Dampfwalze in einer schwarzen Stadt – Die Atlanta Falcons haben ihren Frieden gefunden

Die Atlanta Falcons sind keine traditionell erfolgreiche Mannschaft in der National Football League. Sie haben sich erst zum zweiten Mal für eine Super Bowl qualifiziert und noch nie den großen Titel gewonnen. Protokoll einer wechselhaften Geschichte. Weiterlesen

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Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Die Atlanta Falcons gelten als eine der langweiligeren Franchises in der Ära nach Michael Vick, aber so ganz erschließt sich mir nicht, warum. Die Mannschaft ist seit der Inthronisierung des sportlichen Führungsduos bestehend aus Head Coach Mike Smith und GM Thomas Dimitroff eine permanente Wundertüte, die, obwohl jeder weiß was sie spielen möchte, die immergleichen Erwartungen entweder massiv übertrifft (2008, 2010, 2012) oder massiv enttäuscht (2011, 2013). So richtig „in line“ sind die Falcons nicht – warum, ist fast nicht nachvollziehbar.

Dimitroff ist eine coole Socke, fast nicht in das klassische Schema des NFL-Bürokraten zu pressen. Das neue, alpenländische deutschsprachige Football-Blog Two Point Conversation von Simon Traxl und dem Falcons-nahen Marko Markovic (in Blogsphären auch als Wiesengrund unterwegs) schreibt in einem der ersten Blogeinträge, einer Buchrezension, unter anderem auch über den (O-Ton) „liberalen laid-back Nerd“ Dimitroff. Ein lesenswertes Stück. Dimitroff kommt, wie wir wissen, aus dem Stamm Belichicks, aber er wirkt wie ein Gegenentwurf zu Belichick. Mit dem harten Hund Scott Pioli (einst auch in New England, später als GM in Kansas City gescheitert) holte sich Dimitroff nun einen alten Weggefährten in das Front-Office.

Dimitroffs Falcons versprühten trotzdem nie die ganz große Magie. Es mag dran liegen, dass der Franchise-QB Matt Ryan kein Lautsprecher ist, dem die Sideline-Reporterinnen am Hals hängen. Oder dass man den leisen Head Coach Mike Smith nicht auf der Straße erkennen würde. Oder dass man die Bilder vom verbrauchten RB Michael Turner (*schmacht*) noch nicht ganz verdrängt hat. Oder dass die heimatliche Halle nur dann ausverkauft ist, wenn die SEC dort College-Football spielt. Anyhow: So fasziniert man von den Falcons und ihren kultigen Führungspersönlichkeiten sein sollte, so langweilig findet man diese Jungs.

Überblick 2013

Record         4-12   --
Enge Spiele    4-7
Pythagorean    5.8    24
Power Ranking  0.340  28
Pass-Offense   6.0    17
Pass-Defense   7.1    32
Turnovers      -7

Management

Salary Cap 2014.

Der Absturz der letzten Saison auf 4-12 tat nicht viel dafür, dieses Vorteil in deinem Kopf zu beseitigen. 2013/14 lief alles schief, was schieflaufen konnte: Knappe Niederlagen zum Saisonauftakt, ein schneller Ausfall des Schlüssel-WRs Julio Jones (2012 mit 22% Anspielen, 2013 mit 41 Catches für 580yds in nur viereinhalb Spielen / 33% tiefe Anspiele), eine unter Verletzungen kollabierende Offensive Line und Defense, ein WR Roddy White auf dem Zahnfleisch. Das Gute an solchen Seuchenjahren: Es gibt dir die Möglichkeit, ein bissl umzubauen, und mit ein paar höheren Draftpicks wieder nachzubessern.

Jones und White sollten zur kommenden Saison wieder fit sein. In WR Douglas hat man einen ganz brauchbaren dritten Mann für die Catches. Dafür muss man versuchen, die TE-Legende Tony Gonzalez zu ersetzen.

Ryan würdest du für Max Müller aus der Blumenthalstraße 17 halten, wenn du nicht wüsstest, dass er einer der erfolglosesten erfolgreichsten Quarterbacks der letzten Jahre in der NFL ist. Ryan leidet noch immer unter seinem Image als Playoff-Loser. Er ist im Gegensatz zu einem Rodgers, Manning oder Brees nicht in der Lage, eine Offense komplett im Alleingang zu tragen, aber unter passenden Rahmenbedingungen ist Ryan trotzdem ein verlässlicher Mann, der dir über 7 NY/A und 30 Touchdowns ohne Laufspiel fabrizieren wird.

