Chicago Bears in der Sezierstunde

Die Saison 2013/14 dürfte bei den Anhängern und Verantwortlichen der Chicago Bears zwiespältige Gefühle hinterlassen haben. Da wäre zum einen der geglückte Wechsel auf Head Coach Mark Trestman, der genau das bewegte, wofür ihn GM Phil Emery geholt hatte: Er vitalisierte eine zuvor viele Jahre (Bears-Fans würden auch sagen: „Jahrzehnte“) brach gelegene Offense und ließ attraktiven Offensiv-Football spielen. Da wäre aber zum anderen die – völlig Bears-untypisch – abgeschmierte Defense, die im Jahr eins nach Lovie Smith zu den schlechtesten der Liga gehörte. Manch einer würde sagen, die Bears haben ihre Seele verkauft.

Überblick 2013

Record         8-8
Enge Spiele    6-6
Pythagorean    7.2    20
Power Ranking  0.549  13
Pass-Offense   7.0     5
Pass-Defense   6.9    29
Turnovers      +5

Management

Salary Cap 2014.

Die rohen Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Eine Pass-Offense mit 64.4% Completion-Rate und 7.0 NY/A, mit nur 2.2% INT-Quote und ganzen 30 kassierten Sacks, und das egal mit welchem Quarterback – Werte, für die man in den letzten Jahren in Chicago so einiges verhökert hätte… aber hätte man seine Defense dafür verhökert? Die kassierte dieses Jahr 6.9 NY/A gegen den Pass – unerhört, aber noch viel schlimmer war das, was die Lauf-Defense in der zweiten Saisonhälfte zeigte: Jeder gegnerische Laufspielzug unter 6yds musste beim gegnerischen OffCoord als Misserfolg verbucht werden.

Das als Zusammenfassung und Erklärung, wie Chicago eine 8-8 Bilanz zustande brachte, über die niemand jubiliert, die aber viele mit einem eher lachenden Auge registrierten.

Gegen Jahresende, als viele diskutierten, ob QB Jay Cutler noch eine Zukunft in Chicago habe, dachte ich mir insgeheim „Trestman hat sich das Recht erarbeitet, sich seinen Quarterback der Zukunft auszusuchen“. Er hatte sogar aus Cutlers Backup, dem Wandervogel Josh McCown, einen QB von Format gemacht. McCown hatte sogar bessere Effizienz-Stats als Cutler eingefahren, und trotzdem: Als es heiß wurde, ließ Trestman wieder Cutler ran – mit gutem Grund: Mit Cutler kannst du deine ganze Offense spielen, mit einem McCown eben nicht.

Am Ende der Saison wurde mit Cutler für den heutigen NFL-Standardvertrag für Quarterbacks, 7yrs/38 Mio. guaranteed, verlängert. Trestman hat seinen Quarterback also ausgewählt. Cutler ist mit seinem Mega-Wurfarm immer ein Spieler, mit dem du fast alles aus deinem Playbook spielen kannst, aber Cutler ist auch ein riskanter Spieler, der gerne mal versucht etwas mehr zu fabrizieren als es der Spielzug hergibt. Wenn es den QB-Flüsterer Trestman aber nicht stört, willst du dich nicht beschweren.

Das System um Cutler drum herum scheint zu passen: Die beiden Top-Wideouts Marshall und Jeffery sahen letzte Saison zusammen 55% der Bears-Anspiele und fingen in Kombination 189 Bälle für 2716yds und 19 Touchdowns. Nuff said.

Marshall ist aktuell noch der wichtigere der beiden Schlüsselspieler, aber Jeffery war eine der Storys der Saison: Er schaffte seinen Durchbruch; Jeffery war schon am College ein famoser Spieler gewesen, aber im Draft war er aus den üblichen Gründen – Bocklosigkeit, zu schlampige Catches – aus dem Blickfeld der nationalen Medien verschwunden. Dazu der hünenhafte TE Martellus Bennett, der erstmals sein Potenzial ausschöpfen konnte, und in RB Matt Forté einen ebenso vielseitigen wie kompletten Back.

