Wollen Obduktionsbericht?

Es hat sich zur Frühjahrstradition auf diesem Blog entwickelt, dass bis zum Vorfeld des NFL-Drafts alle 32 NFL-Mannschaften in einer „Sezierstunde“ durchleuchtet werden, sozusagen als Vorbereitung auf den Draft und als generelle Rundschau durch die Liga. 2014 war das vierte Mal, und es war das bisher ausführlichste. Ich fühle mich nun „ge-updatet“, was die National Football League angeht. Alle 32 Sezierstunden dieses Frühjahrs kann man unter dem Tag Sezierstunde 2014 aufrufen. Auf dass man sich im nächsten Leben Jahr wieder liest.

New York Giants in der Sezierstunde

Wie es sich gehört, werden die Sezierstunden 2012 mit dem Titelträger abgeschlossen. Nota bene: „Titelträger“ ist gleich nicht automatisch „beste Mannschaft“. Das waren und sind die Giants nicht. Sie waren vermutlich nichtmal die beste Mannschaft in ihrer eigenen Division (das waren die Eagles). Nichtsdestotrotz gehörte Coughlins Truppe zu den kompletteren Mannschaften in der NFL, erreichte verdientermaßen die Playoffs und kam zum Ende der Münzwurfserie gar mit der Lombardi Trophy nach Hause – als erste Mannschaft ever mit negativem Punkteverhältnis in der Regular Season.

Zum Februar bekam alle Welt beim Gedanken an QB Eli Manning nasse Höschen, und vermutlich zurecht so: Neben einem Haufen Mittelmaß war die Pass-Offense um Manning und seine WR-„Triplets“ Nicks/Manningham/CRUUUUUUUUUUUUUUUZ New Yorks  herausragende Stärke: 7.7yds/Passversuch in der Regular Season ist ein fantastischer Wert und brachte New York überhaupt erst in die Position, einen Anlauf auf den Titel zu nehmen. Dort, in der Post Season, erfüllte diese Armada die Erwartungen größtenteils. Der Titelgewinn war allerdings glücklich. Aber für jede andere der am Ende verbliebenen Mannschaften wäre er nicht minder glücklich gewesen.

So stehen wir zweieinhalb Monate nach der Superbowl da, sprechen über eine leicht überdurchschnittliche NFL-Mannschaft und wundern uns, was sie in der Zwischenzeit so getrieben hat (Wink: nicht narrisch viel).


Mit TE Bennett wurde ein bärenstarker Blocker eingekauft, mit CB Terrell Thomas einer von den dutzenden Deckungsspielern verlängert, und dann wurde noch Mannings Backup Carr ein billiger Vertrag aufgesetzt. Manningham und Jacobs wurden weggeschickt. Datt war’s. Man darf sich fragen, ob dies in einer Division, in der aller Rest im Aufrüsten begriffen ist, der richtige Weg ist. Auf alle Fälle ist es für GM Jerry Reese ein konsequenter Weg. Reese verliert so schnell nicht die Nerven.

Man könnte insistieren, dass die Giants auf die Rückkehr zahlreicher Verletzter setzen dürften. Das würde allerdings die zweifellos vorhandenen Schwächen im Kader nicht vollends ausfüllen. Die Offensive Line zum Beispiel ist ein relativ offenes Scheunentor, wofür wir nichtmal die wöchentlichen Verdammungen von Pro Football Focus ans Licht ziehen müssen: Beatty, McKenzie oder Diehl gelten als leicht verbesserbare Objekte und auch C Baas war nicht über alle Zweifel erhaben.

Dazu kann man davon ausgehen, dass die Giants nach Manninghams Abgang einen jungen Wide Receiver ins Visier nehmen werden. Vielleicht die eine oder andere Ergänzung in der Defensive Line, die jedes Jahr im Giants-Mittelpunkt steht. Wie es bei den gemeinhin als hüftsteif verschrieenen Linebackers aussieht, lässt sich kaum abschätzen. Obwohl man ihnen jedes Jahr die Verpflichtung (oder Einberufung) eines höherklassigen Linebackers ans Herz legen möchte, rühren sich die Giants nur allzu selten in diese Richtung. Und dann sind da noch die Safetys, wo der eher suspekte Antrel Rolle nicht unbedingt alle glücklich stellt, jedoch via Draft kaum nennenswerte Sofortlösungen verfügbar sein sollen.

New Orleans Saints in der Sezierstunde

Chaotische Offseason für die Saints. Als wäre der quasi verschenkte Superbowl-Ring an der Bucht zu San Francisco nicht schon schlimm genug, verscherzte man es sich nach Saisonschluss erst mit Franchise-QB Drew Bree$, sah inmitten des massiven Bountygate-Skandals Offizielle und Chefcoach auf die NFL-Abschussliste wandern und wird nun die kommende Saison aller Voraussicht nach mit den HeadCoaches Kromer (Spiele 1-6) und Joe Vitt (Spiele 7-16) bestreiten – really?


GM Mickey Loomis ist erst ab Saisonbeginn suspendiert und aktuell noch der Mann am Ruder, daher ist es umso erstaunlicher, wie lange man Brees nun schon hinhält. Wir reden bei Brees nicht von irgendjemandem. Brees ist der mit Abstand erfolgreichste Quarterback in der Saints-Geschichte, eine Ikone, gekommen nach der schwärzesten Stunde der Staatsgeschichte (Hurricane Katrina 2005) und die einstigen Aints mitentscheidend zu Superbowl-Champs transformiert. Brees kommt frisch aus einer Rekordsaison mit 5476 Pass-Yards und ist die zentrale Figur im Angriff. Gemeinhin herrscht Unverständnis über Loomis‘ Umgang mit Brees und Brees scheint die verhasste Franchise-Tag als Affront zu werten.

Man kann trotz alledem davon ausgehen, dass Brees früher oder später, auf alle Fälle aber rechtzeitig, seinen Multimillionenvertrag aufgesetzt bekommen wird, weswegen der Saints-Angriff durchaus auf der Höhe bleiben dürfte. Die beiden nennenswerten Abgänge in der Offseason waren OG Carl Nicks (gen Tampa Bay) und WR Robert Meachem (nach San Diego), unbestritten wichtige Bestandteile, aber aufgrund der hohen Gehälter inkompatibel mit der Salary Cap der Saints.

Nicks wurde durch den etwas billigeren Ben Grubbs aus Baltimore ersetzt, Meachem dürfte durch den einen oder anderen jüngeren Wide Receiver aus den späteren Runden des NFL-Drafts abgelöst werden. Dass „Wide Receiver“ in New Orleans ein Thema bleibt, gilt als sicher, da der für teures Geld gehaltene Marques Colston als Verletzungsrisiko eingestuft wird.

