The Countdown, T-minus 1: Alabama Crimson Tide

Bryant-Denny Stadium von Tuscaloosa - ©Latics/Wikipedia

Das Bryant-Denny Stadium von Tuscaloosa als Heimat der aktuell dominierenden Dynastie im College-Football

The Countdown

#1 Alabama Crimson Tide.
SEC, Western Division.
2012: 13-1, National Champ.

Es sollte niemanden überraschen, dass Paul Myerberg den College Football Countdown dieses Jahr mit den Alabama Crimson Tide beschließt, die drei der vier letzten BCS-Titel gewannen und auch dieses Jahr wieder als Topfavorit in die Saison gehen. Alabama ist derzeit in einer eigenen Liga im College Football, verliert jedes Jahr 4-5 sehr hohe Draftpicks an die NFL und ist doch im nächsten Jahr immer wieder noch besser aufgestellt als zuvor. So auch diesmal: CB Milliner und G Warmack waren Top-10 Picks, LT Fluker war als elfter Pick nicht weit von weg, RB Lacy, OG Jones und DT Williams gingen in den Runden 2 bis 4. Aufgestellt ist Alabama deswegen aber nicht viel schlechter.

Der Mann, der alles zusammenhält, ist Head Coach Nick Saban, ein Musterschüler von Bill Belichick, und Saban ist für viele sowas wie der „Satan“ in diesem Sport: Man achtet seine Erfolge, aber geliebt wird er nicht. Saban ist wortkarg und seine Recruiting-Methoden sind nicht unumstritten, aber jeder gibt zu, dass es keine Uni gibt, die erfolgreicher im Recruiting ist – obwohl viele Unis eigentlich bessere Voraussetzungen hätten. Saban lässt einen furztrockenen Football in Offense und Defense spielen, und weil da kein Schnickschnack dabei ist und Spieler wie Trainer sich in keinem Interview zu sowas wie einer originellen Phrase hinreißen lassen, entsteht oft der Eindruck einer kalten Maschine, die gewinnt und gewinnt und gewinnt und… funktioniert. Wie langweilig.

Die Offense

Da ist man um einen Jungen wie QB A.J. McCarron schon heilfroh. McCarron ist kein großartiges QB-Talent, um das sich schon jetzt die NFL reißt, aber er heult wenigstens mal Rotz und Wasser, wenn es die Situation hergibt, und schleppt so scharfe Schnitten ab, dass greise TV-Reporter bei laufender Kamera ins Mikro spritzen. McCarron ist im Herzen ein „Game-Manager“, ein Bürokrat, der das Spiel nicht aus der Hand gibt, aber er hat auch immer wieder gezeigt, dass er zumindest für Spielabschnitte über einem strauchelnden Laufspiel stehen kann und das Spiel notfalls auch allein in die Hand nimmt.

Oft passiert das mit dem schwächelnden Laufspiel aber nicht, und wer hoffte, dass nach RB Ingram, RB Richardson und RB Lacy nun endlich mal genug sei, dem sei empfohlen, mal nen Blick auf den RB T.J. Yeldon zu werfen, einen sophomore, der besser, explosiver aussieht als alle drei Genannten zusammen. Yeldon – was für ein Talent! Und wird noch mindestens zwei Jahren in Tuscaloosa spielen. Die Hoffnung für die Gegner ist, dass die Offense Line nach dem Verlust der drei besten Leute etwas einbricht, aber selbst dann dürfte die Qualität noch beträchtlich sein.

Wer mit Yeldon nicht genug zu tun hat, der sei auf WR Amari Cooper aufmerksam gemacht. Cooper (letztes Jahr als Freshman 58 Catches, 999yds) ist mit 1.84m nicht der größte unter der Sonne, aber ich hab selten einen so jungen Spieler mit so guter Technik und so wendigen Hüften gesehen. Und Cooper ist pfeilschnell: Lass die Jungs 100m downfield sprinten und Cooper ist zwei Sekunden vor allen anderen dort. Über diverse noch unbekannte Supertalente, die Saban in der Hinterhand hält, wird momentan noch nur gemunkelt – bis Jungs wie der freshmanTE O.J. Howard im ersten Spiel 7 Catches für 95yds und 2 Touchdowns produziert haben.

Die Defense

Die Defense muss in der Front-Seven den Abgang von NT Jesse Williams verkraften; ohne Williams war die Defense zuletzt immer mal wieder verwundbar. Und in der Secondary ging mit CB Dee Milliner der wichtigste Mann in die NFL. Das ist insofern wichtig, weil Alabamas Abwehr ganz stark drauf vertraut, „vorne“ den Lauf abzuwürgen und „hinten“ die beiden Outside-CBs Manndeckung ohne großartige Safety-Unterstützung spielen lässt.

Alabamas Defense besticht nicht durch fabulösen Passrush, aber es ist der schiere Speed, der die tödliche Waffe ist: Jungs wie OLB Adrian Hubbard oder der ewige OLB C.J. Moseley sind noch die besten Passrusher, aber selbst sie fahren keine zweistelligen Sack-Zahlen ein. Dafür sind sie einfach flink genug und haben den „range“, um spätestens nach dem 2yds-Lauf den Running Back zu tackeln, und sie werden deswegen gewiss auch bald in der NFL bestechen.

Zu einer möglichen Anfälligkeit, der Verwundbarkeit der Bama-Defense gegen die nun auch in der SEC aufkommenden Spread-Offenses, werde ich vielleicht im Verlauf der Saison mal was schreiben. Wenn sich die Chance ergibt. Alabama @ Texas A&M am 14.9. wird ja höchstwahrscheinlich nirgendwo in Europa auf normalem Wege zu sehen sein.

Kristallklarer Ausblick

Das Geile ist ja: Obwohl Alabama so brillant aufgestellt ist und so dominant aussieht, so brauchte die Mannschaft zuletzt zweimal trotzdem ordentlich fremde Hilfe, um nach knappen Heimniederlagen überhaupt ins Endspiel zu rutschen. Diesmal hat Alabama die Chance, Geschichte zu schreiben und den vierten National Title in fünf Jahren zu holen. Es gab alles schon, 3x in vier Jahren, 4x in sechs Jahren, dreimal en suite, aber vier von fünf wäre neu.

Der Schedule ist nicht furchterregend, zumindest nicht für ein Team dieser Klasse: Zum Auftakt auf neutralem Boden Virginia Tech aus der ACC als klangvoller Name, aber die Hokies sind im Umbruch. Dann zwei Wochen Pause zum – vielleicht – Spiel des Jahres: Wie besagt auswärts gegen Texas A&M beim Revanchespiel für die letztjährige einzige Niederlage. Und im November LSU, das nach Tuscaloosa muss – der vorletzte Gegner, der Alabama schlug, in der Overtime, vor fast zwei Jahren. Diese Kombination aus „günstigem“ Schedule und mannschaftlicher Klasse macht Alabama zum logischen Favoriten für auch 2013/14 – aber jetzt schon fix von einer weiteren BCS-Kristallkugel ausgehen würde ich nicht.

Morgen geht’s dann richtig los.

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The Countdown, T-minus 2: Stanford Cardinal

Footballbegeisterung: Stanfords Studentinnen

Footballbegeisterung: Stanfords Studentinnen

The Countdown

#2 Stanford Cardinal.
Pac-12 Conference, North.
2012: 12-2.

Das Titelbild hat Symbolcharakter: In Palo Alto, der Heimat der Stanford University, interessiert man sich für viele Dinge. Für Football nur nebensächlich. Der Schnappschuss stammt aus einer Liveübertragung eines Cardinal-Heimspiels. Wahnsinnig am Spiel interessierte Studentinnen, oder sind es Mathletinnen, die für den Head Coach David Shaw die Erfolgswahrscheinlichkeiten des nächsten PlayCalls ausrechnen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Stanford ist ein Freak-Team, und es ist ein Freak-Team im Myerberg-Countdown, da an #2 gerankt.

Die Stanford University hat zwar eines der älteren Footballprogramme in den Vereinigten Staaten, aber viele Jahrzehnte lang interessierte man sich nicht dafür. Stanford stand in erster Linie für erstklassige Ausbildung seiner Studenten und ständigen Forschungstrieb. Erst mit der Ankunft von Head Coach Jim Harbaugh und QB Andrew Luck vor wenigen Jahren änderte sich dies.

Man muss wissen, dass Stanford viele Jahre lang gehandicapt in Sachen Sport war, denn trotz massiven Budgets verlangt der Ethos der Uni nicht bloß Athleten, sondern immer noch den klassischen „Student Athlete“. Ein guter Footballer ist aller Ehren wert, aber wenn er aufm Prüfungsbogen nicht eins und eins zusammenzählen kann, biste trotzdem nicht erwünscht. Der Student in Student Athlete lebt in Stanford noch.

Harbaugh und seinem Coaching-Staff war es wurscht. Sie kamen mit der Einstellung „wenn du gewinnst, kriegst du immer gute Leute, die Biss haben“. Und so drehte Harbaugh innerhalb weniger Jahre eine 1-11 Mannschaft zu einer 12-1 Mannschaft. Harbaugh und Luck sind mittlerweile Geschichte, aber das Werk wird vom Superhirn Head Coach David Shaw weitergeführt, einem unscheinbaren Farbigen, der nicht viel sagt, aber wenn er redet, hat es meistens Hand und Fuß. Shaw fuhr in den letzten zwei Jahren sensationelle Recruiting-Klassen ein, holte Athleten, die man sich an der Bucht bis vor wenigen Jahren noch nicht mal erträumt hatte.

Einer der Treppenwitze der Geschichte ist auch: Erst als Harbaugh und Luck beide weg waren, marschierte Stanford zum Pac-12 Titel und Rose Bowl-Gewinn durch – das war im letzten Herbst. Stanford schloss das Jahr mit 12-2 ab, und auch wenn einige sehr glückliche Siege drunter waren, hatte die Saison Substanz: Die einzigen beiden Niederlagen waren jeweils mit nur einem Score, einmal davon wurde man sogar beschissen (gegen Notre Dame).

