College Football vor dem Kickoff 2012/13: Was von dieser Saison zu erwarten ist

Auf den Universitätsgeländen der amerikanischen Colleges fliegen ab sofort wieder die Eier – und entsprechend beginnt damit auch die Zeit der langen Nächte für die europäischen Footballfans. Conferences sind abgearbeitet, TV-Guideline für Woche 1 kommt scheibchenweise. Was ist also zu erwarten von dieser Saison?

Grundsätzlich würde ich die Behauptung aufstellen: Abseits des Feldes alles. Schlicht. Alles. Wir sind nicht gefeit vor neuen, schweren Skandalen und spätestens der Fall Sandusky hat das Bewusstsein für die absurdesten Vorkommnisse endgültig gestärkt. Die Öffentlichkeit ist wenigstens in weiten Teilen sensibilisiert, die Journalisten beginnen, einen auf investigativ zu machen: Wer will Sandusky 2.0 oder Sandusky Light verleugnen?

Daneben dürfte im lustigen Conference-wechsle-dich-Spielchen noch nicht die Ruhe einkehren. Zu viele Bausteine sind gefallen, zu viele offene Baustellen gibt es noch, auch mit dem Kollaps der BCS im Hinterkopf.

Sportlich ist die Ausgangssituation diesmal diffiziler als vor einem Jahr, als es im Sommer einen turmhohen Favoriten in den Alabama Crimson Tide gab. Heuer ist dem nicht so. Alabama hat als Titelverteidiger etliches hochkarätiges Spielermaterial verloren. Es gibt neben Alabama IMHO zwei weitere heiße Kandidaten: LSU, das viel, viel weniger Verluste zu beklagen hat als Alabama (trotz Mathieu) und die Crimsons im eigenen Stadion („Death Valley“) willkommen heißen darf, und die Oklahoma Sooners.

Nicht außer Acht lassen würde ich die USC Trojans, die ich in jüngerer Vergangenheit (sprich: 2011/12) allerdings weniger überzeugend fand als manch anderer Pundit, und die TCU Horned Frogs. TCU dürfte mit Pachall den besten Quarterback der Big 12 haben und solange Gary Patterson coacht, auch eine gute Defense. Die neue Conference könnte Probleme bereiten, aber TCU könnte nach einem starken „Übergangsjahr“ 2011 bereits als Debütant ganz vorne mitspielen.

Außenseiterchancen würde ich den Florida State Seminoles (machbarer Schedule, bärenstarke Defense), den Texas Longhorns (die Assistenztrainer sind allerallererste Sahne) und den atemberaubenden Oregon Ducks (vielleicht ein oder zwei Abgänge zu viel) einräumen – Oregon ist weiterhin trotz Auswärtsspiel in Los Angeles mein persönlicher Conference-Favorit in der Pac-12.

Der interessanteste Mid-Major (TCU, so leid es mir tut, ist technisch gesehen keiner mehr) dürfte Boise State bleiben, nachdem alle anderen BCS-relevanten mitten im Umbruch stecken. Boise kann den Umbruch möglicherweise kaschieren. Der Schedule ist günstig genug, dass mit einer Überraschung diesen Freitag in East Lansing möglicherweise am Saisonende wieder eine AQ-Einladung in eine BCS-Bowl wartet.

Penn State und der Fall Sandusky: Die Strafen der NCAA sind verkündet

Die NCAA-Strafen gegen das Footballprogramm der Pennsylvania State Nittany Lions im Falle „Sandusky“ sind raus und können bei NCAA.com nachgelesen werden. In aller Kürze:

