Lesestoff für’s Wochenende: Patriots-Talk mit Herrmann

Bill Belichick

Bill Belichick, der beste Football-Coach der Gegenwart - ©Flickr

In diesen Tagen wird der neue Tarifvertrag abgeschlossen, der sogar eine komplette Preseason ermöglicht. Die nächsten Tage werden chaotisch ablaufen, nachdem mehr oder weniger zeitgleich Rookies und Free Agents verpflichtet, die Kader ausgemistet werden und nebenbei finden auch die Trainingslager statt. Volles Programm also für die 32 NFL-Teams.

Niemals unspannend ist die Situation in New England, wo mit Bill Belichick nicht nur ein sehr guter Trainer am Werk ist, sondern auch ein Alleinherrscher, dessen Transaktionen immer wieder für Verblüffung sorgen. Diesmal gehen die Patriots mit mehr Fragezeichen in den August als in den April – einer fragwürdigen Draft-Strategie sei „Dank“. Wird Belichick den Kader kurzfristig noch radikal umbauen, oder sich mit vorhandenem Personal durchwursteln? Ich habe mich darüber mit Herrmann von Vier Viertel plus Nachspielzeit – seines Zeichen Patriots-Fan und hier schon mehrfach als Gastkommentator aufgetreten – unterhalten.

#1 Der gedachte Kader der Patriots schaut aktuell recht wild aus, nachdem Belichick trotz dringender Not lieber ein halbes Dutzend Angriffsspieler anstelle von Pass Rushers draftete. Wird Belichick auf Creative Coaching vertrauen oder doch noch einen Pass Rusher aus der Free-Agents-Lotterie ziehen, obwohl gerade die Auswahl an 3-4 DE/OLBs recht beschränkt ist?

Das leidige Pass-Rusher-Thema. Mittlerweile schon seit Jahren. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum Belichick in den letzten drei Jahren keinen Pass Rusher gedraftet hat. Zumindest hat man mit Mike Wright und Ty Warren zwei herzeigbare Pass Rusher als 3-4-DE. Warren hat die gesamte letzte Saison verletzt gefehlt; Wright kam in den zehn Spielen vor seiner Verletzung auf 5,5 Sacks. Bei den OLBs sieht es sehr dünn aus.

Tully Banta-Cain hat 2010 enttäuscht; Jermaine Cunningham ist am besten als DE in der 4-2-Nickel-Defense; Rob Ninkovich sah zeitweise ganz gut aus; Eric Moore bei einigen Kurzeinsätzen auch. 6th-rd pick Markell Carter wird wohl keine Rolle spielen. Da ist nicht einer so gut, daß er ein starker Starting-OLB wär. Cunningham, TBC, Ninkovich und Moore kann man alle in bestimmten Situationen bringen und manchmal sehen sie dabei sogar recht gut aus. Aber wenn man den Super Bowl gewinnen will, kann das nicht ausreichen.

Ein perfekt passender FA wäre Matt Roth, Cleveland Browns. Roth hat, wenn er auf dem Feld war, stark gegen den QB gearbeitet; er sollte sich sehr schnell in der Defense zurechtfinden, weil er in den letzten beiden Jahren unter den Belichick-Schülern Eric Mangini und Rob Ryan gespielt hat; und er sollte auch nicht allzu teuer sein.

#2 Die Patriots halten trotz ihres Status als pass first team einen Wust an Running Backs zur Auswahl, vom opportunistischen Green-Ellis über den wuseligen Woodhead hin zu zwei untersetzten, kräftigen, fangstarken Rookie-Backs. Wer wird bleiben dürfen und was wird aus Taylor, Morris und vor allem Faulk?

Green-Ellis und Woodhead sind gesetzt. Wenn die beiden Rookies Vereen und Ridley sich nicht total dämlich anstellen, wird auf jeden Fall Taylor keinen Platz mehr haben und höchst wahrscheinlich Morris auch nicht mehr. Die Pats werden nur vier RBs im aktive Kader haben. Prediction: Boston Legal, Woodhead, Faulk und einer der beiden Rookies sind im Team; der andere Rookie kommt in die Practice Squad – so lange, bis Faulk sich verletzt (over/under 4 Wochen); dann tritt Faulk zurück, Rookie rückt auf und in die Practice Squad kommt wieder Thomas Clayton.

#3 Ryan Malletts Einberufung hinterlässt immer noch offene Münder: Ein Raketenarm in einer Kurzpassoffense, ein angebliches Problemkind in der ultimativen team first-Franchise. Ist Mallett wirklich längerfristig als Brady-Ersatz angedacht und was bedeutet der Pick kurzfristig für Brian Hoyer?

Ich glaube Mallett wird in ein sehr kompetetives Umfeld geschmissen – und das gewollt. Er wird das Training Camp als Nr. 3 hinter Brady und Hoyer beginnen und wird sehr stark sein müssen, um an Hoyer vorbeizukommen. Mir hat Hoyer (in den Pre-Season-Games) immer sehr gut gefallen und wenn er so weitermacht, wird er der längstdienende QB-Backup der Pats sein seit Matt Cassel. Und er hat schonmal einen 3rd-round-pick ausgestochen: Kevin O`Connell. (2008, war schnell vergessen. Wurde dann von den Jets unter Vertrag genommen.)

Die Patriots haben schon öfter mal Spieler geholt, die Peronal Red Flags hatten. Wenn Mallett sein Ego zurückstellt und gut arbeitet, könnte er durchaus mal der Nachfolger von Brady werden. Wenn Mallett sofort einschlägt und alle überzeugt, wird Hoyer wohl getradet. Es war nicht überraschend, wenn man einen 4th- oder 5th-rd Pick für ihn bekommt. Ansonsten bekommt Mallett ein „Redshirt“ und kämpft in der nächsten Preseason wieder gegen Hoyer.

#4 Die Offensive Line hinterlässt mich nach dem Rücktritt von Steve Neal etwas ratlos. Mankins wird mit der Franchise Tag unglücklich sein, Cannon ist Rookie und krankheitsbedingt wohl nicht einsatzfähig, Light ist Free Agent und mit Vollmer und Solder sind die beiden Tackles jung und vor allem beide eher prototypische Left Tackles. Wird die rechte Seite zum Problemfall?

