Sam, der Wikinger

Die Minnesota Vikings haben für QB Sam Bradford von den Philadelphia Eagles getradet. Gegenwert: 1st Round Pick 2017 und ein 4th Round Pick 2018. Eine schnelle Analyse.

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St Louis Rams in der Sezierstunde

Bei den St Louis Rams rührt sich seit der Installation des Head Coaches Jeff Fisher vor zwei Jahren so einiges, aber eine Kombination aus Altlasten und schwieriger Division NFC West drückt den Output noch immer ein wenig nach unten. Obwohl: Bei 7-8-1 und 7-9 Bilanzen kann man angesichts des Spielermaterials nicht wirklich enttäuscht sein. Nun hat man zwar nicht die allerbeste Salary-Cap Position, dafür aber zum zweiten Mal en suite zwei Erstrundendraftpicks und somit ordentlich Holz um weiter an den Grundlagen zu bauen.

Wer die NFL erst seit ein, zwei Jahren verfolgt, kann sich gar nicht vorstellen, in was für einem abgrundtiefen Loch die Rams noch vor fünf Jahren steckten. Die Jaguars von heute kommen in etwa dem gleich, was Mannschaften wie St Louis oder Detroit damals waren. Die Folgen jener Katastrophenjahre zwischen 2007 und 2009 spürt man unterm Bogen bei den Rams noch immer.

Überblick 2013

Record         7-9
Enge Spiele    1-3
Pythagorean    7.6    17
Power Ranking  0.361  26
Pass-Offense   5.8    23
Pass-Defense   6.7    24
Turnovers      +8

Management

Salary Cap 2014.

Der QB Sam Bradford passt dabei wie die Faust rein: Er ist ein ehemaliger #1-Pick, der sich aber noch nicht so entwickelte wie erwünscht. Er ist dafür aber der letzte der rekordverdächtig bezahlten Rookies aus dem alten CBA („Collective Bargaining Agreement“) und läuft diese Saison für eine Cap-Zahl von rund 17 Mio. Dollars auf. Seine Zahlen auf dem Feld in den letzten Jahren sind ernüchternd: Über seine vierjährige Karriere brachte er 5.5 NY/A an den Mann und versuchte sich hierbei nur in 16.7% der Wurfversuche an Pässen, die weiter gingen als 15yds. Entsprechend gilt Bradford als gut im Vermeiden von Turnovers, aber ein Turnover ist irgendwo ein „Trade-Off“, den du eingehen musst, wenn du mit dir und deiner Mannschaft weiterkommen willst. Wenn du dein ganzes Leben lang in deinem Haus verkrochen bleibst, wirst du dir nie den Hax abreißen, aber du wirst im Leben auch nicht voran kommen. Bradford scheint – zumindest geben das die Zahlen so wieder – in seinen ersten Jahren ein QB der Güteklasse Alex Smith gewesen zu sein: Lieber sicher werfen, ja keine INT riskieren.

Genau das macht Bradford im Grunde in Kombination mit seinem Vertrag entbehrlich. Wir hatten das Thema schon vor einigen Tagen in der Kommentarspalte, aber noch einmal: Es gibt prinzipiell vier Möglichkeiten, wie die Rams mit Bradford verfahren können:

  1. Gar nix machen. Dann kassiert Bradford sein ganzes Gehalt, aber die Rams werden ihre vertrackte Salary-Cap Situation (aktuell 7 Mio. Space) anderswo lösen müssen. Nicht vergessen: Die Rookie-Klasse 2014 wird die Rams mit ihren beiden 1st-Roundern runde 9.5 Mio. kosten. Und ein paar Free-Agents willst du dir auch einkaufen.
  2. So könnte man mit Bradford eine blanke Gehaltskürzung vereinbaren, aber ob Bradford das Spiel mitspielt, ist ungewiss.
  3. Möglich ist auch die Umschichtung von Bradfords Fixgehalt 2014 in ein Handgeld. Davon hätte Bradford keinen Nachteil: Er würde sein Geld sehen, und die Rams könnten dieses Geld auf mehrere Jahre abschreiben. Allerdings verschieben die Rams dann das etwaige Bradford-Problem nur in die Zukunft, und Bradfords Entlassung kostet eben 2015 ein paar Milliönchen mehr.
  4. Bradfords direkte Entlassung. Damit würden die Rams 17 Mio. Gehalt bei Bradford einsparen, müsste aber 7 Mio. dead money anschreiben. Netto würde man in etwa 10 Mio. an Cap-Space gewinnen, aber man wäre mit einem Mal gezwungen, mit einem seiner hohen Draftpicks einen Quarterback zu ziehen, von dem man möglicherweise nicht 100%ig überzeugt ist.

Es läuft wohl auf Option 2 oder 3 hinaus. Bradford dürfte ein weiteres Jahr kriegen um seinen Wert doch noch unter Beweis zu stellen. Er wird es machen müssen nach einer schweren Knieverletzung, der zweiten in seiner Karriere.

Er wird aber auch eine rundum verbesserte Offense vorfinden, denn es gilt als geritzt, dass St Louis mit einem seiner hohen Picks einen Offensive Tackle für die „Gegenseite“ des LT Jake Long holen wird. OT/OG Saffold wurde nach einigem Geeiere doch noch für relativ moderate Kohle gehalten, aber es gilt als unwahrscheinlich, dass er den anderen Tackle-Platz neben Long behalten darf.

Bei den Running Backs scheint man mit dem jungen Zac Stacy (nur 39% Success-Rate und 3.9 Y/A, aber ein relativ brauchbarer Ballfänger) sowie den seinigen Backups recht zufrieden zu sein. Ob der Mann ohne Spielgefühl, Isaiah Peed, noch eine Chance erhält, bleibt abzuwarten. Bei den Tight Ends kann ich mir vorstellen, dass man an der Combo Cook/Kendricks erst einmal nicht viel ändert.

Wide Receiver ist vielleicht eine Position, die noch einmal Augenmerk erfährt: Givens, Bailey und Quick sind alles noch recht junge, geschwindige Leute, die in über 1/3 der Fälle tief angespielt werden, aber sie alle besitzen nicht die allersichersten Fanghände und lassen schonmal einen Ball durch die Finger flutschen. Besonders ein Givens ist da anfällig: Letzte Saison 83 Anspiele, und nur 34 davon gefangen. Das ist nicht mehr allein mit üblem „Ball-Placement“ der (mittelmäßigen) Quarterbacks zu erklären.

Und dann haste noch die X-Waffe Tavon Austin, letztes Jahr mit viel Tamtam im Draft geholt, aber Austin hatte dann nur 34 Catches für 388yds und 4 TD, und er wurde fast ausschließlich kurz angespielt. Der OffCoord bleibt Brian Schottenheimer, und der bewies schon letztes Jahr nicht grad die neuesten Gedankengänge beim Versuch, Austin einzusetzen. Ist Tavon den hohen Pick wert? Ist er bloß eine Return-Waffe? Oder fehlt den Rams vor allem noch der eine, große #1-Wide Receiver, der das Spielfeld im Alleingang entzerren kann?

Über die Defense Line braucht man nicht viele kritische Worte verlieren: Sie ist die größte Stärke der Rams. DE Quinn holte zuletzt 19 Sacks und erwies sich als fantastischer Speed-Rusher, der allein gegen die All-Pro Gegenspieler zu knabbern hatte. Der Mann auf der Gegenseite ist der teure Chris Long, der kompletter als Quinn ist, aber nicht so explosiv. In der Mitte wird der junge DT Michael Brockers in hohen Tönen als eine Art neuer Suh gelobt. Es drängt sich allenfalls die Frage auf, ob sich die Rams mit ihrem Draftpick #2 overall den Luxus leisten sollten, ein weiteres potenziell episches Talent wie Clowney zu ziehen. Du kannst in der Defensive Line fast nie zu tief besetzt sein, aber wenn du so viele andere dringendere Löcher hast: Kannst du dir einen Clowney leisten?