Shaws Philosophie knüpft nahtlos an jene Harbaughs an: Tougher, harter Football ohne viel Schnickschnack. Man spielt das, was man kann. Man vermeidet die größten Bolzen und schaut zu, ja keine Verlust-Spielzüge mit der Offense zu produzieren (Sacks und Laufspielzüge für weniger als 0yds sind tabu). Damit gewinnt man keine Schönheitspreise, aber man gewinnt bei entsprechender Ausführungsqualität viele Spiele mit einem Personal, das gut, aber längst keine Alabama-Niveau hat.

Stanford geht mit einem relativ coolen Quarterback in den Herbst 2013: Kevin Hogan rutschte letztes Jahr mehr durch Glück als durch Können in die Starter-Position, spielte aber danach einen erstaunlich ruhigen, souveränen Ball. Hogan macht kein Spektakel, aber er vermeidet Fehler wie Sacks und Interceptions und nimmt lieber den sicheren 3yds-Pass als den potenziellen 40yder. Wie es mit Hogan dieses Jahr aussieht, ist zu beobachten, denn es bricht der Großteil seiner Ballfänger weg, die Offensive Line ist weiterhin ein kleines Fragezeichen und der beste Running Back in Stepfan Taylor ging in die NFL. Schlägt die Stunde des Sohnemanns vom besten ever, RB Barry Sanders jr?

Dafür ist die Defense in diesem Jahr enorm tief besetzt, voller Seniors oder NFL-Prospects. Der absolute Superstar, der in fast jedem Spiel auffällig wird, ist der OLB Trent Murphy, ein Riese von Mensch, bei dem du eigentlich eher einen Defensive Tackle vor dir siehst… bis du Murphy in der Pass-Deckung beobachtest. Dann ist dir klar, wo der Hammer hängt. Super-Spieler.

Und weil Murphy nur der beste unter vielen Sehr Guten ist, kann man von Stanford auch dieses Jahr einigen Lärm erwarten. Verstärkt wird die Saison durch einen günstigen Schedule (Oregon und Notre Dame kommen nach Palo Alto, die schwersten Auswärtsspiele sind @USC und @Oregon State) und vorläufige „Endzeitstimmung“: Dass die Defense so erfahren ist, ist auch ein Zeichen dafür, dass nach Saisonende ein Make-Over einsetzen wird – es ist also das letzte Halali einer extrem guten Stanford-Generation. Ein letzter Kraft-Akt für eine erfolgreiche Generation – wird es nochmal in die Rose Bowl führen, oder… vielleicht… vielleicht… sogar ins BCS-Finale?

The Countdown, T-minus 3: Ohio State Buckeyes

The Countdown

#3 Ohio State Buckeyes.
Big Ten Conference.
2012: 12-0.

Wenn man die die fünf größten Football-Programme im College-Sport aufzählen soll, wird in 95% der Fälle die Ohio State University mit dabei sein. Gründe sind die lange Historie von Football in der Hauptstadt von Ohio (Columbus), die wiederZufalleswill außer einer Eishockey-Franchise kein Team in den Big-4 der US-Sportligen beheimatet, viele Erfolge, legendäre Trainerköpfe wie Woody Hayes oder Jim Tressel, und auch das 105.000 Zuschauer fassadene Ohio Stadium, genannt aufgrund seiner Bauform „The Horseshoe“, das zweitgrößte Stadion in den USA, dürfte mit in das Bild passen.

In den letzten beiden Jahren lief Ohio State außer Konkurrenz mit, weil man wegen eines (kleineren) Recruiting-Skandals, der auch Tressel den Kopf kostete, von der NCAA gesperrt war. Wer also College-Football erst seit kurzem verfolgt, wird vielleicht überrascht sein vom Terz, der in den US-Medien um die Buckeyes („Kastanien“) gemacht wird. Aber Ohio State ist schon eine gewaltige Hausnummer. Der letzte BCS-Titel liegt zwar mittlerweile zehn Jahre zurück und wurde auch nur dank einer Schiedsrichterfehlentscheidung gewonnen, aber 2006 und 2007 stand man jeweils im BCS-Finale und gewann auch hernach mehrmals die Big Ten Conference.

2012/13 schloss man eine perfect season mit 12-0 ab. Weil man aber wie besagt a.K. dabei war, wurde davon kaum Notiz genommen. Dafür gilt Ohio State vor dieser Saison als einer der Topfavoriten auf das Erreichen des BCS-Endspiels.

Urban Meyer (l.) als Headcoach in Florida. Wer den Typen halbrechts übrigens nicht kennt: Ab ins Bett. - Bild: Wikipedia.

Urban Meyer (l.) als Headcoach in Florida. Wer den Typen halbrechts übrigens nicht kennt: Ab ins Bett. – Bild: Wikipedia.

Einer der meist genannten Hauptgründe dafür ist der Head Coach Urban Meyer, der seit Januar 2012 das Zepter übernommen hat und zu den aktuell drei begehrtesten Trainern gilt. Meyer hat in Utah und Florida große Erfolge gefeiert und ist bekannt geworden durch seine innovative Auslegung der „Spread-Option-Offense“ mit guter Balance zwischen Pass und Lauf. Damit unterscheidet sich Meyer diametral von seinem „Vorgänger“ Tressel, dessen erzkonservative Spielweise eher auf Fehlerminimierung basierte. Meyer dagegen steht für Spektakel.

Ganz koscher ist Meyer vielen Leuten zwar nicht, Stichwort extrem laxe Handhabe bei disziplinären Problemen seiner Spieler sowie Bewegen am Rande des Regelwerks, was Recruiting und Trainingsvolumen angeht, aber es gilt als unbestritten, dass Meyer imstande ist, alles aus seinem Spielermaterial herauszuholen, was möglich ist, und dass eventuelle Misserfolge nur selten auf seinen Mist gewachsen sind.

Das zweite Grund ist das Spielermaterial. Die Toptalente laufen Ohio State quasi die Tür ein, und seit Meyer die sportliche Leitung über hat, gibt es auch Zufluss an Talenten aus dem US-Süden, wo sich die NFL-Kaliber auf den Füßen stehen. Nicht jeder kann bei Alabama oder Florida spielen, also gehen sie halt zu Meyer in den Norden. Einen glänzenden Ruf dort hat Meyer nach wie vor. QB Braxton Miller z.B. wird hinter vorgehaltener Hand bereits für einen möglichen Gewinn der Heisman-Trophy gehalten.

Dritter und dieses Jahr vielleicht wichtigster Grund: Der Spielplan. Der ist so wachsweich, dass für viele alles andere als die erneute perfect season zum Ende der Regular Season einer riesigen Enttäuschung gleich kommt. Die Big Ten Conference gilt als sportlich dieses Jahr ausgesprochen dürftig bzw. ohne echte Stolpersteine. Out of conference bestreitet OSU nur bessere Trainingsspiele. Eine 13-0 Saison wäre das quasi sichere Ticket ins BCS-Endspiel.

Soweit die Theorie. Die Geschichte zeigt aber, dass man im College-Football niemals von einer Perfect-Season ausgehen sollte. Zu viele Fehler passieren in diesem Sport. Selbst die besten Mannschaften haben viele nur durchschnittliche Spieler, denen Dummheiten passieren. Zu oft reicht ein einziger schwarzer Nachmittag für eine scheinbar unnötige Pleite. Selbst Meyers bärenstarke Mannschaften bei Florida oder die letzten beiden überirdischen Ausgaben von Alabama schafften es nicht ohne Niederlage durch die Saison. Und bei aller Liebe: Ohio State war im letzten Herbst zwar 12-0, aber das recht aussagekräftige Simple Rating System führte die Buckeyes nur an #13 (14pts über dem durchschnittlichen Team). Echte Dominanz sieht anders aus.

The Countdown, T-minus 4: Oregon Ducks

The Countdown

#4 Oregon Ducks.
Pac-12 Conference, North.
2012: 12-1.

Disclaimer: Ich habe den Eintrag schon heute morgen online gestellt und bin mir nicht 100%ig sicher, dass es Oregon sein wird. Aber Myerbergs Frage beantwortet sich so: Oregon mit 8 Seniors, 11 Juniors und 3 Sophomores. Ich denke, Myerberg hat nur die ersten beiden Zahlen verwechselt, nachdem die drei anderen verbleibenden Teams weiter von der Frage entfernt sind.


Manchmal braucht es ein Weilchen, bis man eine Entscheidung zu verstehen beginnt. Bei den Oregon Ducks aus der Pac-12 Conference dauerte es in etwa ein halbes Jahr, bis klar war, warum der superbe Head Coach Chip Kelly letztendlich doch so überstürzt den Weg in die NFL suchte und seine Ducks, sein Lebenswerk, hinter sich ließ: Kelly hatte ziemlich üble Recruiting-Verletzungen begangen, und sah sich einer Bestrafung durch die NCAA ausgesetzt, die ihn wahrscheinlich spätestens diesen Sommer eh den Job gekostet hätte: Kelly wäre vermutlich entlassen worden. Aber weil Kelly noch Ende Jänner den Weg zu den Philadelphia Eagles fand, blieben die (letztlich windelweichen) NCAA-Sanktionen gegen ihn gänzlich folgenlos und gegen die University of Oregon nahezu folgenlos.

Kelly bestimmte noch kurz vor Abgang schnell seinen Nachfolger, OffCoord Mark Helfrich, und verschwand. Helfrich übernimmt als neuer Head Coach den vielleicht besten Kader, den Oregon jemals hatte. Helfrich kennt die Kultur, die Denke an der Universität, und Helfrich schaffte es, den von vielen fürchterlich unterschätzten DefCoord Nick Aliotti im Trainerstab zu behalten. Denn das vergisst man im Angesicht der blendenden Oregon-Offense ganz gern: Die Defense ist mittlerweile auch eine der besten im Lande.

Zuerst aber zur Offense

Muss ich noch einmal meiner Begeisterung über die sensationellste, atemberaubendste Offense im American Football kundtun? Nein? Dann eben nur mehr so viel: Dieses Spread-Option-Laufspiel der Ducks, quasi ohne Huddle und ohne Verschnaufpause, ist meine Lieblings-Offense. Ever. Auch wenn sie noch keinen National Title auf dem Konto hat. Das muss sie auch nicht, denn Oregons Offense ist mehr, sie ist stilbildend und ein ästhetischer Hochgenuss. Wer über die Details lernen will, der sollte öfters mal bei FishDuck vorbeischauen oder in deren Archiv stöbern. Dort werden die Feinheiten auf adäquat amüsante Weise erklärt. Wer sich ganz ohne Lesen einfach nur unterhalten möchte: Bitte einschalten und Oregon zuschauen.

