Quarterbacks im NFL-Draft 2014, die Kärtchenhalter

Acht Quarterback-Talente mit erhöhtem Starter-Potenzial („Franchise-QB“) wurden auf diesem Blog bereits vorgestellt, aber es gibt noch weitere Jungs, die als Quarterbacks in den Draft 2014 gehen. Die meisten dieser verbleibenden Quarterbacks sind von der Anlage eher Leute, die sich als Backups profilieren könnten, aber auch wenn natürlich jeder amerikanische Junge Franchise-Quarterback sein möchte: Der Backup hat auch seinen Wert.

Die richtig guten Backups sind in der Regel die intelligenten Quarterbacks, denen der ganz große Wurfarm abgeht um dauerhaft alle dramatischen Würfe versuchen zu können, die aber ohne Tadel einspringen können, wenn es mal brenzlig wird, und dann nicht Seneca-Wallace like eine ganze Saison den Bach runtergehen zu lassen drohen. Die guten Backups geben im Training immer vollen Einsatz obwohl sie davon ausgehen müssen, auf Jahre hinaus den Starter nicht ersetzen zu können, und sie zeigen immer volle Unterstützung als Tafelhalter am Spielfeldrand.

Und manch einer hat sogar den Durchbruch zum Superstar geschafft. Frag nach bei Tom Brady. Wir wollen und können aber bradysche Freakgeschichten nicht prognostizieren und gehen mit dem, was wir wissen: Dass die verbleibenden QB-Typen in aller Regel eher die durchschnittliche graue Masse bilden, die sich als Nummer 2 und Nummer 3 in der NFL verdingt.

Für einen A.J. McCarron von den Alabama Crimson Tide muss sich so ein Schicksal ja fast schon schaurig anfühlen, nachdem McCarron in der erfolgreichsten College-Mannschaft der letzten Jahre gleich zwei National-Champions zu höchsten Ehren führen durfte und mit einer Schnitte von Freundin für landesweite Schlagzeilen sorgte.

McCarron spielte in Alabama die Rolle des klassischen Game-Managers: Man verlangte von ihm die lückenlose Ausführung eines limitierten Gameplans. McCarron musste nicht die ganze Latte an schwierigen Würfen abspülen, sondern konnte sich zwischen einer Ecke an super erfolgreichen Läufen hinter der besten Offensive Line im Lande damit begnügen, die eingestreuten Pässe sauber durchzuziehen. Den Rest machte die fantastische Defense.

„Game-Manager“ ist in Medienkreisen ein verpöntes Schicksal, aber nicht komplett einfach auszuführen, und McCarron hatte zugegeben auch immer mal wieder richtig gute Spiele (man denke da an die BCS-Endspielmontage von LSUs epischer 2011er-Mannschaft). Aber prinzipiell ist er mit seinem limitierten Wurfarm darauf angewiesen, dass alle Würfel für ihn richtig fallen, will A.J. eine mehrjährige Karriere als Stammspieler anpeilen.

Alle 2014er-
QB-Prospects

Name                 Rd
Teddy Bridgewater    1-2
Blake Bortles        1-2
Johnny Manziel       1-2
Derek Carr           1-2
Zach Mettenberger    1-2
Jimmy Garoppolo      2-3
Tom Savage           2-4
A.J. McCarron        3-5
Aaron Murray         3-5
Tajh Boyd            4-7
Logan Thomas         4-7
David Fales          4-7
Stephen Morris       4-7
Jeff Mathews         4-7
Dustin Vaughan       4-7

Links

Mayocks Top-5

(Update-Version)

  1. Manziel
  2. Bortles
  3. Carr
  4. Garoppolo
  5. Mettenberger
    Bridgewater

Als Spielertyp aussichtsreicher könnte da sogar sein Conference-Rivale Aaron Murray sein, der Quarterback von den Georgia Bulldogs, der in seinem Sportlerleben nichts mehr reißen muss um auf ewig in Erinnerung zu bleiben: Alles schon passiert, in einem grandiosen, wenn auch verlorenen Conference-Finale 2012. Murray gilt als besseres Prospect im Vergleich zu McCarron, aber mit 1.82m ist er einer der kleineren QBs im Draft, und er hat keinen wirklich strammen Wurfarm. Darüber hinaus ist Murray ein zu unbeweglicher Quarterback in der Pocket – und wir wissen mittlerweile, dass vor allem die kleineren QB-Anwärter besonders gute Mobilität brauchen um sich die Wurfbahnen notfalls im Alleingang frei zu schaffen.