Die O-Line-Situation sieht allerdings ziemlich durcheinander aus. Zwei Starters sind FAs (LT Matt Light und LG Logan Mankins). Dazu zwei Rookies mit großem Potential: 1st-rd pick mit Tackle Nate Solder und Marcus Cannon, der sehr viel Talent aber leider auch einen Tumor mitbringt und eine Chemotherapie hinter sich hat. Dazu der Rücktritt von Stephen Neal und ein Nick Kaczur, der die gesamte letzte Saison verletzungsbedingt (Rücken) gefehlt hat.

Aber wenn man die fünf Teile der O-Line sortiert, erkennt man schon ein Gesamtbild. (1) Center Dan Koppen bleibt der Anker in der Mitte. (2) Tackle Sebastian Vollmer bleibt auch Starter, entweder links oder rechts. (3) Als Right Guard läuft bei Belichick immer jemand auf, den sein Mentor Bill Parcells als „JAG“ bezeichnet – Just Another Guy. Das wird auch in der kommenden Spielzeit wahrscheinlich Dan Connolly bleiben. Oder eben ein JAG. (Rich Ohrnberger vielleicht, 4th-round pick 2009). (4) Entweder Light oder Mankins wird auf jeden Fall gehalten, ganz sicher.

Ich bin mir auch recht sicher, daß es Mankins sein wird. Entweder per Franchise Tag (je nach CBA oder/und Ausnahmeregelung für die kommende Saison) oder über einen langfristigen Vertrag. Mankins ist der beste Guard der Liga. Punkt. Als Blocker im Laufspiel ist er so gut, daß es in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison so aussah, als wär BenJarvus Green-Ellis ein richtig guter Running Back. Ich hab zwar keine Zahlen, die das beweisen, aber ich würde behaupten, daß The Law Firm 108% seiner Yards hinter Mankins gemacht hat. Dann bleibt (5) nur noch ein Tackle-Spot. Ich glaube nicht, daß Light von den Patriots einen längerfristigen Vertrag angeboten bekommt, der ihn in New England hält. Er wird ein Angebot bekommen, es aber ablehnen, weil er von mehreren Teams bessere Verträge (längerfristig oder mit höherer Garantiesumme) wird vorliegen haben. Dann gibt es zwei Optionen: entweder Solder schlägt so ein, daß er von Woche 1 an Starting Tackle spielt, rechts oder links und Vollmer dann gegenüber. Oder Kaczur bekommt seinen alten Right Tackle Spot wieder und Vollmer geht auf links. Ich tippe auf – von links nach rechts: Vollmer, Mankins, Koppen, Connolly, Kaczur.

#5 Da der Kader nicht unspannend ist: Wenn du einen Free Agent für die Patriots picken könntest: Wen würdest du nehmen?

Ein guter WR. Trotz der Pass-Rushing-Situation. Am liebsten Sidney Rice, zuletzt Minnesota Vikings. Mit Rice hätten die Patriots wieder den schnellen und großen (1,93m) „field-stretcher“, den sie 2007-09 mit Randy Moss hatten. Wenn man sich die starke 2010er-Offense verstärkt um Rice ausmalt, kann man wieder von Zuständen wie anno 2007 träumen.

Alternative wär hier noch Vincent Jackson zu nennen, der noch besser passen würde, aber das Franchise Tag bekommen hat – aber wir wissen ja alle nicht, ob es das unter dem neuen CBA noch geben wird. Und auch möglich ist die Verpflichtung von – nicht lachen – Chad Ochocinco, der zwar kein FA ist, aber trotzdem auf dem Markt ist. Und – jetzt bitte nicht vom Stuhl fallen vor Lachen -Randy Moss himself. Wenn Moss eine Rolle akzeptiert, die unter der eines Franchise Guys liegt. Für so ungefähr 30 Snaps pro Spiel nur geradeaus laufen und den Safeties Angst machen. Ich habe nicht so viel Vertrauen in Brandon Tate und Taylor Price.

Nr. 2 wär Matt Roth.

#6 Im vergangenen Jahr waren Rookies ein integraler Bestandteil der sensationellen Patriots-Saison. Irgendeine Chance, dass die Rookie-Klasse von 2011 jene von 2010 noch übertrumpfen kann?

Die diesjährigen Rookies sind gute Ergänzungen, aber keine Spieler, die á la Clay Matthews oder Devin McCourtey sofort große Wellen schlagen. Die größten Chancen, sofort eine Hausnummer zu werden, hat Nate Solder – sollte er den von Anfang an spielen. Gerade als O-Liner muß man nicht mal überragend spielen, um mit „großem Namen“ (sprich 1st-round pick in einem guten Team) als „überragend“ durch viele Kolumnen und NFL Network zu geistern (vgl. Maurkice Pouncey).

2nd-rd pick CB Ras-I Dowling wird erstmal als Nickelback anfangen, wenn er sich – hinter McCourtey und dem zurückkehrenden Leigh Bodden – gegen Kyle Arrington durchsetzen kann. Er wäre nicht der erste CB der Patriots, der in der zweiten Runde gedraftet wird und dann floppt (vgl.  Darius Butler, 2009; Terrence Wheatley, 2008.) Einer oder beide Running Backs könnten ins Spotlight geraten, weil sie spektakuläre Läufe und Touchdowns produzieren, aber ein neuer Corey Dillon wird in der kommenden Saison keiner der beiden sein.

#7 Wenn Bill Belichick vier Monate Freizeit zum Videostudium bekommt, sind die Zeichen für die Konkurrenz auf Alarm gesetzt. Nun ist mit Bill O’Brien sogar mal wieder ein offizieller Coordinator ernannt worden. Kann der Lockout unter diesen Vorzeichen für die Patriots trotz ihrer vielen jungen Spieler sogar ein Vorteil sein?

