The Countdown, T-minus 28: Miami Hurricanes

The Countdown

#28 Miami Hurricanes.
ACC, Coastal Division.
2012: 7-5.

Weiter geht es im College Football Countdown mit einem der bekanntesten Footballteams in den Vereinigten Staaten, den Miami Hurricanes. Der Ruf der Canes gründet in erster Linie auf der sehr erfolgreichen und „lauten“ Zeit in den 80ern und Anfang der 90er Jahre, aber seit zirka zehn Jahren ist es recht leise um „The U“ geworden. Die letzte BCS-Bowl war Anfang 2003 das National Championship Game, seither wurstelt man sich mit mittelmäßigen 7-5 und 8-4 Saisons durch und machte nur mehr durch einen riesigen Booster-Skandal auf sich aufmerksam. Die TV-Ratings sind zwar nach wie vor gut, weil Miami extrem viele Fans quer über die Staaten verteilt besitzt, aber im seelenlosen Sunlife Stadium spielt man zumeist vor leeren Tribünen, es sei denn, die Florida State Seminoles sind im Anmarsch.

Ein Merkmal bei Miami ist das immer noch extrem gute Recruiting. Das Highschool-System in Florida ist das landesweit zweitbeste hinter Texas, und noch immer wollen viele Supertalente für die Hurricanes auflaufen. In den letzten Jahren lagen die Probleme eher beim schlechten Coaching oder zu vielen Kneipenschlägereien als am fehlenden sportlichen Niveau. Der Head Coach Al Golden ist seit zwei Jahren dabei, diese Baustellen zu schließen. Golden gilt als weitsichtiger Stratege und vor allem auch als guter operativer „In-Game“-Manager mit guten Playcalls und gutem Clock-Management.

Das reichte in den ersten beiden Jahren für schnelle sportliche Konsolidierung: 6-6 und 7-5, wobei vor allem in der zweiten Saisonhälfte letztes Jahr die Offense den Durchbruch schaffte. Sie muss nun ohne den abgewanderten OffCoord Jedd Fisch (Jacksonville Jaguars) auskommen, aber dafür konnte der Offensive Coordinator vom großen Rivalen FSU gewonnen werden. Superstar im Angriff ist der extrem explosive RB Duke Johnson, erst ein Sophomore, der letztes Jahr in nur 139 Carries 947yds (6.8 Y/A) und 10 Touchdowns fabrizierte. Johnson ist übrigens auch ein famoser Kick-Returner (2 TD in nur 27 Returnversuchen), und explosiv, Baby:

Johnson ist der Superstar, aber Miami hat auch eine Offense Line, die sich gewaschen hat, bzw. die in Kürze Prospects wie RG Brandon Linder oder RT Seantrel Henderson in den Draft schicken wird. Es ist dank des Super-Backs zu erwarten, dass Miamis Offense stärker lauforientiert sein wird, auch wenn der QB Stephen Morris mit seinem rattenscharfen Wurfarm auch keine unterirdische Option ist. Morris hat halt nicht den großen Support-Cast an Skill-Players; dafür kann er auf die Line vertrauen, die ihm selbst auf tiefen Passrouten ausreichend Zeit verschafft (Sack-Rate 3.5%).

Kopfzerbrechen bereitet die Defense, die unter Golden einfach nicht in Fahrt kommt. Hauptkritikpunkt: Mangelnder Passrush. Der angedachte Superstar ist DE/DT Anthony Chickillo, der seit ich denken kann hoch gehypt wird, aber nie mehr als 4 Sacks produziert. Hoffnung macht man sich dieses Jahr u.a., weil Chickillos Nebenmann ein Neuer sein wird: DE Gilbert, der aus Wisconsin kommt; Gilbert wollte es mit dem Football eigentlich seinem Fuß zuliebe sein lassen, aber er probiert es nun ein letztes Mal in seiner Heimatstadt Miami. Bleibt der Mann halbwegs gesund, besteht kein Zweifel, dass die Front-Seven der Canes gut aufgestellt sein wird. Dass sollte sie auch besser, denn in der Secondary geht man hauptsächlich mit Spielern im ersten oder zweiten Jahr ins Rennen.

Oben angesprochener Booster-Skandal trägt den Codenamen „Nevin Shapiro“ (der Mann, der die Nutten zahlte und sich im Knast an seinen ehemaligen „Freunden“ rächte). Das übelste an dem Fall für Miami: Die NCAA wartet schon fast zwei Jahre zu mit den Strafen. Niemand weiß Stand heute, ob Miami im Winter überhaupt spielberechtigt für die Bowl-Season sein wird. Schlägt der Hammer zu: Nein. Aber gehen wir jetzt mal zum Zweck dieses Blogeintrags davon aus, dass die Canes spielberechtigt sein werden.