Murray hat in dieser Offseason einen zusätzlichen Wettbewerbsnachteil, weil er sich von einem Kreuzbandriss erholen muss. In rekordverdächtigen fünf Monaten Reha schaffte er es immerhin so weit, dass er auf dem Campus schon erste Wurfübungen mit dicken Kniebändern ausführen konnte – Zeugnis seiner Kämpfernatur, aber echte Praxis konnte er nicht demonstrieren. Trotzdem gibt es den einen oder anderen Scout, der Murray möglicherweise in der dritten Runde gehen sieht: Ein innerlich getriebener Junge mit guter Technik, mit Entwicklungspotenzial, mit gestählten Nerven einer der größten und intensivsten Footballunis des Landes – zumindest zu einem sehr guten Backup könnte das bei Aaron Murray durchaus reichen.

Ein Mann, den viele noch Anfang Februar in die Top-10 des Drafts schreiben wollten, der aber mittlerweile völlig untergegangen ist: Tajh Boyd von den Clemson Tigers. Boyd fällt in eine Reihe großer College-QBs, die dann im Scouting-Prozess auseinandergenommen wurden, weil ihnen der letzte Tick an Standing, an Talent, an Feinschliff fehlt. Boyd war ein famoser College-QB. Als er in Clemson zum Stamm-QB wurde, waren die Tigers über Nacht die beste Offense der Atlantic Coast Conference, nachdem sie zuvor viele Jahre lang die schlechteste gehabt hatten. Boyd profitierte natürlich von Teamkollegen wie Sammy Watkins, Andre Ellington, DeAndre Hopkins, aber du kannst nicht leugnen, dass er ganz große Stats einfuhr.

Aber Boyd ist mit 1.85m ein eher kleiner QB, er ist nicht narrisch beweglich obwohl man bei ihm – beim Anblick eines schwarzen QBs – intuitiv an „mobil“ denken will, er hat keinen Monsterwurfarm, er ist ein relativ unpräziser Werfer auf den schwierigeren Routen. Boyd ist grauer Durchschnitt, der Typ QB, der nur dann Erfolg hat, wenn er eine 100% designte Offense spielen kann, die von großer eigener Defense schmarotzt und sich auf Fehlerminimierung beschränken kann. Viele Quarterbacks können das, und es gibt mit einem Dalton, einem Kyle Orton, einem Jason Campbell oder einem Tavaris Jackson haufenweise Beispiele, die in der NFL schon Spiele als Starter bestritten, und manche waren schon in den Playoffs. Aber in Summe ist das ganze wohl zu blass.

Wie bei Boyd könnte auch die NFL-Karriere von David Fales (San Jose State University) auf ein Leben als Backup hinauslaufen. Fales wäre ein gutes Prospect in einer Zeit, in der man mit einer reinrassigen Kurzpassoffense überleben kann, aber er hat einen sichtlich schwachen Wurfarm. Alles, was bei Fales über 15, 20yds fliegt, hängt stundenlang in der Luft und ist für NFL-Defensive Backs leichte Beute. Als klassischer Backup kommst du mit solchen Limitationen noch durch, aber um echte Franchise-Aussichten zu haben, müsste Fales gewaltig an Power hinter den Würfen zulegen, und es gibt nicht allzu viele Beispiele an wurfschwachen QBs, die plötzlich nach dem Wechsel zu den Profis einen auf Stafford machten.

Andererseits: Ein Alex Smith überlebt auch seit Jahren mit suspekten Würfen und relativ guter Präzision auf kurzen Routen. Aber Smith hatte wie auch immer den Bonus als ehemaliger #1-Pick, und später den Luxus einer fantastischen Defense.

Es gibt noch andere Quarterbacks für die späten Runden des Drafts. Ein Stephen Morris von der University of Miami/Florida ist so ein Mann, der immer wieder gutes Potenzial andeutet, aber Morris ist ein relativ immobiler Pocket-QB, der in jedem Spiel neben vier, fünf tollen Pässen viel Schrott einbaut. Ein Dustin Vonn Vaughan von der kleinen West Texas A&M University aus dem Unterhaus im College-Football wäre dagegen ein Mann mit exzellentem Arm, der aber selbst gegen laue Konkurrenz immer wieder massive Probleme gegen gegnerische Blitzes demonstrierte.