Jede Strategie ist nur solange absolut überlegen, wie sie neu ist und ein Überraschungsmoment hat. Man kann jede Offense (und auch Defense) schlecht aussehen lassen, wenn man sie nur gut genug kennt, genügend Videos studiert und das System durchschaut hat. (Ausnahmen: Peyton Mannings Offense und Dick LeBeaus Defense) Die Pats-Offense war auch vor 2007 gut, obwohl Brady nur Anspielstationen hatte, die kein verünftiger GM als WR verpflichten würde. 2007 hatten sie dann unter McDaniels/Belly ein völlig neues System und niemand konnte sie stoppen.

2009 war das System dann nicht mehr alles niedermetzelnd – die Gegner hatten es oft genug gesehen und verstanden und haben Wege gefunden, es zu bremsen. 2010 dann hatten Belly/O´Brien ein wiederum völlig neues System und – bis zu Rex Ryans grandiosem Gameplan in den Playoffs – waren die Patriots mit zwei Rookie Tight Ends und alten und sehr jungen WRs in der Lage, gegen jeden Gegner zu scoren.

Ich bin mir sicher, daß Belly und O´Brien (und Nick Caserio, der da auch immer mit drinhängt), wieder einige neue wrinkles eingebaut haben und damit zwei Schritte „ahead of the Curve“ bleiben. Der Lockout könnte in diesem Sinne also tatsächlich vorteilhaft gewesen sein, weil der Coaching Staff mehr Zeit hatte, um sich neue Dinge auszudenken.

#8 Die Bills bauen langsam auf, die Dolphins sind auf der Suche nach Offensivgeistern, während die Jets eine starke Start-Formation aufbieten können, aber auch einen Kader mit wenig Tiefe. Welche Mannschaft wird New England am ehesten in der AFC East schlagen können?

Buffalo ist chancenlos. Bei den Jets hängt viel von den Free Agents hab. Aber mit Rex Ryans Defenses muß man immer rechnen. Er hat in den letzten Playoffs die Offenses von Peyton Manning UND von Brady/Belly plattgemacht. Das kann man gar nicht überbewerten. Aber der Angriff ist zu schlecht. Wenn der bestenfalls mittelmäßige Mark Sanchez jetzt auch noch mindestens einen seiner beiden besten Receiver Santonio Holmes/Braylon Edwards verliert und wenn dann die O-Line auch nur ein Mü schlechter spielt als in den letzten beiden Jahren, dann werden die Jets um die Playoffs sehr zu kämpfen haben. Die Dolphins haben eine sehr gute D und wenn sie dazu auch noch eine einigermaßen patente Offense zusammenzimmern können unter ihrem neuen Offensive Coordinator Brian Daboll, dann können sie die Jets als Hauptkonkurrent der Pats ablösen.

#9 Und schließlich: Auf welches Patriots-Spiel in der Regular Season freust du dich zu diesem Zeitpunkt am allermeisten – mit Ausnahme des Season Openers?

J-E-T-S, Jets Jets Jets. Es gibt nichts schöneres als Spiele gegen den Erzfeind. Vor allem, wenn der Erzfeind so ein Großmaul als Coach hat und der QB so ein junger Schönling aus Kalifornien ist und diese Typen eine 14-2-Saison kaputt gemacht haben. Woche 5 in Foxboro und in Woche 10 in den Meadowlands als Sunday Night Game.

New England Patriots in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#17 OT Nate Solder (Colorado)
#33 CB Ras-I Dowling (Virginia)
#56 RB Shane Vereen (Cal)
#73 RB Stevan Ridley (LSU)
#74 QB Ryan Mallett (Arkansas)
#138 OT Marcus Cannon (TCU)
#159 TE Lee Smith (Marshall)
#194 DE Markell Carter (Central Arkansas)
#219 CB Malcolm Williams (TCU)

Die Patriots-Strategie ist seit Jahren ident, und sie lautet: Trade so viele Picks wie nur möglich, um möglichst im nächsten Jahr wieder einen First Rounder mehr zu haben, den man dann für das übernächste Jahr eintauschen kann. Same procedure as every year also, auch wenn Belichick es IMHO diesmal übertrieben hat. Am Ende wurde gar ein blanker #193-Pick gegen einen blanken #194-Pick getauscht. Einfach so. Ohne Gegenwert. Nur um getauscht zu haben.

Der Top-Pick ist diesmal OT Nate Solder, ein Rohdiamant, den es zu schleifen gilt. New Englands Offensive Liner waren in den letzten Jahren stets eher spätere Picks, die dann im Laufe der Jahre vom knallharten Dante Scarnecchia zu einer starken Einheit gecoacht wurden. Solder gilt als helles Köpfchen und als ehemaliger Tight End als sehr athletisch, auch wenn seine Block-Technik noch einiges an Arbeit verlangt.

Interessant ist der zweite Pick, die #33, CB Ras-I Dowling von Virginia. Auch charakterlich ein Spieler, der in Belichicks System passt und groß genug, um auch gegen die Johnsons und Fitzgeralds der Liga zu verteidigen. New England könnte plötzlich eine recht solide Secondary beisammen haben.

Danach aber zwei komische Picks mit den beiden RBs Shaun Vereen und Stevan Ridley. Jeder für sich schaut ordentlich aus, aber ZWEI Backs, wenn du händeringend Pass Rush brauchst? Vereen ist ein kleingewachsener und hart zu Fall zu bringender Back, der nicht beim ersten Kontakt eingeht und zudem sehr fangsicher sein soll.

Ridley soll ein Brecher-Typ sein: Geradeaus durch die Mitte, Kopf tief halten und ab durch die Wand. Dafür Butterfinger bei Pässen haben und völlig ohne Schimmer, wie sich zu verhalten, wenn er um die Offensive Line herumgeschickt wird. Auf einen counter wird man Ridley also nicht schicken.