  • 60 Millionen Dollar Geldstrafe in einen gemeinnützigen Fond für den Kampf gegen Pädophilie. Entspricht in etwa einem Jahresumsatz des Footballprogramms (ca. 70M) und ist über fünf Jahre verteilt zu zahlen. (Dazu gesellen sich noch NCAA-unabhängig 13 Millionen von der Big Ten Conference einbehaltene Dollars, die aus Fernsehverträgen für die Bowl Season nicht ausbezahlt werden)
  • Vier Jahre lang Reduzierung der Stipendien für Footballspieler ab 2013 von 25 auf 15 und gleichzeitige Reduzierung auf die Gesamtanzahl an Footballstipendien von 85 auf 65 – das dürfte die massivste Strafe sein, nachdem die Stipendien doch immer noch die beste Waffe im Recruiting sind und Penn State damit auf Jahre hinaus sportlich gehandicappt sein wird. Können die Fans dann mal zeigen, wie ernst das mit dem proklamierten „more than just winning“ genommen wird (Penn State hat einen Zuschauerschnitt von ca. 102.000 Fans/Heimspiel).
  • Bowl-Sperre für vier Jahre – angesichts der Recruiting-Limitierung wären es eh kaum mehr als drittklassige Bowls geworden.
  • Streichung aller Siege von Penn State seit 1998. 1998. Ein Zeichen der NCAA, nachdem der Freeh-Report nahe gelegt hatte, dass Paternos wirkliches Vergehen des Stillhaltens erst ab 2001 eklatant war (1998 waren die Ermittlungen noch zum Schluss gekommen, dass Sandusky möglicherweise unschuldig sei). Paterno verliert damit über 110 Siege und rutscht in der ewigen Bestenliste vom ersten Platz runter und raus aus den Top-10. Gestrichene Siege sind eines der Strafmittel der NCAA, und ich weiß nicht so recht einzuschätzen, welchen symbolischen Wert sie in den Staaten genießen. Ich halte sie für eine eher schmerzlose Strafe.
  • Penn State spielt fünf Jahre auf Bewährung, muss während dessen erkennbare Strukturen zur Selbstbereinigung aufbauen.

Zusätzlich dazu dürfen alle Spieler – neu rekrutierte Freshmen, Recruits für 2013/13 und die gestandenen alten Spieler – wohl alle ohne NCAA-Strafen wechseln. Die genauen Modalitäten sind noch abzuklären (möglicherweise werden die Wechsel nur innerhalb der Big Ten Conference erlaubt sein). Wenn ich den obigen Link richtig interpretiere, dürfen auch aktuelle Spieler ihr Stipendium behalten, sollten sie 2012/13 nicht am Football teilnehmen.

Obwohl die Strafen nur auf das Footballprogramm beschränkt zu sein scheinen – dabei war die Verrohung der Sitten allem Anschein nach bis hinauf in die höchsten Gremien der Universität gegangeen – ist es ein recht massives Zeichen der NCAA, das allem Anschein nach bei weiten Teilen der von mir geschätzten Experten (wie Wetzel, Forde, Mandel oder Doyle) positiven Anklang findet. Man sieht darin die längst überfällige harte Hand der NCAA in einem der vielen, vielen Skandale (genau gesagt: dem größten bisher) der letzten Jahre.

Die Death Penalty wurde also wie gestern erwartet abgewandt, die Show in State College wird weitergehen, wenn auch ohne Paterno-Statue und ohne Student-Section. Penn State dürfte ein paar Jahre um die 7-5 oder 4-8 Saisons spielen und der Ruf der Universität dürfte erstmal auf Jahre hinaus verbrannt sein. Manch einer regt sich darüber auf, dass mit den aktuellen Spielern eines der schwächsten Glieder in der Kette bestraft wurde, aber wo sonst sollte man ansetzen? Verlieren gehört im Sport nun mal zu den größten Strafen und Penn State dürfte  sich über Jahre damit anfreunden müssen.

Die NCAA behält sich vor, noch individuelle Strafen gegen Beteiligte am Sandusky-Skandal auszusprechen.

Sandusky selbst wird vor einem ordentlichen Gericht verhandelt und dürfte sein Leben nicht mehr aus dem Knast kommen.

„Nie dagewesene“ NCAA-Strafe gegen Penn State

Update Mo 23.7.2012/20h14: Der Artikel über die heute Nachmittag ausgesprochenen Strafen ist online.