Die Secondary ist eine offene Scheune: St Louis kassierte zuletzt trotz des fantastischen Passrushes 6.7 NY/A. Einzig der junge CB Janoris Jenkins gilt als NFL-tauglich. Bei den Safetys ist es eher die Unerfahrenheit. Bei den Linebackers die steifen Hüfte sowie die Eindimensionalität des OLBs Ogletree… wobei ein Ogletree ziemlich unumstritten sein dürfte, weil er das, was er kann, schon sehr gut kann: Decken und Passwege zustellen.

Es gibt also viel zu tun in St Louis. Man bewegt sich zwischen Luxusproblemen und echten Problemen. Alle Baustellen werden die Rams dieses Jahr nicht schließen können, und vielleicht wird 2014/15 wieder so eine frustrierende Saison im grauen Mittelmaß, aber „Team-Building“ braucht seine Zeit. Eine Priorisierung fällt schwer, aber gemessen an den Cap-Zahlen sehe ich folgende Fragen als die wichtigsten an:

  • Wie lösen wir die Bradford-Frage? Kriegen wir eine ökonomische Vertragslösung hin oder müssen wir ihn rauswerfen? Dann müssen wir aber QB draften.
  • Können wir uns den Luxus Clowney leisten? Könnten wir dafür im Gegenzug nächstes Jahr Quinn gehen lassen?
  • Was ist uns wichtiger? Eine solidierte Offense Line oder ein großer Wide Receiver?
  • Einer der hohen Picks gehört der Defense. Entweder Clowney oder eine Defensive Back.
  • Mehrere Bemühungen müssen in das Defensive Backfield gesteckt werden: Entweder via Draft oder Free-Agency. Am besten über beide Wege.

Aus vielen Gründen sind die Rams trotz ihres geringen Sex-Appeals ein Team to Watch. Hier werkelt eine sportliche Leitung, die ihr Handwerk versteht. Hier holt ein Head Coach das Maximum aus seinem Spielermaterial heraus. Hier steht alsbald die Frage, wie viel Kohle ein zweitklassiger Starting-QB wert sein darf. Die Rams bleiben ein Team, auf dessen Aktionen ich gespannt bin.

Monday Night Football, #7: St Louis Rams – Seattle Seahawks Preview

Update: Die Uhrzeit musste ich ausbessern. Natürlich wird um 1h30 angekickt, da die Zeit-Differenz zwischen Europa und den Vereinigten Staaten derzeit nur 5h Stunden beträgt.


Monday Night Football aus der NFC West heute ab 2h30 1h30 live im Gamepass und bei SPORT1 US: Seattle Seahawks (6-1) auswärts gegen die St Louis Rams (3-4), die derzeit in der eigenen Stadt massiv ins Hintertreffen geraten sind, weil die Keulenschläger aus der MLB mal wieder in der World Series stehen und ihre x-te Weltmeisterschaft gewinnen können.

Das Footballspiel fühlt sich selbst mit Heimvorteil für die Rams wie ein gigantisches Mismatch an. Die Seahawks sind aufgrund ihres sportlichen Höhenflugs aktuell ein Dauerthema und dürften relativ gut bekannt sein; hervorzuheben ist einzig ihre fassungslose Tiefe in der Defense sowie doch gröbere Probleme in der verletzungsgeplagten Offensive Line, die gegen bessere Verteidigungen einen schweren Stand hat.

Gegen die Rams sollten diese Schwierigkeiten nicht allzu schwer zuschlagen, denn diese sind eine der großen Enttäuschungen diese Saison. Nicht, dass ich Besonderes von St Louis erwartet hatte (ich sah sie als bestenfalls Mittelklasseteam), aber Baby: Drittschlechteste Offense der Liga und zweitschlechteste Pass-Defense der NFL? No way. Da hatte ich mehr erhofft.

Viel höher wird es auch nimmer gehen, denn letzten Sonntag verletzte sich der QB #8 Sam Bradford am Kreuzband und verabschiedete sich auf die IR. Prinzipiell ist Bradfords Ausfall mit seiner ängstlichen Spielweise kein allzu schwerer Verlust, hielt er die Offense eh zurück, und kann seine Verletzung nun möglicherweise die harte Entscheidung, den teuren Top-Draftpick von 2010 zu entlassen, erleichtern, aber die Kurzzeitalternative ist Kellen Clements, der das Label „career backup“ wie wenige andere trägt.

Bradfords (und OffCoord Schottenheimers) Offense war gekennzeichnet von Checkdowns; das führte zu einer der niedrigsten Turnovers-Raten (weil „sicher“ gespielt wird), aber eben auch zu schwachen 5.6 NY/A – selbst sterile Offenses wie Houston oder Arizona bringen mehr zustande. Dass das Laufspiel überhaupt nicht funktioniert und mittlerweile wegen des gefloppten Isaiah Peed auf einen 5th-Rounder im völlig unbekannten Zac Stacy zurückgreifen muss: Auch nicht hilfreich.

Das Matchup bradfordlose Rams-Offense gegen Seahawks-Defense dürfte keines auf Augenhöhe werden.

Die Rams-Defense ist allerdings auch nicht viel besser. Die D-Line um DE Quinn, DE Long und DT Brockers kriegt ganz guten Dampf im Passrush zustande, ist aber nur allzu nachlässig in der Detailarbeit, die da lautet: Run-Defense. Weil hinter diesen schlampigen Genies in Alec Ogletree ein halber Safety auf Linebacker spielt, gibt es auch immer wieder längere Runs gegen die Rams: Ogletree kann schon wunderbar Tight Ends decken, aber v.a. gegen Houston war der Mann ein sehr leichtsinniger Lauf-Verteidiger.

Am schlimmsten: Trotz akzeptablem Passrush kassiert St Louis 7.4 NY/A im Passspiel: #31 der Liga. Und das, obwohl man schon gegen Pass-Gurken wie Arizona, San Francisco, Houston oder Jacksonville spielte! Eigentlich unglaublich. Was stellt da wohl Russell Wilson mit so einem Backfield an?

Ich bewunderte Jeff Fishers Arbeit in der Saison 2012: Der talentlose Rams-Kader wurde von Fisher auf 7-8-1 Siege hinaufgecoacht, eine der größten Leistungen des Jahres. Dieses Jahr allerdings ist die Stagnation größer als befürchtet, und die 3-4 Siegbilanz spiegelt das noch nichtmal wieder (Siege über Arizona, Houston und Jacksonville). Es ist Spielermaterial da, aber noch ist man eine Baustelle. Es ist nicht zu erwarten, dass gegen die weiterhin vielleicht beste Mannschaft der NFL ein Upset aus dem Hut gezaubert wird.

NFL Notizblock, Week 4: TNF 49ers @ Rams

Sowohl die San Francisco 49ers als auch die St. Louis Rams gingen mit einer 1-2-Bilanz in dieses Spiel. So wie die Seattle Seahawks sich präsentiert haben, geht es für Rams wie `Niners jetzt erstmal nur darum, um Platz zwei in der NFC West zu spielen. Beide Mannschaften waren mit großen Erwartungen in die Saison gestartet, hatten aber erstmal einige Fragezeichen produziert: San Francisco mit zwei deutlichen Niederlagen gegen Seahawks und Indianapolis Colts; die Rams mit zwei deutlichen Niederlagen gegen Falcons und Cowboys. Für San Francisco kamen noch die vielen verletzten (und versoffenen) Spieler auf der defensive Seite des Balles hinzu: OLB Aldon Smith, NT Ian Williams, CB Nnamdi Asomugha und LB Patrick Willis.