Der Pick der Picks ist für mich so klar wie frisches Kaltgetränk: QB Ryan Mallett. Kein Jota hätte ich darauf gewettet, dass sich Belichick für Mallett interessiert. Nicht charakterlich, nicht spielerisch. Ein bockiger, beratungsresistenter Mann mit einem Arm für das vertikale Spiel? Riecht irgendwie faul – ähnlich einst Randy Moss (ein bockiger, lernunwilliger Mann mit allen Anlagen für das vertikale Spiel). Ich bin trotzdem irgendwie… perplex.

Gedanke 1: Der Pick passt nicht zu Bill Belichick.

Gedanke 2: Aber er zeigt andererseits auch den anderen Bill Belichick: In der Lage, unkonventionell zu denken und für das Durchpeitschen seiner Ideen im Notfall sogar bereit, eine seiner Freundinnen zu verhökern. Es gibt nichts, was Bill Belichick ohne einen Hintergedanken macht.

Die späteren Picks haben alle durchaus ihren erkennbaren Sinn: OL Marcus Cannon hat zwar eine krebsartige Lymph-Erkrankung und wird länger ausfallen, aber die Körpermaße, Baby: 1,96m, 162 (!) kg. Wieder ein Fall für Scarnecchia – superathletischer Blocker, den es zu schleifen gilt.

Noch nicht genug Blocker? Bitteschön, TE Lee Smith, bereits zweifacher Familienvater und glücklich verheiratet und ein Blocker vor dem Herrn, der kurz- bis mittelfristig Alge Crumpler ersetzen soll. Smith ist allerdings hüftsteifer als eine Scheibe Wurstbrot.

Wir wollten Pass Rusher? Gestatten, DE Markell Carter, der als reiner Pass Rusher gilt. Muss ein System-Spieler sein, wenn Belichick seinen einzigen Pass Rusher in Runde #6 nimmt. Womöglich ist dies der 3-4 OLB, den alle so vehement gefordert haben.

Summa summarum

Schwer zu analysierende Draftklasse der Patriots (Überraschung, Überraschung). Der zweite RB-Pick und der Mallett-Pick sorgen für leichte Verwirrung und ich kann mir das konsequente Ignorieren der größten Baustelle (Pass Rush) nur damit erklären, dass Belichick entweder volles Vertrauen in die Entwicklung der aktuellen Linebacker hat oder etwas sehr Spezielles in ichheißenichtMarcell Carter  sieht.

Die Running-Back-Situation ist auch recht verworren: Woodhead ist einer der aufregendsten Spieler überhaupt, Green-Ellis ist als System-Spieler höchst produktiv, Morris/Taylor hatten alle ihre Momente. Nun stoßen noch gleich zwei relativ hoch einberufene Spieler dazu, für die man andere Baustellen geopfert hat.

Und man darf jetzt schon spekulieren, wie Belichick den zusätzlichen Erstrundenpick von 2012 weitertauschen wird.

NFL Draft 2011: Tag zwei im Rückblick

Die Nacht der bizarren Entscheidungen, könnte man sagen.

Allen voran die New England Patriots, die sich immer mehr zu van-Gaalscher Bockigkeit entwickeln und eine Reihe von Entscheidungen trafen, zu denen mir momentan nicht mehr einfällt als „interessant“. Need pick ist definitiv nicht in Foxboro erfunden worden. Neben wieder mal Dutzenden Trades fischte sich Belichick an #33 Ras-I Dowling, den Cornerback mit dem geilsten Namen dieser Erde. Und dann?

RB, RB, QB. Shane Vereen (Cal), Stevan Ridley (LSU) und der Hammer, QB Ryan Mallett (Arkansas). Ich hatte noch nicht mal den Ofen angemacht, um die Finger reinzulegen, dass Belichick nicht eine Sekunde über Mallett nachdenken würde. As it turned out, ich hätte mich schwer verbrannt. Immerhin hat Belichick jetzt potenziell eineinhalb Hand voll Running Backs und immer noch keinen Pass Rusher – dafür aber 2012 wieder drei Hand voll Draftpicks.

„Interessant“ ist auch, was Martin Mayhew mit den Detroit Lions anstellt. Als Lücken hatten wir Defensive Backs und Offensive Line ausgemacht. Mayhew fischte sich erst DT Fairley und in Runde zwei heute Nacht zwei skill players. Bei Boise States Titus Young passte wenigstens emotional alles (Lieblingsmannschaft, Lieblingsspieler, Lieblings-Uni und der Pick ausgerufen vom Lieblingssportler), aber danach nach oben zu traden, um sich RB Mikel Leshoure zu angeln? Ich hoffe, irgendwo steckt dahinter noch ein Masterplan.

Die volle Ladung Defense haben sich dagegen die Tampa Bay Buccs geschnappt. Nach DE Clayborn kamen heute Nacht mit DE Da’quan Bowers und LB Mason Foster noch zweimal Arbeiter für den Pass Rush. Die Buccs-Taktik 2010: Defensive Tackles. 2011: Defensive Ends. Bowers fiel vertikal durch die Boards, aus einem Grund: Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob Bowers’ Knie länger als eine Handvoll Saisons durchhält. Irgendwann war aber die schiere Rush-Gewalt zu gut, um weiter zu fallen.

Büschen Augenbrauenheben auch bei Arizonas Pick: Das Sekundengenie RB Beanie Wells sollte ersetzt werden – mit einem weiteren unkonstanten Sekundengenie. RB Ryan Williams (VT), der Giftzwerg von den Hokies.

Schotte & Trabant

Die Quarterbacks standen auch abseits von Malletts Einberufung im Fokus. Andy Dalton wurde an #35 von den Cincinnati Bengals gedraftet. Damit darf Carson Palmers NFL-Karriere in Ohio als beendet angesehen werden. Dalton ist etwas klein und ich weiß nicht, ob ich die eine bärige Rose-Bowl-Vorstellung als Beweis für Daltons Genie heranziehen sollte. Aber Dalton ist auf alle Fälle ein charakterlicher Schock für Cincinnati: Sieht aus wie ein Säufer aus dem Norden des UK, agiert wie ein Musterschüler. Dalton & A.J. Green als neue Version von Palmer & Johnson – unterschrieben.