Der Angriff ist um die Hochgeschwindigkeits-Wusler im Backfield gebaut. Die Star-RBs der letzten Jahre, Lamichael James und Kenjon Barner, sind mittlerweile weg, was nicht weiter auffällt, da Jungs wie Byron Marshall, Ayele Forde oder Thomas Tyner nachrücken, alles Jungs, die unter 6 Fuß und 200 Pfund gelistet sind. Ach, und The Black Mamba ist da auch noch: Offensiv-Allrounder De’Anthony Thomas, der zirka ein Meter einunddreißig (glaubwürdige Körpermaße gibt es nicht) und zweiundvierzig Kilo leichte Super-Zwerg, eine unglaubliche Waffe, die alles kann: Sprinten wie der Weltmeister (7.5yds/Lauf), Fangen (mit 15% Anspielen der meistinvolvierte Ballfänger trotz weniger Snaps) und Returnen (bester Kick- und Puntreturner im Land). Einzige Frage bei der Black Mamba: Verkraftet Thomas eine deutlich heftigere Workload, nun, wo er nicht mehr bloß 92 Läufe und 55 Anspiele sehen wird?

Ein Charakteristikum der Ducks-Offense ist neben den kleinen Backs und 1-2 untersetzten Receivern eine massiv gebaute Offensive Line sowie ein Hüne auf Tight End. Bei Oregon 2013/14 wird dies der fast 2m große Colt Lyerla sein, der wie eine Schachfigur zwischen WR, TE und Fullback herumgeschoben wird und eine Art Aaron Hernandez minus Tattos und Knarren für diesen Angriff ist. Ein Name zum Vormerken.

Und weil wir grad noch die typischen Eigenschaften einer Ducks-Offense herunter rattern, wollen wir nicht außer Acht lassen, dass Oregon in den letzten Jahren etliche verschiedene Quarterbacks einsetzte, die alle a) mobil waren und b) funktionierten. Jeder einzelne. Der aktuelle QB ist der Sophomore Marcus Mariota, der bisher beste Quarterback, der diese Spread-Offense das Feld hinunter jagt, weil er nicht bloß ein erstklassiger Scrambler ist, sondern in erster Linie ein präziser, explosiver Werfer. Schwer zu sagen, ob Mariota NFL-Material ist, aber auf alle Fälle gibt er dank seiner Klasse als Werfer eine weitere gefährliche Dimension, die die Kollegen Dixon, Masoli und Darron Thomas vor ihm nicht soooo anzubieten hatten.

Oregons Offense steht etwas im Ruf, zuviel „Gimmick“ zu sein, weil sie gegen die erstklassigen Defenses manchmal Probleme hat. Ich halte das für selektive Wahrnehmung. Auch Alabamas Defense wird manchmal überrollt. Hätte Oregons Kicker nicht in den letzten beiden Jahren jeweils spielentscheidende Kicks in den letzten Sekunden versemmelt, die Ducks hätten drei BCS-Titelendspiele en suite bestritten, und niemand würde was Verdächtiges bemerken.

Es bleibt zu konstatieren, dass die einzige echte Schwäche dieser Offense dann zum Tragen kommt, wenn es der Gegner wirklich konsequent schafft, die ersten beiden Downs abzuwürgen. Dritter-und-lang, das schmeckt den Ducks nicht, obwohl Mariota ein guter Werfer ist, aber in diesen Situationen ist Oregon nicht „superb“, sondern schlicht „überdurchschnittlich“.

Defense

Ein oft unterschätzter Mannschaftsteil bei Oregon ist die Defense von DefCoord Aliotti. Sie gibt viele Punkte ab, u.a. weil sie wegen der schnellen Offense extrem viele Drives gegen sich ausgespielt sieht, aber sie ist konzeptionell genau an die Stärke der Offense angelehnt: Der Angriff gibt die Pace vor, die Defense ist in erster Linie darauf ausgerichtet, aggressiv das Big Play zu suchen. Obwohl „vorne“ nicht der größte Wirbel veranstaltet wird und obwohl die Linebacker ganz gerne mal einen Tackle versäumen: Die Secondary reißt alles wieder raus.

Turnovers kommen zum großen Teil in zufälligen Momenten, aber eine Defense kann darauf ausgerichtet sein, besonders viele Turnovers zu forcieren. Oregons „Back-Five“ spielt einen hopp-oder-topp-Stil, und was weiß ich, wie viele INTs die Jungs um den unglaublichen CB Ifo Ekpre-Olomu abfingen: Das hat System.

Großer Vorteil für die Ducks: Die neun besten Defensive Backs bleiben im Team. Schwerwiegendste Abgänge sind bei den Linebackers OLB Dion Jordan und Kiko Alonso. Es bleiben aber die nächstbesten sechs Front-7 Spieler im Kader, und sie alle sind Hünen wie Jordan: 2m Körpergröße und mehr. Kelly-Style at his best.

Ausblick

Diese meine ständige Kelly-Fokussierung ist kein Zufall. In dieser Ducks-Mannschaft schwebt weiterhin der Geist, die Philosophie Chip Kellys, der aus die vielen Millionen des Nike-Gründers Phil Knight und die Geduld im Biberstaat ausnutzte, um ein Powerhouse der ganz speziellen Sorte zu bauen: Nicht bloß alljährlicher Titelkandidat, sondern Vorreiter einer völlig neuen Footballkultur. Das NCAA-Damoklesschwert hilft mit zu erklären, weshalb Kelly seinen Lebensendejob in Eugene/OR aufgab um ins Haifischbecken NFL zu gehen, und dieser Abgang des großen Visionärs ist es auch, weswegen man etwas skeptisch ob Oregons BCS-Aussichten 2013/14 sein sollte.

Möglich, dass Helfrich den Laden zusammenhalten kann und sogar neue Impulse geben kann. Aber die Person Helfrich mixt auch eine Portion Unsicherheit in den Mischmasch Oregon. Nicht immer sind solche Trainerwechsel erfolgreich, schon gar nicht, wenn der Abgelöst die definierende Persönlichkeit des kompletten Programms war.

Möglich, dass die Ducks zur perfect season durchmaschieren. Der Schedule ist nicht der allerschwerste, aber der gefährlichste Gegner ist mit Stanford ein Auswärtsspiel… we’ll see.

The Countdown, T-minus 5: South Carolina Gamecocks

The Countdown

#5 South Carolina Gamecocks.
SEC, Eastern Division.
2012: 11-2.

Historisch gesehen sind die South Carolina Gamecocks aus Columbus/Süd-Carolina keines der ganz großen Programme im College-Football, was aber nicht heißt, dass Universität und Mannschaft nicht „ziehen“: Die Fanbasis gilt als extrem loyal und füllte die Hütte selbst in Zeiten, in denen man sieglos durch die Saison stolperte. Und seit mit Steve Spurrier ein ebenso kultiger wie klingender Name auf Head Coach übernommen hat, geht es auch sportlich nach oben.

Steve Spurrier wurde bekannt als einstiger Heisman-Trophy Sieger und späterer Coach-Revoluzzer, der der bodenständigen SEC das Passspiel beibrachte („Fun’n’Gun“-Offense). In South Carolina erinnert nicht viel an diese alten Zeiten, in denen Spurriers Mannschaften Wurfrekorde diverser Art sprengten und Titel abstaubten: Die Gamecocks brillieren vielmehr durch grundsolide exekutiertes Laufspiel, Fehlerminimierung und knackige Defense. In den letzten Jahren war man mehrmals nahe am Durchbruch, scheiterte aber immer wieder knapp, mal, weil man auf Übermannschaften im Conference-Finale traf, mal, weil man ungünstige Schedules spielen musste.

Heuer sieht man einen relativ einfachen Schedule: Man muss zwar in Woche 2 auswärts zum Divisions-Mitfavoriten Georiga, aber die beiden einzigen weiteren Kaliber, Florida und Clemson, bekommt man zuhause serviert. Mit Abstrichen UNC, Vanderbilt und Mississippi State (alle ebenso zuhause) sind die drei einzigen weiteren Teams, von denen man diese Saison Gutes erwarten würde.

Aber wie der Teufel es will, muss man haargenau diesmal mit einem personellen Aderlass fertig werden, der sich gewaschen hat. Der herausragende RB Marcus Lattimore ging in die NFL, aber er wäre wohl sowieso nicht fit gewesen und fehlte auch in den letzten Jahren immer wieder im Krankenstand. Vier der fünf besten Wide Receiver sind gegangen, die fünf besten Linebackers, der zweitbeste Defensive End (Devin Taylor) und der beste Safety (D.J. Swearinger) – das ist Material, das auch eine mittlerweile solide SEC-Uni nicht im Handumdrehen ersetzen kann.

Jadeveon Clowney

Der Mann, der trotzdem Hoffnungen auf eine große Saison macht, ist Superstar-DE Jadeveon Clowney, der als Top-Draftpick 2014 gilt und wirklich eine einzigartige Naturgewalt ist. Es gab in der Vergangenheit immer wieder freakige Athleten in der Defense, die alles in Grund und Boden spielten (vor einem Jahrzehnt Peppers, zuletzt Ndamukong Suh), aber Clowney ist selbst für solch epische Standards ein herausragendes Einzeltalent, bei dem man dankbar ist, wenn man es mal hat spielen sehen. Clowney machte in der Bowl Season einen highlight-trächtigen Tackle gegen einen Michigan-RB, der im Laufe der kommenden Scouting-Periode in der Murmeltierschleife durch den Äther gejagt werden dürfte:

Es ist nicht nur dieser Hit; es ist vor allem die Beständigkeit, mit der Clowney Terror veranstaltet. Clowney ist trotz 115kg schlaksig und fassungslos antrittsschnell und wuchtig. Allein, der Hype um diesen Spieler ist so groß, dass er die Erwartungen fast nicht erfüllen kann.

Und es bleiben viele Fragezeichen: Selbst wenn die Defensive Line dominiert – wer macht dahinter die Tackles? Wie viel Freelancing ist ohne Swearinger überhaupt noch möglich für die Defensive Backs? Was passiert, wenn Clowneys Leistung abfällt?