Dann haben sie gute Chancen, das ACC-Finale zu erreichen. Miami spielt in der schwächeren Coastal-Conference, und hat bis auf das heikle Auswärtsspiel bei Florida State und ein 50/50-Spiel in North Carolina einen machbaren Schedule. Es gibt sogar gleich am zweiten Spieltag zuhause gegen die Florida Gators die Chance, einen fetten out of conference-Sieg einzufahren, mit dessen Hilfe man Schwung in die Saison aufnimmt. Für Al Golden und seine Jungs könnte das Jahr tatsächlich so was wie die Rückkehr in höhere Sphären des College-Football werden.

The U

ESPN America wird heute um 21h die Doku The U aus der teilweise sehr, sehr starken Serie 30-for-30 wiederholen. „The U“ behandelt das umstrittene Footballprogramm der University of Miami Hurricanes, die in den 80ern als Emporkömmling die Welt des College Football komplett auf den Kopf stellte.

Darin wird aufgezeigt, wie Miami/FL zu dieser Zeit unter Coach Howard Schnellenberger vorging, um aus einem quasi unsichtbaren Programm die dominanteste Dynastie jener Zeit zu bauen: Schnellenberger, ein kauziger Schnauzbart, brach sämtliche Konventionen und ging als erster mit seinem Trainerstab furchtlos hinein in die Ghettos von Südflorida und fand dort die besten Athleten (nicht unbedingt: die besten Studenten) Amerikas. Es war gleichzeitig die Zeit, in der die Tony Montanas in Miami die Straßen kontrollierten. Und das pathetische Publikum in der Orange Bowl wurde durch unkontrollierbare Massen ersetzt und verdrängt. Sports meets Culture. The U = Lifestyle galore.

Entsprechend eng verbandelt waren ab sofort Mannschaft und Uni mit der Ghetto-Kultur, umso mehr nach der sensationellen ersten (von insgesamt fünf) National Championship 1983/84 gegen die legendären, bodenständigen, traditionellen Nebraska Cornhuskers. Auf der anderen Seite wollte das Präsidium der University of Miami, eine eher kleine Privatuniversität, ihren Ruf als exzellente akademische Institution nicht verlieren und schikanierte intern sachte die eigene Mannschaft wo es ging.

Auf Schnellenberger folgte die gestriegelte Betonfrisur Jimmy Johnson (heutiger Studiopundit bei Fox (?) oder CBS), ein Coach, der im Film als Mann mit weißer Schale, aber schwarzem (im Sinen von: afroamerikanischem) Herzen charakterisiert wird. Johnson führte das Programm bis zu seinem unerwarteten Abgang in die NFL (Dallas Cowboys) zu ungekannten Höhen, aber auf der anderen Seite machte sich Miami durch seine laute, ungehobelte Art nicht nur Freunde. Das Programm sorgte für Rekordeinschaltquoten. Das Programm spaltete.

Und so ging es weiter. Legendäre Siege und Niederlagen folgten. Die hasserfüllten Rivalitäten mit Notre Dame („Catholics vs Convicts“) und der anderen Großmacht Floridas, FSU („Wide Left“),werden aufgearbeitet, wie auch die Miami Rule, das Verbot von dutzenden – grenzwertigen – Jubelgesten, die die Canes-Spieler in einem Bowlspiel gegen Texas aufführten und damit bei den Assauers und Neubergers des College Football Ekelherpes hervorriefen.

Die Doku gab mir bei ihrer Erstausstrahlung vor zwei Jahren ein recht gutes Gefühl, welchen „Impact“ Miami/FL für die heile College-Footballwelt einst gehabt haben muss, und sie macht verständlich, warum bei nun mittlerweile fast zehn Jahren sportlichem Mittelmaß immer noch ein solcher Terz um dieses Programm und ihre Aura gemacht wird.

Sehtipp für die, die heute noch nichts vorhaben.

The Return of the College Football zu ESPN America

Die MLB-Playoffs sind gütlicherweise genau so ausgegangen, dass heute wieder die volle Dröhnung College Football gezeigt werden kann. Ab 15h College GameDay aus Gainesville, der Heimatstadt der Florida Gators, und danach zweimal SEC-Derby vs. ein ACC-Klassiker. Falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten: Die Conference-Saison kommt in die Gänge, die Saison im College Football gewinnt an Thrill.

