Die furchtlose NFL-Vorschau 2016/17 | Die Kellerkinder

Vier Tage bis NFL-Start, und damit Zeit für die alljährliche NFL-Vorschau, die wie in den letzten Jahren als Vierteiler kommt. Diskutiert werden wie immer alle Mannschaften auf Basis ihrer Kader, der Spielpläne sowie einiger Advanced-Stats, die man im verlinkten Kasten nachvollziehen kann.

Zu jedem Team gibt es eine kleine Infobox mit Division, Headcoach, dem erwarteten Strength of Schedule (nacverlinkter Kalkulation von Warren Sharp), Siegbilanz 2015 und meinem Tipp für 2016.

Heute der Start mit den acht Mannschaften, die in der anstehenden Saison keine Chance auf den Gewinn der Lombardi-Trophy haben. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Beginnen wir die Sezierstunden 2016 mit der Mannschaft mit dem schlechtesten Record der abgelaufenen Saison, den Tennessee Titans, die auf eine 2-14 Saison eine 3-13 Saison folgen ließen und sich damit das Recht auf den Top-Pick im anstehenden Draft erspielt haben. Dass Tennessee keine gute Mannschaft stellen würde, hatte man erwartet. Dass es aber so schlecht sein würde? Weiterlesen

Date am Donnerstag 2015, Week 11: Jacksonville Jaguars – Tennessee Titans Preview

Jede Mannschaft sollte zumindest einmal pro Saison in der Primetime spielen – das ist NFL-Mantra. Und so kommt es, dass wie heute Nacht im Thursday Night Game das AFC-South Duell Jacksonville Jaguars (3-6) vs Tennessee Titans (2-7) serviert bekommen. Es ist das Spiel der Mannschaften, die im Draft an #2 und #3 gezogen haben. Weiterlesen

Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder

Die NFL-Saison 2015/16 steht vor der Tür und somit bietet sich wieder die Chance für eine lieb gewordene Tradition auf diesem Blog: Die große vierteilige Vorschau auf die Saison, die wie immer unterteilt wird in die vier Kategorien: Bodensatz, Mittelklasse, Playoffkandidaten und Titelanwärter.

Berücksichtigt werden dabei verschiedene Faktoren, von der Entwicklung der Mannschaft über die Stärke der Divisionen und Spielpläne hin zu Regressionsfaktoren wie Turnover- oder Verletzungsglück. Also nichts was wir nicht schon in der Vergangenheit hatten. In der Leiste rechts finden sich ein Glossar und die Referenz-Links zu den entsprechenden Quellen.

In der Voranalyse fällt auf, dass die NFC in diesem Jahr in der Spitze recht dünn besetzt ist, während die AFC mittlerweile wieder einen ganz guten Standard erreicht hat und wegzukommen scheint vom Gespann Manning / Brady, der über den Endspielteilnehmer dieser Staffel entscheidet. Doch genug der Vorrede, beginnen wir mit den acht Mannschaften, die den Bodensatz der Liga bilden. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans gelten seit einigen Jahren als gesichtsloseste Franchise ist in der NFL, was nicht zuletzt an der wenig greifbaren Ära von Mike Munchak („We are going to run to win“) und jahrelangem Herumkrebsen im Liga-Mittelmaß liegt. Unter dieser Prämisse war die 2-14 Debütsaison von Head Coach Ken Whisenhunt sogar sowas wie ein Erreger von Aufmerksamkeit, mehr als die letzten fünf Titans-Jahre zusammen. Weiterlesen

Date am Donnerstag, Week 16: Bonjour Tristesse, Adieu | Jacksonville Jaguars – Tennessee Titans

Ein Date mit zwei nur mäßig attraktiven Parteien: Jacksonville Jaguars (2-12) vs Tennessee Titans (2-12), ab 02h30 (SPORT1 US live), als ein Duell zweier Records, die es in ihrer Schlechtigkeit selten in der NFL gibt. Beide Teams spielen nur noch um die Ehre bzw. vielleicht auch nicht, sondern um einen möglichst hohen Draftpick 2015. Weiterlesen

Die furchtlose NFL-Vorschau 2014/15 | Der Bodensatz

Referenzen

Ich gebe zu, dass mich die vergangene Footballsaison geschlaucht hat. Ich gebe zu, dass mich der Draftprozess irgendwann ermüdet hat. Ich gebe zu, dass ich eine Pause gebraucht habe. Vom Schreiben, von der NFL, vom Football. Frühjahr und Sommer waren für mich nicht einfach, da aus recht heiterem Himmel neue Projekte im Job reingeschneit sind, die mich ins kalte Wasser geworfen haben, ein Wasser, in dem ich erst das Schwimmen lernen musste. Ich hatte mir überlegt, ob ich die Seite weiterbetreiben werde. Ich beschloss, über den Sommer zu warten. Warten auf die Rückkehr des Kribbelns. Warten auf Normalisierung der Arbeitszeiten.

Die NFL-Preseason hat mich nicht interessiert, aber sie hat mich nie interessiert. Aber in den Tagen vor Beginn der College-Saison kam es. Es interessiert mich noch. Am kommenden Donnerstag beginnt schließlich die NFL-Saison 2014/15. Eine Vorschau darauf, wie aus dem letzten Jahr gewohnt als Vierteiler: Kein klassisches Power-Ranking, sondern ein Blick auf Stärken, Aussichten, mögliche Probleme und mögliche Chancen. Ich beginne mit dem Oktett, das ich dieses Jahr am Bodensatz der Liga erwarte, den Jungs, deren Trophy 2015 nicht Vince Lombardi, sondern Marcus Mariota sein könnte.