Der schwächere Bestandteil der optisch wunderschönen Spread-Offense der Saints ist das Laufspiel um das Viergestirn Ingram/Thomas/Ivory/Sproles, ein Laufspiel, das jedoch ohnehin nur als Entlastung dient. Gespannt darf man sein, wie Nicks‘ Abgang sich darauf auswirken wird: Nicks wird gemeinhin als Maßstab für aktuelle NFL-Guards angesehen.


Große Problemzone der Saints seit Jahren ist die Defense, die nach dem aufgeflogenen Kopfgeld-Skandal ziemlich im Verruf stehen dürfte. Unter dem mittlerweile geschassten DefCoord Gregg Williams war die Unit als sehr blitzfreudig bekannt, war jedoch immer dann anfällig, wenn nicht 1-2 Turnovers pro Spiel geholt werden konnten. Die Probleme starten schon mit der Defensive Line.

Auftritt Steve Spagnuolo. In St Louis als HeadCoach mit Pauken und Trompeten gescheitert, gilt Spagnuolo seit seiner Zeit bei den Giants als Mann, der das eine beherrscht: Die Schützengräben zu dominieren. Trotz etlicher namhafter Einkäufe und vieler hoher Draftpicks galt New Orleans‘ Defense Line stets als leicht kontrollierbar. Gespannt sein darf man, wie Spagnuolo Rabatz machen möchte. DT Ellis, DE Jordan, DE Smith und der neu eingekaufte Bulldozer DT Broderick Bunkley (Laufspiel-Genie) sind bekannte Namen und gelten als großartige Athleten mit Luft nach oben.

Für die Linebackers hat man sich den Instinktfootballer Hawthorne aus Seattle und Lofton aus Atlanta eingekauft, nachdem man befürchtet, dass MLB Vilma im Zuge von „Bountygate“ noch die eine oder andere spielfreie Woche aufgebrummt bekommen wird. Worüber in New Orleans seit Jahren diskutiert wird, sind die Outside Linebackers, eine Position, der im Spagnuolo’schen System aufgrund zahlreicher Blitzes gen Quarterback für gewöhnlich erhöhte Priorität beigemessen wird. Hawthorne gilt als durchaus spielintelligent und athletisch genug, um die Rolle zu erfüllen, aber es bleiben Verletzungsfragezeichen. Dem Eigenbauprodukt Jonathan Casillas wird große Klasse nachgesagt; allerdings fiel Casillas in der Vergangenheit auch öfters als erwünscht mit Fußverletzungen aus.

Bleibt das Defensive Backfield, das unter Williams massiert blitzen musste, im neuen System aber durchaus häufiger in der Deckung verharren dürfte. Superbowl-Held Tracy Porter ist weg und muss ersetzt werden – bloß wie? Erstrundenpick ist bis zum nächsten Trade in New England, Zweitrundenpick bei der NFL, und man muss sich irgendwo noch um die eigenen Wide Receivers kümmern. CB Greer, CB Peterson und CB/S Malcolm Jenkins gelten allesamt als durchaus hochwertige junge Spieler mit viel Potenzial, jedoch fehlen abseits davon Tiefe und dank SS „big hit“ Roman Harper Verlässlichkeit.


Der Kader ist also trotz einiger Fragezeichen durchaus gut besetzt. Solange Brees motiviert und gesund bleibt, dürfte die Hauptaufgabe der Defense ohnehin bloß sein, mit „bend but don’t break“ die Gegner einzuschlummern. Vermutlich ist die größte Baustelle wirklich die Tiefe im Defensive Backfield: New Orleans wird dank seines eigenen Passfeuerwerks im Angriff durchaus etlichen Pässen in der Defense ins Auge schauen. Entsprechend dürfte ein Vierer- oder wenigstens Dreierpack an akzeptablen Cornerbacks von Vorteil sein.

Bliebe „nur“ noch die Baustelle schlechthin: Head Coach. Sean Payton war der Spielzugansager im Angriff. Wird nun Brees noch mehr Verantwortung bekommen? Welche Rolle wird der eher suspekte OffCoord Carmichael einnehmen? Was ist mit Vitt, dessen Interimszeit in St Louis wenig Denkwürdiges hinterlassen hat? Und dann ist da noch die Führungsfrage: Solange die Bilanz der Saints stimmt, dürfte auch die Atmosphäre passen. Aber wenn der wahre Chef (Payton) irgendwo zweitausend Meilen südlich mit Eisbecher am Strand liegt, möchte man sich nicht ausmalen, wie die verbliebene Führungsriege nach der ersten Dreiniederlagenserie reagieren wird…

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans sind ein Team, das nach „Durchschnitt“ schreit. Insbesondere in der zweiten Saisonhälfte fuhr man typische, standardisierte NFL-Ergebnisse gleich in Serienform ein:

Woche 9  L 24-17 Cincinnati
Woche 11 L 23-17 @Atlanta
Woche 12 W 23-17 Tampa Bay
Woche 13 W 23-17 @Buffalo
Woche 14 L 22-17 New Orleans
Woche 16 W 23-17 Jacksonville
Woche 17 W 23-22 @Houston

Logisches Resultat dieses Flip-Flops an Ergebnissen der Geschmacksklasse „23-17“: Eine 9-7 Bilanz ohne die großen Ausreißer nach oben, dafür aber mit der bitteren Klatsche Mitte Dezember gegen Indianapolis (!), die zwei Wochen später im Playoffkampf schmerzlich fehlte. Trotzdem dürfte man „9-7“ als ordentliches Endergebnis werten.


Dabei musste man sich häufiger als erwartet von der eigentlichen Stärke, dem Laufspiel um RB Chris „CJ1K“ Johnson (4.0yds/Carry, 4 TD) abwenden, hin zu einem unspektakulären, in keinerlei Hinsicht herausragenden Passspiel um den Oldie-QB Matt Hasselbeck. Gegen die Elite hatte man nur selten eine Chance, jedoch reichte die fehlerarme Spielweise, um die schwächeren Gegner abzuwürgen.

Nach dem gescheiterten Anlauf auf QB Peyton Manning steht in der Offense früher oder später ein interner Generationswechsel an: Der junge, mobile QB Jake Locker scharrt bereits in den Startlöchern und könnte schon in der kommenden Saison übernehmen. Das große Fragezeichen bei Locker wird seine Passpräzision sein. Drei Spiele sind nicht ausreichend Testmenge, um die 51% Completion Rate zu verteufeln, aber gepaart mit seiner Historie am College muss man bei „big arm“ Locker eine eher mäßige Completion Rate erwarten. Locker ist immerhin ein spannend anzuschauender Quarterback, der keinen Scramble mit Kopf voraus scheut.