San Franciscos Defense hatte Glück: die Offense der Rams hat gespielt, wie man das seit Jahren von ihnen kennt – nur ohne das Laufspiel. In altbekannter Manier hat Offensive Coordinator Brian Schottenheimer ein wahres Paßfeuerwerk abgefackelt. Nur lehnt man sich mittlerweile nicht weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, daß Bradford kein besserer Quarterback ist als Mark Sanchez. Bradford wirft teilweise sehr schlechte Pässe; trifft immer mal wieder ganz schlechte Entscheidungen und wird geradezu unbrauchbar, wenn er es in der pocket mit pressure zu tun bekommt. Am Ende waren es dann wieder fast 50 Paßspielzüge für Bradford, damit hält er seinen Schnitt von 47 Pässen pro Spiel.

Stats / Gamebooks

Gamebook 49ers@Rams

Wobei man hier wohl Schottenheimer auch mal den benefit of doubt zustehen sollte: diese Offensive Line und diese Running Backs – Daryl Richardson und ein gewisser Benny Cunnningham – sind einfach nicht dafür gemacht, gegen eine `Niners-Defense zu laufen. 16 Versuche für 22 Yards – gegen eine Defense, die drei Stammspieler der Front Seven ersetzen mußte.

Paßspiel nicht gut, Laufspiel schlecht, damit man trotzdem irgendwie vorwärts kommt, haben die Rams ihren top-ten pick in eine blitzschnelle Allzweckwaffe investiert. Aber warum waren eigentlich alle so scharf auf Tavon Austin? Im Angriff spielt er überhaupt keine Rolle und auch als Punt Returner sieht er schlecht bis mittelmäßig aus.

Die besten Spieler bei San Fran waren DE Justin Smith, der ganz gemütlich die OLine durch die Gegend geschoben hat; und vor allem LB NaVorro Bowman mit etlichen Tackles, zwei Sacks, einem abgefälschten Paß und dem erzwungenen Fumble von Bradford beim Stand von 3-21 tief in der Rams-Hälfte.

So war das Spiel auch enger, als es das Endergebnis vermuten läßt. San Franciscos Offense war über weite Strecken des Spiels alles andere als überzeugend. Vor allem Colin Kaepernick sieht nun aus wie ein Rookie und nicht mehr wie die heißeste Erfindung seit der Dampfmaschine. Er hat vor allem das Problem, daß er sich immer an seinem first read festklammert und diesen dann manchmal so lange anstarrt, bis auch der letzte Bratwurstverkäufer im Stadion gemerkt hat, zum wem er werfen will. Nur knapp entging er so zwei Interceptions. Kaepernick muß von seinem Offensive Coordinator Greg Roman regelrecht gepampert werden mit einfachen reads: viel play-action, designed rollouts oder durchs Spielzugdesign kreierte 1-gegen-1-Situationen von WR Anquan Boldin und TE Vernon Davis gegen körperlich unterlegene Gegenspieler.

Das funktioniert auch alles, solange Kaepernick nicht das Spiel auf seinen Schultern tragen muß. Gegen eine erschreckend schwächliche Laufverteidigung der Rams sind Frank Gore und Kendall Hunter hinter einer endlich mal wieder bärenstarken Offensive Line für mehr als 200 Yards gelaufen. Aber, wie gesagt: es stand bis zu Bradfords Fumble im vierten Viertel nur 21-3 und nicht gegen jeden Angriff werden die 49ers defensiv so glänzen können wie gestern.

Date am Donnerstag, #4: St Louis Rams – San Francisco 49ers Preview

Das letzte Septemberwochenende in der NFL bedeutet den Beginn der vierten Spielwoche. Den Auftakt machen in der Nacht auf morgen, 02h (live bei SPORT1 US) die St Louis Rams (1-2) und die San Francisco 49ers (1-2) im direkten Duell zweier Mannschaften aus der NFC West. Das Spiel hat aufgrund der Siegbilanzen beider Mannschaften bereits erhöhte Brisanz.

Bei den 49ers herrscht nach der zweiten Pleite en suite zwar noch keine Panik, aber doch dezente Beunruhigung: In Seattle kann man bei beschissenem Spielverlauf schonmal auch höher verlieren, aber zuhause gegen die Colts – und dann auch noch höchst verdient? No way, dass nach so einer Leistung einer der dominantesten Mannschaften des letzten Jahres alles ruhig bleibt.

Wenn die 49ers den Ball haben

Gegen die Colts wurde man nicht nur von einem superben QB Andrew Luck besiegt; es war schlicht und einfach frappierend, wie San Francisco, diese physische Gewalt, körperlich unterlegen war. Es gab einen einzigen guten Drive, und zwar den ersten oder zweiten in der ersten Halbzeit, als das 49ers-Laufspiel um RB Frank Gore und RB Kendall Hunter wieder an gute alte Tage erinnerte: Superbes Vorblocking, und die Backs, die jede Lücke nutzten um zu beschleunigen und durchzubrechen. Das war’s dann aber auch. Danach wurden 2-3 Läufe eingebremst, und dann gab der Coaching-Staff in der zweiten Hälfte komplett das Laufspiel auf.

Mehr Passspiel ist bei fast allen Mannschaften eine gute Idee, aber San Francisco ist ein etwas speziell gelagerter Fall mit seinem jungen QB Kaepernick und seinem Einmann-Receiving Corp Anquan Boldin. TE Vernon Davis ist nicht fit, und dann gibt es niemanden mehr. Eigentlich unglaublich, aber Kaepernick hatte nur zwei vollständige Pässe zu Wide Receivers, die nicht Boldin hießen (2x Williams, 12yds).

Diese Eindimensionalität ist ein Problem. Ein Problem ist auch Kaepernicks zuletzt wieder verstärkt gezeigte Tendenz, seinen Receiver (Boldin) bis zum letzten Moment anzustarren und dann trotzdem den Pass zu werfen. Wenn der Gegner merkt, dass der Quarterback nur zu einem einzigen Receiver werfen möchte weil er nur diesem einzigen vertraut, ist es einfach, seinen GamePlan danach auszurichten. „Kaep“ ist ein junger Spieler, für den solche Krisen normal sind, aber aus Niners-Sicht könnte es in der derzeitigen Divisions-Konstellation (bereits eine Divisions-Niederlage) ein größeres Problem werden…

…sofern die „wahre“ Defensive Line der Rams jene aus den ersten beiden Spielen (ARI, @ATL) ist und nicht jene aus dem dritten (@DAL). Jeder bescheinigte den Rams und vor allem DE Robert Quinn nach zwei Spielen sensationelle Frühform. Ohne richtig darauf geachtet zu haben: Die Offense Lines von Arizona und Atlanta sind nicht dafür bekannt, zu den besseren zu gehören. Im ersten „echten“ Test gegen Tyron Smith sah Quinn wie ein Normalsterblicher aus, und DE Chris Long völlig von der Rolle: Langsam, träge und wenig Gegenwehr.

San Francisco hat eine Unit im Angriff, die derzeit kein Problem stellt, und das ist die O-Line. Dominiert diese auch die Rams (und die Wetten stehen gut), sehe ich gute Chancen, dass die 49ers zurück in die Spur finden.


Wenn die Rams den Ball haben

Aber auch das andere Duell hat seine Reize: San Franciscos plötzlich recht marginal aussehende Defense gegen die eher schwache Rams-Offense. Zuerst zu den Rams, wo QB Sam Bradford auch im vierten Profijahr keinen rechten Fortschritt machen möchte. Den Rams geht rein vom Spielertypus abseits von vielleicht WR Chris Givens ein echtes deep threat ab. Trotzdem ist es schwer erklärbar – und fällt irgendwann auf den Quarterback zurück – wenn zwei von drei Passversuchen 3yds-Checkdowns für die Runningbacks sind. Checkdowns sind nicht per se zu verachten (sie bringen immerhin relativ sichere kurze Yards und sind weniger turnover-anfällig), aber wenn sie der Kernbestandteil bzw. fast der einzige Bestandteil der Offense sind, wird das zum Problem.

(Täuschte es oder wurde LT Jake Long am Sonntag tatsächlich auf die Bank gesetzt?)

