Hall of Fame Game 2014, SPORT1 US und die NFL-Preseason 2014/15

Heute Nacht beginnt die NFL-Preaseason 2014, die Zeit der Vorbereitungsspiele, mit dem Hall of Fame Game zwischen den Buffalo Bills und den New York Giants (02h MESZ, live bei SPORT1 US). Das Spiel wird in Canton/OH ausgetragen, der Heimatstätte der Pro Football Hall of Fame, die in dieser Woche die Zeremonien nebst allerlei tränenerstickter Dankesreden für die Klasse von 2014 gesehen hat. Die Klasse von 2014 habe ich im Vorspann zur Superbowl näher betrachtet.

Heute im schnuckeligen Fawcett Stadium kann man aber einen ersten Blick auf den Stand der Vorbereitung von Bills und Giants werfen. Der famose Rookie-WR der Bills, Sammy Watkins, könnte für den einen oder anderen Drive eingesetzt werden:

Die Bills versprühen in dieser Preseason einen Optimismus, der selbst das Regenwetter strahlen lässt, schrieb Peter King in seiner MMQB-Kolumne, in der er nacheinander die einzelnen Trainingslager besucht. Hauptgrund für den Optimismus ist Watkins, der mit der gewöhnungsbedürftigen #14 auflaufen wird. Dass Buffalo zwei 1st-Rounder für Watkins opferte? Geschenkt! Wir haben unseren Superstar, unsere Identifikationsfigur! Weiterlesen

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NFL-Franchises im Kurzporträt, #13: Jacksonville Jaguars

Die graue Maus der NFL – trotz periodischer Anzeichen von Dominanz und sehr edler Teamfarben. Haben bei genauerem Hinsehen für mehr Furore gesorgt, als man denken würde – die Jaguars.

Die lange Suche

Jacksonville ist eine der größeren Städte der USA, aber nicht gesegnet mit einem großen Umland, weswegen der TV-Markt „Jacksonville“ der kleinste der NFL ist. So weit, so gut. Trotzdem bekam die Stadt 1995 das Recht auf die damals 30. Franchise der NFL zugesprochen.

Vorausgegangen waren lange, lange Jahre, in denen man versuchte, unglückliche Owner aus anderen Städten nach Jacksonville zu bringen. Vergeblich. Keiner wollte. Und das, obwohl Jacksonville eine lange Football-Tradition hat. Ich sage nur: Gator Bowl. So gesehen war das Recht auf Franchise #30 eher als Überraschung zu werten.

Folge: Die alte Gator Bowl wurde abgerissen und ein neues Stadion gebaut, das heutige Everbank Field. Ein schönes, sehr flaches Footballstadion. Und eines, das in 15 Jahren schon eine Handvoll Namen trug.

Die jungen Wilden

Mit dem eisenharten Tom Coughlin an der Front waren die Jaguars sehr schnell erfolgreich. Schon im zweiten Jahr des Bestehens stand man gegen New England im AFC-Finale. Man muss sich das vorstellen: Da wird eine Franchise aus dem Boden gestampft und spielt schon im zweiten Jahr um den Titel mit! Auf halbem Weg dorthin wurde mal eben der Skalp vom turmhohen Favoriten Broncos aus Denver mit nach Hause gebracht und das Happy End der Elway-Karriere um ein Jahr verschoben.

Im Gegensatz zum Parallel-Schnellstarter Carolina (ebenso im zweiten Jahr Conference Finalist) hatte Coughlin aber eine junge Mannschaft beisammen, die sich an der Spitze halten konnte. Immer wieder Playoffs, und 1999/2000 sogar mit 14-2 die beste Mannschaft der Liga.

Ob Fische zum Grundnahrungsmittel von Jaguars gehören? Die Dolphins dürften in den Playoffs recht gut geschmeckt haben. 62-7 (!) wurde Miami in QB Dan Marinos letztem Spiel in jener Saison aus dem Stadion geprügelt. Eine Woche später das Aus im AFC-Finale gegen Tennessee. Eine Saison, 14 Siege, drei Niederlagen. Alle drei gegen die Titans.

Danach ging es rapide abwärts. Coughlin geriet in die Kritik, die Mannschaft bröckelte und der Franchise-QB Mark Brunell wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Ende 2002 wurde Coughlin durch den Sensations-DefCoord der Panthers, Jack Del Rio, ersetzt.

Jack Del Rio – Viel grau, wenig gold

Del Rios Plan, die Franchise um QB Byron Leftwich neu aufzubauen, scheiterte nach wenigen Jahren, trotz einer Playoffteilnahme 2005. Die Jaguars weigerten sich konsequent, Free Agents von Format einzukaufen und durch ein, zwei schwache Drafts kollabiert eine solche Mannschaft dann mal schnell. Dazu kam, dass Leftwich zwar über einen Wurfarm von Weltformat verfügte, aber noch immobiler als Agrarpizza war.

Das beste Jahr hatte Jacksonville 2007/08 unter dem neuen QB David Garrard, einem Spaß-Footballer, der richtig Freude bereitete. Der Playoffsieg in Pittsburgh gehört zu meinen Favoriten – Stichwort 32yds-Lauf von Garrard mit wenigen Sekunden auf der Uhr. Eine Woche später wurde den Patriots ein heißer Kampf geliefert – und knapp in einem weiteren schönen Spiel verloren.

Shahid Khan

Seither regiert graues Mittelmaß. Die Mannschaft ist jung, sucht aber trotz Gabbert/Henne vorerst noch nach ihrem nächsten Franchise-QB. Seit 2011 besitzt die Franchise dann auch einen neuen Owner, den Halbpakistani Shahid Khan, den ersten ausländischen NFL-Besitzer überhaupt.

Gator Bowl

Footballstadion zu Jacksonville

Footballstadion zu Jacksonville

Eigentlich heißt das Stadion seit dem Neubau in den 90ern alle paar Jahre anders, aktuell EverBank Field. Platz haben je nach Lust und Laune zwischen 63.000 und 73.000 Menschen, aber die Jaguars kriegen die Ränge kaum regelmäßig voll. Wenn ich mir die Arena so ansehe, kommt bei mir Wehmut auf: So stelle ich mir die Rahmenbedingungen für einen Spätsommer-Nachmittagsfootballkick vor – flache Ränge, auf denen du viiiiiel Platz hast, um simultan zum Spiel unter der Sonne zu bruzzeln, mit einer Tüte Popcorn in der Hand und zwischendurch dank Schluck aus der Pulle die genehme Abkühlung. Ein Kollege war im vergangenen Sommer drüben. Blogleserin Seminole war mehrfach drin. Beide schwärmen von den Rahmenbedingungen (nicht aber von der Stimmung).

Jacksonville hat trotzdem ein Zuschauerproblem. Das mag weniger an der sportlichen Mittelmäßigkeit liegen, denn an einem anderen Problem: Aus der Region Nordflorida sind derzeit haufenweise Militärs in alle Winde verstreut – die Militärs, die in den 90ern mit Mitte/Ende zwanzig den Kern einer rabiaten Fanbasis gestellt hatten:

Who is your NFL fan archetype? Fortunately, we know. The average NFL fan is:

Male 25-40 years old White Has a household income of $75,000.

We have plenty of people like that in Jacksonville. There are plenty of people like that in San Diego, too.

You know what job pays a mean of $70,168? The military’s paying that much right now.

San Diego, Norfolk, VA and Jacksonville are the three cities with the highest saturation of active-duty military residents in the country. While combat operations are complete in Iraq, the United States military maintains more than HALF A MILLION TROOPS DEPLOYED OVERSEAS.

Put simply, San Diego and Jacksonville are great NFL cities demographically, but they’ve been stripped of their key ticket-buying demographic by the War on Terror. The people who were buying up Jacksonville Jaguars tickets during the Tom Coughlin era are now serving on aircraft carriers or in Afghanistan or Okinawa or Germany.

Rivalitäten

Die Jaguars sind noch sehr jung und die AFC South ist wenig traditionsgeladen. Trotzdem: Immer, wenn es gegen die Colts geht, steigt der Puls ein bisschen an in Nordflorida. Immer wenn es gegen die Tennessee Titans geht, noch ein bisschen mehr – es gab gleich mehrere enge und umkämpfte Spiele gegen die Titans. Nicht vergessen hat man in Jacksonville, dass man 1999/2000 in der gesamten Saison nur drei Spiele verloren hat – alle drei gegen Tennessee.

Zu nennen wären noch die Pittsburgh Steelers. Die Duelle Steelers-Jaguars waren Mitte der 2000er immer richtig harte, physische Auseinandersetzungen. Im Jänner 2008 gab es das tolle oben (und gleich unten) beschriebene Playoffspiel.

Gesichter der Franchise

  • Tom Coughlin – Head Coach. Disziplin-Nazi und als solcher mit der blutjungen Franchise um ein Haar schon im zweiten Jahr des Bestehens Titelgewinner.
  • Tony Boselli – OT. Ein Tackle als Symbol? Boselli galt die wenigen Jahre bis zu seiner Verletzung als charismatischer Leadertyp.
  • Mark Brunell – QB, führte die Jaguars jahrelang an und ist mittlerweile seit Jahren ein Wandervogel quer durch die Lande. Wann hat Brunell jedes Team durch?
  • Fred Taylor – RB, gekommen von der sehr nahen University of Florida (Gainesville) und über lange, lange Jahre ein konstant sehr guter Back.
  • Maurice Jones-Drew – RB, seit Jahren der Alleinunterhalter und mit seiner vielseitigen Spielweise der Prototyp für den Running Back der Zukunft.

korsakoffs Highlight

Playoffspiel 2007/08 gegen die Steelers – das Spiel des David Garrard. Erst punkteten die Jaguars nach Big Plays, und am Ende musste das biggest play Garrards die Wende bringen: Ein Lauf über 32yds bei 4th down. Garrards größtes Spiel seine Karriere.

Eckdaten

Gegründet: 1995
Besitzer: Shahid Khan (Automobilindustrie)
Division: AFC South
Erfolge: AFC-Finale 1996, 1999, 6x Playoffs (5-6)

New York Giants in der Sezierstunde

Wie es sich gehört, werden die Sezierstunden 2012 mit dem Titelträger abgeschlossen. Nota bene: „Titelträger“ ist gleich nicht automatisch „beste Mannschaft“. Das waren und sind die Giants nicht. Sie waren vermutlich nichtmal die beste Mannschaft in ihrer eigenen Division (das waren die Eagles). Nichtsdestotrotz gehörte Coughlins Truppe zu den kompletteren Mannschaften in der NFL, erreichte verdientermaßen die Playoffs und kam zum Ende der Münzwurfserie gar mit der Lombardi Trophy nach Hause – als erste Mannschaft ever mit negativem Punkteverhältnis in der Regular Season.

Zum Februar bekam alle Welt beim Gedanken an QB Eli Manning nasse Höschen, und vermutlich zurecht so: Neben einem Haufen Mittelmaß war die Pass-Offense um Manning und seine WR-„Triplets“ Nicks/Manningham/CRUUUUUUUUUUUUUUUZ New Yorks  herausragende Stärke: 7.7yds/Passversuch in der Regular Season ist ein fantastischer Wert und brachte New York überhaupt erst in die Position, einen Anlauf auf den Titel zu nehmen. Dort, in der Post Season, erfüllte diese Armada die Erwartungen größtenteils. Der Titelgewinn war allerdings glücklich. Aber für jede andere der am Ende verbliebenen Mannschaften wäre er nicht minder glücklich gewesen.

So stehen wir zweieinhalb Monate nach der Superbowl da, sprechen über eine leicht überdurchschnittliche NFL-Mannschaft und wundern uns, was sie in der Zwischenzeit so getrieben hat (Wink: nicht narrisch viel).


Mit TE Bennett wurde ein bärenstarker Blocker eingekauft, mit CB Terrell Thomas einer von den dutzenden Deckungsspielern verlängert, und dann wurde noch Mannings Backup Carr ein billiger Vertrag aufgesetzt. Manningham und Jacobs wurden weggeschickt. Datt war’s. Man darf sich fragen, ob dies in einer Division, in der aller Rest im Aufrüsten begriffen ist, der richtige Weg ist. Auf alle Fälle ist es für GM Jerry Reese ein konsequenter Weg. Reese verliert so schnell nicht die Nerven.

Man könnte insistieren, dass die Giants auf die Rückkehr zahlreicher Verletzter setzen dürften. Das würde allerdings die zweifellos vorhandenen Schwächen im Kader nicht vollends ausfüllen. Die Offensive Line zum Beispiel ist ein relativ offenes Scheunentor, wofür wir nichtmal die wöchentlichen Verdammungen von Pro Football Focus ans Licht ziehen müssen: Beatty, McKenzie oder Diehl gelten als leicht verbesserbare Objekte und auch C Baas war nicht über alle Zweifel erhaben.

Dazu kann man davon ausgehen, dass die Giants nach Manninghams Abgang einen jungen Wide Receiver ins Visier nehmen werden. Vielleicht die eine oder andere Ergänzung in der Defensive Line, die jedes Jahr im Giants-Mittelpunkt steht. Wie es bei den gemeinhin als hüftsteif verschrieenen Linebackers aussieht, lässt sich kaum abschätzen. Obwohl man ihnen jedes Jahr die Verpflichtung (oder Einberufung) eines höherklassigen Linebackers ans Herz legen möchte, rühren sich die Giants nur allzu selten in diese Richtung. Und dann sind da noch die Safetys, wo der eher suspekte Antrel Rolle nicht unbedingt alle glücklich stellt, jedoch via Draft kaum nennenswerte Sofortlösungen verfügbar sein sollen.

