Von der Entwicklung der Positionsbezeichnungen im American Football

Auf diesem Blog läuft gerade eine Geschichtestunde zur Entwicklung des American Football. Recht spannend ist dabei die Geschichte der Positionsbezeichnungen. Warum heißt der Quarterback eigentlich „Quarterback“ und warum ist der Guard ein „Guard“? Weiterlesen

Tom Brady: Der komplette Quarterback

Tom Brady gilt in den USA als größer Quarterback aller Zeiten. Am Sonntag spielt er seine neunte Superbowl. Ein weiterer Sieg und Brady muss bereits seine zweite Hand hinhalten um alle Superbowl-Ringe zugleich tragen zu können. Weiterlesen

NFL Draft 2016 – Rede und Antwort | Quarterbacks

Fortsetzung der Draft-Vorschauserie von Christian Schimmel, heute mit der Premium-Position: Quarterbacks. Im Draftcast war die Position schon vor zwei Monaten ein Thema. Ich hab mit die beiden vermeintlichen Top-QBs, Goff und Wentz, auch angeschaut. Weiterlesen

Quarterbacks vor der Combine 2014

Ein paar Zeilen zur Einführung, mit was für Typen wir es bei den Quarterbacks im NFL-Draft 2014 zu tun haben werden, habe ich schon unter der Woche verfasst. Heute mal ein Blick auf die spielerischen Fähigkeiten der Herrschaften, die die neuen Franchise-Gesichter werden sollen – das meiste ungefragt übernommen von Greg Cosell, dessen Podcast bei Sportstalk 790 for Houston mit Lance Zierlein ich unter der Woche gehört habe.

Cosell sagt keinem der Quarterbacks in diesem Jahrgang die „Würdigkeit“ des Top-Draftpicks nach, schiebt aber auch ein, was nicht bedeuten muss, dass kein QB an #1 gezogen wird. Zu wichtig ist die Position. Zu oft wurden schon üblere Prospects ganz hoch oben gezogen, weil sie eben Quarterbacks waren (Paradebeispiel: Mark Sanchez, bei dem auch jeder wusste, dass das maximal ein Durchschnittsspieler war).

So schlimm ist das auch nicht, wenn die QBs nach oben gespült werden; es zeigt schlicht: Der Pass gewinnt in der NFL. Jeder weiß das bzw. sollte das wissen. Und bei 32 Teams ist es nicht möglich, für jede Mannschaft gleichzeitig einen richtig guten QB aufzutreiben, also gehen manche Mannschaften halt mal „all in“ und riskieren einen Griff nach einem potenziellen Flop.

Die Senior-QBs habe ich schon vor einem Monat im Eintrag über die Senior Bowl kurz vorgestellt. Heute der Blick auf drei aussichtsreiche Junior-QBs („Junior“ = erst drei Jahre aus der Highschool, hätte noch ein oder zwei Jahre College Football spielen können).


Johnny Manziel – laut Cosell ist Manziel ein see it, throw it Spielertyp, was nichts anderes heißt, als dass Manziel nicht antizipiert. Die großen QBs der Gegenwart wie Manning, Brady oder Rodgers sind meisterhaft darin, den Wurf schon anzubringen, wenn der Ballfänger noch nicht frei gelaufen ist, weil sie schlicht wissen, wo er im Moment sein wird, in dem der Ball den ihm zugedachten Raum am Spielfeld erreicht. Manziel zeigt diese Tendenz für Cosells Geschmack zu wenig.

Manziel soll zu ungeduldig sein. Sieht er nicht sofort das Bild vor sich, das er sehen möchte, ist er schnell versucht loszuscrambeln. So zumindest Cosells Gefühl nach dem ersten Videostudiums. Persönlich hatte ich im November ein anderes Bild von Manziel:

Schwierig zu sagen, wie die NFL auf Manziel reagiert.
Positiv ist auf alle Fälle, dass er sich vom Druck des Gegners nicht verunsichern lässt und sich sehr “sicher” in der Pocket bewegt. Manziel ist auch kein Scrambler in erster Linie, sondern versucht IMHO schon zuerst, den Ball zu werfen. Augen immer downfield gilt IMHO für Manziel wie für Bridgewater –> sehr positives Zeichen.
Weitere Pluspunkte könnten die enorme Improvisationsstärke sein; wenn Spielzüge zu kollabieren drohen ist Manziel am besten, und er ist zumindest im College-Football gegen die besten Defenses am besten bzw. nicht einzubremsen. Trotz der Tatsache, dass er der Alleinunterhalter seiner Aggies-Offense ist. Und er ist mit 21 extrem jung.
Zweifel wird die NFL sicher wegen der nur 1,80m anbringen. Wurfstil ist durchaus unorthodox, Flugbahnen sind ziemlich “eierig” und im Vergleich zu, sagen wir einem Cutler oder Stafford, richtige Bogenlampen. Das ist gewiss keine NFL-Spitzenklasse.

Keine Ahnung, wie der Mensch Manziel von der NFL aufgenommen wird. Im Team scheint er trotz seiner exponierten Stellung eine herausragende Stellung einzunehmen und beliebt zu sein. Gegen Alabama (?) am Spielfeldrand trieb Manziel seine Jungs z.B. richtig an – das ist ein Bild, das mir von Manziel immer bleiben wird, nachdem man bei einem Mensch mit so vielen Eskapaden eigentlich nicht erwartet, dass er sich 120% ins Zeug legt und auch bei quasi aussichtslosem Spielstand noch volle Tube reinhängt.

Also:
Prototypischer NFL-QB sieht eigentlich anders aus, aber wenn ein Tebow in der ersten Runde gehen konnte…

Cosell bescheinigt Manziel allerdings, dass er die meisten seiner Big-Plays als Werfer aus der Pocket machte, und nicht wie man vielleicht denken würde im Scrambling und Wurf im Lauf.

Cosell merkt allerdings auch an, dass die NFL-Coaches sich gut überlegen müssen, ob Manziels Improvisationsgeschick sich auf die NFL übertragen lässt bzw. in welcher Form. Ist ein Spielsystem mit einem Instinktspieler wie Manziel dauerhaft haltbar? Das Problem bei solchen Spielern war in der Vergangenheit, dass sie sich zu sehr auf ihre individuelle Klasse verließen, versuchten, aus dem System auszubrechen um auf eigene Faust Plays zu generieren – das ging manchmal mit spektakulärsten Plays und Spielen gut, aber auf Dauer war es doch weniger erfolgreich als bei den „langweiligen“ Maschinen wie Brady und Manning. Frag nach bei Michael Vick

Cosell nennt das im Podcast „wide variation“ in Manziels Spielanlage. Wie gesagt: Das erwies sich in den letzten Jahren oft als Problem. Auf der anderen Seite muss Manziel was draufhaben, so wie er quasi im Alleingang die best eingeschätzten Defenses des College-Football, jene aus der SEC, zerlegte.

Manziel wird bei der Combine übrigens nicht werfen.


Blake Bortles – Cosell ist nicht überschwänglich, wenn er über Bortles spricht („The more I watched him the more I thought there were some positives“). Some Positives. Naja. Laut Cosell ist Bortles kein großartiger Werfer, der dich baff hinterlässt und abspritzen lässt. Seine Wurfbewegung gilt als nicht lupenrein, denn Bortles stößt den Ball ein weniger anstatt ihn zu werfen. Das muss nicht unbedingt negativ sein: Philip Rivers hat eine ähnliche Anlage und war in San Diego jahrelang ein phänomenaler QB.

Cosell merkt an, dass Bortles näher am NFL-Prototyp ist als ein Manziel. Er ist ein Pocket-Passer, der aber mobil genug ist um einige rudimentäre Bootleg-Plays auszuführen. Bortles‘ Unerfahrenheit soll sich bemerkbar machen, aber er soll besser antizipieren als Manziel. Seine Fußarbeit soll aber noch sehr ungeschliffen sein und viel Arbeit brauchen – zu häufig wirft er ohne Gleichgewicht.

Das spricht dafür, dass Bortles einen erfahrenen QB-Coach braucht um nicht in hellen Flammen unterzugehen. Wie viele QB-Gurus sitzen in verantwortungsvollen Positionen als OffCoords oder Headcoaches in der NFL und haben aktuell dringendes QB-Need? Tampa Bay mit Jeff Tedford, dem Lehrmeister des Aaron Rodgers, und ansonst?

Klingt jedenfalls nicht völlig überragend für Bortles. Bortles wird in den Combine-Workouts wie Manziel nicht an den Wurftrainings teilnehmen, und es gibt Beobachter, die ihm nachsagen, damit seine Aktien zu verbessern (sic!). Wie gesagt: Noch habe ich Bortles‘ Kandidatur nicht ganz begriffen.


