Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Ein bisschen Endzeit-Stimmung bei den Seattle Seahawks nach ihrer 9-7 Saison letztes Jahr. Weiterlesen

Advertisements

Los Angeles Rams in der Sezierstunde

Erfolgreiches Debütjahr für Head Coach Sean McVay in seinem ersten Jahr bei den Rams in 2017: 11-5 Bilanz und überraschende Playoff-Qualifikation. Jetzt geht man „all in“. Weiterlesen

New England Patriots in der Sezierstunde

Die New England Patriots verpassten im Februar mit einer knappen Superbowl-Niederlage gegen die Philadelphia Eagles die Chance auf den sechsten Titelgewinn und nähern sich nun dem Ende der grandiosen Ära Belichick / Brady. Kann man noch einmal das Horn in die Hand nehmen und zum letzten Halali blasen? Weiterlesen

Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Die Pittsburgh Steelers gehören zu den besten Mannschaften in der NFL – allein: Sie haben in den letzten Jahren zu wenig Kapital aus ihrer Qualität geschlagen. Der letzte Titelgewinn liegt mittlerweile neun Jahre zurück, die letzte Superbowl-Qualifikation ist auch schon sieben Jahre her. In den Jahren seither qualifizierte man sich zwar fünfmal für die Playoffs – aber man erreichte nur ein einziges Mal das Conference-Finale. Meist war nach guter bis exzellenter Regular Season schon vorher Schluss. Weiterlesen

New York Giants in der Sezierstunde

2017 war kein gutes Jahr bei den New York Giants: Als potenzieller Playoff-Kandidat mit großen Hoffnungen gestartet, gestrandet bei 3-13 inklusive hausinterner Revolte gegen den Chefcoach und Sägespäne am Stuhl des Franchise-QBs – und anschließendes Hausreinemachen im Jänner. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans sind eine der interessanten Mannschaften im Jahr 2018: Sie feuerten trotz überraschender Playoff-Qualifikation nebst noch überraschenderem Playoffsieg ihren Head Coach und zogen danach in der Personalpolitik konsequent eine Linie durch. Weiterlesen

Wollen Obduktionsbericht?

Es hat sich zur Frühjahrstradition auf diesem Blog entwickelt, dass bis zum Vorfeld des NFL-Drafts alle 32 NFL-Mannschaften in einer „Sezierstunde“ durchleuchtet werden, sozusagen als Vorbereitung auf den Draft und als generelle Rundschau durch die Liga. 2014 war das vierte Mal, und es war das bisher ausführlichste. Ich fühle mich nun „ge-updatet“, was die National Football League angeht. Alle 32 Sezierstunden dieses Frühjahrs kann man unter dem Tag Sezierstunde 2014 aufrufen. Auf dass man sich im nächsten Leben Jahr wieder liest.

New York Giants in der Sezierstunde

Wie es sich gehört, werden die Sezierstunden 2012 mit dem Titelträger abgeschlossen. Nota bene: „Titelträger“ ist gleich nicht automatisch „beste Mannschaft“. Das waren und sind die Giants nicht. Sie waren vermutlich nichtmal die beste Mannschaft in ihrer eigenen Division (das waren die Eagles). Nichtsdestotrotz gehörte Coughlins Truppe zu den kompletteren Mannschaften in der NFL, erreichte verdientermaßen die Playoffs und kam zum Ende der Münzwurfserie gar mit der Lombardi Trophy nach Hause – als erste Mannschaft ever mit negativem Punkteverhältnis in der Regular Season.

Zum Februar bekam alle Welt beim Gedanken an QB Eli Manning nasse Höschen, und vermutlich zurecht so: Neben einem Haufen Mittelmaß war die Pass-Offense um Manning und seine WR-„Triplets“ Nicks/Manningham/CRUUUUUUUUUUUUUUUZ New Yorks  herausragende Stärke: 7.7yds/Passversuch in der Regular Season ist ein fantastischer Wert und brachte New York überhaupt erst in die Position, einen Anlauf auf den Titel zu nehmen. Dort, in der Post Season, erfüllte diese Armada die Erwartungen größtenteils. Der Titelgewinn war allerdings glücklich. Aber für jede andere der am Ende verbliebenen Mannschaften wäre er nicht minder glücklich gewesen.

