Lions-Draft von 2011: Zwei sind noch da

Vor zwei Jahren hatten die Detroit Lions ganze fünf Draftpicks: Einmal in Runde eins, zweimal in Runde zwei und zwei späte Picks aus den letzten Runden. Bei letzteren erwartet man grundsätzlich nie allzu viel Output, insofern ist an den gescheiterten Karrieren nicht viel zu beklagen, aber auch bei den frühen Picks ist nach zwei Jahren eine gemischte Zwischenbilanz zu ziehen. Weiterlesen

Detroit Lions in der Frischzellenkur

ÜBERBLICK

#13 DT Nick Fairley (Auburn)
#44 WR Titus Young (Boise State)
#57 RB Mikel LeShoure (Illinois)
#157 LB Doug Hogue (Syracuse)
#209 Johnny Culbreath (South Carolina State)

Der Moment des NFL Drafts 2011 war für mich, als sich am Freitagabend nach Mitternacht Barry Sanders hinter das Mikrofon stellte und unter Standing Ovations den Pick in der zweiten Runde für die Lions verkündete. Es mag an Sanders gelegen haben, aber für einen Moment hatte ich das Gefühl, Detroit sei plötzlich weniger Hockey Town denn Football Town.

Wenn ich mir die Sezierstunde über die Lions anschaue, dann hatte ich drei Needs verortet: Offensive Line (höchst dringend), Defensive Backs (sehr dringend), Lauf-Defense (wichtig). Und geschrieben:

Early Draftstrategie: Defensive Back mit dem 1st round pick, Offense Line mit den zwei-drei folgenden Picks. Bitte keine TEs und RBs draften. Detroit hat genügend gute Skill Players. Die Löcher sind anderswo.

Eine Woche nach dem Draft liest sich die Bilanz so:

Offensive Line ignoriert? Check.
Defensive Backs ignoriert? Check.
Skill Players gedraftet? Check.

Die Doppelspitze GM Martin Mayhew/HC Jim Schwartz hat eine etwas überraschende Strategie angewandt, die ich ihnen nicht zugetraut hätte. Es ist kein Matt-Milleneskes Festklammern am Draften einer einzigen Position, sondern durchaus konsequentes Verfolgen von Upgrades.

Die Reaktionen quer durch den digitalen Blätterwald sind überwiegend (und überraschend) positiv. Ich kann mit Detroits Strategie gut leben, hätte aber mit mehr Vehemenz die Schlüsselstellen (Offensive Tackle!) zu besetzen versucht.

Dafür hatten die Lions nach der absurden Quarterback-Jagd an #13 plötzlich den gehypten DT Nick Fairley auf dem Tableau. Fairley ist ein unfairer Spieler, der charakterliche anti-Sanders sozusagen, aber Fairley macht durchaus auch ohne stundenlanges Köpferauchen Sinn: Dominante Defensive Lines sind immer noch der beste Weg, eine Defense auf Dauer produktiv zu halten.

Die Lions haben nun plötzlich eine breite Masse an potenziell hochkarätigen Linern für eine Rotation: Die Ends Avril, Jackson und Vandenbosch sowie das Tackle-Trio Suh-Williams-Fairley. Viel, viel Passrush-Gewalt, aber Fairley wie Suh sind nicht wirklich primär Spieler gegen den Lauf.

Außerdem ist Fairley ein Typ früherer Peppers – dominant, aber nicht konstant dominant, weil er sich gerne mal ein paar Auszeiten mitten im Spiel gönnt. Ein Problem, das bei guter Menschenführung lösbar sein sollte, und in Suh hat Fairley sportlich wie (vor allem) menschlich ein großartiges Vorbild neben sich.

Die Überraschungen lieferte Detroit in Runde 2. Boise States Titus Young? Ich bin glücklich, weil der persönliche Favorit für den persönlichen Favoriten spielen wird. Sportlich gibt es nur eine Erklärung: Mayhew wollte den Quarterbacks neben WR Calvin Johnson eine zweite verlässliche Alternative hinstellen. WR Bryant Johnson gilt als Enttäuschung und WR Nate Burleson als mittelmäßig. Gäbe an dem Pick also nichts auszusetzen, WENN Detroit nicht diese besagten klaffenden Lücken hätte.

Dann RB Mikel Leshoure. Im Prinzip ein sinnvoller Pick: RB Jahvid Best gilt als game breaker, dem man ein Arbeitstier zur Seite stellen muss. Wie schrieb ich über Leshoure im Draftvorschauer?