Teddy Bridgewater – für Cosell ist das zweifellos das QB-Prospect, das am weitesten in seiner Entwicklung ist. Er ist mobil genug und wirft einen gepflegten Ball. Sein Gefühl in der Pocket hat Cosell überzeugt. Kann sehr gut antizipieren, hat ein Gefühl, den Pass im rechten Moment anzubringen, traut sich, in enge Deckungen reinzuwerfen. Cosell lobt Bridgewaters pre snap“-Wissen, mit dem er schon am College die gegnerischen Safetys „manipulieren“ konnte. Er erinnert Cosell an Russell Wilson – das wäre eigentlich per Knopfdruck den Top-Pick wert.

Aber: Cosell erwartete, dass Bridgewater in der Combine nicht als größter QB ever gemessen wird, sprach etwas von ca. 1.84m Körperbau, was für einen Quarterback nicht überaus Gardemaß ist. Es muss kein Problem sein, aber gepaart mit seinem fragilen Körperbau und seinem sehr starken, aber nicht epischen Wurfarm könnte das Bridgewater vom Top-Pick runterbuchsieren.

Ich bin kein Scout, aber wenn ich von meiner Laien-Warte aus die Top-Anwärter miteinander vergleiche, ist Bridgewater für mich mit meilenweitem Abstand die sicherste Tüte. Ich schrieb schon oft darüber, dass mit das Selbstverständnis bei Bridgewater, sein Selbstvertrauen, auch tiefe Pässe anzubringen, sehr gefällt. Er lässt sich nicht vom Passrush beeindrucken. Er ist sehr smooth in seinen Bewegungen. Er ist kein Scrambler der ersten Güte, sondern versucht immer, zuerst den Pass anzubringen. Möglicherweise ist Bortles von seinen Bewegungen her sogar der bessere Scrambler als der Schwarze Bridgewater.


Cosell bestätigt diese meine Eindrücke aus den letzten zwei Jahren. Ich bin momentan davon überzeugt, dass es Bullshit wäre, Bortles ernsthaft in Bridgewaters Nähe zu schreiben. Bortles gilt momentan als möglicher Top-10 Pick, aber es gibt in keiner einzigen Beschreibung dieses QBs einen Anhaltspunkt, der dies rechtfertigen würde. Wenn du ihn spielen siehst, siehst du kein Indiz für einen sehr hohen Pick. Aber Bortles hat die Schnitte an seiner Seite, er hat das Grinsen für die Werbung, er taugt womöglich medial zumindest für einige Wochen dazu, als eine Art dark horse Gegenspieler für Teddy Bridgewater aufzubauen.

Oder sehe ich Bortles zu negativ? Als nächstes gilt es, Mike Mayocks Meinungen während der Combine aufzusaugen.

Die Quarterbacks im NFL-Draft 2013

Die Quarterback-Klasse von 2013 gilt als schwächste seit vielen, vielen Jahren. Die Quarterback-Position ist die Leuchtturm-Position der NFL und ergo auch des NFL-Drafts. Durch das Fehlen eines Superstars auf Quarterback hat der Draft 2013 ein merkwürdig gesichtsloses Erscheinen. Es gibt aber auch die andere Seite, die da wäre: Viele unterschiedliche Spielertypen für unterschiedliche Spielsysteme in einer Liga, in der immer noch zumindest drei, vier Teams händeringend nach einer akzeptablen QB-Lösung suchen. Das macht den Draft 2013 aufregend: Es gibt kein Top-Prospect. Es ist völlig in der Schwebe, wann die ersten Quarterbacks vom Board gehen, welche es sein werden, wie viele Quarterbacks überhaupt in der ersten Runde gehen (die Rede ist zwischen eins und vier). Diese Unsicherheit weiß ich noch nie. Und sie ist spannend.

Ebenso spannend, wie die höchst gehandelten Prospects, die nicht so langweilig sind, wie man annehmen würde. Ich stelle sie heute vor im wohl längsten Blogeintrag ever auf Sideline Reporter.

Geno Smith: Der schwarze Schlaks

Geno Smith - Bild: Wikipedia

Geno Smith – Bild: Wikipedia

Geno Smith gilt als komplettestes Paket unter den diesjährigen Quarterbacks. Er ist groß gewachsen, wirft schöne Bälle und kann im Notfall mit seiner geschmeidigen Art auch die 15 Yards zum neuen 1st down selbst zurücklegen. Geno Smith fabrizierte am College bei den West Virginia Mountaineers atemberaubende Zahlen jenseits von Gut und Böse. Man muss dieses Stats aber in den richtigen Kontext setzen. Erstens: Geno Smith spielte erst in der Big East Conference, und dann in der Big 12 Conference. Das sind Ligen, die für ihre Passfeuerwerke bekannt (oder berüchtigt) sind. Zweitens: Geno Smith spielte in den letzten beiden Jahren unter der Aufsicht von Dana Holgorsen, einem der treibenden Köpfe hinter der „Air Raid“-Offense.

„Air Raid“ ist ein Passspektakel, das die breiten Hash Marks am College nutzt, und mit einer gnadenlosen Spread-Aufstellung aus der Shotgun-Formation dem Quarterback relativ leichtes Spiel bietet: Viele offene Räume, wenige richtig schwierige Würfe. So sah auch die Mountaineers-Offense aus, mit ihren Dumpoffs für WR Stedman Bailey und das gelbe Blitzlicht, WR/HB Tavon Austin. Smith musste vergleichsweise wenig beisteuern. Die Yards nach dem Catch machten die Musik.

Ganz zufällig entstanden die fantastischen Zahlen aber auch nicht. Smith wird mit 1,88m und 100kg Kampfgewicht NFL-Gardemaß nachgesagt und der Wurfarm gilt als sehr gut, wenn auch nicht in den Sphären eines Aaron Rodgers oder Matthew Stafford. Hat Smith einen guten Tag und Zeit in der Pocket, nimmt er Defenses problemlos auseinander. Zu beobachten ist auch das gewisse „Etwas“, dieses Selbstvertrauen, auch die schwierigen Pässe in Doppeldeckungen zu werfen, die sich mittelmäßige College-Quarterbacks nicht trauen. Das spricht für eine gesunde Portion Selbstvertrauen bei Smith.

Das komplette Kartenhaus bricht aber in dem Moment zusammen, in dem Gefahr in Verzug ist, oder in Footballsprache: Der Passrush durchzubrechen droht. Es spielt dabei nicht mal eine so große Rolle, ob wirklich gleich alle Blitzes einschlagen; es ist dieser Anflug, dass es gleich auf die Fresse geben könnte. Diese Momente sind diejenigen, bei denen Geno Smith die Angst in die Augen geschrieben steht und er die Contenance verliert. Wo ein Brady zwei Schritte nach vorn macht und den Defensive End ins Leere greifen lässt, gibt Smith den Gabbert-Klone und hühnert drei Meter rückwärts genau in dessen Arme. Das ist der gute Fall. Die schlechten sind Fumbles und Interceptions.

Glaubt man US-Experten wie Mayock oder Cosell ist der gefühlte Druck bei Geno Smith dessen Hauptproblem und erklärt nicht nur viele Sacks, sondern auch, weshalb immer mal wieder ein eigentlich simpel ausschauender Ball auf einen meterweit frei gelaufenen Receiver ins Nichts fliegt: Smith wird technisch unsauber und gibt zuviel Druck in den Wurf. Lochpässe sind im Soccer ein probates Mittel; im Football sind sie ein verschenktes Down.

Smith arbeitete in der Offseason mit einigen anerkannten Quarterback-Gurus zusammen, um seine Technik und das Spielverständnis zu verbessern; in kurzen Hosen auf dem Trainingsplatz waren die Verbesserungen spürbar. In wirklichen Spielsituationen konnte er den Fortschritt freilich nicht beweisen, weil es die nicht mehr gab.

Die Offenses des Dana Holgorsen sind zwar nicht reine one read-Offenses (one read = Quarterback schaut sich nur nach einem ausgemachten Ziel um und läuft los, wenn dieses abgedeckt ist), aber es gilt trotzdem als Konsens, dass Smith nicht die ganz schwierigen Sezier-Aufgaben hatte, wenn es um Verständnis von Intentionen der gegnerischen Defense ging. Scouts wie Cosell machten bei Smith die Tendenz aus, zu lange auf dieses erste Ziel zu starren, und dann den Wurf ebenda hin anzubringen. Das gelingt dir in besagter breiter College-Offense, führt in der NFL aber eher zu fünf Interceptions denn fünf Touchdowns. Problem für Smith: Man ist sich nicht einig, ob diese Tendenz mit Coaching auszumerzen ist.

