Tür auf für den Transfermarkt 2018

Es geht los. Weiterlesen

Ich habe Geduld, oder: Lass die anderen tanzen | Wie die Seattle Seahawks die Manndeckung revolutionieren

Nachdem sich die AFC in ihrem Spitzenspiel-Kracher letzte Woche in Denver gegenseitig blaue Flecken austeilte, zieht am Sonntag die NFC nach: Green Bay Packers vs Seattle Seahawks ist eine Ansetzung, die durchaus Championship-Implikationen haben könnte. Als Einstimmung darauf warte ich heute mal mit einem spieltechnischen Feinschmecker auf: Seattle Deckungstechnik. Weiterlesen

Die Gesichter von Super Bowl 2015

Superbowl Sunday steht vor der Tür, und nachdem die Kollegen bereits über Coach Evil Belichick geschrieben haben beziehungsweise noch über die taktischen Vorzüge des Endspiels referieren werden, werfen wir mal einen Blick auf die Köpfe, die sich am Sonntag hinter den Helmen verstecken werden. Weiterlesen

Super Bowl XLVIII preview – Denver Broncos Offense v Seattle Seahawks Defense

Das Matchup ist bekannt: eine der besten Defenses ever – ever, ever – trifft auf die beste Offense seit Erfindung der Hosenträger. Sheriff Peyton Manning und seine vier Broncos Demariyus Thomas, Eric Decker, Thou Shall Not Be Named Former Patriots Guy Wes Welker und Julius Thomas müssen sich mit Seattles “Legion of Boom!” um Earl Thomas, Richard Sherman, Kam Chancellor, Byron Maxwell und Walter Thurmond rumschlagen. Denver Broncos (15-3) Offense vs Seattle Seahawks (15-3) Defense. Super Bowl XLVIII.

Es gibt derzeit wohl keine bessere receiver combo als Thomas-Decker-Welker-Thomas. Demariyus Thomas ist der Nr.1 WR aus dem Lehrbuch; Decker ein kräftiger WR, der sich aber gerne in der Mitte des Spielfeldes rumtreibt (ein wenig wie Saint Marques Colsten); Welker der Typ, für den die Charaktersierung “a Welker-type of guy” erfunden wurde; und Julius Thomas das neueste Vorzeigemodell aus der Serie matchup nightmare von Tight Ends Inc.

Früher, bei den Indianapolis Colts und zu Beginn seiner Zeit bei den Broncos war Peytons playbook vergleichsweise dünn. Er stand fast durchweg mit drei WRs, einem TE und einem RB auf dem Feld. Die Anzahl der Spielzüge war auch überschaubar. [Chris Brown ausführlich über diese Offense.]

Es gab trotzdem nur selten eine Verteidigung, die diesen Angriff stoppen konnte. Einerseits kann Manning Verteidigungskonzepte schon vor dem snap lesen wie niemand sonst und sich folglich darauf einstellen. Andererseits hat er die perfekten körperlichen Voraussetzungen für einen Quarterback: 1,95m groß, 100kg schwer und einen sehr anständigen Arm. Jeder wußte, was kommen wird, trotzdem konnte es niemand stoppen. Manning weiß immer genau, wer wo offen sein wird und kann dann den perfekten Paß werfen.

Das mit dem Spielverständnis stimmt mehr denn. Allein: körperlich ist er nicht mehr der Alte – weil er körperlich mittlerweile sehr alt ist (und seine Nacken-/Nervenverltzung deutliche Spuren hinterlassen hat). Darum hat er “sein” System mit Hilfe von Offensive Coordinator Adam Gase weiterentwickelt. Es ist jetzt – vor allem in den Formationen – viel variabler und er wirft noch mehr als früher vermehrt über die Mitte. So ist er weniger angewiesen auch milimetergenaue Pässe in kleinste “windows” und vor allem weniger abhängig von Würfen, die viel arm strength verlangen: vor allem deep outs. So nutzt er perfekt die Stärken seiner Wide Receivers. Diese bekommen von Manning den Ball über viele crossing und drag routes in der Mitte des Feldes. Weil Manning diese kurzen Bälle immer noch sehr genau wirft und alle WRs viele yards after the catch (YAC) machen können. Der tiefe Ball bereitet ihm Schwierigkeiten (wenn nicht gerade ein WRs seinen Deckungsspieler überlaufen hat und “oben” keine Hilfte von den Safeties in Sicht ist).