So stehen wir zweieinhalb Monate nach der Superbowl da, sprechen über eine leicht überdurchschnittliche NFL-Mannschaft und wundern uns, was sie in der Zwischenzeit so getrieben hat (Wink: nicht narrisch viel).


Mit TE Bennett wurde ein bärenstarker Blocker eingekauft, mit CB Terrell Thomas einer von den dutzenden Deckungsspielern verlängert, und dann wurde noch Mannings Backup Carr ein billiger Vertrag aufgesetzt. Manningham und Jacobs wurden weggeschickt. Datt war’s. Man darf sich fragen, ob dies in einer Division, in der aller Rest im Aufrüsten begriffen ist, der richtige Weg ist. Auf alle Fälle ist es für GM Jerry Reese ein konsequenter Weg. Reese verliert so schnell nicht die Nerven.

Man könnte insistieren, dass die Giants auf die Rückkehr zahlreicher Verletzter setzen dürften. Das würde allerdings die zweifellos vorhandenen Schwächen im Kader nicht vollends ausfüllen. Die Offensive Line zum Beispiel ist ein relativ offenes Scheunentor, wofür wir nichtmal die wöchentlichen Verdammungen von Pro Football Focus ans Licht ziehen müssen: Beatty, McKenzie oder Diehl gelten als leicht verbesserbare Objekte und auch C Baas war nicht über alle Zweifel erhaben.

Dazu kann man davon ausgehen, dass die Giants nach Manninghams Abgang einen jungen Wide Receiver ins Visier nehmen werden. Vielleicht die eine oder andere Ergänzung in der Defensive Line, die jedes Jahr im Giants-Mittelpunkt steht. Wie es bei den gemeinhin als hüftsteif verschrieenen Linebackers aussieht, lässt sich kaum abschätzen. Obwohl man ihnen jedes Jahr die Verpflichtung (oder Einberufung) eines höherklassigen Linebackers ans Herz legen möchte, rühren sich die Giants nur allzu selten in diese Richtung. Und dann sind da noch die Safetys, wo der eher suspekte Antrel Rolle nicht unbedingt alle glücklich stellt, jedoch via Draft kaum nennenswerte Sofortlösungen verfügbar sein sollen.

New Orleans Saints in der Sezierstunde

Chaotische Offseason für die Saints. Als wäre der quasi verschenkte Superbowl-Ring an der Bucht zu San Francisco nicht schon schlimm genug, verscherzte man es sich nach Saisonschluss erst mit Franchise-QB Drew Bree$, sah inmitten des massiven Bountygate-Skandals Offizielle und Chefcoach auf die NFL-Abschussliste wandern und wird nun die kommende Saison aller Voraussicht nach mit den HeadCoaches Kromer (Spiele 1-6) und Joe Vitt (Spiele 7-16) bestreiten – really?


GM Mickey Loomis ist erst ab Saisonbeginn suspendiert und aktuell noch der Mann am Ruder, daher ist es umso erstaunlicher, wie lange man Brees nun schon hinhält. Wir reden bei Brees nicht von irgendjemandem. Brees ist der mit Abstand erfolgreichste Quarterback in der Saints-Geschichte, eine Ikone, gekommen nach der schwärzesten Stunde der Staatsgeschichte (Hurricane Katrina 2005) und die einstigen Aints mitentscheidend zu Superbowl-Champs transformiert. Brees kommt frisch aus einer Rekordsaison mit 5476 Pass-Yards und ist die zentrale Figur im Angriff. Gemeinhin herrscht Unverständnis über Loomis‘ Umgang mit Brees und Brees scheint die verhasste Franchise-Tag als Affront zu werten.