Gut möglich, dass wir uns vom extrem langweiligen Eindruck, den St Louis im Angriff hinterlässt, in die Irre führen lassen, aber auch fortgeschrittene Stats unterstützen die These, dass Bradfords übervorsichtiges Spiel (bzw. übervorsichtiges PlayCalling des Coaching-Stabs) ein Handicap stellen.

San Franciscos Defense 2013? Kränkelnd. Die Unit kämpft mit Verletzungssorgen und Alkoholproblemen beim wichtigsten oder zweitwichtigsten Passrusher Aldon Smith (Smith für die nächste Zukunft: Inactive wegen Entziehungskur). LB Patrick Willis ist alles andere als fit. Und was fast alle anderen Mannschaften schon lange kennen, schlägt nun auch bei den Niners zu: Wenn die Superstars fehlen oder nur mit halber Kraft spielen können, müssen die Backups ran, und das führt natürlich häufig zu Qualitätsverlusten.

Wenn sich dann noch dazu eine ganze Latte an uncharakteristischen Fouls (late hits, Pass-Interferences) gesellen, sieht die einst beste Defense im Lande schonmal schnell aus wie eine ganz gewöhnliche Abwehr der Güteklasse Detroit. Genau das ist in den ersten drei Spielen (mit Ausnahme vielleicht einer Halbzeit in Seattle) der Niners 2013 der Fall.

Es steht also heute Nacht ziemlich vieles auf dem Spiel; und weil beide Teams klar ersichtliche Probleme haben, werden wir hoffentlich auch viele optische Eindrücke sammeln können. Letztes Jahr gingen beide Spielen zwischen diesen Teams in die Overtime (ein Remis, ein Rams-Sieg). Beide Spiele waren Abwehrschlachten mit zwar immer wieder guten Anflügen in beiden Offenses, die aber mit brutal disziplinierter Spielweise jeweils wieder schnell eingebremst wurden. Vor allem die Rams werden heute weiter so diszipliniert spielen müssen, weil sie die immer noch schwächere Offense besitzen.

Ich tippe auf San Francisco, weil die 49ers trotz allen aktuellen Problemen mehr Wucht in ihrem Angriff haben.

NFL-Woche 1/2012: Detroit Lions – St Louis Rams im Rückspiegel

Aus Spoilergründen gibt es den Kommentar zum Spiel erst nach dem Sprung.

Es war ein eigenartiges Spiel im Ford Field. Detroit dominierte die Partie eigentlich nach Belieben, brauchte am Ende aber einen lupenreinen Comeback-Drive, um zehn Sekunden vor der Schlusssirene die sehr niedrig eingeschätzten St Louis Rams noch 27-23 zu schlagen.

Hauptgrund dafür: Die fürchterlichen schweißgebadeten Lions-Trikots Turnovers. Deren drei produzierte der etwas unvorsichtige QB Matthew Stafford in der ersten Halbzeit, und es war dreimal Schema F: Quicke Out-Route eines Receivers, und dann springt ein Linebacker oder Cornerback dazwischen. Doppelt bitter: Zwei der Interceptions passierten in der gegnerischen RedZone, eine davon an der Goal Line. Minimum zehn verschenkte Punkte, und die dritte INT wurde von CB Cortland Finnegan zum Touchdown returniert.

Von den Interceptions abgesehen war es eine gute Partie Staffords, der mindestens vier oder fünfmal Pech hatte mit Drops, bei denen aber im Umkehrschluss auch wieder wenigstens zweimal eine weitere INT möglich gewesen wäre (ein weiterer abgefälschter Ball wurde von Stafford für 3yds gefangen!). In Halbzeit zwei schaltete Detroit in den gewohnten Modus mit zwei Tight Ends und gab Stafford somit kürzere Würfe, was zwischendurch merklich an Sicherheit gab.

Und dann hat Detroit immer noch WR #81 Calvin Johnson, der nicht häufig angespielt wurde, aber immer dann, wenn es brenzlig wurde. So beim entscheidenden TD-Drive, wo das Rams-DB kein Land sah. Johnson bei sieben Anspielen mit 6 Catches für 111 Yards.

Lobend hervorzuheben ist auch der Mut von Head Coach Jim Schwartz, der ohne Timeouts mit 15sek auf der Uhr anstelle des sicheren Field Goals zur Verlängerung die Entscheidung suchte und Erfolg gegen seinen Lehrmeister auf der anderen Seite, Jeff Fisher, hatte.

Auf der anderen Seite war es ein eher enttäuschendes Spiel der Rams-Offense. Der Druck der Lions war nicht übermäßig (trotz dreier Sacks, je einer von Suh, Fairley und Williams), aber QB Sam Bradford operierte fast ausschließlich über die Spielfeldmitte und brachte downfield nur einen akkurat geworfenen Ball zustande. Der wurde dann von einem weit offenen WR #13 Chris Givens in dessen erstem Profispiel fallen gelassen. Bradford war aber weniger „schuldig“ (machte IMHO ein gutes Spiel) als das PlayCalling.

Denn die Rams setzten erstaunlich häufig auf ihr Laufspiel und RB Steven Jackson, der zu einer Phase im zweiten Drive der Rams die komplett einzige Waffe war (sechs Läufe, drei Catches). Jackson kämpfte zwar wie ein Löwe, aber die Ausbeute ist eher traurig: 21 Läufe für nur 53yds, vier Catches für 31yds. Zu allem Überfluss im Schlussviertel dann auch noch den LT Rodger Saffold verloren.

Am Ende ein komisches Spiel, bei dem ich nicht recht weiß, was davon zu halten. Detroit brauchte am Ende alles, um eines der vermutlich schwächsten NFL-Teams zu putzen, sah aber in diesem Spiel fast alles gegen sich laufen (besagte Turnoverbilanz von -3, plus ein Fumble, den die Rams aufnahmen). Die Rams dagegen wären fast mit einem Upset heimgefahren, müssen sich aber hinter die Ohren schreiben, viel zu viel Laufspiel versucht zu haben und die Geberlaune Staffords nicht ansatzweise ausreichend genutzt zu haben.

Die Stats zum Spiel:

Kategorie       Einheit    DET    STL
Pass-Offense    NY/A       7.2    6.9
Lauf-Offense    NY/A       4.6    2.9
Turnovers       %          4.4    ---
Penaltys        Y/P        0.4    1.2

[Erklärung: NY/A ist Nettoyards pro Versuch, % die Turnoverhäufigkeit pro 100 Spielzüge, Y/P die Raumstrafe pro Spielzug – das sind die vier Statistiken, die am besten autokorrelieren (also am vorhersagbarsten sind) und am besten mit Sieg und Niederlage korrelieren.]

Pfingst-Trilogie: Die Bühne gehört erneut der Klasse von 2010, Part 1

Vor einem Jahr hatte ich aus purem Eigeninteresse Teile der ersten Runde des NFL-Drafts von 2010 unter die Lupe genommen. Ein Jahr später ein weiterer Blick auf diesen Jahrgang nach dessen zweitem Jahr – also acht Monate vor der vorläufigen Klausur zur „mittleren NFL-Reife“. Heute das erste Dutzend an Erstrundendraftpicks, die sich in ihrer Gesamtheit besser geschlagen zu haben scheint, als man es ihnen in der doch recht ruhigen Vorberichterstattung vor zwei Jahren zugetraut hatte.

Die Rookies des Jahres 2010/11

Der Top-Pick QB Sam Bradford steht in St Louis vor seinem dritten Jahr bereits gehörig unter Druck. Aufgrund der 50M-Investition waren die Rams noch nicht bereit, die Reißleine zu ziehen und zogen es vor, den Kader mit fast einem halben Dutzend Erstrundenpicks bis 2014 aufzupolieren. Nach einem soliden, nicht großartigen, Debütjahr kamen für Bradford in der vergangenen Saison alle Umstände zusammen – auch wenn der stets pointierte Walter Reiterer da eine Spur kompromissloser reingehen würde. Punkt ist: Die Rams-Offense war leblos, und das, obwohl mit Josh McDaniels der Mann die Spielzüge orchestrierte, der noch jeden Quarterback überdurchschnittliche Zahlen produzieren ließ.