Die Titans dürften allerdings ernsthaft überlegen, einen oder mehrere Wide Receivers einzukaufen. Der beste Mann, WR Kenny Britt, hat eine elend lange Verletzungshistorie und abseits Britts dürfte der Corp an Ballfängern als eher dürftig besetzt gelten.

Eine angesichts der schwachen Zahlen für RB Johnson viel diskutierte Position war die Offensive Line, wo es keinen Konsens über deren „Anteil“ an Johnsons Einbruch gab. Man sieht in LT Roos einen erstklassigen Mann, man sieht im Rest einen Haufen Mittelmaß. Nun wurde für teures Geld der einst in alle Sphären hochgelobte G Steve Hutchinson aus Minnesota geholt, aber man geht immer noch davon aus, dass sich die Titans in der ersten Runde des Drafts eines Offensive Liners bedienen könnten – vielleicht C Konz aus Wisconsin (Wisconsin! Der Mann ist aus Wisconsin!).


Die Titan-Defense wird zu den grundsoliden gezählt, aber eben nicht mehr. In anderen Worten: Wo heute jede Unit Rabatz mit Pass Rush machen möchte, ist die Front Seven von Tennessee recht pathetisch an der Anspiellinie und dürfte auch nach dem wichtigen Einkauf von DE/OLB Kamerion Wimbley aus Oakland (5yrs/35M) auf der Suche nach Upgrades sein. Mit dem zuletzt suspekt eingesetzten DT/DE Jones ist einer der Eckpunkte der letzten Jahre gen Seattle abgewandert, weswegen Tennessees depth chart maximal als „durchwachsen“ deklariert werden kann.

In der Secondary ging CB Finnegan verloren. Durch relativ gute Coaches dürften die Titans zwar nicht kollabieren, aber irgendwann wird es den einen oder anderen „Playmaker“ eben auch brauchen, selbst in einer Division mit so apathischen Offenses wie jener der Titans.


Ich bin mir nicht sicher, was man von den Titans künftig erwarten kann. Das Spielermaterial schreit im Prinzip nicht nach „Playoffs!“, der HeadCoach Mike Munchak ist dann auch nicht der große Visionär und bei OffCoord Chris Palmer habe  ich auch immer ein eher ungutes Gefühl. Locker könnte nach dem intensiven Flirt der Besitzerschaft mit Peyton Manning leicht angeknackst sein und muss dringend seine Konstanz steigern, sollte er über längere Zeit der Starter werden, während die Geschichte zeigt, dass ein spektakulärer Running Back wie Johnson nur selten ein Mann ist, um den man eine Offense bauen sollte. Und dann haben wir immer noch nicht über die Defense gesprochen… Pluspunkt: Die Divisionskonkurrenz hat auch so ihre Wehwehchen.

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Für die Baltimore Ravens schließt sich nach der dritten oder vierten verpassten großen Chance in den letzten Jahren schön langsam das Fenster des Erfolgs. So nahe an die Superbowl wie in den Schlusssekunden gegen New England kommt man nicht aller Tage, und die Ravens vergeigten es – again. Es bleibt ein insgesamt schaler Beigeschmack nach einem Jahr mit fantastischer Defense und viel zu unrhythmischer Offense.

Um nicht alles am kauzigen Bart des QB Joe Flacco festzumachen: Das PlayCalling von OffCoord Cam Cameron schreit alle paar Wochen eigentlich nach „Entlasse! Entlasse!“. So nett die Story mit dem kleinen Jungen, der sich Plays wünschen darf, ist: Gefühlt haben die Ravens nicht nur ein Spiel durch eigenartige Ansagen Camerons verloren oder nicht klarer gewonnen.

Das soll nicht an den Schwächen im Angriff vorbeidiskutieren. Flacco stagniert seit Jahren auf mittelmäßigem Niveau, bekommt trotz eines MVP-würdigen Running Backs Ray Rice (erneut über 2000yds, 15 TD), einer ordentlichen Offensive Line und einem variablen Corp an Ballfängern nicht mehr als 57% Completion Rate und 5.9yds/Passversuch zustande – zu wenig in einer NFL 2011/12. Flacco ist angezählt, spielt ab sofort um seine Zukunft.

Wenn ich sage „variable Ballfänger“, dann muss man konstatieren: WR Boldin als knochenharte Mitteldistanzwaffe, WR Torrey Smith ist Blitzgenie für das vertikale Spiel, zwei okaye Tight Ends – und dann doch wieder eher lange nichts. Vermutlich wird hier nachgebessert, nachdem es bis dato keine Anzeichen gibt, dass Tyrod Taylor auf Wide Receiver umgeschult wird.

Vermutlich wird auch in der Offensive Line nachgebessert, nachdem LT McKinnie langsam gen 200kg Mitte 30 zugeht, G Grubbs nach New Orleans abgewandert ist und auch C Birk nicht jünger wird. Und nach Ricky Williams‘ Rücktritt wird auch Nachwuchspotenzial bei den Running Backs gesucht.

Über die Qualität der Ravens-Defense muss prinzipiell nicht allzu lange diskutiert werden. Nun ist allerdings mit Chuck Pagano der DefCoord weg (ersetzt durch ex-Pats DefCoord Dean Pees) und zudem eine Serie an Startern oder Ergänzungsspielern abgewandert. Die beiden namhaftesten sind DE Redding und OLB Johnson, die allerdings beide aufgrund ihrer Spielanlage eh austauschbar geworden wären.

Die dringendste Suche in der Defense dürfte jene nach einem zweiten druckvollen OLB neben Suggs sein. Baltimores Defense ist nicht um massiven Pass Rush konzipiert, sondern um Hits und blaue Flecken, aber der Zug zum Quarterback ließ in den letzten Jahren doch enorm nach. Angesichts der alternden Eckpunkte Lewis/Reed wird die Pass-Defense bevorzugt über diesen Weg verstärkt werden müssen, nachdem allgemein anerkannt keine schnell einsetzbaren Safetys via Draft erhältlich sind und man sich keinen der teuren Cornerbacks leisten konnte.