Die NCAA hat für morgen Montag, 15h MESZ eine Pressekonferenz einberufen, auf der der NCAA-Präsident Mark Emmert die Strafen seitens der NCAA zum grausigen Falle „Sandusky“ gegen das Sportprogramm der Penn State Nittany Lions aussprechen wird (die Verkündigung wird auf NCAA.com live gestreamt).

Das Internet ist aktuell voll von Ankündigungen, dass die Strafe „unprecedented“ (frei übersetzt: beispiellos) sein wird, was schon allein deswegen bemerkenswert ist, weil die NCAA im Normalfall hinter verschlossenen Türen arbeitet und bis zur klammheimlichen Verkündigung nichts nach außen dringen lässt.

Es stellt sich bei kurzer Recherche heraus, dass sich sämtliche Quellen auf die Aussage eines profilierten CBS-Investigativreporters (Armen Keteyian) zurückführen lassen; Keteyan gilt als höchst vertrauenswürdig und stets exzellent informiert und ist nicht dafür bekannt, heiße Luft zu produzieren.

Temporärer Todesstoß

Es wird seit einiger Zeit über das Damoklesschwert „Death Penalty“ (Ausschluss des Sport- oder Footballprogramms vom NCAA-Spielbetrieb) diskutiert, und tatsächlich wollte Emmert in den vergangenen Tagen ein solches nicht ausschließen. Die NCAA-Regeln sind für Fälle wie „Sandusky“ nicht präzise genug definiert und schweben irgendwo im luftleeren Raum, aber es gäbe ein Hintertürchen, das die Death Penalty möglich machen würde: Höchst unethisches Verhalten und mangelnde Kontrolle seitens der Universitätsführung, und zwar in so gravierendem Ausmaß, dass der Ausschluss ohne Vorwarnung passieren könnte.

Dazu würde passen, dass vor dem legendären Beaver Stadium an diesem Wochenende unter Protesten das Paterno-Denkmal erst verhüllt und dann abmontiert wurde.

Unkonventionelle Entscheidungen

Es gilt jedoch als keineswegs geritzt, dass die NCAA die Death Penalty aussprechen wird, und aktuell deutet in State College nichts darauf hin, dass Heimspiele im Herbst bereits abgesagt worden sind. Bliebe auch die Frage, warum die NCAA über solche Fälle entscheidet und nicht die Justiz. Und wirklich sinnvoll erscheint eine Zusperrung von einem Jahr (oder zwei Jahren) dann auch nicht (man beachte auch, dass die Big Ten Conference dann plötzlich ihres Championship-Spiels beraut sein könnte).

Vielmehr könnte die Strafe unkonventionell sein – so unkonventionell, wie dass Emmert einen auf Goodell macht und ohne große NCAA-Ausschüsse einfach mal (überstürzt?) eine Strafe in die Welt posaunt. Eine Strafe, die Signalwirkung haben könnte und Selbstverständnis wie Außendarstellung der NCAA für künftige Fälle massiv verändern könnte.

Nicht ausgeschlossen, dass Penn States Footballprogramm ein oder mehrere Jahre als Nonprofit-Organisation auftreten muss, mit Fonds für die Geschädigten bzw. zur Prävention – Fonds, die von den mit Penn States Football generiertem Umsatz gefüllt werden.

Andere Quellen – wie zum Beispiel Yahoo – sollen erfahren haben, dass die Strafen Ausschlüsse von Bowls und Streichungen von Stipendien von empfindlichem Ausmaße betreffen könnten.

Man kann Stand heute nur spekulieren, was morgen an Strafen ausgesprochen werden wird. Es deutet allerdings viel darauf hin, dass sie die Zukunft von Penn State massiv beeinflussen werden und seitens der NCAA ein Präzendenzfall geschaffen werden wird (ein Präzendenzfall ist bereits, dass die NCAA überhaupt über diesen Fall entscheidet und dann auch noch auf die Art und Weise, wie sie zustande gekommen ist).

Über die persönlichen Strafen gegen Sandusky und diverse hochrangige, noch lebende Vertreter der Universitätsleitung werden die Gerichte entscheiden.