Sofa-QBs 2015, Super Bowl Preview

Sportradio360 und seine Sofa-QB Vorschau auf Super Bowl 49: Zum Podcast hier entlang. Diesmal als sehr ausführliche Sendung mit mehreren Gruppen, mit der Rückschau auf AFC und NFC, dem Blick auf die Coaches und die Mannschaften sowie natürlich den Sieger-Tipps. Bitte die anfänglichen Holperer meinerseits gnädigst zu überhören. Unsere Aufnahmesequenz fand am Montag statt, mit einem Herrn Psaier noch leicht wochenendgeschädigt.

Super Bowl Preview: Seahawks Offense vs Patriots Defense

Vom taktischen Standpunkt her treffen im Super Bowl zwei Extreme aufeinander. Die eine Seite, New England, richtet ihren Game Plan voll am Gegner aus. Die andere Seite, Seattle, konzentriert sich dagegen voll auf sich selbst und nimmt kaum Anpassungen an den jeweiligen Gegner vor. Die Seahwks haben ihren Stil und darauf muß sich der Gegner einstellen – und nicht andersrum. Defensive Coordinator Dan Quinn hat das mal knackig zusammengefaßt: „We don’t do a lot of different things. But the things we do play, we play very well„. Nachdem Seminole gestern die Gesichter hinter den Schemes schön ausgeleuchtet hat, kommt hier die erste Taktik-Vorschau: Seattles Offense vs New Englands Defense. Weiterlesen

Die Gesichter von Super Bowl 2015

Superbowl Sunday steht vor der Tür, und nachdem die Kollegen bereits über Coach Evil Belichick geschrieben haben beziehungsweise noch über die taktischen Vorzüge des Endspiels referieren werden, werfen wir mal einen Blick auf die Köpfe, die sich am Sonntag hinter den Helmen verstecken werden. Weiterlesen

Ode an Bill Belichick

Bill Belichick

Der Teufel in der Kaputze

Die New England Patriots spielen am Sonntag zum sechsten Mal in den letzten 14 Spielzeiten in der Super Bowl – Testament einer Organisation, die es in der Ära von Salary Cap und Free Agency besser als alle anderen geschafft hat, die Wetten zu schlagen und eine ganze Epoche zu prägen. Testament vor allem eines Mannes: Bill Belichick, Head Coach und General Manager in Personalunion. Weiterlesen

Alle Infos zu Super Bowl 2015 in TV und Internet

Super Bowl XLIX findet in der Nacht von Sonntag, 1. Februar auf Montag, 2. Februar 2015 statt. Die beiden Kontrahenten sind die New England Patriots und die Seattle Seahawks. Kickoff der Partie ist um 0h30 MEZ. Austragungsort ist das futuristische University of Phoenix Stadium in Glendale/Arizona, womit uns eine Diskussion um ein ach so schlimmes Wetter wie vor einem Jahr erspart bleibt: Arizona = Wüste = Dach über der Hütte. Weiterlesen

NFL-Franchises in der Vorstellung, #22: New England Patriots

Über lange Jahre eine graue Maus, gelten die New England Patriots seit gut einem Jahrzehnt als Modellfranchise. Grund dafür ist eine Reihe glücklicher Fügungen, aber auch bemerkenswerte Konstanz unter dem vielleicht besten Coach aller Zeiten. Weiterlesen

Philosophie trifft Pragmatik: Wie die Seattle Seahawks ein einzigartiges Business Model schafften

Gestern hatten wir die Denver Broncos als erste der beiden Superbowl-Mannschaften 2013/14 unter der Lupe im Versuch, ihre Stilfindung zu analysieren. Heute ist die andere Mannschaft dran, die Seattle Seahawks aus dem rauen Nordwesten der Vereinigten Staaten – eine Franchise, die viele Jahre lang als reiner Mitläufer wahrgenommen wurde.

Ursprünglich wurden die Seahawks in den 70er Jahren als Expansion-Team in die AFC eingegliedert. Dort waren sie Divisionskonkurrenz der… Denver Broncos. Während die Broncos aber alljährlich mit einem der größten Stars, QB John Elway, Division und Conference viele Jahre lang dominierten, ging bei den Seahawks so vieles daneben, dass man zwischendurch vergaß, dass da droben in den Wäldern, wo es eh immer regnet, noch eine NFL-Mannschaft zuhause war.