Womöglich haben die Ravens zuletzt zumindest drei hochkarätige Titelchancen en suite durch dumme Nachlässigkeiten verstreichen lassen. Womöglich bietet 2012/13 mit einem gelungenen Draft – und GM Ozzie Newsome gehört zu den erfolgreichsten Draft-Strategen in der NFL – einen letzten großen Ansturm auf die Lombardi Trophy, ehe Lewis und Reed zu alt sowie Flacco verbrannt sind. Das Know-how in Baltimore dürfte vor allem auf der Abwehrseite ausgeprägt genug sein, um die Personalwechsel kaschieren zu können. Nicht so sicher bin ich mir bei der Offense und daher stehen die Wetten für einen Superbowlchamp „Ravens“ ab sofort vermutlich einen kleinen Tick schlechter als in der jüngeren Vergangenheit.

Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Nach allem Spott um Planlos in Seattle über Wochen und Monate fühle ich mich den Seattle Seahawks gegenüber zu einer genaueren Analyse verpflichtet. Die Personalpolitik der Hawks und von Head Coach Pete Carroll ist nicht immer durchsichtig oder nachvollziehbar, aber sie trägt ihre ersten Früchte. Seattle 2011/12, das war durchaus eine aufregende Mannschaft, wie ich bereits zum Donnerstagnachtspiel Anfang Dezember schrieb.

Beginnen wir mit der jungen Defense, deren Arbeit insbesondere gegen den Lauf fantastisch war. Bei Seattles Front Seven sprechen wir nicht von einer sonderlich druckvollen Unit gegen Quarterbacks, aber die Schotten gegen alles, was ein Ei in der Hand hielt, waren dicht. Tackling: Erstklassig. Disziplin: Hoch. Vor allem der grundsolide DT Red Bryant wurde in den Himmel gehoben und sogleich mit einer relativ teuer anmutenden Vertragsverlängerung (5yrs/35M) belohnt. Neu aus Tennessee kam der als Geheimtipp geltende DT Jason Jones, womit Seattles Line eine neue Dimension gewinnen könnte: Pass Rush. Diesbezüglich ging die meiste Gefahr vom alternden DE Clemons aus; DE Brock soll nicht mehr die Agilität alter Tage an den Tag legen.

Ein Punkt, mit dem Seattle stets zu kämpfen hatte: Verletzungen bei Linebackers. Hawthorne wurde ziehen gelassen, weswegen nun händeringend Ersatz gesucht wird. Dieser Mannschaftspart könnte von der ordentlichen Line profitieren, dürfte aufgrund der schieren Unerfahrenheit verstärkt werden müssen.

In der Secondary fällt sofort die Dynamik von Safety Earl Thomas (früher Texas Longhorns) ins Auge; Thomas ist der kleine Polamalu. Trotz 4,1% INT-Quote wird Seattle aber personell nachbessern müssen, da das Defensive Backfield a) am ehesten die Schwäche stellte und b) abseits von Thomas langsam in die Jahre kommt.

Auf der anderen Seite gilt auch das Fundament der Offense, die Line, als Versprechung mit Verletzungsproblemen. Der LT Okung soll zum Beispiel der neue Walter Jones sein, aber in den ersten beiden Jahren weniger gespielt haben als gewünscht. Auch der Rookie-G Carpenter war öfter im Spital als im Line-Up. Line-Coach Cable gilt als knallharter Hund und presst auch aus den Backups mehr raus als man erwartet, jedoch wird gemeinhin auch aufgrund der besorgniserregenden Sack-Zahlen Nachbesserung via Draft erwartet.

Das Grundproblem der Seattle Seahawks im Angriff bestand jedoch auf der Quarterback-Position. Tavaris Jackson ist kein unterirdischer Mann, aber anfällig gegen Fehler zum dümmsten Zeitpunkt und so langsam verliert man das Vertrauen, dass Jackson es noch „packt“. Reaktion der Hawks: Matt Flynn wurde aus Green Bay für drei Jahre eingekauft und soll die nicht unspektakuläre Spread-Offense von OffCoord Darrell Bevell in Zukunft anführen. Bei Flynn weiß noch kein Mensch, wie gut er wirklich sein kann; ich betone jedoch immer wieder, dass Flynns Spielweise stark jener wuseligen Art von Mentor Aaron Rodgers ähnelt.

Weil mit RB Marshawn Lynch der gute, aber nicht großartige Running Back gehalten wurde, glaubt man in Seattle, ein grundsolides Offensive Backfield zu besitzen. Kaum vorstellbar, dass QB oder RB mit einem hohen Draftpick ergänzt werden. Wo man allerdings immer Verstärkung gebrauchen kann: Wide Receiver. Sidney Rice gehört zu den großen Anspielstationen, die jedermann heutzutage sucht, hat sich jedoch über die Jahre nicht als der Mann herauskristallisiert, um den allein man wie Fitzgerald oder Johnson einen Angriff bauen möchte. Und nebenan findet man serienweise namenloses Spielermaterial. Ein Tight End könnte auch nicht schaden, wenn nur nicht die TE-Klasse von 2012 als so durchwachsen angesehen würde.

Fazit: Streckenweise waren die Seahawks von 2011/12 eine richtig, richtig ansehnliche Footballmannschaft. Die Defense deutete exzellente Ansätze an. Weil das bestehende, junge Spielermaterial wie auch der Trainerstab gehalten werden konnten und bereits jetzt zwei, drei sinnvolle Ergänzungen gemacht wurden, würde ich wenigstens ein Halten des Levels erwarten. Der kritische Punkt ist die Beziehung Offensive Line/Quarterback: Flynn kann als Risikoinvestition gesehen werden. Die Protection wird dann gut sein, wenn die Bänder der Blocker halten. Flynn braucht dann aber immer noch Anspielstationen.

Die Seattle Seahawks sind innerhalb eines Jahres vom Luck-Favoriten Nummer eins zu einer Mannschaft geworden, denen ich durchaus zutrauen würde, die 49ers zu überflügeln.

Chicago Bears in der Sezierstunde

Die Chicago Bears haben sich zu einem komischen Laden entwickelt, der sich seit Jahre in der Mittelmäßigkeit verliert, immer mit ein paar Hoffnungsschimmern zum Durchbruch, aber immer auch mit hinreichend Lücken, die die Mannschaft killen. In der abgelaufenen Saison war man besser als erwartet, bevor der Verletzungsteufel ab Mitte November brutal zuschlug und die Bears-Bilanzen in Grund und Boden schoss. In der Offseason wurde OffCoord Mike Martz durch Mike Tice ersetzt, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben.