Gerade wegen dieser Rahmenbedingungen sollte Atlanta vielleicht ein Auge auf die TE-Position halten, und im Draft versuchen nachzubessern. Erinnert sei noch einmal an das NFC-Finale 2012/13, als Jones/White/Gonzalez so um die ersten 21 Catches im Spiel unter sich aufteilten, weil sich keine weitere Alternative anbot. Einen Gonzalez ersetzt du niemals 1:1, aber es dürfte nicht mit einem TE Levine Toilolo in die Saison gehen.

Wo bereits eine gute Ergänzung gemacht wurde: Offensive Line. Diese ist seit Jahre ein Bremsklotz in Atlanta, aber mit dem RG Jon Asamoah aus Kansas City wurde ein hervorragender Mann geholt, um die halbrechte Position nicht in die Hände eines ungedrafteten Rookies zu legen. Der Rest der Line halt zuletzt aber als purste Katastrophe in Reinform.

Atlanta wird vermutlich nicht viel anderes übrig bleiben als in der ersten Runde einen Offensive Tackle zu draften: Ein neuer Tackle dürfte sogar zwei Probleme lösen: Die linke Flanke (Ryans „Blind Side“), und man könnte der bisherigen LT Baker nach rechts schieben, wo ihn Experten als besser geeignet sehen.

Und dann sehen es alle als wichtig an, noch einen „interior Lineman“ zu holen, also einen weiteren Guard oder Center. Gerade auf Center galt zuletzt der junge Peter Konz als komplett pulverisiert und hoffnungsloser Fall. Es gibt Experten, die behaupten, Atlanta müsse bloß irgendeinen Center holen, ihn zwei Wochen lang in ein Steakhouse schicken und mit dem Bröckerl hätte man genügend Physis um Konz vergessen zu machen.

Also: Left-Tackle, Center/Guard als unbedingte Needs für die Offense, plus wenn es sich ausgeht, noch einen Tight End. Das sind gar einige dringende Fälle auf einmal.


Zumal auch die Defense keine g’mahnte Wiesn ist. Nicht einmal DefCoord Mike Nolan war zuletzt noch in der Lage, aus diesem Haufen eine gescheite Unit zusammenzufinden. Atlantas Defense war nie eine der effizientesten, aber sie kaschierte ihr abwartendes und oft viele NY/A kassierendes Spiel häufig mit Turnovers und Interceptions. Letztes Jahr ging aber alles den Bach runter.

In der Offseason waren die Bemühungen erkennbar, die Front-Seven zu massieren: Mit Tyson Jackson (einstiger 1st-Round Pick Piolis in Kansas / hatte 2013 seine erste wirklich gute Saison) und Paul Soliai aus Miami wurden zwei Männer für die Innenseite der Defensive Line geholt, um eine schwache Lauf-Defense aufzubolstern und den Flanken und Linebackers etwas mehr Raum zum Atmen zu verschaffen. Die beiden Eigenbauprodukte Babineaux, Jerry und Peters wurden gehalten, sodass man diese Position zumindest im weiteren Offseason-Verlauf vernachlässigen kann.

Auf Defensive End ist man mit einem verbrauchten Umenyiora und Bierman nicht unbedingt weltbewegend besetzt – in einer Defense, die zuletzt die wenigsten „Adjusted-Sacks“ der Liga hatte, kannst du da immer ein Upgrade brauchen. Sagen wir es so: Sollte Jadeveon Clowney wider Erwarten zu den Falcons runterfallen, ist keine Frage, wer als erstes gedraftet wird. Dann kannst du dir auch deinen Offense Tackle eine Runde aufsparen. Aber Clowney wird höchstwahrscheinlich nicht fallen. Möglicherweise wird Atlanta versuchen, in den späteren Runden des Drafts passende Spielertypen auf Defensive End zu holen – es war eh überraschend, das man sich keine Ends vom Transfermarkt holte.

Oder bastelt Dimitroff schon am nächsten Mega-Trade, diesmal für Clowney?

