May God Bless All Of You

Free Agency gibt es in diesem Jahr keine, aber trotzdem werden in den NFL-Franchises fleißig die Kader ausgemistet und für den NFL Draft herausgeputzt. Solange das Collective Bargaining Agreement (CBA) noch aktiv ist (also noch 7 Tage lang), dürfen Spieler gefeuert werden und vertragslose Spieler eingekauft werden.

Wichtige Spieler, deren Verträge mit dem CBA-Ende auslaufen, können per Franchise Tag gehalten werden (so geschehen bei Vick & Manning), wobei nicht klar ist, ob diese unter einem neuen CBA noch gültig sein werden.

Zweites Fragezeichen: Restricted Free Agents (RFA) vs. Unrestricted Free Agents (FA) – bis zum Ende der Saison 2009/10 waren Spieler, deren Verträge ausliefen und mindestens vier Jahre in der Liga waren, uneingeschränkt frei, auf dem Markt ihren Wert zu testen. Seit dem vergangenen Frühjahr sind sie erst ab dem sechsten Jahr frei.

Spieler, deren Verträge in diesen Tagen auslaufen und die weniger als sechs Jahre NFL-Profis sind, sind somit RFAs, d.h. ihre Rechte liegen auch nach Vertragsende noch beim Team. Das Team kann eine sog. Tender verhängen. Das ist bsp. ein Einjahresvertrag zu einer gewissen Höhe. Dadurch kann der Spieler nur wechseln, sofern eine andere Mannschaft daherkommt und Draftpicks sowie mehr Geld bietet.

Im vergangenen Jahr hat diese Neuregelung z.B. Shawne Merriman viel Geld gekostet. Merrimans Fünfjahresvertrag war ausgelaufen und unter den alten Konditionen wäre er Free Agent gewesen und hätte abkassieren können. Aber da er weniger als 6 Jahre Profi gewesen war (nämlich 5), konnten die Chargers eine 3Mio.-Tender verhängen und Merriman spottbillig halten, weil keine andere Mannschaft für Merriman 1st und 3rd round picks zahlen wollte.

Heuer haben wir solange keine Free Agency, bis eine Einigung im Arbeitskampf gefunden ist. Trotzdem wechselten einige Spieler in diesen Tagen die Mannschaften – weil sie aus ihren Verträgen entlassen worden sind (diejenigen, die Free Agents werden, haben noch Vertrag, bis das CBA ausläuft, und können daher bis zur Einigung nicht wechseln).

Die Recken in den Schützengräben

Tommie HarrisDie Chicago Bears haben ihren mehrfachen Probowl-Defensive Tackle Tommie Harris gefeuert. The Real Deal Harris antwortete darauf mit einer Liebeserklärung in einer Chicagoer Tageszeitung, so herzerweichend, dass nur noch ein Violinenquartett, Kerzenlicht und ein edler Tropfen fehlten, um das Schmalz so richtig zum Rinnen zu bringen – links nachzulesen. Dass der eiskalte Profisport ausgerechnet in diesen Tagen mit so was aufbieten kann, ist doch auch mal ganz nett.

Ein zweiter ganz großer Defensive Tackle der letzten Jahre war Shaun Rogers (Lions, Browns). – Das Riesenbaby wurde in Cleveland rausgeschmissen und autographierte unmittelbar danach für ein Jahr und $4 Mio. bei den Saints.

Defensive Tackle, die dritte: Marcus Stroud hat nach seiner Dienstenthebung bei den Bills in New England unterschrieben. Stroud gehörte wie Rogers einst zu den ganz Großen seines Fachs, als Anführer einer der dominantesten Laufdefenses in Jacksonville. Zuletzt in Buffalo war Stroud verletzungsanfällig und von daher ist es leicht überraschend, dass Bill Belichick sich Stroud für zwei Jahre anlacht.

BTW, Strouds College-Teamkollege Richard Seymour, einst von eben diesem Belichick aus New England vertrieben, hat in Oakland vor zwei Wochen für zwei Jahre unterschrieben.