Die zweite Reihe: Kevin Gilbride

Jerry Reese, Steve Spagnuolo, Kevin Gilbride &...

Image via Wikipedia - Gilbride mit weißem Haar und weißem Shirt

[In der Serie „Die zweite Reihe“ werden Spieler, Trainer und Taktiken vorgestellt, die für den Erfolg einer Mannschaft essentiell sind, aber nicht im Rampenlicht stehen. In Teil 1 war Jets´ Safety Jim Leonhard dran. Für Teil 2 tritt heute Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants, aus der zweiten Reihe ins erste Glied.]

Coordinators stehen ja in der Regel ohnehin nicht in der ersten Reihe. Aber wenn sie erfolgreich oder einigermaßen spektakulär spielen, stehen sie schnell im Rampenlicht und werden für alle möglichen Cheftrainerposten gehandelt. Die Patriots-Offense bricht 2007 alle Rekorde? Sofort wird Offensive Coordinator Josh McDaniels das Schild „wunderkind“ umgehängt. Die Giants brechen dieser Offense im Super Bowl die Beine? Schon ist Defensive Coordinator Steve Spagnuolo das heißeste Dinge seit Erfindung des Forward-Passes und bekommt eine eigene Mannschaft als Head Coach. Es gibt aber auch viele Gameplan- und Taktik-Gurus, die immer im Hintergrund bleiben. Unser heutiger Kandidat aus der zweiten Reihe steht sogar in seiner Heimat New York im Schatten des anderen New Yorker OCs. Seltsam, aber wahr: Brian Trottelheimer Schottenheimer, ab nächster Saison bei den Rams, weil für die Jets zu schlecht, ist bekannter und gefragter als Kevin Gilbride, Offensive Coordinator der New York Giants.

Komischerweise ist Gilbride sogar bei vielen Fans der Giants nicht gerade wohlgelitten, wie Spitznamen à la „Kevin Killdrive“ und die alljährlichen Rufe nach seinem Kopf beweisen. Dabei war New Yorks Offense in den letzten vier Jahren jeweils unter den Top-9 und bis jetzt sind zwei Super Bowl Ringe dabei herausgesprungen. Und nicht zuletzt Gilbride hat aus Eli Manning gemacht, was er heute ist. Komischerweise auch hat der Giants-Angriff einen ziemlich lahmen Ruf, was vor allem daher rührt, daß Gilbride mit aller Macht versucht, möglichst nahe an eine 50/50 Run-Paß-Balance zu kommen. Dabei kommt der typisch ostküstenmännisch aussehende Mann mit den weißen Haaren aus einer der aufregendsten Offensiv-Schulen aller Zeiten: der Run-and-Shoot Offense.

Die Run-and-Shoot Wurzeln

Die Run-and-Shoot Offense, die von Tiger Ellison und Mouse Davis erfunden wurde, war in den 60er und 70er Jahren an High Schools und in den 80er Jahren in der College-Welt die alle Rekorde zerschmetternde Revolution. Bei den Houston Gamblers der kurzlebigen USFL hat Mouse Davis die Offense dem Head Coach Jack Pardee und Offensive Assistant John Jenkins näher gebracht (Quarterback übrigens Jim Kelly). Nachdem die USFL 1986 den Bach runtergegangen ist, hat Pardee, ehemaliger NFL-Linebacker, Jenkins und die Run-and-Shoot-Idee mitgenommen und wurde 1987 Head Coach der Houston Cougars. Pardee und Jenkins waren mit den Cougars 1988 und 1989 dermaßen aufregend und erfolgreich, daß Pardee Head Coach der Houston Oilers wurde und Jenkins sein Nachfolger als HC der Cougars.

Als Pardee seinen neuen Posten bei den Oilers 1990 antrat, fand er dort einen Quarterbacks Coach vor, der ihm so sehr imponierte, daß er ihn prompt zum Offensive Coordinator machte. Der damals 39 Jahre alte Gilbride hatte gerade sein erstes Jahr in der NFL hinter sich. Vorher hatte er sich lange Zeit als Assistant an Colleges wie Tufts, American International und East Carolina durchgeschlagen; zwei Jahre verbrachte er in der CFL bei den Ottawa Rough Riders und fünf Jahre lange, von 1980 bis 84, war er Head Coach seiner Alma Mater: Southern Connecticut State.

Bei den Houston Oilers

In den folgenden vier Spielzeiten gewannen die Oilers 42 Spiele und hatten jede Saison eine Top-3-Offense. Die Offense um Quarterback Warren Moon, der hinter zwei der besten Offensive Lineman aller Zeiten spielte, Bruce Matthews und Mike Munchack (jetzt HC der Titans) war Super-Bowl-würdig. Spätestens als Houston dann aber in den 92er Wild-Card-Playoffs auf der falschen Seite des größten Comebacks aller Zeiten stand, mußte sich dringend etwas ändern. Also holte man sich eines der besten Defensive Minds und einen der härtesten Trainer als Zeiten für den Posten des Defensive Coordinators: Buddy Ryan. Ryan hatte in den 80ern die legendäre Bears-Defense gebaut, Head Coach Mike Ditka hatte ihm auf dieser Seite des Balles freie Hand gelassen. Die Verteidigung der 85er Bears gilt bis heute als beste aller Zeiten. Ryan war aber schon immer ein eigenwilliger Kopf und hatte keine Lust mehr, die zweite Geige hinter Ditka zu spielen, also war er ganz glücklich, 1986 Cheftrainer der Philadelphia Eagles werden zu dürfen. Er hat in Philly zwar kein Playoffspiel gewonnen, aber eine erstklassige Defense hat er aus den mäßigen Eagles fast aus dem Stand gemacht. Dessen erinnerten sich also die Oilers 1993 und verpflichteten ihn als DC.

An was sich die Verantwortlichen in Houston augenscheinlich nicht erinnerten, war die Tatsache, daß Ryan als Mensch einen noch viel größeren Dachschaden hatte als seine beiden Söhne Rex und Rob und außerdem Offensivspieler und -trainer generell für Idioten und Weicheier hielt. So war es ihm ziemlich egal, daß Houstons Angriff unter Gilbride auch 1993 wieder die drittbeste Offense der Liga hatte. Ryan hielt es für unverantwortlich, „seine“ Spieler ständig wieder aufs Feld schicken zu müssen, weil die Offense zu schnell und aggressiv spielte. Im letzten Spiel der regulären Saison – die Oilers hatten die letzten zehn Spiele in Folge gewonnen – war es dann so weit: Ryan platzte der Kragen und er reichte Gilbride an der Seitenlinie Eine durch – sauber an die Schläfe, vor aller Augen bei einem Monday Night Game. Eine der verrücktesten Dinge, die je in der NFL passiert sind.

Mit elf aufeinanderfolgenden Siegen ging man nichtsdestotrotz mit einem Freilos im Rücken in die Playoffs und verlor mal wieder das erste Spiel, dieses Mal gegen Joe Montana und die Kansas City Chiefs. In der 94er Saison war Gilbride zwar noch in Houston, aber Moon und Ryan nicht mehr; nach dem 1-9-Start trat Pardee zurück und der junge DC Jeff Fisher, der sein Handwerk unter Buddy Ryan in Philadelphia erlernt hatte, nahm auf dem Cheftrainerstuhl Platz.

Über Coughlin zum Head Coach ins Niemandsland

Das folgende allgemeine Ausmisten ging auch an Gilbride nicht vorbei. Weil er aber als großartiger Offensive Coordinator galt, holte Tom Coughlin, Head Coach des Expansion Teams Jacksonville Jaguars, Gilbride als OC mit an Board.Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte Gilbride den blutjungen QB Mark Brunell soweit, bereits in seiner zweiten Saison als Starter für fast 4400 Yards zu werfen und die Jags ins AFC Championship Game zu führen.

Mit sieben derart erfolgreichen Jahren im Resumée wurde es Zeit, selber eine Mannschaft zu übernehmen – leider waren es die 97er San Diego Chargers. Das größte Problem war der fehlende Franchise Quarterback. 1997 waren Craig Whelihan, Stan Humphries, Jim Everett und Todd Philcox under center. Mit diesem Personal war kein Blumentopf zu gewinnen. Also nutzte man den zweiten Pick in der NFL Draft 1998 um ein riesiges Quarterback Talent zu draften, das die Zukunft der Franchise werden sollte, sein Name: Ryan Leaf. Alles weitere ist bekannt. Nach sechs Spielen ´98 mußte Gilbride gehen.

1999 und 2000 hat Gilbride dann wieder mal eine neue Erfahrung mitgemacht, als er unter Bill Cowher OC der Pittsburgh Steelers war. Dort hat er gemäß der alten Steelers-Tradition lauflastige Game Plans zusammengebastelt und eine Top-10 Rushing Attack auf die Beine gestellt. 2001 wollte Cowher dann lieber Mike Mularkey als OC und es wurde etwas stiller um Gilbride. 2001 nahm er eine Auszeit, bevor er 2002 und 03 im NFL-Niemandsland Buffalo den Angriff übernahm. Als Bills-HC Gregg Williams vor der Saison 2004 von Mike Mularkey abgelöst wurde und dieser selber die Offense übernahm, erinnerte sich Tom Coughlin, der gerade die New York Giants übernommen hatte, an seinen alten Buddy und übertrug ihm die Aufgabe, sich als Quarterbacks-Coach um den Rookie Eli Manning zu kümmern.

Mit Eli in New York

Das hat er ziemlich gut gemacht. Aus dem jungen Eil wurde langsam, aber sicher (aber vor allem langsam) zuerst ein richtiger Quarterback und später dann einer der besten QBs der Liga. Ab 2007 hatte Gilbride endlich wieder den Posten, der ihm am meisten behagt – Offensive Coordinator. Während dieser Zeit war die einzige Konstante Eli. Irgendwann war es dann auch egal, ob die Ballempfänger Plaxico Burress, Amani Toomer, Jermey Shockey, Sinorice Moss, Domenik Hixon, Steve Smith, Kevin Boss, Hakeem Nicks, Victor Cruz, Jake Ballard oder Mario Manningham hießen – seit 2008 war es immer eine Top-10-Offense. Es ist nicht zuletzt ein großes Verdienst Gilbrides,  alle diese WRs entdeckt oder/und so eingesetzt zu haben, daß sie ligaweit ein Begriff sind.

Es fällt heute ziemlich schwer, Kevin Gilbrides Offense in irgendeine Schublade zu stecken. Es steckt auf jeden Fall noch ein großes Stück Run-and-Shoot drin, aber ohne Rücksicht auf Verluste setzt Gilbride jedes Spiel über auch auf das Running-Game. Das hat er zum Teil sicherlich auch aus der Run-and-Shoot, denn dort war jeder Spielzug so angelegt, daß ein Laufspielzug immer so aussieht wie ein Paßspielzug und umgekehrt. Aber seine Laufspielzüge sind dann doch andere als die alten Läufe aus 4-WR-Sets. In diesem Sinne wird Gilbride sicher einiges aus Pittsburgh mitgenommen haben und, noch viel sicherer, wird er eine ordentliche Dosis von Coughlin eingehämmert bekommen haben. Schließlich kommt Coughlin aus der alten 80er-Jahre Bill-Parcells-Schule. Leider steht Gilbride nicht so im Rampenlicht, daß es viel Literatur über ihn gäbe oder daß er ständig von Kameras und Mikrofonen umzingelt wäre. Charakteristisch ist vor allem, daß die G-Men unter Gilbride eine der wenigen Mannschaften sind, die eine große Portion vertikales Paßspiel (à la Mike Martz´ Rams) in ihrem Arsenal haben, während die meisten Mannschaften hauptsächlich auf kurze Timing-Routen setzen, was alles mehr oder weniger eine Weiterentwicklung der Bill-Walsh-/West-Coast-Offense ist.

Trotz seiner Erfolge und seiner vielfältigen Erfahrungen in den verschiedensten Umfeldern mit den verschiedensten Trainern hat sich auch nach dem letzten Super Bowl Sieg über die New England Patriots keine trainerlose Mannschaft bei ihm gemeldet, er hatte nicht mal eine Anfrage für einen Head-Coaching-Job. (Sein Sohn dagegen, Kevin Gilbride, Jr. wurde gerade vom Quality Control Assistant zum Wide Receivers Coach befördert, nachdem die Giants anderen Teams untersagt haben, mit ihm in Kontakt zu treten.) Am Ende werden alle Beteiligten von Coughlin bis Manning froh sein, daß Kevin Gilbride weiterhin im Big Apple bleibt – wenn auch nur in der zweiten Reihe.

Super Bowl 46 – Würdigung New York Giants

In vielen Nachbetrachtungen ist jetzt zu lesen, daß die New York Giants besonders glücklich gewesen wären und von vielen Zufällen profitiert haben. Das kann ich so nicht nachvollziehen. Eher ist es so, daß sie gerade zu Saisonbeginn sehr viel Pech hatten. Vor allem Verletzungspech. Aber sie haben an ihr Konzept und an sich selbst geglaubt und sind ein würdiger Super Bowl Champion.