Handlungsbedarf gibt es vermutlich noch in der Offensive Line, und zwar auf Right Tackle, wo Mills nicht als langfristige Lösung gilt. C Garza bekam zwar noch einmal einen neuen Vertrag, aber viele Jahre wird er nicht mehr spielen. Wie viele Ressourcen die Bears heuer aber in den Angriff stecken wollen, bleibt erstmal noch offen, denn die Problemzone schlechthin war zuletzt die Defense.


Man wusste schon vor Lovie Smiths Abgang, dass die einst so gefürchtete Bears-Abwehr langsam in die Jahre kommen würde, aber einen derartigen Einbruch wie 2013/14 hatte man dann doch nicht erwartet.

Wie viel vom Absturz dieser Defense ein einmaliger Ausreißer nach unten war und wie viel tatsächlich auf die Kombination aus eben überalterten Spielern und Systemwandel zurückzuführen ist, ist nicht ganz klar, aber Fakt ist: Mit einem Mal sah das Spielermaterial in der Stadt der Winde seeeeehr blass aus.

Teil des Problems sind die schlechten Drafts der letzten Jahre: Ein DE Shea McClellin zum Beispiel wurde von Emery vor nur zwei Jahren geholt, aber McClellin war schon damals eine verblüffende Wahl gewesen – ein 3-4 Outside Linebacker für eine Tampa-2 ähnliche Defense, das konnte schon damals in der Wahrnehmung nicht gut gehen. McClellin ist zwei Jahre später quasi ein Bust, der nicht mal viel für sein Schicksal kann.

Andere Spieler wie LB Jonathan Bostic (Rookie-Klasse 2013), LB Khaseeme Greene (2013) oder DT Stephen Paea (2011) warten auch noch auf ihren Durchbruch. Sie alle sind noch keine hoffnungslosen Gesellen, aber in einer Zeit, in der Chicago keine Alternativen hat, die es zwischenzeitlich auf das Feld schicken könnte, fällt es eben auf, wenn ein Bostic zwanzig Tackles pro Spiel verpasst.

Ein anderer Teil des Problems soll DefCoord Mel Tucker sein. Tucker ist noch bekannt aus seiner Zeit in Jacksonville, wo er mehrere sehr gute Units unter seinen Fittichen gehabt hatte, die, wie wir heute wissen, personell nun auch nicht sooo hervorragend besetzt waren. Tucker war schon immer eine eher bizarre Wahl für die Bears-Defense, aber wie viel kann man ihm für das missglückte Debütjahr wirklich vorwerfen, nachdem schon in den Sommertrainingslagern drei oder vier der wichtigsten Defensive Tackles – also der Herz der Abwehr – verletzungsbedingt ausfielen?

Nun ist es eine der großen Stärken des Phil Emery, dass er nicht passiv darauf wartet, dass sich der Lauf der Dinge von allein verändert, sondern aktiv versucht, die Schwachstellen zu beseitigen. So war es schon vor zwei Jahren mit dem Kauf von Skill-Players. So war es letztes Jahr mit dem Trainerwechsel auf Trestman. Und so war es heuer mit Trestmans bisherigen Transaktionen in der Defense.

Mit DT Henry Melton (2013 fast durchwegs verletzt) und dem ebenso alten wie teuren DE Julius Peppers (2013 sein schwächstes Profijahr) wurden die beiden erfahrenen Recken in der Front-Seven fortgeschickt.

Dafür griff man auf dem Transfermarkt mehr oder weniger vorsichtig zu bekannten, aber nicht extrem teuren Optionen. DE Jared Allen zum Beispiel, der einen Zweijahresvertrag über 16 Mio. unterzeichnete; Allen ist zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere ein relativ reinrassiger Passrusher, der noch nicht ganz fertig haben dürfte.