Ein vierter Defensive Tackle von Format ist erst gestern gefeuert worden: Jamal Williams, dreifacher Pro Bowler in San Diego und zuletzt in Denver am Werkeln. Das allerdings in einer 3-4 Defense und in Denver will John Fox bekanntlich die 4-3 reinstallieren. Williams muss so unflexibel sein, dass die Broncos ihn trotz großer Not auf dieser Position gehen lassen.

Von entlassenen Topleuten strotzt es nur so: Auch Kris Jenkins ist ausgeschmissen worden. Jenkins war dauerverletzt, ABER: Wenn fit, einer der dominantesten und ein Hauptfaktor, dass die Panthers sich 2003/04 bis in die Superbowl durchgewürgt haben. Dieses Sports-Science-Video mit Jenkins ist mit einem Wort am besten beschrieben: Scary. Nein, in zwei: Scary shit.

Safety first

Mehrere Top-Verteidiger waren in den letzten Tagen vertragstechnisch in den Schlagzeilen. Angefangen bei SS Bob Sanders, einem der Allerbesten, wenn er fit ist. „Wenn“ ist dabei das Schlüsselwort: Sanders hat in 7 Jahren Profitum nur zweimal (!!!) mehr als sechs Regular Season-Spiele bestritten – dabei aber 2x Pro Bowler gewesen und einmal Defensive MVP. Sozusagen der Kris Jenkins auf der Safetyposition. Sanders wurden in Indianapolis nach zuletzt nur mehr 9 Einsätzen in drei Jahren rausgeschmissen und hat bei den San Diego Chargers einen neuen Arbeitgeber gefunden.

Noch ein Safety: O.J. Atogwe, einer der wenigen Kanadier in der NFL und in St Louis entlassen, weil $8 Mio. einfach zu viel waren. Atogwe hat den selben Weg eingeschlagen wie einst Safety Adam Archuleta und ist von den Rams zu den Redskins gegangen (5 Jahre, $26 Mio.).

Der Hawk ist wieder da

Sogar $10 Mio. hätte Linebacker A.J. Hawk in Green Bay kassiert – viel zu viel. Green Bay schmiss Hawk kurzerhand raus, um ihn gestern wieder per Fünfjahresvertrag weiter zu beschäftigen.

Ein anderer gefeuerter Linebacker/Defensive End dürfte es schwerer haben: Vernon Gholston, #6 Pick der Jets vor drei Jahren im Draft. Gholston kam damals von der Ohio State University und absolvierte eine Combine, die die Scouts erstmal atemlos zurückließ. Gholston säckelte schnell seine Millionen ein. Jahre später versucht der geneigte Experte dann gerne, den Koeffizienten aus „Millionen pro Sack“ zu errechnen. Bei Gholston dürfte die Mathmatiker [$ Mio. geteilt durch #Sacks] vor Probleme stellen: Division durch Null.

Nicht mehr so stürmische Hurricanes

TE Jeremy Shockey (TD-Catch in der Superbowl 44) wurde in New Orleans rausgeschmissen. Shockey hat schnell einen neuen Arbeitgeber gefunden – und er zeigt, dass es ihm auf seine alten Tage hauptsächlich noch um $$$ geht: Unterschrift bei den Carolina Panthers, die locker 2-3 Jahre von NFL-Relevanz entfernt sein sollten.

RB Clinton Portis, früher wie Shockey bei den Miami Hurricanes am College, ist der noch größere Name. Portis’ Zeit in Washington ist abgelaufen. Zu viele Verletzungen, zu hohes Gehalt, zu wenige Spiele, zu wenig Leistung. Portis dürfte zwar schon ausgesorgt haben, aber Portis ist trotz seiner langen Karriere noch keine 30 und könnte locker noch den Change-of-Pace-Back in einer Mannschaft mit Superbowl-Chancen geben. Ich bin gespannt, wo der Mann, der einst nach einem 5-TD-Spiel an der Seitenlinie mit Schwergewichtsgürtel und 15kg geschwollenen Eiern herumstolziert ist, landet.