Denn so gut QB Jay Cutler auch spielt, auf so wackeligen Beinen steht trotz leichter Verbesserung die Offensive Line. Dabei wurde Cutler, der Mann, der prädestiniert für das vertikale Spiel wäre, dafür eingekauft, die tiefen Bomben zu servieren, wofür ihm die anerkannt schwache Pass Protection der Bears aber überhaupt keine Zeit lässt, weswegen kein Bears-Spiel ohne INT und 5-6 Sacks vergeht. Angesichts dieser Gegebenheiten lesen sich Cutlers 6.4 Nettoyards/Passversuch wie ein kleines Wunder und gewannen durch die Vorstellungen des Backups Hanie noch einmal an Wertigkeit. Möglicherweise bekommt Cutler, der Grund-Unsympath, nicht die Anerkennung, die er verdienen würde.

Als Reaktion auf die Probleme wurde jüngst WR Brandon Marshall aus Miami eingekauft – der Mann, mit dem Cutler einst in Denver prächtig harmonierte. Marshall ist keine Bedrohung für die 50yds-Raketen, jedoch als Waffe für die schnellen Pässe jederzeit gebräuchlich. Recht viel mehr an Wide Receivers gibt es in Chicago nicht: Hester, Knox und Williams sollen Super-Athleten sein, aber über keine Technik verfügen. Deswegen galt über die Jahre auch der RB Matt Forté als zuverlässigster Ballfänger. Fortés Standing in Chicago ist gut genug, dass sich Martz, das Synonym für „vertikales Passspiel“, zuletzt immer häufiger dazu hinreißen ließ, auf Laufspiel und schnelle Screen-Pässe zu setzen.

Trotz aller Probleme machten sich die Bears in der Free Agency nicht auf, die Offensive Line anzugehen. Auf Tackle kann man auf die Genesung des hoch gedrafteten Gabe Carimi (Wisconsin! Ein Blocker aus Wisconsin!) hoffen, aber abseits davon hätte es hinreichend Handlungsbedarf gegeben. Lieber konzentrierte man sich jedoch darauf, grundsolide Backups wie RB Michael Bush oder QB Jason Campbell aus Oakland zu holen, um Cutler und Forté nach deren nächstem Abschuss halbwegs adäquat ersetzen zu können. Man kann davon ausgehen, dass im Draft Offensive Liner einberufen werden, bis die Äpfel reif sind.

Bei all dem Desaster geht völlig unter, dass die Defense der Chicago Bears eine fantastische Saison spielte und absolut e-x-z-e-l-l-e-n-t gegen den Lauf verteidigte. Die Unit von DefCoord Rod Marinelli ist immer noch als „Cover-2“-Variante konzipiert, die auf eine famose Defensive Line um den Superstar-DE Julius Peppers gründet. Obwohl man undisziplinierte Freelancer wie Meriweather durchschleppen musste, hielt das Bollwerk lange genug Stand, dass die Bears mit einer wenigstens durchschnittlichen Offense in der zweiten Saisonhälfte die Playoffs erreicht hätten.

Allerdings wird die gesamte Abwehr a) nicht jünger und muss b) einen Aderlass verkraften. MLB Brian Urlacher, der „Ober-Bär“ seit über einem Jahrzehnt, riss sich im letzten Saisonspiel die Bänder im Knie, während gleich mehrere Cornerbacks und DT Adams ziehen gelassen wurden. Es gibt hoffnungsvolle Talente wie DT Paea oder CB Jennings, aber sofern Lovie Smith noch langfristig planen darf, muss spätestens in einem Jahr der Verjüngungsprozess eingeleitet werden. Schon heuer öffnen sich die ersten Waale in der Secondary, die via Draft angegangen werden müssen.


Die Bears stehen am Scheideweg. Lovie Smith ist ein Verpassen der Playoffs vom Rauswurf entfernt und man muss wohl eine weitere Saison mit einer Offense bestreiten, die in sich nicht vollends stimmig wirkt: Quarterback mit Anlage für tiefes Spiel, Wide Receiver für kurze Routen, Offensive Line, die nicht mehr als 2sek für Spielzugentwicklung zulässt und dann kommt da noch ein OffCoord, der berüchtigt für seine fehlende Liebe zum Detail ist. Im schlimmsten Falle könnte es ProBowl-kalibrige Leistungen Cutlers brauchen, um erneut in Playoffnähe zu bleiben. Auf der anderen Seite sieht das Bears-Fundament nun deutlich solider aus als in der vergangenen Offseason; man finde 1-2 gute Blocker im Draft und die NFC North wird eine heiße Angelegenheit.

Indianapolis Colts in der Sezierstunde

Gleich zu Beginn möchte ich auf den Eintrag von Ende Oktober verweisen, als ich unter dem Eindruck der schockierenden Vorstellung der Indianapolis Colts im Sunday Night Game zu New Orleans eine Statusbeschreibung aus meiner damaligen Sicht wagte. Obwohl die Colts am Saisonende dann einen Tick besser waren als es die 2-14 Bilanz vermuten hätte lassen, ist fast alles eingetroffen. Mehr noch: Auch GM Polian wurde gefeuert. Der neue Mann am Steuer, der von den Eagles gekommene GM Ryan Grigson, schmiss gleich am ersten Arbeitstag den schmallippigen Jim Caldwell raus. Ebenso weg: Peyton Manning und Gefolgschaft sowie ein großer Teil der verbliebenen Meistermannschaft. Tabula rasa in Indianapolis, nach einem Jahrzehnt in den obersten Sphären der NFL.


Als neuer Chefcoach wurde der recht profillos wirkende, aber unter dem Tisch als durchaus  begabt bezeichnete Ravens-DefCoord Chuck Pagano installiert, ein Mann, dessen Abwehrvorstellung sich diametral von jener über Jahre praktizierten „Tampa 2“ unterscheidet, weswegen dann auch gleich Recken wie Freeney oder Brackett klargemacht wurde, dass sie ihre Karriere besser woanders ausklingen lassen sollten.

Konkret bedeutet ein Chefcoach „Pagano“, dass die Abwehr auf ein straightes 3-4 umgestellt wird, was Freeneys größte Stärke, das Druntertauchen unter den Left Tackle, negiert. Bis dato fand sich noch kein Abnehmer für den Mann, der vor all seinen Verletzungen über Jahre als ultimativer Pass Rusher in der NFL gefeiert wurde. Gesucht werden dann auch: Nose Tackle, Ends für die 3-4 Defense, flinke Linebackers und vor allem Defensive Backs. In einem Wort ausgedrückt: Rundumerneuerung.

Hopfen und Malz ist aber nicht verloren: DE Mathis dürfte mit seiner schmächtigen Statur ohnehin ein besserer OLB als Defensive End sein, und mit DT Redding sowie S Zbikowski hat sich Pagano gleich zwei Buddys aus dem Ravens-Lager mitgenommen. Abseits davon wird es nach einer eher gemächlich angegangenen Free Agency wohl einen oder zwei defensivlastige Drafts brauchen, um die über Jahre verlotterte Colts-Abwehr wieder in Schwung zu bekommen.