Seattles Defense nun ist das Spiegelbild des alten Mannings. Sie haben ein sehr dünnes playbook – jeder weiß, was kommen wird – und sie haben körperlich die besten Voraussetzungen, um jedem Wide Receiver die Lust am Weiterspielen zu nehmen.

Die Seahawks spielen größtenteils Cover-1 und Cover-3 (und auch immer mal wieder Cover-2, bei denen die Cornerbacks dann nicht tief sinken, sondern plötzlich in der flat zone „sitzenbleiben“ und in kurze Pässe reinspringen) wobei die Cornerbacks press man coverage spielen, ihrem Gegenüber also direkt an der Line of Scrimmage gegenüberstehen und die diese im Idealfall erstmal ordentlich durchrütteln, bevor sie ihre geplante Route laufen können. Sherman mit 1,91m und Maxwell mit 1,85m sind wie gemalt für diese Aufgaben. Der potentielle Schwachpunkt liegt hierbei natürlich in den langen Routen. Wenn die WRs an den CBs vorbeikommen und diese nicht schnell genug aufholen, hat der Quarterback oft eine Chance, den tiefen Ball zu werfen. Es sei denn, irgendwo “in der Tiefe des Feldes” läuft jemand wie Earl Thomas rum.

Der Safety der Seahawks streunt oft scheinbar unbeteiligt im tiefen Nichts umher, aber durch seine Explosivität und seinen speed, wenn er ins Laufen gekommen ist, kann er jeden Receiver, der scheinbar offen ist, erreichen bevor der Ball da ist.

Diese Möglichkeiten für tiefe Bälle sind auch nur vorhanden, wenn der QB Zeit hat. Diese Zeit wird Manning gegen Seattle aber meisten nicht haben. Seattle hat ein scheinbar unendliches Reservoir an starken pass rushers: Cliff Avril, Bruce Irvin, Chris Clemons außen, Michael Bennett und Brandon Mebane meist von den inneren Positionen aus können noch jede Offensive Line zerlegen. Wie wird Denvers Offensive Line dem standhalten können? Wird Peyton regelmäßig einen Running Back oder gar einen Tight End zum Blocken statt auf eine Paßroute schicken?


Das Allerblödeste an pressure im Gesicht in Kombination mit der press man coverage ist aber, daß sie das timing bei den viele kurzen Routen kaputtmacht. Das weiß Manning natürlich und hat passenderweise sein playbook um Spielzüge ergänzt, die just die sich immer weiter ausbreitende Mannverteidigung vor große Probleme stellt. Viele trips formations gehören beispielsweise dazu, bei denen drei WRs so eng beieinander stehen, daß gar nicht jedem ein CB direkt gegenübertreten kann. Zusätzlich spielt gerade Denver unglaublich viele pick plays. Dabei laufen zwei WR aufeinander abgestimmte Routen, bei denen durch das Kreuzen und das Mitziehen der Verteidiger wie beim Basketball ein Block gesetzt (“pick”) wird. Und drittens hat Peyton Manning den screen pass für sich entdeckt wie niemals zuvor. Die Thomas-Thomas-Welker-Combo ist sehr stark im Blocken für Laufspielzüge, und nichts anderes sind screen passes von ihrem Wesen her – nur eben weit weg von den vielen dicken Defensive Linemen. (Und als Schmankerl hat er offenbar Tim Tebows playbook im Keller gefunden und Aufstellungen mit vier WRs auf einer Seite übernommen. Diese komische Formation hab ich bisher nur bei den Denver Tebows 2011 gesehen. Da waren Adam Gase und dessen Vorgänger Mike McCoy übrigens auch schon in Denver, unter Josh McDaniels.)