Fast alle dieser in diesem dritten Segment aufgezählten Quarterbacks werden erst ab der vierten Runde gedraftet werden, oder als ungedraftete Free-Agents in die Trainingslager gehen. Es gibt Gründe, weswegen sie im Draft durch die Boards fallen werden. In der Vergangenheit schafften trotzdem einige ihrer Artgenossen den Durchbruch (siehe Brady, siehe Romo, siehe Rich Gannon, siehe Trent Green, siehe Kurt Warner), und einige waren sogar richtig epische Spieler, aber es sind eben nur wenige. Vielleicht ist ein 2014er dabei – aber es ist völlig ausgeschlossen zu prognostizieren, wer es sein wird. Es ist der Griff in die Grube, und nur vielleicht bist du der Glückliche, der das Goldstück heraus zieht.

NFL-Draft 2014: Franchise-Quarterbacks, die zweite Garde

Im Schatten der QB-Sternchen von 2014 gibt es mindestens eine Handvoll Spielertypen, denen man im Schatten der Big-Three zutraut, sich im richtigen System mit dem richtigen Coach mittelfristig zu einem Spielmacher mit Starter-Qualitäten zu entwickeln.

Der 22jährige Familienvater Derek Carr hat sich im Schatten von Bridgewater, Bortles und Manziel zu einem heimlichen Favoriten vieler Teams hochgearbeitet. Carr kommt wie sein älterer Bruder David Carr von der Fresno State University in die NFL, aber er wird es zumindest als Prospect nicht so weit nach oben schaffen wie Dave, der 2002 vom damals neu gegründeten Team der Houston Texans als #1 overall einberufen wurde – und nach fünf wechselhaften Jahren als gescheitert galt.

Von den Anlagen kommt Derek als ähnlicher Spielertyp wie damals Dave in die Liga: Super Wurfarm, der es mit schier jedem in dieser Draftklasse aufnehmen kann, die Statur eines klassischen Franchise-QBs und auch die Mobilität, die man heute in einer NFL-Pocket braucht um zu überleben. Es gibt Momente, in denen sieht Carr einem mobilen Pocket-QB wie Rodgers in Green Bay verdammt ähnlich.

Das große Problem bei Carr ist sein College und die Conference, in der er spielte: Sie war ihm unterlegen. Carr sah am College quasi niemals Druck in seiner Pocket. Er spielte fast ausschließlich aus einer Shotgun-Offense, und er kennt den Rhythmus und das Timing einer klassischen 3 step oder 5 step oder 7 step Offense, die trotz neuer Elemente auch heute noch die NFL dominieren, nicht. Carr hat kaum mehr als eine Handvoll Snaps vom verlängerten Rücken des Centers aufgenommen. Insofern wird die NFL auf jeden Fall eine Umstellung für ihn sein.

Unabhängig davon wirst du in der NFL nicht mit 100 kurzen Screenpässen pro Spiel operieren können wie Carr am College. Dort vermied man damit auch nur leiseste Anflüge von Passrush. Die NFL gibt das nicht her, und dummerweise gab es auch in der Offseason für Carr keine ernsthafte Chance, diese Zweifel zu widerlegen.

Carr ist ein spannendes Prospect. Es gibt Teams, die ihn einem Bridgewater oder Manziel vorziehen würden. Er hat auf alle Fälle die Grundskills für einen Stamm-QB. Aber die hatte sein Bruder Dave auch, und der fiel in der NFL auseinander, weil er den Passrush nicht ertragen konnte. Es ist vielleicht unfair, Derek mit Dave gleichzusetzen oder auch nur zu vergleichen, aber du könntest viele von den Prospects als Beispiel heranziehen – als Beispiel, dass ein Leben mit Passrush eben ein diametral anderes Leben ist als eines bei Fresno State.

Ein Außenseiterkandidat darauf, in der ersten Runde vom Tablett zu gehen, ist Zach Mettenberger von der Louisiana State University. Mettenberger ist wie Carr 100%ig wie ein Franchise-QB gebaut, er hat den Wurfarm und die Statur des klassischen Pocket-Passers. Bei Mettenberger ist eher das Problem, dass er sich auch bewegt wie ein klassischer Pocket-Passer. Ihm klebt der Beton an den Füßen, was ihn limitiert in seiner Fußarbeit in der Zone, in der du in der NFL zu 90% dein Leben verbringst und in der du wenigstens mit zwei Tippelschritten dem Passrush ausweichen musst. Das macht Mettenberger eher zu einem QB-Typen, den die NFL vor 15 Jahren so heiß liebte.

Mettenberger kann von sich behaupten, dass er NFL-ähnliche Spielzüge schon am College sah. Das kommt unter anderem davon, dass einer seiner Offense Coordinators Cam Cameron war, der in der NFL in den letzten Jahren von San Diego über Miami zu Baltimore schon die Plays kreierte. Mettenberger ist nicht der präziseste Werfer unter der Sonne, aber er steht auch im Angesicht eines Defensive Ends seinen Mann und hat die Traute, notfalls bis zum letzten Moment zu warten um seinen schwierigen Pass anzubringen.