Der #2-Pick DT Ndamukong Suh schlug mit seiner wuchtigen Spielweise mehr als einmal etwas über die Strenge, ließ sich gegen die Packers zum „markentechnisch“ ungünstigsten Zeitpunkt zu einer Tätlichkeit gegen einen Guard Green Bays hinreißen und riskiert, sich bereits zu einem frühen Karrierezeitpunkt seinen Ruf zu verbrennen. Leistungsmäßig war 2011/12 für Suh wohl ein Fortschritt: Ich würde nicht allzu viel in den Rückgang an Sacks (von 10 auf 3) reinlesen wollen. Suh spielt – wohl vom Trainerstab gewollt – extrem spekulativ und vernachlässigt ganz gerne die schiere Möglichkeit, dass da auch ein Running Back das Ei bekommen könnte. Kompletter Spieler? Vielleicht nicht, aber ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass es Schwartz/Cunningham nicht darauf anlegen.

Die Verletzungsgeplagten

Der #3-Pick DT Gerald McCoy von den Buccs gilt als Volltreffer, sofern er denn mal spielt. Keine zu unterschätzende Einschränkung, nach 16 verpassten Spielen in zwei Jahren. Ähnliches gilt auf der „anderen“ Seite der Line of Scrimmage für die OT Trent Williams (#4/WAS) und Russell Okung (#6/SEA), denen beide durchaus akzeptable Leistungen nachgesagt wurden, die beide jedoch mit Wehwehchen aller Art zu kämpfen haben sollen.

Der fünfte Pick, Safety „fifth dimension“ Eric Berry von den Chiefs, war nach einem recht fehlerhaften Rookie-Jahr dank einiger Big Plays wohl etwas verfrüht in den Himmel geschrieben, fiel 2011/12 die komplette Saison aus.

Die Defensivspezialisten

Völlig in der Anonyme bleibt dagegen bis dato Clevelands CB Joe Haden, dem man zwei fantastische Jahre nachsagt und um dessen „Shutdown“-Fähigkeiten die Browns-Defense gebaut werden könnte. Haden machte die größten Schlagzeilen vor ein paar Tagen, als er quasi ins Blaue hinein eine Glückliche im Lamborghini auf eine Schulabschlussfeier begleitete – und nicht, wie durchaus angemessen, mit seinem sportlichen Auftritt.

MLB Rolando McClain (#8/OAK) gilt nach seinem zweiten Jahr als zu hüftsteif für die NFL und allenfalls gegen die 120kg-Bolzen auf Fullback gebräuchlich, dürfte seine Rolle in der kommenden Saison unter dem abwehrorientierten neuen Head Coach Dennis Allen beschränkt sehen. DT Tyson Alualu (#10/JAX) erfährt in Jacksonville trotz einiger Wehwehchen eine etwas höhere Wertschätzung, wenn auch das Label des „reaches“ noch nicht abgekratzt werden konnte. Alualus große Schwäche ist das Abtauchen gegen Doppeldeckungen („double teams“).

Die Explosiven

RB C.J. Spiller (#9/BUF) rehabilitierte sich im zweiten Jahr für seine wenig inspirative Rookie-Saison. Vor einem Jahr hatte ich auf Buffalo und Spiller noch eingeprügelt, muss das Urteil erstmal eine Spur revidieren: Spiller scheint ein wenig Geduld erlernt zu haben und war zumindest in Ansätzen die erhoffte explosive Waffe (aber nur 104 Carries).

Der „andere“ hoch einberufene RB Ryan Mathews (#12/SD), vor einem Jahr noch als verletzungsanfällig gebrandmarkt, soll eine starke Saison gespielt haben und mit 50 Catches auch ein schneller, kräftiger Ballfänger in der prächtigen Charger-Offense sein – Mission erfüllt für Norv Turner, der genau solche Spielertypen, wie es Mathews zu sein scheint, sucht.

Der Flop

Als größten – und bisher einzigen wirklichen – „Bust“ hat man bereits OT Anthony Davis (#11/SF) in San Francisco ausgemacht. Davis soll kein Bein in den Boden bekommen und nur aufgrund mangelnder Alternative überhaupt noch spielen dürfen. Ohne Davis wirklich ein Zeugnis ausstellen zu wollen, bleibt zu betonen, wie erstaunt man doch war, dass San Francisco es quasi ohne Quarterback und mit noch viel weniger Offensive Line in das Championship-Finale durchwursteln konnte. Aber es gibt Positives, wie wir morgen sehen werden, denn der nächste Niner-Pick von 2010 war ein Volltreffer…

St Louis Rams in der Sezierstunde

Die Rams waren eine der ganz großen Enttäuschungen in dieser Saison. Saisonbilanz von 2-14, neun Niederlagen mit mehr als einem Score, ein positiver Unfall gegen die Saints und der zweite Sieg ein gegurktes 13-12 gegen Cleveland. Im Sommer hatte ich schedulebedingt einen nicht reibungsfreien Saisonstart erwartet, aber dass die Rams so hoffnungslos auftreten würden? Nope.

Kernproblem von allem war die inexistente Offense, die trotz weniger Turnovers (1 Turnover pro 9 Drives, nur 1 Interception pro 25 Drives) und trotz des namhaften OffCoords Josh McDaniels in fast allen Kategorien NFL-Bodensatz war. Als problematisch erwies sich dabei neben der wackeligen Offensive Line und den namenlosen Ballfängern (Top-WR Lloyd mit 51 Catches, danach RB Jackson mit 39, danach WR Gibson mit 36) vor allem auch die Quarterback-Situation.

Der junge Top-Pick Sam Bradford hatte mit Verletzungsproblemen zu kämpfen, aber auch mit allen Entschuldigungen im Hinterkopf liest sich die Bilanz ernüchternd: 216yds/Spiel, 4.9yds/Pass (nur Tebow und Gabbert waren ineffektiver) und sechs Touchdowns in zehn Einsätzen sind keine konsequenzlos hinnehmbaren Werte. Ergebnis: Mit nur 0.92 erzielten Punkten pro Drive stellte man den mit Abstand ineffizientesten NFL-Angriff der Saison, und immer wenn eine Franchise nur 193 Punkte über die Saison scort, leuchten die Alarmsignale auf.

Die Defense war nicht gut, aber besser. Die Front Seven der Rams ist dafür gebaut, mit Pass Rush Rabatz zu machen, wodurch sich die schlechten Laufspielwerte (4.8yds/Carry, #28) erklären lassen. Die mäßige Sack-Zahl von 39 ist irreführend, da die Rams die fünftwenigsten Passversuche der Liga gegen sich ausgespielt sahen (die 7,5 Sacks auf 100 Versuche sind ein Top-10 Wert für die Rams).

Die wichtigste Stellschraube ist bereits gedreht: Mit Jeff Fisher wurde der neue Chefcoach eingestellt, ein Mann, dem großes Machtverlangen nachgesagt wird und der den scheinbar unattraktiven Ort St Louis vor allem deshalb ausgewählt hat, um in Sachen Personalpolitik – anders als zu seinen Zeiten in Tennessee – ungestört walten zu können. Fisher hat mit seinen Coordinators Signale gesetzt: Brian Schottenheimer aus New York steht für seine Neigung, Quarterbacks entwickeln zu wollen, während Gregg Williams aus New Orleans blitzen lässt bis die Wände wackeln.

