thomas langsam in die Jahre kommt.

Auf der anderen Seite gilt auch das Fundament der Offense, die Line, als Versprechung mit Verletzungsproblemen. Der LT Okung soll zum Beispiel der neue Walter Jones sein, aber in den ersten beiden Jahren weniger gespielt haben als gewünscht. Auch der Rookie-G Carpenter war öfter im Spital als im Line-Up. Line-Coach Cable gilt als knallharter Hund und presst auch aus den Backups mehr raus als man erwartet, jedoch wird gemeinhin auch aufgrund der besorgniserregenden Sack-Zahlen Nachbesserung via Draft erwartet.

Das Grundproblem der Seattle Seahawks im Angriff bestand jedoch auf der Quarterback-Position. Tavaris Jackson ist kein unterirdischer Mann, aber anfällig gegen Fehler zum dümmsten Zeitpunkt und so langsam verliert man das Vertrauen, dass Jackson es noch „packt“. Reaktion der Hawks: Matt Flynn wurde aus Green Bay für drei Jahre eingekauft und soll die nicht unspektakuläre Spread-Offense von OffCoord Darrell Bevell in Zukunft anführen. Bei Flynn weiß noch kein Mensch, wie gut er wirklich sein kann; ich betone jedoch immer wieder, dass Flynns Spielweise stark jener wuseligen Art von Mentor Aaron Rodgers ähnelt.

Weil mit RB Marshawn Lynch der gute, aber nicht großartige Running Back gehalten wurde, glaubt man in Seattle, ein grundsolides Offensive Backfield zu besitzen. Kaum vorstellbar, dass QB oder RB mit einem hohen Draftpick ergänzt werden. Wo man allerdings immer Verstärkung gebrauchen kann: Wide Receiver. Sidney Rice gehört zu den großen Anspielstationen, die jedermann heutzutage sucht, hat sich jedoch über die Jahre nicht als der Mann herauskristallisiert, um den allein man wie Fitzgerald oder Johnson einen Angriff bauen möchte. Und nebenan findet man serienweise namenloses Spielermaterial. Ein Tight End könnte auch nicht schaden, wenn nur nicht die TE-Klasse von 2012 als so durchwachsen angesehen würde.

Fazit: Streckenweise waren die Seahawks von 2011/12 eine richtig, richtig ansehnliche Footballmannschaft. Die Defense deutete exzellente Ansätze an. Weil das bestehende, junge Spielermaterial wie auch der Trainerstab gehalten werden konnten und bereits jetzt zwei, drei sinnvolle Ergänzungen gemacht wurden, würde ich wenigstens ein Halten des Levels erwarten. Der kritische Punkt ist die Beziehung Offensive Line/Quarterback: Flynn kann als Risikoinvestition gesehen werden. Die Protection wird dann gut sein, wenn die Bänder der Blocker halten. Flynn braucht dann aber immer noch Anspielstationen.

Die Seattle Seahawks sind innerhalb eines Jahres vom Luck-Favoriten Nummer eins zu einer Mannschaft geworden, denen ich durchaus zutrauen würde, die 49ers zu überflügeln.

Mayock-Watch, Week 13: Seattle Seahawks – Philadelphia Eagles

Vergangenes Wochenende gab ich meine konsequente Haltung schweren Herzens auf und tippte das erste Mal 2011/12 in einem Spiel auf die Seattle Seahawks. Resultat: Eine überraschende Heimnniederlage gegen die im Sinkflug befindlichen Washington Redskins. Heute gibt es die Seahawks erstmals im TV: 02h LIVE/ESPNA und SPORT1+ im Donnerstagsspiel gegen die Philadelphia Eagles.

Zugegeben: Die Seahawks kommen auf diesem Blog entweder nicht gut weg oder gar nicht vor. Grund dafür ist meine große Skepsis gegenüber dem Personalmanagement des Head Coaches Pete Carroll, der kurz nach seiner Flucht von USC in Seattle zwei eigenartige Offseasons ohne erkenntlichen Plan absolvierte und nun eine entsprechend gesichtslose Mannschaft beisammen hat. Visionär ist anders, oder?

Ich habe überhaupt keine Ahnung, was man von Seattles Offense erwarten kann, nachdem der QB Tavaris Jackson die niedrigen Erwartungen zu „erfüllen“ scheint (59.1%completion Rate, , 9 TD, 12 INT), das Laufspiel um „Big Play“-Marshawn Lynch nicht so wirklich funktioniert und der teure WR Sidney Rice vom unbekannten Rookie Doug Baldwin bis dato ausgestochen zu werden scheint.