Mettenberger ist zwar schon 23, hat aber nicht die allermeiste Erfahrung, was unter anderem an einem College-Wechsel vor drei Jahren lag. Mettenberger war einst Quarterback an der University of Georgia, wo er als gehyptes Talent rausgeschmissen wurde, weil er sich zu viel und zu handfest in den Studentenkneipen von Athens herumtrieb. Er musste die Uni verlassen, aussetzen und konnte sich bei LSU auch erst im zweiten Jahr richtig als Starter etablieren. Er ist viel mehr long shot, als man meinen möchte, und er hat einen entscheidenden Nachteil für 2014: Sein Kreuzbandriss verhinderte ernsthafte Trainingseinheiten für diese Offseason.

Ein Team, das nicht sofort, sondern erst mittelfristig einen Quarterback braucht, könnte ihn ziehen und ihn ein Jahr lang ausheilen und langsam entwickeln lassen. Ist es ein mutiges Team, geht Mettenberger in der ersten Runde. Ist es kein mutiges Team, wird Mettenberger fallen, weil er nicht per Knopfdruck auf das Feld geschickt werden kann, aber er wird nicht unter die zweite Runde fallen.

Von den rohen körperlichen Anlagen ist Jimmy Garoppolo eine talentiertere Version von Carr und Mettenberger, aber Garoppolo hat ein großes Problem: Er kommt von einem sehr kleinen College. Wenn Fresno State ein kleines Footballteam hat, dann ist die Eastern Illinois University ein Winzling für die Verhältnisse im College-Football. Garoppolo spielte dort in der FCS, der zweiten Ebene des College-Sports, und er sah fast nie ernsthafte sportliche Konkurrenz. Das muss kein zwingendes Totschlagargument sein; ein Flacco kam auch aus der FCS, wurde in der ersten Runde gedraftet, entwickelte sich zu einem passablen QB und gewann sogar die Superbowl.

Garoppolo durfte am College fast ausschließlich Kurzpass- und Mitteldistanz-Offense spielen. Dort glänzte er mit traumwandlerischer Sicherheit und der Präzision eines chinesischen Küchenbeils, aber man weiß nicht, wie gut sein tiefer Ball ist. In kurzen Hosen auf dem Trainingsplatz feuert Garoppolo die Bomben millimetergenau in die Arme seiner Receiver, aber man hat es ihn nie gegen halbwegs ernst zu nehmende Konkurrenz machen sehen. Man weiß nicht, wie er auf engere Deckung seiner Anspielstationen reagieren wird.

Und man weiß nicht, was passiert, wenn er aus seiner Comfort Zone gelockt wird, wenn er plötzlich lange 3rd-Downs spielen muss, in denen der Gegner weiß, was kommen wird, und vom Quarterback trotzdem verlangt wird, dass der Pass präzise ankommt. Das macht Garoppolo zu einem Kaliber für zumindest die zweite Runde, aber aufgrund der fehlenden Erfahrung gegen gute Konkurrenz wird es fast sicher nicht mehr.

Die Wundertüte Garoppolo ist aber nix gegen den neuesten Hype-QB, den die letzten Wochen hervorgebracht haben: Tom Savage von den Pittsburgh Panthers. Ich muss gestehen, ich musste erst einmal den Namen recherchieren, als Lance Zierlein Mitte April die Hosen runterließ und via Twitter „auf Geheiß von Scouts“ Savage in seinem Mock-Draft an #33 nach Houston transferierte.

Man war nicht der einzige, der sich verwundert die Augen rieb, und es dauerte keine zwei Wochen, da war Savage von tausend Scouting-Reports zerlegt, charakterisiert und archiviert. Das Profil dieses Quarterbacks ist grotesk: Er ist ein Hüne mit waffenscheinpflichtigem Wurfarm, halbwegs beweglich um dem Passrush auszuweichen, aber mit der Fußbarbeit eines hyperaktiven 14jährigen und der Passgenauigkeit eines einarmigen alten Opas, der als Student zweimal das College wechselte, weil er Probleme hatte, sich den Starter-Job zu sichern.

Savage begann seine Karriere als vielversprechendes Talent bei Rutgers, verletzte sich aber und floh vom College, als er nach der Genesung den Posten von seinem Backup zurückholen musste – und verlor. Ging nach Arizona, wo nach einem weiteren Jahr der Run/Spread-Coach Rich Rodriguez kam – und floh. Ging nach Pittsburgh, wo er in einer NFL-ähnlichen Offense halbwegs solide aussah.