Man kann trotz alledem davon ausgehen, dass Brees früher oder später, auf alle Fälle aber rechtzeitig, seinen Multimillionenvertrag aufgesetzt bekommen wird, weswegen der Saints-Angriff durchaus auf der Höhe bleiben dürfte. Die beiden nennenswerten Abgänge in der Offseason waren OG Carl Nicks (gen Tampa Bay) und WR Robert Meachem (nach San Diego), unbestritten wichtige Bestandteile, aber aufgrund der hohen Gehälter inkompatibel mit der Salary Cap der Saints.

Nicks wurde durch den etwas billigeren Ben Grubbs aus Baltimore ersetzt, Meachem dürfte durch den einen oder anderen jüngeren Wide Receiver aus den späteren Runden des NFL-Drafts abgelöst werden. Dass „Wide Receiver“ in New Orleans ein Thema bleibt, gilt als sicher, da der für teures Geld gehaltene Marques Colston als Verletzungsrisiko eingestuft wird.

Der schwächere Bestandteil der optisch wunderschönen Spread-Offense der Saints ist das Laufspiel um das Viergestirn Ingram/Thomas/Ivory/Sproles, ein Laufspiel, das jedoch ohnehin nur als Entlastung dient. Gespannt darf man sein, wie Nicks‘ Abgang sich darauf auswirken wird: Nicks wird gemeinhin als Maßstab für aktuelle NFL-Guards angesehen.


Große Problemzone der Saints seit Jahren ist die Defense, die nach dem aufgeflogenen Kopfgeld-Skandal ziemlich im Verruf stehen dürfte. Unter dem mittlerweile geschassten DefCoord Gregg Williams war die Unit als sehr blitzfreudig bekannt, war jedoch immer dann anfällig, wenn nicht 1-2 Turnovers pro Spiel geholt werden konnten. Die Probleme starten schon mit der Defensive Line.

Auftritt Steve Spagnuolo. In St Louis als HeadCoach mit Pauken und Trompeten gescheitert, gilt Spagnuolo seit seiner Zeit bei den Giants als Mann, der das eine beherrscht: Die Schützengräben zu dominieren. Trotz etlicher namhafter Einkäufe und vieler hoher Draftpicks galt New Orleans‘ Defense Line stets als leicht kontrollierbar. Gespannt sein darf man, wie Spagnuolo Rabatz machen möchte. DT Ellis, DE Jordan, DE Smith und der neu eingekaufte Bulldozer DT Broderick Bunkley (Laufspiel-Genie) sind bekannte Namen und gelten als großartige Athleten mit Luft nach oben.

Für die Linebackers hat man sich den Instinktfootballer Hawthorne aus Seattle und Lofton aus Atlanta eingekauft, nachdem man befürchtet, dass MLB Vilma im Zuge von „Bountygate“ noch die eine oder andere spielfreie Woche aufgebrummt bekommen wird. Worüber in New Orleans seit Jahren diskutiert wird, sind die Outside Linebackers, eine Position, der im Spagnuolo’schen System aufgrund zahlreicher Blitzes gen Quarterback für gewöhnlich erhöhte Priorität beigemessen wird. Hawthorne gilt als durchaus spielintelligent und athletisch genug, um die Rolle zu erfüllen, aber es bleiben Verletzungsfragezeichen. Dem Eigenbauprodukt Jonathan Casillas wird große Klasse nachgesagt; allerdings fiel Casillas in der Vergangenheit auch öfters als erwünscht mit Fußverletzungen aus.

Bleibt das Defensive Backfield, das unter Williams massiert blitzen musste, im neuen System aber durchaus häufiger in der Deckung verharren dürfte. Superbowl-Held Tracy Porter ist weg und muss ersetzt werden – bloß wie? Erstrundenpick ist bis zum nächsten Trade in New England, Zweitrundenpick bei der NFL, und man muss sich irgendwo noch um die eigenen Wide Receivers kümmern. CB Greer, CB Peterson und CB/S Malcolm Jenkins gelten allesamt als durchaus hochwertige junge Spieler mit viel Potenzial, jedoch fehlen abseits davon Tiefe und dank SS „big hit“ Roman Harper Verlässlichkeit.