Beim Selektieren der Mannschaften fällt dieses Jahr aber auf, dass man sich schwer tut, sowohl acht echte Gurkentruppen ausfindig zu machen als auch acht echte Titelanwärter. Es gibt diesmal ein extrem breites Mittelfeld, wo es bei minimum 20-25 Mannschaften nicht schwierig ist, sich Szenarien mit Ausreißern nach oben oder unten auszudenken. Das ist zugegeben zu einem gewissen Grad jedes Jahr so in der NFL, aber diesmal doch auffällig ausgeprägt. Weiterlesen

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans der letzten Jahre waren ein wenig inspirierender Laden. Immerhin wurden nach der letzten mittelmäßigen Saison 2013/14 mit 6-10 Bilanz die richtigen Schlüsse gezogen und die kurze Amtszeit von Head Coach Mike Munchak („Hartes Laufspiel gewinnt in der NFL!“) beendet. Der neue Headcoach ist Ken Whisenhunt, eine Personalie, die nicht alle überzeugt.

Whisenhunt scheidet die Geister, und das weniger aus persönlichen Gründen – er ist kein Unsympath – sondern mehr aufgrund seiner Coaching-Vita: Er feierte große Erfolge in verantwortungsvollen Positionen, gewann als OffCoord mit den Steelers die Superbowl, erreichte mit dem jahrzehntelangen Mauerblümchen Arizona als Headcoach die Superbowl, aber mindestens genauso im Gedächtnis geblieben sind seine letzten beiden sehr armen Jahre bei den Cardinals.

Dabei war es weniger das Problem, dass Whisenhunt nicht die richtigen Schlüsse gezogen hätte – er zog sie – sondern mehr eine Art Wahrnehmungsproblem. Whisenhunt schmiss nach dem Rücktritt seines Franchise-QBs Kurt Warner dessen hoch gedrafteten Zögling Matt Leinart raus – ein pragmatischer Move, nachdem der wurfschwache Partykönig Leinart schlicht nicht in Whisenhunts Offense-System gepasst hatte. Dass Whisenhunt dann aber so gar keinen Nachfolger aufbauen konnte, fiel in Arizona schließlich auf ihn zurück, und man fragte sich, was er als Head Coach so eigentlich drauf habe. Man erinnerte sich plötzlich dran, dass die Steelers die Superbowl vielleicht bloß wegen ihrer Monster-Defense gewonnen hatten, und die Cardinals sie nur gerade so als wenig überzeugendes 9-7 Team in einer absurd schwachen Division erreicht hatten.

So oder so: Whisenhunt, der Head Coach, muss einigen noch einiges beweisen. Das Bild, das alle von ihm haben, ist folgendes: Mit entsprechendem Franchise-QB kann er gewinnen, ohne ist er aufgeschmissen. Damit ist er wie so ziemlich jeder Head Coach außer den paar auserwählten Elite-Jungs wie Belichick oder Parcells.

Überblick 2013

Record         7-9
Enge Spiele    6-6
Pythagorean    7.5    18
Power Ranking  0.438  21
Pass-Offense   6.1    16
Pass-Defense   6.2    13
Turnovers    +/- 0

Management

Salary Cap 2014.

So ist die Quarterback-Situation bei den Titans auch angenehm spannungsgeladen vor dem Start von Whisenhunts Debütsaison: QB Jake Locker, ehemaliger Erstrundenpick in seine do or die Jahr, ist der Mann, auf den es zu bauen gilt. Locker passt zumindest stilistisch in das Idealbild Whisenhunts: Monster-Wurfarm für die vertikale Offense, verdammt gute Mobilität um dem Passrush auszuweichen, Typ Führungsspieler, der eine Mannschaft zu einen imstande ist. Aber auf der anderen Seite gibt es da die beiden abschreckenden Dinger, die dazu führen, dass seit Jahren alle den Abgesang auf Locker einstimmen:

  • Präzision einer Schrotflinte
  • Verletzungsanfälligkeit

Durch Lockers Karriere zieht sich wie ein roter Faden eine unterdurchschnittliche Completion-Rate, die auch letztes Jahr nur bei 60.7% lag. In seinem bisher besten NFL-Jahr, in dem Locker für mehrere Wochen so aussah als würde er den Durchbruch schaffen. Bis er sich mal wieder verletzte.

Fakt ist auch: Locker, so gut er teilweise wirklich aussah, brachte erneut nur 5.8 NY/A im Passspiel zustande. Seine Effizienz-Stats lasen sich quasi auf Augenhöhe mit seinem Backup Fitzpatrick, der ihn in der zweiten Saisonhälfte ersetzte. Locker ist ein uneingelöstes Versprechen, das noch Träume ermöglicht, aber es sind mittlerweile vage Träume. Packt er es heuer nicht, ist er raus in Tennessee.

Als Backup wurde nach der verblüffenden Entlassung von Fitzpatrick die graue Maus Charlie Whitehurst verpflichtet, ein Move, der viele erstaunte.

Womit man in Tennessee gewiss arbeiten kann: Skill-Players. Der überteuerte RB Chris Johnson wurde nach dem vierten enttäuschenden Jahr en suite zwar entlassen, wodurch eine Lücke entsteht, die man vermutlich in den mittleren Draft-Runden zu schließen versuchen wird. Ich erwarte noch eine Ergänzung zu RB Shonn Greene via Draft (mittlere Runden) und eine RB-Rotation für die kommende Saison. Das ist die billigste und effizienteste Methode, ein Backfield zu betreiben.

Sehr gut besetzt ist man für mein Empfinden bei den Ballempfängern.

Kendall Wright schaffte zuletzt den Durchbruch und ist als Allzweckwaffe für innen und außen vor allem für die kurzen Pässe mit vielen Yards-after-Catch zuständig (wird nur 18% tief angespielt, dafür aber 139 Anspiele). Nate Washington ist so ziemlich die Idealvorstellung eines stillen #2-Wideouts. Und dann hast du da noch Justin Hunter, zuletzt Rookie mit nur 42 Anspielen, aber Hunter hat durchaus das Potenzial, die Nummer 1 im neuen Titans-System zu geben. Hunter ist am ehesten in der Lage, eine Manndeckung zu schlagen.