LeShoure ist ein ähnlich kraftvoller Läufer, einer vom Typus „gebt mir einen schnellen, wendigen Back als Abwechslung und ich mache euch 1300yds pro Saison!“

Was nicht gefällt: Für diesen Pick wurde nach oben getradet. Kompensation: Pick Runde #4. Gegen Ende des Drafts hat man mit OLB Doug Hogue und OT Johnny Culbreath noch zwei Perspektivspieler geholt, gemäß der allgemein anerkannten need-Strategie.

Summa summarum

Ich halte das Flop-Potenzial im Falle von Nick Fairley im Prinzip für erhöht, doch Schwartz ist wie DefCoord Gunther Cunningham ein Trainer mit Liebe zum Detail in DL-Fragen. Im Prinzip müssen die drei hoch gedrafteten Spieler alle richtig einschlagen, um den Plan von 2011 zu rechtfertigen.

Die Defense Line könnte aber auf Jahre hinaus dominant werden und die Offense hat immer mehr Ingredienzien, nicht nur spektakulär, sondern auch balanciert zu sein. Superbowl Champion in the making ist zu hoch gegriffen, aber die Richtung stimmt.

NFL Draft 2011: Tag zwei im Rückblick

Die Nacht der bizarren Entscheidungen, könnte man sagen.

Allen voran die New England Patriots, die sich immer mehr zu van-Gaalscher Bockigkeit entwickeln und eine Reihe von Entscheidungen trafen, zu denen mir momentan nicht mehr einfällt als „interessant“. Need pick ist definitiv nicht in Foxboro erfunden worden. Neben wieder mal Dutzenden Trades fischte sich Belichick an #33 Ras-I Dowling, den Cornerback mit dem geilsten Namen dieser Erde. Und dann?

RB, RB, QB. Shane Vereen (Cal), Stevan Ridley (LSU) und der Hammer, QB Ryan Mallett (Arkansas). Ich hatte noch nicht mal den Ofen angemacht, um die Finger reinzulegen, dass Belichick nicht eine Sekunde über Mallett nachdenken würde. As it turned out, ich hätte mich schwer verbrannt. Immerhin hat Belichick jetzt potenziell eineinhalb Hand voll Running Backs und immer noch keinen Pass Rusher – dafür aber 2012 wieder drei Hand voll Draftpicks.

„Interessant“ ist auch, was Martin Mayhew mit den Detroit Lions anstellt. Als Lücken hatten wir Defensive Backs und Offensive Line ausgemacht. Mayhew fischte sich erst DT Fairley und in Runde zwei heute Nacht zwei skill players. Bei Boise States Titus Young passte wenigstens emotional alles (Lieblingsmannschaft, Lieblingsspieler, Lieblings-Uni und der Pick ausgerufen vom Lieblingssportler), aber danach nach oben zu traden, um sich RB Mikel Leshoure zu angeln? Ich hoffe, irgendwo steckt dahinter noch ein Masterplan.

Die volle Ladung Defense haben sich dagegen die Tampa Bay Buccs geschnappt. Nach DE Clayborn kamen heute Nacht mit DE Da’quan Bowers und LB Mason Foster noch zweimal Arbeiter für den Pass Rush. Die Buccs-Taktik 2010: Defensive Tackles. 2011: Defensive Ends. Bowers fiel vertikal durch die Boards, aus einem Grund: Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob Bowers’ Knie länger als eine Handvoll Saisons durchhält. Irgendwann war aber die schiere Rush-Gewalt zu gut, um weiter zu fallen.

Büschen Augenbrauenheben auch bei Arizonas Pick: Das Sekundengenie RB Beanie Wells sollte ersetzt werden – mit einem weiteren unkonstanten Sekundengenie. RB Ryan Williams (VT), der Giftzwerg von den Hokies.

Schotte & Trabant

Die Quarterbacks standen auch abseits von Malletts Einberufung im Fokus. Andy Dalton wurde an #35 von den Cincinnati Bengals gedraftet. Damit darf Carson Palmers NFL-Karriere in Ohio als beendet angesehen werden. Dalton ist etwas klein und ich weiß nicht, ob ich die eine bärige Rose-Bowl-Vorstellung als Beweis für Daltons Genie heranziehen sollte. Aber Dalton ist auf alle Fälle ein charakterlicher Schock für Cincinnati: Sieht aus wie ein Säufer aus dem Norden des UK, agiert wie ein Musterschüler. Dalton & A.J. Green als neue Version von Palmer & Johnson – unterschrieben.

