NFL 2011/12, #15: Tampa Bay – Dallas, Preview (Mayock-Watch)

Im Anschluss an den Start der Bowl Season 2011/12 findet heute noch ein NFL-Spiel statt: 02h LIVE bei ESPN America Tampa Bay Buccaneers – Dallas Cowboys, das alljährliche Samstagsspiel der Cowboys. Für die Buccs (4-8) geht es in dieser Saison nur mehr um den Anstand, respektive den Trainersessel von Raheem Morris, der nach den jüngsten Schlappen – vor allem dem Debakel gegen Jacksonville – zu wackeln beginnen dürfte. Die Mannschaft versprüht Selbstaufgabetendenzen, es ist keine klare Richtung mehr erkennbar. Haufenweise Verletzungen und zu viel Last für Josh Freemans Schultern tun das Übrige zum Kollaps der Buccs.

Dallas steht nach der überflüssigen Heimniederlage gegen die New York Giants unter Zugzwang, kann sich jedoch bizarrerweise eine Pleite bei den Buccs „leisten“: Man wäre mit Siegen über Eagles und auswärts bei den Giants in den Playoffs – die Tie-Breaker Situation erlaubt es so. Auf der anderen Seite: Mit einem Sieg bei den Buccs bräuchte Dallas nur noch einen Auswärtssieg in New York und wäre fixer #4-Seed der NFC.

 (Edit: Letzter Satz stimmt nicht, da der dritte Tie-Breaker alle Spiele der beiden Teams gegen gleiche Gegner ist. Damit ist in gewissen Szenarien möglich, dass die Giants schon vor dem direkten Duell gegen Dallas die Division gewonnen haben. Beispiel: DAL verliert gegen Philadelphia in Woche 16, Giants gewinnen gegen WAS und NYJ. Folge: Direktes Duell könnte maximal von Dallas ausgeglichen werden. Giants hätten die bessere Bilanz gegen die gemeinsamen Gegner aus NFC East, NFC West und AFC East.)/Edit

Nicht nur die Formkrise der Buccs spricht IMHO für Dallas. Die Cowboys verfügen auch nach dem Ausfall des straighten RB Murray noch genügend Laufspiel (RB Felix Jones), gegen die in Auflösungserscheinungen befindliche Front Seven der Buccs ein gefundenes Fressen. Ein grundsolider QB Tony Romo und ein massierter Pass Rush gegen QB Freeman dürfte den Cowboys reichen, um aus dem bildhübschen Raymond James Stadium die Big Points mitzunehmen. Außer natürlich, es schlägt wie jedes Jahr das schlechte Karma der Cowboys in ihren Samstagsspielen durch, oder es kollabieren wie jüngst gegen die Giants wieder die eigene Pocket und der eigene Pass Rush.

Das Spiel wird wie gewohnt vom NFL Network vom starken Duo Brad Nessler/Mike Mayock kommentiert und morgen, Sonntag 13h30 bei ESPNA wiederholt.

Mit den Tampa Bay Buccaneers die Sommeremotionen genießen

Die Tampa Bay Buccaneers waren 2010/11 die Überraschungsmannschaft schlechthin, trotz der vielen quasi „geschenkten“ Siege gegen die NFC West. 10-6 hatte ich dieser Mannschaft in den kühnsten Träumen nicht zugetraut. Das selten coole HC/QB-Gespann aus Raheem Morris und Josh Freeman paart sich in Tampa zu einer Mentalität, auch 1:30 vor Schluss noch die ganz dicken Eier herumzuschleifen und enge Spiele zu biegen. Hätten im vergangenen Dezember nicht die Lions etwas dagegen gehabt, die Buccs wären glatt anstelle des Superbowl-Champs Green Bay mit Pauken und Trompeten in die Playoffs eingezogen.

Dabei waren die Vorzeichen eher ungünstig gestanden: Ein blutjunger, unerfahrener Head Coach und ein blutjunger, nicht Vertrauen erweckender Quarterback. Umso überraschender, wie geladen Tampa spielte und wie eiskalt dort selbst wenn es kritisch wurde, das eigene Spiel durchgedrückt wurde.

Big Ben auf NFC-isch

Die Offense funktionierte trotz schwacher Offensive Line und trotz recht grüner Skill Players. Hauptgrund hierfür: QB Josh Freeman, dessen Entwicklung im zweiten Jahr so fassungslos war, dass Freeman in der Vorjahresform keine Vergleiche mit Big Ben Roethlisberger scheuen muss: Ein Hüne vor dem Herrn, mobil und furchtlos und sehr improvisationsfähig.