Dazu wurde der vielseitige Dexter McCluster aus Kansas City ergänzt. McCluster schaffte ähnlich wie Locker nie seinen Durchbruch trotz vielversprechender Ansätze, aber er ist auch kein klassischer Wideout, sondern eher ein Geschwindigkeitswechsel für diverse Spezial-Plays aus dem Backfield heraus, oder in der Spielfeldmitte.

Nummer-1 Tight End ist der geschwindige Delanie Walker, der seinen Job ganz zufriedenstellend erledigt. Eigentlich muss man keine Upgrades mehr erwarten. Sollte Whisenhunt aber viel mit 3WR-Aufstellungen operieren, könnte durchaus noch ein Draftpick aus den mittleren Runden folgen. Whisenhunt präferiert dabei für gewöhnlich große, kräftig gebaute Spielertypen.

Die Offensive Line wurde schon in den letzten Jahren ordentlich aufgeplustert. Die linke Seite ist mit dem LT Michael Roos und dem teuren LG Andy Levitre hervorragend besetzt. Die Zweifel bestehen eher vom Center rechtswärts:

C Brian Schwenke galt in seinem Rookiejahr 2013 als überfordert. Der LG Chance Warmack, erst vor einem Jahr als dominantestes Rookie-Prospect seit Menschengedenken gefeiert, enttäuschte die Erwartungen zu seinem Einstand, galt als zu schwerfüßig und zu eindimensional (Power, Power, Power, aber keine Spielintelligenz) für die NFL. Und auf dem rechten Flügel wurde nach dem Rücktritt von RT Stewart der unisono verdammte RT Michael Oher aus Baltimore geholt. Oher genießt als einstiger Erstrundenpick mit spannender Lebensgeschichte hohe Bekanntheit in den Staaten, aber spielerisch galt er längst als Bremsklotzt – für alle außer für die Titans.

Zur Defense. Dort brachte Whisenhunt seinen ehemaligen Weggefährten aus Arizona, DefCoord Ray Horton, mit. Horton hatte dort eine fantastische, druckvolle Defense mit bärenstarken Effizienz-Stats spielen lassen, galt aber als menschlich fragwürdig und wurde daher letztlich ehrenlos ziehen gelassen. Horton gilt als Verfechter exotischer Aufstellungen, ließ in seiner Vita vieles von 3-4 bis 2-4-5 spielen, aber nur sehr wenig 4-3 Defense. Blöd, dass Tennessees Front vor allem für die 4-3 Defense zusammengestellt wurde.

Es gibt erste Aussagen („Wir werden nicht auf 3-4 umschwenken“), aber so recht sicher scheint man sich noch nicht, was man künftig unter Horton spielen will. Man ist noch in der Testphase. Richtig aktiv war man in der Free-Agency auch nicht, holte im Prinzip nur drei neue Spieler für die Front-Seven: DE/OLB Shaun Phillips und LB Woodyard aus Denver und DT Woods aus Pittsburgh. Alles keine Burner.

Alles, was nicht 4-3 Defense sein wird, dürfte künftig vor allem den beiden besten Passrushern der Titans weh tun: DE Derrick Morgan und DT Jurrell Casey. Die beiden bildeten ein Mega-Duo auf der rechten Seite Defense Line. Der Rest ist eher suspekt besetzt: DT Sammy Lee Hill zum Beispiel kann zwar alles spielen, war aber schon in Detroit nur Ergänzungsspieler und kein Mann für 1000 Snaps/Jahr. Ähnliches gilt für DE/OLB Wimbley: Immer wieder lichte Momente, aber nicht die Konstanz eines Stammspielers von Klasseformat.

Auf Linebacker gibt es mit dem Neuzugang Woodyards sowie den Versprechungen Zach Brown, Moise Fokou und Akeem Ayers mehrere Optionen. Keiner gilt als soweit, dass er eine Defense per sofort anführen kann, aber es sollte sich aus der Rotation doch ein Pärchen oder Triplett formen lassen, das Konstanz in den Laden bringt.

Die meisten Sorgen macht das Backfield, wo CB Alterraun Verner ziehen gelassen werden musste. Ohne die genaue Situation zu kennen: Tennessee versuchte nie ernsthaft, Verner zu halten. Verner unterschrieb dann aber einen monetär eher banalen Vertrag in Tampa – einen, den auch Tennessee hätte anbieten können. Tat man nicht, und vor allem deswegen ist Cornerback eine Position geworden, die händeringend und wenn möglich mit einem hohen Draftpick verstärkt werden sollte. Auf Safety wurde der QB-Killer Pollard gehalten, wodurch der große Umbruch erstmal um ein Jahr verschoben wurde.

Wo Tennessee noch Nachbesserungsbedarf sehen könnte:

  • Cornerback (dringend)
  • Defensive End/Edge Rusher (dringend)
  • Center (optional)
  • Linebacker (optional)
  • Wide Receiver (optional)

Right Tackle dürfte mit Oher abgehakt sein, wenn auch nicht zur Zufriedenheit aller. Dann verbleiben die Fragen, was Whisenhunt so reißen wird. Kann er Locker hinbiegen? Ein Locker, der es packt, würde die Titans im Alleingang zu einem Playoffanwärter in der AFC machen. Aber es gibt berechtigte und deutliche Signale, dass Locker den Schritt womöglich nie schaffen wird. Und dann die Defense: Sie wird keine Sollbruchstelle sein, aber wie und mit welchem System Horton das Maximum herauszuholen versuchen wird, bleibt etwas, auf das man schauen kann.

Sektion „Ciao im November“ im Rückspiegel

Lass uns mal zurückschauen auf meine Saison-Prognosen Anfang September, beginnend mit der Fraktion der von mir damals zu den acht größten Außenseitern deklarierten Teams. Der Fraktion, zu der ich schrieb, es sei die Gruppe, die sich in erster Linie um die Preise Clowney und Bridgewater balgen wird und die Lombardi Trophy nur vom Hörensagen kennt. Der Ciao im November Fraktion.