Ähh ja. Die Offense der Indianapolis Colts steht auch vor einer grundlegenden Restrukurierung. Angefangen werden soll beim Quarterback. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Organisation der Colts sich 14 Jahre nach dem Committment pro Peyton Manning diesmal mit dem Top-Pick den mindestens ebenso gehypten Andrew Luck von der Stanford University grapschen wird. Luck wird nun schon seit längerer Zeit als Jahrhunderttalent angepriesen und erst seit wenigen Tagen ernsthafte Konkurrenz durch RG3 aufgeschwatzt. Weil das Colts-Lager jedoch von Luck überzeugt zu sein scheint, dürfte die Diskussion nur medial geführt werden. Luck ist auf alle Fälle ein unglaublich reif wirkender Quarterback, dessen Horizont nicht an der Seitenauslinie endet, und IMHO ein athletischerer Mann als man es ihm zugestehen würde.

Um Luck herum wird allerdings gerade alles eingerissen, was man einreißen kann: Der gemeinhin als schwach angesehene Offensive Line wurde eine Frischzellenkur verordnet (C Saturday, G Pollak, T Diem sind weg) und abseits der vergangenes Jahr gedrafteten Tackles Castonzo/Ijalana ist noch nicht abzusehen, wie die Line in Zukunft ausschauen wird (aus Oakland kam C Satele).

Die beiden Top-Wide Receiver Stand heute sind der Routinier Reggie Wayne und der von den Rams eingekaufte Donnie Avery, nachdem Garcon, Tamme und Clark ziehen gelassen wurden. Und bei den Running Backs gibt es abseits des bereits als Flop abgestempelten Donald Brown von UConn nur noch den jungen Delone Carter von Syracuse, und der soll als Rookie nicht die besten Eindrücke hinterlassen haben.


Weia. Solches Hausreinemachen wie gerade in Indianapolis kommt in der NFL alle drei, vier Jahre vor. Es fällt eigentlich erst jetzt auf, wie lange die Colts mit einem Kern von nur acht, neun Schlüsselfiguren operierten (und alterten) und wie wenig Substanz abseits davon gegeben war. Man wusste, dass die Colts zuletzt 3-4x schlecht gedraftet hatten, jedoch wurden die Auswirkungen lange Zeit kaschiert. Diese Offseason zeigt in aller Brutalität, wie krass sich in der NFL ein Schnitt machen lässt.

Als Fan ist man dankbar, das miterleben zu dürfen. Ich habe es vor drei Jahren in Detroit gesehen, wo mit Schwartz nach langem Siechtum ein pragmatischer Coach eingestellt wurde und ohne allzu viel Free Agency, dafür via Draft Baustein für Baustein eingebaut wurde. In der Kinderschuh-Phase ist es schmerzhaft mit anzuschauen. In der Pubertätsphase (wo sich die Lions gerade befinden) dafür umso besser. Es gibt nichts Schöneres als sich die Zukunft eines aufstrebenden Teams auszumalen.

Und man sollte nicht vergessen, dass die Indianapolis Colts 2012 über ein um Welten (!) besseres Grundgerüst verfügen als damals die Lions besaßen. Die Colts 2012 waren ein Team, das historisch wenigstens fünf Spiele hätte gewinnen müssen. Die sieglosen Lions von damals hätten mit viel Glück zwei Partien gewonnen.

Natürlich steht und fällt vieles mit der Entwicklung des Quarterbacks Andrew Luck, bei dem man sich ein komplettes Floppen nur schwer vorstellen kann. Aber die Colts werden um Luck herum in mindestens zwei Drafts ein Gerüst bauen müssen. 2012/13 dürfte es selbst in einer schwachen AFC South Niederlagen hageln. Wenn aber Pagano und Co. dem Skript folgen können, werden die Indianapolis Colts spätestens in zwei Jahren ungeduldig dem September entgegenfiebern.

San Francisco 49ers in der Sezierstunde

Rückwirkend betrachtet hätten die San Francisco 49ers das NFC-Finale gewinnen müssen. Auf der anderen Seite war es überraschend genug, dass man es überhaupt dorthin geschafft hatte. Leser von Sideline Reporter wissen um die zwei großen Geheimnisse der 49ers, die hier bis zum Gebrechen rauf- und runtergeleiert wurden: Turnovers und Starting Field Position.

Zehn eigenen Ballverlusten standen in der Regular Season 36 Balleroberungen gegenüber – großartige Werte, die auch noch im ersten Playoffspiel hielten, ehe im NFC-Finale ausgerechnet zwei eigene Fumbles die Saison beendeten. QB Alex Smith warf nur 1,1 Interceptions pro 100 Pässen – in den letzten acht Jahren in der NFL war nur eine Quarterback-Saison „sicherer“: Brady 2010/11 (1.0%). San Francisco wird keine Chance haben, diese Zahlen auch nur annähernd zu reproduzieren.

Die 49ers sind um ihre Defense gebaut, und die Defense um eine absolut dominante Front Seven. Aber selbst wenn diese Defense ihr Niveau wird halten können, so wird man sich nicht noch einmal so durchlavieren können. Sprich: Die Offense muss mehr vom Kuchen der Verantwortung nehmen. Das bedeutet automatisch die Hinwendung zu einem etwas risikoreicheren Spiel als man es heuer praktizierte.


Die Offensive Line gehört optisch zu den löchrigsten, die man in der NFL sehen wird; das Passspiel mit seinen 5.9yds/Versuch (#18) und selbst das vermeintlich ordentliche Laufspiel (4.1yds/Carry, #19) sehen dahinter nicht gut aus.

Die Offense ist also die Großbaustelle. Größtes Dilemma ist für HeadCoach Jim Harbaugh der QB Alex Smith, dessen highlightträchtiges Playoffspiel gegen die Saints immer noch herumgeistert; auf der anderen Seite ist Smith nach Harbaughs Flirt mit Manning erneut angesägt. Abseits der nicht wiederholbaren „No-INT-Policy“ gehörte Smith auch 2011/12 nicht wirklich zu den überdurchschnittlichen Quarterbacks. Trotzdem kann man kaum erwarten, dass der potenzielle Nachfolger in spe Colin Kaepernick so schnell zum Zug kommen wird.