In den 90er Jahren wurde die Franchise an den CEO von Microsoft, Paul Allen, verkauft, der rasch mit der Sanierung begann. Allen riss den morschen Kingdome ab und baute das neue Seahawks-Stadion in Downtown Seattle, eines der fantastischesten NFL-Stadien mit Blick auf die Stadt und mehreren Lautstärkerekorden. Allen installierte auch den Erfolgscoach der Green Bay Packers, den stets grimmig dreinschauenden Mike Holmgren, als neuen Cheftrainer – und schon waren die Seahawks eine Nummer.

Allerdings ab 2002 in der NFC, denn im Zuge der NFL-Aufnahme der Houston Texans wurde eine Neustrukturierung der Divisionen gemacht. Weil zu wenige NFC-Teams im US-Westen zuhause waren, wurden die Seahawks einfach mal auf ihre 30jährige Geschichte scheißend von der AFC in die NFC umgeschichtet. Viel zu sagen hatten sie dabei nicht; es hätte auch keine Sau interessiert.

Sportlich war es ihr Glück, denn ihr neues Zuhause, die NFC West, war viele Jahre lang die Lachnummer der NFL. Seattle gewann sie jahrelang im Schlafwandel. 2005/06 schaffte man sogar den Sprung in die Superbowl XL in Detroit. Dort war man eigentlich die bessere Mannschaft, aber eine Kombination aus Pech, einigen wenigen Steelers-Plays und einem lachhaften Schiedsrichter-Gespann verwehrte den Seahawks den ersten Titelgewinn. In der Folge dümpelte man zurück in altbekannte Gewässer mit 7-9 und 4-12 Saisons.

Am Ende der Saison 2008 wurde Holmgren verabschiedet. Als Nachfolger wurde – schon damals wenig überzeugend – Jim Mora jr. installiert. Mora konnte allerdings keine Begeisterung auslösen, und so waren die Hawks schon ein Jahr später wieder ohne Head Coach.


Pete Carroll trat Anfang 2010 von seinem Head Coach-Posten bei den USC Trojans zurück. Dort hatte er in über einem Jahrzehnt eine große Dynastie geformt und die stolze private University of Southern California zurück in die Erfolgsspur gebracht. Es war ein Erfolg, den man Pete Carroll gar nicht zugetraut hatte, denn Pete Carroll war in den 1990er Jahren zweimal als Head Coach in der NFL gescheitert.

Bei den Jets musste er nach nur einer Saison gehen. Bei den Patriots übernahm er 1997 eine Superbowl-Mannschaft und schaffte in drei Jahren erst 10, dann 9, dann 8 Siege. Siehst du einen Trend? Er ist nicht dein Freund. Schnell war das Urteil über Carroll gefällt: Ein netter Kerl, ja, aber ungeeignet als Head Coach in der NFL.

Ging ans College und brachte USC in gigantische Höhen. Allerdings gerüchtelte es viele Jahre lang ob da schon alles mit rechten Dingen zugegangen war. Ende 2009 verdichteten sich die Indizien immer mehr, dass es teilweise größere Recruiting-Verletzungen bei USC gegeben hatte und dass Carroll der NCAA-Hammer um die Ohren fliegen würde. Er ging, bevor es aufflog (das passierte ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt).

Und die Seahawks hatten ja gerade ihren Head Coach Mora jr. rausgeschmissen.


Carroll unterschrieb Anfang 2010 bei den Seahawks, und er wurde nicht bloß Head Coach, sondern zugleich auch noch mit Kompetenzen eines General Managers ausgestattet. Es verblüffte, welche Power man ihm gab. Der „echte“ General Manager ist zwar John Schneider, aber hallo: Schneider fungiert vor allem als Carrolls Berater. Mehr noch: Schneider wurde sogar von Carroll eingestellt!

Pete Carroll ließ in den ersten Wochen und Monaten seiner Amtszeit in Seattle keinen Stein unberührt. Er räumte den Trainerstab auf. Er wälzte den Kader um wie kaum jemand vor ihm. An die 200 Transaktionen machte Carroll allein in seiner ersten Offseason. Es sah gar nicht so aus, als hätte Carroll einen besonderen Plan im Hinterkopf. Es wirkte wie ein Hin- und Herschieben von Bausteinen, aber richtig aufgeräumt wirkte die Baustelle im ersten Hingucken freilich nicht – und ich selbst spottete auch ganz gern über Carrolls Wirken.