Das HundbeißtsichindenSchwanz-Argument gilt für die Rams in der Offense: Ist Bradford so schlecht, weil er nicht besser ist, oder weil die Umstände nicht mehr zulassen? Fisher/Schottenheimer scheinen von Bradford überzeugt genug zu sein, um den #2-Draftpick (genannt auch „Robert Griffin III“) auf dem Basar meistbietend zu verkaufen. Das heißt: Bradford kriegt wenigstens noch ein oder zwei Jahre mit der Hoffnung, mit adäquaten Wide Receivers wenigstens NFL-taugliche Statistiken herausfahren zu können. Oberste Rams-Priorität dürfte daher (mindestens) ein Wide Receiver sein, und geht es nach den Auguren, so wird es Oklahoma States Justin Blackmon werden, ein nicht unproblematischer Charakter. Bei McDaniels-Buddy Brandon Lloyd geht kaum jemand von einer Vertragsverlängerung in St Louis aus.

Den Eindrücken nach fehlt es den Rams auch gehörig an der Offense Line. LT Saffold und RT Smith gelten als Busts, wobei prinzipiell jeder der Blocker üble Kritiken einstecken muss (auch die Free Agents C Wragge und G Bell). Nach etlichen hohen Picks in den letzten Jahren dürfte der Hunger der Fans nach einem weiteren der gesichtslosen Offense Liner jedoch eher gering sein.

Kleinerer Nebenschauplatz sind die Running Backs: Der großartige Steven Jackson wird nicht jünger und hatte häufig mit Verletzungen zu kämpfen, während die Backups Norwood und Cadillac Williams vertragslos sind.

Wichtigste Stellschrauben in der Defense sind neben dem vertraglosen DT Gary Gibson sowie dem jungen OLB Chamberlain vor allem im Defensive Backfield zu finden: Gregg Williams ist bekannt dafür, risikoreiches Spiel und gute Blitzer zu bevorzugen, weswegen mit Sicherheit personell nachgebessert werden wird. Dazu nur ein Stichwort: Die Rams hatten 2011/12 mal eben zehn Defensive Backs auf der Injuried Reserve.

Es wird spannend zu sehen sein, wie Fisher diese Franchise aufstellen wird. Fisher war für mich nie ein großer Visionär und wirkte auch nie so, als wäre er der richtige quasi-GM. Kurzfristig wird man QB Bradford Waffen geben und/oder besser schützen müssen. Die Rams besitzen den Pick #2, der angesichts des Strebens der halben Liga nach RG3 ein wertvoller sein könnte, und sie haben Pick #33, der als erster Pick des zweiten Draft-Tages als äußerst begehrte Ware (Stichwort: Trades) gilt.

MNF #14 Preview: Seattle Seahawks – St Louis Rams

Die Spielauswahl der NFL für die Primetime soll hier nicht das Thema sein. Heute Nacht, 02h30 (LIVE EPSN America) ein eher wertloses Duell aus der NFC West, Seattle Seahawks vs. St Louis Rams, das „Re-Match“ des letztjährigen „Playoff-Spiels“ zum Ausklang der Regular Season. Auf die Seahawks und ihre aufstrebende Defense hatte ich vor zehn Tagen geschaut. Nehmen wir diesen seltenen TV-Auftritt der Rams mal als Vorwand, einen Blick auf St Louis zu werfen, das mit „2-10“ die zweitschwächste Bilanz aller NFL-Teams hält.

Hauptverantwortlich dafür ist die inferiore Offense, die kein Bein in den Boden bekommt und mittlerweile ernsthafte Zweifel an OffCoord Josh McDaniels weckt. Verletzungen sind nicht unschuldig: Beide Tackles und fast alle nennenswerten Wide Receivers sind auf den IR. Die Line soll jedoch auch mit den Tackles Smith/Saffold labil genug gewesen sein, was das schwache Laufspiel um den bemitleidenswerten RB Steven Jackson hemmte und in katastrophalem Passspiel kulminierte. Passspiel, wo McDaniels doch als Koryphäe gilt.

Der junge QB Sam Bradford entwickelt ohne einen QB-Coach (!) im Trainerstab sich einfach nicht weiter und hat mit Verletzungen und Armut an brauchbaren Anspielstationen zu kämpfen, ist aber immer noch ein Upgrade gegenüber dem Wandervogel A.J. Feeley. Beide sollen heute Nacht jedoch ausfallen und der Third Stringer Tom Brandstater – der Name lässt Wurzeln irgendwo in den Alpen vermuten – ran.

Das Erstaunliche an der Rams-Offense: Sie produziert sehr wenige Interceptions (1 pro 25 Drives), gibt aber trotzdem oft den Ball her (1/8 Drive), was für Fumble-Pech spricht. Die Probleme gehen aber tiefer: St Louis startet meistens sehr weit in der eigenen Platzhälfte (am Sonntag gegen S.F. 20-20-13-20-20-18-23-20-18-21-12-20) und macht kaum Yards mit seiner lahmen Offense (23,4yds/Drive). Wenig überraschendes Ergebnis: Die Rams sind trotz nicht verheerender Turnover-Zahlen die ineffizienteste Mannschaft der NFL, scoren mit 0,94pts/Drive weniger als alle anderen Teams in der NFL.

Das liest sich alles ähnlich der Situation in Cleveland. Auch die Rams suchen neben einem verlässlichen Offensive Tackle händeringend einen großen #1-Wide Receiver zur Entlastung Bradfords (nur 54% Completion Rate!), nachdem sich die vielen Einkäufe der Offseason (plus WR Lloyd) nicht bezahlt gemacht haben.

Auf der anderen Seite gehört die Defense der Rams zu den grundsoliden, ist gebaut um einen guten, unspektakulären Pass Rush, hat aber Probleme, wenn der Gegner mit massiertem Laufspiel daherkommt (RB Lynch, hallo!). Eine sehr interessante Facette an der Rams-Defense ist das Abdecken der Wide Receiver:

  • vs. TE: #1 (27.0yds/Spiel)
  • vs. #1-WR: #12 (64.8yds/Spiel)
  • vs. #2-WR: #25 (50.6yds/Spiel)
  • vs. #3/4/5-WR: #23 (50.7yds/Spiel)
  • vs. RB: #25 (35.5yds/Spiel)

IMHO ein Zeichen für noch zu geringe Tiefe in der Pass-Deckung, v.a. bei den vielen unbekannten Cornerbacks. Ich bezweifle jedoch, ob Head Coach Steve Spagnuolo die Zeit bekommen wird, den Kader diesbezüglich zu verbreitern: Die Rams stagnieren seit Spagnuolos Amtsantritt nicht weniger als vor dessen Ankunft. Sprach anfangs der Stimmungsaufschwung noch für einen Verbleib, dürfte angesichts des trotz vieler Draftpicks mittelmäßig gebliebenen Kaders der Geduldsfaden langsam reißen. Eine Rasur Spagnuolos halte ich für wenigstens nicht unwahrscheinlicher als einen Verbleib.

Mit den St Louis Rams in den Sonnenuntergang

Die St Louis Rams sind eine der Underdog-Franchises, seit Jahren im Niedergang begriffen und in den letzten Jahren fast so leblos wie die Jacksonville Jaguars wirkend. Absoluter Tiefpunkt war die Saison 2008, als man 2-14 ging und schon früh in der Saison den Head Coach feuerte. Der Neue seitdem: Steve Spagnuolo, der ehemalige Defensive Coordinator der Giants, und vom neuen GM Bill Devaney eigenhändig ausgewählt.

Spagnuolos Debütsaison las sich stark vereinfacht so: 1-15. Erstmals in der NFL-Geschichte wurde eine 2-14 Saison noch mal unterboten. Trotzdem ist der Stimmungspegel im Steigen begriffen. Das mag am erkennbaren Konzept Spagnuolos liegen, oder an den sieben Siegen vom Vorjahr, oder aber an der erst einmal beruhigten Besitzer-Situation.

Die Offense

Das Grundgerüst haben sich die Rams in den letzten Jahren zusammengestellt. Via Draft wurden die Offensive Tackles Roger Saffold und Jason Smith geholt, via Free Agency Center Jason Brown und jüngst der Guard Harvey Dahl. Die Dominanz zeigte sich bisher noch nicht, aber die Einkaufsphilosophie und das junge Spielermaterial gefallen.

