NFL-Franchises im Kurzporträt, #16: San Diego Chargers

Pleiten, Pech und Pannen unter Palmen… oder so. Ein paar der größten Spieler aller Zeiten haben in San Diego gewirkt. Erfolge hat die Franchise indes kaum vorzuweisen.

Erste Stromschläge

Gegründet 1959 als Los Angeles Chargers, ist die Franchise schnell nach San Diego runtergezogen und spielte fortan ein Jahrzehnt in der American Football League. Einmal reichte es dabei sogar zum Titel – 1963 in einem lächerlichen Endspielkantersieg über New England. Allerdings waren die „Football unter Palmen“-Chargers schon immer eher die Schönwetterspieler und absolvierten immer periodisch eine gute und dann wieder 2-3 schlechte Jahre.

Die Jahre von „Air Coryell“

Ab Mitte der 70er quarterbackte der Kalifornier Dan Fouts die Chargers und mit Beginn der 80er war man ein hoch respektiertes Team, das allerdings zweimal das AFC-Finale verlor. Diese Jahre sind in den NFL-Annalen als die Jahre der spektakulären, vertikalen Offense „Air Coryell“ verankert, eine für die damalige Zeit revolutionäre Offense mit starker Einbindung des Tight Ends Kellen Winslow sr. – Vorläufer der von Joe Gibbs, Norv Turner oder Mike Martz veranstalteten Angriffsspektakel.

Vor allem die 81er-Mannschaft lieferte zwei ganz nette Anekdoten für die Footballhistorie – zuerst mit einer gewonnenen, spektakulären Offensivschlacht in Miami. Und dann mit dem AFC-Finale.

Es war ein lauer Vorfühlingstag bitterbitterkalter Abend in Cincinnati, so kalt, ich höre Echo des klirrenden Fensterscheiben immer noch. Gemütliche -22°C bei Windstille und Windchill -50°Celsius.

Minus fuffzich.

Ich musste mal bei -24° (Windchill nicht reingerechnet) zehn-zwölf Minuten sturmbedingt auf einem Skilift ausharren. Ich kann garantieren, dass das nicht so angenehm ist (hint: schamlose Untertreibung). Wer da ohne Handschuhe Football spielt oder mit Handschuhen auf der Tribüne sitzt, hat einen Knicks in der linken Gehirnhälfte. San Diego ging 7-27 „baden“.

Danach war man jahrelang ein eher verspottetes Team, bis 1992 Bobby Ross neuer Head Coach wurde und nach einem Fehlstart innerhalb weniger Jahre um den legendären Linebacker Junior Seau eine höheren Ansprüchen genügende Mannschaft baute. Dass die AFC eine schwache Conference war – geschenkt. 1994 wurstelte man sich sogar bis in die Super Bowl durch. Ergebnis: Eine verheerende Schlappe gegen San Francisco, und nur deshalb 23-Punkte-Niederlage, weil die 49ers auf halbem Weg keine Lust mehr hatten.

Der Aufschwung war nur von kurzer Dauer. San Diego begab sich in der Folge wieder in die kuscheligen Niederungen der AFC West. Unglaublich: Schon jetzt sind acht (!) Mitglieder der Superbowl-Mannschaft der Chargers gestorben. Und es sind bizarre Tode: Selbstmorde (Junior Seau), Blitzeinschläge, Flugzeugabstürze – letzterer betraf einen besonders gruseliger Fall in die Everglades, die Sümpfe Floridas. Über Flug ValuJet 592, den Absturz und die Suchaktion danach, habe ich mal eine Dokumentation gesehen, ich werde noch heute beim Gedanken daran vom Schauer übermannt.

Talentvergeudung at its worst

1998 hatte man im Draft die zweite Wahl und holte QB Ryan Leaf. Leaf galt als so gut wie der direkt vor ihm genommene Peyton Manning. Resultat: Manning gilt heute als einer der besten QBs ever. Leaf gilt als einer der größten Flops ever, verscherzte es sich mit alles und jedem und machte nur noch als Modelficker und Drogendealer Schlagzeilen.

