Fußball EURO 2021 Vorschau: Gruppe B

Gestern habe ich Gruppe A der Fußball-EM 2021 gevorschaut. Heute folgt Staffel B mit Belgien, Dänemark, Russland und Finnland. Es ist eine merkwürdige Gruppe.

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Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?

Was von Olympia 2014 an Eindrücken übrig bleibt

Das Eishockeyfinale der Herren (heute 13h MESZ) zwischen Kanada und Schweden steht noch als letzter Höhepunkt der Olympischen Winterspiele 2014 aus – eine Ansetzung, mit der man durchaus rechnen konnte. Beide schlichen sich recht unauffällig durch das Turnier. Kanada würgte Finnland mit einer starken Abwehrleistung nieder und schlug die USA in einem sehr temporeichen, intensiven Spiel. Die Schweden sind extrem spielstark, hatten aber gegen die Finnen mit zunehmender Spieldauer einige Probleme. Am Ende erwies sich der schwedische Abwehrblock aber als extrem souverän und ließ trotz etlicher Strafminuten die finnische Offensive überhaupt nie mehr sowas wie aufkommen. Beide Teams kommen trotz famoser Einzelspieler vor allem über Kollektiv. Ingrendienzien für ein Super-Finale sind gegeben.

Wenn das Herren-Endspiel annähernd das bringt, was das Frauen-Finale USA vs Kanada geliefert hat, wird es automatisch ein instant classic. Was die Frauen lieferten, war ganz beeindruckender Sport. Dieses Tempo und diese Intensität haben mich überrascht. Das war schon extrem ansprechend, ohne all die Spannungsbögen zu berücksichtigen.

Ich wusste natürlich, dass der Zwischenstand +2 pro US-Girls über den wahren Spielverlauf hinweg täuschte und dass er auch die Kommentatoren im TV blendete. Ich weiß um die Zufälligkeit des Spieles „Eishockey“. Das Schussverhältnis zwischen beiden Teams war ausgeglichen. Trotzdem hatte es irgendwo nicht mehr den Anschein, dass den kanadischen Mädels noch eine solche Schlussphase glücken würde… unterstützt natürlich von einem US-Pfostenschuss auf ein leeres kanadisches Tor… zustande gekommen durch eine Schiedsrichterbehinderung einer Kanadierin… du brauchst nicht weiter zu schreiben. Wir haben die Message verstanden.

Von denen, die zusammen gewinnen und verlieren zu denen, die so allein sind wie niemand anderes: Die Eiskunstläufer.

Eiskunstlaufen… ich habe durchaus ein Herz für die Ästhetik dieser Sportart. Dieses sanfte Gleiten zu dramatischer, ruhiger oder flotter Musik hat etwas Erwärmendes. Keine Sportart ist extremer, was diese Kombination aus „allein auf glattem Untergrund vor einer Menschenmasse“ angeht. Bei den Frauen noch krasser als bei den Männern. Es kommt nicht von irgendwo her, dass sie alle nach Ende der Show weinend zusammenbrechen.

Auf der anderen Seite habe ich tief in mir drin innigste Abneigung gegen alle Sportarten, die auf Bewertungsschemata fußen.

Ich habe trotzdem während des Hockeyfinals der Frauen immer wieder rübergeschaltet zur Kür der Damen – Carolina Kostner und dem Betteln meiner Liebsten zuhause sei Dank. Ich gestehe, die letzten Kürläufe waren fantastisch. Sie haben meine Aufmerksamkeit von einem Mannschaftssport (von Hockey!) weg geleitet. Der Daumen zum Wegschalten am Knopf, aber ich konnte nicht.

Und dann sah ich die Entscheidung, und ich wusste wieder, warum ich mir die Eis-Show ganz gerne Freitagnacht gebe, aber bei Olympia sonst nie hinein schalte. Was für eine Verarsche. Ich wusste es. Ich wusste es.

Trotzdem: Kudos für die Koreanerin Kim. Ihre Kür war einer der faszinierendsten Momente dieser Spiele. Ich liebe diesen Sport so sehr wie ich ihn verabscheue. Und ich befürchte, dass ich beim nächsten Mal wieder zuschauen werde.


Bobfahren ist für mich auch immer eines der Highlights bei Olympischen Winterspielen. Nicht, weil ich Cool Runnings gesehen habe, aber Bobfahren ist mit seinen urigen Typen noch ein richtig bodenständiger Sport. Und sie scheinen sich den Erfolg gegenseitig zu gönnen. Ich hab schon wieder den Namen des Siegers vergessen und könnte nur noch sagen, dass der Schweizer Medaillengewinner den Vornamen „Beat“ trug, aber beim Männerbob bereue ich hinterher niemals auch nur eine Sekunde, die ich zugeschaut habe.