Schon bevor der erste Snap der Regular Season gespielt wurde hat sich Terrell Thomas, der als No.2-CB eingeplant war, mit einem Kreuzbandriß auf IR verabschiedet. Unglücklicherweise brach sich zusätzlich auch noch der hochgehandelte Rookie Cornerback Prince Amukamara das Bein und fiel bis November aus. Die ohnehin schwache Offensive Line verlor mit Left Tackle Will Beatty im November ihren besten Mann; sein Ersatz Stacy Andrews mußte kurz darauf die Segel streichen. So mußte der schon als Guard überforderte David Diehl wieder den Left Tackle geben. Kurz vor dem ersten Saisonspiel riß auch das Kreuzband von MLB Jonathan Goff, für den die Rolle des defensiven QBs vorgesehen war. Weil auch Michael Boley einige Wochen verletzt aussetzen mußte, haben die G-Men einige Spiele mit drei Rookies im Linebacking-Corps gespielt. Matthias Kiwanuka konnte dort nicht spielen, denn er wurde als Defensive End gebraucht, da auch die essentiell wichtigen Justin Tuck und Osi Umenyiora von Verletzungen nicht verschont blieben. Um dem noch die Krone aufzusetzen, ist auch 2nd-rd pick Marvin Austin schon im August auf IR gelandet.

Auf der anderen Seite des Balles hat das für Big Blue so wichtige Laufspiel nicht nur unter den Verletzungen der O-Line gelitten, sondern auch unter der verletzungsbedingten Abwesenheit von Ahmad Bradshaw. Domenix Hixon, als Nr.3-WR vorgesehen hat sich in Woche 2 ins Lazarett verabschiedet. Das war nicht so gravierend, weil dann Victor Cruz in die Bresche sprang, aber gerade in seinen ersten Wochen hat er neben Big Plays auch teilweise hahnebüchene Genickbrecher produziert, die dann unter anderem zu dieser komischen Niederlage im Freak Unfall gegen die Seahawks geführt haben. Hixon hat dann schon mehr gefehlt, als auch Mario Manningham und Hakeem Nicks mehrere Spiele verpaßt haben.

Als New York dann immer mehr ihrer verletzten Spieler an Board hatte oder sich mit den Ersatzleuten eingespielt hatte, wurden auch die Leistungen deutlich besser. Nach drei November-Niederlagen in Folge (gegen die 49ers, Eagles und Saints – keine schlechten Teams) hat Big Blue in Woche 13 ein erstes lautes Ausrufezeichen gesetzt mit ihrem couragierten Auftreten in einer denkbar knappen Niederlage gegen die Packers. In der folgenden Woche, in der nach einem noch besseren Auftritt der Divisionsrivale Dallas niedergerungen wurde, stand hier am 14. Dezember Folgendes zu lesen:

Die Giants können jeden schlagen. Sie sind deutlich besser als ihr 7-6-record vermuten läßt. Wenn nicht nur JPP so spielt, sondern auch Tuck noch eine Schipee drauflegt, was er talentmäßig durchaus kann, und Osi Umenyiora wieder topfit ist, kann auch diese Defense wieder jedem Angriff Kopfschmerzen bereiten. In den letzten zwei, drei Spielen hat auch das Laufspiel endlich gezeigt, daß es gar nicht so unterirdisch ist. Mit Nicks, Manningham, Cruz und Ballard hat man dazu Paßempfänger, die immer für ein Big Play gut sind. Und ein Eli Manning in dieser Verfassung kann die Giants überall hin führen…

So ist es dann auch gekommen. Nach einem kurzen Rückschlag gegen die Redskins gewannen die G-Men bis zum vergangenen Sonntag sechs Do-or-Die-Spiel in Folge. Die ersten vier davon mit einem kumulierten Score von 121 zu 50. Nicht daß die jeweiligen Gegner Laufkundschaft gewesen wären, es handelte sich um den Stadtrivalen Jets, den Erzfeind Cowboys, den No.5 Seed Atlanta, den No.1 Seed Green Bay, den No.2 Seed San Francisco und den No.1 Seed der AFC – New England. So ganz ohne ein wenig Glück wäre vielleicht auch ein Spiel davon verloren gegangen. Aber der Respekt über einen der beeindruckendsten Streaks der letzten Jahre sollte deutlich überwiegen. Über keines dieser Spiele kann man das Urteil unverdient sprechen.

Über die Leistungen von Eli Manning habe ich oft genug geschrieben, das muß hier nicht wiederholt werden. Nur soviel: das beeindruckendste an Eli ist seine Entwicklung, die er durchlaufen hat. Von einem überforderten Jüngling, der in seinen erratischen Leistungen oft zwischen dämlich und ängstlich geschwankt hat, ist in einem langsamen, aber steten Prozeß ein hervorragender Quarterback und Leader geworden, der seine Mannschaft trägt, immer im Spiel hält und auch mal eines (und zwei und drei…) alleine gewinnen kann. Und das alles in New York. Das wohl schwierigste Umfeld, das man einem Quarterback antun kann.

Besonders gewürdigt werden muß auch das Management. Gerade bei diesem Druck, dem Mannschaft und Coach im Big Apple ausgesetzt sind, trotz manchmal ausbleibender Siege und Playoff-Teilnahmen an Coughlin und dem Konzept festzuhalten, hätten einige andere aufgeregte Besitzer und Manager wohl nicht durchgehalten. Die Giants beweisen, daß sich eine durchdachte langfristige Strategie auszahlt – manchmal zwar erst langfristig, aber zwei Lombardi Trophies sind es allemal wert.

Abseits der Giants noch ein anderer Gedanke: jedes Spiel der Regular Season ist wichtig, vielleicht ein banaler Gedanke, aber in den Stories über “heiß sein zu rechten Zeit” ein wenig untergegangen. Hätten die Saints sich nicht zwei unerklärliche Auszeit gegen die Bucs und Rams (!) gegönnt, hätten sie den Heimvorteil in den Playoffs gehabt – und wohl kaum in ihrem Dome gegen die 49ers verloren. Und wahrscheinlich auch nicht gegen irgendeine andere Mannschaft in einem Dome. Die beiden Spiele waren vielleicht das größte Glück für die Giants. (Die Head Coaches von Tampa und St. Louis wurden nach der Saison gefeuert. Ironischerweise ist Raheem Morris jetzt bei New Yorks Divisionsrivalen aus Washington untergekommen. Und noch ironischer: Ex-Rams HC Steve Spagnuolo, der als DC der Giants 2007/08 einen Ring gewann, ist in der kommenden Saison DC der Saints.)

Superbowl XLVI im Liveblog: New England Patriots – New York Giants

Dogfood bei Allesaussersport bloggt live mit. Wie auch die New York Times. Und der Guardian.

[04h43] Abschließend noch eine leise Anmerkung zur Übertragung bei SAT.1. Nach drei Stunden wird es irgendwann schwer zuzuhören, wenn jeder Catch das größte Play seit Erfindung der Weißwurst ist und Schreiarien folgen. Christopher D. Ryan setzte seine Arien im rechten Moment ein, die Italiener kriegen sich bei Touchdowns minutenlang nicht ein, aber nicht wenn Nicks in der fünften Minute den ersten Allerweltscatch macht. Daher bin ich nun auch müde und froh, keinen Sound mehr hören zu müssen.

[04h26] Man darf nun gespannt sein, wie der Stratege Belichick in der Offseason die Mannschaft umbauen wird. Der Kern in der Offense steht (Welker ist allerdings Free Agent), jedoch gibt es eklatanten Nachholfbedarf in der Defense. Es ist ohnehin ein Wunder, und ein großes Verdienst Belichicks, dass man trotz so vieler Abgänge und so weniger Verstärkungen in der Defense in den letzten beiden Jahren 27-5 Siege in der Regular Season einfahren konnte.

[04h13] Eli Manning wird MVP – eine simplifizierte Wahl in einem Spiel ohne herausragende Gestalt. Vielleicht hätte man Pierre-Paul den MVP geben können; oder Welker.

[04h07] Endstand New England Patriots 17, New York Giants 21.

Da geht natürlich auch der erste „reinrassige“ (O-Ton Buschmann) deutsche Superbowl-Champ den Bach runter. Verschenkter Titelgewinn für die New England Patriots, die sich erst mit Butterfingern ihrer wichtigen Offensivspieler (WR Wes Welker/WR Deion Branch) im entscheidenden Moment plagen mussten und dann die Pistole zückten und sich mit dem sinnfreien Clock Management ganz laut in die eigenen Knie schossen. Spätestens als die Giants in der RedZone waren, hätte man die Giants durchlaufen lassen müssen. Dass man es nach den verbrannten Timeouts erst mit knapp einer Minute machte, wird Belichick noch lange verfolgen und dürfte eine der schwärzesten Stunden dieses Coaches sein. Sei’s drum: Die Pundits bei ESPN haben nun tagelangen Diskussionsstoff.

Für die Giants war es ein glücklicher Sieg, aber aufgrund des erneuten Comebacks Eli Mannings trotzdem kein farbloser. Manning wirkte wieder sehr souverän in der Crunch Time, dieser rattenscharfe 38-Yarder für Manningham war einer der besten Plays am heutigen Tag. Am Ende konnte man eine waidwunde Defense locker ausspielen.

Alles in allem ein Spiel, das so oder so hätte ausgehen können. Der Sieger war ein zufälliger – so wie man es hatte befürchten müssen. Die Giants sind ein passender Champion einer NFL-Saison ohne eine wirklich herausragende Mannschaft. Ein Team, das sich mit einem wackeligen 9-7 gerade so in die Playoffs gewürgt hatte.

[03h53] Die letzte Hail Mary fällt zu Boden und die New York Giants gewinnen die Superbowl XLVI. Dieses Spiel wird einen dicken Kratzer am angeblich besten Coach aller Zeiten, Belichick, hinterlassen. Belichick, der die Giants viel zu spät in die EndZone traben ließ.

[03h50] Sie zucken noch. Branch verwertet das sehr lange 4th down. Nach dem nächsten Pass für Hernandez sind es 17sek und an der NE 42. Hail Mary Time.

[03h49] Die Patriots ergeben sich wehrlos in ihr Schicksal. Drop Hernandez, Sack gegen Brady und dann lassen sie sekundenlang die Uhr runtertickern, ehe das letzte Timeout genommen wird.

[03h43] New England 17, NY Giants 21/Q4 0:57. Während Buschmann völlig ausrastet und nicht wahrhaben will, dass die Patriots den intentionalen Touchdown aufgegeben haben (endlich!!), macht Bradshaw dem Elend ein Ende und setzt sich in die EndZone. Die Patriots haben nun 57 Sekunden Zeit, um per TD auszugleichen. Aber die Art, wie Belichick das gemanagt hat, wird für Kritik sorgen – zurecht.

[03h42] An Stelle der Patriots würde ich den Touchdown aufgeben. Eigentlich ein no brainer.

[03h38] Zwei Minuten vor Schluss sind die Giants an der NE18. Vielleicht sollten die Patriots die Giants durchlaufen lassen.

[03h34] Famoser Catch von WR Mario Manningham nach einem butterweichen Manning-Pass ganz dicht an der Seitenlinie. Die Giants sind an der Mitellinie; 3:39 geht es noch.

[03h32] Übler, sehr übler Drop von einem weit offenen WR Wes Welker in der RedZone; ausgerechnet der beste Ballfänger der Patriots. Anstelle von Punkten müssen die Patriots punten. 3:46 noch. Manning hat noch genügend Zeit und ein Field Goal reicht den Giants.

[03h29] Fünf Minuten vor Schluss verwertet #81 Hernandez ein weiteres 3rd down und für die Giants wird es langsam eng. Ein Field Goal bedeutete Fünfpunkteführung, ein Touchdown würde die Giants schon sehr tief unter die Erde schieben…

[03h26] Bei Twitter aufgeschnappt (und Quelle leider verloren):

„I know Nike does some crazy stuff, but the jerseys LSU and Alabama are wearing tonight are way out there.“

[03h22] Nächster Ausfall: Bei TE Jake Ballard (Giants) hält das Knie nicht mehr.

[03h19] Neuneinhalb Minuten vor Schluss wehrt #29 Sterling Moore wohl regelwidrig (weil Pass Interference) das 3rd down ab und Coughlin rastet an der Seitenlinie ob der dilettantischen Referees fast aus. Die Flaggen bleiben stecken, Patriots 9:24 vor Schluss tief in der eigenen RedZone mit der nächsten Angriffsserie.

[03h17] Nach einem suboptimalen, weil zu weich geworfenen Ball über die rechte Seite ist Manning erstmal so verwirrt, dass er sein zweites Timeout der zweiten Halbzeit verbrennen muss, um dem Delay of Game aus dem Weg zu gehen. Viele 3rd downs für die Giants in diesem Drive, weil ihnen die Patriots immer noch alle tiefen Optionen nehmen.

[03h03] Fassungslose Szene: Brady reißt sich los, feuert wie einst Manning den tiefen Ball das Spielfeld runter, aber dort steht nicht Tyree, sondern nur Gronkowski. Gronkowski wird von einem Defensive Liner Middle Linebacker #93 Blackburn abgedeckt und FÄNGT DEN BALL ab. Ungefähr so hirnrissiger Ball wie einst Manning. Zwei Plays später sind die Giants nochmal im Glück, fumbeln wieder und nehmen den Ball wieder selbst auf.