In der Retrospektive sieht das freilich etwas anders aus. Zum ersten holte er sich mit RB Marshawn Lynch (via Trade aus Buffalo) das neue Gesicht der Franchise, einen physischen, kräftigen Back als neuen Motor der Offense. Und dann kam der Draft 2010, einer der besten Drafts, die einer NFL-Franchise in den letzten Jahren glückte:

Russell Okung, Earl Thomas, Kam Chancellor, Walter Thurmond und Golden Tate in einem einzigen Draft! Das ist ein ganzer Mannschaftskern für sich. Trotzdem waren die Hawks 2010 ein relativ schlechtes Team, das aber verrückterweise trotz 7-9 Bilanz die Division gewinnen konnte. Man spielte in den Playoffs zuhause gegen den Titelverteidiger New Orleans, und, naja: Rest ist bekannt.

Das war der beste Laufspielzug der Playoffgeschichte, und das beast mode war geboren. Lynch galt fortan als Gesicht der Carroll-Seahawks: Wuchtig, wild, druckvoll.


Die Seahawks sind heute gebaut nach dem Ebenbild des Pete Carroll. Ich hatte den wirklich aufschlussreichen Artikel von Smart Footballs Chris Brown bei Grantland schon vor zwei Wochen hier verlinkt, aber noch einmal: Who’s laughing now?

Also known as Three-Deep zone coverage, Cover Three is a fundamental defensive building block; almost every high school team in the country runs some version. As the name implies, three defenders drop and divide the field into three deep zones — typically the two cornerbacks on the outsides and the free safety in the middle — while four other defenders drop to defend underneath passes as the remainder rush the QB. This coverage is sound against the pass and allows an extra defender to come up to stop the run, but it’s also conservative, which is why veteran NFL quarterbacks tend to carve it up and thus why it’s not commonly used in the NFL on passing downs.

Die Legion-of-Boom. Die vielleicht beste Defense, die ich bisher gesehen habe. Auf alle Fälle eine der optisch herausragendsten, gewaltigsten. Thomas, Sherman, Chancellor: Viel besseres gibt und gab es nicht zu bestaunen.

Es ist auch eine Defense, die aus außerordentlich vielen Außenseitern gebaut ist, Spielern, die die erste Runde des NFL-Drafts nur vom Hörensagen kennen. Die 2010er-Clique hatten wir schon, aber auch der aktuell größte und bekannteste Seahawks-Star, CB Richard Sherman, war ein Mann aus der fünften Runde. LB Bobby Wagner kam in der zweiten Runde. Der aktuell gesperrte CB Browner? Kam aus der Canadian Football League. Leute wie DT MeBane (3. Runde 2007) oder DT Red Bryant (4. Runde 2008) stammen aus der Zeit vor Carroll, aber sie blühten erst unter ihm auf.

In der Offense: QB Russell Wilson in der dritten Runde. WR Golden Tate in der zweiten Runde. WR Jermaine Kearse und WR Doug Baldwin? Beide wurden überhaupt nicht gedraftet.

Das erstaunliche ist: Die hohen Picks des Pete Carroll gingen eigentlich eher schief. Der G Carpenter (1. Runde 2011) ist Bankdrücker. Der OLB Irvin (1. Runde 2012) gilt als one trick pony und musste heuer wegen diverser Delikte ein Saisonviertel gesperrt aussetzen. Und der letztes Jahr quasi für einen 1st-Rounder geholte WR Percy Harvin war das ganze Jahr verletzt, soll nun aber zurückkehren; okay, wenn Harvin fit ist, ist das einer der zehn besten Skill-Player in der Liga, aber er ist halt fast nie fit.

So arbeitete Carroll fast zwei Jahre lang nahezu ohne Resultat (okay, der Divisionssieg, aber…) vor sich hin. Spät in der Saison 2011 hatte man erstmals das Gefühl, dass sich in Seattles Defense auch vom Output her was regt.


Aber das echte Coming-Out hatte die heute bekannte Version der Seahawks erst im September 2012, als sie in einem Monday Night Game die Mega-Offense der Green Bay Packers nach Strich und Faden killten. Das Spiel von damals ist vor allem bekannt wegen der Replacement-Referees und der bizarren letzten Hail Mary des Russell Wilson, aber (zumindest bei mir) in mindestens ebenso prägender Erinnerung war die Vorstellung der Defense in der ersten Halbzeit, die Aaron Rodgers komplett abwürgte.