Es gab im April einen verheerenden Scouting-Report der eigentlich anerkannten US-Zeitschrift Pro Football Weekly, die Smith menschlich auf eine Stufe mit Jamarcus Russell oder Mario Basler stellte – ein Artikel, der Smith in der Öffentlichkeit im Nachhinein eher geholfen als geschadet haben dürfte: Die Fraktion pro Smith – so ziemlich alle außer PFW – reagierte mit Unverständnis und es gilt als ausgemacht, dass Smith ein Arbeitstier ist, der nicht an fehlendem Fleiß scheitern wird.

So haben wir den Frontmann und gleichzeitig das Symbol der Quarterback-Klasse von 2013: Ein beweglicher Mann mit guten Grundvoraussetzungen, der an einigen Stellen im Repertoire eines Quarterbacks noch nicht geschliffen ist und mit Passrush nicht klarkommt, aber nicht auf der faulen Haut liegt, sondern intensiv an seinen Schwächen arbeitet.

Es steht außer Frage, dass Geno Smith in anderen Draftklassen nicht in der ersten Runde einberufen würde, aber 2013 ist ein Ausnahmejahr. Das Verlangen der Teams nach Quarterbacks wird letztendlich dazu führen, dass er irgendwann im Verlauf der Nacht auf Freitag (also in Runde 1) einen Abnehmer finden wird. Und das garantiert uns mehr oder weniger einen Geno Smith, der in Kürze als NFL-Starter auf dem Feld stehen wird.

Ein weiterer schwarzer Quarterback, und ein sympathischer dazu. Forza, Geno.

Matt Barkley: Sonnyboy mit gutem Herzen

Matt Barkley - Bild: Wikipedia

Matt Barkley – Bild: Wikipedia

Matt Barkley ist der komplette Gegenentwurf zu Geno Smith: Weiß, etwas dicklich, Grobmotoriker, aber aufgewachsen in einer „Pro Style“-Offense in einem der medial meistbeachteten Colleges, der University of Southern California. USC hatte sich in den vergangenen zehn Jahren einen Ruf als Ausbildungsstätte von überhypten QB-Prospects erarbeitet, Granaten wie Carson Palmer, Matt Leinart, Matt Cassell, Jon David Booty oder Mark Sanchez sei Dank. Barkley galt als der nächste in der Linie, und hätte er vor einem Jahr den Weg in die NFL gesucht, er wäre mit dem achten Pick zu den Miami Dolphins gegangen.

Tat er nicht. Matt Barkley erlebte am College keine einfache Zeit, sollte als Nachfolger des charmanten Modelgesichts Sanchez in den Tumult geschmissen werden, aber dann kam erst mit Lane Kiffin ein Arschloch als Head Coach, ehe die NCAA mit Strafen auf Verstöße der Uni Mitte der 2000er Jahre reagierte und USC von allen Bowlspielen ausschloss. Barkley spielte eine starke 2011er-Saison gegen einen schwachen Schedule, konnte sich aber nicht mit „seinem“ Bowlspiel verabschieden und entschied sich, am College zu bleiben.

Und weil man bei den Jungs, die an der Uni vier Jahre durchspielen, mehr Zeit hat, die Fehler zu finden, gilt Barkley heute nur mehr als mittelmäßiges Prospect. Der große Werfer für die sensationellen Pässe in Dreifachdeckung war er nie, das hatte nie jemand bestritten, aber in einem Jahr, in dem USC alle Hoffnungen mehr als enttäuschte, konnte auch Barkley nix gegen einen Absturz aus dem Lehrbuch machen. Er ließ sich narrisch machen, warf ungewohnte Pässe in gedeckte Zonen.

Als er sich erfangen hatte, schlug eine Schulterverletzung zu. USC qualifizierte sich für die Bowl Season und durfte diesmal auch mitspielen. USC wurde für die Sun Bowl am Silvesterabend nach Albuquerque (noch mal: Albuquerque) ausgewählt. Albuquerque liegt in der Wüste von New Mexico und ist für die Großstadtjungs aus Los Angeles in etwa so aufregend wie der tägliche Sonnenuntergang.

Insofern kann man drüber streiten, ob Barkley gestraft oder belohnt war, weil er aufgrund besagter Schulterverletzung nicht mitspielen konnte. Jetzt wartest’ vier Jahre auf dieses Spiel und dann ist es erst die Pest und dann biste auch noch verletzt. Scheiße hoch drei.

Das war die Anekdote, aber ärgerlicher war, dass Barkley aufgrund besagter Schulter auch in der Offseason wenige Trainingseinheiten bestreiten konnte und wenige Gelegenheiten hatte, die aufgekommenen Zweifel zu widerlegen. Als sicher gilt: Barkley ist mit seinem sehr präzisen Wurfarm gemacht für eine timing-orientierte Kurzpassoffense. Das ist ein Spielsystem, auf dem viele NFL-Playbooks basieren, aber die meisten OffCoords gehen mittlerweile dahin, ihre System zu öffnen, tiefere Elemente einzubauen, um die Abwehr auseinander zu ziehen. Da macht der Barkley nicht mit.

Persönlich war ich nie von Barkleys Standing, seiner Präsenz in der Pocket, seinem Mut, seiner Antizipation, überzeugt. Barkley ist ein weiterer dieser blassen Jungs, die jedes Jahr in Massen aus dem College kommen, in der NFL wenns gut läuft zwei, drei Jahre spielen, ehe sie ausgeguckt sind, und weil sie nicht den Zauberarm haben, können sie nicht mehr antworten, wenn der Gegner die Gretchenfrage stellt.

Da Barkley ein gutherziger Mann ist, der in seiner Freizeit in Afrika Lehmhütten für das Straßenvolk baut anstatt mit Paris Hilton in Nachtclubs zu tanzen, ist man trotzdem geneigt, dem Mann alles Gute zu wünschen. Vielleicht bricht Barkley ja den Trend. Viele Experten, auf die ich was gebe, sehen in Barkley ein Talent für die dritte oder vierte Runde und verweisen drauf, dass sein „big School“-Status ihn nach oben spüle. Andere sehen ihn als solide Option für die erste oder zweite Runde. Ausgehen kann man Stand heute von letzterem.

Tyler Wilson: Mein Coach ist ein Affe

Prospects 2013

Name                  Rd
Geno Smith            1
Matt Barkley          1-2
EJ Manuel             1-2
Ryan Nassib           1-2
Mike Glennon          2-3
Zac Dysert            2-4
Tyler Bray            2-4
Tyler Wilson          2-4
Matt Scott            2-5
Landry Jones          3-4
Brad Sorensen         5-7
Sean Renfree          5-7
Collin Klein          7
Ryan Griffin          7

Mayocks Top-5

1 - Smith
2 - Manuel
3 - Barkley
4 - Nassib
5 - Bray
5 - Glennon

Wenn Matt Barkley von einem Arschloch gecoacht wurde, was soll dann Tyler Wilson denken? Der musste an der University of Arkansas zwei Jahre hinter dem Suffkopp Ryan Mallett versauern, ehe er von der Leine gelassen wurde und die Offense von Head Coach Bobby Petrino auf ein neues Level hob. Für Bobby Petrino zu spielen ist so ziemlich die zwiespältigste Aufgabe, die man sich vorstellen kann: Auf der einen Seite sind dir großartige Statistiken quasi a priori geschenkt. Auf der anderen murmelst du den ganzen Tag lang „Hurensohn. Arschloch. Vollidiot.“

Die Quarterbacks des Bobby Petrino genießen in der NFL keinen allzu guten Ruf, was daran liegt, dass sie quasi ausnahmslos die Erwartungen enttäuschen. Das liegt daran, dass Petrino ein one read-ähnliches System spielen lässt, das seine Passoffense am College gut aussehen lässt, wenn der Quarterback nur schnell genug den Ball aus der Pocket bekommt. In der NFL geht das nicht, weil der Gegner zu schnell, zu stark, zu schlau ist. Es gibt Spieler, die aus einem one read-ähnlichen-System kommen und es gepackt haben (Cam Newton). Die meisten schaffen es nicht.

Tyler Wilson war nach seinem ersten Jahr als Starter seines Head Coaches beraubt, da Bobby Petrino das machte, was er immer macht: Eine Schweinerei. Petrino fuhr ohne Helm mit dem Motorrad durch die Gegend, eine hübsche Kellnerin im Schlepptau. Es passierte ein Unfall. Petrino versuchte zu vertuschen was noch zu vertuschen war, aber es misslang. Es kam ans Licht, dass die Kellnerin nicht die einzige war, mit der Petrino seine Frau und seine Kinder hintergangen hatte. Petrino wurde gefeuert, Arkansas lag in Trümmern, und Tyler Wilson musste ohne den Lehrmeister die Offense orchestrieren.