Linebacker ist nur auf der Strong-Side mit Weatherspoon adäquat besetzt, aber bei so vielen Problemen kannst du dich im Draft nicht auf LB stürzen. Es bleibt die Option, auf den Frühsommer zu warten, wenn möglicherweise nach einer Entlassungswelle einige billige Routiniers auf dem Markt kommen.

In der Secondary ist man mit dem starken Rookie-CB Trufant sowie dem phasenweise ähnlich guten Rookie-CB Alford eh ganz gut aufgestellt. Die größte Schwachstelle, S Decoud, wurde per Entlassung Decouds gelöst – ein Fall von Addition durch Subtraktion, sagen die Auguren. Keine Ahnung, wie man diese Free-Safety Position zu verbessern versucht.

Das liest sich alles ein wenig wie zu viele Baustellen für eine halbe verbleibende Offseason. Aber man sage mir nicht, man hätte es nicht schon eine zeitlang sehen können: Atlanta hat diese Schwachstellen zu lange mit einem fantastischen Pass-Spiel, knappen Siegen und hoher Interception-Quote kaschieren können. Solche Erfolgsstrategien können natürlich gut gehen – man war erst vor 15 Monaten einen 4yds-Pass davon entfernt, in die Superbowl einzuziehen – aber wenn nur Kleinigkeiten wie 1-2 Verletzungen daneben gehen, bricht so ein Haus schnell mal zusammen.

Atlanta wird 2014/15 deutlich mehr als vier Siege holen. Bei allen Verletzungen, bei aller Schlechtigkeit: Man war 4-7 in engen Spielen, also phasenweise durchaus konkurrenzfähig, eine 1.9% INT-Quote in der Defense ist auch gering genug, dass man Regression erwarten kann.

Eine Offense Line, die einem Quarterback ein paar Zehntel mehr Schutz gibt, zwei der besten Wide Receiver in der Liga auf ihrer Comeback-Tour und eine etwas verbesserte Defense – das dürfte schon reichen, um Atlanta zumindest per sofort wieder nahe an eine 8-8 Bilanz zu bringen. Zumal eine eigene Offense, die imstande ist, das Tempo vorzugeben, der eigenen Defense auch meistens hilft, weil sie den Gegner eindimensionaler macht. Kannst du dich darauf konzentrieren, den Pass zu stoppen, hast du immer einen Vorteil.

Atlanta hat folgende Needs:

  1. Offensive Tackle (LT, kurzfristig)
  2. Guard/Center (kurzfristig)
  3. Tight End (kurzfristig)
  4. Free-Safety (kurzfristig)
  5. Defensive End (kurz-/mittelfristig)
  6. Tiefe bei Wide Receivern (mittelfristig)
  7. Running Back (mittelfristig)

Vielleicht sollte Dimitroff nicht einmal zu kurzfristig „Need“ draften, sondern versuchen, den Laden eine Spur mittelfristiger aufzustellen. Lieber den exzellenten Mann für 2015 als den guten für 2014, oder so. In einer einzigen Offseason räumst du den Laden nicht auf, aber der Kern ist schon jetzt gut genug um wieder spätestens 2015 in den Playoffs mitzuspielen, wenn man nicht ausschließlich Griffe in den Gully macht.


Auch für heute gilt das Mantra: Haben die Falcons die letzten drei Tage besondere Moves gemacht, hab ich nix davon mitgekriegt. Also bitte keine Klagen ob mangelnder Tagesaktualität.

Glaskugel 2012: Atlanta Falcons

Die Atlanta Falcons sind eine gute Mannschaft. Sie sind wirklich gut. Aber dieses „gut“ ist nach vier Jahren unter HC Mike Smith und QB Matt Ryan mittlerweile nur noch zum Teil positiv gemeint. In diesen vier Jahren haben sie in der Regular Season immer eine positive Bilanz gehabt. Sie haben 43 Spiele gewonnen. Aber alle drei Playoffspiele verloren. Die Falcons als gut zu bezeichnen ist mittlerweile so, wie die die hübschen Frauen im Club einen netten Typen als „nett“ bezeichnen. Ja, mit dem kann man mal tanzen, mit dem kann man auch eine rauchen gehen und von dem läßt man sich auch gerne mal einen Drink ausgeben. Aber weiter gehts dann mit den Typen, die mehr sind als „nett“.