Savage bietet von fern betrachtet massiv Potenzial, aber wenn Front-Offices in der NFL eines gelernt haben sollten, dann dass jahrelange fragwürdige Wurfgenauigkeit eines College-QBs fast ohne Ausnahme in fragwürdiger Wurfgenauigkeit in der NFL endeten. Und unpräzise Werfer mit Granatenarm sind frustrierender als präzise Werfer mit schwachem Wurfarm: Letztere ersetzt du bei der ersten Gelegenheit. Mit ersteren plagst du dich jahrelang als hoffender Enttäuschter bis zu deiner Entlassung. Savage liest sich wie ein 6th-Rounder, wird aber möglicherweise tatsächlich in der zweiten oder dritten Runde vom Tablett gehen.

Es gibt noch einen ähnlichen Spielertypen: Logan Thomas von den Virginia Tech Hokies. Ich verfolge Thomas seit einigen Jahren intensiver als das übliche QB-Prospect, denn Thomas umgibt, seit er auf den Campus kam, eine ganz eigene Aura des nie eingelösten Wunderspielers: Man sagte von ihm, er sei eine jüngere Kopie von Cam Newton, und tatsächlich ist Thomas fast identisch gebaut, hat einen identisch starken Wurfarm, ist ähnlich mobil, hat ähnliche Trefferquoten… allein, Thomas schaffte nie annähernd den Durchbruch.

2012 war er eine mittlere Katastrophe mit einer Completion-Rate in Tebow-Regionen und dem Selbstvertrauen eines Gabbert, aber dann dachte sein Head Coach Frank Beamer – einer der ganz alten Schule („Beamerball“ = Football gewinnst du mit Defense und Special Teams) – überraschend doch noch um und stellte Thomas einen neuen OffCoord zur Seite. Das Auftaktspiel 2013 gegen Alabama war noch eines der grottigsten, aber mit zunehmendem Saisonverlauf soll sich Thomas immer weiter gesteigert haben.

Greg Cosell sieht in Thomas den besten Werfer der 2013er-Klasse, den mit der saubersten Wurftechnik – allein, was ist die wert, wenn dieser beste Werfer mit dem schärfsten Wurfarm immer wieder selbst einfache Drittklässlerwürfe verfehlt? Cosell sieht Thomas als reiferes QB-Prospect an als es Cameron Newton vor drei Jahren war (wir wissen, wie das endete), als einen, den ein guter Trainerstab mit Geduld vielleicht zurecht biegen kann.

Das Hauptproblem neben seinen regelmäßigen rätselhaften Würfen ins Nichts sind seine langsamen Augen. Thomas hat Probleme, das Spielfeld schnell abzuchecken und intuitiv den gleich sich öffnenden Mann zu identifizieren. Es gibt Trainerstäbe, die meinen, das ist ein Problem, das man beheben kann, aber prinzipiell wirkt ein Thomas wie ein Savage: Der Coach, der meint, dieses Talent so ohne weiteres hinbiegen zu können, könnte letztlich daran zerbrechen.

NFL-Draft 2014: Die Franchise-Quarterbacks unter dem Mikroskop

Wie fast jedes Jahr entzündet sich das meiste Feuer im Vorfeld des NFL-Drafts auch diesmal um die Leuchtturm-Position im American Football, die Quarterbacks. Wie immer ist mindestens eine Handvoll Mannschaften auf der Suche nach einem neuen Stamm-Quarterback, was für gewöhnlich ein paar knackige Szenarien schon in der ersten Runde garantiert. In diesem Jahr gilt die Klasse der Quarterbacks als eher durchwachsen, mit einer zwar breit gestreuten Gruppe an guten Talenten, aber das ganz große can’t miss prospect soll fehlen.

Wie sich das Lechzen nach Quarterbacks am nächsten Donnerstag entwickelt, wird die Dramaturgie im Draft massiv beeinflussen. Ein Sturm auf die talentiertesten Jungs in den Top-Ten ist ebenso nicht auszuschließen wie ein Szenario analog dem letzten Jahr, als alle bis auf einen aus der ersten Runde fielen.

Die Quarterback-Vorschau 2014 habe ich aufgrund der Ausführlichkeit in diesem Jahr aufgeteilt. Heute beginne ich mit dem Trio, das die meisten Schlagzeilen kassiert und sich nach landläufiger Meinung als Spitzentrio herauskristallisiert hat.