Aber um mal auf den entscheidenden Punkt zu kommen: auch das alles ist gegen Seattle nur semi-aussichtsreich. Einmal sind die CBs durch press man eben schon sehr nah an der Line of Scrimmage. Aber weil man Sherman oft alleine lassen kann und Thomas so viel Raum alleine abdecken kann, spielt Safety Kam Chancellor oftmals wie ein vierter Linebacker. Bonuspunkte für Chancellor: er sieht auch aus und tacklet wie ein Linebacker. Das bedeutet noch weniger Platz für das unvermeidliche Kurzpaßgestammel. Da sollte man am Sonntag mal drauf achten: es wird einige Spielzüge geben, bei denen zehn (!) Verteidiger Seattles nicht weiter als fünf Yards von der Line of Scrimmage entfernt sind.


Ich würde Seattle hier empfehlen, was ich schon im Championship Game für einen guten Plan der Patriots gehalten hab: gib Manning doch die tiefen Würfe! Im Gegensatz zu den Pats sind die Hawks dafür perfekt aufgestellt.

  • starker pass rush mit nur vier Mann, ohne blitz? Check.
  • ein Cornerback, den man alleine lassen kann? Check.
  • ein Safety, der jedes big play verhindert? Check.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich den Vorteil bei Seattles Defense.

Jedenfalls ist das ein wunderbares matchup, das dem Super Bowl zur größten Ehre gereicht. Ich freue mich mehr auf diesen Super Bowl als auf jeden anderen seit der Saison 2007.

Wo wir gerade dabei sind: hat Denver die beste Offense aller Zeiten? Kann gut sein. Aber zum Abschluß noch das:

“Beste Offense aller Zeiten”, Punkterekord, 7,8 net yards/pass attempt, 4,1 yards/rush; gegen New York. Februar 2008.
“Beste Offense aller Zeiten”, Punkterekord, 7,8 net yards/pass attempt, 4,1 yards/rush; in New York. Februar 2014.

Ergebnis? Auf jeden Fall ein großartiges Spiel.

Philosophie trifft Pragmatik: Wie die Seattle Seahawks ein einzigartiges Business Model schafften

Gestern hatten wir die Denver Broncos als erste der beiden Superbowl-Mannschaften 2013/14 unter der Lupe im Versuch, ihre Stilfindung zu analysieren. Heute ist die andere Mannschaft dran, die Seattle Seahawks aus dem rauen Nordwesten der Vereinigten Staaten – eine Franchise, die viele Jahre lang als reiner Mitläufer wahrgenommen wurde.

Ursprünglich wurden die Seahawks in den 70er Jahren als Expansion-Team in die AFC eingegliedert. Dort waren sie Divisionskonkurrenz der… Denver Broncos. Während die Broncos aber alljährlich mit einem der größten Stars, QB John Elway, Division und Conference viele Jahre lang dominierten, ging bei den Seahawks so vieles daneben, dass man zwischendurch vergaß, dass da droben in den Wäldern, wo es eh immer regnet, noch eine NFL-Mannschaft zuhause war.

In den 90er Jahren wurde die Franchise an den CEO von Microsoft, Paul Allen, verkauft, der rasch mit der Sanierung begann. Allen riss den morschen Kingdome ab und baute das neue Seahawks-Stadion in Downtown Seattle, eines der fantastischesten NFL-Stadien mit Blick auf die Stadt und mehreren Lautstärkerekorden. Allen installierte auch den Erfolgscoach der Green Bay Packers, den stets grimmig dreinschauenden Mike Holmgren, als neuen Cheftrainer – und schon waren die Seahawks eine Nummer.

Allerdings ab 2002 in der NFC, denn im Zuge der NFL-Aufnahme der Houston Texans wurde eine Neustrukturierung der Divisionen gemacht. Weil zu wenige NFC-Teams im US-Westen zuhause waren, wurden die Seahawks einfach mal auf ihre 30jährige Geschichte scheißend von der AFC in die NFC umgeschichtet. Viel zu sagen hatten sie dabei nicht; es hätte auch keine Sau interessiert.