Texas A&MLouisiana State birgt abseits des Manziel-Watchings (Manziel ist Freshman-QB der Aggies) Spannung, inwiefern die Tigers nach mehreren blutleeren Vorstellungen mit dem Heimsieg über South Carolina wieder in Schwung gekommen sind. LSU gewann verdient, recht souverän gegen die Gamecocks in einem Spiel.

Die spielen ab 21h30 im Kracher möglicherweise um den SEC-East-Divisionssieg, auswärts bei den Florida Gators. Und ausgerechnet dann droht RB Marcus Lattimore verletzt auszufallen… riecht nach einer defensivorientierten, nicht allzu punktereichen Partie. Ein Knackpunkt, der vor allem im GameDay rauf und runter diskutiert werden dürfte: Steve Spurrier kehrt zurück an die University of Florida. Spurrier war in den 90ern der Head Coach gewesen, der mit seiner Fun’n’Gun-Offense die Gators überhaupt erst auf die Landkarte der Top-Footballprogramme gebracht hatte, und ist spätestens seit dem National Championship 1996/97 eine Legende, ehe er in der NFL aufgrund von eklatanten Problemen mit der Blitz-Protection in Washington grandios scheiterte und dann zu South Carolina ging. Spurrier spricht in Interviews interessanterweise immer noch von we, as und our, wenn es um die University of Florida geht.

Noch zwei andere Teams aus Florida matchen sich am Samstag: Miami Hurricanes vs. Florida State Seminoles ist ein Duell, das Reminiszenzen an die Vergangenheit weckt. Canes und Seminoles waren vor allem in den 80ern und frühen 90ern zwei der College-Programme schlechthin gewesen, mit Spielen mit teilweise bis zu 50 (!) späteren NFL-Profis auf dem Spielfeld. Aus der ESPN-Doku „The U“ war einiges an Thrill zu entnehmen, was diese beiden Rivalen angeht; weil die University of Miami seit Jahren sportlich besonders arg krankt und zuletzt durch Booster-Skandale gebeutelt war, ist die Rivalität etwas abgeflaut, aber beide sehen sich gegenseitig immer noch als Rivalry #1.

Miami spielt normalerweise vor halbleerem Haus im Sunlife Stadium. Wenn es nachts gegen die Noles geht, ist die Hütte aber rappelvoll, und die Stimmung im Stadion ist kaum beschreiblich. Allerdings ist das Gutelaune-Publikum in Miami bei Blowouts auch recht NFL-like schnell verschwunden und wir erleben – wie vor zwei Jahren beim 7-42 gegen die Noles – ein Schlussviertel vor leeren Rängen, während die Fans in – sagen wir – Nebraska auch bei 0-50 fast geschlossen bis zur Schlusssirene im Stadion bleiben.

Spielplan Week 5 bei ESPN America

Der Sendeplan – falls nicht wieder dreimal überarbeitet – ist diesmal voll genug, dass zum ersten Mal seit viiiiiielen Wochen (oder Monaten?) auch wieder ein Footballtape am Sonntagmorgen gesendet wird. Das hatten wir laaaaaaaaange nicht mehr, vor lauter halbstarker Motocrosser.

LIVE

    20.10.2012  15h    College GameDay aus Gainesville
    20.10.2012  18h    Texas A&M - Louisiana State
    20.10.2012  21h30  Florida - South Carolina
20./21.10.2012  02h    Miami/FL - Florida State

TAPES

    21.10.2012  05h30  Syracuse - UConn
    21.10.2012  11h30  Miami/FL - Florida State
    22.10.2012  05h30  Oregon State - Utah
    25.10.2012  11h    TCU - Texas Tech
    25.10.2012  13h30  Tennessee - Alabama
    25.10.2012  16h    Miami/FL - Florida State

Auch TCU – Texas Tech ist nicht uninteressant. TCU muss ohne den suspendierten QB Pachall mit einer umgekrempelten Offense antreten, während die Red Raiders von Head Coach Tommy Tuberville bisher eine überraschend starke Saison spielen und in den mathematischen Rankings ganz, ganz weit vorne zu finden sind.

Bei TennesseeAlabama dürfte es für Head Coach Derek Dooley um Schadensbegrenzung gehen: Dooley kann sich vermutlich keinen Blowout leisten, will er nächstes Jahr noch Coach der Vols bleiben. Gespannt darf man auch hier auf die Stimmung sein: „Rocky Top“ im 100000er-Stadion zu Knoxville ist in sportlich erfolglosen Zeiten wie diesen häufig recht leise drauf, aber gegen Giganten wie Alabama war das Rund mit den extrem steilen Rängen auch in jüngerer Vergangenheit oft rowdymäßig drauf.