Der große Erfolgträger in Seattle war unter Carroll immer die Defense. Das markante Gesicht der ersten Jahre war RB Lynch aus der Offense. Aber der Schlüssel, diese Mannschaft von „gut“ und „Sleeper“ zu „Geheimfavorit“ und „Topfavorit“ war der Quarterback, Russell Wilson. Ohne Quarterback kann auch der ansonsten beste, tiefste Kader nix erreichen. Und Wilson ist nicht irgendein QB.

Wilson kam gegen alle Wetten aus der dritten Runde in die NFL. Er wurde sofort zum Stamm-QB. Nach einigen Eingewöhnungsproblemen in den ersten Wochen mauserte sich Wilson schnell zum heimlichen Star der „Big Three“ (RGIII, Luck, Wilson) der Rookie-QBs. Schon zur Halbzeit seiner ersten Saison gehörte er zu den besten Quarterbacks in der NFL, und wurde zur prägenden Gestalt einer Mannschaft, die gegen Jahresende alles an die Wand spielte, was sich ihr in den Weg stellte.

Dieser Überquall an physischer Energie und wuchtiger Dynamik, mit dem die Seahawks Ende der Saison 2012/13 alles in Grund und Boden walzten, wird für immer das definierende Bild der Carroll-Hawks sein. Es war blanker Zufall, dass die letztlich wohl beste Mannschaft der Saison letztes Jahr nicht die Superbowl erreichte, und es brauchte ein mirakulöses Comeback der nicht schwachen Atlanta Falcons in einem unglaublichen Playoffspiel.

Russell Wilson war dieses Jahr nur noch phasenweise so dominant, aber mit seiner Spielweise muss er trotzdem als Liebling der Massen angesehen werden: Ein untersetzter Mann, der eigentlich eher Kickreturner als Quarterback spielen sollte. Es ist extrem sympathisch, dem Underdog Wilson bei seiner Arbeit in der Pocket zuzusehen. Er strahlt phasenweise totale Kontrolle über sich und den Gegner aus. Es gibt wenig Anmutigeres als einen Wilson in Hochform. Da würdest ihn am liebsten als Plüschtier kaufen. Fragt sich, ob Wilsons „Formkrise“ in den letzten Wochen mehr ihm oder den dominanten gegnerischen Abwehrreihen zuzuschreiben ist.


Wilson ist nicht nur sportlich der Mann, der diesen überaus talentierten Kader über sich hinauswachsen ließ. Wilson ist auch deshalb ein „MVP“, weil er so billig ist. Er kostet die Hawks bloß nahezu das Minimalgehalt, weil er als Rookie aus der dritten Runde in einem skandalösen Kontrakt festgeknebelt ist. Auch Jungs wie Sherman, Chancellor oder Wagner spielen für lau, weswegen sich Seattle in der Offseason 2013 den Luxus leisten konnte, gefürchtete Passrusher wie DE Avril oder den kompletten DE Michael Bennett für okayes Salär einem eh schon enorm tief besetzten Kader hinzuzufügen.

So sind die Carroll-Seahawks dieser Tage ein auf recht unorthodoxem Weg zustande gekommenes, rundum fast komplettes Team. Es lebt von geglückten, späten Draftpicks. Von guten Verträgen. Von einem Trainerstab, der nach unermüdlicher Arbeit und vielen Rückschlägen doch noch die richtigen Schemata gefunden hat. Von einem Quarterback, der allen Unkenrufen zum Trotz die Liga im Sturm genommen hat. Und es ist ein markantes Team voller spektakulärer Charaktere und Geschichten.

Die heutige Ausgabe 2013/14 ist gemessen an dem Image, das die Hawks in der letzten Saison ausstrahlten, zwar tiefer und rundum vielleicht auch besser besetzt, aber es fehlt der letzte Thrill. Die Offense läuft nicht mehr so geschmiert wie 2011. Wilson, diese Wühlmaus, spielt nicht mehr ganz so lights out wie noch vor 12 Monaten. Aber dafür reißt eine der besten Pass-Defenses aller Zeiten, die Legion-of-Boom, alles heraus – sportlich und medial.

Pete Carroll hatte schon immer eine Philosophie, die er umsetzen wollte. Er konnte es nicht immer versuchen, weil ihm das Spielermaterial abging. In Seattle fand sich selbiges ein. Dank seiner pragmatischen Art, die auch Ignoranten wie mir lange suspekt erschien. Dank natürlich auch einem glücklichen Händen. Aber ohne Glück ist es nicht möglich, eine solche Mannschaft zusammenzustellen – und wir sollten sie bestaunen, solange sie noch in dieser Form zusammenspielen kann.