Eine merkwürdige Entscheidung trafen die 49ers: QB Colin Kaepernick, der einst als Mischlingskind aus Wisconsin in Kalifornien aufgewachsen war und in der Pistol-Offense von Nevada sensationell aufgeigte. Ich hätte nie gedacht, dass sich Jim Harbaugh für einen QB der Güteklasse „Kaepernick“ interessieren würde. Ob damit Alex Smith doch noch ein Jahr bleiben wird?

NFL Draft 2011 Countdown T-minus 6 – Alles, was Bälle fängt am Karsamstag

Beim Blick über die Big Boards und Mock Drafts dieser Erde fällt auf: Unter die Top 10 sind in schöner Regelmäßigkeit zwei Wide Receivers. Der erste ist meistens A.J. Green (University of Georgia) mit seiner mächtigen Statur und seiner immensen Sprungstärke. Greens Catch der Catches – da spielt es nicht mal eine Rolle, dass der Catch in der NFL womöglich nicht mal gezählt hätte. Diese Koordination ist schlicht und einfach krass:

Allerdings hat Greens Status etwas an seiner eher enttäuschenden 40Time gelitten (4,52 Sekunden). Dass die 40time gnadenlos überschätzt wird, wissen Leser von Sideline Reporter mittlerweile. Ich erwarte daher, dass Green als erster Wide Receiver genommen wird. Tipp: Ohio ruft. Cincinnati oder Cleveland.

Über die Wochen ist Julio Jones (Alabama Crimson Tide) scheinbar immer näher an Green herangerückt. Jones ist mir aus den vielen SEC-Übertragungen als extrem harter Knochen in Erinnerung geblieben, der mindestens drei spektakuläre Catches („Wow!-Faktor“ hoch) pro Spiel macht, aber dann immer wieder seine Aussetzer einstreut und Bälle fallen lässt, die auch meine Großtante mit der Kappe gefangen hätte.

Jones hat in der Combine für Action gesorgt, als er mit Frakturen im Fuß Fabelzeiten über 40yds hinlegte und Green auf die Pelle rückte. Es dürfte NFL-Freunden bekannt sein, wie sehr Scouts solche eisenharten Spieler, die auch mit Verletzungen performen, lieben.

Hinter den beiden gibt es noch einen dritten Mann mit Potenzial für ganz nach oben: Jonathan Baldwin (University of Pittsburgh), ein 1,96m-Hüne und 105kg schwer. Ein Mann für die Floskel build like a tight end, runs like a receiver. Massiver, massiver Receiver-Typ. Soll allerdings ein laxer Vogel sein, und allzu triebgesteuert: Wäre mal fast wegen Vergewaltigung in den Bau gewandert.

Das Trio aus Liliput City

Sowas wie der Zwerg im doppelten Sinne ist Boise States Titus Young. Zum einen wegen der Körper“größe“ (1m78), aber seit Branch und Steve Smith hat die NFL auch Liliputaner-WRs angenommen. Zum anderen, weil Boise State immer noch eine eher verlachte Football-Uni ist. Young ist zwar klein, aber wieselflink, fangsicher und einer, der auch zwei Kilometer das Feld runter angespielt werden kann.

Ich hatte es schon mal in den Sezierstunden angekündigt: Young ist ein ernsthafter Kandidat für Kansas City. Stichwort: Deep Threat.

Noch so ein Giftzwerg könnte Randall Cobb von Kentucky sein – ein pfeilschneller Receiver, der sich als ehemaliger QB auch in die Denke der Spielmacher versetzen kann. Erfahren in der Wildcat, die man in Kentucky Wild Cobb nannte. Ich bin gespannt wie ein Regenschirm, auch weil man Cobb unheimliche Einsatzbereitschaft auch im Blocken für das Laufspiel nachsagt.

Dritte/s/r (Sie haben die Wahl) Deep Threat im Bunde: Torrey Smith von den Maryland Terps, der von Zeit zu Zeit vom Butterfinger-Syndrom befallen wird. Bemerkenswert: Smith ist in der unguten Zone Colonial Beach/Fredericksburg in Virginia aufgewachsen – dort, wo Jugendkriminalität so sehr an der Tagesordnung steht, dass selbst zwei Angeschossene und drei Schwerverletzte aufm Revier keinen Alarm mehr auslösen.

Für einmal folgt nun keine Auflistung von Schusswechseln, Vergewaltigungen und Grasdrehen: Smith hatte damit tatsächlich nie etwas am Hut. Das sollte helfen, auch wenn er aufgrund vielseitiger sportlicher Interessen relativ spät auf Receiver umschulte und erst jüngst explodiert ist.