Gamecocks-Offense

Die Offense hatte zuletzt ein bissl was von Chamäleon, was auch an den vielen Verletzungen lag. Die erste QB-Option ist Connor Shaw, ein mobiler Glatzkopf, der die Tendenz hat, entweder den tiefen Ball zu suchen oder den Checkdown zum nahe stehenden Running Back. Fällt Shaw aus, ist mit Dylan Thompson Kontrastprogramm angesagt: Thompson ist keine Statue, aber er scrambelt vergleichsweise selten und zieht bevorzugt ein Mitteldistanzgewichse auf, das stilistisch völlig von Shaw abweicht. Beiden ist gemein, dass sie trotz ihrer Beweglichkeit viel zu viele Sacks einstecken. Wohin sie dieses Jahr werfen sollen, steht noch aus: Kaum Wide Receiver haben Spielerfahrung vorzuweisen.

Dafür sollte das Laufspiel auch in der Zeit nach dem Genie Lattimore halbwegs passen: Die Offense Line bleibt komplett zusammen und mit Mike Davis gibt es einen relativ guten Back, der irgendwann mal auch in der NFL Fuß fassen sollte.

Nochmal: South Carolina ist diesmal deutlich schwächer aufgestellt als in den letzten Jahren, aber sie haben Glück mit dem Schedule (oder anders: Diesmal hat Georgia den schweren Weg). Wenn der Kader im Gegensatz zu den letzten Saisons diesmal gesünder durch den Herbst kommt, dürfte das Conference-Finale drin sein. Man ist allerdings ziemlich abhängig von der QB-Situation im Angriff und Clowney in der Defense. Ich bin nicht allzu zuversichtlich, was die BCS-Chancen der Gamecocks angeht, aber einen Einbruch erwarte ich auch nicht.

The Countdown, T-minus 6: Georgia Bulldogs

The Countdown

#6 Georgia Bulldogs.
SEC, Eastern Division.
2012: 12-2.

Die Georgia Bulldogs kommen mal wieder aus einer Saison Marke „fast dran gewesen“: Die Jungs von Head Coach Mark Richt spielten eine überwiegend wechselhafte Saison mit großartigem Schlussspurt, qualifizierten sich primär dank ihres recht einfachen Schedules anstelle von Florida oder South Carolina für das SEC-Endspiel, und spielten dann ein derart faszinierendes Endspiel gegen Alabama, dass jedem Kritiker die Spucke im Hals stecken blieb: Im besten Footballspiel der kompletten letzten Saison verlor man nach einem grandiosen Spielverlauf erst im allerletzten Spielzug wenige Yards von der EndZone des hohen Favoriten Alabama entfernt knapp 28-32.

Richt hängt quasi seit jeher der Ruf des Ewigen Zweiten nach, ein Coach, dessen Mannschaften Jahr für Jahr die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. In einer Footballschmiede wie Georgia, dem Epizentrum des College Football, sind die Fans erst dann zufrieden, wenn nach über 30 Jahren mal wieder ein National Title geholt wird; Richt hat das in über einem Jahrzehnt nicht geschafft, aber seit zwei, drei Jahren hat er wieder einen meisterhaften Spieler- und Trainerkader beisammen und glänzende Voraussetzungen, auf Jahre oben mitzuspielen.

Die Offense hat Potenzial, die beste im College Football zu sein: OffCoord Mike Bobo, obwohl in weiten Teilen der College-Community mit argwöhnischen Augen bedacht, gilt unter neutralen Beobachtern als Genie, was Spielzugdesign und -ansagen angeht (Bobo hat keine Furcht vor aggressiven PlayCalls), und Bobo hat in den letzten zwei Jahren immer größeres Vertrauen in seinen QB Aaron Murray gezeigt. Murray ist vielleicht nicht das großartige NFL-Prospect wie ein Andrew Luck, aber Murray ist ein cooler Hund mit präzisen Pässen und bewies im SEC-Finale eisenharte Klöten in der Crunch-Time.

Murray wird sein letztes Jahr am College spielen, und er wird bessere Unterstützung als letztes Jahr haben, als Georgia eine Top-5 Offense besaß: Die RB-Combo Gurley/Marshall gehört zum feinsten, was man bestaunen kann. Letztes Jahr waren beide Jungs Freshmen, und während Todd Gurley der brachiale Power-Back ist, gibt Keith Marshall den change-of-pace-Back für die großen Raumgewinne zwischendurch.

Der WR-Corp ist NFL-reif: Mitchell dürfte der neue #1-Mann werden, während in der Hinterhand sensationelle Sprinter wie Chris Conley und mehrere Top-Recruits auf den Durchbruch hin arbeiten. TE Arthur Lynch dürfte in spätestens zwei Jahren die NFL aufmischen. Es ist eine Offense, die zu denen gehört, auf die ich mich am meisten freue. Einziges Problem ist die geringe Kadertiefe hinter den ersten beiden Running Backs, bzw. die Frage, was passiert, wenn Murray mal ausgeknockt wird.

Die Defense war in der letzten Saison über weite Strecken der Schwachpunkt, bis sie im letzten Saisondrittel zündete und über die Einmann-Abrissbirne Jarvis Jones hinaus ging. Jones ist nun wie auch LB Alex Ogletree, S Bacarri Rambo oder DT John Jenkins und einige andere in der NFL. In allen Mannschaftspositionen (DL, LB, DB) kommen jeweils vier der besten fünf Spieler  abhanden, was automatisch den Fokus auf das richtet, was in der SEC wirklich wichtig ist: Recruiting – und da gilt Georgia unter Richt als famos.

DefCoord ist Todd Grantham. Grantham könnte hie und da etwas Nachhilfe in Sachen anger management gebrauchen, und was seine Qualitäten als Football-Stratege angeht, bin ich mir auch noch nicht gänzlich im Klaren: Die Georgia-Defenses der letzten Jahre wirkten nur selten wie eine in sich homogene Einheit, in der alle Star-Athleten wussten, was sie zu tun hatten.

Potenzieller Stolperstein könnte der Schedule werden: In einer Saison, in der insbesondere die Defense die eine oder andere Woche brauchen wird, um sich einzugrooven, geht es in den ersten vier Spielwochen mit Kalibern wie @Clemson, South Carolina und Louisana State los – nur absolute Spitzenmannschaften kommen da ungeschlagen durch. Wenn Georgia durchkommt, wartet aber nur noch Anfang November Rivale Florida in der Cocktail-Party in Jacksonville als möglicher Plumpser auf dem Weg zum erneuten Divisionssieg.

Wie schon geschrieben: Die Offense ist möglicherweise fantastisch, die Defense ein einziges großes Fragezeichen. Mit voller Überzeugung will ich Georgia noch nicht ins SEC-Finale schreiben, aber es schlummert Potenzial für Großes in dieser Mannschaft.

The Countdown, T-minus 7: Texas A&M Aggies

The Countdown

#7 Texas A&M Aggies.
SEC, Western Division.
2012: 11-2.

Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden: Die Texas A&M University vollzog nach langem Hickhack 2012 den überfälligen Wechsel in die Southeastern Conference (SEC), und ist nur ein Jahr später eines der strahlenden Kinder des College-Football: Das Debütjahr im Kronjuwel aller Conferences gelang, man ist plötzlich wer und sexy genug, dass landesweit die Teenies anstehen und für die Aggies spielen wollen. Mit dem frisch gebackenen HeismanTrophy Sieger QB Johnny Manziel („Johnny Football“) hat man die heißeste Ware im College Football, und einen, von dem sich die halbe weibliche Anhängerschaft schwängern lassen möchte.

Ich hatte einen dermaßen souveränen Einstand das Aggies in der SEC nicht erwartet, wenn ich auch häufig darüber schrieb, dass Texas A&M letztes Jahr massiv unterschätzt worden war (2011 war man mit 7-6 Siegen zirka drei bis vier Siege zu schlecht weg gekommen). Aber es kam dann alles noch den Tick besser als beschrieben: Der neue Head Coach Kevin Sumlin, eine coole Socke mit seinen Sonnenbrillen am Seitenrand, machte aus einem Kader, der zuvor deutlich unter den Erwartungen geblieben war, über Nacht einen Giganten, der zum Saisonhöhepunkt die Festung von Alabama stürmte und die hoch gelobten Crimson Tide in deren Hütte platt machte. Die einzigen beiden Niederlagen waren knappe Dinger gegen Florida und LSU, als jeweils der Freshman Manziel Lehrgeld zahlte und sich verarschen ließ.

Johnny Football

Johnny Manziel - Bild: Wikipedia.

Johnny Manziel – Bild: Wikipedia.

Überhaupt Manziel: Das ist der legitime Nachfolger des Brett Favre, ein unbekümmerter Spaß-Footballer, der sich nicht um Konventionen schert, sondern einfach drauflosspielt, -scrambelt und -wirft, und mit unterhaltsamen Tweets ein gefundenes Fressen für den Boulevard ist. Manziel kam aus einer wohlhabenden Familie, beeindruckte im ersten Sichtungstrainingslager und groovte sich blitzschnell in die Mannschaft. Manziel ist mit seinen knapp 1,80m kein typischer Quarterback, hat keine typische Wurfbewegung, ist kein überirdischer Sprinter, aber er ist wuselig und hat ein Näschen dafür, im rechten Moment loszulaufen, und wenn dieser „rechte Moment“ die letztmögliche Zehntelsekunde in einer zusammenklappenden Pocket ist.

Ob es für die NFL reicht, da reden wir in ein paar Jahren nochmal drüber. Manziel könnte am Saisonende in die NFL wechseln. Erstmal ist abzuwarten, ob die Rakete Manziel überhaupt noch ein zweites Mal zündet, nachdem die Gegner aktuell gerade fleißig am Studieren seiner Tapes sind.

Oder ob sie zünden darf: Manziel steckt mittendrin in Anschuldigungen um bezahlte Autogrammstunden – ein No Go in der Welt der NCAA. Es ist das alte Manziel-Problem: Der Junge ist neben dem Feld so, wie er drauf ist. Es gibt für ihn kein Morgen. Kein langes Überlegen. Ich lebe hier und jetzt und ich mache, was ich will. Ob es Feten auf dem Campus vom Erzfeind Texas, lustige Twittereien oder ein Sauforgie mit Nachwehen beim „QB-Camp“ der Manning-Brüder ist, oder eben Autogramme – Manziel schert sich nicht um Konsequenzen. Ich beleidige meine eigene Universität? Weil ich es will!