Vielleicht ist der Superbowl Sunday auch schon der Höhepunkt der Seattle Seahawks.

Frischzellenkur rewind: Der Seahawks-Draft von 2010

Die Wurzeln des Seahawks-Aufstiegs sind Ende der Saison 2009/10 zu finden, als der Besitzer der Seahawks, Paul Allen, den Head Coach Jim Mora jr., der schon in Atlanta einen schlechten Job gemacht hatte, und GM Tim Ruskell rauswarf und sich anschickte, die seit Jahren dümpelnden Hawks wieder auf Vordermann zu bringen. Allen installierte den neuen GM John Schneider aus dem Personalbüro der Green Bay Packers, und holte Pete Carroll zurück vom College in die NFL. Für Carroll war das damals nicht bloß die Chance, es nach einer nur mäßig erfolgreichen Zeit in den 90ern noch einmal der NFL zu beweisen, sondern auch willkommene Gelegenheit, die University of Southern California rechtzeitig zu verlassen, bevor ein halbes Jahr später der Hammer der NCAA im Fall Reggie Bush zuschlug.

Erster großer Auftritt der neuen Seahawks-Leitung war der NFL-Draft 2010 – und drei Jahre später kann man ein exzellentes Zeugnis für diese Draftklasse ausstellen. Zugegeben, mit dem ersten Erstrundenpick (Pick #6) konnte Seattle damals nix falsch machen. Die Mannschaft war ein Scherbenhaufen, es gab keine „würdigen“ Quarterbacks (obwohl Tebow aufm Tablett war) und Seattle holte sich den Muskelberg LT Russell Okung von der Oklahoma State University. Die Tackle-Klasse von 2010 hatte als massiv gut besetzt gegolten, und Okung war auf den meisten Boards der höchstbewertete Tackle gewesen; als Washington an #4 OT Trent Williams zog, war eigentlich allen klar: Seattle würde in der Lotterie Okung ziehen. Es war ein einfacher Pick, den jeder Holzkopf geschafft hätte, und alle konnten die Logik nachvollziehen. Okung hatte in der NFL zwar viele Zipperlein, weil immer wieder Muskeln rissen und die Wade zwickte, gilt aber unisono anerkannt als einer der besten seiner Zunft.

Wenn du eine Draftklasse von Prädikat ganz groß haben willst, musst du auch ein wenig Glück haben. Seattle hatte das in Form eines letzten Geschenks des alten Regimes, das anno 2009 via Trade mit dem grünschnäbeligen Head Coach Josh McDaniels (Denver Broncos) einen Erstrundenpick für einen Zweitrundenpick generieren konnte! So durften die Hawks 2010 auch noch an #14 picken – und sie schlugen zu: S Earl Thomas von der University of Texas ist heute ein dynamischer Playmaker, einer meiner Lieblingsspieler, der an die besten Zeiten des besten Safetys ever, Ed Reed, erinnert. Thomas ist ein Freelancer und begeht als solcher naturgemäß viele Fehler – gescheiterte Blitzes, schlechte Coverage – macht das aber mit dem wett, was Scouts range nennen: Der Mann ist so schnell, so flink, dass er vom Gegner als ständige Bedrohung wahrgenommen wird, der man extra Aufmerksamkeit in der Vorbereitung schenken muss.

Der Thomas-Pick war seinerzeit nicht ohne Nebengeräusche, da alle Welt von Carroll erwartet hatte, dass er „seinen“ Schützling vom College, S Taylor Mays, mit diesem Pick holen würde. Das ist so ein gängiges Gerede vor dem Draft: Coach X holt Spieler Y, weil er den am College unter seinen Fittichen gehabt hatte. Stimmt manchmal, oft aber nicht: Carroll kannte die Schwächen des undisziplinierten Mays und überging die Sentimentalitäten. Es ist eine vergleichbare Situation mit der Nassib/Marrone-Geschichte bei den Bills dieses Jahr. Mays ging dann übrigens in der zweiten Runde nach Cincinnati, wo man seither versucht, ihn irgendwie ins System einzubauen.

Mit dem Zweitrundenpick (#60) bekamen die Seahawks WR Golden Tate, dessen berühmteste Szene bisher sicher der Freak-Touchdown bei der Hail Mary gegen Green Bay war. Niemand hält Tate heute für den besten Receiver der Liga, aber in einem kompletten WR-Corp ist Tate durchaus ein wertvoller Baustein, ein Spieler, für den es sich lohnt, einen so hohen Draftpick zu investieren.