Dafür lassen die Zahlen und der Blick auf den Kader eine exzellente junge, heranwachsende Defense vermuten. Die Defensive Line um das Pärchen in der Mitte – DT Alan Branch und DT Brandon MeBane – dürfte eine der besseren sein, was Abwürgen von Laufspiel angeht (#8 in der DVOA-Wertung!) und besitzt mit DE Chris Clemons allem Anschein nach auch einen potenten Pass Rusher (lt. PFF im obersten Fünftel, was QB-„Hurries“ angeht). Dazu gesellt sich der junge, athletische Safety Earl Thomas, vor eineinhalb Jahren von der University of Texas gekommen, dem von Woche zu Woche größere Loblieder gesungen werden und der als kommender Star gilt.

Wer hätte das gedacht: Die Seahawks sind der Grund, diesem Spiel überhaupt sowas wie Beachtung zu schenken, nachdem die Eagles mit der niederschmetternden Heimniederlage gegen New England wohl auch die letzten leisen Playoff-Träume aufgeben müssen: Möglicherweise bekommen wir hier einen seltenen Blick auf eine unbekannte, aber starke Defense (in ein paar Wochen gibt es noch MNF Seahawks gegen die Rams) zu sehen. Ich bin gespannt, in welche Richtung ich meine Haltung gegenüber Carroll zu drehen gezwungen werde.

Wiederholung morgen, Freitag 20h30 bei ESPN America

Seattle Seahawks in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#25 OG James Carpenter (Alabama)
#75 OG John Moffitt (Wisconsin)
#99 LB K.J. Wright (Mississippi State)
#107 WR Kris Durham (Georgia)
#154 CB Rich Sherman (Stanford)
#156 S Mark LeGree (Appalachian State)
#173 CB Bryon Maxwell (Clemson)
#205 DE Lazarius Levingston (LSU)
#242 LB Malcolm Smith (USC)

Nach dem Draft wurde auf die Seahawks ja ordentlich eingeprügelt und selbst Nick Saban zeigte sich baff von der Einberufung von Guard James Carpenter in der 1. Runde des Drafts:

Pick #2: Ebenso ein Guard, John Moffitt. Nun könnte man streiten, ob man in Runde 1 anstelle Carpenters vielleicht Moffitts College-Teamkollegen OT Gabe Carimi hätte nehmen sollen. Fest steht: Richtig und wichtig, dass Pete Carroll die Unzuverlässigkeit der aktuellen Line erkannt und sich im Draft in diese Richtung bewegt hat.

Die eklatanten Lücken in der Secondary wurden erst später angegangen, mit zwei CBs und einem Safety in den späteren Runden. Die vorderen Reihen der Defense mit #99 K.J. Wright und zwei ganz späten Picks auch eher von der Idee her mit Ergänzungsspielern bestückt und der geforderte impact player wurde jedenfalls nicht mit Vehemenz im Draft gesucht (dass sich ein später Pick als Volltreffer erweisen kann, betrachte ich mal eher als nicht „geplant“).

Was ins Auge sticht, ist der WR-Pick von Chris Durham (Georgia). Durham hat monströse Maße (1,97m), aber als Bulldog sehr unauffällige Leistungen gezeigt. Gilt eindeutig als reach. Passt vor allem aber konzeptionell nicht in diese Draftklasse.

Summa summarum

Der Durham-Pick ist etwas irritierend, aber ansonsten keine Draftklasse für die Hunde. Ob Guards oder Tackles, Offensive Line war auch die in den Sezierstunden angesprochene Priorität #1. Seattle muss, bevor sie den Quarterback der Zukunft einkaufen, unbedingt eine vernünftige Line zusammengestellt haben.

Seattle ist ein identitätsloses Team ohne klar erkennbare Stärken und mit vielen Lücken in der Defense, von daher ist auch das breit gestreute Draftmaterial in der Defense erklärbar. IMHO von der Idee ein Draft, nicht so unterirdisch, wie er gemacht wurde.