Zentrum der Offense ist der junge QB Sam Bradford, der Top-Pick von 2010, der eine recht ordentliche Rookie-Saison hingelegt hat und vor allem gemessen an seiner Zeit an der Uni erstaunliche Qualitäten im Lesen von Defenses gezeigt haben soll.

Auch Bradfords reine Zahlen (60% Completion Rate, 3512yds, 18 TD, 15 INT) lesen sich so übel nicht, und sind umso erstaunlicher, wenn man das Fehlen einer adäquaten Ballfänger-Armada beachtet, eine Armada, in der der Running Back der gefährlichste Receiver war.

Die jüngste Offseason stand primär unter dem Motto „Man gebe Bradford bitteschön Waffen“. Via Draft wurden der possession receiver Austin Pettis (Boise State) und der burner Greg Salas (Hawaii) geholt, via Free Agency der grundsolide Mike Sims-Walker (aus Jacksonville). Gemeinsam mit der Rückkehr von WR Donnie Avery und dem um ein Jahr erfahreneren, aber recht lethargisch wirkenden WR Danny Amendola sieht die Gruppe plötzlich recht ausgewogen aus und allenfalls der klassische #1-Mann fehlt.

Ein ganz interessanter Mann ist IMHO TE Lance Kendricks, ein Rookie, dem exzellentes Blockspiel und sehr gute Fähigkeiten als Receiver nachgesagt werden. Fangsichere Tight Ends sind gerade für junge Quarterbacks stets eine vitale Option.

Wichtigster Neuzugang ist allerdings OffCoord Josh McDaniels, der nach seiner gescheiterten Erfahrung als Head coach in Denver erstmal das Motto „zurück zu den Wurzeln“ befolgte. McDaniels darf man durchaus zutrauen, eine mächtige Offense kreieren zu können – das entsprechende Personal wurde auch unter McDaniels’ Guide bereits zusammengestellt.

Gespannt darf man sein, was McDaniels für den Rams-Spieler des Jahrzehnts bedeutet: RB Steven Jackson, ein bewundernswerter Mann, der seine Blütezeit als unterbezahlte Alleinwaffe in St Louis vergeigen und mit mittlerweile 28 Jahren schon eine Menge harter Hits für Niederlagenserien einstecken durfte. Jackson ist, wenn fit, eine Allzweckwaffe, ein Mann, der eine Offense tragen kann und ich möchte sehen, wie Jackson mit einem ernsthaften Passspiel als Entlastung die Freiräume nutzen kann – sofern er halbwegs anständiges Blockspiel bekommt. Die Backups sind beide neu: RB Cadillac Williams aus Tampa und RB Jerious Norwood aus Atlanta.

Bloß: McDaniels und Running Backs hatte bisher was von „muss halt sein, weil es sein muss“, aber als großer Runningback-Freund gilt McDaniels nicht.

Die Defense

Spagnuolo liebt es, Defensive Lines mit viel Tiefe zu bauen, um eine konsequente Rotation fahren zu können. Mit DE Robert Quinn wurde dann auch gleich ein weiterer hoher Draftpick in die Abwehrreihe gesteckt. Quinn gilt als etwas lax aber höchst talentiert, und Quinn wird einer Defensive Line mit einigen gegebenen Bausteinen beitreten.

Der etwas speckige DT „Big Dog“ Fred Robbins (143kg) – ein Spagnuolo-Mann –  gilt als veritabler Anker der Line, etwas konditionsschwach, aber dominant genug, um Guards und den Center zu verschrecken und somit Räume für die Defensive Ends zu schaffen. Die Ends gelten als solide, aber niemand erwartet, dass der alternde James Hall und der zu wenig explosive Chris Long noch zu sensationellen Pass Rushers werden – dieser Job soll Quinn vorbehalten sein.

Die Linebacker sind bekannt als ordentliche Unit gegen den Lauf, aber auch als zu langsam für Pass Rush und Pass-Deckung. MLB James Laurinaitis hat sich in zwei Jahren zum unbestrittenen Leader entwickelt, gilt aber als körperlich zu limitiert, um mit den dynamischeren Vertretern á la Pat Willis mithalten zu können. Mir dünkt so was wie eine „Bruschi“-Rolle für den weißen Mann.

Haupt-Problemzone ist die Secondary. St Louis kassierte über 240 Pass-yds/Spiel und insgesamt 21 Touchdowns via Luftweg – und das gegen einen Schedule mit nur dreieinhalb ernsthaften Pass-Angriffen (Denver, New Orleans, San Diego plus die lauflastigen Falcons). Ein verbessertes Pass Rush sollte helfen, wie auch der neu eingekaufte Safety Quintin Mikell, der bei PFF als seit Jahren konstant bester Safety der NFL gilt. Ein kleiner, unscheinbarer, stiller Mann, der das massivste personelle Upgrade in dieser Saison sein dürfte.

Ausblick

Die Rams gefallen konzeptionell, sollten in Offense und Defense stark gecoacht werden und stets recht aggressiv zu Werke gehen – at least, das erwarte ich, wenn McDaniels und Spagnuolo die Spielvorbereitung übernehmen.

Für 2011/12 wird es wichtig werden, nicht zu schnell die Nerven zu verlieren: Der Schedule liest sich gemessen an 2010/11 machbar (#26) – allein, die Spiele sind ungut verteilt. Der Saisonauftakt ist recht brutal, bis Woche 8 droht eine Niederlagenserie. Die zweite Saisonhälte dürfte dann machbar sein.

Wk #1 vs Eagles
Wk #2 @Giants
Wk #3 vs Ravens (MNF)
Wk #4 vs Redskins
Wk #5 BYE
Wk #6 @Packers
Wk #7 @Cowboys
Wk #8 vs Saints
Wk #9 @Cardinals
Wk #10 @Browns
Wk #11 vs Seahawks (MNF)
Wk #12 vs Cardinals
Wk #13 @49ers
Wk #14 @Seahawks
Wk #15 vs Bengals
Wk #16 @Steelers
Wk #17 vs 49ers

Ich halte die NFC West für offen genug, dass St Louis die Playoffs packt, WENN sie sich nicht von einem möglichen 1-6 Start (oder so) allzu früh entmutigen lassen. Die Richtung dürfte stimmen.

Das Zeiteisen verrät: 876 Minuten verbleiben. WordCount nach fünf Teams: 4769.

NFL Rookie-Analyse 2010/11: Sam Bradford, Rams

Der NFL Draft 2011 ist vorbei, jetzt darf munter spekuliert werden, wie die Mannschaften ihre Rookies einsetzen werden oder welche Teams ihre Rookies verbrennen werden.

Die Rookie-Klasse von 2010 hat ihr Debütjahr schon hinter sich. Ein Rückblick darauf, wie es einigen Ausgewählten so ergangen ist und wie ihre Zukunft in der NFL gelagert ist, beginnend mit dem Top-Pick Sam Bradford.

(Disclaimer: Natürlich habe ich nicht annähernd genügend Spiele von den meisten dieser Rookies gesehen, als dass diese Reviews „fair“ wären. Sie sind mehr dem persönlichen Interesse geschuldet, was ein Jahr nach dem Draft so alles passiert ist)

Und wer sich nicht durch die in Salamitaktik in nächster Zeit präsentierten Einträge kämpfen will: Auf Spox.com habe ich vor kurzem einen 999 Wörter langen Überblick reingestellt.

Pick #1: Sam Bradford

Position: Quarterback
College:
University of Oklahoma
NFL-Team: St. Louis Rams

Als College-Footballfan war mir Sam Bradford natürlich bereits ein Begriff. Als ich damit begonnen habe, regelmäßig College Football zu schauen, war grad die beste Zeit von Bradford an der University of Oklahoma. Die Spread Offense der Sooners war mächtig mit reihenweise vertikal das Spielfeld runtergebombten Bällen.