Der Komplette: Teddy Bridgewater

Teddy Bridgewater - Bild: Wikipedia

Teddy Bridgewater – Bild: Wikipedia

Hätte man vor drei Monaten nach dem favorisierten Quarterback des Drafts 2014 gefragt, die Antwort wäre fast unisono „Teddy Bridgewater“ gewesen. Bridgewater kommt als Quarterback der Louisville Cardinals aus der American Athletic Conference in die NFL. Er war dort der Stamm-QB der letzten zweieinhalb Jahre.

Sein Coming-Out vor nationalem Publikum hatte Bridgewater in der Sugar Bowl 2013, als er die Monster-Defense von Florida im Alleingang und Spielzug für Spielzug blitzsauber auseinander nahm. Er ging als Nummer-1 QB in den vergangenen Herbst und enttäuschte die Erwartungen nicht.

Bridgewater gilt als reifster, komplettester Quarterback im Draft. Er strahlt eine innere Ruhe aus, die selbst in brenzligen Situation in nicht mehr als ein paar Körperzuckungen „ausartet“. Bridgewater kriegt im Angesicht eines Blitzes keine kalten Füße, sondern schmettert den großen Einschlag mit einem leichtfüßigen Schritt ab. Er kennt die NFL-Standardoffense aus dem College, wo er überwiegend West-Coast Prinzipien sah und mit eindrucksvoller Konstanz ausführte.

Bridgewaters größtes Verkaufsargument neben seinem guten Nervenkostüm sein Wissen um die Komplexität des Spiels. Er durfte bzw. musste am College recht viel auf eigene Faust an der Anspiellinie operieren. Er bekam zwar die Spielzüge durchgesagt, aber Anpassungen aufgrund Defensiv-Aufstellungen waren ihm erlaubt. Für viele Coaches am College ist solches Vertrauen in den Quarterback unerhört. Nicht für Louisville. Und Bridgewater zahlte es mit exzellenten Vorstellungen zurück.

Bridgewater ist mobil, aber er ist kein Scrambler. Seine Stärken liegen ganz klar in der Pocket und er wartet notfalls auch bis zum letzten Moment, um einen Pass anzubringen. Er lässt sich vom Druck der Defense nicht nervös machen und beginnt beim Kollabieren der Pocket nicht auf de Passrush zu starren, sondern hält seine Augen stets bei seinen Anspielstationen im Defensive Backfield. Er ist mobil genug um sich den Platz in der Pocket zu verschaffen und er kann Rollout-Spielzüge bis ins Detail präzise ausführen.

Bis zum Saisonende war er der klare QB-Favorit 2014. Erst mit Einsetzen der Scouting-Periode ab Mitte Februar wurden die Zweifel an Bridgewaters Kandidatur lauter. Das offensichtlichste Fragezeichen ist seine Statur: Der Teddy ist mit 1.84m 1.87m kein Zwerg, aber eben auch locker sieben, acht Zentimeter kleiner als der NFL-Prototyp für seine Position. Er ist klein und schmächtig und damit ein Freak in einer Liga, die nach den 1.93m, 115kg schweren Spielmachern lechzt.

Es gibt zwar „kleine“ Quarterbacks, die sich in der NFL durchgebissen haben, aber es sind nicht viele. Brees und Russell Wilson, aber sie sind eher die Ausnahme denn die Regel. Wilson profitierte zudem von einer funktionierenden Mannschaft, die sich erlauben konnte, eine konservativere Offense mit einfachen Packages zu spielen, ein Luxus, den nicht viele Quarterbacks bekommen.

Eine Figur als Hüne hilft in der NFL mit ihren immer größer werdenden Defensive Linern natürlich ungemein. Ein groß gewachsener Spieler sieht mehr, ein groß gewachsener Spieler wird weniger Bälle schon an der Anspiellinie abgefälscht sehen. Obwohl Bridgewater mobil genug ist um sich eine freie Wurfbahn zu verschaffen, bleibt es ein Wettbewerbsnachteil.

Der zweite Knackpunkt bei Bridgewater ist sein tiefer Ball. Bridgewater hat keine Rakete von Wurfarm vom Schlage eines Matt Stafford, aber sein Arm gilt als gut genug um die meisten Pässe sauber zu werfen – bis auf den einen: Den tiefen eben. Bridgewaters tiefe Pässe sind nicht nur unpräzise; sie verlieren nach 30, 40 Yards an Power und hängen merkwürdig kraftlos in der Luft. Ein fehlender tiefer Ball wird dich in der NFL immer verfolgen, weil dir eine der wichtigsten Dimensionen abgeht, und versuchst du es trotzdem, ist jedesmal Gefahr durch Abfangjäger gegeben.