Der Kader ist also trotz einiger Fragezeichen durchaus gut besetzt. Solange Brees motiviert und gesund bleibt, dürfte die Hauptaufgabe der Defense ohnehin bloß sein, mit „bend but don’t break“ die Gegner einzuschlummern. Vermutlich ist die größte Baustelle wirklich die Tiefe im Defensive Backfield: New Orleans wird dank seines eigenen Passfeuerwerks im Angriff durchaus etlichen Pässen in der Defense ins Auge schauen. Entsprechend dürfte ein Vierer- oder wenigstens Dreierpack an akzeptablen Cornerbacks von Vorteil sein.

Bliebe „nur“ noch die Baustelle schlechthin: Head Coach. Sean Payton war der Spielzugansager im Angriff. Wird nun Brees noch mehr Verantwortung bekommen? Welche Rolle wird der eher suspekte OffCoord Carmichael einnehmen? Was ist mit Vitt, dessen Interimszeit in St Louis wenig Denkwürdiges hinterlassen hat? Und dann ist da noch die Führungsfrage: Solange die Bilanz der Saints stimmt, dürfte auch die Atmosphäre passen. Aber wenn der wahre Chef (Payton) irgendwo zweitausend Meilen südlich mit Eisbecher am Strand liegt, möchte man sich nicht ausmalen, wie die verbliebene Führungsriege nach der ersten Dreiniederlagenserie reagieren wird…

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans sind ein Team, das nach „Durchschnitt“ schreit. Insbesondere in der zweiten Saisonhälfte fuhr man typische, standardisierte NFL-Ergebnisse gleich in Serienform ein:

Woche 9  L 24-17 Cincinnati
Woche 11 L 23-17 @Atlanta
Woche 12 W 23-17 Tampa Bay
Woche 13 W 23-17 @Buffalo
Woche 14 L 22-17 New Orleans
Woche 16 W 23-17 Jacksonville
Woche 17 W 23-22 @Houston

Logisches Resultat dieses Flip-Flops an Ergebnissen der Geschmacksklasse „23-17“: Eine 9-7 Bilanz ohne die großen Ausreißer nach oben, dafür aber mit der bitteren Klatsche Mitte Dezember gegen Indianapolis (!), die zwei Wochen später im Playoffkampf schmerzlich fehlte. Trotzdem dürfte man „9-7“ als ordentliches Endergebnis werten.


Dabei musste man sich häufiger als erwartet von der eigentlichen Stärke, dem Laufspiel um RB Chris „CJ1K“ Johnson (4.0yds/Carry, 4 TD) abwenden, hin zu einem unspektakulären, in keinerlei Hinsicht herausragenden Passspiel um den Oldie-QB Matt Hasselbeck. Gegen die Elite hatte man nur selten eine Chance, jedoch reichte die fehlerarme Spielweise, um die schwächeren Gegner abzuwürgen.

Nach dem gescheiterten Anlauf auf QB Peyton Manning steht in der Offense früher oder später ein interner Generationswechsel an: Der junge, mobile QB Jake Locker scharrt bereits in den Startlöchern und könnte schon in der kommenden Saison übernehmen. Das große Fragezeichen bei Locker wird seine Passpräzision sein. Drei Spiele sind nicht ausreichend Testmenge, um die 51% Completion Rate zu verteufeln, aber gepaart mit seiner Historie am College muss man bei „big arm“ Locker eine eher mäßige Completion Rate erwarten. Locker ist immerhin ein spannend anzuschauender Quarterback, der keinen Scramble mit Kopf voraus scheut.

Die Titans dürften allerdings ernsthaft überlegen, einen oder mehrere Wide Receivers einzukaufen. Der beste Mann, WR Kenny Britt, hat eine elend lange Verletzungshistorie und abseits Britts dürfte der Corp an Ballfängern als eher dürftig besetzt gelten.