Oakland Raiders

Division   AFC West
Tipp 2013  Vierter
Ergebnis   Vierter (4-12)

Ich schrieb (Auszug):

Die Oakland Raiders sind der einfachste Ausschlusskandidat zur Frage „Wer wird dieses Jahr die Superbowl gewinnen?“ Die Gründe sind einfach zu sehen: GM Reggie McKenzie rückte in der Offseason mit Schubkarre und Mistgabel an, schmiss alles, was nicht niet- und nagelfest an die Franchise gebunden war, raus und vollzog damit die seit vielen Jahren überfällige Generalsanierung. So kommt es, dass in diesem talentarmen Kader der teuerste Spieler nur als Geist in Form von Al Davis des berüchtigten dead moneys existiert, das weit mehr als ein Drittel des Gehaltsbudgets der Raiders für sich beansprucht. So notwendig die Generalüberholung war, so sehr kastriert sie Oakland für diese Saison.

[…]

Es ist nicht alles hoffnungslos. Allen wird aus seinen Fehlern im ersten Jahr als Cheftrainer lernen und kann – allem Anschein nach – zumindest noch dieses Jahr relativ ungestört arbeiten. Der Schedule ist eher einfach, die Division AFC West auch. In einer Liga, in der jedes Team tendenziell gen .500 strebt, sind auch fünf, sechs Saisonsiege für Oakland nicht ausgeschlossen. Das wäre dann aber vielleicht nicht so erstrebenswert, denn das bedeutete wohl ein Verpassen des #1-Draftpicks, und damit wohl auch kein Clowney oder Bridgewater.

Die Raiders waren einen Tick besser als befürchtet. Die Defense sah in der ersten Saisonphase sogar recht akzeptabel aus, und es gab Momente, in denen hatte man sogar das leise Gefühl, der unkonventionelle QB Terrelle Pryor tauge möglicherweise zum Franchise-QB. Am Ende bleibt festzuhalten: Die Raiders sind noch meilenweit entfernt vom Liga-Mittelmaß. Der Kader war schlicht zu schwach, er hatte keine Tiefe und die paar erfahrenen Recken in der Defense konnten es nicht alleine herausreißen.

Was aus der Vorschau traf ein? RB McFadden verletzte sich. D.J. Hayden spielte relativ wenig. QB Pryor scrambelte zwar für mehr als (O-Ton) „zwei“ Spiele, aber viel länger nicht. Missed-Tackle bei den Linebackers. Schwache Secondary bei schwachem Passrush.

Was traf nicht ein? Rookie-QB Tyler Wilson, von dem ich relativ viel gehalten hatte, wurde schon vor dem ersten Spiel gecuttet.

Jacksonville Jaguars

Division   AFC South
Tipp 2013  Vierter
Ergebnis   Dritter (4-12)

Ich schrieb:

Die lebloseste NFL-Franchise zuckt seit eineinhalb Jahren wieder ansatzweise. Seit der Halb-Pakistani Shadid Khan und seine Gefolgschaft die Jaguars für wenig Kohle übernommen haben, regt sich einiges, von Wembley über Advanced-Stats hin zu neuen Coaches. Der neueste davon ist der glatzköpfige Head Coach Gus Bradley, ein Energiebündel, das aus Seattle zu den Jaguars stieß und mit dem x-ten Neuaufbau beauftragt wurde. „Neuaufbau“ ist dann auch das Stichwort, das Jacksonville am besten schnell beschreibt.

Der erste Hoffnungsschimmer für 2013: Bradley ist nicht von Anfang an lame duck wie es das Versuchskaninchen Mike Mularkey letztes Jahr war. Bradley bringt eine Reputation mit, und er begann, diese gemeinsam mit dem exzellenten jungen GM David Caldwell schnell umzusetzen. Im Draft holte man in Ermangelung eines potenziellen Nachfolgers für den QB-Bust Blaine Gabbert einen Offense Tackle in Luke Joeckel, und sollte somit auf Jahre die Grundlage für gute Protection gesichert haben.

[…]

Es sind einfach zu viele Fragezeichen, und die Befürchtungen, dass QB Gabbert es nicht packen wird, sind berechtigt. Jacksonville muss die Saison als Aufbaujahr sehen. Es wird garantiert nicht wieder ein 2-14. Die natürlichen Verbesserungen („schlimmer kanns nimmer werden“, Pythagorean von 3.3 Siegen), die einfache Division und die Regression in Sachen Verletzungen (2012 war man #31 in Sachen Adjusted Games Lost mit 99 verpassten Starts, acc. Football Outsiders) kann man als positive Elemente am Firmament ausmachen.

Klarer Fall: Schwächstes Team der Liga. Man schaffte in der einfachsten Division der NFL nur mit viel Glück vier knappe Siege, nachdem man mehr als eine Saisonhälfte lang Angst haben musste, das zweite 0-16 Team der NFL-Geschichte zu werden. Man darf nicht an erster Stelle draften, aber man war das schlechteste Team der Saison.

Was aus der Vorschau traf ein? Gabbert entpuppte sich endgültig als Bust. Jacksonville holte mehr als zwei Saisonsiege.

Was traf nicht ein? DT Alualu schaffte den Breakout nicht. Leistungsmäßig sind die vier Saisonsiege unverdient; man war schwächer als prognostiziert trotz mehr Siegen.

Buffalo Bills

Division   AFC East
Tipp 2013  Vierter
Ergebnis   Vierter (6-10)

Ich schrieb:

Seit vielen Jahren werden die Bills gelobt für ihr kluges und geduldiges „Team-Building“, aber viel zu lange wurde darüber hinweg gesehen, dass solide Grundlagenarbeit ohne die Addition von echten Playmakern ein Muster ohne Wert bleiben. Buffalo hat seit Jahren ordentliche Statistiken, mit zwei negativen Ausreißern: Lauf-Defense und Quarterback. Beide sorgen dafür, dass die generische 7-9 Bilanz nun auch offiziell „Buffalo Bills Season“ getauft wurde: Gut, aber für den Durchbruch zu wenig.