Der Top-Pick ist diesmal OT Nate Solder, ein Rohdiamant, den es zu schleifen gilt. New Englands Offensive Liner waren in den letzten Jahren stets eher spätere Picks, die dann im Laufe der Jahre vom knallharten Dante Scarnecchia zu einer starken Einheit gecoacht wurden. Solder gilt als helles Köpfchen und als ehemaliger Tight End als sehr athletisch, auch wenn seine Block-Technik noch einiges an Arbeit verlangt.

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Freak-Saison für die Seattle Seahawks: Mit neuem Coach als Team im Umbruch gestartet, am Ende trotz schwacher Statistiken Divisionssieger und am Ende als erste Mannschaft mit negativer Playoffbilanz den Titelverteidiger New Orleans aus dem Wettbewerb gekegelt. Das Heimspiel gegen die Saints war elektrisierend, dank des Feuers in der Mannschaft und auf den Rängen.

Trotzdem: Seattle war 7-9 und hat an der Playoffteilnahme womöglich langfristig zu knabbern. Denn anstatt an #8 picken die Hawks nun an #25 in jeder Runde. Ein nicht zu unterschätzender Nachteil in einer Mannschaft mit extrem vielen Löchern.

Handlungsbedarf in der Verteidigung

Ich habe nur 3x Seahawks gesehen. Das genügte aber, um die Schwachstellen ausfindig zu machen. Das Laufspiel ist nicht mehr als grundsolide, der Quarterback alt und unkonstant. Das ist alles nichts gegen die fürchterliche Secondary.

Die Cornerbacks haben allergrößte Problem im Duell Mann gegen Mann und brauchen dringend jeden neuen Impuls von außen. Keinen Deut besser schaut es in der Mitte bei den Safeties aus. Ich wusste gar nicht, dass Lawyer Milloy noch spielt. Jetzt weiß ich, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, wenn Milloy nicht mehr spielen würde. Handlungsbedarf: extrem hoch.

Die Linebackers sollten vom Spielermaterial her passen. OLB Aaron Curry galt als großes Versprechen. Eingelöst hat er davon nicht lange nicht alles. ILB Lofa Tatupu ist verletzungsanfällig, gilt aber als Typ, der eine Defense führen kann. Die Defensive Line spielt phasenweise groß auf, aber nicht konstant genug.

Handlungsbedarf im Angriff

Bruchstückhaft ist auch die Offense, angefangen beim alternden QB Matt Hasselbeck. Hasselbeck wird nicht mehr lange spielen, aber an guten Tagen ist Hasselbeck immer noch recht effizient. Ich glaube, Seattle wird an #25 im Draft aktiv, sollte mit QB Jake Locker der Lokalheld (spielte an der nahen University of Washington) noch frei sein. Wobei mir in Seattle nicht klar ist, weshalb man Lokalhelden braucht. Das wunderschöne Stadion ist sowieso immer huckevoll. Nicht ausgeschlossen auch: QB Matt Leinart. Der spielte einst unter Carroll an der University of Southern California. Handlungsbedarf: gegeben, auch nicht Top-Priorität.

Dringender ist aber die Baustelle „Offensive Line“. Jahrelang Seattles größte Stärke und verantwortlich für viele tausend Yards von RB Shaun Alexander, aber mittlerweile ist davon nicht mehr viel zu sehen. Handlungsbedarf: Dringend.

Das Laufspiel ist ebenso mau. RB Marshawn Lynch hat bis auf den Sensationslauf gegen die Saints nicht allzu viel gezeigt. Das Passspiel krankt daran, dass es keine eindeutigen #1-Receiver gibt. Handlungsbedarf: Gegeben, aber Secondary und Offensive Line sind eindeutig wichtiger.

Ausblick

So viele Baustellen und doch Hoffnung. Hoffnung, dass Seattle öfters mit dem Feuer wie gegen die Saints spielt. Allerdings wird der Spielplan 2011/12 wesentlich ungemütlicher als noch in diesem Jahr.

Carroll muss neben den personellen Veränderungen auch einen Mentalitätsumschwung einleiten. Seattle hat sich phasenweise reaktionslos in sein Schicksal ergeben und hat mehrere Spiele wehrlos abgeschenkt. Das Punkteverhältnis von 310:408 spricht Bände.

Ich gebe Seattle selbst in der schwachen NFC West nur geringe Chancen auf eine Playoffteilnahme im kommenden Winter. Es ist eine Offseason, in der Carroll die Rahmenbedingungen schaffen muss, damit im kommenden Jahr der Einkauf von Playmakern Sinn machen kann.

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