Dass auch das Steuern durch den Eiskanal durchaus schwierig ist, siehst du bei den Frauen, die doch deutlich öfter gegen die Banden knallen und im 45°-Winkel dahersegeln. Das Frauenrennen bot die interessante Facette, dass Athletinnen wie die Hürdensprinterin Lolo Jones oder die ehemalige 100m-Weltmeisterin Williams als Anschieberinnen fungierten – eine recht originelle Idee, wie ich fand, auch wenn vor allem der Einsatz der Lolo – durch ihr Bekenntnis zur Jungfräulichkeit zu einem Sexsymbol geworden – in den Staaten durchaus auch kritische Stimmen hervorrief.

Die Heldinnen für mich waren aber die holländischen Bobpilotinnen: Vor dem letzten Lauf Fünfte, holten sie noch einen Platz auf und wurden am Ende Vierte. Die Steuerfrau, eine Ärztin, freute sich wie Bolle drüber. Ihre schwarze Anschieberin lag ihr heulend und schluchzend vor Freude im Arm. Wer sich so freut über einen vierten Platz bei Olympia, ist mit sich selbst bestimmt im Reinen, dass es ein Traum ist.

„Olympischer Moment“ ist auch Freude, und die Kombination aus der spannenden Entscheidung und dem Jubelknäuel der deutschen Mannschafts-Skispringer war diesbezüglich durchaus einer der besten Momente. Skispringen ist durch seine Unübersichtlichkeit und sein undurchsichtiges Bewertungssystem immer mehr unwatchable geworden, aber die Mannschaftsentscheidung fesselte mich an den Schirm bis zum Ende.

Dass Mario Matt den Slalom gewinnen konnte, freut mich ungemein. Ich habe Matt stets als echten Sportmann wahrgenommen, der irgendwie nicht in diese ORF-Hypemaschine passte. Dass Matt mit Hirscher einen meiner anderen Favoriten (Stichwort Preisgeld-Spende für Erdrutschopfer in Südtirol 2012) schlug – geschenkt. Hirscher wird noch Chancen bekommen. Matt ist mit 35 Lenze am Ende der Fahnenstange angekommen.

Ach ja, Tina Maze. Jahrelang das Symbol der unglücklichen Verliererin, die nahezu jede Weltmeisterschaft mit vier Hundertstelsekunden Rückstand auf dem Silberplatz beendet, waren diesmal die Hundertstel auf ihrer Seite: Ex-aequo Sieger in der Abfahrt, sieben Hundertstel im Riesenslalom ins Ziel gerettet. Glück und Pech gleichen sich im Leben aus, wenn man es nur lange genug versucht – zumindest meistens.


Was bleibt sonst?

Neue Sportarten, die ich gut finde. Skicross ist etwas, das ich mich aus blanker Angst nicht mehr aktiv auszuüben traue, aber die Crosser in Sochi hatten was. Da ist viel mehr Action drin als im x-ten Kombinationswettbewerb bei den Alpinen. Wo kann man die 17384m-Distanz im Eisschnelllauf rauswählen für mehr Skicross-Bewerbe?

Skicross > Slopestyle. Slopestyle lebt ähnlich wie der Eiskunstlauf von einer willkürlichen Siegerentscheidung, aber man hatte bei den Beteiligten wenigstens nicht das Gefühl, dass es ihnen mit Nachdruck um eine Medaille ging. Ich hab den 720 backflip Grabb gemacht, was kümmert mich die Silbrige? Vor allem bei den Herren war das atemberaubend und X-Games würdig.

Mein letzter Star ist das russische Publikum, vor allem in der Eishockey-Arena. Das Turnier endete für die Russen in einer kolossalen, aber nicht komplett unvorbereiteten, Enttäuschung, aber diese Stimmung in den ersten Tagen im Hockey-Stadion werde ich nicht vergessen. Es lief nicht alles rund für die Sbornaja, aber ein Publikum, das so bedingungslos hinter seiner Mannschaft steht ohne auch nur den leisesten Mucks obwohl es sportlich haperte, ist man als Hardcore-Konsument der amerikanischen Profiligen (booooooooooooooooooooo) oder der immer weicher gekochten Fußball-Atmosphäre im Spitzensport fast nicht mehr gewohnt. Der amerikanische College-Sport kommt noch nahe hin, aber danke, liebe Russen.