Eine angesichts der schwachen Zahlen für RB Johnson viel diskutierte Position war die Offensive Line, wo es keinen Konsens über deren „Anteil“ an Johnsons Einbruch gab. Man sieht in LT Roos einen erstklassigen Mann, man sieht im Rest einen Haufen Mittelmaß. Nun wurde für teures Geld der einst in alle Sphären hochgelobte G Steve Hutchinson aus Minnesota geholt, aber man geht immer noch davon aus, dass sich die Titans in der ersten Runde des Drafts eines Offensive Liners bedienen könnten – vielleicht C Konz aus Wisconsin (Wisconsin! Der Mann ist aus Wisconsin!).


Die Titan-Defense wird zu den grundsoliden gezählt, aber eben nicht mehr. In anderen Worten: Wo heute jede Unit Rabatz mit Pass Rush machen möchte, ist die Front Seven von Tennessee recht pathetisch an der Anspiellinie und dürfte auch nach dem wichtigen Einkauf von DE/OLB Kamerion Wimbley aus Oakland (5yrs/35M) auf der Suche nach Upgrades sein. Mit dem zuletzt suspekt eingesetzten DT/DE Jones ist einer der Eckpunkte der letzten Jahre gen Seattle abgewandert, weswegen Tennessees depth chart maximal als „durchwachsen“ deklariert werden kann.

In der Secondary ging CB Finnegan verloren. Durch relativ gute Coaches dürften die Titans zwar nicht kollabieren, aber irgendwann wird es den einen oder anderen „Playmaker“ eben auch brauchen, selbst in einer Division mit so apathischen Offenses wie jener der Titans.


Ich bin mir nicht sicher, was man von den Titans künftig erwarten kann. Das Spielermaterial schreit im Prinzip nicht nach „Playoffs!“, der HeadCoach Mike Munchak ist dann auch nicht der große Visionär und bei OffCoord Chris Palmer habe  ich auch immer ein eher ungutes Gefühl. Locker könnte nach dem intensiven Flirt der Besitzerschaft mit Peyton Manning leicht angeknackst sein und muss dringend seine Konstanz steigern, sollte er über längere Zeit der Starter werden, während die Geschichte zeigt, dass ein spektakulärer Running Back wie Johnson nur selten ein Mann ist, um den man eine Offense bauen sollte. Und dann haben wir immer noch nicht über die Defense gesprochen… Pluspunkt: Die Divisionskonkurrenz hat auch so ihre Wehwehchen.

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Für die Baltimore Ravens schließt sich nach der dritten oder vierten verpassten großen Chance in den letzten Jahren schön langsam das Fenster des Erfolgs. So nahe an die Superbowl wie in den Schlusssekunden gegen New England kommt man nicht aller Tage, und die Ravens vergeigten es – again. Es bleibt ein insgesamt schaler Beigeschmack nach einem Jahr mit fantastischer Defense und viel zu unrhythmischer Offense.

Um nicht alles am kauzigen Bart des QB Joe Flacco festzumachen: Das PlayCalling von OffCoord Cam Cameron schreit alle paar Wochen eigentlich nach „Entlasse! Entlasse!“. So nett die Story mit dem kleinen Jungen, der sich Plays wünschen darf, ist: Gefühlt haben die Ravens nicht nur ein Spiel durch eigenartige Ansagen Camerons verloren oder nicht klarer gewonnen.

Das soll nicht an den Schwächen im Angriff vorbeidiskutieren. Flacco stagniert seit Jahren auf mittelmäßigem Niveau, bekommt trotz eines MVP-würdigen Running Backs Ray Rice (erneut über 2000yds, 15 TD), einer ordentlichen Offensive Line und einem variablen Corp an Ballfängern nicht mehr als 57% Completion Rate und 5.9yds/Passversuch zustande – zu wenig in einer NFL 2011/12. Flacco ist angezählt, spielt ab sofort um seine Zukunft.