Er spielte erwartet schlecht. Der Wilson von 2011 ist ein komplett anderer Quarterback als der Wilson von 2012. Es gilt ähnliches wie bei Barkley: Ein Jahr mehr, um die Schwächen offenzulegen. Diese wären da der etwas limitierte Wurfarm, eine leichte Allergiereaktion auf zu starken Passrush und zu viele forcierte Pässe. Weil Wilsons Hände außergewöhnlich klein sind, ist der eine oder andere Fumble vorprogrammiert.

Was dagegen für Wilson spricht, sind seine Führungsqualitäten und der bedingungslose Einsatz. Im Notfall steht Wilson bis zur allerletzten Sekunde in der Pocket seinen Mann und versucht noch den Pass anzubringen, wenn die ersten beiden Rippen schon knacksen. Das ist Kurt Warner-esk. Auch die Gehirnerschütterungsgefahr ist es. Wilson hatte schon eine heftige, und man kann schon den einen oder anderen künftigen Ausfall vorab eintragen.

In Summe ist Wilson ein nur mäßig eindrucksvolles Prospect, der aber zumindest in 1-2 Jahren seine Chance als Starter bekommen dürfte und im schlimmsten Fall ein sehr guter Backup/Ergäzungsspieler der Kategorie Orton oder Dalton werden kann.

E.J. Manuel: Jimbos Lieblingsschüler

E.J. Manuel ist das typische Kid aus der Highschool, das als „Athlete“ mit viel Tamtam rekrutiert wird um für ein klangvolles College zu spielen, dann aber erstmal auf die harte Tour hinter einem soliden Quarterback lernen muss, einspringt und dabei genügend zeigt, um alle noch mehr zu entzücken, ehe er dann die Zügel wirklich in die Hand bekommt – und nach zwei Jahren alle mit einem Gefühl des Unvollendeten verlässt.

Manuel ist ein bisher nicht eingelöstes Versprechen, wenn man bedenkt, wie viel Arbeit Florida States Head Coach Jimbo Fisher in die Entwicklung dieses Spielers steckte. Alle sind sich einig, dass der 1,93m-Brocken Manuel mit seiner Beweglichkeit und Wurftechnik NFL-tauglich ist, aber es gibt die typischen Probleme zu vermelden: Reagiert nervös auf Anflüge von Passrush, streut auch ohne Druck immer mal wieder einen völlig vermurksten Ball ein, kennt nur Grundkonzepte einer NFL-Offense.

Da bleibt die Frage, wie entwicklungsfähig Manuel noch ist, nachdem er vier Jahre speziellste Beachtung am College genoss, aber immer noch nicht mehr als Halbfertigware ist. Können ihm NFL-Trainer radikal seine zu hohe Ellbogenpositionierung im Wurf austreiben?

Immerhin: Er kann eine read-option-Offense leiten und dürfte schon mal qua dieses Fakts modern genug für die NFL sein. Manuel ist kein großer Scrambler, aber er ist schnell genug und flink genug, um eine ständige Bedrohung für die 7yds-Scrambles zum neuen 1st down zu sein – ein potenziell gigantisches Asset, weil er sich auch nicht scheut, einen Hit mitzunehmen.

Manuel ist eines der großen Mysterien des Drafts, da man sich nicht einig ist, wo er vom Tablett geht. Ein mutiges Team könnte ihn Ende der ersten Runde holen, aber er könnte auch in die Tiefen der zweiten Runde fallen. Wer ihn zieht, muss wissen, was er bekommt: Ein Riesentalent, das noch viel zu lernen hat. So viel, dass es möglicherweise vor der Reife verbrennt ist.

Tyler Bray: Der Bomber von Knoxville

Tyler Bray ist der Name, den ich häufig aus reiner Gewohnheit als „Brady“ in den Laptop tippe, aber die Unterschiede zu einem gewissen Patriots-Quarterback sind größer als ein Buchstabe. Mehr noch, sie sind so groß, dass wir gerade noch die Position „Quarterback“ als Gemeinsamkeit durchgehen lassen können. Danach wird es murksig, denn während Brady mit einen unheimlichen Willensleistung den Durchbruch schaffte, ist Bray eher das schlampige Genie, das seine von oben herab geschenkten Talente vergeudet, dass es gestraft gehört.

Bray ist vielleicht der Mann mit dem stärksten Arm in der Klasse von 2013, aber das negiert sich zu weiten Teilen, weil er ein hopp-oder-topp-Spieler ist, der sich nicht lange um die Komplexität der Defense schert, sondern einfach mal den Snap nimmt und den Feuerball rauslässt. Entsprechend viele Bälle fallen ins Nichts, wenn die Receiver nicht sensationelle Routen laufen. Bray und Mobilität? Vielleicht haben wir doch noch eine Ähnlichkeit mit Brady gefunden: Beide sind immobil wie eine Scheibe Toastbrot.

Vielleicht war Bray am College in Tennessee ein Opfer der Umstände (zwei Trainerwechsel, rabiates und ungeduldiges Umfeld, das der Vergangenheit nachtrauert). Vielleicht auch nicht, denn wenn wir im Eintrag für Wide Receiver von drei potenziellen Volunteers für die erste Runde lasen, müsste der Supporting Cast doch eigentlich sensationell gewesen sein. Ein weiteres Problem bei Bray: Er entwickelte sich in drei Jahren am College überhaupt nicht. Entwicklung, das ist aber, was er braucht – und zwar zumindest ein Jahr. Daher wäre eine Einberufung in der ersten Runde mit entsprechend einher gehender Erwartungshaltung von Fans und Eigentümer eher kontraproduktiv.

So oder so bleibt die bange Frage, ob Bray überhaupt trainierbar ist. Am College tendierte er dazu, mit Nase auf zweieinhalb Metern über den Campus und am liebsten seinen Coaches beibringen zu wollen, wie das Footballdingens denn überhaupt funktioniert. Die Ohren taub für gute Ratschläge und null Selbsthinterfragung bei offen geübter Kritik? Ick weiß nicht, ick weiß nicht. Bray ist eine Verlockung, die mit dem Apfelbaum des Adams vergleichbar ist. Zu viele dieser QB-Prospects sind in den letzten Jahren auf die Fresse gefallen.

Ryan Nassib: Dougs Zögling

Wenn so viele der bisherigen Quarterbacks mit wilden äußeren Umständen und ständig wechselnden Trainerstäben am College zu kämpfen hatten, ist Ryan Nassib der reinste Langweiler dagegen: Aufgewachsen im gut behüteten Universitätchen Syracuse, vier Jahre Starter unter dem leisen Arbeiter Doug Marrone, einen 25-25 Record eingefahren, ohne Aufruhr in die NFL verabschiedet.

Nassib ist der Montee Ball unter den Quarterbacks: Kann alles ein bisschen, ist nirgendwo sensationell. Beweglich, um dem Passrush auszuweichen, aber kein Sprinter. Viele Seiten des Playbooks bereits intus, aber nicht instinktiv genug, um seine Athletik auszunutzen um dem Passrush intelligent auszuweichen. Guter Arm, aber die tiefen Bälle sind zu langsam, als dass sie konstant zum Erfolg führen. Nassib sieht aus wie einer der souveränsten Backups für die Zukunft: Guter Spieler, kommt auf Dauer mit Passrush nicht zurecht, wird nur mit überragendem Coaching den notwendigen Entwicklungssprung zum Tom Brady 2.0 schaffen.

Doug Marrone, wie geschrieben Nassibs Coach am College, ist mittlerweile Head Coach der Buffalo Bills. Die suchen seit zirka zwei Jahrzehnten einen Quarterback und werden diesmal auch einen draften. Die Buffalo Bills draften an #8 in der ersten und #41 in der zweiten Runde. Viele sehen den Zögling Nassib automatisch mit einem der beiden Picks nach Buffalo gehen. Die Wahl klingt so logisch, dass sie unlogisch klingt. Marrone weiß besser als alle anderen um die Limits des Ryan Nassib. Wird er ihn trotzdem draften?

Der Rest der Klasse von 2013

Mike Glennon von North Carolina State ist Tyler Bray minus Charakterproblem, mit einer fehlenden Prise Selbstwertgefühl. Man könnte den Rest übernehmen: Wunderschöne, hart geworfene Bälle, manchmal etwas unpräzise, aber nur solange der gegnerische Passrush die Pocket mit Samthandschuhen angreift. Wird es schmutzig, kollabiert Glennon unter der eigenen Erwartungshaltung und fabriziert nur noch Fumbles und Bälle auf den zweiten Rang. Sieht aus wie eine sicherere Tüte als Bray, aber mit etwas weniger „Upside“.