Der Rest im Aggieland

Für Sumlin und Manziel gilt es, die Abgänge von OffCoord Kliff Kingsbury (wird Chefcoach bei Texas Tech), LT Joeckel, RB Michael und WR Swope zu kompensieren. Bei ersterem tappe ich im Dunkeln, weiß nicht, was zu erwarten ist; Sumlin hatte auch ohne Kingsbury großartige Offenses unter seinen Fittichen. Zweiteres wird nicht schwierig, nachdem mit OT Jake Matthews ein weiterer Tackle im Kader steht, der im NFL-Draft in den Top-10 vom Tablett geht. Auch das dritte dürfte machbar sein: RB Ben Malena trug schon letztes Jahr die meiste Last, und in der Hinterhand wartet mit RB Trey Williams einer der spektakulärsten Spieler, die ich bisher gesehen habe. Williams war ein „five star recruit“, d.h. gehörte zur begehrtesten Gruppe an Jungs aus der Highschool. Damit nicht genug: Selbiges 5-Star Talent ist auch der andere Backup-RB, Brandon Williams, auch Sophomore, auch ein Williams. Zwei der heißesten Backs des Landes, und beide sind Backups!

Bei den Receivern muss sich Texas A&M größtenteils auf unerfahrene Jungspunde stützen. Der erfahrenste der angedachten Starter ist mit WR Mike Evans ein Sophomore (Junge, der ins zweite Jahr geht). In der breit aufgestellten Spread-Offense von HC Sumlin aber normalerweise kein allzu großes Problem.

Die Fragezeichen beschränken sich neben dem bangen Warten, ob Manziel seine Form halten kann, vor allem auf die Defense: Es gibt fast keine Defensive Tackles mit Spielpraxis, und in Damontre Moore ist der wichtige „hybrid-DE/OLB“ weg. A&M spielt eine interessante 3-4 Defense mit vielen Aufstellungen mit vier Mann in der Line, und lebt davon, mit maximal drei, vier Leuten Druck zu machen. Wenn du aber so wenig Tiefe im Kader hast, biste spätestens nach den ersten zwei Verletzungen auf den Felgen beziehungsweise möchtest du keine sieben, acht Spiele bestreiten, in denen es bis fünf Minuten vor Schluss spannend ist.

Texas A&M hat eine spannende Mannschaft, die möglicherweise zu viele Flauseln (WR, LB) und zu wenig Kadertiefe für den BCS-Titel hat. Der Schedule sagt, du musst Alabama (daheim, am 14. September!) und LSU (auswärts) schlagen, willst du einen Freischuss auf die Kristallkugel. Wenn Manziel so unbekümmert bleibt und die Offense von Anfang an „klickt“ und die Defense zumindest akzeptable Form zeigt, ist alles drin. Auf der anderen Seite ist die Mannschaft einen Fetzen schlechter aufgestellt als letztes Jahr und man sollte von keinem Spieler erneut ein Saison von „Manziel 2012“-Kaliber erwarten – warten wir die Entwicklung einfach mal ab.

The Countdown, T-minus 8: Florida State Seminoles

Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium bei Nacht

Bobby Bowden Field at Doak Campbell Stadium bei Nacht

The Countdown

#8 Florida State Seminoles.
ACC, Atlantic Division.
2012: 12-2.

Die Florida State Seminoles gehören zu den bekanntesten Mannschaften in den Vereinigten Staaten, obwohl sie nicht auf denselben Rucksack an Tradition verweisen können wie beispielsweise Nebraska, Alabama oder Notre Dame. Berühmt sind die „Mighty Noles“ vor allem wegen eines sagenhaften Laufes in den 80er und 90er Jahren, als sie unter der Trainerlegende Bobby Bowden 14x (!) in Folge in den AP Top-5 abschlossen – eine Serie, die keine andere Uni auch nur annähernd jemals erreichte.

Wie es so ist, wenn eine Legende zu lange an ihrem Lebenswerk festhält und niemand die Schneid hat, sie abzusägen, ging es mit den Noles in den 2000ern ziemlich abwärts. Die PK-Auftritte des greisen Coaches Bowden in dessen letzten Amtsjahren gehörten zu den bizarreren TV-Momenten. Erst Anfang 2010 wurde der damals 82jährige Bowden von seinem Zögling Jimbo Fisher als Head Coach abgelöst. Seither geht es kontinuierlich bergauf.

Fisher hat kein schweres Leben, was das Recruiting im unendlich tief besetzten Highschool-System Floridas angeht: Viele der besten Talente werden noch immer von der Marke „Florida State University“ angezogen und zieht es nach Tallahassee. Für Fisher geht es viel mehr darum, wieder ein Produkt auf das Feld zu bringen, das den Erwartungen des erfolgsverwöhnten Publikums entspricht. Die Leute wollen einen „Winner“, und sie wollen ihn jedes Jahr.

Fisher gewann letzten Herbst erstmals die Atlantic Coast Conference und beendete das Jahr 12-2, aber so richtig glücklich war niemand. Schließlich sollte 2012 „das Jahr“ sein, ein Herbst, in dem etliche Supertalente ihr letztes College-Jahr absolvierten, ehe es in die NFL geht. Letztlich scheiterte man an den hohen Erwartungen, weil zwei eher unnötige Pleiten eingebaut wurden – Pleiten, die schon zur Folklore von Fishers Mannschaften gehören.

Jetzt also 2012.

Die Offense

Da schickte FSU zuletzt in Chris Ponder und E.J. Manuel zwei Erstrundenpicks auf Quarterback in die NFL, und trotzdem ist niemand so richtig besorgt. Das liegt vornehmlich am neuen Starting-QB, einem Freshman (!), Jameis Winston, einem schwarzen Scrambler, der nebenbei als zweites Hobby richtig gut Baseball spielt und von dem man ganze Wunderdinge erwartet. Wie gut Winston wirklich ist, wird sich zeigen, aber man sollte nicht erwarten, dass er sofort in Manziels Sphären aufgeigt. Auf alle Fälle ist Winston aber ein sehr ulkiger Charakter, immer für einen flotten Spruch gut und gilt als sehr gewinnender Typ.

Winston wird in Jimbo Fishers Offense unter Garantie nicht sofort von der Leine gelassen. Aber er hat neben einer sehr gut aufgestellten Offense Line auch noch gewaltige Skill-Player: RB James Wilder jr. und RB Devonta Freeman dürften eines der besten RB-Pärchen im Lande bilden und selbst die Ersatzleute dahinter gelten alle als Supertalente. FSUs Laufspiel dürfte eines der besten sein. Und bei den Wide Receivers haben die Noles seit etlichen Jahren einen Corp beisammen, der so breit ist, dass die Jungs aus 50m Entfernung nicht alle aufn Bildschirm passen.

Fragezeichen ist allerdings das Coaching: Der OffCoord James Coley ging frustriert nach Miami/FL, weil er bei FSU keine Spielzüge ansagen durfte. Und die Positionstrainer auf RB und QB sind beide ebenso weg. Fisher steht bei mir im Ruf, etwas zu zögerliche Calls zu machen und die Offense eher zu viel zu knebeln.

Die Defense

Die Seminoles-Defense galt in den letzten beiden Jahren als fantastische Einheit, als einer der drei, vier besten im Lande. Nun ist mit Mark Stoops der DefCoord weg, und zudem die Positionscoaches auf DL und LB. Auf Spielerseite sind vor allem die Abgänge von DE Björn Werner, DE Cornelius Carradine und CB Xavier Rhodes zu beklagen. Wer den Draftprozess auf diesem Blog verfolgt hat, wird die Namen wiedererkennen: Alle drei waren hoch gedraftete Jungs. Einen solchen Talentabfall kannste nicht per Knopfdruck vergessen machen, nichtmal im Talenteschuppen Florida.

Linebackers und Defensive Backfield sind noch immer überladene Units mit etlichen künftigen NFL-Profis (vor allem der FS/CB Lamarcus Joyner ist ein Mann, den ich aufgrund seines Potenzials seit Jahren anhimmle), aber „vorne“ in der Defense Line, da gibt es schon einige Bedenken: Von den 35 Sacks der Noles sind allein in Werner und Carradine 24 (!) abhanden gegangen. Das Tackle-Pärchen Tim Jernigan/Demonte McAllister dürfte noch gut gegen den Lauf sein, und der Sophomore-DE Mario Edwards war ein Highschool-Talent, das die Scouts an allen großen Unis sabbern ließ, aber hinter diesem Trio wird es schnell seeeeehr dünn. Da sind die Noles eine Verletzung oder zu viele Spiele down to the wire davon entfernt, dass die geringe Kadertiefe böse zuschlägt.

Ausblick

Die BCS-Titelchancen für FSU sehe ich eher gering. Vielleicht kriegen die Noles sogar schon in der Atlantic Coast Conference ein Problem, denn sie müssen das schwierigste Spiel auswärts bei den Clemson Tigers bestreiten. Verliert man dort, dürfte ein Einzug ins ACC-Finale fast unmöglich werden. Das zweite große Spiel der Saison ist der „Sunshine-Showdown“ gegen die Florida Gators am Thanksgiving-Wochenende, das viel Prestige enthält, aber nur dann wirklich relevant ist, wenn die Noles dann – rein hypothetisch jetzt – mit 11-0 anreisen. Wahrscheinlicher ist aber, dass FSU bis dahin das eine oder andere Spiel abgeschenkt haben wird. Blickt man sich die Rankings in den Staaten so an, erwartet eigentlich auch niemand einen Durchmarsch der Seminoles. Nicht in diesem Jahr.

The Countdown, T-minus 9: Boise State Broncos

Boise steht für Offense, aber die Defense ist der heimliche Superstar der Broncos - Bild: Wikipedia.

Boise steht für Offense, aber die Defense ist der heimliche Superstar der Broncos – Bild: Wikipedia.

The Countdown

#9 Boise State Broncos.
Mountain West Conference.
2012: 11-2.

Für die, die es noch nicht gemerkt haben: College-Football glänzt in erster Linie mit Schwadronieren über äonische Geschichte, über viele Generationen gewachsene Bindung von Alumni und endlosen Schwällen an Klatschgeschichten („damals, als anno 53 die Huskers gegen die Longhorns spielten, hatten deine Omi ich das erste Mal…“).