Was beim Blick auf die Seahawks-Klasse von 2010 auffällt, ist, dass sie viele Trades machten: Nur der Okung-Pick war einer, der ursprünglich den Hawks gehört hatte; alle anderen wurden entweder gegen andere Picks eingetauscht oder von der NFL in Form von Compensatory Picks geschenkt. So hatte Seattle keinen Drittrundenpick, was in der Retrospektive nicht übel ist, da die dritte Runde von 2010 nur wenige wirklich herausragende Spieler produzierte (LB Bowman und TE Graham sind die mit Abstand besten).

Der dritte Tag des Drafts 2010, also ab vierte Runde, tut in der Rücksicht etwas weh, da die Seahawks Granaten wie DT Geno Atkins oder TE Aaron Hernandez verpassten, obwohl beide Positionen als große Needs gegolten hatten. Gerade ein Hernandez hätte wunderbar in die Carroll-Philosophie gepasst, Spieler zu holen, die alles Potenzial der Welt hatten, aber charakterliche Zeitbomben sind. Man lasse sich heute nicht davon täuschen: Hernandez war ein Knallkopf, der allerhand Probleme mit der Justiz hatte und sich mehr als einmal die Woche die Birne zukiffte. Aber er hatte auch als fantastisches sportliches Prospect gegolten, fiel dann aber wohl wegen der Bedenken in die vierte Runde. New England sagte danke. Seattle holte seinen Tight End erst in der sechsten Runde in Form von TE Anthony McCoy, und der war ein Carroll-Schützling vom College; McCoy ist kein Mann, um den du deine Offense baust, aber das verlangt von einem Sechstrundenpick auch niemand.

Seattle verpasste Hernandez also in der vierten Runde, und das gleich zweimal (Seattle hatte zwei 4th-Rounder). Mit dem ersten Viertrundenpick holte das Front-Office CB Walter Thurmond, der auch ins Schema des Carroll passte: Eigentlich ein Talent für die höheren Runden, aber ein großes Verletzungsfragezeichen nach einer horrenden Knieverletzung mit mehreren Bänderrissen. Thurmond ist drei Jahre später ein wertvoller Cornerback für die Rotation. Starter ist er keiner, da die Hawks ein Jahr später Browner und Sherman vom Schrotthaufen aufklaubten, und bei den Jungs muss sich keiner grämen, wenn er nicht dran vorbei kommt. Der andere Viertrundenpick der Seahawks war DE E.J. Wilson, ein längst vergessener Mann.

Die Klasse ist bisher schon sehr gut, aber das Kronjuwel fehlt noch: SS Kam Chancellor, der in der fünften Runde mit dem 133ten Pick kam und im Grunde eine Markt-Ineffizienz offen legte. Die NFL war zu dieser Zeit gefangen in ihren immergleichen Deckungssystemen, und Chancellor war so ein Spieler, der nirgendwo richtig reinpasste: Zu klein für einen Linebacker, zu groß für einen Safety, zu wenig Spezialist, zu viel Generalist. Der Typ Spieler, den du in den letzten Runden draftest eben. Oder auch nicht.

Es mag Zufall sein, und vielleicht waren Carroll und DefCoord Gus Bradley überrascht, dass Chancellor so gewaltig einschlug, aber es ist schwierig zu leugnen, dass Carroll/Bradley einen Plan für ihre Defense hatten. Der Plan legte wert auf Aggressivität und Physis an der Anspiellinie. Aggressivität, Physis und superbe Lauf-Defense sind die größten Assets des Kam Chancellor, der gern auch mal über die Strenge schlägt und nicht weit davon entfernt ist, das Label des nächsten großen Hard Hitters übergestülpt zu bekommen. Für den Gedanken, dass sie einen Plan hatten, steht auch die Einberufung von CB Richard Sherman ein Jahr später: Sherman war ein ähnlicher Spielertyp und kam in der fünften Runde.

Chancellor war also in gewissem Sinne auch ein Trendsetter. Heute, nur drei Jahren später, werden solche Spielertypen in der zweiten und dritten Runde gedraftet, sind also sehr viel teurer. Die Pioniere profitierten noch vom ineffizienten Markt.