Indianapolis Colts in der Sezierstunde

2010/11 war ein ungewöhnlich zähes Jahr für die Colts. Dafür gibt es eine ganze Latte an Gründen: Die Verletzungen. Die unkonstante Defense. Die unbalancierte Offense.

Die Verletzungsserie, die Indianapolis heuer heimgesucht hat, ist schon heftig: In der Offense verletzten sich WR Antonio Gonzalez, WR Austin Collie, WR Pierre Garcon, RB Joseph Addai und TE Dallas Clark alle für Teile der Saison oder mehr. Reggie Wayne war wochenlang nicht richtig fit. Dass eine Offense angesichts der Umstände nicht in Gang kommen kann, muss klar sein.

Noch schlimmer sind die Verletzungen in der Defense, denn dort gibt es keinen Peyton Manning, der die Kohlen aus dem Feuer holt: Die Strong Safetys fehlten die komplette Saison, die Cornerbacks um Hayden waren ab November auch regelmäßig außer Gefecht, die Front Seven durch schwach getimte Verletzungspausen ebenso kaum gleichzeitig am Feld. Problem dabei: Die Colts hatten kaum Möglichkeiten, sich einzuspielen.

Peyton Manning QB Colts

Peyton Manning - ©Flickr

Indianapolis‘ Offense ist weiterhin: Peyton Manning. Die #18 ist ein staubtrockener Vertreter seiner Zunft, aber für mich ist Manning weiterhin die #1 unter den Quarterbacks. Die Offense Line gilt seit Jahren als Schwachpunkt, aber Manning kassiert prozentual die wenigsten Sacks, wenn ihm zwei Pass Rusher in der Fresse herumfummeln. Manning hatte Ende November eine ganz fürchterliche Phase mit 11 INTs in 3 Spielen. Als es gegen Saisonende um die Wurst (sprich: Playoffs) ging, war der Mann wieder voll da und sattelte Indy grade so gut, dass es in einer durchwachsenen AFC South reichte.

Wer könnte gehen?

Peyton Manning. Okay, keine Scherze, aber Manning ist aktuell vertragslos. Entweder die Colts geben ihm einen Vertrag über 4-5 Jahre mit Zahlen wie jener von Tom Brady. Oder sie hängen ihm die Franchise Tag, das Preisschild, um (ca. 23M Dollar). Es gibt keine andere Alternative. Ansonsten ist man offensiv relativ gut aufgestellt: RB Addai ist kein Unverzichtbarer, könnte also für halbwegs billiges Geld weiterverpflichtet werden. OT Charlie Johnson würde kaum vermisst werden.

In der Defense sind drei Defensive Backs (Bullitt, Francisco, Hamlin) vertragslos – und dann ist da noch der Kicker: Adam Vinatieri.

Heikel wird die Diskussion bei SS Bob Sanders. Sanders gehört zu denjenigen Spielern, bei denen du sofort merkst, ob sie auf dem Feld stehen oder nicht. Beim Superbowl-Sieg vor ein paar Jahren galt Sanders’ Genesung zu den Playoffs als Hauptgrund für den Titelgewinn der Colts, ein Jahr später war Sanders Verteidigungsspieler der Saison. Sanders ist nun 7 Jahre in der NFL. Seine Anzahl der Regular-Season-Spiele pro Saison: 6-14-4-15-6-4-1. 50 von 112 Spielen. Allerdings: Jedes Mal, wenn Sanders über 6 Spiele bestritt, war er All-Pro und Pro Bowler. Sanders hat noch Vertrag, aber womöglich wird er wegen Verletzungsanfälligkeit trotzdem entlassen.

Wo hakt’s?