Nichts davon trifft auf die Boise State Broncos zu, die kaum älter sind als du und ich. Die Boise State University existiert als solche erst seit den späten 60er Jahren, und auf höchstem Level Football gespielt wird noch kein ganzes vollständiges Jahrzehnt. Angesichts der kaum existenten Tradition und der Standortnachteile (Boise liegt am Arsch der Welt hinter den Rocky Mountains, aber immer noch hunderte Meilen vom Pazifik) ist es nichts anderes als bemerkenswert, was an dieser Uni an Football-Power aufgebaut wurde. Boise State ist der Inbegriff des „BCS-Busters“, des Emporkömmlings, der dem Establishment gehörig auf die Pelle rückt und das BCS-Kartell Kratzer für Kratzer einzureißen half.

Boise State spielte letzten Herbst eine 11-2 Saison, was insofern bemerkenswert ist, weil es die mit Abstand schlechteste Saison seit langem war. Der „Einbruch“ war vorherzusehen, nachdem innerhalb von zwei Offseasons der komplette Mannschaftskern flöten gegangen war, in Form von etlichen hohen Draftpicks in die NFL (plus zwei OffCoords en suite).

Kratzt Head Coach Chris Petersen, ein Pokerface vor dem Herrn, der stets dreinschaut als hätte er Sodbrennen, kein Jota. Boises Mannschaft war sichtbar schwächer als die Vorgängerversionen, aber sie zeigte Biss und Lernfähigkeit, und sie hat Potenzial: QB Joe Southwick, dessen erste Wochen unrund waren, erfing sich und wichste spätestens nach vier, fünf Wochen eine Kurzpassorgie das Spielfeld runter, dem einzig der letzte Zapfen Explosivität abging. Knüpft Southwick an seine Form der letzten Wochen an, ist klar, wohin die Reise geht: Nach oben. Der extrem agile RB Jay Ajayi (6.7yds/Lauf) flutscht durch die Abwehrreihen wie Zäpfchen. Ajayi ist ein künftiger Topmann, wenn er sich nicht verletzt. Der komplette WR-Corp ist gut aufgestellt und sieht keinen einzigen Abgang.

Heimlicher Star in Boise ist – und war stets – die unterschätzte Defense. Die ist in der Spitze exzellent besetzt, sieht aber hinter den Stützen wie DE Demarcus Lawrence oder DT Tjong-a-Tjoe wenig Kadertiefe, was spätestens in engen Spielen zum Problem im Schlussviertel werden könnte. Im Defensive Backfield müssen die beide besten Cornerbacks (u.a. NFL-Zweitrundenpick Jamar Taylor) ersetzt werden, und glaubt man Insidern, ist der so wichtige Nickelback, der in Boise wegen der 4-2-5 Aufstellung ein besonders physischer Mann sein muss, noch nicht gefunden.

Der Schedule ist dieses Jahr wirklich nix Großartiges. Der größte Kniff ist die Tatsache, dass die beiden namhaftesten Gegner Auswärtsspiele sind (Washington zum Saisonauftakt und BYU). Das sind keine Selbstgänger und könnten eine perfect season verhindern. Weil Boise State aber immer noch keine wirklich tief besetzte Mannschaft auffährt und zumindest die obere Hälfte des Conference-Tableaus in der Mountain West Conference nicht zu unterschätzen ist, sollte man nicht qua Status der Broncos von einer perfect season ausgehen. Die Mannschaft ist gut, sie ist sogar exzellent für Mid-Major-Verhältnisse, aber gemessen am selbst erschaffenen Standard ist sie eine Nummer kleiner als die Broncos von 2009-2011.

The Countdown, T-minus 10: Clemson Tigers

Clemsons Memorial Stadium fasst 82.000 und wird "Death Valley" genannt - Bild: Wikipedia.

Clemsons Memorial Stadium fasst 82.000 und wird „Death Valley“ genannt – Bild: Wikipedia.

The Countdown

#10 Clemson Tigers.
ACC, Atlantic Division.
2012: 11-2.

Die Clemson Tigers gehören zu den “Kult”-Teams (sorry ‘bout that) im College Football. Sie kommen aus einer Kleinstadt in South Carolina, spielen in einem markanten 80.000er-Stadion mit Spitznamen „Death Valley“, haben sich den Ruf des ewigen Verlierers in der Crunch-Time erarbeitet, und trotzdem Anfang der 80er mal einen Landesmeistertitel geholt. Clemson gehört zur Folklore im College-Football wie, sagen wir, Kaiserslautern in den deutschen Fußball. Minus Fritz Walter, minus ewiges Verweisen auf die WM-Helden aus den frühen 50ern. Clemson ist Provinz, Tradition und Moderne, und somit Sinnbild für die Welt des College-Football.

Das klassische Clemson-Syndrom konnte auch unter Head Coach Dabo Swinney (seit 2009 im Amt) nicht ganz abgelegt werden: Mal krankte die Offense, dann explodierte diese zeitgleich mit der Implosion der Defense. Vor zwei Jahren gewann Clemson zwar die ACC, aber völlig unnötige Pleiten trübten auch damals das Gesamtbild und verstärkten den Eindruck des Teams, das sein gigantisches Potenzial nie gänzlich auszunutzen weiß. Clemson hat Potenzial für die Top-3, beendet die Saison aber klassischer Weise zwischen #10 und #15. So war es schon immer. Wird es auch immer so sein?

Diese Saison stehen die Vorzeichen nicht schlecht: Der Schedule ist machbar. In der ACC dürfte man mit Florida State durchaus auf Augenhöhe sein, aber out of conference warten zwei heikle Spiele gegen Georgia (zuhause) und @South Carolina. Ein ungeschlagenes Durchkommen ist nicht ganz außer Frage, aber es würde doch… irgendwie überraschen. Als „Trostpreis“ ist aber zumindest der ACC-Gewinn realistisch.

Clemson dürfte in erster Linie dank seiner Offensiv-Power optisch ein Hochgenuss sein. Der schwarze QB Tajh Boyd hat eine erstaunliche Entwicklung genommen, und mittlerweile halte ich es nicht mehr für ausgeschlossen, dass Boyd nächsten April ganz weit vorn im Draft gezogen wird. Boyds Statur ist eher gedrückt (1,81m), aber ein wendiger Mann für Scrambles und die Pässe, Baby: Der Wurfstil ist nicht der konventionellste, aber diese Furchtlosigkeit vor Würfen in engste Deckung – das ist NFL-reif vom Selbstvertrauen und von der Präzision. Boyd ist mit seinem rücksichtslosen Spielstil (u.a. 155 Scrambles 2012) aber auch ein permanentes Verletzungsrisiko.

In WR Hopkins und RB Ellington gingen zwar zwei Leistungsträger in die NFL, aber dafür bleibt WR Sammy Watkins, mittlerweile Junior und nach einem enttäuschenden Jahr 2012 geläutert. „Enttäuschend“ liest sich für Watkins noch immer wie ein gutes Jahr für einen durchschnittlichen Receiver (57 Catches für 708yds, 14 Rushes für 97yds, 13 Returns für 257yds), aber Watkins ist kein Durchschnittsmann, war vor zwei Jahren als Freshman eine Offenbarung: Ein Rastaman, der unbekümmert zum Einstand alles in Grund und Boden spielte was sich ihm in den Weg stellte. Watkins soll nun in der Form seines Lebens sein. Tja, und dann sind da noch der RB Rod McDowell und WR Martavis Bryant (letztes Jahr 30yds/Catch!). Hehe, und OffCoord Chad Morris, der spätestens im Winter einen Headcoach-Posten angeboten bekommen wird.

In der Defense ist Brent Venables der Coordinator. Venables steht bei mir seit seiner Zeit bei Oklahoma in einem etwas zwielichtigen Ruf, weil er seine Secondary auch gegen 5WR-Sets häufig blank stehen lässt. Die Secondary ist in Clemson der schwächste Mannschaftspart, wogegen in der Front-Seven außer dem besten Passrusher DE Malliciah Goodman (7 Sacks) alle wichtigen Spieler zurückehren.

Der Schedule für Clemson ist nicht ungünstig: Florida State als schwerster ACC-Gegner muss nach Clemson kommen, und die beiden „anderen“ richtig schwierigen Gegner Georgia und @South Carolina sind wie gesagt out of conference. Clemson hat gute Chancen, die ACC zu gewinnen, aber BCS-Titelchancen gebe ich den Tigers keine.

The Countdown, T-minus 11: Nebraska Cornhuskers

The Countdown

#11 Nebraska Cornhuskers.
Big Ten Conference.
2012: 10-4.

Die Nebraska Cornhuskers zählen zu den größten Schwergewichten des College Football, dank einer stolzen Tradition an Option-Offenses, die schon in der Urzeit des Sports begann. Nebraska ist ein weites Land, draußen in den Rednecks, entfernt von uns bekannten urbanen Gesellschaftsformen, und entsprechend zerstückelt sind die Dörfer und Kleinstädte. Die Universität Nebraska-Lincoln ist das große Identifikationspunkt des Staates, und sie kann über ein zwar nicht sonderlich bevölkerungsreiches, dafür aber unendlich weites Gebiet die Recruiting-Hohheit beanspruchen und gliedert schon seit vielen Jahrzehnten ihre Talente in immergleiche Spielsysteme.

Bis nach einer langen und erfolgreichen Zeit mit einigen der besten Mannschaften aller Zeiten der leichte Abstieg begann, und als reaktive Gegenmaßnahme ab Mitte der 2000er der ehemalige Head Coach der Oakland Raiders, Bill Callahan, als neuer Chef eingestellt wurde. Callahan riss alle Konventionen nieder und installierte einen quicken West-Coast-Style, mit dem sich die Menschen nicht identifizieren konnten. Callahan bekam nach der ersten historischen Pleite (vs Kansas wurden 2007 76 Punkte aufgegeben!) die Revolte zu spüren und wurde zugunsten con Bo Pelini abgesägt. Man hatte keine Geduld mit ihm. Man hatte Angst, dass nun alles anders wird.