Sportlich war es ihr Glück, denn ihr neues Zuhause, die NFC West, war viele Jahre lang die Lachnummer der NFL. Seattle gewann sie jahrelang im Schlafwandel. 2005/06 schaffte man sogar den Sprung in die Superbowl XL in Detroit. Dort war man eigentlich die bessere Mannschaft, aber eine Kombination aus Pech, einigen wenigen Steelers-Plays und einem lachhaften Schiedsrichter-Gespann verwehrte den Seahawks den ersten Titelgewinn. In der Folge dümpelte man zurück in altbekannte Gewässer mit 7-9 und 4-12 Saisons.

Am Ende der Saison 2008 wurde Holmgren verabschiedet. Als Nachfolger wurde – schon damals wenig überzeugend – Jim Mora jr. installiert. Mora konnte allerdings keine Begeisterung auslösen, und so waren die Hawks schon ein Jahr später wieder ohne Head Coach.


Pete Carroll trat Anfang 2010 von seinem Head Coach-Posten bei den USC Trojans zurück. Dort hatte er in über einem Jahrzehnt eine große Dynastie geformt und die stolze private University of Southern California zurück in die Erfolgsspur gebracht. Es war ein Erfolg, den man Pete Carroll gar nicht zugetraut hatte, denn Pete Carroll war in den 1990er Jahren zweimal als Head Coach in der NFL gescheitert.

Bei den Jets musste er nach nur einer Saison gehen. Bei den Patriots übernahm er 1997 eine Superbowl-Mannschaft und schaffte in drei Jahren erst 10, dann 9, dann 8 Siege. Siehst du einen Trend? Er ist nicht dein Freund. Schnell war das Urteil über Carroll gefällt: Ein netter Kerl, ja, aber ungeeignet als Head Coach in der NFL.

Ging ans College und brachte USC in gigantische Höhen. Allerdings gerüchtelte es viele Jahre lang ob da schon alles mit rechten Dingen zugegangen war. Ende 2009 verdichteten sich die Indizien immer mehr, dass es teilweise größere Recruiting-Verletzungen bei USC gegeben hatte und dass Carroll der NCAA-Hammer um die Ohren fliegen würde. Er ging, bevor es aufflog (das passierte ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt).

Und die Seahawks hatten ja gerade ihren Head Coach Mora jr. rausgeschmissen.


Carroll unterschrieb Anfang 2010 bei den Seahawks, und er wurde nicht bloß Head Coach, sondern zugleich auch noch mit Kompetenzen eines General Managers ausgestattet. Es verblüffte, welche Power man ihm gab. Der „echte“ General Manager ist zwar John Schneider, aber hallo: Schneider fungiert vor allem als Carrolls Berater. Mehr noch: Schneider wurde sogar von Carroll eingestellt!

Pete Carroll ließ in den ersten Wochen und Monaten seiner Amtszeit in Seattle keinen Stein unberührt. Er räumte den Trainerstab auf. Er wälzte den Kader um wie kaum jemand vor ihm. An die 200 Transaktionen machte Carroll allein in seiner ersten Offseason. Es sah gar nicht so aus, als hätte Carroll einen besonderen Plan im Hinterkopf. Es wirkte wie ein Hin- und Herschieben von Bausteinen, aber richtig aufgeräumt wirkte die Baustelle im ersten Hingucken freilich nicht – und ich selbst spottete auch ganz gern über Carrolls Wirken.

In der Retrospektive sieht das freilich etwas anders aus. Zum ersten holte er sich mit RB Marshawn Lynch (via Trade aus Buffalo) das neue Gesicht der Franchise, einen physischen, kräftigen Back als neuen Motor der Offense. Und dann kam der Draft 2010, einer der besten Drafts, die einer NFL-Franchise in den letzten Jahren glückte:

Russell Okung, Earl Thomas, Kam Chancellor, Walter Thurmond und Golden Tate in einem einzigen Draft! Das ist ein ganzer Mannschaftskern für sich. Trotzdem waren die Hawks 2010 ein relativ schlechtes Team, das aber verrückterweise trotz 7-9 Bilanz die Division gewinnen konnte. Man spielte in den Playoffs zuhause gegen den Titelverteidiger New Orleans, und, naja: Rest ist bekannt.

Das war der beste Laufspielzug der Playoffgeschichte, und das beast mode war geboren. Lynch galt fortan als Gesicht der Carroll-Seahawks: Wuchtig, wild, druckvoll.