Das finale Ranking vor dem Finale

  1. Holländischer Damen-Bob.
  2. Kim Yu-na.
  3. T.J. Oshie und Russland vs USA
  4. Short-Track 500m Herren (Victor An)
  5. Damenfinale Hockey.
  6. Ski-Cross across the board.
  7. Snowboard-Slopestyle Herren
  8. Mannschafts-Skispringen Herren
  9. Michaela Shiffrin (Slalom Damen)
  10. Mario Matt (Slalom Herren)

Rein von der Unterhaltung waren es durchaus unterhaltsame Spiele… oder so.

Die Olympische Eishockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe A

Am Mittwoch, 12.2. beginnt das olympische Hockey-Turnier der Männer, für das sogar die NHL pausiert und eine ganze Latte an Stars abstellt. 12 Mannschaften sind auf drei Vorrundengruppen aufgeteilt qualifiziert. Sie werden im Round-Robin Modus jeweils drei Vorrundenspiele bestreiten. Die drei Gruppensieger plus der beste Zweiter qualifizieren sich für das Viertelfinale. Die vier verbleibenden Gegner werden in einer Hoffnungsrunde aus den acht restlichen Mannschaften ermittelt. Das garantiert, dass jede Mannschaft mindestens vier Auftritte unter Wettkampfbedingungen hat. Danach wird im KO-Modus der Goldmedaillengewinner ausgespielt.

Viele Spiele werden von SPORT1 (das sublizenziert wurde) übertragen: Sendepläne und Streaming-Angebote kann man direkt von der Sender-Homepage übernehmen. Hockey ist für mich neben dem Curling-Turnier und den Alpinen Skiwettbewerben immer das ganz große Highlight der Winter-Olympiade, also nutze ich mal den Sideline Reporter, um mich auf das Turnier und seine Mannschaften einzustimmen. Ich beginne heute mit der Gruppe A.

Russland
USA
Slowakei
Slowenien

Russland

Die russische Mannschaft („Sbornaja“) ist die launische Diva des Eishockeysports. An guten Tagen zerlegt sie die Konkurrenz mit ihrem geschwindigen, technisch feinen Spiel, dass es eine Augenweide ist. Auf der anderen Seite ist sie in permanenter Gefahr, ihr Katastrophenpotenzial auszuschöpfen und hirnrissige Pleiten mit komplett lahmen Leistungen einzubauen. Es ist ein „ur-russisches“ Problem, und es ist schwierig nachzuvollziehen.

Das russische Angriffspersonal ist absolute Sahne und schon allein wegen der phänomenalen Ausnahmekönner wie dem Left Winger Alexander Ovechkin oder dem Center Evgeni Malkin gehört diese Auswahl immer zu den Topfavoriten. Habe ich Right Winger Kovalchuk oder Pavel Datsyuk (stand letzte Woche wieder im Aufgebot der Red Wings) bereits erwähnt? Nein? Die bilden nur das „Beiwerk“ zu Ovechkin und Malkin, den beiden letzten NHL-MVPs der Jahre 2012 und 2013.

Auf der anderen Seite beherbergt die seit Jahren schwelende Fehde zwischen Ovechkin und Malkin weiterhin Konfliktpotenzial. So gut diese beiden Einzelspieler sind, sie können sich immer noch nicht wirklich riechen. Vielleicht ist das aber egal; die beiden werden möglicherweise nicht in der gleichen Reihe aufgeboten.

Ovechkin ist immer noch der vielleicht faszinierendste Hockeyspieler der Welt, eine derartige Wucht auf dem Flügel, dass um ihn herum alles verblasst wenn dieser helle Stern in Aktion tritt. Heuer hat Ovechkin in 5-vs-5 Situationen in der NHL-Saison erst 17 Treffer erzielt (insgesamt 40, was die Torschützenliste deutlich anführt), aber das täuscht über seinen wahren Wert hinweg: Die Schuss-Statistik ist für die Qualität die bessere Argumentation, und Ovechkin gibt sensationelle 13 Schüsse pro 60 Spielminuten in 5-vs-5 Situationen ab. Ovechkin führt die iFenwick und iCorsi Wertungen der Liga an. Das sind die beiden Statistiken, die am nächsten das abbilden, was in der NFL der NY/A Wert ist.