Der Teddy hätte viele dieser Zweifel mit gewaltigen Offseason-Workouts widerlegen können, manövrierte sich dann aber mit schwachen Trainingseinheiten noch weiter in eine Ecke, in der er momentan von der Öffentlichkeit festgenagelt ist: So wirkt Bridgewater mit jeder Woche, die dieser Scouting-Prozess dauert, mehr wie ein zu klein geratener, einen Tick zu blasser Typ mit zu schwachem Arm aus, der auch nicht so unglaublich präzise ist wie ursprünglich angenommen.

Bridgewater, der Mensch, ist als Typ unangreifbar. Er hat sich nie auch nur Kleinigkeiten zu Schulden kommen lassen, sondern galt stets als Führungsspieler und Teamkollege der ersten Kategorie. So wirkt der ganze Blues um Bridgewater noch immer wie ein kleines bisschen wie das alljährliche Spielchen, in denen sich Scouts an ein, zwei Flauseln aufhängen und einen Spieler weiter zerreden als es notwendig ist. Warum fällt Bridgewaters schmächtiges Äußeres erst in der Combine wie Schuppen von den Augen? Wie kann ein einziger schlechter Pro-Day fast drei Jahre einwandfreies Videobeweismaterial vernichten?

Die Stelle, an der Bridgewater nächsten Donnerstag vom Tablett gehen wird, wird finales Zeugnis einer wilden Scouting-Periode sein. Sollte die sicherste Tüte im Draft tatsächlich aus der ersten Runde fallen, wäre das nichts anderes als eine riesige Sensation.

Der Aufsteiger: Blake Bortles

Blake Bortles kommt von der University of Central Florida und ist quasi Phoenix aus der Asche. Er ist der Anti-Teddy. Er war viele Jahre lang nahezu unbekannt, bis er mit einer bärenstarken Performance in der Fiesta-Bowl am Neujahrstag 2014 auf dem Radar der Meute erschien – und seither trotz vieler Unkenrufe nicht wieder verschwand.

Bortles ist ein Hüne mit Zahnpastalächeln, 1.95m groß und 120 kg schwer und damit genau die Statur von Mann, die Konkurrent Teddy abgeht. Bortles ist dabei kein unbeweglicher Zeitgenosse vom Schlage eines Byron Leftwich, sondern ein durchaus mobiler Mann, den man als besseren Scrambler im Vergleich zu Teddy Bridgewater bezeichnen könnte.

Bortles orchestrierte bei UCF eine mit dem read-option Angriff sehr nahe verwandte Offense mit dem Ziel, dem Quarterback möglichst saubere Wurfbahnen zu verschaffen. Rollouts und kurze Scrambles gehörten zu dieser Offense wie Erbsen zum Speck. Bortles erledigte diesen Teil seiner Arbeit ganz zufriedenstellend, aber ist er ein Franchise-QB?

Anfangs dachte ich, oh, Bortles ist ganz praktisch, da er der Journallie einen letztlich chancenlosen Gegenspieler für Bridgewater anbiete. Dann dachte ich, oh, seine Freundin eignet sich für den Boulevard. Dann dachte ich, warum ist er noch immer ein Mitfavorit. Und dann, wie zum Teufel konnte er Bridgewater in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit schier überholen?

Bortles‘ hat genau einmeterfünfundneunzig Vorteile gegenüber einem Bridgewater. Körpergröße ist kein Vorteil, den man negieren sollte, aber man ist versucht, ihn immer und immer wieder zu unterstreichen, wenn es der einzige Vorteil ist.

Denn: Bortles‘ Wurftechnik ist am Arsch. Er wirft die Bälle nicht, er stößt sie so merkwürdig, dass spätestens die längeren Würfe nach 20yds saftlos zu Boden fallen. Mit Passrush im Gesicht bricht Bortles auseinander und wirft viele Pässe praktisch im Rückwärtsfallen. Die Technik ist wohl selbst mit gutem Coaching nicht mehr von Grund auf zu verändern, aber zumindest eine Verbesserung sollte noch drin sein.

Diese Wurfbewegung und seine unkonstanten Leistungen sind die größten Killer bei Bortles, und so bleibt die Frage, wie ein Mann, der nur körperlich einen kleinen Vorteil besitzt, in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich an einem Bridgewater gefühlt vorbeiziehen kann. Keine drei Jahre nach Gabbert gilt schon wieder ein Mann mit nur wenig Spielerfahrung und suspektem Spielverständnis, mit kaum behebbaren technischen Mängeln und nach nur zwei, drei Heldenspielen als möglicher Top-Quarterback Pick im Draft.