Eine merkwürdige Entscheidung trafen die 49ers: QB Colin Kaepernick, der einst als Mischlingskind aus Wisconsin in Kalifornien aufgewachsen war und in der Pistol-Offense von Nevada sensationell aufgeigte. Ich hätte nie gedacht, dass sich Jim Harbaugh für einen QB der Güteklasse „Kaepernick“ interessieren würde. Ob damit Alex Smith doch noch ein Jahr bleiben wird?

NFL Draft 2011 Countdown T-minus 8 – Die Quarterbacks

Quarterbacks stehen in Amerika im Fokus wie keine andere Position. Und das sportartübergreifend. Quarterbacks sind Halbgötter oder Versager, Sieggaranten oder Schuldige am Scheitern. Sie sind diejenigen, die einer Mannschaft ein Gesicht geben.

Das Gesicht des NFL Drafts 2011 ist schon vor Monaten verschwunden. Ausgerechnet im Jahr des Quarterbacks (kein Witz) hat sich QB Andrew Luck von der Stanford University frühzeitig gegen die NFL und für ein weiteres Jahr College entschieden. Lucks Rückzieher hat die Tore für eine ganze Horde unterschiedlichster QB-Typen geöffnet.

Die im Rampenlicht

Die Katze – Statt des meistgehypten QB-Anwärters seit Jahren gilt nun QB Cam Newton von der Auburn University als aufregendster Mann. Über Cam Newton ist vieles gesagt und geschrieben worden. Großgewachsen wie ein Wide Receiver, athletisch wie ein verkappter Running Back, geschmeidig wie eine Katze. Ein Wurfarm, der in manchen Polizeirevieren unter die Waffenscheinpflicht fallen würde. Aber auch ein Senkrechtstarter, gekommen aus dem Nichts und völlig unerfahren in NFL-ähnlichen Spielsystemen.

Ich wurde auf Newton aufmerksam in einer Samstagnacht im letzten Oktober. Augen nach durchzechter Nacht inklusive Samstags-Seminar nur noch dank Zahnstocher auf Halbmast. Und dann, irgendwann im ersten oder zweiten Viertel gegen die LSU Tigers zündete irgendwo auf dem Spielfeld ein Turbo – der Co-Kommentator spritzt sich fast einen ab mit seiner acceleration, obwohl… oh my gosh trifft es schon recht genau.

In der Combine glänzte Newton durch eine Serie an Fehlwürfen und sorgte später für aufjaulende Alarmsirenen, als er seine Vision vom Helden und Werbesuperstar preisgab. Wer solches von sich gab, ist meist schnell von der Bühne „NFL“ verschwunden – sagt die Erfahrung.

Ein wenig euphorisches Bild von Newton zeichnet Nolan Nawrocki (Pro Football Weekly):

Very disingenuous — has a fake smile; comes off as very scripted and has a selfish, me-first makeup; Always knows where the cameras are and plays to them.  Has an enormous ego with a sense of entitlement that continually invites trouble and makes him believe he is above the law; Lacks accountability, focus and trustworthiness; Not dependable.

Starker Tobak. Aber der Beobachter dieser Macken hat einst ein überraschend präzises „Gutachten“ zu Jabustus Russell geschrieben.

Der Profiteur – Ebenso scheinbar aus dem Nichts ist Mizzous Blaine Gabbert geschossen. Gabbert ist ein Hüne von einem Mann. Entscheidungsfreudig, aber profillos und mit seinen traurig dreinblickenden Augen stets im Halbschlaf wirkend. Aus Gabberts College-Zeit bleibt das Eli-Fieber übrig (Stichwort aufgescheuchtes Huhn unter Druck). Und Bälle, die zwei Meter links oder einskommasieben Meter rechts am Receiver vorbeisegelten. Gabbert ist IMHO ein Produkt des Medienhypes, der auflagenbedingt nach Lucks Rückzieher einen „Nachfolger“ als #1-QB aufbauen musste.

Positiv: Es wird nicht lange über Blaine Gabberts Arbeitmoral debattiert. Gabbert – gefühlt der Typus QB, der Ende der 1. Runde gedraftet wird, die letzten 2-3 Spiele im ersten Jahr startet und dann leise, ganz leise, die Offense übernimmt. Aber als #1-Pick?

Ick weiß nicht. Ich würde die Finger von Newton und/oder Gabbert lassen.

Gabbert/Newton gelten als die beiden Top-QBs im Draft. Nicht ausgeschlossen, dass Carolina einen an #1 draftet. Aber auch nicht unmöglich, dass nur einer oder gar keiner von beiden in den Top 10 weggeht – obwohl, es draften immer noch Amerikaner.

Die Garde eins b bis zwei

Das dunkle Pferd – Der Hinter dem Spitzen-Duo hat sich als #3 Washingtons Jake Locker positioniert. Locker galt vor einem Jahr als Top-Pick, entschied sich aber für ein weiteres Jahr am College. Keine gute Entscheidung. Locker hat seit einer faden Vorstellung gegen Nebraska Ende September immer schwächere Leistungen gezeigt und ist in sämtlichen Big Boards abgestürzt. Großartige Athletik zeichnen Locker im positiven Sinne aus. Aber Locker hat die Tendenz, in schöner unregelmäßiger Regelmäßigkeit sehr ungenaue Würfe einzustreuen. Gilt als zu entwickelnder Risiko-Pick für die erste oder frühe zweite Runde, vielleicht Seattle, die einen Nachfolger für Matt Hasselbeck brauchen. Damit könnte Locker auch gleich in der Stadt bleiben.

Hm. System- und Coachingfragen mal zur Seite geschoben. Ich bin bei allen dreien sehr skeptisch. Als Einschub: Auch bei Herrmann/Vier Viertel ist die QB-Frage schon thematisiert worden. Subjektiv und analytisch:

Subjektiv (in den Kommentaren)
Analytisch

Hinter den Top 3 folgen eine Reihe QBs, die es unter Umständen in die erste Runde schaffen könnten. Auffallend ist die breite Vielfalt.