Landry Jones von der University of Oklahoma weiß, was hohe Erwartungshaltungen sind, gilt aber als ausgeguckt und stagniert seit Jahren in seiner „Entwicklung“. Jeder weiß, dass Jones nicht den Arm für das vertikale Spiel hat, und jeder weiß, wie farblos sein Spiel werden kann, wenn die Offense Tackles ihm nicht die Zeit geben, wenigstens den zweiten Mann anzuschauen. Landry arbeitete als Vorbereitung auf den Draft mit einem anerkannten Quarterback-Genie (George Whitfield jr.) zusammen, und der jodelte nette Töne über seinen Kunden, aber das Interesse der Teams scheint nicht mal mehr groß genug zu sein, dass sich nationale Medien besonders für den Trainingstag der University of Oklahoma interessierte. Das ist bemerkenswert, denn es gibt wenige Colleges, die von mehr Buzz umgeben sind als Oklahoma. Bei Jones und den Quarterbacks ist das anders. Gilt als gute Option für die dritte oder vierte Runde, mit 2-3 Jahren Einlernzeit an der Seitenlinie.

Ein völlig faszinierender Spieler ist Zac Dysert von der „kleinen“ University of Miami, nämlich jener in Ohio. Es gibt gute Scouts, die vernarrt sind in Dysert, der alles haben soll und am allermeisten ein instinktives Spielgefühl („in nullkommaneun Sekunden ist der Tight End mit der #87 offen, als feuere ich“). Die abschreckenden Parts sind die schwache Conference, in der Dysert spielte und dabei keine weltbewegenden Stats produzierte, sowie eine unangenehm hohe Zahl an schwachen Routine-Würfen in seinen Game-Tapes. Dark horse.

Dark Horse ist auch Matt Scott von Arizona, ein wuseliger Mann mit etwas unkonventioneller Spielweise: Beim Passen liegt der ganze Körper im Wurf, sofern nicht grad wieder Matt-Stafford-like ein Sidearm-Wurf eingebaut wird. Beim Scrambeln sieht das extrem aufgeregt aus, als hätte Scott alles, nur nicht die Ruhe weg. Gilt als Vertreter der „neuen“ QB-Generation mit hohem Kompatibilitätsfaktor für Option-Offenses, aber als längst nicht weit genug, um mit dem Wissensstand von heute eine Einberufung vor der vierten oder fünften Runde zu rechtfertigen.

Gabbert ist der beste QB des Drafts 2013

Eine der Studien, die ich für diese Offseason geplant hatte, ist in diesen Minuten obsolet geworden, denn jemand Besseres hat bereits darüber geschrieben: Rookie-Quarterbacks und die Frage nach dem Alter. Alex Smith ist jünger als Brandon Weeden. Gabbert ist jünger als Tyler Wilson Mike Tanier von Sports on Earth veröffentlichte dazu einen lesenswerten lesepflichtigen Artikel: Coming of Age. Blaine Gabbert ist der beste Rookie-Quarterback der NFL-Klasse von 2013.

Überbewertet/Unterbewertet: RGIII, Laufspiel, Clutch

Dies ist ein langer Eintrag. Es geht um Robert Griffin III; Quarterbacks on 3rd Downs; warum Andrew Luck besser ist als RGIII; die angebliche passing league, den Shanaclan und Komplexität; und clutch. Wer dafür bereit ist: lesen nach dem Klick. Weiterlesen

Gib mir Quarterbacks!

Seit anno 98 Peyton Manning an #1 einberufen wurde, vergeht fast kein Jahr, in dem nicht ein Quarterback der Top-Draftpick des Jahrgangs ist, und auch dieses Mal wird der #1-Pick mit an 100% grenzender Wahrscheinlichkeit ein Quarterback sein.

JAHR POSITION       NAME              TEAM
1998 Quarterback    Peyton Manning    IND
1999 Quarterback    Tim Couch         CLE
2000 Defensive End  Courtney Brown    CLE
2001 Quarterback    Michael Vick      ATL
2002 Quarterback    Dave Carr         HOU
2003 Quarterback    Carson Palmer     CIN
2004 Quarterback    Eli Manning       NYG
2005 Quarterback    Alex Smith        SF
2006 Defensive End  Mario Williams    HOU
2007 Quarterback    JaMarcus Russell  OAK
2008 Left Tackle    Jake Long         MIA
2009 Quarterback    Matt Stafford     DET
2010 Quarterback    Sam Bradford      STL
2011 Quarterback    Cameron Newton    CAR
2012 Quarterback    ???               IND

Das Verlangen der NFL-Franchises nach Star-Quarterbacks hat auch einen Grund, und es ist nicht allein öffentlichkeitsgetrieben: Der Pass gewinnt NFL-Spiele. Brian Burke/Advanced NFL Stats schreibt seit Jahren darüber. Ich habe mal eine der vielen Analysen Burkes neu aufgegriffen und das Verhältnis Lauf/Pass seit der letzten Regeländerung im Frühjahr 2004 („Illegal contact“) unter die Lupe genommen. Der erste Graph zeigt, wie die Statistik NY/A (Netto-Yards pro Passversuch) zur Anzahl der eingefahrenen Saisonsiege einer Mannschaft steht. Der zweite Graph zeigt das Verhältnis Lauf-Yards/Laufversuch zur Anzahl an Saisonsiegen (beide Male gilt: Klick auf den Graphen vergrößert jenen auf den Zoom „lesbar“).

 Passyards in der NFL

Wir sehen: Die lineare Trendlinie steigt mit dem Faktor 2,33. In den acht Jahren Beobachtungszeitraum hat es nur eine Mannschaft mit absurd schlechtem Passspiel zu mehr als zehn Saisonsiegen gebracht: Die Bears 2005/06 unter dem damaligen Rookie-QB Kyle Orton. Die Bears von damals hatten eine der mächtigsten Defenses ever in der NFL. Vergleichen wir dazu die durchschnittlich pro Lauf eingefahrenen Yards:

 Laufyards in der NFL

Steigungsfaktor nur 0,5. Viele Teams mit mickrigem Laufspiel knacken die 10-Siege-Marke und fahren in die Playoffs ein. Die allerbesten Teams haben für gewöhnlich ein bloß durchschnittliches Laufspiel.

Drei Anmerkungen:

  • Die Differenz zwischen den stärksten Pass-Teams und den schwächsten Pass-Teams ist deutlich größer (größtenteils zwischen 4,5 und 7,5) als jene zwischen den besten und schwächsten Lauf-Teams (zirka 3,5 bis 5). Das spricht dafür, dass der Unterschied zwischen Elite und Bodensatz deutlich größer im Passspiel denn im Laufspiel ist, ergo, dass der Wert eines Top-RB im Verhältnis zum Ligadurchschnitt eher marginaler Natur ist.
  • Die Trendlinie Pass-Spiel/Siege verläuft viel steiler, wogegen die Trendlinie Laufspiel/Siege relativ flach des Weges kommt und eher eine „Bubble“ bildet. Die zugehörigen Korrelationskoeffizienten: Für Pass/Siege beträgt die Korrelation starke 0,648. Für Lauf/Siege relativ unbedeutende 0,079.
  • Entsprechend sind die Punkte schön entlang der mit Faktor 2,33 ansteigenden Trendlinie verteilt. Teams mit überdurchschnittlichem Pass-Spiel gewinnen viele Spiele (häufig über 10 pro Saison), wogegen Teams mit überdurchschnittlichem Laufspiel nur in Ausnahmefällen 8 und mehr Saisonsiege einfahren. Teams mit bärenstarkem Laufspiel schaffen es allenfalls, einer peinlichen „3-13“ Bilanz zu entweichen und retten sich in „8-8“ Mittelfeld.

Natürlich ist die Analyse nicht vollends ausgereift und mit nur zwei Statistiken leicht vereinfacht. Weitere Kategorien wie Turnovers, Defense, Anfälligkeit gegen Strafen, sowie Special Teams werden hier nicht in Betracht gezogen. Die Analyse verschweigt auch, dass gutes Laufspiel durchaus gefragt sein kann: Bei 3rd downs und kurzer Distanz zur neuen Angriffsserie ist Laufspiel der statistisch erfolgreichere Weg, in der RedZone und beim Runterlaufen der Uhr zum Spielende kann ein gutes Laufspiel von hohem Wert sein. Auf der anderen Seite gelangen bloß die Teams mit exzellentem Passspiel häufig in die Situation, im Schlussviertel einen klaren Vorsprung verteidigen zu können (gell, Rodgers?).

Wir sehen: Wer ein starkes Passspiel besitzt, gewinnt in der Regel viele Spiele. Erfolgreiche Teams versuchen erst gar nicht, mit hoch bezahlten Running Backs die Abwehr zu knacken, sondern pfeffern ihre Ressourcen in den Luftangriff. Wobei „Luftangriff“ neben Quarterback noch primär Offensive Line und Wide Receiver bedeuten sollte.