Little, aber nicht Liliput

Greg Little ist einer von den unzähligen Athleten von der University of North Carolina. Die UNC schickt auf fast jeder Position aussichtsreiche Kandidaten in den Draft – und wie wir sehen werden, haben alle ihre eigene, undurchsichtige Vergangenheit. Little zum Beispiel gilt als Spieler, der schonmal das Visier aufklappt und keinen Tackle scheut. Aber Little war an der Uni lange Zeit gesperrt (verdeckte Zahlungen). Soll die geistige Reife eines Neunjährigen haben, der im Eifer des Gefechts auch mal Coaches und Quarterbacks zusammenscheißt. Ob man sich sowas in der NFL wohl gefallen lässt?

Slot? Slot!

Es folgt eine Reihe an Receivern, denen man bei entsprechendem Gameplan und Coaching durchaus eine gescheite NFL-Karriere auf die eine oder andere Art zutraut.

Tandon Doss ist so einer. Soll eine herausragende Karriere im ansonsten in Trümmern liegenden College von Indiana gehabt haben, aber verletzungsanfällig sein und keine Rauchschwaden hinterlassen, wenn er geradeaus das Feld hinuntersprintet.

Klein und leichtgewichtig kommt Ohio States Dane Sanzenbacher daher (1,77m, 81kg), dafür aber soll Sanzenbacher alles fangen, was bei drei nicht unter der Dampfwalze ist. Wenn ich mich an OSU-Spiele erinnere… dann sollte Sanzenbacher Wes Welker zwei Drinks spendieren. Zwei Drinks, dass Wes Welker diesen Typus „Wide Receiver“ in der NFL salonfähig gemacht hat. Durchaus möglich, dass der Mann in Runde #3 wandert und mit 97 Catches für 836yds und 7 Touchdowns Rookie des Jahres wird.

Noch so ein Lieblingsspieler: Jeff Maehl von den Oregon Ducks. Maehl war ein integraler Bestandteil der atemberaubenden Ducks-Offense, obwohl keiner, der dir das Spielfeld in 2,44sek auseinanderzieht. Maehl hat eine interessante Geschichte hinter sich – Recruiting bei den Ducks erst nach dem Abspielen von Beziehungsseilschaften – und war dann erst Defensive Back, ehe er zum sog. Slot receiver mutierte.

Jernel Jernigan (Troy) traut man nicht zu, die Komplexität von NFL-Playbooks zu kapieren. Austin Pettis (der zweite Boise State Bronco im Felde) ist zu langsam, um als #1-WR zu gelten und wird Zeit brauchen, um sich als Option für die kurzen Routen anzubieten.

Dark horse

Sehr bekannter Name – und doch völlig unbemerkt: Fred Rouse. Jawohl, der Fred Rouse. Geboren in Tallahassee und vor Jahren als Top-Recruting (fünf Sterne) daheim an der Florida State University geblieben. Aber wie einst auch Randy Moss konnte Rouse nicht mit Bobby Bowden, flog nach x-fachem Grasgenuss von der Uni, wechselte über UTEP an ein so aberwitzig kleines College (Concordia – nein, Sie sind kein Ignorant, wenn sie dieses noch nie gehört haben), dass selbst die größten Fanatiker Fred Rouse aus den Augen verloren. Concordia – es gibt haufenweise High Schools, die höherklassigen Football spielen. Rouse gilt mit mittlerweile 25 und nach mehrfachem Knastaufenthalt als geläutert. Und sollte Fred Rouse nicht gedraftet werden, so wird Fred Rouse bestimmt als Free Agent irgendwo seine Chance bekommen. Bengals, anyone?

Tight Ends

Allernorts wird dem Jahrgang eher mickriges Potenzial nachgesagt. Über allen steht Kyle Rudolph (Notre Dame), dessen Verletzungshistorie zwar ein paar Seiten länger ist als normal und dessen Füße ihn nicht allzu flink das Spielfeld runtertragen und dessen Hände zwar nicht alles aus dem Weg blocken. Aber Rudolph kann Bälle fangen. Und wenn man sich vor Augen führt, wie viele Offenses grade in der Red Zone auf engem Raum Probleme haben, vorwärts zu kommen…

Aus der WAC kommt Virgil Green. Green hat bei Nevada (Reno) gespielt und mitgeholfen, die Rose-Bowl-Chancen der Boise State Broncos zu zerstören. Gilt als verheerender Blocker, aber wer athletische Tight Ends mit starken Fanghänden sucht, soll hier genau richtig sein.

Daneben habe ich noch Lance Kendricks zu bieten – wie so viele Tight Ends mit Vergangenheit bei den Wisconsin Badgers. Hat IMHO eher die Statur eines Wide Receivers und sollte kein überragender Blocker sein.