Der Kokser – Da wäre zum ersten QB Ryan Mallett, der ehemalige QB der Arkansas Razorbacks und Michigan Wolverines. Mallett ist gesegnet mit einem Wurfarm, der Freunde des „vertikalen Spiels“ die Höschen nässt, aber auch umrankt von zwiespältigen Gerüchten. Mallett ist ein Produkt einer Bobby-Petrino-Offense und fast alle Bobby-Petrino-Quarterbacks gelten als NFL-Flops. Da wird man schnell mal in Sippenhaft genommen. Schlimmer noch: Mallett gilt als eigensinniger und lernresistenter junger Mann und ist umweht von Koks-Geschichten. Nichts Genaues erfährt man nicht, aber auch wenn niemand konkret wird, so soll Mallett einen verheerenden Ruf unter dem Großteil der Scouts genießen. Für Mallett zeigt der Pfeil nach unten.

Scout: Mallett ist so beweglich wie eine Scheibe Schüttelbrot.
Malletts Reaktion: Ich bin eben kein Vick.

Eigentlich keine schlimme Reaktion. „Eigentlich“, aber wenn du mal in der Schublade steckst…

Der Ruhige – Auf dem aufsteigenden Ast ist dagegen QB Christian Ponder von der Florida State University. Ich habe Ponder dank einer befreundeten FSU-Studentin seit Jahren etwas genauer verfolgt und muss sagen: Ich verstand nie, was man (bzw. frau) an Ponder so großartig fand. Statur und Anlagen passen, Ponder soll ein Leadertyp par excellence sein und ein helles Köpfchen, aber im Spiel selbst war Ponder nie der dominante Mann. Fand ich. Nun stand Ponder bei mir dank der Bodyguard-Geschichte auch im Ruf des Schnösels, aber mittlerweile finde ich ihn immer mehr angenehm bescheiden und bin immer mehr Fan geworden. Kandidat für die zweite Runde, der mit ein, zwei Jahren Aufbauarbeit vielleicht wirklich irgendwann mal das Franchise-Gesicht in einer quicken Kurzpass-Offense geben kann. Größtes Fragezeichen sind seine anhaltenden Schulterprobleme (Matt Stafford, anyone?).

Der Schotte – Seit der begeisternden Rose Bowl ist auch Andy Dalton bei mir hoch im Kurs. Dalton hat dank Sommersprossen und roten Stoppelhaaren ein eher „britisches“ Äußeres und erinnert eher an einen schottischen Säufer denn einen Franchise-QB, aber man sollte den TCU-Abgänger Andy Dalton ernst nehmen. Obwohl nicht der größte QB, hat Dalton keinen Schiss vor schneller Entscheidungsfindung und ich unterstelle ihm jetzt einfach mal eine satte Portion Arbeitsmoral.

Die lange Nase – Glaubt man einigen wenigen Fachmedien, so könnten auch noch Colin Kaepernicks Aktien im letzten Moment steigen. Der lange Schlacks mit dem Kanonenarm hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Geboren als Mischlingskind in Wisconsin, aufgewachsen und gehänselt von seinen Klassenkameraden als adoptierter Trabant in Kalifornien. Auf der Suche nach einem geeigneten College wurde Kaepernick von Boise State abgewiesen. Auf dem Rückweg nach Hause machte Kaepernick kurzentschlossen einen schnellen Zwischenstopp in Reno, Nevada. Resultat: Kaepernick ist heute einer der besten Wolfpack-Spieler ever. Im vergangenen Herbst putzte Kaepernick in einem denkwürdigen Spiel Boise State 34-31 in der Verlängerung. Über dieses und jenes und einen coolen Zwischenfall in einem Sportladen hat die New York Times im vergangenen Sommer geschrieben.

Best of the Rest

Wir kommen zum Rest. Zu den Spielern, wo Scouts Jahr für Jahr den „nächsten Tom Brady“ suchen.

Greg McElroywelcome back. Ich mag McElroy, obwohl ich in ihm keinen Mann für die ganz große Verantwortung sehe. Wenn es eng wurde, tendierte mir McElroy stets zu eher unüberlegten Leistungen. Aber McElroy ist ein hoch intelligenter Knabe (Wonderlic: 48 ist nicht überraschend), sehr gebildet und bescheiden. Der nette Typ von nebenan. Ein Backup, der keinen Stunk macht und den du für zwei Viertel für deinen verletzten Starter einwechseln kannst.

Pat Devlin galt vor drei Monaten als potenzieller Überraschungs-QB, aber aus nicht ganz klaren Gründen hat die Delaware/Joeflacco-Magie nicht bis zum Draft durchgehalten und Devlin wird allenfalls eine Chance für die Runden 5-7 eingeräumt.

Iowas Ricky Stanzi ist zu ungeschliffen für einen hohen Pick. VTs Tyrod Taylor ist zwar der vermutlich beweglichste aller Quarterbacks, steht aber neben den Schuhen, wenn es um tiefe Bälle geht. Vielleicht wird er umgeschult. North Carolinas T.J. Yates gilt als recht beschränkt, aber als potenzieller ruhiger Backup-QB, als Teamplayer. Ob es überhaupt reicht, um gepickt zu werden?

Von einem absurd kleinen College kommt QB Joshua Portis, der auf diesem Blog schon gelobt wurde. Portis hat in der Division II gespielt, an der California University of Pennsylvania. Wer das College nun in Kalifornien sucht, wird rund 2000 Meilen daneben liegen. Das College liegt in California, PA, nicht in Kalifornien. Portis selbst war einst Backup von Tim Tebow (wie übrigens auch Cam Newton) an der University of Florida und hat später mit Ladendiebstählen für Action gesorgt.

Völlig unbekannt ist QB Mike Coughlin, ein ehemaliger Boise State Bronco. Coughlin stand in Boise im Schatten von Kellen Moore, und soll einer der meistunterschätzten Leute des Drafts sein.