Am Donnerstag werden die ersten beiden Picks jeweils Quarterbacks sein. Die Colts kriegen wohl den seit Jahren massiv gehypten Andrew Luck, die Redskins haben für die Rechte am nicht minder hochgejazzten Robert Griffin III einen scheinbar absurden Preis bezahlt. In den Top-10 könnte aus blanker Not mit Ryan Tannehill ein dritter Quarterback vom Tablett gehen und die Auguren streiten noch, ob in der ersten Runde weitere Spielmacher in der Verlosung sein könnten. Dagegen gibt es mit Trent Richardson heuer nur einen Back, der in den Top-10 gehen könnte, und vielleicht einen weiteren für die erste Runde. Die Geschichte der letzten 10-15 Jahre NFL zeigt jedoch: So spektakulär Running Backs auch anzuschauen sind, so relativ unbedeutend sind sie mittlerweile im Vergleich zu den Quarterbacks geworden.


Dieses Verlangen nach Quarterbacks führt mitunter zu witzigen Drafts, in denen Franchises plötzlich völlig verzweifeln und scheinbar viel zu hoch ihren Quarterback einberufen (Ponder 2012). Eine Strategie, die man teilweise nachvollziehen kann: Der Pool an hochkarätigen Quarterbacks ist begrenzt, also versuchen Teams, „ihren“ Franchise-QB zu bekommen, wenn er auf dem Tablett liegt. NFL-Teams sind mittlerweile relativ sicher im Evaluieren von Top-Quarterbacks geworden. Ein Blick auf die Erstrundendraftpicks seit 1998:

1998 #1  Manning
1998 #2  Leaf
1999 #1  Couch
1999 #2  McNabb
1999 #3  Smith
1999 #11 Culpepper
1999 #12 McNown
2000 #18 Pennington
2001 #1  Vick
2002 #1  Carr
2002 #3  Harrington
2002 #32 Ramsey
2003 #1  Palmer
2003 #7  Leftwich
2003 #19 Boller
2003 #22 Grossman
2004 #1  Manning
2004 #4  Rivers
2004 #11 Roethlisberger
2004 #22 Losman
2005 #1  Smith
2005 #24 Rodgers
2005 #25 Campbell
2006 #3  Young
2006 #10 Leinart
2006 #11 Cutler
2007 #1  Russell
2007 #22 Quinn
2008 #3  Ryan
2008 #18 Flacco
2009 #1  Stafford
2009 #5  Sanchez
2009 #17 Freeman
2010 #1  Bradford
2010 #25 Tebow
2011 #1  Newton
2011 #8  Locker
2011 #10 Gabbert
2011 #12 Ponder

Die Extreme nach unten halten sich in relativen Grenzen und sind großteils vor 2003 zu finden: Leaf, Akili Smith und Russell gelten als Allzeit-legendäre Busts, knapp dahinter folgen in der Hitliste der abgeschmierten hohen Picks Couch, McNown und Harrington, während andere nicht hoch genug gedraftet waren (Grossman, Ramsey, Losman, Quinn), um verdammt zu werden, oder hinreichend Probleme als teilweise Entschuldigung gherangezogen werden können (Carr im Expansion Team Houston). Culpepper hatte selbst ohne Randy Moss ein absolut fantastisches Jahr 2004/05. Und Boller… nun, ehe hätte der Vatikan einen Puff eröffnet, als dass in Baltimore ein Quarterback Erfolg gehabt hätte.

Wie Mike Mayock bemerkt, ist die Quote in den letzten acht Jahren Draft merklich besser geworden: 15 von 23 Erstrundenpicks sind NFL-Starter, während aus den Runden danach fast nichts nachkommt: 7 Starter (2 aus Runde 2, 2 aus Runde 3, 3 aus Runde 7!) aus 82 Draftpicks. Klar lässt sich insistieren, dass ein Ponder oder Gabbert nur aufgrund mangelnder Alternativen starten, aber: Insgesamt sind höher einberufene Quarterbacks deutlich erfolgreicher als niedriger einberufene – as you would expect. Kein Grund also, an einem russeligen Beispiel alles zu verdammen. Selbst meine These aus dem Vorjahr – junger Quarterback ohne Offensive Line droht abgeschossen zu werden – wackelt.


Zwei Zuckerln zum Abschluss: Bei NFL.com hat sich Greg Cosell die beiden Kontrahenten Luck/Griffin und eine Serie weiterer Quarterback angeschaut:


Und dann ist da noch “Graubart” Brian Billick, dessen These „Nobody knows anything“ IMHO eine Spur zu harter Tobak ist. Aber die Serie „How to draft a quarterback“ ist nichtsdestotrotz sehens- und lesenswert. Bisher vier Teile:

  1. Nobody knows anything.
  2. One and done.
  3. What could have been?
  4. The Kyle Boller experiment.

Noch fünf Tage.

NFL Draft 2011 Countdown T-minus 8 – Die Quarterbacks

Quarterbacks stehen in Amerika im Fokus wie keine andere Position. Und das sportartübergreifend. Quarterbacks sind Halbgötter oder Versager, Sieggaranten oder Schuldige am Scheitern. Sie sind diejenigen, die einer Mannschaft ein Gesicht geben.

Das Gesicht des NFL Drafts 2011 ist schon vor Monaten verschwunden. Ausgerechnet im Jahr des Quarterbacks (kein Witz) hat sich QB Andrew Luck von der Stanford University frühzeitig gegen die NFL und für ein weiteres Jahr College entschieden. Lucks Rückzieher hat die Tore für eine ganze Horde unterschiedlichster QB-Typen geöffnet.

Die im Rampenlicht

Die Katze – Statt des meistgehypten QB-Anwärters seit Jahren gilt nun QB Cam Newton von der Auburn University als aufregendster Mann. Über Cam Newton ist vieles gesagt und geschrieben worden. Großgewachsen wie ein Wide Receiver, athletisch wie ein verkappter Running Back, geschmeidig wie eine Katze. Ein Wurfarm, der in manchen Polizeirevieren unter die Waffenscheinpflicht fallen würde. Aber auch ein Senkrechtstarter, gekommen aus dem Nichts und völlig unerfahren in NFL-ähnlichen Spielsystemen.

Ich wurde auf Newton aufmerksam in einer Samstagnacht im letzten Oktober. Augen nach durchzechter Nacht inklusive Samstags-Seminar nur noch dank Zahnstocher auf Halbmast. Und dann, irgendwann im ersten oder zweiten Viertel gegen die LSU Tigers zündete irgendwo auf dem Spielfeld ein Turbo – der Co-Kommentator spritzt sich fast einen ab mit seiner acceleration, obwohl… oh my gosh trifft es schon recht genau.

In der Combine glänzte Newton durch eine Serie an Fehlwürfen und sorgte später für aufjaulende Alarmsirenen, als er seine Vision vom Helden und Werbesuperstar preisgab. Wer solches von sich gab, ist meist schnell von der Bühne „NFL“ verschwunden – sagt die Erfahrung.

Ein wenig euphorisches Bild von Newton zeichnet Nolan Nawrocki (Pro Football Weekly):

Very disingenuous — has a fake smile; comes off as very scripted and has a selfish, me-first makeup; Always knows where the cameras are and plays to them.  Has an enormous ego with a sense of entitlement that continually invites trouble and makes him believe he is above the law; Lacks accountability, focus and trustworthiness; Not dependable.

Starker Tobak. Aber der Beobachter dieser Macken hat einst ein überraschend präzises „Gutachten“ zu Jabustus Russell geschrieben.

Der Profiteur – Ebenso scheinbar aus dem Nichts ist Mizzous Blaine Gabbert geschossen. Gabbert ist ein Hüne von einem Mann. Entscheidungsfreudig, aber profillos und mit seinen traurig dreinblickenden Augen stets im Halbschlaf wirkend. Aus Gabberts College-Zeit bleibt das Eli-Fieber übrig (Stichwort aufgescheuchtes Huhn unter Druck). Und Bälle, die zwei Meter links oder einskommasieben Meter rechts am Receiver vorbeisegelten. Gabbert ist IMHO ein Produkt des Medienhypes, der auflagenbedingt nach Lucks Rückzieher einen „Nachfolger“ als #1-QB aufbauen musste.

Positiv: Es wird nicht lange über Blaine Gabberts Arbeitmoral debattiert. Gabbert – gefühlt der Typus QB, der Ende der 1. Runde gedraftet wird, die letzten 2-3 Spiele im ersten Jahr startet und dann leise, ganz leise, die Offense übernimmt. Aber als #1-Pick?