Drittes Viertel

[02h58] Mal schauen, was die Patriots jetzt aufbieten, nachdem die „Spread“-Aufstellungen so blendend funktioniert hatten und im letzten Drive sehr „enge“ Aufstellungen gemacht wurden, was prompt in die Hose ging.

[02h55] New England 17, NY Giants 15/Q3 0:35. Kleinigkeiten: Nicks fumbelt nach großem Raumgewinn den Ball, den die Giants aufnehmen können. Manning wird mal wieder beim dritten Down gesackt. Resultat: Wieder ein kurzes Field Goal für die Giants, diesmal ohne Hilfe der Stange reingewürgt.

[02h49] Brady für einmal unentschlossen, die Patriots müssen schnell wieder auf die Bank, die Giants mit exzellenter Feldposition – und Brady wird anscheinend wegen schmerzender linker Schulter nun untersucht. Hoyer soll sich warm machen!

[02h38] New England 17, NY Giants 12/Q3 6:43. Nachdem die Giants mühelos an die RedZone marschiert sind, kommt S #25 Pat Chung und knockt WR #88 Nicks mit einem hart an der Grenze zur Illegalität stehenden Hit raus, kommen die Patriots mit ihrem ansonsten „weichen“ Pass Rush einmal durch und schon müssen sich die Giants mit dem Trostpreis Field Goal zufrieden geben.

[02h28] New England 17, NY Giants 9/Q3 11:20. TD 11yds von #81 Hernandez. Zwei lange Raumgewinne für WR Ochocinco (!) links draußen und RB Green-Ellis über die rechte Seite, ehe die Patriots in der RedZone die entblößte Spielfeldmitte der Giants auseinandernehmen und einen locker aussehenden Touchdown machen, auch weil Brady viel Zeit zum Werfen bekommt. Sogar die Tackles der Giants saßen nun nicht mehr so 100%ig wie vor der Pause, Hernandez ließ den Safety beim TD z.B. abtropfen.

Brady im übrigen mit dem sagenhaften 16. komplettierten Pass in Serie. Wer hat eine deutsche Vokabel für „on fire“?

Halbzeit

[02h22] Ich habe nun noch einmal den Touchdown für Cruz gesehen und muss mich korrigieren: Der Ball war nicht abgefälscht, aber in ein extrem enges Fenster reingeworfen und im Nachfassen unter Kontrolle gebracht.

[02h15] Choreografie zur Halftime-Show sah nicht übel aus, aber da ich diese Musik für reine Talentvergeudung für diese schöne Stimme halte, schweige ich mich zum Rest aus.

[02h08] Die Zahlen zum Spiel:

Kategorie       NE       NYG
Ballbesitz      10:15    19:45
First Downs     10       12
Plays           27       35
Offensiv-Yards  182      177
Strafen         4-23     2-14

Gefühlt war das deutlicher als es die Zahlen sagen, wooooobei: Weit über die Hälfte der Patriots-Yards kamen in jenem großen Drive vor der Pause. Patriots mit mehr yds/Play, fast gleich vielen Yards. Beide Quarterbacks erst mit drei Incompletions: Manning 14/17 für 120yds, Brady 15/18 für 147yds, beide 1 TD und keine INT.

Ein Verletzungs-Update noch: Der Tight End der Giants, Travis Beckum, hat sich in der ersten Halbzeit also tatsächlich das Kreuzband gerissen.

Zweites Viertel

[01h58] (Ich habe den Wahrscheinlichkeits-Graphen verfolgt und deshalb nur mit einem Auge mitbekommen, dass SAT.1 die verbliebenen acht Sekunden nach dem Touchdown einfach mal vergaß zu senden)

[01h57] Patriots von der Schippe gesprungen, oder so. Die Giants sind die bessere Mannschaft, dominieren im Prinzip mit beiden Mannschaftsteilen und dann nehmen die Patriots dreieinhalb Minuten vor der Pause den Ball an der eigenen 3yds Line und spielen diese lupenreinen Drive zum Touchdown und Führung runter – und kriegen zum Start der zweiten Halbzeit als erste den Ball.

Die Giants können sich nicht viel vorwerfen, außer, dass sie sich zwei Drives mit Strafen selbst zerstört haben. Und dass sie einmal gefühlt umsonst gepuntet haben (4th and 4). Wird eine spannende zweite Halbzeit, da hier die „falsche“ Mannschaft führt. Passt aber wunderbar zum Gefühl vor der Partie: Es läuft alles anders als erwartet.

[01h47] New England 10, NY Giants 9/Q2 0:08. Woodhead, Catch über 4yds. M-a-s-s-i-v-e-r Patriots-Drive über 97yds (98.5yds mit der Strafe am Anfang) und plötzlich führen die Patriots kurz vor der Pause, obwohl sie bis dato fast an die Wand gespielt worden waren. Es war eine Kurzpassorgie der Patriots, deren größte Waffen heute TE Hernandez und WR Welker sind.
BTW SAT.1 hatte zum hirntotesten Zeitpunkt einen minutenlangen Spot über deren Jahreshighlights laufen, hätten den Touchdown um ein Haar verpasst und zum Catch noch immer keinen Ton.

[01h35] Ein lichter Moment für die Patriots: Brady entfleucht dem nahenden Druck und feuert auf den in der Mitteldistanz hängenden #87 Gronkowksi, der nach dem artistischen Catch einen richtig schönen Raumgewinn erhumpelt. Mal so auf die Uhr geschaut: Es sind keine drei Minuten mehr zu spielen.

[01h30] Belichick pustet erleichtert durch: Die Giants zerstören sich den zweiten Drive in Serie durch eine Strafe. Diesmal ein Holding gegen den Left Guard, der die übel Aufgabe hatte, DT #75 Wilfork allein abzublocken. Statt lockerem 1st down gibt es Punt, aber Belichick kann es nicht gefallen, wie die Patriots in der Defense alle Kreuzzeichen machen müssen, um heil rauszukommen – schon jetzt.

[01h24] Three’n’out für die Patriots, nachdem sie ein 4th and inches nicht ausspielen. Bradys Pocket bleibt unsicheres Land – beim Pass im dritten Versuch war Umenyiora wieder haarscharf dran und Sekunden vorher hatte Pierre-Paul seinen zweiten Ball heute geblockt.

[01h20] Jetzt ist es an den Giants, die sinnfreien Strafen zu kassieren. Nach einer haarscharf nicht gegebenen (ich meine: keine richtige Fehlentscheidung der Refs) Pass Interference gegen S #25 Chung sind die Giants zu 12t im Huddle. Resultat: Ein vielversprechend aussehender Drive endet im Punt. Obwohl: 4th and 4 an der NE41 hätte ich ausgespielt.

[01h13] Wenn ich richtig mitgezählt habe, ist ein Drop von RB #44 Bradshaw eingangs des zweiten Viertel der erste inkomplette Pass für Eli Manning (erste 9 oder 10 Pässe alle komplettiert).

[01h05] New England 3, NY Giants 9/Q2 13:48. Die Giants-Defense kommt mit ihren „Speed-Rushes“ immer wieder soweit zu Brady durch, dass dieser schneller als gewollt werfen muss. #72 Umenyiora und #90 Pierre-Paul machen ordentlich Rabatz und so schaut nach einigen viel versprechenden Pässen zu Beginn des Drives am Ende nur das Field Goal heraus. Auffallend an der aggressiven Giants-Defense auch: Das Tackling ist stark.

Erstes Viertel

[01h00] Zum Ende eines recht flotten ersten Viertels kommen die Patriots in der Offense langsam in Schwung – soweit ich das gesehen habe ohne Vollmer, der beim Safety überrannt worden war.

Ein Wort zu SAT.1 zum Ende des ersten Viertels: Da sind besorgniserregend viele kleine faktische Fehler. Nicht viel Schlimmes, aber es lässt jedes Mal aufhorchen. Branch war nicht dreimal mit Brady im Endspiel. Es heißt „EndAround“ und nicht „Turnaround“ usw. und dass Chuck Norris schon jetzt ausgepackt wird… nun ja.

[00h51] New England 0, NY Giants 9/Q1 3:24. 2yds-TD für #80 Cruz im Nachfassen bei einem abgefälschten Ball. Besorgniserregendes Tackling der Patriots – und das eine Mal, als sie aggressiv auf den Ball gingen und einen Fumble rausschlugen und eroberten, waren 12 Mann am Feld! Belichick muss Sodbrennen bekommen.

[00h39] New England 0, NY Giants 2/Safety. Unglaublich. Brady spürt sachten Druck und wird panisch, wirft aus der eigenen EndZone einen tiefen Ball ins Niemandsland. Per Regel ist das ein Safety wegen Intentional Grounding.

[00h39]Erster Drive der Giants. Zuerst nur wenig Druck der Patriots und die Giants nutzen das mit vielen schnellen Pässen für Tight Ends, für Nicks und für Cruz. Als die Giants leise am field Goal anklopfen erst ein „Coverage Sack“ von #71 Daederick trotz wenig Drucks, und dann beim dritten Down bricht DE #95 Mark Anderson durch und stoppt Manning.

Pregame

[00h26] Coin-Toss: Die Patriots deferren, der Schiedsrichter weiß nicht, wie das Stadion in Indianapolis heißt und die Kommentatoren bei SAT.1 haben nicht zugehört 🙂

[00h24] Als letzten Guide bin ich so frei und stelle Herrmanns Tipps hier rein – hierauf ist zu schauen:

Giants

>Laufspiel (OC Gilbride hört niemals auf, Laufspielzüge anzusagen, auch wenn es überhaupt nicht funktioniert. Es sollte besser funktionieren, denn Eli kann nicht jeden 3rd&long verwandeln)

>Eli (hat Manning die gleiche Klasse wie in den letzten Wochen, vor allem under pressure?)

>Pressure/O-Line ( schafft es NYs OLine die Herren Wilfork/Love/Deaderick vor allem in der Mitte in Schach zu halten?)

>Coverage in der Mitte (stellen sie die Mitte zu, um Aaron Welkowski zu minimieren oder versuchen sie etwas anderes?)

>Tackling (mit schwachen Tackles von den LBs/Safeties können sie die Drei Großen NEs decken, wie sie wollen – sie werden untergehen)

Patriots

>Formationen/Personnel (6 O-Liner? die bekannte flexible 2WR/2TE/1TE-Aufstellung oder was anderes wie 3WR-sets, gerade in No-Huddle-Offense)

>Coverage (Safeties tief und „softe“ Zonenverteidigung gegen NYs Große Drei oder etwas aggressiveres mit Blitzes und Manndeckung?)

>Attack the outside! (gibt es zur Abwechslung mal ein größeres Einbinden der WRs der Außenlinie, die nie in Doppeldeckung sein werden oder gar mehrere Versuche, ganz tiefe Bälle zu werfen? Ochocinco, anyone?)

[00h20] Die Wette ist mit „Under“ gewonnen worden. 1:30 Minuten – astreine Performance.

[00h17] Damit zur Wette des Jahres: Wie schnell wird Kelly Clarksen den Star-Spangled Banner singen? Clarksen ist bekannt dafür, schnell zu singen. Bei all ihren öffentlichen Soloauftritten nie länger als 1:34 gebraucht. Mittelwert 1:31 Minuten. Markenzeichen: Ein recht kurz angezogenes „Home of the Brave“. Over/Under heute: 1:34 Minuten, weil Sternchen dazu tendieren, auf großer Bühne ein bissl mehr reinzulegen.

(Aguilera kreischte letztes Jahr 1:54min lang).

[23h47] Einen hab‘ ich noch vergessen – meinen Favoriten. Brian Burke/Advanced NFL Stats hat bei Fifth Down das Ergebnis seiner Superbowl-Simulation präsentiert. Um das 50/50 zu brechen, musste Burke auf die Tausendstelstelle runtergehen. Burkes System ist mein favorisiertes, weil das mit Abstand präziseste. Und damit verabschiede ich mich für ein paar Minuten, da Sabine für eine Minute nach Mitternacht die traditionellen Weißwürste zubereitet hat.

[23h37] Nach der Aufwärmrunde über den Tag starten wir nun offiziell in die Superbowl-Nacht. Belichick soll wie gewohnt auf die Größe des Events geschissen haben und in grauem Pulli auflaufen, womit die wichtigste Frage gleich eingangs geklärt wäre.

Die New England Patriots laufen ohne den langjährigen Running Back #33 Kevin Faulk auf, der inactive ist. Ebenso nicht spielberechtigt: QB Mallett, RB Vereen, LB Guyton. Das heißt wohl, der Mann, der heute Nacht vom Trainingsplatz verpflichtet wurde (Alex Silvestro/Rutgers) könnte active sein. Bei den Giants ist der bekannteste inaktive Mann LB Mark Herzlich, der sentimentale Favorit (Stichwort: Knochenkrebs), dessen Leistungen heuer besorgniserregend gewesen sein sollen.

Active: Der deutsche OT #76 Sebastian Vollmer und TE #87 Rob Gronkowskias expected. Bleibt abzuwarten, wie stark die beiden eingesetzt werden können.