Gemessen am Alter und an der Vertragsstruktur dürften DE Lamarr Houston (5 Jahre, 35 Mio mit 9 Mio. guaranteed), DE Idonije und DE Willie Young (3 Jahre, 9 Mio) sogar noch effizientere Einkäufe sein. Vor allem der Plan mit Young gefällt mir. Young war jahrelang ein sehr brauchbarer Ergänzungsspieler in Detroit, der seine 500-800 Snaps mit großem Erfolg absolvierte. Als er auf die Transferliste wanderte, musste man befürchten, dass es Teams geben würde, die Young als Stammspieler bezahlen würden um sich dann nächstes Jahr zu wundern, wieso dieser Mann in 1100 Snaps keine sechs Sacks zustande bringt. Die Bears bezahlten Young für das, was Young für sie liefern soll: Ergänzende Leistung, und das wird er sehr, sehr gut machen.

Weil auch der mittlerweile 33jährige, untersetzte DT Ratliff gehalten wurde, sieht das Spielermaterial „dort vorne“ für die Bears mit einem Mal schon verdächtig danach aus, als könnte man mit ihm arbeiten: Kein can’t miss-Spieler, aber genügend Männer, dass man auch noch im Schlussviertel frische Rotation spielen kann.

Den einen Starspieler kann man sich ja noch via Draft zu greifen versuchen, zum Beispiel auf der DT-Position, wo man noch eine ernst zu nehmende Passrush-Kraft sucht: Ein Houston ist zwar bekannt dafür, dass er gerne auch mal einen Snap als Tackle spielt, aber standardmäßig ist Houston ein End. Hier wäre es alles andere als eine Überraschung, wenn sich die Bears früh im Draft nach einer Lösung umschauen.

Bei den Linebackers entledigte man sich von Altlasten á la Anderson und kann nun je nach Draft-Verfügbarkeit noch 1-2 Prospects holen, oder darauf hoffen, dass sich Greene und Bostic neben dem Führungsspieler Briggs doch noch entwickeln.

In der Secondary sieht es noch am wenigsten aufgeräumt aus. Die größte Schwachstelle der Mannschaft in S Major Wright wurde gefeuert, und eine ganze Latte an Free-Agent Einkäufen gemacht: S McCray aus Dallas, S Mundy aus New York und S Jennings aus Green Bay, plus eine Vertragsverlängerung für das Eigenbauprodukt Steltz. Dazu wurde auch mit CB Peanut Tillman verlängert, den manche auf seine alten Tage zum Safety umschulen wollen. Das klingt alles im Moment nicht danach, dass die Bears ihre Draft-Optionen auf Safety sehen, sondern möglicherweise eher nach Ergänzungen auf Cornerback suchen.

Weiter in die Pupette muss man nicht reinschauen. Die Needs der Bears 2014 sind klar:

  1. Defensive Tackle mit Passrush-Fokus
  2. Cornerback
  3. Right Tackle
  4. Linebacker
  5. Backup-RB

Bisher wenig diskutiert, aber IMHO eine Selbstverständlichkeit müsste der Versuch sein, DE McClellin zu traden. Der ist zum Stand heute derart fehl am Platz in der 4-3 Defense und zeitgleich immer noch ein Talent, dass er von einem 3-4 Team für einen moderaten Draftpick doch mit Kusshand genommen werden sollte.

Aber gut: Selbst ohne weiteren großartigen Aktionismus hat GM Emery die Defense schon auf deutlich solidere Beine gestellt. Kein Move schreit im ersten Moment nach Überbezahlung. Die Bemühungen, in der Defense Line zu beginnen, sind haargenau die richtigen, und es wurden viele Spieler für die Tiefe geholt, sodass man gegenüber 2013 massiv verbessert sein dürfte.

Weil in einem Jahr die 8 Mio. dead-money, die die Peppers-Entlassung kostet, abgeschrieben sein werden, hat Chicago sich für die mittelfristige Zukunft auch eine Portion Flexibilität behalten. Und weil man in der Offense davon ausgehen kann, dass sie produktiv bleibt und von der Defense, dass sie deutlich verbessert sein wird, bleiben die Bears ein heißer Anwärter in der NFC North.