(Man muss an der Stelle allerdings auch anmerken, dass die überwiegende Mehrzahl der Pioniere mit ihren unkonventionellen Ideen scheitert und nur die paar wenigen gelungenen Neuerungen wie eben Chancellor am Ende herausragen. Der Draft 2010 hatte auch ein bekanntes Negativbeispiel: Tim Tebow)

Super Bowl 2012, T-minus 3: Die New England Patriots – von kraftlos zum Kraftzentrum

Der 21. Januar 1994 markiert den Wendepunkt in der Geschichte der New England Patriots. An diesem Tag kaufte der Unternehmer Robert K. Kraft die Franchise von James B. Orthwein, der seinerseits nicht so ganz zufrieden war mit dem Laden, den er selber erst zwei Jahre zuvor erworben hatte. Vor allem aber war so gut wie niemand in New England mit ihm zufrieden, denn sein Plan sah vor, die Patriots ins damals NFL-lose St. Louis zu verschieben.

Er sah sich auch auf einem guten Weg, nur ein Hindernis bereitet ihm Kopfzerbrechen: die Patriots hatten sich verpflichtet, bis 2002 im Foxboro-Stadium zu spielen. Orthwein versuchte, sich aus diesem Vertrag herauszukaufen, doch der Vertragspartner dachte nicht mal im Traum daran. Nach zwei Jahren schließlich gab Orthwein auf und verkaufte die gesamte Franchise an diesen mürrischen Vertragspartner – Bob Kraft, Unternehmer und Saisonkartenbesitzer seit 1971.

Zumindest hatte Orthwein die Franchise finanziell und organisatorisch wieder auf einen annehmbaren Stand gebracht, nachdem sein Vorgänger Viktor Kiam in den vier Jahren seiner Herrschaft den Karren vor die Wand gefahren hatte. Die wilden Jahre zwischen 1988 und 1994 mit drei Besitzerwechseln bildeten den unrühmlichen Abschluß der Ära Billy Sullivan, der die Boston Patriots 1959 als AFL-Gründungsmitglied aus der Taufe gehoben hat. Mit Sullivan als Owner waren die Patriots nur eine Franchise unter vielen. Gute Jahre wechselten sich mit schlechten Jahren ab, Playoffs waren selten. Mitte der 70er Jahre hatte man mit einer starken Offensive Line, Quarterback Steve Grogan und den Coaches Chuck Fairbanks und Ron Erhardt die wohl beste Zeit, aber selbst dann reichte es nicht zu einer Super-Bowl-Teilnahme. Die gab es erst in der Saison 1985, als sie in den Playoffs auswärts bei den Jets, Raiders und Dolphins gewannen, nur um dann von den berühmt-berüchtigten 85er Chicago Bears vermöbelt zu werden – 10-46. Von da an begann der Abstieg, der in 1-15- (1990) und 2-14-(1992)-Bilanzen endete.

Kraft übernimmt

Immerhin hatte Orthwein 1993 die rettende Idee, Bill Parcells als Head Coach zu verpflichten. Dazu gab er ihm auch volle Macht in personellen Fragen. Parcells krempelte die Mannschaft völlig um, beginnend mit dem No.1 Pick der 93er Draft Drew Bledsoe. Schon in seiner zweiten Saison 1994 führte Parcells die Mannschaft wieder in die Playoffs und 1996 gar in den Super Bowl. Den gewann zwar Green Bay mit ihrem jungen MVP Brett Favre, doch mit diesem Spielermaterial, das Parcells da in seinen vier Jahren zusammengebaut hat, sollte es nicht die letzte Finalteilnahme gewesen sein – dachten viele.

Aber das Verhältnis zwischen Kraft und Parcells war derart angespannt, gerade was die Macht über personelle Entscheidungen anging, dass Parcells keine Lust mehr auf eine weitere Zusammenarbeit hatte und mit einem der berühmtesten Sätze der NFL-Geschichte hinschmiß:

They want you to cook the dinner; at least they ought to let you shop for some of the groceries.“

Den Disziplinfanatiker Parcells ersetzte Kraft durch den Gute-Laune-Onkel Pete Carroll. Dieser hatte sich in der NFL einen Namen gemacht als Defensive Coordinator der New York Jets und San Francisco 49ers. Als Head Coach war er nicht der Richtige, ließ sich von den Profis auf der Nase rumtanzen und machte aus der sehr talentierten Mannschaft, die Parcells zusammengestellt und in den Super Bowl geführt hat, eine Durchschnittstruppe. Kraft wollte einen Neuanfang und erinnerte sich einiger Coaches, die der Big Tuna mitgebracht hatte. Denn auch wenn es zwischenmenschliche Probleme gab, fachlich hat Kraft Parcells nie in Zweifel gezogen und auch mit dem Kennerauge gesehen, daß da einige Talente in seinem Staff gearbeitet haben.

