WM-Caipirinha 2014: Schweiz – Ekuador | Gruppe E

Verrücktes Spiel, das am Ende mehr von seiner Spannung lebte als von der spielerischen Qualität auf dem Feld. Die Schweiz gewann am Ende 2:1, was angesichts des zuvor aberkannten regulären Treffers für Drnic gerecht ist, aber andererseits auch locker hätte eine Pleite werden können – dann nämlich, wenn die Ekuadorianer Sekunden vor dem späten Siegtreffer ihre eigene Megachance nicht so verstümpert hätten.

Crazy Schlussphase. Valencia rennt auf dem rechten Flügel plötzlich völlig frei gen Benaglio und der einzige Schweizer Verteidiger im Umkreis von 30m kommt erst nach zweimal drüber nachdenken auf die Idee, doch endlich drauf zu gehen. Valencia muss somit quer spielen, wo ein beherztes Einsteigen des Schweizer Innenverteidigers den Worst-Case verhindert. Möglichkeit zum Konter, Behrami wird gefoult, steht aber sofort auf und läuft weiter. Schiri gibt zurecht Vorteil. Pass rechts raus, langer Pass links raus, Rodriguez verlängert sein linkes Bein um einen halben Meter um den Ball im Spiel zu halten, schiebt flach in den Strafraum, wo der eingewechselte Seferovic von hinten crossend kommt und ins kurze Eck einschiebt – eine verrückte Sequenz zum Sieg.

Der Sieg war dringend notwendig. Willst du wirklich mit einem Remis gegen Ekuador starten, dich drauf verlassen, dass du gegen Frankreich und Honduras bessere Torverhältnisse als der Gegner holst? Willst du das als Schweiz, mit der Erinnerung an Honduras 2010?

Trotz der zwei, oder besser: drei, erzielten regulären Tore der Schweizer war es keine überzeugende Schweizer Vorstellung. Das 4-2-3-1 war lange Zeit sehr statisch. Man versuchte zwar richtigerweise, über die Flügel zu kommen, aber es fehlte an letzter Konsequenz. Ein Stocker, der nicht wirklich im Spiel war. Ein Shaqiri mit gestrichen vollen Hosen; statt des gewohnten Shaqiri mit Drang nach vorne gab es viele Quer- und Rückpässe, die den Spielfluss hemmten. Es gab nur wenige echte gute Spielzüge der Schweizer.

Auf der anderen Seite hielt der Defensivverbund ganz gut gegen, ließ kaum ekuadorianische Konter zu. Der Schweizer Ausgleich war ähnlich dem ekuadorianischen Tor einer nicht überzeugenden Torwart-Aktion geschuldet: Wäre #22 Dominguez bei der sehr zentral geschossenen Ecke einfach in den Schützen Mehmedi plus seinen Deckungsspieler rein gegangen, er hätte 100%ig ein Stürmerfoul gepfiffen bekommen – die Regel, die ich immer kritisiere, aber Dominguez hätte den Treffer allein dadurch verhindern können, und er hätte dabei auch am Ball vorbeispringen können.

Nach dem Ausgleich war die Schweiz besser. Ekuador schien konditionell in den Seilen zu hängen, die Eidgenossen wirkten etwas fitter, körperlich und geistig. Es war wie gesagt nicht gut, und nach dem zu Unrecht aberkannten vermeintlichen 2:1 ließen sich die Schweizer fast eine Viertelstunde lang zu sehr hängen. Am Ende gab es aber Gerechtigkeit, und wie ist es so oft im Fußball: Wenn das Ergebnis, zum Schluss stimmt, fragt keiner mehr, wie es zustande gekommen ist. Next Up: France, am Freitag, 21h MESZ.

Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?

Die Olympische Hockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe C

Heute geht es los: Das Olympische Eishockeyturnier der Männer mit so viel NHL-Power, dass du gar nicht mehr weißt wohin du schauen musst. Gruppe A und Gruppe B hatte ich, aber weil in der Welt alles logisch sein muss, beginnt in Sotschi die Gruppe C das Turnier. Live ist man bei SPORT1 im TV oder bei deren Streams mit dabei. Gruppe C besteht aus folgenden Mannschaften:

Tschechien
Schweden
Schweiz
Lettland

Tschechien

Die Tschechische Republik ist verantwortlich für mein erstes großes Hockey-Erlebnis, 1998 in Nagano, als sie im Endspiel sensationell die Russen bezwangen. Im Mittelpunkt stand damals der Hexer, Dominik Hasek, der Inbegriff des Hockey-Goalies, der Russland in jenem Spiel komplett zur Verzweiflung brachte. Seither sind die Tschechen stets ein Titelkandidat, aber den ganz großen Wurf haben sie nur mehr selten geschafft.

Diesmal geht ihnen etwas die Sexyness und der ganz große Star-Rummel ab. Klar, Right Winger und Nationalsymbol Jaromir Jagr ist auch mit seinen 41 Lenze noch mit dabei, aber es ist kein Zufall, dass Jagr zuletzt kaum mehr länger als vier Monate für eine Franchise in der NHL spielte, ehe er weiterverschifft wurde. Jagr ist ein Techniker vor dem Herrn, aber mit vier Jahrzehnten auffm Buckel eben nur mehr so schnell wie man von einem 41jährigen befürchtet.