Wenn ich sage „variable Ballfänger“, dann muss man konstatieren: WR Boldin als knochenharte Mitteldistanzwaffe, WR Torrey Smith ist Blitzgenie für das vertikale Spiel, zwei okaye Tight Ends – und dann doch wieder eher lange nichts. Vermutlich wird hier nachgebessert, nachdem es bis dato keine Anzeichen gibt, dass Tyrod Taylor auf Wide Receiver umgeschult wird.

Vermutlich wird auch in der Offensive Line nachgebessert, nachdem LT McKinnie langsam gen 200kg Mitte 30 zugeht, G Grubbs nach New Orleans abgewandert ist und auch C Birk nicht jünger wird. Und nach Ricky Williams‘ Rücktritt wird auch Nachwuchspotenzial bei den Running Backs gesucht.

Über die Qualität der Ravens-Defense muss prinzipiell nicht allzu lange diskutiert werden. Nun ist allerdings mit Chuck Pagano der DefCoord weg (ersetzt durch ex-Pats DefCoord Dean Pees) und zudem eine Serie an Startern oder Ergänzungsspielern abgewandert. Die beiden namhaftesten sind DE Redding und OLB Johnson, die allerdings beide aufgrund ihrer Spielanlage eh austauschbar geworden wären.

Die dringendste Suche in der Defense dürfte jene nach einem zweiten druckvollen OLB neben Suggs sein. Baltimores Defense ist nicht um massiven Pass Rush konzipiert, sondern um Hits und blaue Flecken, aber der Zug zum Quarterback ließ in den letzten Jahren doch enorm nach. Angesichts der alternden Eckpunkte Lewis/Reed wird die Pass-Defense bevorzugt über diesen Weg verstärkt werden müssen, nachdem allgemein anerkannt keine schnell einsetzbaren Safetys via Draft erhältlich sind und man sich keinen der teuren Cornerbacks leisten konnte.


Womöglich haben die Ravens zuletzt zumindest drei hochkarätige Titelchancen en suite durch dumme Nachlässigkeiten verstreichen lassen. Womöglich bietet 2012/13 mit einem gelungenen Draft – und GM Ozzie Newsome gehört zu den erfolgreichsten Draft-Strategen in der NFL – einen letzten großen Ansturm auf die Lombardi Trophy, ehe Lewis und Reed zu alt sowie Flacco verbrannt sind. Das Know-how in Baltimore dürfte vor allem auf der Abwehrseite ausgeprägt genug sein, um die Personalwechsel kaschieren zu können. Nicht so sicher bin ich mir bei der Offense und daher stehen die Wetten für einen Superbowlchamp „Ravens“ ab sofort vermutlich einen kleinen Tick schlechter als in der jüngeren Vergangenheit.

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Nach allem Spott um Planlos in Seattle über Wochen und Monate fühle ich mich den Seattle Seahawks gegenüber zu einer genaueren Analyse verpflichtet. Die Personalpolitik der Hawks und von Head Coach Pete Carroll ist nicht immer durchsichtig oder nachvollziehbar, aber sie trägt ihre ersten Früchte. Seattle 2011/12, das war durchaus eine aufregende Mannschaft, wie ich bereits zum Donnerstagnachtspiel Anfang Dezember schrieb.

Beginnen wir mit der jungen Defense, deren Arbeit insbesondere gegen den Lauf fantastisch war. Bei Seattles Front Seven sprechen wir nicht von einer sonderlich druckvollen Unit gegen Quarterbacks, aber die Schotten gegen alles, was ein Ei in der Hand hielt, waren dicht. Tackling: Erstklassig. Disziplin: Hoch. Vor allem der grundsolide DT Red Bryant wurde in den Himmel gehoben und sogleich mit einer relativ teuer anmutenden Vertragsverlängerung (5yrs/35M) belohnt. Neu aus Tennessee kam der als Geheimtipp geltende DT Jason Jones, womit Seattles Line eine neue Dimension gewinnen könnte: Pass Rush. Diesbezüglich ging die meiste Gefahr vom alternden DE Clemons aus; DE Brock soll nicht mehr die Agilität alter Tage an den Tag legen.