Der Anarch: Johnny Manziel

Johnny Manziel - Bild: Wikipedia

Johnny Manziel – Bild: Wikipedia

Johnny Manziel war der größte Star des College-Football, seit ich selbigen verfolge. Er stellte Tebow in den Schatten und er stellte RG3 in den Schatten. Johnny Football war zwei Jahre lang Quarterback der Texas A&M Aggies, und eigentlich war er mehr als ein Quarterback. Er war die Offense der Aggies, Spielmacher, Playmaker, Zirkuskünstler, Herz, Seele und Lunge einer der besten Offenses des Landes. Er brachte in der defensivstarken Southeastern Conference (SEC) selbst die per Trademark geschützte beste Defense des Landes, Alabama mit Coach Nick Saban, an den Rand der Selbstaufgabe.

Johnny Manziel ist auch mehr als ein Footballspieler. Er ist ein Popstar, dessen Possen Futter für die Yellow-Press von Texas bis New York waren. Er ließ keine Fettnäpfchen aus, von Saufgelagen im Trainingslager über Studentenfeten im Haus des größten Rivalen hin zu zweideutigen Twitter-Publikationen war alles dabei, was ein normaler Mensch sich nicht erlauben sollte, aber Manziel verzieh man alles, ja mehr, man hoffte auf den nächsten… Ausrutscher kann man es nicht nennen… Egotrip dieses Jungen aus reichem Haus.

Manziel ist ein Anarch auf wie neben dem Feld. Er hat durchaus den Arm für das tiefe Spiel, wenn auch seine Wurfbewegung nicht die konventionellste ist. Er ist mit seinen 1.85m 1.90m zirka 1.80m und 95kg nur unwesentlich größer sogar etwas kleiner als ein Bridgewater, aber während dies bei ersterem zum Problem der Nation gestylt wird, schert sich bei Johnny Football kein Mensch um solche Nebensächlichkeiten.

Mit Manziel ist alles möglich. Er hat kein Gefühl für die Pocket, kein Gefühl für Timing, Präzision im Spielzugablauf, also ziemlich genau kein Gefühl für irgendetwas, das einen klassischen NFL-Quarterback erfolgreich macht. Seine absolute Stärke ist das Improvisieren, das Schaffen von sensationellen Highlight-Plays aus dem Gar Nichts, das Entzaubern von disziplinierten Abwehrbollwerken. Manziel ist am besten, wenn das Skript in sich zusammenfällt und er von der Leine gelassen wird.

Er ist ein Messi in einem Sport, der ansonsten versucht, seinen Akteuren jegliche Kreativität soweit es geht auszutreiben. Sein Paradespielzug ist die Pirouette mit dem Defensive End in der Fresse, nein, dem Defensive End ins Leere greifend, die Drehung und der Wurf downfield. Manziel ist kein Quarterback, er ist Playmaker. Er fühlt sich überall auf dem Spielfeld wohl, nur nicht in einer unbedrängten Pocket.

Es ist schwer, sich der Magie von Manziels Footballverständnis zu entziehen, aber die Frage ist wie sich dieses mit der NFL verheiraten lässt. Er wäre der erste Quarterback seit Äonen, der nicht primär von seiner Arbeit in der Pocket lebt. Er ist kein Timing-Spieler. Manziel ist das, was Scouts see it, throw it-Spieler nennen: Der Ball wird dann geworfen, wenn der Receiver offen ist. Antizipation als Fremdwort. Aber genau diese Antizipation ist das, was die heutigen QB-Superstars in der NFL ausmacht – für gewöhnlich.

Manziel ist aber nicht „gewöhnlich“. Kein Team, das sich nicht zumindest in Ansätzen an Manziels Spielweise anpassen will, darf ihn draften. Eine sehr klare Vorstellung, was du mit ihm anfangen willst, ist von Nöten. Du musst ihm eine Spread-Offense geben, die Manziel von der Leine lässt. Eine Einengung seiner Skills á la Michael Vick in Atlanta ist mit Johnny Football ein No Go.

Manziel wird von Mike Mayock als bester Quarterback 2014 gelistet. In der landläufigen Meinung ist er das dark horse unter den Spitzen-QBs. Er ist der Spieler, der vor erst vier, fünf Jahren vermutlich niemals auch nur in der Diskussion für die erste Runde gewesen wäre, aber in einem Jahr 2014, in dem read-option, Spread-Offense und experimentelle Offense mindestens genauso Regel wie Ausnahme sind, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Platz für Manziel in der ersten Runde finden.

Die Frage ist: Wer zieht ihn? Wer zieht sie alle, Bridgewater, Bortles und Manzielwer und wann?