Ick weiß nicht. Ich würde die Finger von Newton und/oder Gabbert lassen.

Gabbert/Newton gelten als die beiden Top-QBs im Draft. Nicht ausgeschlossen, dass Carolina einen an #1 draftet. Aber auch nicht unmöglich, dass nur einer oder gar keiner von beiden in den Top 10 weggeht – obwohl, es draften immer noch Amerikaner.

Die Garde eins b bis zwei

Das dunkle Pferd – Der Hinter dem Spitzen-Duo hat sich als #3 Washingtons Jake Locker positioniert. Locker galt vor einem Jahr als Top-Pick, entschied sich aber für ein weiteres Jahr am College. Keine gute Entscheidung. Locker hat seit einer faden Vorstellung gegen Nebraska Ende September immer schwächere Leistungen gezeigt und ist in sämtlichen Big Boards abgestürzt. Großartige Athletik zeichnen Locker im positiven Sinne aus. Aber Locker hat die Tendenz, in schöner unregelmäßiger Regelmäßigkeit sehr ungenaue Würfe einzustreuen. Gilt als zu entwickelnder Risiko-Pick für die erste oder frühe zweite Runde, vielleicht Seattle, die einen Nachfolger für Matt Hasselbeck brauchen. Damit könnte Locker auch gleich in der Stadt bleiben.

Hm. System- und Coachingfragen mal zur Seite geschoben. Ich bin bei allen dreien sehr skeptisch. Als Einschub: Auch bei Herrmann/Vier Viertel ist die QB-Frage schon thematisiert worden. Subjektiv und analytisch:

Subjektiv (in den Kommentaren)
Analytisch

Hinter den Top 3 folgen eine Reihe QBs, die es unter Umständen in die erste Runde schaffen könnten. Auffallend ist die breite Vielfalt.

Der Kokser – Da wäre zum ersten QB Ryan Mallett, der ehemalige QB der Arkansas Razorbacks und Michigan Wolverines. Mallett ist gesegnet mit einem Wurfarm, der Freunde des „vertikalen Spiels“ die Höschen nässt, aber auch umrankt von zwiespältigen Gerüchten. Mallett ist ein Produkt einer Bobby-Petrino-Offense und fast alle Bobby-Petrino-Quarterbacks gelten als NFL-Flops. Da wird man schnell mal in Sippenhaft genommen. Schlimmer noch: Mallett gilt als eigensinniger und lernresistenter junger Mann und ist umweht von Koks-Geschichten. Nichts Genaues erfährt man nicht, aber auch wenn niemand konkret wird, so soll Mallett einen verheerenden Ruf unter dem Großteil der Scouts genießen. Für Mallett zeigt der Pfeil nach unten.

Scout: Mallett ist so beweglich wie eine Scheibe Schüttelbrot.
Malletts Reaktion: Ich bin eben kein Vick.

Eigentlich keine schlimme Reaktion. „Eigentlich“, aber wenn du mal in der Schublade steckst…

Der Ruhige – Auf dem aufsteigenden Ast ist dagegen QB Christian Ponder von der Florida State University. Ich habe Ponder dank einer befreundeten FSU-Studentin seit Jahren etwas genauer verfolgt und muss sagen: Ich verstand nie, was man (bzw. frau) an Ponder so großartig fand. Statur und Anlagen passen, Ponder soll ein Leadertyp par excellence sein und ein helles Köpfchen, aber im Spiel selbst war Ponder nie der dominante Mann. Fand ich. Nun stand Ponder bei mir dank der Bodyguard-Geschichte auch im Ruf des Schnösels, aber mittlerweile finde ich ihn immer mehr angenehm bescheiden und bin immer mehr Fan geworden. Kandidat für die zweite Runde, der mit ein, zwei Jahren Aufbauarbeit vielleicht wirklich irgendwann mal das Franchise-Gesicht in einer quicken Kurzpass-Offense geben kann. Größtes Fragezeichen sind seine anhaltenden Schulterprobleme (Matt Stafford, anyone?).

Der Schotte – Seit der begeisternden Rose Bowl ist auch Andy Dalton bei mir hoch im Kurs. Dalton hat dank Sommersprossen und roten Stoppelhaaren ein eher „britisches“ Äußeres und erinnert eher an einen schottischen Säufer denn einen Franchise-QB, aber man sollte den TCU-Abgänger Andy Dalton ernst nehmen. Obwohl nicht der größte QB, hat Dalton keinen Schiss vor schneller Entscheidungsfindung und ich unterstelle ihm jetzt einfach mal eine satte Portion Arbeitsmoral.

Die lange Nase – Glaubt man einigen wenigen Fachmedien, so könnten auch noch Colin Kaepernicks Aktien im letzten Moment steigen. Der lange Schlacks mit dem Kanonenarm hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Geboren als Mischlingskind in Wisconsin, aufgewachsen und gehänselt von seinen Klassenkameraden als adoptierter Trabant in Kalifornien. Auf der Suche nach einem geeigneten College wurde Kaepernick von Boise State abgewiesen. Auf dem Rückweg nach Hause machte Kaepernick kurzentschlossen einen schnellen Zwischenstopp in Reno, Nevada. Resultat: Kaepernick ist heute einer der besten Wolfpack-Spieler ever. Im vergangenen Herbst putzte Kaepernick in einem denkwürdigen Spiel Boise State 34-31 in der Verlängerung. Über dieses und jenes und einen coolen Zwischenfall in einem Sportladen hat die New York Times im vergangenen Sommer geschrieben.

Best of the Rest

Wir kommen zum Rest. Zu den Spielern, wo Scouts Jahr für Jahr den „nächsten Tom Brady“ suchen.

Greg McElroywelcome back. Ich mag McElroy, obwohl ich in ihm keinen Mann für die ganz große Verantwortung sehe. Wenn es eng wurde, tendierte mir McElroy stets zu eher unüberlegten Leistungen. Aber McElroy ist ein hoch intelligenter Knabe (Wonderlic: 48 ist nicht überraschend), sehr gebildet und bescheiden. Der nette Typ von nebenan. Ein Backup, der keinen Stunk macht und den du für zwei Viertel für deinen verletzten Starter einwechseln kannst.

Pat Devlin galt vor drei Monaten als potenzieller Überraschungs-QB, aber aus nicht ganz klaren Gründen hat die Delaware/Joeflacco-Magie nicht bis zum Draft durchgehalten und Devlin wird allenfalls eine Chance für die Runden 5-7 eingeräumt.

Iowas Ricky Stanzi ist zu ungeschliffen für einen hohen Pick. VTs Tyrod Taylor ist zwar der vermutlich beweglichste aller Quarterbacks, steht aber neben den Schuhen, wenn es um tiefe Bälle geht. Vielleicht wird er umgeschult. North Carolinas T.J. Yates gilt als recht beschränkt, aber als potenzieller ruhiger Backup-QB, als Teamplayer. Ob es überhaupt reicht, um gepickt zu werden?

Von einem absurd kleinen College kommt QB Joshua Portis, der auf diesem Blog schon gelobt wurde. Portis hat in der Division II gespielt, an der California University of Pennsylvania. Wer das College nun in Kalifornien sucht, wird rund 2000 Meilen daneben liegen. Das College liegt in California, PA, nicht in Kalifornien. Portis selbst war einst Backup von Tim Tebow (wie übrigens auch Cam Newton) an der University of Florida und hat später mit Ladendiebstählen für Action gesorgt.

Völlig unbekannt ist QB Mike Coughlin, ein ehemaliger Boise State Bronco. Coughlin stand in Boise im Schatten von Kellen Moore, und soll einer der meistunterschätzten Leute des Drafts sein.

Um es am Ende mal geschrieben zu haben: Ich wäre als GM tatsächlich nur an Ponder und Dalton interessiert. Newton nur dann, wenn ich einen intelligent/kreativen Coach in einer beschaulichen Umgebung mit geduldigen Fans habe – bloß, wo in der NFL-Welt kriege ich sowas?

Warum Carolina von Quarterbacks absehen sollte

Clausen

Jimmy Clausen - ©Wikipedia

Bevor morgen der Sezierstunde-Eintrag über die Carolina Panthers kommt, schon mal vorausgeschickt, warum Carolina keinen Quarterback an der #1 draften sollte.

[Zum gestrigen Eintrag, wie sich die jüngsten #1-QB-Picks so gemacht haben.]

Die Auguren werden sich langsam, aber sicher eins: Die Carolina Panthers müssen an #1 im NFL Draft einen Quarterback draften. Blaine Gabbert (Mizzou) oder Cameron Newton (Auburn). Mir fallen dazu nur drei Buchstaben ein: WTF?