Es gibt auch recht wenige brauchbare Anspielstationen. Wir haben den trotz 72 Catches dezent enttäuschenden WR Michael Crabtree, den wetterwendischen TE Vernon Davis (67 Catches), und… und… dann haben wir die Herren Williams, Ginn jr., Walker mit jeweils 20 oder weniger Catches. Für die 49ers dürfte es zum Imperativ werden, auch nach der Reaktivierung von Randy Moss und dem Einkauf von Superbowl-Hero Manningham hier nachzubessern.

Strengere Blicke haben auch die Running Backs Gore/Hunter zu erwarten, deren schwache Statistiken sich mit den optischen Eindrücken decken… und was machen die 49ers? Holen sich den 250kg schweren Bolzen Jacobs aus New York! (wtf? in Kleinbuchstaben. Ich bin erstaunt)

Und dann gibt es das Torso von Offensive Line. Trotz hoher Draftpicks in den letzten Jahren (Staley/Davis/Iupati) fragt sich der geneigte Gelegenheitsverfolger, wie eine Mannschaft mit so einer Unit ins Conference-Finale vordringen kann. Nachbesserung nicht bloß „optional“, sondern ein Muss.

Die um eine ebenso athletische wie aggressive Defensive Line gebaute Abwehr offenbart in der von unserem Freund Ed Donatell gecoachten Secondary signifikante Verbesserungspotenziale: Mit CB Carlos Rogers und S Dashon Goldson wurden die beiden namhaftesten (nicht unbedingt: besten) Free Agents gehalten, aber: San Francisco offenbarte unübersehbare Schwächen gegen bessere Quarterbacks und durfte sich glücklich schätzen, einen günstigen Schedule gegen sich ausgespielt zu sehen. 2012/13 werden unter anderem kommen: Green Bay, New Orleans, New England, Detroit. ‘Nuff said.


Das Fundament der 49ers scheint also mit der soliden Defense zu stehen. Die Kernfrage wird sein, ob und wie man mit QB Smith weitermachen soll, welche Waffen man dem Passspiel zur Verfügung stellen wird und wer die Pocket beschützen soll. Mit einer ähnlichen Smashmouth-Taktik werden wohl keine zehn Siege mehr eingefahren, zumal gegen einen deutlich schwereren Schedule. Auf der anderen Seite kann man dank des Ankers „Defense“ auch davon ausgehen, dass eine komplette Implosion der 49ers nicht passieren wird, egal wer denn nun die Bälle wirft, trägt und fängt.

Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Die Steelers waren in der abgelaufenen Saison trotz etlicher Verletzungsprobleme mal wieder eine der potentesten Mannschaften, und vor allem: Sie waren ein ausgeglichenes Team. Während die alternde Defense nicht mehr so dominiert wie in früheren Tagen, zeigte die Offense explosive Elemente, explosiver als noch in der Vergangenheit. Am Ende scheiterte man aufgrund eines GAU-Viertels in Denver in einem Spiel, in dem ein halbes Dutzend an wichtigen Startern entweder fehlte oder aus dem Spiel getragen wurde.

Was damals wie erste Anzeichen von Untergangsstimmung rüberkam, muss nicht sein. Auch wenn der Mannschaftskern Weiterlesen

Buffalo Bills in der Sezierstunde

Achterbahnsaison für Buffalo: Nachdem die Bills überraschend gut in die Saison gekommen waren (fünf Siege in sieben Spielen), folgte danach der Kollaps mit acht Niederlagen in den letzten neun Partien. Größtes Thema dabei: Turnovers. In den ersten sieben Partien war die Turnover-Bilanz der Bills +11, in den verbleibenden Spielen danach -9. Eklatant sind dabei die absoluten Zahlen, die in allen Mannschaftsteilen bizarre Umschwünge andeuten:

Week   W-L   Giveaways Takeaways
1-8    5-2   9         20
9-17   1-8   21        12

ESPN erklärte sich den Leistungseinbruch mit der teuren Vertragsverlängerung für QB Ryan Fitzpatrick zur Saisonmitte, die dessen Motivation den Bach runtergehen lassen habe. Ein weiterer Erklärungsansatz: Die Verletzung von RB Freddy Jackson, der im Bills-System, das deutlich weniger um einen starken Quarterback gebaut ist wie andernorts, über 130yds/Spiel beisteuerte, aber in Woche 11 auf die IR wanderte.

Es deutet sich mittlerweile an, dass Fitzpatrick bleiben wird und keine billigere Alternative ausgeguckt wird. Fitzpatricks Lieblings-Receiver Stevie Johnson bekam die Franchise Tag übergestülpt, und dann gibt es da noch den „Breaker“, RB C.J. Spiller, dessen eigenartig eindimensionale Spielweise zum Ende der abgelaufenen Saison besser in Schwung gekommen zu sein schien. Die Offense dürfte also halbwegs passen. Die Zahlen waren abseits der volatilen Turnovers (4.3% Interception-Quote war die dritthöchste ligaweit) absolut okay, ein weiterer starker Wide Receiver oder Tight End dürfte aber nicht schaden.


Der wunde Punkt der Bills ist in der Defense zu finden, die mit unglaublich vielen erzwungenen Turnovers zu Saisonbeginn ihre Schwächen kaschierte. Als weniger Bälle als gewohnt freigeschlagen wurden, implodierten Sieg/Niederlagen-Bilanz und Stimmung. Es wäre jedoch nicht so, dass sich die Defense abseits jener Turnovers im Saisonverlauf besonders verschlechtert hätte. Sie war nämlich nie besonders gut.

Es mag daran liegen, dass man sich lange Zeit nicht eins war, mit welchem Basis-System man auffahren wollte: 4-3 oder 3-4 oder 4-6 oder 4-4-2 mit Mittelfeldraute und schnellen Außenverteidigern. Nun wurde intern der einstige Pornoschnäuzer Dave Wannstedt zum DefCoord befördert, was für die Zukunft „4-3“ bedeuten dürfte.

Dafür spricht auch der, nein: DER, Move der Offseason: Der Einkauf des gehypten DE Mario Williams, der nach intensiven nächtlichen Flirts bei Kerzenschein und Violinenmusik im Mittelkreis des Ralph Wilson Stadiums völlig überraschend einen aufgeblähten Vertrag von den Bills (den B-i-l-l-s!) aufgesetzt bekam – und unterschrieb. Damit liest sich die Defensive Line der Bills plötzlich wie aus dem EffEff: DT #99 Marcel Dareus wurde ein ausgezeichnetes Rookie-Jahr nachgesagt und bei DT #95 Kyle Williams kriegen sich die PFF-Analysten sowieso seit Jahren vor lauter Sabbern nicht mehr ein. Zudem kam mit Anderson aus New England ein spezialisierter Pass Rusher für nicht billiges Geld.