Die Ära Belichick/Brady

Unter anderem Bill Belichick. Belichick war erst Defensive Backs Coach und später dann Defensive Coordinator in Parcells Staff bei den New York Giants in den 80er Jahren (ein Staff, in dem Tom Coughlin WRs-Coach war). Nachdem Belichicks erster Cheftrainerjob bei den Cleveland Browns nach durchwachsenen Ergebnissen mit dem Umzug der Browns nach Baltimore endete, holte Parcells ihn als Assistant Head Coach bei den Patriots wieder in seinen Staff und nahm ihn auch mit zu den Jets, die er nach seinem Ausscheiden bei den Patriots übernahm. Als Parcells sich nach der Saison 1999 zur Ruhe gesetzt hat, waren die Verträge schon unterschreiben, die Belichick zum Head Coach der New York Jets gemacht hätten. Bis Kraft kam und ihn umstimmte, was zu dem legendären Zettel führte, auf den er vor seiner Abschiedspressekonferenz handschriftlich kritzelte:

I resign as HC of the NYJ

Er war noch nie ein Mann der vielen Worte. Die Jets waren ziemlich sauer und konnten erst mit einem 1st-rd pick beruhigt werden. Belichick scharte dann einige Assistants um sich, die er und Kraft aus seiner Zeit bei den Patriots kannten oder die er bei den Giants und Jets kennengelernt hat. Romeo Crennel wurde Defensive Coordinator, Charlie Weis Offensive Coordinator, Eric Mangini Defensive Backs Coach; andere Assistants waren Rob Ryan, Brian Daboll und Josh McDaniels. Zusammen bildeten sie den Kern der Franchise, die zwischen 2001 und 04 drei Super Bowls gewann und die Dekade prägte wie kaum eine andere.

Bledsoe, das noch von Parcells gedraftete Gesicht der Franchise war immer noch ein guter Quarterback und Publikumsliebling, als in der sechsten Runde der 2000er Draft Tom Brady gedraftet wurde. Daß überhaupt ein QB gedraftet wurde, haben die meisten erst gemerkt, als im zweiten Spiel der folgenden Saison LB Mo Lewis, der von Parcells und Belichick zum Defensive Captain der Jets gemacht wurde, Bledsoe so schwer ausknockte, daß er mehrere Wochen verletzt ausfiel. Der Rest ist Geschichte. Brady wird nach Kurt Warner die zweite unglaubliche Unbekannter-gewinnt-Super-Bowl-Story innerhalb von drei Jahren und im Folgenden einer der besten Quarterbacks aller Zeiten.

Das Steckenpferd Belichicks war aber seit jeher die Defense. Bei ihren drei Super-Bowl-Siegen hatten die Patriots jeweils eine der besten Verteidigungsreihen der Liga und bevor New England unter dem reifen Tom Brady zur offensive Dampfwalze wurde, der Garant für den Erfolg. Spieler wie Tedy Bruschi, Mike Vrabel, Willie McGinest, Ty Law, Rodney Harrison und Junior Seau stehen in der Erinnerung der Patriots-Fans bis heute auf einer Stufe mit Brady.

Die Patriots 2011/12

Umso überraschender ist es, daß ausgerechnet die Verteidigung das Problem der Patriots 2011/12 ist. Der einzige verbliebene Spieler mit einem Ring ist NT/DE Vince Wilfork. Vor allem das Gespür für die besten Spieler scheint Belichick verlassen zu haben. Schon vor der Saison wurde der Kader ordentlich durcheinander gewürfelt und was dann während der Saison stattfand, spottet jeder Beschreibung. WRs, Special Teamer und Leute von der Straße haben sich in der Secondary als Starter abgewechselt und durch Verletzungen gab es kaum einmal die gleiche Front Seven.

Weil aber die um die beiden jungen Tight Ends Rob Gronkowski und Aaron Hernandez völlig neu aufgestellte Offense so überaus erfolgreich war, konnten die Patriots die meisten Gegner einfach outscoren – mit tatkräftiger Unterstützung durch die Special Teams, erwzungene Ballverluste durch die Defense und einige Dämlichkeiten der Gegner. Aber auch das gehört dazu, wenn man im Super Bowl steht – im Falle der Patriots das fünfte Mal unter der Ägide von Bill Belichick.

Mehr zu den aktuellen Patriots gibt es morgen in der ausführlichen Taktik-Vorschau.