(Falls Gabbert bzw. Newton in Carolina zum besten Quarterback aller Zeiten mutieren sollte, werden mir die folgenden Absätze um die Ohren fliegen… wurscht.)

Ich hasse es, wenn eine Franchise in Trümmern liegt (und nichts anderes ist Carolina) – und als erstes einen Quarterback holt. Du hast keine Offensive Line, deine einzige veritable Anspielstation (Steve Smith) stinkstiefelt und will nur noch weg, dein Laufspiel-Duo ist zerbrochen, deine Defense ist ein Torso – und du schmeißt einen QB rein, NACH den gemachten Erfahrungen? Hat man aus „Jimmy Clausen 2010/11“ nichts gelernt? Folgerung: Einen QB in diesem Fall an #1 zu draften, ist Idiotie hoch drei.

Vor allem junge Quarterbacks werden häufig hinter bröseligen Offensive Lines verbrannt. Ich halte es daher für sträflich, einen teuren Rookie-QB schutzlos in die Mannschaft zu werfen.

Die Carolina Panthers 2011

QB Jimmy Clausen hatte 2010/11 kein gutes Rookie-Jahr. Punkt. Aber die Offenses unter John Fox sind auf Laufspiel aufgebaut. Und wenn das Laufspiel aufgrund von Verletzungen so dermaßen abschmiert wie jenes der Panthers, wird es für einen Quarterback – noch dazu einen Rookie – schon herb.

Erschwerend kommt hinzu, dass Fox ohne Tight Ends arbeitet – vor allem für junge Quarterbacks ungut. (Mittlerweile ist Shockey verpflichtet)

Noch schlimmer: Carolina hatte nicht nur kein Laufspiel und keinen Tight End, sondern vor allem keine Wide Receivers. Steve Smith glänzte durch Lustlosigkeit und alles dahinter Kommende war unter jeder Kritik – ich hab’s zweimal selbst mit offenem Mund gesehen.

Ist schon alles an Carolinas Offense in Grund und Boden geredet? Nein? Die Offensive Line, Baby. Löchrig wie ureigenster norwegischer Käse. Wenn ein junger Quarterback in einer Laufspiel-Offense OHNE Laufspiel, OHNE Tight Ends, OHNE Wide Receivers hinter einer Offensive Line mit absolut DESASTRÖSEM Blocking spielen muss – was kann man erwarten?

Clausen hat sicherlich seine eigenen Flauseln, aber als ich gegen Pittsburgh mit anschauen musste, wie Clausen zwei Sekunden BEVOR ein Receiver überhaupt erst offen sein konnte schon unter 250kg Fleisch und Plastik begraben war, war mir klar: Carolina darf keinen Andrew Luck draften. Die Karriere von Luck ist in Carolina vorbei, bevor sie begonnen hat.

Nun ist Luck nicht im Draft, also greifen wir bei den nächsten gehypten QBs zu?

Kein QB für die Panthers. Clausen (galt 2009 und 2010 immerhin als potenzieller #1-Pick) eine zweite Chance geben und einen erfahrenen Quarterback als Mentor und Absicherung einkaufen, sollte sich Clausen auch unter verbesserten Umständen als Flop erweisen.

Die Quarterbacks an der #1

Untertitel: Carolina Panthers in der Sezierstunde – Die Einleitung

Ich habe mich als unfähig erwiesen, die Sezierstunde zu den Panthers kurz und knackig zu halten. Also ein gepflegter Dreiteiler für die Mannschaft, die den Top-Draftpick innehat. Heute: Eine kleine Geschichtsstunde, die als Einleitung empfunden werden darf.

Quarterback gilt als die „wichtigste“ Position im Footballsport. Vor allem im Profi-Footballsport. Quarterbacks sind die wichtigsten Entscheidungsträger, die verlängerten Arme der Coaches und die höchstbezahlten Spieler. Die letzten Jahre haben in der NFL – auch durch Regeländerungen bedingt – gezeigt, dass es fast unmöglich wird, ohne Top-Quarterback einen Angriff auf den Titel zu starten.

Von daher suchen Teams im Draft häufig an der #1-Position einen Quarterback aus. Es gab schon früher manchmal QBs an der #1 (Elway, Testaverde, Aikman, George, Bledsoe), aber der richtige Hype setzte 1998 ein – mit Peyton Manning. Seit 1998 wurden 13 Drafts abgehalten – 10x wurde ein QB an der #1 ausgewählt. Ein Überblick, gepaart mit dem Zustand der Offensive Line im Draftjahr.

Überblick

Peyton Manning Colts

Peyton Manning - ©Flickr

1998 Peyton Manning/Colts: Via learning by doing wurde Manning schnell ins kalte Wasser geworfen – und er lernte schnell. Hatte lange Zeit den Ruf, nur Top-Statistiken zu produzieren und enge Spiele zu verlieren. Dann aber Superbowl-Champ 2006/07. Gilt als einer der besten Quarterbacks aller Zeiten.
Offensive Line: LT Tarik Glenn/1st round, 1997. Der Rest galt als solide.

1999 Tim Couch/Browns: War der allererste NFL-Draftpick der „neuen“ Browns. Also in einem System ohne brauchbare Offensive Line. Jedes Jahr wechselnde Coordinators und Offense-Systeme. Ich habe Couch in seiner Spätzeit in Cleveland gesehen. „Völlig verunsichert“ ist keine Übertreibung.
Offensive Line: Sträflich vernachlässigt.

2001 Michael Vick/Falcons: Sportlich kein Superstar, weil der Trainerstab eiskalt an seinen Vorzügen vorbeicoachte. Aber ein kleiner Revoluzzer auf der QB-Position und Werbe-Superstar. Bis zu seiner Einknastung einer der meist gehypten Spieler.
Offensive Line:  Mittelmäßig.

2002 David Carr/Texans: War der allererste NFL-Draftpick der Texans. Jahrelang hinter einer nicht existenten Offensive Line abgeschossen (u.a. 76 Sacks als Rookie). Wer will ihm verdenken, dass er bei solcher Personalpolitik floppte?
Offensive Line: Über Jahre schlicht ignoriert.

2003 Carson Palmer/Bengals: Ideal von Coach Marvin Lewis aufgebaut – ein Jahr auf der Bank gesessen, ein Jahr gelernt und im dritten Jahr zum Superstar aufgestiegen – nur, um im ersten Playoffspiel eine katastrophale Verletzung zu erleiden. Seitdem immer wieder verletzt und nicht mehr so gut. Dank Verletzungen entschuldigt.
Offensive Line: LT Levi Jones/1st round, 2002.

2004 Eli Manning/Giants*: Nur der drittbeste QB, aber dank eines einmaligen Playoff-Runs 2007/08 Superbowl-Champ. Ansonsten höchstens Durchschnitt. *Eigentlich haben die Chargers Manning gedraftet, aber einzig mit dem Ziel, Manning zu traden. Daher Manning/Giants.
Offensive Line: Geht so. RT David Diehl/4th round, 2003 Diehl war schon als Rookie überraschend Starter geworden. Der Rest war akzeptabel.

2005 Alex Smith/49ers: Unter neuem Regime an #1 gepickt. Im ersten Jahr verheerend und danach unter ständige wechselnden Offensivsystemen leidend. Ähnlich gelagerter Fall wie Couch – sagenhafe schlechte Personalpolitik hat zumindest eine solide Karriere verhindert.
Offensive Line: Schweizer käselnd.

JaMarcus Russell

JaMarcus Russell - ©Wikipedia

2007 Jamarcus Russell/Raiders: Erwies sich als beratungs- und lernresistent und gilt als einer der größten Flops ever. Aber ein Zuschauermagnet: Die Raiders-Fans liebten es, Russell auszubuhen. Und sie machten es aus vollem Herzen.
Offensive Line: Eher schwach. Der teure Tackle Robert Gallery galt bereits als Flop, die restliche Line als durchwachsen.

2009 Matt Stafford/Lions: Gedraftet in einer Mannschaft ohne Offensive Line. Resultat: Bisher 19 von 32 Spiele verletzungsbedingt ausgefallen. Hat eine kaputte Schulter und könnte nach jeder weiteren OP endgültig erledigt sein.
Offensive Line: Sehr schwach, weil über Jahre konsequent übergangen.

2010 Sam Bradford/Rams: Bradford war 2010 Rookie des Jahres, als erst vierter QB aller Zeiten. Noch zu früh, um Bradford zu bewerten.
Offensive Line: RT Jason Smith/1st round, 2009 entwickelte sich zwar nicht so wie gewohnt, daher holten die Rams 2010 in Runde 2 Rodger Saffold, der sofort zum Left Tackle wurde.

Tendenz bezüglich Offensive Line erkennbar?

Morgen: Was ich wohl von der Idee eines QB-Picks für die Carolina Panthers halte?