Superbowl-Countdown 2012, T-minus 4: Von der Unternehmensphilosophie der New York Giants

Wenn ich über die Monate Franchises wie Detroit oder Arizona für intelligentes „Team-Building“ gelobt habe, so wird es drei Tage vor der Superbowl XLVI Zeit, den Scheinwerfer auf die New York Giants zu richten, wo die Beharrlichkeit und die Stetigkeit angesichts der rabiaten Presse vielleicht noch eine Stufe höher einzuordnen ist.

Vorausgeschickt: Die Giants sind eine der klassichen NFL-Franchises, gegründet in den 20ern und aufgrund des gleichnamigen Baseball-Teams (heute „San Francisco Giants“) offiziell mit dem Zusatz „Football-Giants“ versehen. In der Urzeit war man viermal NFL-Champ, lieferte heute hymnisch besungene Partien wie das NFL-Finale 1958 („The Greatest Game Of All Time“), gehörte in den 70ern jedoch zu den erfolglosesten Mannschaften.

Die 70er waren auch die Zeit, in der etwas weiter südlich, bei den Baltimore Colts, die zukünftigen klugen Köpfe von Big Blue geschult wurden: George Young und der berühmte Ernie Accorsi, Schützlinge des visionären Joe Thomas, dessen Philosophie so simpel gestrickt war, dass sie von Podolski stammen könnte:

Oberste Priorität ist: Finde deinen Quarterback. Und zwar nicht „einen“, sondern „deinen“. Du musst dir ob seiner Qualitäten 100%ig sicher sein. Hast du ihn, drafte Pass Rusher bis die Kälber fliegen lernen.

Vor Jahren lernte ich, dass bereits die große, von Young zusammengestellte Giants-Dynastie der 80er Jahre genau so funktionierte; als berühmteste Figur agierte mit dem OLB Lawrence Taylor (hierzulande bekannt aus Any Given Sunday) der noch heute als dominantester Abwehrspieler seiner Zeit angesehen wird, ein Mann, der das rare Kunststück zustande brachte, als Abwehrspieler zum NFL-MVP gewählt zu werden. Resultat: Zwei Superbowlsiege und etliche noch heute „zitierte“ Playoff-Klassiker.

Ach, und: Im Trainerstab des rastlosen HeadCoaches Bill Parcells waren zwei weitere uns heute bekannte Gesichter: DefCoord Bill Belichick und Tom Coughlin, der Positionstrainer der Wide Receivers.

Parcells‘ Trainerstab zerschlug sich Anfang der 90er, aber im Front Office der Giants setzte man weiterhin auf Kontinuität. Der greise Besitzer Wellington Mara war eine eigenartig kultige Gestalt, der man rückwirkend betrachtet so viel Gelassenheit in der Führung einer so großen Franchise an einem so unruhigen Ort gar nicht zugetraut hätte.

Nach GM Youngs Abgang übernahm der ähnlich gepolte GM Accorsi. Die Giants verschwanden zwar etwas von der Bildfläche, hatten aber mit Michael Strahan wenigstens „ihren“ großen Pass Rusher für die nächsten 15 Jahre gefunden. Trotzdem stehen die Jahre Ende der 90er und Anfang der 2000er etwas verloren in der Giants-Historie: Obwohl man als Spielmacher nur den Wandervogel und gefühlten Notnagel Kerry Collins zu bieten hatte, schaffte man es unter dem „kulturellen Mismatch“, HeadCoach Jim Fassel, 2000/01 ins Endspiel, das allerdings sang- und klanglos verloren ging.

Die Ära Coughlin/Manning

Irgendwann im Herbst 2003 war allen klar geworden, dass die implodierenden Giants einen Schnitt brauchten, zurück zu ihren Wurzeln mussten. Accorsi machte den Move und verpflichtete den als Diziplinfanatiker verschrieenen ehemaligen Giants-Assistenztrainer und Chefcoach der Jaguars, Tom Coughlin – kein Showman und charakterlich die Anti-These zum Bild von New York City.

Der Wiederaufbau auf dem Feld wurde um den noch blasseren QB Eli Manning versucht, den Bruder des damaligen NFL-MVPs Peyton Manning, und ein bereits zu Zeiten des Drafts verhasster Charakter, weil er sich die Freiheit genommen hatte, selbst zu bestimmen, wo er spielen wollte. Eine Ungeheuerlichkeit.

Das Theater um Manning in jenem April 2004 hatte noch eine weitere, wenig bekannte, aber vielsagende und wie die Faust auf Accorsis Auge passende Facette, die der NFL.com-Kolumnist Vic Carucci im Frühjahr 2006 durchleuchtete: San Diego – das Manning gegen dessen Willen gedraftet hatte – wusste, wie sehr Accorsi/Coughlin den Manning wollten; für einen Trade wurden abstruse Preise verlangt und die Giants waren bereit, alle Geschäftemacherei mitzugehen, bis auf die eine: Der junge, unbekannte DE Osi Umenyiora, in der damaligen Madden-Version mit einem unspektakulären Rating von 72 Punkten versehen, stand nicht zur Diskussion. Accorsi hätte sich eher die Pulsadern aufgeschlitzt, bevor er Umenyiora verkauft hätte. Da war es also wieder: Tue alles, um deinen Franchise-QB zu bekommen. Deine zweite Priorität: Pass Rusher.

Wenig später starb die Legende Wellington Mara, der Giants-Besitz wurde auf Sohnemann John überschrieben, einen noch unscheinbareren Kopf als Coughlin, Accorsi und Manning zusammen. John Mara kommt nicht wie ein Visionär daher, passt aber mit seinem bedingungslosen Bekenntnis für Kontinuität wie die Faust aufs Auge auf diesen komischen, biederen und vielleicht gerade deshalb doch inspirierenden Laden „Giants“.

Denn obwohl Manning lange Jahre stagnierte, obwohl die Giants November für Dezember aufs Neue kollabierten, obwohl Coughlin dreimal pro Jahr bei den Fans unten durch war und sein Kopf gefordert wurde: Owner Mara, GM Accorsi oder Nachfolge-GM Floyd Jerry Reese blieben selbst im größten Trubel cool. Vermutlich musste diese Franchise genau so geführt werden.

Verdienter Lohn war der fast zufällig errungene Superbowl-Sieg von 2007/08, ein innerlicher Reichsparteitag Triumph auch für Accorsi: Offizieller MVP war Manning. Aber der wahre wertvollste Part jener Mannschaft war die Defensive Line. Und rein zufällig war deren auffälligste, ja dominanteste, Figur – erraten – Defensive End Umenyiora.

Die Giants von 2011/12

Jener Umenyiora stand im vergangenen Sommer 2011 vor dem Absprung. Wir schreiben ein neues Kapitel Giant’scher Unternehmens-Führung, die konzeptionell trotz neuer Köpfe (der schwarze GM Reese hatte für Accorsi übernommen) immer noch unverändert blieb. Reese bekannte sich seiner Wurzeln und riskierte erst gar nicht, Umenyiora zu verlieren und bewahrte, nach unglücklich ausschauender Kaderpolitik voll ins Kreuzfeuer geraten, kühlen Kopf.

Als die Giants-Saison im November den gewohnten Lauf nahm und nach viel versprechendem Beginn mal wieder abzustinken drohte, schoben Mara, Coughlin und Reese die Probleme auf die lange Bank und verwiesen einfach auf den Faktor Geduld. Wenn erstmal wieder alle Pass Rusher gesund seien, wäre die Saison eh gerettet.

Und so stehen die Giants nun in der Superbowl und man tut sich erneut schwer, es wirklich rational erklären zu können; anstelle der Schlachtrufe für den Rauswurf Coughlins wird über seine eventuell kommende Wahl in die Hall of Fame diskutiert, Reese als großer Stratege und Mara als legitimer „neuer“ Wellington gefeiert.

Ich bin mir nicht sicher, wie ernst es der Giants-Führung über die Jahre mit ihrer Nibelungentreue für das sich jahrelang nicht recht weiterentwickelnde ewige Talent Manning und den knorrigen Coughlin war. Fakt ist aber, dass die beiden trotz aller Widrigkeiten niemals von einer offiziellen Giants-Stelle verbal angesägt worden waren.

Und so ist der wie schon vor vier Jahren überraschende Playoff-Lauf der Giants am Ende neben dem durchaus vorhandenen Freak-Faktor alles in allem auch ein Produkt jahrzehntelang konsequent durchgezogener Unternehmensphilosophie und ein Lohn für den unerschütterlichen Glauben an die Kontinuität.

NFC Divisional Playoffs 2011/12 – Vorschau Giants/Packers

NFC Divisional Playoffs 2011/12 – New York Giants (10-7) @ Green Bay Packers (15-1)

[Sonntag 22.30Uhr auf ESPN America, Sport1+ und PULS4; kommentiert (über FOX) von Joe Buck, Troy Aikman, Pam Oliver und Chris Myers]

Der Außenseiter New York Giants tritt an einem Sonntagabend im Januar gegen die Green Bay Packers in deren Lambeau Field an. Eli Manning hat mal wieder eine sehr, sagen wir mal “abwechslungsreiche” Saison hinter sich, mit vielen Höhen und Tiefen. Head Coach Tom Coughlin ist zwischenzeitlich von den New Yorker Medien und Fans abgesägt worden, nachdem es lange so aussah, als würden die G-Men die Playoffs verpassen. Am Ende hat Eli glücklicherweise doch noch seine Form gefunden und wurde dabei kräftigst von seinen beiden Top-RBs Ahmad Bradshaw und der Dampfwalze Brandon Jacobs unterstützt. Und auf der anderen Seite des Balles natürlich von der bärenstarken D-Line um Justin Tuck und Osi Umenyiora.

Die Giants können gegen den ligaweiten Quarterback-Liebling der Packers lange mithalten und Head Coach Mike McCarthy findet nicht so recht ein Mittel, um seinen Angriff mal so richtig ins Laufen zu bringen. Außer Donald Driver sind alle WR abgemeldet und RB Ryan Grant rennt mehr rück- und seitwärts als nach vorne. Das Spiel ist tough und eng und geht schließlich bei einem windchill von -33°C in die Overtime.

Dort wirft Green Bays Quarterback, der während der Saison viel weniger Interceptions als sonst geworfen hat, direkt in die Arme von CB Corey Webster. (Die viel kritisierte Secondary der Giants hat ein großartiges Spiel gemacht; wenn man den 90-Yard-Paß zu Driver abzieht, hat Green Bays Rekord-QB nur 146 Pass-Yards auf dem Tacho gehabt.) Kicker Lawrence Tynes verwandelt den FG-Versuch und Big Blue gewinnt.

Diese Interception im NFC Championship Game 2007 war der letzte Paß, den Brett Favre im Trikot der Green Bay Packers geworfen hat. Wenn man Favre durch Aaron Rodgers ersetzt und in der Giants D-Line Michael Strahen gegen Jason Pierre-Paul tauscht, kann man die ersten drei Absätze fast genauso stehen lassen für das Aufeinandertreffen von Cheeseheads und G-Men. Dieses Matchup ist wie ein Vergleich zwischen einem gut geölten schnittigen Sportwagen und einem großen, dreckigen und geländeerprobtem SUV.

Der schicke Sportwagen

Im Gegensatz zu den Patriots und Saints, die ihre explosiven Offenses auf kreativen Taktiken und auf jeden Gegner speziell zugeschnittenen Game Plan aufbauen, basiert der Erfolg des Packers-Angriff um Aaron Rodgers auf perfekter Execution. HC McCarthy bastelt nicht in stundenlanger Kleinarbeit etwas unglaublich Kreatives zusammen, sondern setzt darauf, daß Rodgers seine Lieblingsplays ein ums andere Mal perfekt ausführt und milimeter genaue Pässe wirft. Rodgers erinnert in dem Sinne an Peyton Manning. Bei Manning wissen auch immer alle, was kommt und trotzdem kann man es kaum verteidigen, weil es perfekt ausgeführt wird.

Bei Rodgers und auch Manning sind das vor allem zwei Pässe. Der eine ist der Paß, zwischen 10 und 20 Yards tief an die Seitenlinie, bei dem der WR in Zone Coverage am CB vorbei ist und der Ball in genau dem ganz kleinen Fenster landet, bevor der Safety zum Helfen rübergekommen ist. Ziemlich simpel, aber wenn der Paß perfekt ist, kann man das einfach nicht verteidigen. Der andere Paß ist der Ball über die Mitte zum TE oder Slot-WR, wenn dieser vertikal zwischen LB und S ist. Auch hier gilt: perfect pass beats perfect coverage. Daneben haben die Packers noch viele Drag- und Crossing-Routes im Angebot, bei denen die Wide Receivers auf verschiedenen Höhe parallel zur Line of Scrimmage laufen und Go- bzw. Post-Routes, bei denen die WR die Seitenlinie entlang laufen und dann entweder im 1-v-1 gegen den CB geradeaus weitermarschieren oder zur Spielfeldmitte hin abbiegen und sich den Safety vorknöpfen.

Im Gegensatz zu den einzig beiden anderen Offenses, die in Sachen Produktivität mit Green Bay mithalten können – New England und New Orleans – spielen die RBs und TEs keine besondere Rolle im Spiel der Packers. Mehr als Dumpoffs bekommen die RBs James Starks und Ryan Grant nicht und TE Jermichael Finley ist entgegen allen Erwartungen lange nicht auf dem Niveau eines Rob Gronkowski oder Jimmy Graham. Sondern eher sowas wie ein Vernon Davis light.