Die Seahawks sind heute gebaut nach dem Ebenbild des Pete Carroll. Ich hatte den wirklich aufschlussreichen Artikel von Smart Footballs Chris Brown bei Grantland schon vor zwei Wochen hier verlinkt, aber noch einmal: Who’s laughing now?

Also known as Three-Deep zone coverage, Cover Three is a fundamental defensive building block; almost every high school team in the country runs some version. As the name implies, three defenders drop and divide the field into three deep zones — typically the two cornerbacks on the outsides and the free safety in the middle — while four other defenders drop to defend underneath passes as the remainder rush the QB. This coverage is sound against the pass and allows an extra defender to come up to stop the run, but it’s also conservative, which is why veteran NFL quarterbacks tend to carve it up and thus why it’s not commonly used in the NFL on passing downs.

Die Legion-of-Boom. Die vielleicht beste Defense, die ich bisher gesehen habe. Auf alle Fälle eine der optisch herausragendsten, gewaltigsten. Thomas, Sherman, Chancellor: Viel besseres gibt und gab es nicht zu bestaunen.

Es ist auch eine Defense, die aus außerordentlich vielen Außenseitern gebaut ist, Spielern, die die erste Runde des NFL-Drafts nur vom Hörensagen kennen. Die 2010er-Clique hatten wir schon, aber auch der aktuell größte und bekannteste Seahawks-Star, CB Richard Sherman, war ein Mann aus der fünften Runde. LB Bobby Wagner kam in der zweiten Runde. Der aktuell gesperrte CB Browner? Kam aus der Canadian Football League. Leute wie DT MeBane (3. Runde 2007) oder DT Red Bryant (4. Runde 2008) stammen aus der Zeit vor Carroll, aber sie blühten erst unter ihm auf.

In der Offense: QB Russell Wilson in der dritten Runde. WR Golden Tate in der zweiten Runde. WR Jermaine Kearse und WR Doug Baldwin? Beide wurden überhaupt nicht gedraftet.

Das erstaunliche ist: Die hohen Picks des Pete Carroll gingen eigentlich eher schief. Der G Carpenter (1. Runde 2011) ist Bankdrücker. Der OLB Irvin (1. Runde 2012) gilt als one trick pony und musste heuer wegen diverser Delikte ein Saisonviertel gesperrt aussetzen. Und der letztes Jahr quasi für einen 1st-Rounder geholte WR Percy Harvin war das ganze Jahr verletzt, soll nun aber zurückkehren; okay, wenn Harvin fit ist, ist das einer der zehn besten Skill-Player in der Liga, aber er ist halt fast nie fit.

So arbeitete Carroll fast zwei Jahre lang nahezu ohne Resultat (okay, der Divisionssieg, aber…) vor sich hin. Spät in der Saison 2011 hatte man erstmals das Gefühl, dass sich in Seattles Defense auch vom Output her was regt.


Aber das echte Coming-Out hatte die heute bekannte Version der Seahawks erst im September 2012, als sie in einem Monday Night Game die Mega-Offense der Green Bay Packers nach Strich und Faden killten. Das Spiel von damals ist vor allem bekannt wegen der Replacement-Referees und der bizarren letzten Hail Mary des Russell Wilson, aber (zumindest bei mir) in mindestens ebenso prägender Erinnerung war die Vorstellung der Defense in der ersten Halbzeit, die Aaron Rodgers komplett abwürgte.

Der große Erfolgträger in Seattle war unter Carroll immer die Defense. Das markante Gesicht der ersten Jahre war RB Lynch aus der Offense. Aber der Schlüssel, diese Mannschaft von „gut“ und „Sleeper“ zu „Geheimfavorit“ und „Topfavorit“ war der Quarterback, Russell Wilson. Ohne Quarterback kann auch der ansonsten beste, tiefste Kader nix erreichen. Und Wilson ist nicht irgendein QB.