Beginnen möchte ich mit einem Fakt, den ich vor einigen Wochen glaube, irgendwo gelesen oder gehört zu haben: Die Colts-Offense ist mit den Jahren immer ineffektiver geworden. Schnell via der unerschöpflichen Sidelinereporter-Excel-Datenbank nachgeprüft: Das DVOA-Rating von Footballoutsiders, das die absoluten Offense-Werte in Relation zur Stärke der jeweiligen Defenses setzt:

2004 33,2% (#1)
2005 23,6% (#3)
2006 29,0% (#1)
2007 24,3% (#2)
2008 17,2% (#6)
2009 20,3% (#6)
2010 16,6% (#6)

Bildlich sieht das so aus:

DVOA Indianapolis Colts NFL 2010/11

©Sideline Reporter

Ich sehe nach 2007 einen signifikanten Absturz. Eine Anmerkung: Marvin Harrison. Harrison war ein absoluter Ausnahme-WR der Colts. Bis 2006 mit herausragenden Zahlen. Danach alternd und verletzungsanfällig. Auch Reggie Wayne wird nicht jünger…

Die große Frage: Ist es in Indianapolis schnurz, ob sie Laufspiel haben? Braucht die Offense trotz ihrer jetzt schon krassen Pass-Lastigkeit einen weiteren großartigen WIDE RECEIVER? Zum Vergleich: Der letzte Franchise-RB der Colts war Edgerrin James. Nach dessen Abgang (2005) gibt es keinen Effizienzverlust zu verorten.

Der Ruf der Zahlen nach einem Top-WR deckt sich auch mit dem Gesehenen: Indys Receiver sind gutes Mittelmaß. Aber im entscheidenden Moment werden häufig die schweren Catches nicht gemacht. Die Catches, die du nicht machen musst, aber solltest, wenn du wie die Colts auf Offensive angewiesen bist.

Denn in der Defense hakt es. Die Secondary und der Pass Rush sind trotz Verletzungsproblemen nicht so sehr das Problem. Vielmehr ist Indy seit Äonen eine Mannschaft, über die Gegner einfach drüberlaufen. Verantwortlich dafür: Ein fehlender dominanter Defensive Tackle. Eine uneingespielte und untersetzte Linebacker-Crew. Ein dauerverletzter Sanders.

Ich habe mir jüngst Superbowl XXXVII angeschaut. Die flinke Buccs-Defense (kreiert von Tony Dungy), die trotz untersetzter Männer den Lauf abwürgte. Die aktuelle Colts-Defense ist immer noch Tony-Dungy-Werk. Die Buccs hatten damals vorne drinnen mit DT Warren Sapp den ultimativen Brocken. Vielleicht könnte ein DT Shaun Rogers trotz all seiner Flauseln neben dem Spielfeld in Indy Abhilfe schaffen.

Wohin galoppieren sie?

Zusammenfassend komme ich zum Schluss, dass die drei Top-Prioritäten lauten müssten:

a) Wide Receiver
b) Defensive Tackle
c) Offensive Tackle

Blick auf das Zeiteisen: Die Colts werden nicht jünger. Peyton Manning wird nicht jünger. Womöglich schließt sich das Fenster für die Colts in absehbarer Zeit, sprich: 3-4 Jahren. Ich bin zwar skeptisch, ob Bill Polian jetzt plötzlich von seiner Strategie abgehen würde und das Team mit ein paar Star-Free Agents aufladen wird. Aber angesichts der vermutlich noch nur wenigen Chancen auf einen Titel ist das vielleicht kein ganz depperter Gedanke.

Indianapolis hatte 2009 keine überragende Mannschaft und ist trotzdem 14-0 gestartet, weil sie enge Spiele am Fließband holten. 2010 ist das nicht mehr gelungen und schwupps war man nur noch dank schwacher Divisionskonkurrenz in der Post Season.

Ich glaube zwar, dass man mit Manning immer Divisionsfavorit bleiben wird. Aber die Colts wollen mehr. Sie brauchen Titel.

Unter der Lupe waren auch andere Mannschaften – Zum „Sezierstunde“-Archiv geht es hier entlang.