Seit Pelini in Lincoln am Werk ist, ist die Meute wieder zufrieden: Ein schreihalsiger Defensivkünstler, dem in der Offense alles recht ist, solange nicht mehr als zehn Pässe pro Spiel geworfen werden. Das ist dann auch alles im Sinne von Athletic-Director und Nebraska-Legende Tom Osborne, den wir ja bereits kennen. Nebraska spielt mittlerweile nicht mehr wie zuvor seit Äonen in der Big 8 oder Big 12 Conference, sondern in der Big Ten Conference, in die man kulturell – Hand aufs Herz – auch etwas besser passt. Dort stehen keine Passfeuerwerke an. Dort wird noch überwiegend traditionell RRPP (run-run-pass-punt) gespielt.

Bloß: Es hat noch nie einer dran gedacht, dass man mit diesen Vorstellungen im heutigen College-Football kaum mehr 11-1 Saison en suite zustande kriegt, sondern sich eben mit reihenweise 9-4 Jahren zufrieden geben muss. Zumal Nebraskas Highschool-System nicht die Wunderspieler wie in Texas oder Florida hergibt. Und so sprechen wir hier über eine Großmacht, die verzweifelt versucht, wieder alten Glanz zu versprühen ohne von ihren uralten Werten loslassen zu wollen.

Dem Publikum isses wurscht: Die Leute kommen eh. Kein Spiel seit über 50 Jahren, das nicht ausverkauft war. Kaum ein Spiel, bei dem sich nicht noch vor dem Stadion 20.000 Verzweifelte ohne Karten tummeln. Cornhuskers-Heimspiele haben Kultstatus in einem bodenständigen Staat, dem es abseits von Football und der Bibel an echter Unterhaltung mangelt.

Was soll ich sonst noch schreiben: Dass QB Taylor Martinez mobil wie eh und je ist, und mittlerweile sogar sowas wie ein echter Werfer? Dass die Defense, die bisher gebaut war, die wurfgewaltigen Big12-Konkurrenten zu stoppen, noch immer nicht ganz soweit ist, die laufspielorientierte Big Ten einzubremsen? Alles schon oft gesagt. Es wird so „laufen“ wie immer: Nebraska putzt den Bodensatz im Schedule, gewinnt gegen 1 oder 2 der 4 „echten“ Gegner, weil es nicht die Qualität hat, sie alle – UCLA, Michigan (auswärts), Michigan State, Penn State (auswärts) – hintereinander zu übertölpeln, und am Ende wird man mit acht bis zehn Siegen in der Regular Season in ein Bowl Typus „Capital One“ eingeladen (um diese dann zu gewinnen oder zu verlieren, je nachdem um mit 9-4 oder 10-4 abzuschließen).

Und am 1. Jänner werde ich wieder die gleiche Story erzählen. Wie schon immer und immer wieder. Weil sie immer wieder sympathisch ist. Weil sie so… Nebraska ist.

The Countdown, T-minus 12: Texas Longhorns

The Countdown

#12 Texas Longhorns.
Big 12 Conference.
2012: 9-4.

Um mal einen schrägen Vergleich zu bemühen: Die University of Texas aus der texanischen Hauptstadt Austin ist sowas wie der FC Barcelona (pre-2005) oder das Real Madrid (post-2002) im College-Football: Die finanziellen Möglichkeiten übersteigen alles, was die Konkurrenz zu bieten hat, man liegt mitten im Herzen vom footballverrückten Texas mit seinen Abertausenden an Super-Athleten, man ist ständig im Mittelpunkt des Medieninteresses… und man hat das Image des underachievers: Ganze zwei National Championships hat man in über 100 Jahren Bestehen holen können!

2009/10 erreichte man das BCS-Finale, das man unter eher unglücklichen Umständen verlor. Seither kämpfen die Longhorns um den Anschluss an die Spitze – mit äußerst wechselhaftem Erfolg. Das führte dazu, dass Head Coach Mack Brown nach jeder nicht vollends überzeugenden Leistung ins Fadenkreuz gerät.

Brown ist beileibe kein innovativer Coach, der durch besonders geniale GamePlans auffällt. Was Brown auszeichnet, ist seine ausgleichende Persönlichkeit: Bei Texas musst du 24/7 die Mutti für alles geben, die sich um alles und jeden kümmert. Du musst dich gegen den ständigen Gegenwind aus allen Richtungen wehren. Du brauchst viel Leim für deinen angesägten Stuhl. Es ist angesichts der Umstände bemerkenswert, wie lange sich Brown nun schon in Austin schon halten kann; 100%ig wären andere Trainerstäbe längst in die Luft geflogen.

Das gesagt, sind die Texas Longhorns von 2013 potenziell scary: In Sachen Talente aus den Highschools gibt es keinen hochwertigeren Kader im College-Football, und nun ist es auch das erste Mal seit Jahren, dass sich dazu ein gesunder, erfahrener Mannschaftskern gesellt (19 Starter bleiben im Kader!). Talent + Erfahrung ist eine der sichersten Erfolgsformeln im College-Football.

Problematisch war letztes Jahr die Defense, die nach der Verletzung von LB Jordan Hicks komplett auseinander brach. 61 kassierte Punkte gegen den größten Rivalen Oklahoma hat man DefCoord Manny Diaz noch nicht verziehen. Aber es gab auch bessere Phasen, in denen die Abwehr tolle Ansätze zeigte. Das Spielermaterial ist da; allein die beiden besten Spieler müssen ersetzt werden: S Vaccaro und DE Okafor, die in die NFL gingen. Gut ist, dass die Backups sich bereits auf den Füßen stehen.

Die Offense hat Potenzial für eine der besten im Lande, und das, obwohl es eine nie endende QB-Controversy gibt: Da ist zum einen David Ash, der immer für ein Gurkenspiel gut ist, und zum anderen Case McCoy, dessen Vorstellungen kaum blasser sein könnten, aber der politisch viel Einfluss hat („Mein Bruder Colt ist eine Legende auf dem Campus, also verdiene ich mir den Starter-Spot“).

Alles abseits der Quarterbacks ist sensationell besetzt, aber genannte beiden QB-Optionen haben so viele Flauseln, dass die OffCoords seit Jahren wie wild drum herum doktern müssen, um Konstanz in den Laden zu bringen. Letzten Herbst scheiterte der geniale OffCoord Bryan Harsin an dieser Monsteraufgabe, und Harsin gehörte nun wirklich zur heißesten Ware, was Offensivgeister angeht (Harsin ist nun weg, wird Head Coach bei Arkansas State).

So ist das Gesamtbild der Texas Longhorns ein recht frustrierendes: Die Möglichkeiten und Ressourcen sind schier unbegrenzt, aber die nicht aufhörenden Kleinkriege bei so vielen Interessensgruppen und die erfolglose Suche nach einem wirklich beständigen Quarterback verhinderten in den letzten drei Jahren den Durchbruch. Die Longhorns stecken ein bissl in der Zwickmühle, auch wenn es dank Talent+Erfahrung jederzeit den Breakout geben kann. Über ein 11-1 wäre ich alles andere als überrascht, auch wenn die drei schwersten Conference-Spiele auswärts oder auf neutralem Feld fern des heimischen Memorial Stadiums (100.000 Zuschauer) sind.

Wahrscheinlicher ist aber sowas wie ein erneutes 9-4 oder 10-3, mit aufflammenden Diskussionen um die Zukunft von Mack Brown.

The Countdown, T-minus 13: Notre Dame Fighting Irish

The Countdown

#13 Notre Dame Fighting Irish.
Independent.
2012: 12-1.

Der letzte Eindruck ist oft ein bleibender, was im Falle der Notre Dame Fighting Irish ein ziemlich negativer ist: So bitterböse, wie man von Alabama im BCS-Endspiel niedergemacht wurde (und, really, die 28pts-Niederlage war noch Gnadenbrot), tat man sich im Nachhinein schwer, die erste ungeschlagene Regular Season seit vielen, vielen Jahren schön zu reden.

Notre Dame ist keine gewöhnliche Uni. Notre Dame, die größte und strahlkräftigste Katholiken-Uni der Staaten, schleppt viele Jahrzehnte Football-Tradition und etliche Mythen mit, sodass sie auch ohne direkten sportlichen Erfolg stets relevant in der Wahrnehmung der US-Massen bleibt. Klassischer Fall von man liebt sie oder man hasst sie. Insofern war es schon überraschend gewesen, wie schwer Notre Dame letztes Jahr unterschätzt worden war, nachdem es vor der Saison klare Anzeichen einer exzellenten Saison 2012 gegeben hatte (viele knappe Niederlagen 2011, sehr gutes SRS, viel Turnover-Pech…). Einzig der Schedule hatte mich nervös gemacht, aber einen schweren Schedule spielt Notre Dame fast immer. Und wie es im Football oft so läuft, war Notre Dame kein viel besseres Team als vorher gewesen, allein, sie hatten die Würfel diesmal auf ihrer Seite: Sie gewannen Freakspiele gegen Pitt und Stanford mit Hilfe vom Heiligen Petrus und den Zebras (Slang: Refs) und wurstelten sich irgendwie ins BCS-Endspiel durch. Das ist ein Erfolg, den man nicht kleinreden muss, denn viele Teams, die ins BCS-Endspiel kommen, brauchen solches Glück, selbst Alabama, das ein viel besseres Team stellt, aber in den beiden letzten Jahren trotzdem jedes Mal auf fremde Hilfe angewiesen war, um das Endspiel überhaupt zu erreichen.

Dass die Fighting Irish im Endspiel so platt gemacht wurden, trimmt die Erwartungen für dieses Jahr und sorgt auch für eine gesündere Einordnung der Erwartungen: Yup, das Team ist immer gut für neun oder zehn Saisonsiege, aber ein Verpassen des BCS-Finals als Enttäuschung zu werten, ist vermessen.

Das Team von Head Coach Brian Kelly muss diesmal zusätzlich im Vorfeld der anstehenden Saison auf den einen oder anderen Eckpfeiler verzichten. LB Manti Te’o zum Beispiel ist weg. Te’os Einfluss auf die Defense wird im Nachhinein durch den bizarren Kekua-Hoax vielleicht etwas unterschätzt: Einen so dynamischen Spieler musst du erstmal ersetzen. Gut für das Team, dass die Defense Line um die künftigen Erstrundenpicks DT Louis Nix und DT Stephon Tuitt weiterhin erstklassig bleibt. Auch auf OLB Prince Shembo wird eine extrem wichtige Rolle zukommen, denn der Passrush der Front-Seven muss zünden, um eine ausgedünnte Secondary zu entlasten. DefCoord Bob Diaco ist nicht unbedingt bekannt dafür, viel zu blitzen.