Der Flop Leaf führte auch dazu, dass die besten Jahre des kurz danach geholten RB LaDainian Tomlinson einfach verschenkt wurden, da der QB Drew Brees zu lange brauchte, um sich zu entwickeln und seine Blütezeit dann woanders erlebte. San Diego hatte so schlechtes Ansehen, dass 2004 der von den Chargers auserwählte Eli Manning fast Rotz und Wasser heulte, als ihn S.D. an #1 draftete.

Marty Schottenheimer coachte San Diego aber immerhin zu respektablen Saisons – 2006/07 war man das beste Team der NFL, nur um das erste Playoffspiel daheim zu vergeigen. Seither coacht Norv Turner. Resultat: Fast jedes Jahr starten die Bolts katastrophal, erreichen dann dank Kraftakt die Post Season, gewinnen dort ein Spiel und fliegen dann raus. QB Philip Rivers gehört zu den besten, aber das Fenster des Erfolgs schließt sich langsam.

QUALCOMM Stadium

Qualcomm Stadium

Qualcomm Stadium

San Diegos Footballstadion hat gewaltige Ausmaße für seine 67.000 Plätze, gilt aber trotz seiner wehenden Fähnchen und FootballunterPalmen-Image als langweilig und veraltet. Im vergangenen Winter war das Stadion sogar mal überflutet. Lange spielen die Chargers nicht mehr hier.

Rivalitäten

Die ganz großen Rivalitäten haben die Chargers nicht entwickelt. Selbst in den klassischen Auseinander-„Fetzungen“ der AFC West ist man eher der Außenseiter. Am ehesten waren in den vergangenen Jahren die Denver Broncos der größte Konkurrent, wenn auch „nur“ sportlicher Natur. Diverse Playoffgeschichten lieferte man im abgelaufenen Jahrzehnt mit Jets, Patriots und Colts, aber von einer echten Rivalität zu sprechen, wäre glaube ich vermessen.

Gesichter der Franchise

  • Dan Fouts – QB mit tiefsten Bomben Anfang der 80er, als die Chargers ihre erste Glanzzeit hatten.
  • Junior Seau – LB. Legendärer Linebacker und der Star schlechthin der Chargers in den 90ern. Nahm sich vor wenigen Wochen das Leben und dürfte posthum in die Hall of Fame gewählt werden.
  • Rodney Harrison – SS. Lange Zeit ein Idol in San Diego, ehe er dann in New England zwei Superbowls holte und einen dritten knapp verpasste – weil sein Gegenspieler den Ball mit dem Helm fing.
  • Ryan Leaf – QB und legendärer Bust im 1998er-Draft. Ich finde es ja witzig, dass sämtliche Pundits auf die Chargers und den Leaf-Pick als kolossale Dummheit so einprügeln, nachdem es vor dem Draft Konsens gewesen war, dass Leaf die #2 locker wert sei. Klassischer Fall von hindsight bias.
  • LaDainian Tomlinson – RB. Gilt als einer der besten Running Backs aller Zeiten. Persönlichkeit mit Klasse, deren sportliche Höchstleistungen in San Diego aufgrund zahlreicher anderweitiger Probleme regelrecht verschenkt wurden.
  • Philip Rivers – QB. Spielt noch nicht lange, darf aber als einer der erfolgreichsten Luftjäger angesehen werden.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2006/07 gegen die Patriots – Marty Schottenheimer at his best. San Diego dominierte nach Strich und Faden und hätte die Patriots zur Halbzeit unter der Erde haben müssen. Aber als Brady innerhalb von Sekunden einen rattenscharfen Drive das Spielfeld hinunterorchestierte, war klar: Die Patriots bleiben im Spiel. Schlussviertel, Brady auf der Suche nach dem Comeback: Interception der Defense, Spiel AUS…

Wait! Der Verteidiger McCree mit dem Fumble beim Return, der das Spiel gewinnen muss (!!!). Brady kriegt die zweite Chance, gleicht aus, dreht Minuten später die Partie und mit auslaufender Uhr verschießen die Chargers das Field Goal und verlieren als deutlich besseres, aber weniger abgewichstes Team daheim 21-24, trotz Acht-Punkte-Führung und Interception.