So prächtig die russische Offensive ist, es gibt Fragezeichen in der Defense. Coach Bilyaletdinov wird vorgeworfen, die Nominierung der Spieler nicht nach dem Löwschen Leistungsprinzip vorgenommen zu haben, sondern ganz inzestuös auf die Spieler zu setzen, die ihm in den letzten Jahren schon des Öfteren den verlängerten Rücken gerettet haben. Bilyaletdinov setzt lieber auf eingespielte Pärchen in der Abwehr als auf Experimente, wobei Leute wie Voinov und Belov schon in den letzten Jahren nicht immer für Stabilität standen.

Immerhin gelten die beiden Goalies als mittlerweile etablierte NHL-Stars: Bobrosky (Columbus, 92.8% Saves) und Varlamov (Colorado, 93.5% Saves) gelten als Stammspieler in ihren jeweiligen Franchises und sollten das in den letzten Jahren immer mal wieder zutage getretene „Torhüterproblem“ bei den Russen zumindest lindern können.

Kurzum: Die Russen sind „loaded“ in der Offensive, sie haben hinter den Big-4 noch Winger wie Semin oder Radulov zum Einwechseln für zwischendurch bereitstehen. Die Defense ist suspekt, aber das Power-Play der Russen ist unbremsbar. Das Spielermaterial gibt es her. Die Teamchemie ist aber noch ein Fragezeichen, und dann ist da noch der Druck des Gewinnen Müssens im eigenen Land, nicht unähnlich der kanadischen Seele vor vier Jahren. Damals wurde der Volksheld Crosby zum Gold-Boy. Wird es Ovechkin, dem man zurecht oder nicht eine gewisse Peyton-Manningsche Spotlight-Allergie nachsagt, ihm gleichtun?

USA

Es gibt auf alle Fälle schon in der eigenen Gruppe heftige Konkurrenz. Die USA gelten seit Jahren als eine Art dark horse, denen man schon oft voraus prognostizierte, sie seien noch nicht so weit, aber es sei bald soweit, und trotzdem standen sie zuletzt mehrfach im olympischen Finale knapp vor dem ganz großen Triumph. Diesmal wurde der Pens-Coach Dan Bylsma als US-Coach engagiert, und es sind sich alle einer Meinung: Dieser Kader ist der beste, den die US-Boys jemals hatten.

I’m not convinced, um ehrlich zu sein. Bylsma nominierte einen Kader, der auf potenzielle Scorer wie Bobby Ryan verzichtete, um irgendwelche „Role Player“ für die dritte Reihe oder die Shutdown-Line mitzunehmen. Ist das der richtige Weg in der NHL? Absolut, denn bei 30 Franchises gibt es nicht genügend Spielermaterial, um alle Teams mit gleichwertigen 24-Mann Kader zu füllen. Aber bei Olympia hast du dieses Problem nicht. Du kannst deine besten auswählen. Bylsma verzichtete darauf.

Die Offense der USA bietet zwei potenziell überragende Winger-Reihen auf: Patrick Kane, Zach Parise, Olympia-Spezialist Phil Kessel und James van Riemsdyk können egal in welcher Kombination für locker zwei Drittel und mehr fantastischen Druck erzeugen. Das ist allein von der Qualität und Tiefe vielleicht noch besser als die russischen Winger. Allein: An richtigen Center vermissen sie in den Staaten. Möglicherweise werden Kesler oder Pavelski per Handzeichen reingewählt, weil es sonst niemanden gibt. Immerhin sollten solche Jungs die Defensive stärken.

Die Blue-Line ist durchaus nicht immer sattelfest mit nur einem wirklichen NHL-Star der gehobenen Klasse im allerdings einzigartigen Ryan Suter (Minnesota Wild). Dass sie nicht zum allergrößten Problem wird, dafür könnte aber das Herzstück der amerikanischen Mannschaft sorgen: Die Goalies.

Manche Mannschaft wäre mit einem 80%igen Jonathan Quick schon zufrieden, aber Quick ist in den Staaten wohl noch nichtmal die Nummer 1 trotz 92.4% Save-Quote. Quick und sein „Vorgesetzter“ Ryan Miller sind sich in den Save-Quoten nicht unähnlich, aber wo ein Quick in Los Angeles hinter einer funktionierenden Mannschaft spielt, hält Miller in Buffalo seit zwei Jahren einen kompletten Trümmerhaufen quasi im Alleingang zusammen und verhindert den Komplettabsturz.