Mit der Neuauflage des „Williams Wall“ dürften zugleich drei Fliegen abgeklatscht worden sein: Pass Rush verstärkt, butterweiche Laufverteidigung aufgebessert und für den NFL-Draft die Möglichkeiten erweitert. Statt Defensive End kann man nun andere Lücken angehen, namentlich die Secondary, die durchaus eher auf wackeligen Beinen stand.


Nach apathischen Jahren ist der Move gen Mario Williams durchaus als Sensation für die generell passiven Einkäufer der Bills zu sehen. Ist es ein Move mit dem Ziel, eine titelfähige Mannschaft zusammenzustellen? Werden die Bills ernsthafte Anstrengungen unternehmen, das Image des Billigteams abzuschütteln, und in der zu erwartend schwierigen AFC East vorne mitzumischen? Nicht mehr ganz auszuschließen, und wenn ein Williams in die Provinz wechselte, warum nicht auch andere? Cap-Room ist hinreichend verfügbar. Und schließlich verfügt man mit Chan Gailey und Wannstedt auch über durchaus kompetente Leute im Trainerstab.

Green Bay Packers in der Sezierstunde

Um die alte Leier runterzufrühstücken: Meine Meinung von der Packer-Mannschaft 2011/12 ist eher ambivalent: Fantastisches Timing in der Offense, ja. Aber eben auch eine Defense mit extrem hohem Schlafmütz-Faktor. Um es ganz kurz anzuschneiden: Pythagoreische Erwartung. Green Bay in den letzten drei Jahren:

Saison    W-L   PE      Rang
2009     11-5   12.0    #1
2010     10-6   12.1    #2
2011     15-1   12.2    #3

Nach Brian Burkes Effizienmessung boten die Packers die Vorstellung einer Mannschaft, von der man im Normalfall 10.9 Siege in einer vollen Regular Season erwarten könnte:

Saison    W-L   Rating  Rang
2009     11-5   10.9    #7
2010     10-6   12.0    #3
2011     15-1   10.9    #5

You get the point. 2010 war man das vermutlich beste Weiterlesen

Miami Dolphins in der Sezierstunde

Ein dark fish seit Jahren, sind die Miami Dolphins für mich über Jahre ein klassischer „underachiever“ für NFL-Verhältnisse geworden. Ein Team, das fast alle Bauteile für Dominanz beisammen hat, aber es mit ein bis zwei eklatanten Schwachpunkten immer wieder zustande bringt, die Playoffs zu verpassen. 2011/12 war keine Ausnahme: Obwohl das Punkteverhältnis 8.5 Siege hätte erwarten lassen, holte man nur ein 6-10, mit einer Bilanz von 2-5 in den engen Spielen. Rauswurf des ungeliebten HeadCoaches Tony Sparano inklusive.

Der neue Mann für die von Owner Steve Ross chaotisch geführte Franchise: Weiterlesen

Sezierstunde II: Detroit Lions 2012

Der erste Part der Offseason 2012, die Free Agency, war jahrelang eines der Hauptprobleme der Detroit Lions. Zu häufig wurden wichtige Spieler aus Gründen der Geiz ist geil-Mentalität von dannen geschickt. Nicht so dieses Mal. Vor einem Monat schrieb ich:

[…] dürfte diese Offseason für GM Mayhew die Meisterprüfung darstellen. Sofern die sportliche Leitung der Lions nicht völlig ins Klo greift, werden die Lions auf Jahre ein Thema bleiben.

Der Klogriff blieb aus. Die Lions setzten DE Cliff Avril die Franchise Tag auf und stopften somit vorsorglich ein potenzielles Loch. Für den/die/das Draft ist das insofern von Bedeutung, weil damit der Fokus von der Defensive Line weggerichtet werden kann.

Die zweite wichtige Vertragsverlängerung war jene von MLB Tulloch, der erstaunlicherweise null Beachtung auf dem Transfermarkt bekam. Womit die beiden wichtigsten Puzzleteile in der Defense geklärt wären – CB Wright unterschrieb in Tampa für einen horrend teuren Vertrag; Detroit hatte nie eine Chance (wollten sie überhaupt?).

In der Offense wurde der erfahrene Recke LT Jeff Backus gehalten, obwohl aus San Diego LT McNeill geholt wurde. Ein völliger Paradigmenwechsel für Detroit, das noch vor kurzem den soliden Backus ziehen lassen hätte, um den billigeren McNeill als Ersatz auflaufen lassen zu können. Dabei liest sich Backus’ Bewertung von Pro Football Focus, wenn fit, exzellent, wie das Blog The Lions in Winter herausarbeitete.

Heimlich, still und leise unter Dach und Fach gebracht: Backup-QB Shaun Hill (2010/11 ein verlässlicher Mann) gehalten. Und ein weiteres potenzielles Loch stopfte sich vorerst von allein: RB Best bekam von den Doktoren einen Freifahrtschein, es trotz aller Gehirnerschütterungen noch einmal probieren zu dürfen; Bests Historie besagt jedoch: a) aus gesundheitlicher Sicht wäre ein Rücktritt wohl trotzdem die bessere Entscheidung; b) Best wird ohnehin in Kürze wieder eine Gehirnerschütterung erleiden.

Spektakulärste und wichtigste Aktion war die Vertragsverlängerung von WR Calvin Johnson (8yrs, 132M, 60M guaranteed). Womit zwei Fliegen auf einen Schlag abgeklatscht worden wären: Die wichtigste Figur in der Offense auf Jahre gebunden und ein potenzielles Störfeuer für die kommenden Saison frühzeitig ausgetreten (Johnson wäre 2013 Free Agent geworden und unter der Franchise Tag mindestens 28M teuer geworden). Calvin Johnson ist charakterlich wie sportlich das Aushängeschild der Lions. Ein Wide Receiver als absoluter Superstar des Teams und das ohne die Zicken eines Moss oder Owens.

Die Lions hätten erstmals seit längerer Zeit einen Rückschritt machen können; das passierte bislang nicht. Die wichtigsten Figuren wurden behalten. Für den Draft bedeutet dies: Es könnte tatsächlich ein Defensive Back wie Jenkins oder Gilmore in Runde #1 werden.

Denver Broncos in der Sezierstunde

Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow! Tebow!

Geht es nach sämtlichen Analysten, haben die Denver Broncos mit der Verpflichtung des 36jährigen Quarterbacks Peyton Manning den Jackpot des Jahrzehnts gezogen und den spektakulärsten Weiterlesen