Eckdaten

Gegründet: 1959
Besitzer: Alex Spanos (Immobilien)
Division: AFC West
Erfolge: Superbowl-Verlierer 1994, AFL-Champion 1963, 17x Playoffs (10-16)

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.

NFL Draft 2011 Countdown T-minus 9 – Draft? Watt is des?

Laut Sports Illustrated ist der Tag, an dem die erste Runde im NFL Draft abgehalten wird,  der siebtbeste Sporttag des Jahres. Und es stimmt: NFL Draft, das hat was. Der bzw. die Tage, an denen monatelanges Sezieren von Jungspunden endet und die 32 Mannschaften ihre Hoffnungsträger für die Zukunft auswählen.

Anders als hierzulande haben die jungen Sportler in Übersee nämlich keine freie Arbeitsplatzwahl. Der Draft ist ein System, bei dem die 32 Mannschaften in der NFL (bzw. 30 in MLB, NBA, NHL) in gestürzter Reihenfolge sieben Runden lang College-Talente auswählen können. In den CBA-Verhandlungen war auch der NFL-Draft eines der Themen. Nicht alle sind damit glücklich. Kartellrechtlich verstoßen die großen Ligen gegen das Gesetz, aber dank zig Kompromissen hält sich der Draft.

Er ist auch ein Garant dafür, dass in den amerikanischen Ligen sportlich erstaunliches Gleichgewicht im Vergleich z.B. zum europäischen Fußball herrscht. Mal ausgeklammert, dass man auch jahrelang Matt Millen an die Front schicken kann, haben jedes Jahr die schwächsten Teams das erste Draftrecht und der Superbowl-Champ das letzte in jeder Runde.

Dadurch und durch die (zumindest theoretische) finanzielle Gleichberechtigung haben die 32 Mannschaften zumindest halbwegs gleich gute Chancen, ein Spitzenteam zu werden.

Draft 2011

Do., 28. April – 1. Runde
Fr., 29. April – 2. und 3. Runde
Sa., 30. April –
4., 5., 6. und 7. Runde

Ein kleines Glossar zum NFL Draft

Allgemein

Draft class – der „Jahrgang“. Heuer sprechen wir von „Class of 2011“.

Rookie – jeder Spieler, ob gedraftet oder nicht, ist, sofern er es in einen NFL-Kader schafft, ein „Rookie“. Für ein Jahr lang.

Vor dem Draft

Big board – das Tableau von Teams, Gurus, Medien oder Fans, in denen die Wertigkeit eines jeden Spielers angegeben. Sozusagen die Priorisierung auf Basis von Spielstärke, Notwendigkeit aufgrund von Lücken im Kader und Potenzial des Anwärters.

1st/2nd/3rd/4th/5th/late round grade – Im Big Board kriegen die Spieler auch eine “Wertigkeit” der anderen Art: Ist ein Spieler einen Pick in Runde #2 wert oder warten wir lieber eine Runde, bis er uns in Runde #3 in den Schoß fällt?

Mock draft – sprießen in diesen Tagen und Wochen aus dem Boden wie Unkraut auf den immer grüner werdenden Wiesen. Auch NFL@Spox und Vier Viertel haben schon mock drafts veranstaltet. Es handelt sich hierbei um Prognosen, welche Spieler von welchen Teams gedraftet werden, unter Missachtung von Trades und selten mit einer größeren Präzision als 25% für die erste Runde.

Draft Day

Draft guru – die Experten der großen amerikanischen Zeitungen, Medien und TV-Stationen. Leute, die sich für Halbgötter halten und die man Jahre später immer wieder für ihre horrenden Fehlprognosen teeren und federn könnte. Die bekanntesten sind der eigenartig kultige Mel Kiper (ESPN) und der fachlich ungeheuer bewanderte, jedes Jahr etwas weniger lispelnde Mike Mayock (NFL Network), den ich für den besten von allen halte.