Wenn Bylsma diesen Kader in der kurzen Zeit zu einer funktionierenden Mannschaft formen kann, wenn die Goalies heißlaufen, wenn sich das Center-Problem nicht als echtes Problem herauskristallisiert und etwas Glück in kritischen Momenten dazukommt, dann kann das durchaus was werden mit der Goldmedaille für die USA. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht dran. Es gibt komplettere Mannschaften in diesem Turnier.

Slowakei

Auch die Slowakei ist einigermaßen „frontgeloaded“, mit einigen größeren Namen, die jeder Eishockeyinteressierte aus dem Effeff herunterrattern kann, aber hinter der ersten und zweiten Linie gibt es nur beschränkte Optionen.

Vor allem die Defense der Slowaken dürfte eine Sollbruchstelle werden. Der häufig bockstarke Goalie Halak (92.3% Savings) kann die Kohlen nicht im Alleingang aus dem Feuer holen, und spätestens seit fix ist, dass Visnovsky von den Islanders ausfallen wird, dürfte jedem klar sein, dass die slowakische Defensive nicht den höchsten Ansprüchen genügen wird.

Immerhin hat die Abwehr aber einen markanten Superstar: Zdeno Chara, den 2.06m-Hünen von den Boston Bruins, den größten NFL-Spieler ever. Chara war am Freitag bei der Eröffnungsfeier, als die Kollegen in der NHL noch spielten, der Fahnenträger der slowakischen Olympia-Delegation.

Im Sturm wird bei den Slowaken nach dem Ausfall von Marian Gaborik alles über den Flügelspieler Marian Hossa laufen. Hossa ist einer der Spieler der Güteklasse, sagen wir, Curtis Martin um einen Quervergleich mit der NFL zu wagen: Jahrzehntelang ein Leistungsträger in jeder seiner Mannschaften, aber nie der ganz große Star, der aus seiner Mannschaft herausragt, weil es immer einen Bledsoe oder John Abraham gibt, der dich überstrahlt… bis du am Karriereende realisierst, dass er 1000 Spiele mit minimum 500 Toren und weit über 1000 Scorerpunkten aufm Konto hat und in die Hall of Fame gehört. Das ist Hossa, einer meiner Lieblingsspieler.

Aber Hossa kann es nicht allein reißen. Du kannst ihm kaum zwei Drittel Eiszeit geben und hoffen, dass er seine sensationelle Pace (ich hab was von 1.7 Scorer-Punkten pro Olympiaeinsatz gelesen) hält.

Die Slowaken sind so einer der brandgefährlichen Außenseiter. Sie können an einem guten Tag, an dem es einigermaßen für sie läuft, jeden schlagen. Aber ich bin nicht überzeugt, dass sie sich durch drei K.O.-Spiele hindurch unversehrt durchwursteln. Dafür müsste Halak schon sensationell heiß laufen und vorne… naja, Jungspunde wie Panik oder Tatar brauchen auch ihre Breakouts um Hossa halbwegs zu unterstützen.

Slowenien

Jede Gruppe braucht einen krassen Außenseiter, und in der Gruppe A trifft dieses Mantra auf die Slowenen zu, die keinen Stich machen werden. Für Slowenien ist es schon ein großer Erfolg, die Qualifikation geschafft zu haben (immerhin Weißrussland, Dänemark und Ukraine geschlagen), aber das dürfte es dann auch gewesen sein. Mit Anze Kopitar (Stürmer, Ergänzungsspieler LA Kings) gibt es nur einen einzigen aktuellen NHL-Spieler im Kader, aber immerhin: Die Quali haben die Slowenen ohne Kopitar geschafft.

Mehrere der Slowenen spielen in der Schweizer Liga, der schwedischen oder aber auch, wie im Fall vom Goalie Luka Gracnar in der österreichischen Liga in Salzburg. Bekannter Spieler ist bei mir eigentlich nur der Backup-Goalie Hocevar, der vor ein paar Jahren ums Eck in Pontebba aufgelaufen ist.

Die Slowenen müssen hoffen, nicht allzu heftig abgeschossen zu werden. Aber sie sind sicher das qualitativ schwächste aller heurigen Olympia-Teilnehmer.


Spieltage (alle Uhrzeiten MEZ)

  1. Am 13.2.: Russland – Slowenien (13h30), USA – Slowakei (13h30)
  2. Am 15.2.: Slowakei – Slowenien (9h), USA – Russland (13h30)
  3. Am 16.2.: Slowenien – USA (13h30), Russland – Slowakei (13h30)