Um es am Ende mal geschrieben zu haben: Ich wäre als GM tatsächlich nur an Ponder und Dalton interessiert. Newton nur dann, wenn ich einen intelligent/kreativen Coach in einer beschaulichen Umgebung mit geduldigen Fans habe – bloß, wo in der NFL-Welt kriege ich sowas?

NFL Combine: Notizzettel zum Abschluss

Die NFL Combine ist zu Ende. Ein paar Notizen zum Abschluss. [Notizen vom Wochenende]

Quarterbacks

Ich werde den Eindruck nicht los, dass Cam Newton medial ganz langsam zum Top-QB gehypt wird. Meine Kinnlade ist bei Newtons Workouts nicht grad in Mitleidenschaft gezogen worden und Newton hat diverse ungute Kommentare (Iwanttobeanentertainerslashicon) abgelassen… und trotzdem ist die Betrachtung rundum positiv? Nicht mehr ausgeschlossen, dass die Buffalo Bills an #3 Cam Newton einkaufen. Die Bills gelten zwar als unberechenbar im Draft, aber der greise Owner Ralph Wilson hat jüngst mehrfach seinen Wunsch nach einem Top-QB geäußert.

Der in den Kommentaren gelobte Joshua Portis ist ein QB von einem aberwitzig kleinen College: Der California University of Pennsylvania. Nicht etwa in Kalifornien gelegen, sondern in California, Pennsylvania. Ein Team der Division II, also nicht mal FCS-Niveau. Portis ist kein prototypischer QB, hat einst an der University of Florida als Tebow-Backup begonnen – und sich wenigstens neben dem Spielfeld einiges NICHT von Tebow abgeschaut.

Ryan Mallett ist auch auf diesem Blog diskutiert worden. Zu all den Spekulationen um Malletts Drogensucht und seinem merkwürdigen Umgang mit den Medien in der Combine kommt ein weiterer Faktor: Malletts College-Coach war Bobby Petrino, dessen QBs nicht gerade im Ruf stehen, in der NFL brilliert zu haben (Ragone, Redman, jüngst Brian Brohm).

Einer meiner Lieblings-QBs im Draft 2011 ist Greg McElroy. Ein ruhiger Mann, ein interessanter QB, dem ich aber an der University of Alabama Unsouveränität in kritischen Momenten vorgeworfen habe. Und: McElroy ist ein intelligenter Bursche: 48 im Wonderlic Test. Achtundvierzig. Ich kann mir vorstellen, dass ein Team wie San Francisco mit einem Coach wie Jim Harbaugh und der Idee einer West Coast Offense sich in Richtung McElroy bewegen könnte. Viel Glück, Mr. McElroy!

Julio Jones

McElroys Top-Receiver an der Uni war Julio Jones, ein physischer, groß gewachsener Mann, über den ich im Jänner geschrieben hatte:

Am Ende des Tages in der Highlight-Show, aber auch drei Drops und fünfmal die Route falsch gelaufen. Schlüsselwort für Scouts: Fokus. Was ihm helfen wird: Jones ist als harter Knochen bekannt, der auch lieber drei Pillen zu viel schluckt und die ganze Woche schlecht schläft, als mal ein Spiel wegen Wehwehchen zu verpassen.

Jones hat die Scouts ob seiner Combine staunend hinterlassen. Fassungslos gemacht hat nun aber der Umstand, dass Jones auch noch mit einer Fraktur im Fuß (!) angetreten ist und absolute Top-Werte erreicht hat. Die Verletzung ist nicht gravierend, aber in NFL-Kreisen dürfte Jones ab sofort als Synonym für toughness eingesetzt werden. Ob das WR-Rennen doch noch einmal eröffnet wird, obwohl ich A.J. Green weiterhin für den explosiveren Mann an der Anspiellinie halte?

Defensive Line

Die Defensive Line gilt nach wie vor als stärkste Position im Draft 2011. Obwohl mit DT Nick Fairley der meist gehypte Mann nicht nur kleiner und leichter als erwartet war, sondern auch noch ziemlich „graue“ Workouts hinlegte, haben laut Mike Mayock satte neun Defensive Ends Erstrundenpotenzial (im Schnitt über die Jahre werden 3 bis 4 Des gezogen). Und der vermeintlich beste Line-Spieler hat noch nicht mitgemacht: Da’quan Bowers.

Wer #1-Defensive Tackle wird, könnte interessant werden: Fairley hatte die beeindruckendere Saison, ist aber aus genannten Gründen vielleicht leicht in Ungnade gefallen. Marcel Dareus ist athletischer gebaut und hatte die bessere Combine, war aber am College etwas weniger dominant und konstant. Auburn (Fairley) gegen Alabama (Dareus) – Iron Bowl im Mini-Format.

Linebackers

Dontay Moch von der University of Nevada (Reno) hat die erwartet überragende 40 Time hingeknallt: 4.44. Moch war angereist mit einer angeblichen 4.19, was für Running Backs sensationell wäre, für einen Defensive End (im College) schlicht exorbitant. Dazu gesellen sich ein paar andere starke athletische Tests. Oakland Raiders, ick hör dir trapsen…

Sicher kein Raider werden wird OLB Von Miller. Über Miller habe ich im Lauf der College-Saison zwar Zweifel an seiner NFL-Kompatibilität gehört. Aber der Mann hat eindrucksvolle Statur und seine Athletik ist beeindruckend. Ich gehe davon aus, dass ein Team ganz oben drin sich an Miller vergreifen wird. Zu einer Zeit, zu der Oakland noch lange keinen Draftpick gesehen hat.

Mark Herzlich, der Mann, der den Krebs besiegte, war weniger Thema als ich gedacht habe. Herzlich hat ordentliche Workouts gemacht, aber nichts Überragendes. Bei ihm bleibt die Aussicht auf einen Leadertypen und die Erwartung, sich weiterhin kontinuierlich an seine körperliche Bestverfassung zurück zu arbeiten. Herzlich gilt als Kandidat für die späteren Runden.