Das wußten die Leute um GM Thomas Dimitroff auch im letzten Jahr schon und haben ihr letztes Hemd gegeben, um WR Julio Jones draften zu können. Jones sollte die Falcons von „gut“ zu Super-Bowl-Aspirant machen. Grundsätzlich war die Idee auch richtig. Die Falcons haben auch 2011 wieder gut gespielt, 10 Spiele gewonnen und sind in die Playoffs gekommen. Aber dann kamen die wirklich coolen Typen aus dem Big Apple und haben ihnen die Party versaut und Smith und Ryan und all die anderen netten Typen mußten mal wieder alleine nach Hause gehen.

In dieser Offseason wurde zwar mit CB Asante Samuel wieder ein echter Kracher geholt. Nur muß man mittlerweile wirklich aufpassen, daß Samuel nicht nur schöne neue Manschettenknöpfe darstellt, während der Hemdkragen im Laufe der Zeit schon speckig geworden ist.

Offense

Die Konstruktion Offense hat zwei Eckpfeiler und drei Streben. Eckpfeiler 1 ist QB Matt Ryan. Ryan geht nun in sein fünftes Jahr, aber er scheint in seiner Entwicklung an der Stufe borderline Top-10 QB stehen geblieben zu sein. Auch wenn er zum Beispiel von ProFootballFocus immer wieder abgefeiert wird, kommt er doch nicht an das Brees/Rodgers/Manning-Niveau heran. Ryan ist im Grunde das perfekte Aushängeschild für diese Falcons: richtig gut, voll nett und manchmal sogar mit ganz starker Performance. Aber doch nie gut genug, um auch mal in die VIP-Area gelassen zu werden.

Zwei Streben sind die WRs Roddy White und Julio Jones. White hat nunmehr fünf Jahre in Folge mindesten 1100 Yards erfangen. Und doch wird er nie genannt, wenn es um die Top-5 WR geht. Besonders in der letzten Saison hatte er dafür einfach zu viele Drops. Jones könnte vielleicht wirklich der Typ sein, der Atlanta eine ganze Stufe nach oben hebt. In seinem Rookiejahr hatte er immer wieder mit kleineren Wehwechen zu kämpfen und war auch nur ein guter WR.

Die dritte Strebe ist TE Tony Gonzalez. Senor Gonzalez, der schon Jimmy Graham war, bevor es Jimmy Graham gab und der wie Jermichael Finley ist, nur mit besseren Händen, dieser Senor Gonzalez ist auch einer dieser „neuen“ Tight Ends. Wenn da nicht das Alter wäre. Der Senor ist mittlerweile schon Elder Statesman. Auf einen 36-Jährigen zu bauen für eine Position, die vor allem von der Athletik lebt – nun ja: mutig. Zumal es keinen back-up gibt. Wer mit den Namen Tommy Gallarda, Adam Nissley, Michael Palmer und Aron White etwas anfangen kann, sollte seine Haustür mal von der anderen Seite sehen und kennenlernen, was normale Menschen „Leben“ nennen.

Schedule

Wk1 @ KC
Wk2 v DEN (MNF)
Wk3 @ SD
Wk4 v CAR
Wk5 @ WAS
Wk6 v OAK
Wk7 BYE
Wk8 @ PHI
Wk9 v DAL (SNF)
Wk10 @ NO
Wk11 v ARI
Wk12 @ TB
Wk13 v NO (TNF)
Wk14 @ CAR
Wk15 v NYG
Wk16 @ DET (MNF)
Wk17 v TB

Hinter WRs und TEs wirds dann grau und grauer. Eckpfeiler Nummer 2 ist nämlich ein 30 Jahre alter Running Back. Michael Turner kratzte zwar auch 2011 wieder irgendwie 1300 Rushing Yards zusammen. Aber der Trend zeigt steil nach unten. In den letzten neun Spielen 2011 schaffte er nur einmal mehr als 100 Yards – gegen die Bucs in Woche 17, die sich zu diesem Zeitpunkt schon lange aufgeben hatten. Das Playoffspiel gegen die Giants mit 41 Yards aus 15 Läufen dürfte schon eher das sein, was in Zukunft blüht. Turners back-up ist Jason Snelling. Mehr als 4 Yards pro Carry schafft Snelling nur auf der Playstation. Als Geheimwaffe könnte Jacquizz Rodgers ganz steil aus der Kurve kommen. Der ehemalige Star der Oregon State Beavers sollte das allerdings auch letztes Jahr schon, blieb dann allerdings undercover. Klug eingesetzt hat er aber durchaus das Talent, ein explosiver space player wie Darren Sproles zu werden.