[…]

Tut mir leid um Buffalo. Ich mag diese sympathische kleine Franchise. Ich mag auch den Head Coach. Ich mag Underdogs generell. Ich bin auch ein stiller Anhänger E.J. Manuels, wenn er denn mal das Spielfeld betritt. Aber dieses Jahr ist Buffalo näher an Clowney oder Bridgewater als an leisen Playoff-Ambitionen. Und das behaupte ich, obwohl ich weiß, dass Buffalo letztes Jahr eher ein underachiever war, der wohl besser als seine Bilanz war.

Die Bills krebsten sich durch die Saison ohne wirklich zu begeistern und schlossen mal wieder eine klassische 6-10 Saison. Man hatte eine wirklich fabulöse Defense (u.a. mit 5.3 NY/A die drittbeste Pass-Defense), aber in der Offense mit so vielen verletzten QBs wie andere in zehn Jahren nicht haben hatte man große Probleme. Aber: Die Basis passt. Die QB-Position bleibt das einzige Fragezeichen.

Was aus der Vorschau traf ein? Buffalo hatte niemals realistische Playoff-Chance. QB Manuel bleibt ein Fragezeichen. RB Spillers Effizienz-Stats gingen mit höherer Workload zurück. Offense Line bleibt ein großes Fragezeichen.

Was traf nicht ein? Lauf-Defense (am Ende #14 nach Success-Rate) war besser als befürchtet.

Tennessee Titans

Division   AFC South
Tipp 2013  Dritter
Ergebnis   Zweiter (7-9)

Ich schrieb:

Wenn man die Aussichten einer Franchise an ihrem Glamour-Faktor festmachen möchte, sind auch die Titans ein hoffnungsloser Fall. Gibt es eine Franchise, die momentan weniger Sex-Appeal versprüht? Ein greiser Owner Bud Adams, ein nahezu völlig unbekannter Head Coach Mike Munchak, dessen Football-Philosophie so schwammig ist wie die Wurftalente des jungen QBs Jake Locker. Immerhin verspricht der unausweichliche Clash der beiden „DefCoords“ Jerry Gray und Gregg Williams unterhaltsam zu werden.

[…]

Es ist zu befürchten, dass es nicht reichen wird. Ohne eine extreme Steigerung Lockers – die eher unwahrscheinlich ist – geht da nicht viel, und sämtliche Advanced-Metrics lassen nicht drauf schließen, dass wir es hier mit schlafenden Riesen zu tun haben. Selbst in der schlimmen AFC South wird das nix.

Die Titans waren eine zeitlang ein wirklich unangenehm zu bespielendes Team. Sie versprühten zwar keinen Sexappeal, aber sie zogen mehrere Gegner, u.a. den späteren Superbowl-Champ Seattle, zu sich herunter und würgten knappe, unverdient anmutende Siege heraus. Dann verletzte sich QB Jake Locker und die Saison ging nach und nach den Bach runter. Am Ende stehen zwar sieben Siege, aber es sind sieben Siege in einer Gurken-Division.

Was aus der Vorschau traf ein? Sehr gute Skill-Positions.

Was traf nicht ein? Es gab keinen Clash der OffCoords, weil Gregg Williams von Anfang an das Sagen hatte. QB Locker war besser als befürchtet, zeigte in den Wochen, in denen er fit war, teilweise richtig ansprechende Leistungen, und könnte 2014 erneut eine Chance bekommen. WR Kenny Britt war kein Faktor.

New York Jets

Division   AFC East
Tipp 2013  Dritter
Ergebnis   Zweiter (8-8)

Ich schrieb:

Wir kommen zum ersten Team, das zumindest Unterhaltung verspricht. Die Jets um ihren kultigen Head Coach Rex Ryan werden – so sehr sie Beispiel für alle klassischen Managementfehler in der NFL sind – immer Schlagzeilen produzieren, egal wie gut oder schlecht sie spielen werden. Die Zeichen stehen übrigens eher auf „schlecht“.

[…]

Die Advanced-Metrics lassen nicht auf einen Sleeper schließen. Der Trainerstab ist angesägt und der eher unbekannte GM John Idzik getraut sich nicht, klare Statements abzugeben. Die drohende QB-Controversy verspricht nicht nur Spannung, sondern auch negativen Einfluss auf die Mannschaftsleistung, und im schlimmsten Fall nicht nur die Verbrennung von QB Sanchez, sondern auch jene von QB Smith.

Es wurde eine 8-8 Saison, mit der jeder Jets-Fan im Sommer zufrieden gewesen wäre. Es wurde aber auch eine 8-8 Saison, die irreführend sein kann. Die Effizienz-Stats der Jets sind eine Katastrophe: Man wurde oft abgeschossen, man ist nach Pythagorean eher ein Team, das normalerweise 5 Siege holt (5-1 in engen Spielen). Rex Ryan durfte bleiben, weil er eine einmal mehr famose Defense auf das Feld schickte, aber stehen die Zeichen damit wirklich so positiv?

Was aus der Vorschau traf ein? Eigentlich fast alles. Die Jets waren relativ einfach vorhersehbar.

Was traf nicht ein? Die Defense hab ich ein wenig unterschätzt.

Arizona Cardinals

Division   NFC West
Tipp 2013  Vierter
Ergebnis   Dritter (10-6)

Ich schrieb:

Die Cards sind insgesamt gewiss etwas verbessert, weil sie vor allem die brutalsten Schwachpunkte in der Offense eliminierten. Es ist halt die Frage, ob es reicht. Der Schedule ist knüppelhart in der NFC West und NFC South sowie Eagles und Lions als Positionsspiele. Vor allem der Spielplan zur Saisoneröffnung ist so heftig, dass selbst ein 0-8 zur Bye Week nicht völlig überraschen würde. Das Loch, in das sich Arizona die letzten Jahre gegraben hat, war tief. Ich bin trotz einiger gelungener Einkäufe in der Offense nicht überzeugt, dass die Cards weit nach oben fliegen werden.