Wilson kam gegen alle Wetten aus der dritten Runde in die NFL. Er wurde sofort zum Stamm-QB. Nach einigen Eingewöhnungsproblemen in den ersten Wochen mauserte sich Wilson schnell zum heimlichen Star der „Big Three“ (RGIII, Luck, Wilson) der Rookie-QBs. Schon zur Halbzeit seiner ersten Saison gehörte er zu den besten Quarterbacks in der NFL, und wurde zur prägenden Gestalt einer Mannschaft, die gegen Jahresende alles an die Wand spielte, was sich ihr in den Weg stellte.

Dieser Überquall an physischer Energie und wuchtiger Dynamik, mit dem die Seahawks Ende der Saison 2012/13 alles in Grund und Boden walzten, wird für immer das definierende Bild der Carroll-Hawks sein. Es war blanker Zufall, dass die letztlich wohl beste Mannschaft der Saison letztes Jahr nicht die Superbowl erreichte, und es brauchte ein mirakulöses Comeback der nicht schwachen Atlanta Falcons in einem unglaublichen Playoffspiel.

Russell Wilson war dieses Jahr nur noch phasenweise so dominant, aber mit seiner Spielweise muss er trotzdem als Liebling der Massen angesehen werden: Ein untersetzter Mann, der eigentlich eher Kickreturner als Quarterback spielen sollte. Es ist extrem sympathisch, dem Underdog Wilson bei seiner Arbeit in der Pocket zuzusehen. Er strahlt phasenweise totale Kontrolle über sich und den Gegner aus. Es gibt wenig Anmutigeres als einen Wilson in Hochform. Da würdest ihn am liebsten als Plüschtier kaufen. Fragt sich, ob Wilsons „Formkrise“ in den letzten Wochen mehr ihm oder den dominanten gegnerischen Abwehrreihen zuzuschreiben ist.


Wilson ist nicht nur sportlich der Mann, der diesen überaus talentierten Kader über sich hinauswachsen ließ. Wilson ist auch deshalb ein „MVP“, weil er so billig ist. Er kostet die Hawks bloß nahezu das Minimalgehalt, weil er als Rookie aus der dritten Runde in einem skandalösen Kontrakt festgeknebelt ist. Auch Jungs wie Sherman, Chancellor oder Wagner spielen für lau, weswegen sich Seattle in der Offseason 2013 den Luxus leisten konnte, gefürchtete Passrusher wie DE Avril oder den kompletten DE Michael Bennett für okayes Salär einem eh schon enorm tief besetzten Kader hinzuzufügen.

So sind die Carroll-Seahawks dieser Tage ein auf recht unorthodoxem Weg zustande gekommenes, rundum fast komplettes Team. Es lebt von geglückten, späten Draftpicks. Von guten Verträgen. Von einem Trainerstab, der nach unermüdlicher Arbeit und vielen Rückschlägen doch noch die richtigen Schemata gefunden hat. Von einem Quarterback, der allen Unkenrufen zum Trotz die Liga im Sturm genommen hat. Und es ist ein markantes Team voller spektakulärer Charaktere und Geschichten.

Die heutige Ausgabe 2013/14 ist gemessen an dem Image, das die Hawks in der letzten Saison ausstrahlten, zwar tiefer und rundum vielleicht auch besser besetzt, aber es fehlt der letzte Thrill. Die Offense läuft nicht mehr so geschmiert wie 2011. Wilson, diese Wühlmaus, spielt nicht mehr ganz so lights out wie noch vor 12 Monaten. Aber dafür reißt eine der besten Pass-Defenses aller Zeiten, die Legion-of-Boom, alles heraus – sportlich und medial.

Pete Carroll hatte schon immer eine Philosophie, die er umsetzen wollte. Er konnte es nicht immer versuchen, weil ihm das Spielermaterial abging. In Seattle fand sich selbiges ein. Dank seiner pragmatischen Art, die auch Ignoranten wie mir lange suspekt erschien. Dank natürlich auch einem glücklichen Händen. Aber ohne Glück ist es nicht möglich, eine solche Mannschaft zusammenzustellen – und wir sollten sie bestaunen, solange sie noch in dieser Form zusammenspielen kann.

Vielleicht ist der Superbowl Sunday auch schon der Höhepunkt der Seattle Seahawks.