Radio City Music Hall – der Ort des Geschehens. In dieser Halle in New York City findet der NFL Draft statt. Meistens bevölkert von haufenweise Jets- und Giants-Fans, die alles andere niederbuhen und am meisten ihre eigenen Teams.

Draft Prospect – sowas wie ein „Anwärter“. Alle Spieler, die in den Draft gehen, sind sog. Prospects, also Kandidaten.

(Draft) Pick – Das Wahlrecht wird im Jargon „pick“ (analog zum sich etwas aus der Masse herauspicken) genannt.

On the clock – ist die Mannschaft, die den nächsten Pick hat, also als nächstes wählen kann.

#1 overall pick – der erste Spieler, der ausgewählt wird.

1st round draft pick – Ein Spieler, der in der ersten Runde ausgewählt wird.

On the board – ist die Mannschaft, die grad ihre paar Minuten Zeit zum Draften eines Spielers hat.

Off the board – ist ein Spieler, der schon gedraftet worden ist.

Draft day trade – ein integraler Bestandteil des Drafts. Ich gebe dir Pick 17 in Runde 1 im Gegenzug für Pick 13 in Runde 2 und Pick 3 in Runde 4. Oder so. Auch langjährige NFL-Profis sind Tauschwaren, aufgrund der CBA-Situation aber nicht in diesem Jahr.

No brainer – Einem Team mit einer klaffenden Lücke fällt zufällig ein hoch talentierter Spieler in den Schoß, der eigentlich schon hätte vor 15 Picks weggehen müssen. Das ist dann ein no brainer. Nicht zweimal drüber nachdenken, Spieler draften und Sekt ausm Kühlschrank holen.

Steal – ein Spieler, der nach Ansicht der Experten basierend auf seinem Potenzial zu spät gedraftet wurde. Anders gesagt: Ein Schnäppchen.

Reach – Das Gegenteil vom steal. Anders gesagt: Ted Ginn jr.

System quarterback – Quarterbacks, die eine starke College-Karriere hinter sich haben, deren Leistungen aber dadurch geschmälert werden, dass sie in simplen Systemen gespielt haben und in anderen, NFL-artigen Systemen nicht funktionieren können.

Red flag – Spieler mit fragwürdigem Charakter oder Verletzungshistorie in Gelbeseiten-Format. Im milden Fall Koksnasen, Schläger, Diebe, Waffenfans, geldgeile Säcke und im schlimmsten Fall Spieler, die mehr als 1kg Übergewicht mit sich rumschleppen.

Safe pick/safe choice – Spieler, die als sehr reif für die NFL gelten und daher als entsprechend „risikolos“ angesehen werden. Oft verbunden mit der Floskel you can’t go wrong with this guy. Spieler wie einst Matt Leinart 😉

Risk pick/Potential bust – Spieler, denen man bei allem großen Potenzial nachsagt, sie würden in der NFL floppen.

The next Ryan Leaf – die Steigerungsform von „potential bust“. Ein Spieler, meist Quarterback, der ganz hoch einberufen werden soll, der aber als besonders riskanter Pick gilt.

The next Jamarcus Russell – Steigerungsform von „the next Ryan Leaf“.

Mr. Irrelevant – der Spieler, der in der allerletzten Runde als allerletztes ausgewählt wird.

Nach dem Draft

Undrafted free agent – die Spieler, die nicht unter den ca. 250-260 gedrafteten sind, können als Free Agents (sofern irgendwann das CBA autographiert wird) zu jedem Team stoßen. Also alles, was nach Mr. Irrelvant kommt.

Draft grade – die Noten, die nach dem Draft für jeden Pick und jedes Team vergeben werden. Noten, die man spätestens zwei Saisons später getrost die Etsch runterspülen kann. Nicht zu verwechseln mit den 1st/2nd/3rd/late round grades von oben.

Rookie symposium – Fete für alle Rookies ein paar Tage nach dem Draft, wo die Jungs auf die Gefahren in der NFL hingewiesen werden sollen. Klappte besonders gut bei: Pacman Jones oder Aqib Talib, der sogar beim Symposium mit einem zukünftigen Teamkollegen schlägerte.