Der erste klare Fehlschlag in dieser Auflistung. Die Cardinals stellten vor allem dank ihrer erstklassigen Defense zum Saisonende eine Mannschaft, gegen die niemand gerne in den Playoffs gespielt hätte. Sie schlugen auswärts Seattle trotz vier Interceptions der eigenen Offense. Ihre größte Problemzone bleibt die Offense Line, ein Ort, an dem man für die kommende Saison nicht bloß einen möglichen Erstrundenpick 2014, sondern auch den Erstrundenpick 2013 (G Jonathan Cooper) quasi als Neuzugang vermelden kann.

Was aus der Vorschau traf ein? Die neu geholten Skill-Player in der Offense waren zwei bis drei Klassen besser als ihre Vorgänger. Das Problem der Offense war, dass QB Palmer zu wenig Zeit für die vertikale Offense bekam.

Was traf nicht ein? Die Erfolge von Bruce Arians deuten darauf hin, dass ich zu negativ war. Tyrann Mathieu war besser als erwartet. Der befürchtete Saisonstart von 0-8 Siegen mutierte in einen Saisonstart mit 4-4 Siegen, weil man schneller als erwartet aus den Startlöchern kam.

San Diego Chargers

Division   AFC West
Tipp 2013  Dritter
Ergebnis   Dritter (9-7)

Ich schrieb:

Die Chargers sind ein merkwürdiges Team: 2012 waren sie konkurrenzfähiger als man vielleicht denken möchte, mit 7-9 Saison und mehreren Halbzeitführungen gegen gute Teams; sie ersetzten den allgemein als schlechten „in game“-Manager angesehenen Norv Turner durch McCoy. Auf der anderen Seite wirkt das Team reif für einen richtigen Umbruch. Es wäre eigentlich sogar ein Sleeper für den Top-Draftpick 2014, wenn da nicht der Faktor Rivers ist. Rivers ist vermutlich zu gut – und die AFC West zu schwach – dass San Diego nicht trotzdem wenigstens sechs, sieben Spiele irgendwie gewinnt und den ganz hohen Draftpicks aus dem Weg geht. Eigentlich ist das fast schade. Aber andererseits: Sollte Rivers noch mal heißlaufen, geht es in dieser AFC auch ganz schnell nach oben…

Die Chargers waren definitiv ein Team, das über meinen Erwartungen spielte. Die Mannschaft überzeugte vor allem mit einer revitalisierten Offense um den fantastischen QB Rivers (7.5 NY/A) und zog verdientermaßen in die Playoffs ein. Mike McCoy machte angesichts des unterirdischen Spielermaterials in der Defense viel mehr aus dem Kader als man ihm zugetraut hatte. Von wegen Sleeper für den Top-Pick.

Was aus der Vorschau traf ein? Rivers war unter gegebenen Umständen ein produktiver QB. Die Checkdown-Option Woodhead war eine wichtige Komponente der Offense. Die Defense war eine Katastrophe, zumindest bis hinein in den Dezember – danach erfing man sich wenigstens halbwegs.

Was traf nicht ein? McCoy und Whisenhunt sind zwar nicht Offensivgeister mit den identischsten Weltanschauungen, aber das Produkt, das man aufs Feld schickte, spricht für sich: Es war fantastisch. Rivers war besser als erwartet. Keenan Allen war besser als erwartet. Die Offense Line war besser als erwartet. RB Mathews fiel keine fünf Spiele aus.

Cleveland Browns

Division   AFC North
Tipp 2013  Vierter
Ergebnis   Vierter (4-12)

Ich schrieb:

Genau betrachtet sind die Cleveland Browns schon seit geraumer Zeit eine Franchise vor dem Durchbruch. Dass davon niemand Notiz nahm, ist hausgemacht, weil sich alles auf die Streitereien im Front-Office konzentrierte. Dass man den Durchbruch nie schaffte, ist in erster Linie die bisher gescheiterte Suche nach einem echten Franchise-QB: Cleveland ist allein diesen von der Relevanz entfernt (2012 mit 5.7 NY/A nur das 25t-beste Passspiel).

[…]

Weedens Standing in Cleveland leidet zudem darunter, dass mittlerweile im bei mir völlig verhassten GM Michael Lombardi ein Manager am Wursteln ist, der Weeden letztes Jahr als TV-Pundit komplett in den Senkel stellte. Lombardi gilt als Machtmensch, und das tut den aufgewühlten Strukturen in Cleveland eher nicht gut. Da haben wir zum einen einen neuen Besitzer, der sich zwar anfangs wie ein junger Vater um sein neues Kind kümmerte, aber mittlerweile keine Zeit mehr dafür hat, weil er mitten im Schulden- und Korruptionssumpf steckt und womöglich sein Kind zur Adoption freigeben muss. Zum anderen haben wir den von Lombardi installierten Head Coach Rob Chudzinski, aus Carolina gekommen, ein ehemaliger Schüler Norv Turners. Dieser Turner ist mittlerweile auch in Cleveland, als Assistent Chudzinskis. Und es gibt in Ray Horton einen neuen DefCoord, der zuletzt in Arizona aus dem Trainerstab geekelt wurde.

[…]

Die großen Fragezeichen sind im Angriff zu finden: Weeden hat null Rückhalt, muss aber mangels Alternativen (Campbell anyone?) schnell liefern. RB Trent Richardson ist zwar ein Supertalent, das einen eher schwierigen Einstand hatte, aber er ist eben nur ein Running Back und hat erneut Verletzungssorgen. WR Josh Gordon ist erstmal zwei Spiele gesperrt. Und so viele Ballfänger von Format gibt es in Clevelands Kader nicht.

Die Division ist auch schwer genug. Ich glaube schon lange an einen Aufwärtstrend, weil wie gesagt nur die Passoffense noch eine echte (wenn auch ernst zu nehmende) Schwachstelle war (5.7 NY/A, #25), und auch weil die Browns dieses Jahr nicht wieder solches Verletzungspech wie im letzten Jahr haben sollten (lt. Football-Outsiders #27 der Adjusted Games Lost-Liste). Trotzdem: Die Kombination aus viel Neuem, schwerer Division und QB-Fragezeichen lässt mich die Browns schweren Herzens für ein hoffentlich letztes Mal in diese unterste Kategorie setzen.