Ein Punkt, mit dem Seattle stets zu kämpfen hatte: Verletzungen bei Linebackers. Hawthorne wurde ziehen gelassen, weswegen nun händeringend Ersatz gesucht wird. Dieser Mannschaftspart könnte von der ordentlichen Line profitieren, dürfte aufgrund der schieren Unerfahrenheit verstärkt werden müssen.

In der Secondary fällt sofort die Dynamik von Safety Earl Thomas (früher Texas Longhorns) ins Auge; Thomas ist der kleine Polamalu. Trotz 4,1% INT-Quote wird Seattle aber personell nachbessern müssen, da das Defensive Backfield a) am ehesten die Schwäche stellte und b) abseits von Thomas langsam in die Jahre kommt.

Auf der anderen Seite gilt auch das Fundament der Offense, die Line, als Versprechung mit Verletzungsproblemen. Der LT Okung soll zum Beispiel der neue Walter Jones sein, aber in den ersten beiden Jahren weniger gespielt haben als gewünscht. Auch der Rookie-G Carpenter war öfter im Spital als im Line-Up. Line-Coach Cable gilt als knallharter Hund und presst auch aus den Backups mehr raus als man erwartet, jedoch wird gemeinhin auch aufgrund der besorgniserregenden Sack-Zahlen Nachbesserung via Draft erwartet.

Das Grundproblem der Seattle Seahawks im Angriff bestand jedoch auf der Quarterback-Position. Tavaris Jackson ist kein unterirdischer Mann, aber anfällig gegen Fehler zum dümmsten Zeitpunkt und so langsam verliert man das Vertrauen, dass Jackson es noch „packt“. Reaktion der Hawks: Matt Flynn wurde aus Green Bay für drei Jahre eingekauft und soll die nicht unspektakuläre Spread-Offense von OffCoord Darrell Bevell in Zukunft anführen. Bei Flynn weiß noch kein Mensch, wie gut er wirklich sein kann; ich betone jedoch immer wieder, dass Flynns Spielweise stark jener wuseligen Art von Mentor Aaron Rodgers ähnelt.

Weil mit RB Marshawn Lynch der gute, aber nicht großartige Running Back gehalten wurde, glaubt man in Seattle, ein grundsolides Offensive Backfield zu besitzen. Kaum vorstellbar, dass QB oder RB mit einem hohen Draftpick ergänzt werden. Wo man allerdings immer Verstärkung gebrauchen kann: Wide Receiver. Sidney Rice gehört zu den großen Anspielstationen, die jedermann heutzutage sucht, hat sich jedoch über die Jahre nicht als der Mann herauskristallisiert, um den allein man wie Fitzgerald oder Johnson einen Angriff bauen möchte. Und nebenan findet man serienweise namenloses Spielermaterial. Ein Tight End könnte auch nicht schaden, wenn nur nicht die TE-Klasse von 2012 als so durchwachsen angesehen würde.

Fazit: Streckenweise waren die Seahawks von 2011/12 eine richtig, richtig ansehnliche Footballmannschaft. Die Defense deutete exzellente Ansätze an. Weil das bestehende, junge Spielermaterial wie auch der Trainerstab gehalten werden konnten und bereits jetzt zwei, drei sinnvolle Ergänzungen gemacht wurden, würde ich wenigstens ein Halten des Levels erwarten. Der kritische Punkt ist die Beziehung Offensive Line/Quarterback: Flynn kann als Risikoinvestition gesehen werden. Die Protection wird dann gut sein, wenn die Bänder der Blocker halten. Flynn braucht dann aber immer noch Anspielstationen.

Die Seattle Seahawks sind innerhalb eines Jahres vom Luck-Favoriten Nummer eins zu einer Mannschaft geworden, denen ich durchaus zutrauen würde, die 49ers zu überflügeln.