Und dann auch noch die Offensive Line: ebenfalls Kategorie absteigender Ast. RT Tyson Clabo ist der einzige, dem man bedenkenlos ein gutes Zeugnis ausstellen kann. Center Todd McClure ist 35 und über den Berg. Left Guard Justin Blalock spielt halt so mit, kann aber keine Akzente setzen. Auf Right Guard  spielt manchmal Garrett Reynolds, manchmal Joe Hawley. Je nachdem, wer gerade mit dem weniger schlechten Bein aufgestanden ist. Und auf LT siehts ganz düster aus. Für die blind side sucht der neue OC Dirk Koetter noch einen Einäugigen. Sam Baker, 1st-rd pick 2007, sollte mal der Joe Thomas der Falcons werden. Er ist mehr ein Levi Brown geworden. Will Svittek hat letztes Jahr Baker verdrängt. Über Svittek kann man sagen, daß er Tscheche ist. Und 2,00m groß. Man klicke auf den Draft 2011-link in der Sidebar, dann erfährt man noch etwas über zwei neue Rookie OLiner, aber game changer werden die in ihrem ersten Jahr auch nicht.

Koetter kann ich für die kommende Saison überhaupt nicht einschätzen. HC Mike Smith kennt ihn aus Jacksonville, wo beide Coordinators waren. Koetter hat aber von 2007 bis 2011 als OC der Jags nichts anderes gemacht, als Maurice Jones-Drew den Ball zu geben. Das wird er jetzt kaum so machen. Vorher hat er sich im Collegebereich rumgetrieben und war unter anderem Trainer von Boise State und Arizona State. Bei ASU soll er gar ein aggressives vertikales Spiel aufgezogen haben. Was das für die Falcons 2012 heißt? Wir werden sehen, sagte der Zen-Meister…

Das alles ist hauptsächlich so despektierlich geschrieben, um zu verdeutlichen, daß die Falcons eben nicht nur einen Julio Jones von der Lombardi Trophy entfernt sind. Die Offense ist gut. Ein Ryan, ein White und ein Jones sind alle Spieler, die auch mal Spiel alleine gewinnen können. Keine Frage. Aber am Ende ist gut eben vor allem nicht sehr gut.

Defense

Die defensive Seite des Balles sieht dagegen schon rosiger aus. Nicht nur wegen Samuel. Das poster child für die Defense ist CB Brent Grimes. Grimes hat keinen großen Namen, aber dafür große Leistungen vorzuweisen. Mit einem Grimes muß man in der NFC South vor einem Drew Brees oder Josh Freeman keine Angst haben. Asante Samuel daneben hat einen großen Namen und große Leistungen. Wie man Samuel für einen 7th-rd pick bekommen konnte, ist das größte Rätsel der Offseason. Aber das soll ja Atlantas Schaden nicht sein. Der andere CB mit großem Namen, Dunta Robinson ist zwar überbezahlt, aber als dritten CB würden ihn die meisten Teams mit Kusshand nehmen.

Mit John Abraham, Ray Edwards und Kroy Biermann hat Atlanta auch drei gute Pass Rusher im Kader. Abraham war mal ganz stark, ist aber qua Alter nur noch gut. Biermann hat immer mal wieder großartige Ansätze gezeigt, ist aber über die Ansätze nicht hinausgekommen. Und Edwards war in seinem contract year bei den Vikings 2010 ganz stark, scheint sich dann aber auf seinem neuen Vertrag ausgeruht zu haben. Wenn alle drei mal konstant so spielen würden, wie sie könnten, müßten sie sich vor keinem Pass-Rushing-Trio der NFC verstecken.

Da kommt der neue Defensive Coordinator Mike Nolan wie gerufen. Nolan ist einer dieser Typen, die ständig bei anderen Teams sind – und ständig diese Teams besser machen, als sie vorher waren. Als DC bei den Ravens, Broncos und Dolphins in den letzten Jahren hat er immer hervorragende Arbeit geleistet. Seine Zeit als HC der 49ers 2005-8 war nicht so erfolgreich, aber es gibt Trainer, die wurden geboren, um Coordinator zu sein.