In der Offense wurde der Quarterback der letzten Saison, Everett Golson (damals ein Freshman) von der Uni geschmissen. Das führt dazu, dass Kelly dieses Jahr wieder auf den alten QB, Tommy Rees, zurückgreifen wird, was im Umkehrschluss bedeutet: Wir sind nur zwei Interceptions von einer QB-Controversy entfernt. Auch beim Rest der Offense wird man abwarten müssen: Die Running Backs sind samt und sonders suspekt, aus der Crew der Ballfänger ist mit TE Tyler Eifert der meilenweit beste Mann in die NFL gegangen. Wie Eifert ersetzt werden soll, steht noch in den Sternen.

Notre Dame wird nicht einbrechen, dafür sieht die Front-Seven zu dominant aus. Aber es ist anzunehmen, dass die Mannschaft im Vergleich zur letzten Saison an Qualität eingebüßt hat, und vor allen Dingen im Zweifelsfall keine 5-0 Bilanz in engen Spielen mehr einfahren wird. Es wird wohl auf eine 8-4 oder 9-3 Regular Season hinauslaufen.

The Countdown, T-minus 14: Florida Gators

The Countdown

#14 Florida Gators.
SEC, Eastern Division.
2012: 11-2.

Ästhetisch ansprechend ist das, was die Florida Gators unter Head Coach Will Muschamp spielen, nicht, aber es ist erfolgreich: Letztes Jahr kam Florida in der zweiten Saison unter Muschamp mit 11-1 Siegen durch die Regular Season, und nur eine unglückliche Niederlage gegen Georgia verhinderte den Divisionssieg in der SEC-East. In der Sugar Bowl ging man dann zwar als hoher Favorit gegen Louisville baden, aber das konnte die guten Eindrücke nicht mehr trüben: 2012/13 wird in Gainesville als Erfolg gewertet.

Die University of Florida war in den letzten zwei Jahrzehnten eine Angriffsschmiede mit Passfeuerwerken unter Steve Spurrier in den 90ern und einer sehr erfolgreichen Zeit mit Spread-Option-Laufoffense und dem gefeierten Triumvirat HC Urban Meyer, WR Percy Harvin, QB Tim Tebow. Seit Muschamp da ist, regiert rohe Physis und Fokus auf perfekte Ausführung der Basics im Football: Tackling, Blocken, Laufspiel über die Mitte. Optisch schreit nix nach den klassischen „Florida Gators“, aber immerhin ist es nach zwei, drei Jahren Mittelmaß wieder erfolgreich.

Das alles überrascht ein wenig, denn OffCoord Brent Pease kommt aus der Schule der Boise State Broncos und hatte dort eine der schönsten Offenses überhaupt unter seinen Fittichen. In der aktuellen Florida-Mannschaft fehlt für diese Spread-Offense der kleinen Schritte aber das Spielermaterial, und so hat der Angriff einen merkwürdigen Look: Es gibt zwar viele Spielzüge mit drei, vier potenziellen Ballfängern im Line-Up, es gibt auch die aus Boise bekannte Bewegung vor dem Snap mit vielen Motions, aber es folgt in aller Regelmäßigkeit ein trockener Lauf ohne viel Trara. Geworfen wird nur, wenn unbedingt notwendig. Wenn deine Defense das Spiel eng halten kann, ist das bei aller Hässlichkeit ein probates, risikoloses Mittel.

Und so ist der mobile QB Jeff Driskel vor allem darauf bedacht, nur ja keine unnötigen Fehler zu begehen. Notfalls lieber den Sack kassieren als eine Interception zu riskieren (Driskel wird in jedem achten Passversuch gesackt – rekordverdächtig). Den Rest sollen Offense Line und Running Backs machen und schauen, wie lange es dauert, bis selbst Monster-Defenses wie LSU oder FSU klein beigeben. Fehlerminimierung in ihrer reinsten Form geht allerdings häufig auf Kosten des K.o.-Schlags, und so war Floridas Offense zuletzt berüchtigt für ihre banale RedZone-Offense (im Zweifelsfall wird das 3rd down ins Aus geworfen und fast immer das Field Goal gekickt). Diese bodenlose RedZone-Offense kostete Florida nicht zuletzt im einzigen verlorenen Spiel der Regular Season gegen Georgia den Divisionssieg und die Aussicht auf das BCS-Finale.

Mal sehen, wie die Offense dieses Jahr aussieht. Jungs wie RB Mack Brown oder noch viel mehr Matt Jones deuteten großes Potenzial an, und in WR/KR Trey Burton gibt es auch einen dieser aufregenden Playmaker in der Tradition von Harvin oder Austin.

Die Defense war zuletzt unüberwindbar für gegnerisches Laufspiel und zwang sämtliche Gegner zu Passspiel. Die Frage ist nun, nach den Abgängen der drei wichtigsten Ecksteine DT Floyd, LB Bostic und S Elam (alle Erst- und Zweitrundendraftpicks), wie sich dieses Rezept halten lässt. Floridas Passrush war auch mit Sharrif Floyd nicht gefürchtet, und mit Bostic und Elam müssen die zwei schnellsten Tackler ersetzt werden. Kann die Defense überhaupt ihr Level halten? Wichtig werden auch die Special Teams: P Kyle Christy war letzte Saison ein wichtiger Faktor für den Feldpositionskampf, und auch er sollte zumindest annähernd die Leistung halten können, um die anderen beiden Mannschaftsteile so weit wie möglich zu entlasten.

Wird spannend. Florida geht nach common sense als leichter Divisionsfavorit in der SEC-East ins Rennen; der Schedule ist wie immer nicht zu unterschätzen (@LSU als alljährlicher Gegner ist eines der schwierigsten „Rivalry“-Lose, aber zumindest FSU ist kein Conference-Spiel) und im Vergleich zu Truppen wie South Carolina dieses Jahr ein echter Nachteil.

Persönlich habe ich das Gefühl, dass wir alle zusammen Florida leicht überschätzen: Die Bilanz letztes Jahr ist durch ein 4-1 in engen Spielen leicht geschönt, die Mannschaft hatte etwas Turnoverglück (viele abgefälschte Bälle wurden abgefangen), und immer wenn bei Teams mit in diesem Eintrag beschriebenen Charakteristika Defense und Special Teams einen Zapfen nachlassen und die Offense in Zugzwang zu werfen kommt, droht die eine oder andere unnötig ausschauende Niederlage…

The Countdown, T-minus 15: Oklahoma Sooners

The Countdown

#15 Oklahoma Sooners.
Big 12 Conference.
2012: 10-3.

Bei den Oklahoma Sooners wusste man in den letzten Jahren, was man bekommen wird: Eine sehr gute Mannschaft, die zehn, elf Siege in der hochwertigen Big 12 Conference einfahren wird, die zu den BCS-Anwärtern gehört, aber nur bis Ende Oktober, da spätestens dann ein, zwei überflüssige Stolperer eingestreut werden. Das ist das Stigma des Head Coaches Bob Stoops, der in seiner mittlerweile 14jährigen Amtszeit „nur“ einen BCS-Titel holen konnte (zu wenig an der vielleicht erfolgreichsten Football-Uni der letzten 50 Jahre).

Diesmal hat Oklahoma (das große Oklahoma!) etwas von dark horse: Die vergangene Saison war eigenartig steril mit einer windelweichen Defensive-Front-7, und in QB Landry Jones und OT Lane Johnson sind die besten Offensivspieler in die NFL gegangen. Stoops tauschte den halben Trainerstab aus und sieht sich vor einem Herbst, vor dem die Erwartungen für seine Sooners untypisch niedrig sind.

Es liegt vieles im Dunkeln. Wer wird zum Beispiel der Quarterback? Es gibt mit Blake Bell einen zirka zweieinhalb Meter großen und eineinhalb Meter breiten Schrank, der die letzten Jahre unter dem Decknamen „Belldozer“ als short yardage back eingesetzt wurde und dabei brillierte, der aber ganze 20 Passversuche in seiner Vita aufweist. Die Jungs hinter Bell sind noch grüner. Fix ist nur, dass der neue Quarterback sofort von der Leine gelassen werden wird: Stoops schenkt seinen Spielmachern von Beginn an volles Vertrauen und erwartet als Gegenleistung minimum 4000yds und 30 Touchdowns.

Der Trainerstab in Oklahoma verfügt über fassungsloses Wissen im Offense-Bereich, deswegen kann man davon ausgehen, dass die Sooners auch mit unbekanntem Spielermaterial Punkte aufs Scoreboard bringen werden. Wo größere Zweifel angebracht sind, da reden wir vom Gebiet der Verteidigung. Dort muss DefCoord Mike Stoops, Bobs Bruder, nach einem gewaltigen personellen Aderlass in den letzten Jahren mit einem mehr als suspekten Personal arbeiten. Waren bislang zumindest Passrush und Defense Line stets gut genug gewesen, um gemeinsam mit der starken Offense eine wechselhafte „Back-7“ im Sooners-patentierten 4-2-5 System zu kaschieren, so galten letztes Jahr ausgerechnet Lauf-Abwehr und Passrush als riesige Schwachstellen.

Für Stoops wäre es schon ein Erfolg, wenn die Unit nach erneut vielen Abgängen nicht noch weiter auseinander fällt, aber um im BCS- und Conference-Rennen weiter vorne dabei zu bleiben, müsste die Defense sich eigentlich sofort verbessern.

Merkwürdiger Status quo vor diesem Herbst: Oklahoma ist nicht der Big 12-Favorit, und wird selten genannt, wenn es um mögliche BCS-Sieger geht. Die Granden in den Staaten sagen, ein unterschätzter Bob Stoops ist ein gefährlicher Bob Stoops und immer gut genug, um die Footballwelt zu übertölpeln, aber: Nein. Diese Mannschaft kommt nicht ungeschlagen durch. Die Kombination aus Schedule (z.B. out of conference-Spiel gegen Notre Dame), Ausgeglichenheit an der Conference-Spitze und unerfahrenem Spielermaterial ist zu viel „Uphill“ für eine Perfect Season.