Auch das Laufspiel hat mehr die Funktion, Aaron Rodgers´ Arm zu schonen. Mit 3,9 Yards/Carry taugt es nur zum Feigenblatt und kann nicht helfen oder gar mal was rausreißen, wenn das Paßspiel aus welchen Gründen auch immer mal ins Stottern kommt. Es steht und fällt alles mit Rodgers´ execution der Passing Plays. Mit Greg Jennings und Jordy Nelson hat er aber dankenswerterweise eine erstklassige 1-2-Combo und mit James Jones und Donald Driver auch noch gute dritte und vierte Optionen.

Ebenso hübsch und attraktiv wie die Offense ist die Defense – auch wenn diese nicht mehr ganz so sexy ist, wie in den letzten beiden Jahren. Es ist alles schön anzusehen: DC Dom Capers hat tolle Zone Blitzes im Angebot, mit Clay Matthews hat man einen tollen langhaarigen und auffälligen Pass Rusher und mit Charles Woodson einen Playmaker, der überall beliebt ist wie früher Brett Favre. Aber diese Saison hat gezeigt, daß man an der funkelnden Karosse noch lange nicht erkennt, was unter der Motorhaube steckt.

Die Defense war nach Yards tatsächlich noch schlechter als die New Englands, durch die vielen Turnovers – sagenhafte 31 Interceptions – ist man nach Punkten immerhin noch auf Rang 19. Aber wenn man böswillig ist, kann man auch behaupten, daß gerade Woodson seine Interceptions nur noch gegen Rookies oder schlechte Quarterbacks macht. Oder daß Matthews mittlerweile mehr durch seine Haare auffällt, als durch Sacks.

Besonders schwach ist die Front Seven der Packers. Besonders das Spiel gegen den zweiten Anzug der Bears bleibt hier in schlechter Erinnerung. Der Held der letzten Saison, B.J. Raji, zieht hier besonders große Kritik von professionellen Beobachtern wie ProFootballFocus auf sich. Wie dem auch sei, DC Capers weiß offenbar um die individuellen Schwächen seiner Spieler (und um die Stärke der Offense) und läßt daher wohl ganz bewußt eine Boom-or-Bust-Defense spielen. Will heißen: wir wollen den Turnovers und pfeifen auf die Yards. Wenn wir uns statt dem Turnover ein Big Play fangen – so be it. Rodgers kann schneller einen Touchdown machen, als die andere Offense zum Gatorade gegriffen hat. Bekommen wir aber den Turnover, ist das Spiel ganz schnell vorbei. Riskant, aber – noch – erfolgreich.

Der große, dreckige Jeep

Besonders mit der beeindruckenden Leistung der letzten Woche gegen Atlanta im Hinterkopf werden die Giants wohl versuchen, mit ihrem kräftigen Laufspiel die schwache Front Seven der Packers in Grund und Boden zu rammen. Wenn Brandon Jacobs – 1,92m, 120kg – in seinen alten Bulldozer-Modus schaltet, kann er über jeden Verteidiger der Packers hinwegtrampeln. Auch Ahmad Bradshaw kann mit der großen, dicken O-Line vor sich immer wieder Yards und 1st Downs herausholen. Das Ziel der G-Men sollte sein, ihr Laufspiel zu etablieren (3 Euro ins Phrasenschwein), lange Drives am Leben und Rodgers damit an der Seitenlinie zu halten.

Wenn das nicht klappt (oder als zusätzliche Stärke) kann Eli Manning, der spätestens seit dieser Saison jetzt wirklich den Nickname Elite verdient hat, auf zwei grundsolide WR mit Hakeem Nicks und Mario Manningham vertrauen, hat mit Victor Cruz jemanden, der immer für ein Big Play gut ist und in TE Jake Ballard so etwas wie einen Edeljoker – unbekannt, aber zuverlässig und wuchtig wie sonst nur der große, böse Gronk.

Auch die Defense New Yorks ist wenig spektakulär und kreativ, aber grundsolide sowie kratzbürstig, aggressiv und unnachgiebig. (Komischerweise immer nur in den wichtigen Spielen und in den Playoffs, aber die seltsam unmotivierten Novemberauftritte müssen uns ja jetzt nicht mehr kümmern. Bis zum nächsten November.) Die Defensive Line ist mit das Beste, was man in der NFL bestaunen kann. Jason Pierre-Paul, Justin Tuck und Osi Umenyiora können jedem Offensive Tackle im Paß- wie auch Laufspiel das Leben zur Hölle machen und bleiben durch das viele Rotieren auch frisch bis ins letzte Viertel. Die Defensive Tackles Chris Canty, Rocky Bernard und Allzweck-Backup Dave Tollefson komplettieren das Ganze und als Gruppe stehen sie zeitweise der gegnerischen Offensive Line gegenüber wie ein Hummer einem Käfer.

Hinter diesem Prunkstück sieht das LB-Corps etwas rostig aus, steht aber in Sachen Toughness in nichts nach. Spielerisch sind da einige Schwächen, aber außer Jermichael Finley, der nicht gerade Mr. Zuverlässig ist, haben die Packers nicht die Spielertypen (vor allem RBs), die daraus besonders viel Kapital schlagen sollten.

Sollte die D-Line gegen eine mäßige O-Line der Packers mit vier Mann Druck auf Rodgers ausüben können, hat auch die Secondary eine gute Chance, mit weniger als vier Touchdowns davonzukommen. CB Corey Webster hat sich heimlich, still und leise zu einem der besten Cover Guys der Liga gemausert; Aaron Ross (wieder fitt, nachdem er letzte Woche verletzt auf die Bank mußte) ist ein fähiger Nr.2-Corner. Gegen die Packers wird Big Blue wahrscheinlich sehr viel Nickel- und kaum Base-Defense spielen. Rookie Prince Amukamara, der viel schlechter spielt, als alle erwartet haben, wird einige Möglichkeiten als Nickelback bekommen. Und je nachdem, wie er sich da macht, wird Antrel Rolle entweder viel oder sehr viel als NB spielen. Rolle ist ein komischer Spieler, der sehr kräftig ist und stark an der Line of Scrimmage gegen den Lauf spielt. Weil er aber auch einigermaßen passabel im Paßspiel verteidigen kann ist er sowas wie ein Zwitter aus Nickelback, Linebacker und Safety in New Yorks sogenanntem Big-Nickel-Package. [edit 9:45Uhr: in der ersten Version dieses Artikels habe ich Antrell Rolle mit Deon Grant verwechselt. Grant wird die Safety-Position von Rolle im Big-Nickel-Package übernehmen.]

Dieses Spiel ist fraglos ein würdiger Abschluß der Divisional Round am Sonntag abend. Alles in allem treffen die Packers mit ihren starken, aufregenden Spielern, die alles besonders schön machen, auf Spieler, die alles besonder tough machen und durch Willen und Aggressivität ihre Spiele gewinnen. Im Grunde alles so wie damals 2007, an einem der kältesten Januartage aller Zeiten in der Frozen Tundra.

Vorschau NFL Wild Card Playoffs 2011/12: Falcons/Giants, Steelers/Broncos

Atlanta Falcons (10-6) @ New York Giants (9-7)

[Sonntag 19.00Uhr, kommentiert auf FOX von Joe Buck und Troy Aikman]

Die New York Giants haben es mal wieder geschafft, nach achterbahnmäßigen Auf und Ab dann doch wieder in die Playoffs zu kommen. Es gab ein paar tolle Siege (vs New England, Philadelphia), einige Einbrüche (z.B. gegen New Orleans), großartige Comebacks (vs Dallas), völlig unerklärliche Niederlagen (vs Seattle) und abgerundet wurde die ganze Saison durch fünf aufeinanderfolgende Niederlagen im November und Dezember. Mit drei Siegen in den letzten vier Spielen kommt man jetzt aber heiß und mit momentum in die Playoffs. Bei den Giants ist das Auf und Ab und andere Aufregung mittlerweile schon zur Tradition unter Head Coach Tom Coughlin geworden. Mal schießt sich der Nr. 1 WR in den Fuß, dann will der RB einen Fan verprügeln oder er beleidigt Rex Ryan mitten im Stadion; Eli wird mal auf eine Stufe mit Peyton gehoben nur um dann zwei Wochen später nicht mal der beste QB in New York zu sein und Coughlin wird jede Seaison mehr als einmal von Fans und Medien symbolisch gefeuert. Um es kurz zu machen: dieser Zirkus ist das genaue Gegenteil der Atlanta Falcons, die weder auf noch ab oder sonst etwas Extremes sind, sondern einfach – naja, so mittel.

Atlanta ist ein durch und durch gutes Team. Das ist einerseits ein Kompliment, andererseits beschreibt es auch ihre Grenzen. Gut heißt einerseits, daß sie zum dritten Mal in den vier Jahren unter HC Mike Smith ( OC Mike Mularkey & DC Brian Van Gorder) mit Quarterback Matt Ryan verdient in die Playoffs gekommen sind. Die Falcons haben sich in diesen vier Jahren auch nicht verändert. Sie haben ein ziemlich gutes Laufspiel, ein solides Paßspiel und eine ganz anständige Defense.

Aber “gut” heißt eben auch “nicht sehr gut”. Ryan ist kein Rodgers, die WRs Roddy White und Julio Jones sind keine Playmaker vom Format Larry Fitzgerald oder Calvin Johnson, RB Michael Turner ist kein Adrian Peterson und DE John Abraham ist kein Terrell Suggs.

Falcons Offense / Giants Defense

So wird das Spiel dann wohl auch taktisch recht “normal” ablaufen: Turner wird seine 20 Carries bekommen, Ryan wird einige gute Würfe machen und Jones/White einige gute fangen (aber auch droppen) und TE Gony Gonzalez wird die Linebackers der Giants öfter Mal alt aussehen lassen. Aber: das Entscheidende wird der Kampf an der Line of Scrimmage sein und hier ist Atlanta klar im Nachteil.

Die Offensive Line der Falcons ist Durchschnitt. Fünf große dicke Jungs, die ihre Stärken vor allem im Running Game haben. Und in den letzten fünf Wochen (vor dem Spiel gegen die Reste der Tampa Bay Buccaneers) hat selbst das nicht mehr besonders gut funktioniert: 89, 70, 86, 97 und 35 Laufyards gegen Minnesota, Houston, Carolina, Jacksonville, New Orleans. Über die gesamte Saison gesehen waren es am Ende nur 4,0 Yards per Carry, schlechter als zum Beispiel Indy.

Im Paßspiel kann sich QB Ryan schon mal auf einige blaue Flecken gefaßt machen. In guter alter Giants-Tradition hat die Verteidigung um Defensive Coordinator Perry Fewell eine tief besetzte Defensive Line mit drei hervorragenden Pass Rushern in Jason Pierre-Paul, Justin Tuck und Osi Umenyiora (auch wenn Umenyiora und manchmal auch Tuck zeitweise in einer Mischung aus leicht verletzt und lustlos aufgelaufen sind). Auch die anderen D-Liner Chris Canty, Linval Joseph und Dave Tollefson sollten in diesem Spiel ihre Plays machen. Das müssen sie auch, um das mittelmäßige, von Verletzungen geplagte LBs-Corps rauszuhauen.

Atlanta hat nur eine Chance auf mehr als 20 Punkte, wenn sie es schaffen, mit White und Jones mehrere Big Plays zu kreieren. Weil das aus der normalen Offense gegen diesen Pass Rush nur schwer möglich sein wird, werden wir wahrscheinlich viel No-Huddle-Offense von Matt Ryan sehen, was er in den letzten Wochen auch schon ausgiebig ausprobiert hat. Das macht den Pass Rush müde, verhindert das Auswechseln von Spielern, Wechsel zwischen Base-, Nickel- und Dime-Defense und hält den Druck auf die Verteidiger hoch.

Giants Offense / Falcons Defense

Der Gameplan der Giants-Offense ist ziemlich simpel: Eli Manning muß das Spiel irgendwie gewinnen. Das Laufspiel ist statistisch das schlechteste der NFL gewesen mit nur 89,2 Yards pro Spiel und 3,5 Yards pro Carry. Nichtsdestotrotz können sie mit einem fitten Ahmad Bradshaw und einem motivierten Brandon Jacobs mehr als 100 Yards machen und ihren Teil beitragen. In den letzten fünf Spielen waren sie, bis auf die Partie gegen Washington, auch immer dreistellig.

Trotzdem muß das Paßspiel die Hauptarbeit leisten. Mit einem teilweise überragend spielenden Eli Manning und einem der besten Receiving Corps der NFL mit Hakeem Nicks, Mario Manningham und Victor Cruz haben die Giants den klaren Vorteil gegen die mäßige Paßverteidigung Atlantas.