Wir haben also drei starke CBs, drei gute Pass Rusher und einen ganz starken DC. Bleibt die Mitte des Feldes. Die ist immerhin gut. Der junge LB Sean Weatherspoon hat sich zu einem der besten three-down linebacker der NFC gemausert. Daneben ist es zwar etwas dünn, bei immer mehr Nickel und Dime ist das aber gar nicht soo wild.

Mit Thomas DeCoud und William Moore sind auch immer zwei gute, junge Safeties auf dem Feld. Nicht cream of the crop, aber solide genug, um zwischen Grimes, Samuel und Robinson gut auszusehen.

Das Talent ist also da, es geht nur darum, alles herauszuholen. Zwischen mäßig und stark ist hier für 2012 alles drin, bei dem DC sollte das Pendel aber eher gen stark zeigen.

Ausblick

Die Atlanta Falcons 2012 sind eine Mannschaft, für die alles andere als die Playoffs eine Enttäuschung wären. Die Offense hat auf einigen Position Potential für ganz Großes – QB & WR; auf einigen Positionen aber auch Potential für folgende Fragen Ende September: „die haben echt niemanden, der TE spielen kann, jetzt wo Gonzalez verletzt ist“ oder „Wann ist denn Atlantas Offensive Line sooo schlecht geworden?“. Muß nicht passieren, aber man hat schon andere Kaliber scheinbar überraschend einbrechen sehen.

Bei den Namen Ryan, White und Jones ist es kontrainutitiv, aber: die Defense sollte diese Mannschaft tragen. Man darf nicht vergessen, daß die Dolphins, Nolans letzter Arbeitgeber, eine der besten Verteidigungsreihen der vergangenen Saison auf die Beine gestellt haben – mit vergleichbarem Talent. So sollte es laufen: die D hält Atlanta in den Spielen und Matty Ice wird tatsächlich seinem Nickname gerecht und gewinnt die Spiele. Dann reicht es auch in der harten NFC South und den vielen Wild-Card-Kandidaten der NFC für die Playoffs. Nur viel sollte Atlanta dort nicht zugetraut werden, dafür gibt es einfach zu viele Mannschaften, die noch mehr individuelles Talent in ihren Reihen wissen. Atlanta ist gut, aber lange nicht gut genug. Also ein paar Drinks genießen, ein bißchen schäkern und dann artig in die Heia und daran arbeiten, auf der Party 2013 besser auszusehen.

NFC South in der Frischzellenkur 2012 (I)

Atlanta Falcons

  • #55 (2) C Peter Konz (Wisconsin)
  • #91 (3) OT Lamar Holmes (Southern Miss)
  • #157 (5) FB Bradie Ewing (Wisconsin)
  • #164 (5) DE Jonathan Massaquoi (Troy)
  • #192 (6) S Charles Mitchell (Mississippi State)
  • #249 (7) DT Travian Robertson ( South Carolina)

Zwei Picks in den Top 150: die Falcons bezahlen auch heute noch für Julio Jones, nachdem sie in der letzten Draft bereits einen 1st-, 2nd- und 4th-rd pick für ihn abgegeben haben. Dafür haben die Falcons nun zwei ziemlich gute Receiver für ihren ziemlich guten QB, aber daneben wird vor allem die O-Line und das Laufspiel immer schlechter und depth ist bald nur noch ein Fremdwort.

Zumindest gegen die Veralterung der offensiven Linie hat GM Thomas Dimitroff mit seinen zwei „Top Picks“ an den Positionen 55 und 91 etwas getan. Der Badger Peter Konz ist extrem groß für einen Center (1,95m), was ihm wohl immer wieder Nachteile in Sachen „leverage“ beschert. Dafür ist er aber einigermaßen beweglich für einen 140kg-Koloß, kann daher auch erstmal Guard spielen und dann in ein, zwei Jahren das Erbe des 35-jährigen Todd McClure antreten OFFENSIVE LINEMAN WISCONSIN!