Laufspiel muss nach dem doch überraschenden Abgang von Cadillac Williams wohl hauptsächlich der Schläger von Boise, RB Legarrette Blount, machen. Blount kam nach Eklat am College vor einem Jahr aus dem Nichts zurück und legte mal eben 1007yds und 6 TDs hin. Wir sprechen hier von einem brachialen Running Back, Typ Larry Johnson, bei dem ich mir nicht sicher bin, wie lange der Körper diesen Laufstil durchhalten wird: Lieber 1yd verschenken und dem Verteidiger einen blauen Flecken mitgeben als drum herum zu laufen und das eine Yard mitzunehmen.

Über Blounts Ersatzmann wird zu sprechen sein. Allein Earnest Graham ist noch ein bekannter Name, und Graham ist ein Verletzungsrisiko.

Dritter im Bunde der Buccs-Triplets: WR Mike Williams, ein erstaunlich explosiver Mann für die tiefen Bälle. Die Mitteldistanzen werden vom sehr athletischen TE Kellen Winslow jr. bedient, dazu gesellen sich ein Haufen namenloser Receiver und Tight Ends, die alle ihre paar Catches und Yards machen.

Sorgen bereitet die Protection – zumindest mir: LT Donald Penn gilt als solide, aber was in Tampa so alles an Druck über die Mitte durchkommt, kann im Prinzip nicht lange gut gehen. Trotzdem wurden die meisten Blocker für teures Geld im Kader behalten. Der X-Faktor ist Rookie-TE Luke Stocker, dem exzellentes Blocking nachgesagt wird.

Frontloading in der Defense

2010 wurden die Defensive Tackles Gerald McCoy und Brian Price hoch gedraftet, 2011 die beiden Defensive Ends Adrian Clayborn und Da’quan Bowers. Jemand da, der einen Trend erkennt?

Beide 2011er Pick scheiden die Geister, weil sie Verletzungs-Historien mitbringen, aber gemessen an den Vorstellungen im vergangenen Herbst gab es hinsichtlich „sofortige Verstärkungen“ keine Zweifel, welche Position oberste Priorität sein musste. Defensive End nämlich. Am besten im Doppelpack.

Tampas Linebackers sind unbekannt und es wäre blasphemisch, sie mit ehemaligen Kalibern wie Derrick Brooks zu vergleichen, aber die OLBs Geno Hayes und Quincy Black sind quicke, solide Leute, auf denen man aufbauen kann. Bezüglich des Middle Linebackers bestehen noch Fragezeichen: Will man tatsächlich auf Rookie Mason Foster setzen?

Die Secondary wird auf den besten Mann verzichten müssen: Knalltüte FS Tanard Jackson dopte sich zu oft über die erlaubten Limits hinaus und wird gesperrt fehlen. Die Ersatzleute sind die beiden Codys, Grimm und Lynch, und bei den Strong Safetys wird man wohl auf den Wandervogel Sean Jones bauen. Der Rookie SS Ahmad Black, ein Lokalmatador, gilt zwar als talentiert, aber wenn ein Michael Turner das erste Mal über den schmächtigen Black drüberläuft, möchte ich nicht mit Knochensammeln beginnen.

Für die Pass-Deckung stehen zur Verfügung: CB Aqib Talib, ein Mann, der abseits des Spielfelds für mehr Kopfzerbrechen sorgt als drauf oder CB Ronde Barber, der mit 36 nicht jünger wird.

Trotz Barber ist das eine junge Defense, die noch 2-3 Jahre reifen wird müssen. Große Sorgen hätte ich ob der geringen Tiefe im Kader – es ist angesichts dieses Personals nichts anderes als ein Wunder, dass Tampa so eine Saison wie 2010/11 spielen konnte. (Das Geheimnis steckt wohl in den 19 INTs, aber sowas lässt sich kaum planbar wiederholen)

Special Teams

Zu K Connor Barth hege ich nur mäßiges Vertrauen, vor allem jenseits der 40yds-Kicks. P Michael Koenen ragt mit seinem sensationellen neuen Vertrag heraus (6 Jahre/19 Mio. Dollar!!), aber eher wenig mit seinen Leistungen zuletzt als Atlanta Falcon. Returner Micheal Spearlock ist bei Zeiten ein spektakulärer Mann.

Ausblick

Ich sehe viele Fragezeichen, und am meisten frage ich mich, wie die Buccs mit ihren Stats und so vielen Löchern im Kader (O-Line, Secondary) zuletzt zehn Saisonsiege einfahren konnten. In diesem Jahr fällt der Freifahrtschein „NFC West“ im Schedule auch noch weg und ich tue mir schwer, an eine weitere Cindarella-Saison zu glauben.