Fazit

Am Ende muß irgendwer der Falcons über sich hinauswachsen, um das Spiel zu gewinnen. Die Giants haben mit Eli, Victor Cruz und JPP/Tuck Spieler, die das regelmäßig machen. Bei Atlanta fehlt der ganz große Spieler, der MVP, der game changer, der auch mal das ganze Team auf seinem Rücken zum Sieg trägt. Matt Ryan hat dieses Jahr nicht gezeigt, daß er gegen eine ganz starke Defense ganz stark spielen kann; WR Roddy White hat immer wieder Killer-Drops; WR Julio Jones ist ein Rookie und wartet noch auf seine breakout performance; RB Michael Turner ist immer noch grundsolide, aber nicht der Homerun-Hitter und auch in der Defense gibt es viele überdurchschnittliche Spieler wie CB Brent Grimes, die LBs Lofton und Weatherspoon oder DE John Abraham. Die genannten haben alle durchaus das Talent, ein Spiel zu entscheiden, aber bis jetzt haben sie es noch nicht gezeigt. (In ihren letzten beiden Playoff-Spielen übrigens auch nicht: 2008 L 24-30 @Arizona und 2010 L 21-48 vs Green Bay.) Hinzu kommt noch, daß Dome-Teams in den letzten 40 Jahren nur 9 von 41 Playoffspielen in kalten Stadien gewonnen haben. Die Giants gehen als klarer Favorit in das Spiel.

Pittsburgh Steelers (12-4) @ Denver Broncos (8-8)

[Sonntag 22.30Uhr, kommentiert auf CBS von Jim Nantz und Phil Simms]

Im Mile High Stadium treffen zum Abschluß der Wild-Card-Playoffs zwei der nur drei Playoff-Teams aufeinander, die ein negatives Turnover-Rating haben (Denver -12, Pittsburgh -13). Über Tim Tebow und seine Broncos ist eigentlich alles gesagt, daß muß hier nicht nochmal wiederholt werden. Pittsburgh läuft komischerweise etwas “under the radar”. Die Defense hat unter vielen Verletzungen gelitten und hat die Regular Season völlig unbemerkt als Nr.1 nach Punkten als auch Yards abgeschlossen. In der Offense redet man meistens über die miese O-Line, den verletzten Big Ben und das miese Laufspiel. Aber an guten Tagen ist Pittsburghs Angriff einer der explosivsten der NFL und immer für mehrere Big Plays gut.

Broncos Offense / Steelers Defense

Das wird ein ganz langer Tag für Tim Tebow und seine Offense. Denver hat zwar das beste Laufspiel der Liga, aber Pittsburgh immer noch eine der besten Verteidigungsreihen ligaweit – sowohl gegen den Lauf als auch den Paß. Die Statistiken lassen Pittsburgh nicht ganz so gut aussehen, was aber vor allem daher rührt, daß die LBs alle längere Zeit verletzt oder gesperrt gefehlt haben. Jetzt sind alle wieder fit.

Pittsburgh wird das Spiel sehr aggressiv angehen und Tebow sehr früh Bekanntschaft machen mit Safety Troy Polamalu, der wohl meistens “in the box” spielen wird, um das Laufspiel von Anfang an zu unterbinden. Es sollte auch nicht allzu riskant sein, immer acht Mann in der Nähe der Line of Scrimmage zu haben, denn passen ist nicht gerade die Stärke Tebows.

In den letzten drei Spielen, die allesamt verlorengingen, wurde Tebow entzaubert. Vor allem die Bills und Chiefs haben in der Defense eine sehr aggressive Man-Coverage gegen die WR gespielt und Tebow damit die einfachen “Reads” genommen. Zusätzlich haben die DEs beziehungsweise OLBs sehr diszipliniert gespielt und Tebow nicht Richtung Seitenlinien ausbrechen lassen. Aggressiv und diszipliniert sind dummerweise die Hauptcharakteristika der Steelers-D.

Die Zahlen für Denvers Quarterbacks waren ernüchternd in den Wochen 15, 16, und 17: 30/73, 439 Yards, 1TD, 4 Interceptions, 3 Fumbles. Die Broncos haben nur eine Chance, wenn sie sich von ihren überkonservativen Gameplans verabschieden und ihr Heil in einigen tiefen Bällen suchen. Die Chance dafür sollte zumindest da sein, denn Polamalu wird sich hauptsächlich an der Line of Scrimmage rumtreiben, der zweite etatmäßige Safety Ryan Clark ist verletzt und mit Ike Taylor haben sie auch nur einen starken CB.

Steelers Offense / Broncos Defense

Auf dieser Seite des Balles wird alles von Roethlisbergers linkem Knöchel abhängen. Erstmals hat er ihn sich Anfang Dezember verletzt, humpelte dann in San Francisco nur rum bevor er sich in Woche 16 schonen durfte. Letzte Woche mußte er wieder ran und ist im dritten Viertel gegen Cleveland erneut mit dem Fuß umgeknickt. Nun humpelt er schlimmer als zuvor und ist damit seiner wohl größten Stärke beraubt: der Fähigkeit, immer wieder sicher geglaubten Sacks zu entkommen.

Hinter seiner dezimierten Offensive Line, die schlecht wie eh und je spielt, sollte er am Sonntag immer wieder große böse Jungs auf sich zukommen sehen. Elvis Dumervil und Rookie Von Miller sind das wohl beste Pass-Rushing-Duo der AFC. Miller hat zwar in den letzten Wochen, in denen er angeschlagen war, leicht nachgelassen, aber ein wenig fitter und mit der Motivation eines Playoffspiels vor eigenem Publikum sollte er zur Höchstform auflaufen. Pittsburgh hat in dieser Saison auswärts 25 Sacks zugelassen.

Noch schwieriger wird es für Pittsburghs Offense, weil sich Running Back Rashard Mendenhall mit Kreuzbandriß ins Krankenhaus verabschiedet hat. Nun muß Isaac “Redzone” Redman das Workhorse geben. Ob er dazu fähig ist, muß er erst noch beweisen. Helfen sollte den Steelers die bestenfalls durchschnittliche Secondary der Broncos. CB Champ Bailey ist immer noch gut, aber nicht großartig. Der andere Starting-CB Andre Goodman hat seine besten Tage auch hinter sich und nach der Verletzung von Safety-Legende Brian Dawkins bewachen mit Rookie Quinton Carter und dem 24-jährigen David Bruton zwei Grünschnäbel den tiefen Teil des Feldes.

Das sollte den beiden Deep Threats Mike Wallace und Antonio Brown viel Freude bereiten. Beide haben in dieser Saison mehr als 1000 Yards erfangen und machen pro Catch fast 17 Yards. Wenn Big Ben mal Zeit in der Pocket bekommt, sollten Wallace und Brown die wichtigen Catches und Punkte machen, auch wenn es wohl nicht allzu viele werden dürften. Letztendlich sollten die Steelers aber auch gar nicht so viele Punkte brauchen um eine Woche später zu ihren guten Freunden aus Baltimore oder New England fahren zu dürfen.

Notizblock NFL Woche 12: Patriots@Eagles, Giants@Saints

New England Patriots (7-3) @ Philadelphia Eagles (4-6) [Gamecenter][Gamebook]

Komprimierte nachträgliche Betrachtungen zum Spiel:

Julian Edelman ist jetzt ganz offiziell der Nachfolger von Troy Brown. Er startete wieder als Nickel-Corner, spielt WR in der Offense und Punt Returner. Das größte Problem für die Eagles war die Mitte der Verteidigung. Beinahe jeden Paß hat Brady zu Welker/Gronk/Branch/Hernandez geworfen, wenn sie von einem LB oder Safety verteidigt wurden. Es fehlt natürlich das individuelle Talent auf diesen Positionen, aber individuelle Schwächen kann man immer mit taktischen Mitteln ausgleichen; aus irgendeinem Grund sind die Eagles dazu nicht willens oder in der Lage, das trifft den DC Juan Castillo genauso wie HC Andy Reid (dessen Kopf von den Fans schon im Stadion gefordert wurde). CB Nnamdi Asomugha hat nicht mal jeden zweiten Snap gespielt (angeschlagen) und dann meistens im Slot gegen Gronkowski. Bei den Patriots hat mit Ryan Wendell jetzt schon der 3rd-string Center gespielt (nach Koppen ist jetzt auch Connolly verletzt) und in der zweiten Hälfte hat Nate Solder als RT Sebastian Vollmer ersetzt, der – mal wieder – viel schwächer gespielt hat als letztes Jahr. Das wird aber wahrscheinlich mit seinen Rückenproblemen zusammenhängen. Später, als das Spiel gelaufen war, hat auch Rookie Marcus Cannon (der mit dem Tumor) als RT gespielt und Solder auf links.

Auf der anderen Seite hatte Vince Young zwar am Ende irgendwie für 400 Yards gepaßt, aber trotzdem ein schlechtes Spiel gemacht. In einigen Situationen hatte WR Jackson seinen Verteidiger klar geschlagen, aber durch furchtbare Pässe wurde das nicht ausgenutzt und führte in einem Fall sogar zu einer Interception, in einem anderen zu einem FG statt TD. Die Interception hatte Antwaun Molden, der mit CB Kyle Arrington, DB Julian Edelman, S Sterling Moore und S James Ihedigbo das bildete, was bei anderen Teams die Secondary ist. Die Verteidigung der Patriots scheint unter der Woche nichts anderes zu trainieren als 3rd-Down- und Red-Zone-Defense. „Between the 20s“ könnten sie wahrscheinlich nicht mal ein Lingerie Football Team stoppen, aber irgendwie schaffen sie es immer wieder keine Punkte zuzulassen. Nur zehn Teams in der ganzen NFL haben weniger Punkte zugelassen als New England. Really. Völlig unverständlich war, daß RB McCoy nur zehn Carries bekommen hat. Angeblich kam es an der Seitenlinie dann auch zu einer Auseinandersetzung zwischen OC Marty Mornhinweg und DL-Coach Jim Washburn, der ersteren gefragt hat, ob er noch ganz dicht ist (sinngemaß), dann gabs wohl ´ne kleine Kabbelei und die beiden mußten getrennt werden.

New York Giants (6-4) @ New Orleans Saints (7-3) [Gamecenter] [Gamebook]

[inactives: RB Bradshaw, WR Manningham, LT Beatty, LB Boley; RB Ivory, LB Vilma]

– erster Drive Saints: Fake-FG-Versuch; der Paß von QB Chase Daniel kommt zwar an, reicht aber nicht für ein 1st Down, weil zu viele Giants aufmerksam genug waren

– erster Drive Giants: Eli Manning führt NY recht problemlos das Feld runter, aber in der Endzone macht Backup-LB Will Herring eine großartige Interception gegen TE Jake Ballard

– die Giants-D hat mit NOs Pass Attack alle Hände voll zu tun und vergißt darüber, die RBs zu verteidigen; 2nd Drive: TD Lance Moore

– auch der zweite Giants-Drive ist lang und zeitfressend, aber bis jetzt sind nur 3 Punkte dabei rausgesprungen; beide Verteidigungsreihen finden kein Mittel gegen die starken Angriffe

– NO spielt in der ersten Hälfte fast ausschließlich (außer in Nickel-/Dime-Situationen) ihre 3-4-Base-Defense; nicht, daß man das noch nie gesehen hätte, aber komisch, weil sie in den Spielen, die ich bis jetzt gesehen habe, immer locker durchgewechselt haben zwischen 3-4 und 4-3

– Q2/2:21: im vierten Drive macht NO den zweiten TD; NY findet kein Mittel gegen Brees und RB Daren Sproles

– Q2/0:35: TD Lance Moore, dritter TD von Brees; am Ende zählen nur die Punkte auf dem Scoreboard: die Saints hatten vier gute Drives und 21 Punkte; Giants kamen mit allen fünf Drives bis in New Orleans´ Hälfte und haben nur 3 Punkte

2nd Half

– Q3/10:49: Eli spielt jetzt auch noch ohne WR Nicks (Manningham vor schon vorher raus); das macht ihm aber gar nichts und schon in der ersten Serie der zweiten Hälfte kommt NY nochmal ran auf 10-21

– die Giants-D ist völlig hilflos: die Safeties können nicht tacklen, die LBs können Pässe über die Mitte/kurz hinter die LOS nicht verteidigen und die DL kann Brees nicht unter Druck setzen; nach dem Anschlußtouchdown von NY marschiert Brees mit seiner Offense genauso problemlos wie in der ersten Hälfte übers Feld zum TD (Q2/5:48)

– direkt im Anschluß daran fumblet Backup-RB Scott bei einem 3rd&1; Coughlin challenges, but play stands; sah aber in der Wiederholung nach einer Fehlentscheidung aus, weil Scotts linker Ellenbogen down war; wie auch immer: zwei Spielzüge später stehts 35-10 – game over.

Mit den New York Giants in den Samstagnachmittag

Die Saison 2010/11 wird für die Giants ewig mit dem schier epischen Kollaps im eigenen Stadion gegen die Philadelphia Eagles in Verbindung bleiben – katastrophal, weil man gegen den Erzfeind in der brandneuen Arena die sichere Playoffteilnahme verspielte – eben an jenen Erzfeind. Es war nicht der erste schwere Rückschlag für die Giants in den letzten Jahren. Trotzdem ist man ruhig geblieben.