Totalschaden. Nicht, dass die 4-12 Bilanz so katastrophal war – man hatte sie zumindest befürchtungsweise noch einmal kommen sehen können. Aber was nach Saisonende folgte, spottete jeder Beschreibung. Die Entlassung des Headcoaches Chudzinski nach nur einem Jahr zerstörte jedes Vertrauen in ein Front-Office, das nur wenige Wochen später rasiert wurde, weil es keinen Head Coach finden konnte (auch wenn man gerüchteweise an Jim Harbaugh (!) dran war). Jetzt also ein Neustart. Mal wieder.

Was aus der Vorschau traf ein? Weedens Zeit ist abgelaufen. Michael Lombardi tat den Strukturen in Cleveland nicht gut (das war die einfachste Prognose der Saison). Menschliche Seifenoper: Check. Die Defense war stark (u.a. mit 5.5 NY/A die #4 im Passspiel).

Was traf nicht ein? Rookie-OLB Mingo war Lichtjahre vom DROY-Award entfernt, auch wenn er lichte Momente hatte. Insgesamt ist die Browns-Preview trotz der niedrigen Einstufung eine Spur zu optimistisch geraten. Ach ja, und: RB Richardson und „Supertalent“ in einem Satz erwähnen, wird künftig mit Gefängnisstrafe nicht unter zwei Jahren geahndet.

Trainerkarussell 2014: Ken Whisenhunt, Tennessee Titans

Lass uns mal den neuen Head Coach der Tennessee Titans unter die Lupe nehmen: Ken Whisenhunt.

Whisenhunt soll nach diversen Medienberichten auch ein Kandidat bei den Detroit Lions gewesen sein, weswegen ich ihn schon vor einigen Wochen genauer unter die Lupe genommen habe. Vom Gefühl her war „Whiz“ nicht mein Lieblingskandidat. Jetzt ist er bei den Titans untergekommen.

Whisenhunt ist extrem schwer in ein Schema zu pressen. Er war als Assistenzcoach, Coordinator und Alleinverantwortlicher enorm erfolgreich (brachte den Cardinals einen ewigen Underdog in die Superbowl), war aber auch verantwortlich für einen üblen Kollaps in Arizona. Aber der Reihe nach.

Whisenhunt war vor zehn Jahren Positionstrainer für Tight Ends in Pittsburgh, wurde 2004/05 zum Offensive Coordinator befördert (sein Vorgänger Mularkey hatte damals einen Cheftrainersessel in Buffalo bekommen). Whisenhunt war mit verantwortlich für die Entwicklung von Ben Roethlisberger. Er installierte ursprünglich die später gewohnte downfield-Offense der Steelers. Roethlisberger war schon als extrem junger Spieler sehr effizient: 7.4 NY/A und 7.8 NY/A in seinen ersten beiden Jahren in der NFL sind sensationelle Werte!

Pittsburghs Offense war damals nicht so passlastig wie in späteren Jahren gewohnt, ja sie war vielleicht sogar noch immer eine auf dem Laufspiel basierende Offense, aber es gebührt Whisenhunt großes Lob, dass er aus einem Rookie solch fassungslose Effizienz-Stats herauspressen konnte – und sei es „nur“ in einem Passspiel, das gelegentlich mit effizienten Plays den GamePlan unterstützte. Zum Vergleich: Ein Peyton Manning hat heuer auch 7.8 NY/A zustande gebracht. Zwar in viel mehr Passversuchen und als Hauptlast der Offense, aber es ist ja auch nur ein Zahlenvergleich.

Whisenhunt wurde 2007 Headcoach der Arizona Cardinals. Dort hatte er es mit einem QB-Jungspund zu tun, der erst ein Jahr zuvor vom Vorgänger-Regime gedraftet wurde, und der nicht in sein Konzept passte: Matt Leinart. Ein wurfschwacher Schönling, der keine Lust hatte seinen glamourösen Lebensstil aufzugeben. Whisenhunt hatte die Schneid, den QB-Oldie Kurt Warner Leinart vorzuziehen, und erreichte mit Warner 2008/09 die Superbowl. Arizona hatte damals kein überragendes Team, aber in einer schwachen NFC West reichte es zu mittelmäßigen Bilanzen, plus ein Ravens-artiger Playoff-Lauf. Aber nicht vergessen: Es war Arizona. Dort waren über etliche Jahrzehnte alle Coaches gescheitert, auch welche mit mehr und größeren Vorschusslorbeeren.

Warner trat nach der Saison 2009/10 zurück, und Arizona stürzte ab. Man macht heute viel davon an Whisenhunt fest. Aber eines muss man Whisenhunt lassen: Er hatte die Schneid, Leinart, den er als ungeeignet für seine Vorstellungen von Football erachtete, zu feuern. Nein, Whisenhunt bekam sein QB-Problem nach Warner nie gelöst. Aber was wären seine Optionen gewesen? 2010 gab es keinen würdigen QB im Draft (ok, Tebow…), 2011 war Newton schon vom Tablett, 2012… Russell Wilson hatte niemand viel zugetraut. Die richtigen Stars bekam Whisenhunt nie zu greifen.

Whisenhunt bekam aber mehr als die QBs nicht mehr in den Griff; es war auch die Offense Line. Die Cardinals ignorierten dieses Problem viele Jahre lang. Warner konnte es kaschieren. Durchschnitts-QBs wie Kolb, Skelton oder Hall sahen kein Land.

Whisenhunt ging nach San Diego und arbeitete dort an der Seite von Mike McCoy als OffCoord. Das Resultat ist verblüffend: Die Chargers-Offense ist ein Jahr, nachdem sie abgeschrieben war, wieder eine der drei besten der Liga. QB Philip Rivers sah aus wie in seinen besten Tagen. Ich meine: Der Vorgänger dort war in Norv Turner keiner, der nix von Offense versteht. Die Chargers-Offense ist mit das verblüffendste, das es dieses Jahr zu sehen gab.