Das ist der Schedule:

Wk #1 vs Lions
Wk #2 @Vikings
Wk #3 vs Falcons
Wk #4 vs Colts (MNF)
Wk #5 @49ers
Wk #6 vs Saints
Wk #7 vs Bears
Wk #8 BYE
Wk #9 @Saints
Wk #10 vs Texans
Wk #11 @Packers
Wk #12 @Titans
Wk #13 vs Panthers
Wk #14 @Jaguars
Wk #15 vs Cowboys (Samstach)
Wk #16 @Panthers
Wk #17 @Falcons

Ist die Kaderpolitik (sprich: Inaktivität in der Free Agency) am Ende doch nur mir suspekt? Kann der junge Josh Freeman noch einmal sämtliche Schwachstellen übertünchen? Ist ein Preseason-Kader mit nur drei Spielern über 30 und 74/90 unter 25 nicht doch zu jung? Die drei zentrale Fragen für Tampa 2011.

Ich liebte die Buccs 2010/11 und ich liebte Freeman (rein platonisch natürlich), aber ich bin geneigt, den blitzartigen Aufstieg als Zufallsprodukt abzutun. Riecht nach einer losing season. Tampa kann aber zuversichtlich in die Zukunft schauen – es gab in den letzten Jahren andere Mannschaften, die man lange Zeit als „jung“ bezeichnete und die dann den Durchbruch schafften (Green Bay, anyone?).

Falls es mehr wird: Sorry, Mr. Freeman, dann gehören Sie auf der Stelle in die Top 5 der NFL-Quarterbacks.

Das Zeiteisen verrät: 583 Minuten verbleiben. WordCount nach 15 Teams: 14229. (Jo, ich weiß, bissl geschummelt. Ich habe lediglich meinen Beitrag für NFL/Spox überarbeitet)

Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Tampa Bay Buccaneers

©Flickr

Es ist ein paar Jahre her, als ich im Zuge eines Sprachsommers die Florentiner Nächte unsicher gemacht habe. Immer mit dabei: Richard, ein Mathe-Student aus Tampa, Florida.

[Übrigens kaum zu glauben, wie viele AmerikanerInnen Italienisch lernen wollen – war aber vor Amanda Knox, Bunga/Bunga & folglich auch bevor der Lustmolch Obama zum Amtsantritt beleidigt hatte.]

Richard war Zimmerkamerad – und riesiger Buccs-Fan. Rich war natürlich hoch erfreut, dass es selbst im fernen Italien einen NFL-Fan gab. Es war grad die Zeit nach dem Niedergang der Buccs. Die Preseason war dabei, keine Verbesserung zu versprechen, aber mit Cadillac Williams hatten sie immerhin kurz zuvor einen jungen Hoffnungsträger gedraftet. Am Ende stand Tampa in den Playoffs.

Dank Richie habe ich die Buccs über die Jahre ein bisschen genauer verfolgt als andere Teams. Ich war zwar nie Buccs-Fan, aber wenn du ein bisschen Bezug zu einer Mannschaft hast, lässt es sich interessierter verfolgen. Seit jenem Herbst ist nicht mehr viel gelaufen und die Buccs hatten nach Sapp&Brooks keine Identität mehr. Bis zu dieser Saison. Ende Oktober, nach einem Comeback-Sieg der Buccs gegen die Rams, kommentierte Dauerkarten-Inhaber Richard im Messanger:

Enthusiasm. We’ve got a winner! Terrific stuff.

Und verlinkte dieses Video.

Die Sensation des Jahres

Die Buccs sind mit 10-6 meine Story der Saison – obwohl dank der NFC West im Spielplan ein paar Siege quasi „geschenkt“ waren und gegen die meisten „Großen“ verloren wurde.

Denn: Ein selten cooles HC/QB-Duo gepaart mit der Mentalität, auch 1:30 vor Schluss noch in die ganz dicken Eier herumzuschleifen – das finde ich klasse. Ich gratuliere den Buccaneers, vor allem, weil ich weder an Raheem Morris, der auch als MLB-Coach eine gute Figur macht, noch an Babyface-QB Josh Freeman geglaubt hatte. Manchmal wird man aber überrascht.

Josh Freeman QB Tampa Bay Buccaneers

Harmloses Gesicht - bärenstarker QB: Josh Freeman, ©Wikipedia

Morris, Freeman und RB Legarrette Blount – das neue Trio infernale der NFL. Und hätten da nicht die Lions Mitte Dezember etwas dagegen gehabt – Tampa Bay wäre glatt anstelle des späteren Superbowl-Champs Green Bay mit Pauken und Trompeten in die Playoffs eingezogen. So kann man am Ende konstatieren: Mit wehenden Fahnen untergegangen.

Was sagt uns der Blick in die Stats?