Immerhin: Seine Nebenleute in den ersten beiden Reihen gelten als hochklassig und vielseitig genug, um die tschechische Mannschaft gegen jeden Gegner im Spiel zu halten: Voracek kann alles außer abschließen. Die beiden Center Plekanek und Hanzal gehören zu den defensivstärksten Mittelstürmern, und auf links freut man sich immer den torhungrigen Michalek in Aktion zu sehen. Die Frage ist, was Michalek dieses Jahr drauf hat: Seine NHL-Saison wird als desaströs bezeichnet, er gilt als völlig verunsichert (was „völlig verunsichert“ bei einem Hockey-Crack bedeutet, kann jeder selbst für sich beantworten). Ach, und: Den steinalten RW/C Patrick Elias hat man nun auch lange genug gesehen um zu wissen, dass das ein ganz abgebrühter Hund ist.

Es gab allerdings Kritik in Tschechien, weil der Coach eine ganze Latte an brauchbaren weiteren Stürmern draußen ließ, und vor allem, weil D Jan Hejda aus Colorado nicht mitgenommen wurde. Denn: Die Abwehr ist einer der Schwachpunkte. Nur die Routiniers Zidlicky und Michalek sind noch echte NHL-Stammspieler aus den tschechischen Defensivreihen. Eine halbwegs solide Abwehr wird essenziell für die Tschechen, denn anders als vor 16 Jahren mit Hasek im Kasten gilt die Goalie-Situation diesmal als verheerend: Pavelek will man in Winnipeg fast jede Woche ersetzen und wenn man sieht, was andere Contender für Torhütersituationen vorfinden, muss man die Tschechen ob der Ihrigen schon fast bemitleiden.

Schweden

Schweden war der Olympiasieger von 2006, scheiterte aber in den Ausgaben 2002 und 2010 jeweils schon überraschend im Viertelfinale an den Medaillenhoffnungen. Das Dreikronen-Team von 2014 als ganz großer Gold-Favorit – übertreibe ich, wenn ich die Schweden im Head-to-Head minimum auf Augenhöhe mit den Kanadiern sehe, darauf pfeifend, dass mit Henrik Sedin ein ganz wichtiger Offensivspieler wegen Rippenverletzung für die Spiele ausfällt? Let me explain.

Schweden, das ist in allererster Linie ein Hockey-Synonym für die komplette Mannschaft. Das war schon immer so, und auch diesmal gibt es selbst nach dem Sedin-Ausfall kaum Schwachstellen im Kader. Alles fängt damit an, dass die Abwehr so wendig ist, dass sie pfeilschnell nach Puck-Eroberung nach vorne eröffnen kann. Den schwedischen Verteidigern geht zwar nach dem Rauswurf von Verteidiger Hedman die allerletzte Physis ab, aber dafür spielen diese Jungs so schnell, dass du als Gegner nie unvorsichtig angreifen kannst.

Im Kasten steht Henrik Lundqvist, der bei den Rangers immer mal wieder in die Kritik gerät, aber mit dem Adler auf der Brust mit drei Kronen am Kopf ist Lundqvist fast nur als unbezwingbarer Block bekannt. Legendär sind seine Paraden beim Goldwurf 2006 in Turin.

Der ganze Defensiv-Block mit seiner schnellen Spieleröffnung ist das Getriebe der Schweden für ihre famose, famose Offensive. Ein Sedin fehlt, aber der andere ist noch da. Henrik Zetterberg war schon ein Superstar als ich noch ein kleines Kind war, und ist immer noch „erst“ 33, was mich verblüfft hinterließ. Der neue Zetterberg ist auch schon im Kader, der 21jährige Gabriel Landeskog von Colorado, der schon in seinem zweiten NHL-Jahr zum Team-Kapitän gewählt wurde.

Die schwedischen Winger werden in erster Linie angespielt von ihrem Center, Nicklas Backström von den Caps. Backström verglühte im Dezember fast vor Spielfreude, aber schleppte danach erstmal eine kleine Formkrise mit sich und ist seit 15 NHL-Spielen ohne Tor. Bloß: Einen Backström misst du nicht allein an Treffern. Ein Backström ist da, eine Unzahl an Assists vorzulegen (3t-meiste der NHL-Saison), sodass Sedin, Zetterberg, Landeskog, Alfredsson und wie sie –bergs und -ssons alle heißen nur noch einschieben brauchen.

Im Eishockey ist bei dieser Leistungsdichte in der absoluten Spitze natürlich extrem viel Zufall mit im Spiel, aber: Aufgestellt ist nur eine Mannschaft am besten für Gold – und das ist für meinen Geschmack Schweden. Es ist die einzige Mannschaft ohne auch nur einen Anflug von Schwäche im Kader. Und sie ist immer flott anzusehen.