Defensive Backs

Der Mann mit dem klingendsten Namen, Prince Amukamara (Nebraska), hat Top-Sprintzeiten hingeknallt und in den Augen der Scouts seine Voraussetzungen für die langen Routen bewiesen. Amukamara gilt nun als sicherer Top-10 Pick, der spätestens von Dallas (#9) gezogen wird, wenn nicht noch lila Kühe auf dem Campus der Cornhuskers aufkreuzen.

Kleine Brüder

Zwei Spieler sind in der Verlosung 2011, deren Brüder schon am Ziel sind, bzw. fast. Casey Matthews (University of Oregon) läuft ebenso wie Bruder Clay (Superbowl-Champ mit den Packers) mit wehendem Haar durch die Gegend – und spielt ebenso Linebacker. Mike Pouncey ist der kleine Bruder von Steelers-Center Maurkice – und wie dieser Offense Liner. Nicht ausgeschlossen, dass die beiden Brüder im Draft von den jüngsten Erfolgen der großen Brüder profitieren und höher als erwartet genommen werden. Beide gelten aber als nicht so gut wie diese – aber die waren einst auch nicht so hoch angesehen gewesen.

Spiel GM

NFL@Spox veranstaltet einen „Mock Draft“ von Fans für Fans. Die Idee: Jeder kann sich ein verfügbares Team aussuchen und in wie im NFL Draft dafür seinen Favoriten für seine Mannschaft draften, sofern der noch verfügbar ist. Da ich mich für besser als Matt Millen – ich weiß: Kein Qualitätsnachweis – habe ich mich für die Detroit Lions beworben. Es sind noch Mannschaften frei. Wer will, ist herzlich eingeladen, für einen Tag General Manager und Draft-Stratege zu spielen: Hier entlang.

NFL Combine: Notizen vom Wochenende

Paar Notizen von der NFL Combine vom Wochenende.

Quarterbacks

Ich habe gestern Abend nur ganz kurz reingeschaut, da ich die Relevanz des ganzen Workout-Reigens für sehr, sehr begrenzt halte: Nicht nur, dass komplett jegliche Defense oder jeglicher Druck fehlt. Nein, die QBs werfen auch noch zu Receivers, mit denen sie nicht ein einziges Mal zusammengespielt haben.

Cam Newton hat eine 40 Time von 4.59 zugeschrieben bekommen. Das ist IMHO erstaunlich langsam, v.a. im Vergleich zu so manch anderem QB (Gabbert, Ponder). Seine Würfe im Drill waren teilweise arg daneben (vielfach überworfen), aber glaubt man den Experten, hat sich Rohdiamant Newton damit nicht ins Knie geschossen. Brian Billick kritisierte aber das Umfeld Newtons. Alles in allem habe ich immer mehr den Eindruck, dass sich die kompletten Medien-Riege schön langsam in Newton verknallt.

Blaine Gabberts 40 Time von 4.62 hat mich überrascht. Nach dem vom College Gesehenen hätte ich eine deutlichere Differenz zu Newton gesehen.

Jake Locker darf seinen Status nach 4.59 und Lob von WR A.J. Green als steigend ansehen. Locker, der im College z.T. unterirdische Spiele abgeliefert hat.

Ryan Mallett gilt ebenso als sehr positive Erscheinung der Combine. Mallett soll beweglicher sein als angenommen, und vor allem: präziser. Dass der Wurfarm waffenscheinpflichtig ist, wusste man bereits. Was der eigenartige Charakter Mallett in den Vorstellungsgesprächen so alles von sich gegeben hat, ist mir im Moment noch nicht bekannt.

Running Backs

Mark Ingram dürfte sich eher lächerlich gemacht haben. Zuerst kam Ingram stark untergewichtig daher (3-4kg zu wenig), zugunsten mehr Explosivität. Dann legte Ingram eine sehr, sehr maue 4.62 hin. Ingram wird einen starken Pro Day in Alabama brauchen, um nicht ordentlich durchgereicht zu werden.

Ingrams Vorteil: Es hat sich kein RB aufgedrängt. Die Speedster sind allesamt Backs, die maximal für die späteren Runden in Betracht gezogen werden. Aber narrisch wird niemand, der Ingrams athletische Voraussetzungen kennt.

Wide Receivers

Hier beginnen die ersten Kontroversen schon bei den Top 2. Julio Jones, ein physischer Receiver, stach mit einer Top-40 Time heraus: 4.39. Damit hat Jones den großen Konkurrenten A.J. Green deutlich ausgestochen (um 4.50). Green ist IMHO der viel explosivere Mann an der Anspiellinie, etwas, das eine 40 Time niemals wiedergeben kann.

Schwer enttäuscht haben soll Jonathan Baldwin von der University of Pittsburgh. Baldwin ist brutal athletisch gebaut, aber man hatte sich erwartet, dass Baldwin ein Feuerwerk hinknallen würde. Es handelt sich immerhin um einen, dessen Potenzial riesig erscheint, dessen Leistungen bisher aber eher dürftig waren. Solche Leute brauchen gute Workouts. Die lieferte Baldwin noch nicht.

Boise States Titus Young soll seinen Status verbessert haben und gilt insgeheim schon als möglicher Zweitrunden-Pick. Ebenso hat angeblich Oregons Jeff Maehl beeindruckt. Maehl war schon im Recruiting-Prozess völlig untergegangen, hat sich an der Uni dann aber durchgebissen und könnte in der NFL ein wertvoller #3-Receiver werden.

Defense

Stephen Paea kommt offenbar aus dem südpazifischen Raum: Paea zeigte den Haka-Dance. Das, nachdem er mich Lügen gestraft hatte, dass der Bankdrücker-Rekord nicht in Gefahr sein würde: Paea mit sensationellen 49 reps. 49x 102kg gestemmt.

Schlagzeilen ganz anderer Art macht Nick Fairley. Der Mann ist fünf Zentimeter (2 inches) kürzer und 4kg leichter als gedacht und bisher gelistet. Im Prinzip nichts Weltbewegendes, aber Defensive Tackles müssen in der Meinung der Scouts mindestens 300 Pfund wiegen. Fairley gilt nun als 291 Pfunds-Kerlchen und somit als Leichtgewicht.