Ich habe Tampa nur 4x über vier Viertel gesehen (2x gegen Atlanta, 1x Saints und Seahawks (Tape)), plus die wilde Schlussphase gegen Arizona. Von daher mal eine Herangehensweise via Excel:

DVOA (Rating in Relevanz zum Gegner)
Offense: #8 overall, #10 Pass, #12 Lauf
Defense: #23 overall, #13 Pass, #32 Lauf
Special Teams: #18

Absolute Zahlen
Offense: #17 Pass, #8 Lauf
Defense: #7 Pass, #28 Lauf

Vor allem für die Defense ist die Sprache eine klare: Es braucht Leute, die den Lauf verteidigen können! Im Draft 2010 haben die Buccs mit DT Gerald McCoy (#3 overall) und DT Brian Price (2. Runde, #35 overall) gleich ihre ersten beiden Picks für Defensive Tackles ausgegeben, und damit die Basis für die Laufdefense geschaffen. Beide waren teilweise verletzt – ich sehe aber nicht, warum Tampa heuer weitere DTs holen sollte. McCoy soll Ansätze von Dominanz gezeigt haben (McCoy war leider gegen Saisonende schon verletzt, als die Buccs bei uns im TV gezeigt wurden).

Die Defense

Es spricht also einiges dafür, dass die Buccs ihren Fokus auf die Defensive Ends richten werden. Gesucht werden dürften aber keine reinen Pass Rusher (na, hallo!), sondern DEs mit Qualitäten gegen das Laufspiel. Wenn ich mir die Ends im heurigen Draft anschaue, dürften die Buccs schon den Taxi-Schläger Adrian Clayborn im Hinterkopf haben.

Zweiter Knackpunkt sind die Linebackers. Wenn der Blick ins aktuelle Roster nicht täuscht, hat Tampa derzeit keinen ILB im Kader, weil Barrett Ruud Free Agent wird. Die restlichen Linebackers wirkten auf mich eher hüftsteif – womöglich wird via Draft auch an dieser Stelle Hand angelegt.

In der Secondary gibt es zwei Fragezeichen: CB Ronde Barber wird mit bald 36 nicht jünger und dürfte erstmal damit beschäftigt sein, den Zwillingsbruder Tiki vom NFL-Comeback abzuraten. Und FS Tanard Jackson wird in den ersten Wochen wegen wiederholter positiver Dopingprobe fehlen – und auch danach nicht sicher von der NFL begnadigt werden. Ein schwerer Schlag, denn Jackson gilt als einer der besseren Safetys in der Liga, solange er sich nur an die erlaubten Limits herandopt, und nicht darüber hinaus.

Die Offense

Die Offense Line war im Saisonverlauf durch Verletzungen (Center) und Rotationen (v.a. auf der rechten Seite) Subjekt einiger Mutationen. G Joseph ist vertragslos – im Prinzip gäbe es Handlungsbedarf , aber die Defense sollte vorgehen.

Ein schwieriger Fall ist RB Cadillac Williams. Williams ist nicht (mehr) mehr als ein fangstarker Back für 3rd downs. Zu sehr haben fassungslos viele schwere Verletzungen an ihm genagt. Glaube ich aber Richard, so ist der Cadillac eine der populärsten Figuren in Tampa, ein sentimental hero, einer, mit dem sich die Fans voll identifizieren und den sie lieben. Der Typ Scholl in den letzten Jahren. Ich gehe davon aus, dass Williams für relativ lau in Tampa bleiben wird, da er auch an anderem Ort und Stelle keinen Rentenvertrag mehr kassieren wird.

Der Returner

Micheal „Ich heiße nicht Michael“ Spurlock war Returner während der Saison und ist nun RFA. Wenn ich an den genialen Return gegen die Falcons zurückdenke, sollte Tampa Spurlock einen Vertrag anbieten. Damals war Spurlock mitverantwortlich, dass Tampa trotz gefühlter haushoher Unterlegenheit in den letzten Sekunden um ein Haar ein Comeback mehr gefeiert hätte.

Ausblick

Junge Mannschaft, junger Coach, markante Typen – wäre nicht die hässliche Fratze „Malcolm Glazer“ allgegenwärtig, ich wäre schon verknallt in diese Buccaneers.

Auf alle Fälle gilt es an zwei Dingen anzusetzen: Defense stärken und Ticketpreise senken – denn Tampa hatte trotz des begeisternden Spiels Probleme, das wunderschöne Raymond James Stadium zu füllen.

Alles in allem bin ich sehr gespannt, inwiefern die Buccs nach der deutlichen Weiterentwicklung der Mannschaft im Verlauf dieser abgelaufenen Saison in den kommenden Jahren in der starken NFC South ein Wörtchen mitreden können. Ganz vom Tisch dürfte auch das „One Year Wonder“ noch nicht sein.

Für weitere „Sezierstunden“ bitte hier entlang.