Der Vertrauensnichtbeweis

Die Besitzerfamilie Mara ist bekannt dafür, sich nicht allzu sehr in das Tagesgeschäft einzumischen und GM Jerry Reese einfach mal machen zu lassen. Reese gehört im medialen Hexenstadel „New York City und Umgebung“ zu den besonneneren Gestalten und hält Head Coach Tom Coughlin weiterhin die Stange. Anstelle von Rauswurf nach der verheerenden Schlappe gegen die Eagles wurde Coughlin mit einer Vertragsverlängerung ausgestattet – allerdings nur um ein einziges Jährchen bis Jänner 2013. Nicht gerade der Vertrauensbeweis. Einjahresverlängerungen wie diese sind meist nur dazu da, eine lame duck-Situation wie jüngst in Carolina zu verhindern.

Der Hexenstadel konzentriert sich aber vorerst eh auf Reese und seine Personalpolitik der letzten Wochen.

Die Offense

OffCoord Kevin Gilbride hat eine recht ausgeglichene Offense beisammen, die nur unwesentlich mehr wirft als läuft. Das Playcalling kann auch deswegen ausgeglichen ausfallen, weil es personell keine wirklichen Ausreißer nach oben und unten gibt.

Das beginnt mit der Offensive Line, die zwar unter ersten Alterserscheinungen krächzt und immer mal wieder ein oder zwei Mitglieder für die Krankenstation abstellen muss, aber besser spielt als ihr Ruf. Die rechte Seite mit RG Chris Snee und RT Kareem McKenzie gilt als geradezu dominant, während die linke Seite eine potenzielle Sollbruchstelle aufweist: LT Dave Diehl gilt als besserer Guard und sein zeitweiliger Ersatzmann, der junge William Beatty, nach einigen horrenden Vorstellungen als verunsichert. Immerhin gibt es einen neuen Center, Dave Baas aus San Francisco.

Die Line brillierte vor allem für das Laufspiel, das weiterhin vom fumble-anfälligen, aber ansonsten sehr explosiven und vor allem auch fangstarken RB Ahmad Bradshaw getragen wird. Bradshaws Komplementär-Back ist der streitbare Brandon Jacobs, der gebaut ist wie ein Vorblocker und in motiviertem Zustand ganze Horden an Verteidigern yardsweise mitschleppen kann. Jacobs ist an schlechten Tagen allerdings niemand, an dem sich eine Mannschaft hochziehen kann.

Ein Problem, das auch für QB Eli Manning gilt (jo, ich höre den Aufschrei). Manning wirkt immer noch ein bisschen wie das schüchterne Bübchen von nebenan, das vom Schatten seines großen Bruders gehemmt wird. Mannings Verteidiger werfen ein „aber die Hälfte seiner INTs sind den Receivers geschuldet!“ ein. Dass sich aber mal eine Mannschaft erkennbar an einem Eli Manning aufrichtet – bisher noch ungesehen.

Die Wide Receivers sind zugegeben auch nicht die vertrauenswürdigsten. WR Hakeem Nicks ist bei Zeiten ein aufregender Mann mit dem Standing des #1-Mannes, aber ihm werden immer wieder Schlampigkeit im Rennen von Routen nachgesagt. WR Mario Manningham gilt als Mannings Buddy, aber danach wird es im Roster eng. Die verletzungsanfällige Sicherheitsoption Steve Smith ist gegangen, bereits stünde eventuell der Rookie Jernel Jerrigan.

Die Tight Ends sind nach Kevin Boss’ Abgang und Ben Patricks Rücktritt recht unbekannt. Gefühlt spielte Gilbride recht häufig mit seinen Tight Ends, der einzige verbliebene mir bekannte Name ist Bear Pascoe.

Die Defense

Ich halte sehr viel von DefCoord Perry Fewell, seiner Zonenverteidigung und habe eine hohe Meinung vom vorhandenen Personal in der Defensive Line. Allerdings steht die Defense bei mir als Ganzes auch im Ruf des schlampigen Genies. Sprich: Mal zertrümmert sie sämtliche Offenses, aber dann passieren immer wieder schwere Deckungsfehler oder drei verfehlte Tackles in einem Spielzug und die ganze Arbeit war umsonst.

Mit DT Barry Cofield ist ein Anker der Defensive Line weg, aber wer will schon lärmen, wenn wir die verbliebenen Optionen mal gedanklich durchgehen? Die Mitte wird von Leuten wie dem monströsen Chris Canty oder dem grundsoliden Rocky Bernard zugemacht, dazu kommen Leute wie Gabe Watson aus Arizona oder der durchgeknallte Rookie-DT Marvin Austin von UNC. Und kennt noch jemand Jay Alford? Der Pass Rush wird angeführt vom Alleskönner DE/DT Justin Tuck, zu dem sich die Spezialisten Mathias Kiwanuka, Osi Umenyiora und Jason Pierre-Paul gesellen… wenn Umenyiora denn noch einmal Lust auf die Giants kriegt.

Zu Umenyiora und dem seit Jahren anhaltenden Vertragsstreit mit den Giants gab es jüngst bei Andy Benoit/N.Y. Times einige verdammt kluge Zeilen zu lesen:

The Giants are now in an ugly catch-22. Trade Umenyiora and, in their minds, they set a precedent for rewarding disruptive players who break contract. (They also lose an upper echelon edge-rusher from a defense that has long been built on pressuring the quarterback up front.) Keep Umenyiora and, well, they have a disruptive locker room presence. A super disruptive locker room presence.

That’s what makes this whole ordeal interesting. Umenyiora is not staging his protest peacefully. Throughout all this he’s publicly blasted Reese and questioned the organization’s integrity. What makes it dicey for owner John Mara, head coach Tom Coughlin, Reese and the rest of the powers that be is that Umenyiora’s complaints seem founded. He’s become the screaming kid in the supermarket whose parents are looking around nervously, thinking onlookers might be siding with him.

In an August 1st letter to the Associated Press, Umenyiora wrote, „What really annoys me is the hypocrisy of people clamoring for my head for asking for a new deal or to be traded. Saying I have 2 years left on my deal. These contracts only mean something to us? Where is (Shaun) O’Hara? Where is (Rich) Seubert? True, inspirational football players, they were cut after being injured. They have years left on their deal.“

You think other Giants players aren’t thinking, „Hmmmm.Osi may have a point“? This is the type of drama that can fracture a franchise.

Die Linebacker-Crew ist recht anonym, genießt in Fewells Cover-2 aber eine niedrigere Priorität. Leader ist MLB Michael Boley und ein Auge würde ich auf Rookie Greg Jones (Michigan State) werfen, von dem ich ein absoluter Fan bin. „Fan sein“, das gilt auch für den ungedrafteten Mark Herzlich, ein Outside Linebacker mit bewegter Geschichte: Als Toptalent durch eine als kaum heilbar geltende Krebserkrankung zurückgeworfen, nie aufgegeben und sich nun tatsächlich bis in einen NFL-Kader durchgebissen.

Die Secondary muss erstmal auf Star-Rookie CB Prince Amukamara und sein gebrochenes Bein verzichten. Die Safetys haben es in sich: FS Antrel Rolle steht bei mir aufgrund verheerender Tacklings nicht hoch im Kurs, während SS Kenny Phillips nach einer fürchterlichen Verletzung nun wieder mit harten Hits gegen das Laufspiel arbeitet.

Punter

Matt Dodge, anyone? Die Giants haben offenbar Steve Weatherford eingekauft, aber Dodge scheint noch im Kader zu stehen.

Ausblick

Irgendwie riecht das ganze nach einer leichten Verschlechterung gegenüber dem „Status quo“. Die NFC East ist aber nicht die Division, in der man a priori drei divisionsinterne Niederlagen einplanen muss und daher halte ich einen Playoff-Einzug der Giants nicht für ausgeschlossen – der Spielplan ist dank NFC West auch nicht der ultraschwierigste, dafür mit AFC East und der #2-Schedule aber ein höchst attraktiver: Superbowl-Revanche gegen New England, weihnachtliches Stadtderby gegen die Jets, New Orleans, Green Bay. Und zum Saisonauftakt Pathos pur beim 09/11-Spiel in Washington.

Wk #1 @Redskins
Wk #2 vs Rams (MNF)
Wk #3 @Eagles
Wk #4 @Cardinals
Wk #5 vs Seahawks
Wk #6 vs Bills
Wk #7 BYE
Wk #8 vs Dolphins
Wk #9 @Patriots
Wk #10 @49ers
Wk #11 vs Eagles (SNF)
Wk #12 @Saints (MNF)
Wk #13 vs Packers
Wk #14 @Cowboys (SNF)
Wk #15 vs Redskins
Wk #16 @Jets
Wk #17 vs Cowboys

Die NFC ist als Conference ausgeglichen genug, dass man sich mit sechs, sieben Niederlagen womöglich für die Playoffs qualifizieren kann. Die Giants müffeln danach, als ob sie in etwa in diesen Sphären verharren würden.

Das Zeiteisen verrät: 810 Minuten verbleiben. WordCount nach sieben Teams: 6884 (Nein, Benoits Worte bleiben Fremdarbeit).

New York Giants in der Sezierstunde

10-6 und keine Playoffs für die Giants in der abgelaufenen Saison. Die sechs Niederlagen kann man aufsplitten in drei Zweierpacke (Woche 2/3, 10/11 und 15/16). Vor allem die Heimpleite gegen die Philadelphia Eagles in Woche 15 ist immer noch fassungslos. Wenn du 8:17min vor Toreschluss mit drei Touchdowns führst und das EKG am Ende nur noch ein einziges, langes, leises bleeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeep drin hat, dann hast du irgendetwas falsch gemacht.

Current State

Die New York Giants haben sich als besseres Team herausgestellt, als ich es erwartet habe – trotz allem. Problempunkt ist die Konstanz, vor allem in der Defense, die an guten Tagen mit ihrer Passrush-Gewalt alles niederwalzt. Die Offense ist blässlich, aber wenn das Laufspiel in die Gänge kommt, nicht zu verachten. Trotz QB Eli Manning, von dem ich kein Fan bin. Hauptkritikpunkt in der Mannschaft: Die Special Teams, blanke #31 in der NFL.

Future State – Offensive Map

Brandon Jacobs RB New York Giants

Brandon Jacobs - ©Flickr

Manning wird dank Monstervertrag auf Jahre an die Franchise gebunden sein. Manning als QB, das bedeutet: Du brauchst ein starkes Laufspiel und eine überdurchschnittlich gut blockende Offensive Line, wenn du deinen QB nicht als aufgescheuchtes Huhn lächerlich machen willst. Das Spiel darf nicht auf Mannings Schultern lasten.

Die Offensive Line der Giants ist kein Prunkstück. Jede Wette, dass die Giants an der #19 einen Offensive Tackle einberufen. Dazu sehe ich Center O’Hara 34jährig. Ein Verjüngungsversuch ist nicht unrealistisch.

Die Running Backs machen einen soliden Job. ABER: RB Bradshaw hat den Tick, pro ca. 40 Laufversuche einen Fumble einzustreuen – Tendenz steigend. RB Jacobs ist zwar ein Bulle von einem Mann, aber nicht explosiv und zudem bei den Fans unten durch. Head Coach Tom Coughlin ist berüchtigt dafür, für Negativerlebnisse seine Spieler verantwortlich zu machen. Daher glaube ich, dass sich bei den RBs etwas ändern wird.

Die Wide Receivers – Steve Smith ist schwer verletzt und Free Agent. Dazu wird in absehbarer Zeit die hohle Hupe Plaxico „Knieschuss“ Burress aus dem Knast entlassen werden. Die WRs könnten verstärkt werden. Ob die beiden aber in New York eine Zukunft haben, ist eine gute Frage.

Future State – Defensive Map

Osi Umenyiora New York Giants

Osi Umenyiora - ©Wikipedia

Die Giants-Defense halte ich für bärenstark, nicht zuletzt dank des guten Jobs vom HC-Kandidaten Perry Fewell. Eine immer noch dominante Defensive Line mit einem meiner Favoriten, DE Usi Umenyiora, der bei mir dank seiner Performance in Super Bowl XLII seit Jahren hoch im Kurs steht. Die Linebackers und Defensive Backs sind bei mir als „solide“ eingestuft.

Allerdings steht Safety Antrel Rolle im Ruf, pro Spiel dreimal fehl am Platz zu sein und seinen millionenschweren Vertrag nicht wert zu sein.

Future State – Special Teams Map

Die Special Teams rangieren auf dem 30. Platz in der DVOA. Punter Matt Dodge war Rookie und sollte in New York nach dem Fiasko gegen die Eagles keine Zukunft haben. Dodges Punts sind berüchtigt für wenig Hang Time und entsprechend viele kassierte Return Yards. Auf der anderen Seite fehlt ein gefährlicher Return-Spieler (19.0yds/Kickreturn, 6.1yds/Puntreturn, 0 Touchdowns).

Die Aussichten

Ich kann mich schwer entscheiden, welche der beiden Defenses die bessere in New York ist. Die der Giants ist auf alle Fälle eine derjenigen, der ich ligaweit am meisten Vertrauen entgegenbringe. Die Schwachstellen sind in der Offense daheim – angefangen beim Franchise-QB.

Was nicht zu unterschätzen ist: Head Coach Tom Coughlin steht nach jeder weiteren Niederlage unter Beschuss. Die Playoffs sind 2011/12 (so die Saison denn stattfindet) Grundvoraussetzung für einen Verbleib Coughlins. Und unter Druck hat Coughlin nicht immer die überlegtesten Entscheidungen getroffen…