Schweiz

Die Schweiz… die beste Nati ever soll Headcoach Sean Simpson da unter seinen Fittichen haben. Letztes Jahr marschierten die Schweizer sensationell ins WM-Finale und erst dort mussten sie sich den Schweden geschlagen geben. Ein WM-Endspiel ist immer eine feine Sache, auch wenn eine WM aufgrund vieler NHL-Abwesenheiten längst nicht den Stellenwert eines Olympiaturniers besitzt.

Von allen Mannschaften außerhalb der „Big-7“ (Schweden, Kanada, Russland, Tschechien, Finnland, USA, Slowakei) dürften die Schweiz über den mit Abstand besten Kader verfügen, und vor allem: Über den komplettesten, tiefsten. Sie haben in praktisch allen Mannschaftsteilen richtig gute Leute, die auch in Amerika Begehren erwecken.

Das beste von allen: Goalie Jonas Hiller, der seit vielen Jahren eine feste Größe in der NHL ist und auch dieses Jahr als Anwärter auf die Vezina Trophy als bester Torhüter der Saison gilt. Hiller ist der Ankermann einer Schweizer Mannschaft, die vor allem auf ihre Abwehrstabilität baut. Zum Beispiel mauerte man sich letztes Jahr mit nur 11 Gegentoren aus den ersten neun Spielen (inkl. nur insgesamt einem in Viertel- und Halbfinale) ins WM-Endspiel, und erst dort brachen die Dämme.

Eine Klasse schwächer, aber immer noch durchaus respektabel, ist man im Angriff besetzt. Damien Brunner von den New Jersey Devils ist als Center der einzige Spieler von Weltformat. „Der einzige“ liest sich negativer als es für eine Schweizer Mannschaft klingen sollte. Aber hinter Brunner ist die Tiefe eher mittelmäßig, zumindest vergleichen mit den Topnationen.

TV-technisch sehe ich relativ viel Hockey aus der Schweizer Liga, da ich SRF empfange und häufig zur Wochenmitte und um die UEFA-CL Berichterstattung herum einiges Hockey gezeigt wird. Natürlich ist eine NHL eine andere Welt, aber für meinen Geschmack ist die Schweizer Liga, was Tempo und Physis angeht, in Europa schon eine Hausnummer. Da wird erstklassiges Hockey gespielt. Wenn man das mit Hockey in Göteborg oder so vergleicht (und die schwedische Liga hat einen exzellenten Ruf), ist die National League in der Schweiz nicht weit weg.

Insofern: Nicht enttäuscht sein, wenn es zu keiner Medaille reicht; dafür sind die Arrivierten wohl noch zu weit weg. Aber den einen oder anderen Nadelstich traue ich dieser Schweizer Nati schon zu – vielleicht gelingt gegen die Tschechen sogar eine Überraschung.

Lettland

Lettland ist als #11 der Weltrangliste höher gerankt als zum Beispiel Österreich oder Slowenien, aber die Jungs von Coach Ted Nolan gelten trotzdem als klare Außenseiter in diesem Turnier. Die Auswahl der Letten setzt sich zusammen aus mehr oder weniger dem gesamten Kader von Dinamo Riga plus dem einen oder anderen NHL-Import.

Ich kenne keine Einzelspieler, aber von den letzten Weltmeisterschaften ist eine sehr quicke, wendige Defense in Erinnerung, die nach Puck-Gewinn nicht lange zaudert, sondern das Ding recht schnell via Kombinationsspiel nach vorne treibt. Das Problem ist allerdings, dass man zu wenige Bälle erobert. Die Letten kassieren viel zu viele Schüsse aus guten Positionen, und zusammen mit relativ unerfahrenen Goalies summiert sich das gegen spielstarke Offensiven wie Tschechien oder Schweden schnell mal auf 5-6 Gegentreffer; sprich: Man ist chancenlos gegen solche Gegner.

Gegen Mittelklasse-Gegner reicht die lettische Defense meistens aus, und dann kann man auch recht flink nach vorn spielen, wo der Center der Buffalo Sabres, der blutjunge Zamgus Girgensons (2012 in der ersten Runde gedraftet), wartet. Girgensons spielt mittlerweile auch in Buffalo unter seinem Nationalcoach Nolan, der dort Mitte der Saison als Interimscoach eingesprungen ist.

Es ist nicht zu erwarten, dass den Letten eine Überraschung in der Gruppe gelingt – am ehesten gegen die Eidgenossen, aber hm… nein. Es braucht dazu schon eine so disziplinierte Leistung ohne Penaltys, und das von einer so jungen, unerfahrenen Mannschaft, dass ich nicht dran glaube. Aber selbst ohne große Ambitionen für Medaillen ist das eine Mannschaft, die mir mit ihrem beherzten Spiel bei den letzten Weltmeisterschaften durchaus ans Herz gewachsen ist – vielleicht springt ja ein Punktgewinn für die Balten heraus.


Spieltage (alle Uhrzeiten MEZ)

  1. Am 12.2.: Tschechien – Schweden (18h), Lettland – Schweiz (18h)
  2. Am 14.2.: Tschechien – Lettland (9h), Schweden – Schweiz ( 13h30)
  3. Am 15.2.: Schweden – Lettland (18h), Schweiz – Tschechien (18h)