Es gibt viele Anzeichen, dass Whisenhunt mit adäquatem Material viel herausholen kann. Er half Pittsburghs, genügend Offense zu kreieren, um die Superbowl zu gewinnen. Er brachte Arizona ins Endspiel. Er hatte 2011 eine mehr als konkurrenzfähige Cards-Truppe unter seinen Fittichen, die NFL-untaugliche Gurken auf QBs durchschleppen musste.

Damit ist das Urteil über ihn schnell geschrieben: Gib ihm einen adäquaten Quarterback, und er wird dich zu großem Ruhm führen. Ist es so einfach? Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist, dass Whisenhunt mit tauglichen QBs Großartiges erreicht hat. Fakt ist, dass Leute wie Kolb, Skelton, Leinart auch andernorts nix gerissen haben. Das einzige, das man ihm nachsagen könnte: Hat er zu stur an „seiner“ Offense festgehalten? Auf der anderen Seite: Alle Whisenhunt-Offenses haben als wichtiges Element ein tiefes Spiel zumindest in Spurenelementen. Leinart, Kolb oder Max Hall hatten bei weitem nicht den Wurfarm um die tiefen Bomben raketenscharf anzubringen.

Für vereinzelte tiefe Spielzüge an sich brauchst du keine Granate von Wurfarm. Aber sie hilft dir, und sie ist essenziell, wenn du ein vertikales Element als integralen Bestandteil zum Funktionieren deiner Offensiv-Ideen brauchst. Leute wie Leinart werfen zu langsame Bälle, zu hoch fliegende. Bogenlampen. Die werden dir abgefangen in der heutigen NFL. Du musst sie flach und scharf werfen. So wie QB Jake Locker in Tennessee. Locker hat einen extrem guten Wurfarm, dem allerdings die letzte Präzision abgeht. Locker galt zwei Jahre lang als stagnierendes Talent, bis er in der abgelaufenen Saison 2013 plötzlich einen großen Sprung nach vorn machte.


Whisenhunt gab in seiner ersten Pressekonferenz kein eindeutiges Statement pro Locker ab. Locker soll allerdings in der Titans-Organisation bei GM Ruston Webster ein gutes Standing genießen. Allerdings darf man auch festhalten, dass Whisenhunt im NFL-Draft 2011 als Cards-HC Locker mit den fünften Pick hätte ziehen können, aber die Cards zogen damals CB Patrick Peterson vor. Alles in allem wäre man aber schon überrascht, wenn Locker sofort abgesägt wird.

Whisenhunt will in Tennessee als Play-Caller in der Offense fungieren, was den neuen OffCoord Jason Michael, den er aus San Diego mitbrachte (Michael war dort TE-Coach), in realiter zu einer Art Assistenten für die OffCoord-Position verkommen lässt.

Für die Abwehr hat sich Whisenhunt den DefCoord der Cleveland Browns, Ray Horton, der schon sein DefCoord in Arizona war, geholt. Eine Wahl, die einiges verspricht. Horton hatte in Arizona eine der besten, meist unterschätzten Defenses unter seinen Fittichen. In Cleveland? Auch. Aber was erstaunte: Whisenhunt sprach in seiner ersten Pressekonferenz davon, auf keinen Fall eine 3-4, 2-gap Defense spielen zu wollen. Genau dafür aber steht und stand Horton schon immer. Vielleicht wird es eine lässige 2-4-5 Defense, die man der Cards-Defense von Horton unter der Hand auch schon nachsagte.

Wird auf alle Fälle eine interessante Zeit. Whisenhunt ist bekannt dafür, den „Steeler-Way“ zu gehen und nie allzu kurzfristig zu denken. Er möchte Stabilität und Kontinuität. Das hatten die Titans nun viele Jahre lang, erst unter Jeff Fisher und dann unter dessen Nachfolger Munchak, aber Whisenhunt ist der erste, der wirklich gewillt sein wird, eine echte Pass-Offense aufzuziehen.

Date am Donnerstag, #11: Tennessee Titans – Indianapolis Colts

Start des 11ten Spieltags mit dem Divisionsduell aus der immer blasser werdenden AFC South, Tennessee Titans (4-5) vs Indianapolis Colts (6-3), ab 02h30 auf SPORT1 US plus Gamepass. Angesichts der Ausgangslage ist es vielleicht schon das Spiel, in dem die Colts den Divisionssieg quasi-fix machen können – es ist nicht anzunehmen, dass die Titans einen 3-Spiele Rückstand noch aufholen.

Das Spiel ist für beide auch die Gelegenheit, ihre peinlichen Vorstellungen vom Sonntag zu revidieren: Tennessee verlor zuhause gegen Liga-Schlusslicht Jacksonville, Indianapolis wurde von den St Louis Rams förmlich abgeschlachtet.

Indy sieht heute wieder einen Backup-QB gegen sich, diesmal Ryan Fitzpatrick, der zu den besseren seiner Sorte gehören dürfte. Die Titans-Offense ist eigenartig, weil sie auf Teufel komm raus versucht, ihre Runningbacks einzusetzen, während im Prinzip die Wide Receivers und Tight Ends die wahren Stars sind. Ich mag die Situation überschätzen, aber ein WR-Corp bestehend aus Hunter / Washington / Kenny Britt / Kendall Wright plus TE Delanie Walker dürfte zum NFL-weit besten Personal auf Skill-Player gehören, selbst mit einem komplett verunsicherten Britt. Man darf gespannt sein, was die Colts mit ihrem dürftig besetzten Defensive Backfield zustande bringen. Vielleicht wird DE Robert Mathis wieder zum Schlüsselspieler, wenn Mathis gegen die halbwegs solide Offense Line Druck entfachen muss.

Ich habe kein allzu großes Vertrauen in den Titans-Trainerstab. Ich befürchte ein erneutes Schlamassel an Play-Calling und die erneut falsche Strategie. Indianapolis dürfte die komplettere Mannschaft sein und für dieses Spiel trotz der Probleme, die auch die Colts haben, favorisiert sein.