Bradford war schon als Sophomore Heisman-Trophy-Sieger und orchestrierte die Sooners ins BCS-Finale, das dann aber recht enttäuschend gegen Florida endete. 2009/10 war Bradford dann schulterverletzt fast die komplette Saison inaktiv.

Nicht nur das: Bradford eilte auch der Ruf voraus, auf der ganz großen Bühne zu versagen, sprich: Die wichtigen Bowls nicht gewinnen zu können.

Trotzdem hatte ich einiges erwartet und Bradford als Rookie des Jahres in der Offense getippt. Erstens, weil Bradford ein bescheidener Jungs ist, was bei erfolgreichen Quarterbacks an so großen Unis nicht immer normal ist. Und zweitens, weil St Louis für einen jungen QB ein guter Ort sein sollte: Keine Medienhysterie, guter junger Coach und Erwartungen vom Kaliber „zwei Saisonsiege sind schon ein Fortschritt“.

Bradford entpuppte sich als Chamäleon von einem Quarterback. Anstelle von Spread und Spektakel Solidität und Fehlerminimierung. Ohne ansprechende Wide Receivers brachte Bradford 18 TD bei 15 INTs zustande und noch viel wichtiger: Er holte Siege. 7-9 ist angesichts der Erwartungen der Rams eine Sensation. Dass dabei nur gegen die Unterklasse der NFL gepunktet wurde – geschenkt. Es war ein solides Rookiejahr für Bradford – gekrönt mit dem erwarteten Rookie-Preis.

Nun ist mit OffCoord Josh McDaniels ein anerkanntes Genie in St Louis am Werkeln. McDaniels ist einer, der auf Running Backs pfeift und lieber seine Quarterbacks bis zum Armbluten werfen lässt. Man kann sich schonmal vorsichtig darauf einstellen, dass Bradford unter diesen Umständen innerhalb von zwei Jahren spektkulärere Zahlen produzieren wird.

Ich sehe keine Ansätze dafür, dass Bradfords guter Einstieg in die NFL eine Eintagsfliege gewesen sein sollte – auch wenn die Vorstellung im einzigen vollen Spiel, das ich von den Rams gesehen habe (SNG gegen Seattle), ein schlechtes Spiel von Sam Bradford war.

St Louis Rams in der Sezierstunde

Zwischendurch mal eine Mannschaft in der Sezierstunde, die in der abgelaufenen Saison ein einziges Mal in der deutschen TV-Landschaft zu bestaunen war: Am letzten Spieltag der Regular Season. Da spielten die Rams bei den Seahawks um den Einzug in die Playoffs. Und verloren sang- und klanglos 6-16.

Vorausgeschickt: Die Rams hatten zwei ganz schlechte Saisons hinter sich (2-14 und 1-15). So schlecht, dass sie im letzten Draft den #1-Pick hatten. Nach einigen mäßigen Picks haben sie diesmal vielleicht das große Los gezogen: QB Sam Bradford von der University of Oklahoma. Bradford, ein Meister der Spread Offense am College, aber nicht in der Lage, die entscheidenden, die ganz großen Spiele, zu gewinnen. Und zudem grad von einer Schulterverletzung genesen.

Resultat 2010: Bradford spielte ordentlich für einen Rookie, nicht sensationell. Aber Bradford machte hinter einer verbesserten Offensive Line und ohne nennenswerte Wide Receivers genug Plays, um die Rams zu einem 7-9 zu führen.

Nun liest sich „7-9“ erstmal ganz gut. Aber der Spielplan der Rams gehört zu den lächerlichsten der vergangenen Jahre. NFL-weit. Siege gegen Washington, Seattle, San Diego, Carolina, Denver, Arizona und San Francisco. Ein einziges Team mit einer positiven Bilanz, als dieses in der schwersten Krise der Saison war. Gegen die ernsthafteren Mannschaften setzte es reihenweise Niederlagen.

Ich will St Louis nicht madig machen, denn immerhin haben sie die Spiele überhaupt gewonnen, im Gegensatz zu den letzten Jahren, als selbst gegen Graupentruppen verloren wurde.

Neben Bradford haben die Rams im Draft 2010 ganz leise mit LT Roger Staffold den Left Tackle gefunden, der der teure Draftpick Jason Smith vor zwei Jahren nicht war. Resultat: Deutlich weniger kassierte Sacks.

Die Defense ist komplett gesichtslos, aber langsam im Kommen. Wie auch anders bei einem Head Coach mit Namen Steve Spagnuolo? Der teure DE Chris Long (Howie’s Sohn) scheint langsam besser zu werden, der Oldie DE James Hall hatte mit 10,5 Sacks keine schlechte Saison.

Was gibt’s zu tun?

Keine Frage: Die Rams sind auf dem aufsteigenden Ast, aber sie sind noch keine gute Mannschaft. Bradford ist kein Schlechter, aber Bradford braucht Waffen. Kein Receiver mit 700yds? Die einzigen namhaften WRs haben sich alle schon früh verletzt und Bradford musste auf Leute wie Danny Amendola, Brandon Gibson und Daniel Fells werfen. Nie gehört? Kein Problem, ich auch nicht.

Steven Jackson RB Rams

Steven Jackson - ©Wikipedia

Zweite Problemzone: Die Running Backs. Ich bewundere Steven Jackson aufs Äußerste. Der Mann muss sich vorgekommen sein wie eine Perle vor den Säuen. Jahrelang in einer hoffnungslosen Mannschaft als hoffnungslos unterbezahlter Back Top-Leistungen auf Pro-Bowl-Niveau abzuliefern, das hat was. Und Jackson hat sich nie öffentlich beschwert, sondern konstant seine Yards abgeholt. Aber Jackson wird nicht jünger und hatte immer wieder Verletzungssorgen. Ein junger Backup, der langsam als Jacksons Nachfolger aufgebaut wird, könnte Abhilfe schaffen.

Andererseits… Der neue OffCoord der Rams heißt Josh McDaniels. McDaniels hat in seiner bisherigen Laufbahn nur wenig Interesse an Running Backs gezeigt und dafür seine QBs (Brady, Cassell, Orton) um die Wette werfen lassen.

Ein angelesene Beobachtung: RG Adam Goldberg gilt als abgesägt, weil viel zu schwach. Ein Rod Hudson (FSU) könnte in Runde zwei noch im Draft sein. Auf alle Fälle gilt es als ausgemacht, dass St Louis auf dieser Position ein Upgrade braucht.

In der Defense halte ich es für nicht ausgeschlossen, dass Spagnuolo ein weiteres Mal auf Defensive-Line-Jagd geht. Spagnuolos Superbowl-Rezept in New York war: Dominante Defensive Line bauen, die alle Hitze der Welt von der Front Four auf den QB losbläst. Die Rams picken an #14. 2011 gilt als guter Jahrgang, wenn man Defensive Line draften möchte…

Im Prinzip kann St Louis in der Defense bis auf den kanadischen FS O.J. Atogwe überall noch Verstärkungen brauchen. Ich gehe jedoch davon aus, dass man die Prioritätenliste für 2011 ungefähr so ausgemacht hat:

1) Wide Receiver
2) Guard
3) Defense Line
4) Linebacker/Secondary

Für die Zukunft

Der Spielplan für 2011 wird hammerhart. Neben New Orleans und Green Bay warten die knackige AFC North und die unangenehme NFC East auf die Rams. Die Bilanz 2011 könnte eher schlechter sein als jene von diesem Jahr. Trotzdem muss das nicht bedeuten, dass die Rams schlechter geworden wären.

Aktuell sind für mich die 49ers mal wieder favorisiert in der NFC West. Sollten Ken Whisenhunt und seine Cardinals einen QB finden, dürfte auch Arizona gute Chancen haben, vor den Rams zu landen.

2011 könnte ein weiteres Jahr des Aufbaus werden. Ein schmerzhaftes, aber lehrreiches Jahr.

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