OT Lamar Holmes bekommt eher das Label project. Er hat zwar einen Tackle-Körper wie er im Buche steht mit 2,00m und 150kg, aber an Technick soll es noch mangeln. Was auch damit zu tun hat, daß er auf einer kleinen Schule war; darum ist sogar für die selbsternannten pundits die Evalution noch schwieriger als ohnehin schon: seine Gegner waren nicht die ganz großen SEC- oder BigTen-Kaliber, sondern oftmals nur halbe Portionen. Holmes wird ein wenig Zeit bekommen, denn mit Tyson Clabo (rechts) und Will Svittek oder Sam Baker (links) hat man Starter. Aber bei dem Niveau, das die beiden letztgenannten an den Tag legen und Clabos 31 Lenzen kann er schon früher seine Zeit bekommen, als allen Beteiligten lieb sein sollte.

Für die Verstärkung des Laufspiels, das auf den 45jährigen Beinen Michael Turners wie ein Kartenhaus im Windkanal steht, hat Dimitroff mit seinem dritten Pick einen Fullback genommen. Das hat kurz für allseitiges Kopfkratzen gesorgt, aber dann stellte sich heraus, daß Bradie Ewing ja bei WISCONSIN war!

Für die Defense, die breiter aufgestellt ist als die Offense und in der Free Agency und per Trade schon angegangen wurde – die DEs John Abraham und Kroy Biermann haben neue Verträge bekommen und CB Asante Samuel kam im Tausch für ein paar Turnschuhe und ein Satz Trikots aus Philadelphia – hat man die zwei D-Liner Jonathan Massaquoi und Travian Robertson sowie Safety Charles Mitchell verpflichtet.

Insgesamt scheint gerade die Strategie für den Angriff sehr riskant zu sein. Durch die mangelnde Kadertiefe ist man zwei Verletzungen davon entfernt, in jedem Spiel so auszusehen wie gegen die Giants in den letztjährigen Playoffs.

New Orleans Saints

#89 (3) DE/DT Akiem Hicks (Regina, Canada)
#122 (4) WR Nick Toon (Wisconsin)
#162 (5) S Corey White (Samford)
#179 (6) G Andrew Tiller (Syracuse)
#234 (7) OT Marcel Jones (Nebraska)

Zwei Picks in den Top 150; der erste Pick an Position 89. Noch schlechter als Atlanta, und man hat in Louisana wahrlich nicht weniger Löcher als nebenan in Georgia. In der Free Agency mußte man bluten (WR Meachum, G Nicks, CB Porter); LB Vilma und DE Smith wurden für ihre Rolle im Bounty Scandal gesperrt; Head Coach ist gesperrt; GM ist gesperrt; Drew Brees hat keine Lust auf das Franchise Tag. Der 1st-rd pick wurde letztes Jahr schon nach New England verschippt um RB Mark Ingram draften zu können; den 2nd-rd pick hat sich Roger Goodell als Bounty einbehalten.

Mit dem 3rd-rd pick haben die Saints dann recht kreativ einen Pass Rusher aus Kanada gedraftet. Akiem Hicks wurde mal als riesiges D-Line Talent von LSU recruited, hatte dann aber Probleme mit der NCAA, landetet auf einem Junior College und schließlich bei der University of Regina, irgendwo in Saskatchewan. Ein Körper wie gemalt – 1,95m, 125kg – aber durch seinen Mangel an Training von Top Coaches an großen Schulen auch das Synonym für raw. Klassischer boom-or-bust-Fall. Gewagte Strategie, wenn der Kader löchrig ist wie eine Schützenscheibe.

Nick Toon, Offensive Lineman Wide Receiver aus Wisconsin, groß und kräftig, wäre ein sehr sinnvoll investierter Pick gewesen, wenn denn Drew Brees vor August mal mit ihm trainieren würde. Ohne die Zeit mit seinen neuen Chefs Brees und Sean Payton wird er wohl kaum früh in der Saison große Taten vollbringen können.

Hintenraus kommt mit Safety Corey White noch ein small school prospect und mit Andrew Tiller und Marcel Jones Tiefe für die Offensive Line. Insgesamt eine sehr riskante Draft angesichts der vielen Löcher. Wahrscheinlich wird keiner der fünf Picks sofort weiterhelfen. Wobei die Hilfe angesichts der vielen gesperrten und abgewanderten Leistungsträger dringendst angeraten gewesen wäre.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, daß sowohl Saints als auch Falcons 2012 schlechter aufgestellt sind als 2011. Das ist doppelt schlimm, denn nicht nur das Ausbleiben von signifikanten Verstärkungen zwischen den Jahren ist ein Rückschritt, sondern auch schon das bloße Halten des status quo.