Jacksonville Jaguars vor ihrer Wembley-Premiere

Um einen potenziell ausufernen Einleitungsabsatz kurz und knackig zu halten: Am Sonntag findet das zweite Saisonspiel er NFL-International Series statt. Mit dabei sind diesmal die San Francisco 49ers (waren schon 2010 eingeladen) und das designierte Heimteam für NFL-Wembley, die Jacksonville Jaguars. Zu denen gleich mehr. Es ist die London-Premiere der Jaguars. Aufzupassen ist wie immer Ende Oktober auf die Kickoffzeit: Diese ist 17h Ortszeit oder 18h MEZ, da die Vereinigten Staaten wie immer ihre Zeitumstellung auf Winterzeit nicht schon morgen Nacht, sondern erst nächste Woche vornehmen.

Nein, ich werde nicht vor Ort dabei sein, und nein, ich bin diesmal auch nicht „einfach so“ in London. NFL-Wembley gibt es für mich wieder vom Arbeitszimmer aus, aber ich weiß von einigen Lesern, dass sie dort sein werden. Wer Fotomaterial oder einen kurzen Erlebnisbericht beisteuern will, möge mir entsprechende Unterlagen in textlicher oder bildlicher Form zukommen lassen (eMail Adresse ist im Impressum zu finden). Ich werde es gerne veröffentlichen, wenn gewünscht.


Zustand der International Series

Schon letztes Jahr erörterte ich den Zustand der NFL-International Series und insbesondere auch der für vier Jahre zum Heimteam deklarierten Jacksonville Jaguars. Seither wurde bekannt, dass ab 2014 noch ein drittes Wembley-Spiel installiert wird, was mich verblüffte, da die NFL jahrelang ergebnislos versuchte, ein zweites Europaspiel zu implementieren, ehe es nun innerhalb kürzester Zeit gar zu einem dritten kommt. Man muss wissen, dass für das UK-Territorium Wembley seit Jahren die Exklusivrechte auf die NFL-Spiele besitzt, und es hatte lange den Anschein, als dass weder London/Wembley, noch irgendeine andere Stadt innerhalb oder außerhalb des UK bereit war, die finanziellen Forderungen auf das Heimspielrecht (die nicht gering sind), zu erfüllen.

Mir ist nicht bekannt, ob die NFL sich den Wembley-Spaß mittlerweile aus eventuell strategischen Gründen weniger fürstlich entlohnen lässt und wenn ja, warum, oder ob Wembley auf der Suche nach Auslastung (oder aus anderen Motiven) mehr Geld in die Hand nimmt, um eine bis dato noch immer ausverkaufte Veranstaltung weiter auszubauen. Werden die Grenzen von „NFL in Europa“ ausgelotet? Verfolgt die eine (NFL) oder andere (Wembley) Partei damit wirklich längerfristige Ideen mit Blick auf eine zukünftige NFL-Franchise in London? Fragen, auf die ich keine Antwort liefern kann.

London Jaguars

Meine Überraschung zum Thema „Jaguars und London“ habe ich schon vor fast genau einem Jahr kundgetan. Meine Einstellung Richtung der neuen Besitzerfamilie Khan hat sich seither entwickelt, und das zum Positiven: Ich halte Khan für einen ambitionierten Owner, der viele Bausteine bewegt hat, um die kleinste und anonymste NFL-Franchise auf Vordermann zu bringen. Nicht nur, dass sich die Auslastungsproblematik bei Heimspielen verbessert hat: Senior Shadid Khan hat mittlerweile eine neues Front-Office unter der Aufsicht seines Sohnes installiert, einen neuen General Manager im ambitionierten David Caldwell, der aus dem Hause der Atlanta Falcons kommt, und einen Trainerstab um Gus Bradley.

Freilich fruchtet das noch nicht in einem sportlich brauchbaren Produkt, das zweifellos dringend notwendig ist, um die Jaguars auch als „Marke“ in London und Europa zu implementieren bzw. zu platzieren. Schlimmer: Die Jaguars 2013 sind auf dem Weg, die schlechteste Saison ihrer Franchise-Geschichte (2012 mit 2-14) nochmal zu unterbieten.

Bei aller guten Grundlagenarbeit, die Khan in den nunmehr fast zwei Jahren seit Besitzübernahme der Franchise gemacht hat, sind leblose 2-14 oder 1-15 Saisons für schnelle Fanbindung nicht gut. Denn der gemeine Fan will für einen Sieger jubeln, und nicht einen Loser.

Jacksonville Jaguars 2013

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Sieben Spiele, sieben Niederlagen. Schlechteste Punktausbeute in der Offense (76 in sieben Spielen). Zweitschlechteste Punktausbeute in der Defense (222 in sieben Spielen). Pythagoreische Erwartung von 1.1 (!) Spielen – das gab so noch nichtmal 2008 bei den Lions. Platzierung im Power-Ranking: 32. Dazu ein Kader, aus dem man selbst mit etwas Wohlwollen nur RB Jones-Drew und LB Poluszny als sowas ähnliches wie „Stars“ herauspicken kann. Mal ehrlich: Der momentane Kader der Jaguars ist so schwach wie gesichtslos. Da kann ein Trainerstab eben nur Begrenztes herausholen, selbst wenn das bedeutet, dass meine Ankündigung von Saisonbeginn, Jacksonville werde „deutlich mehr“ als zwei Saisonsiege holen, mittlerweile zu hoch gegriffen klingt.

Die Defense ist dabei noch das kleinere Übel, auch wenn diese am Sonntag gegen San Diego die bisher schlechteste Saisonleistung zeigte und absolut kein Land gegen den „underneath“-Stuff der Chargers sah. Ein Hoffnungsträger ist Poluszny. Die anderen der zukunftsträchtigeren Spieler sind im Defensive Backfield aufgestellt: FS Jonathan Cyprien gefällt mir ungemein mit seiner Dynamik, und manch einer sieht auch im 6th-Rounder SS Josh Evans einen echten Hoffnungsträger. Nun ist eine Defense, die auf ILB und Safety gut, im Rest schwach besetzt ist, nie die Vertrauen erweckendste, aber immerhin: Es sind einige Bausteine für Bradley vorhanden.

Viele der Probleme bei den Jaguars kann man wie so oft in der NFL an der QB-Position festmachen: Der 2011 gedraftete Blaine Gabbert ist aufgegeben und wird mit quasi 100%iger Sicherheit kein Franchise-QB mehr. Backup Chad Henne ist nur marginal besser und mittlerweile auch von mir als einem der wenigen verbliebenen Henne-Gläubigen als Hoffnungsträger abgeschrieben. Mit solchen Quarterbacks geht in der NFL nix.

Jacksonville Jaguars 2014

Das Gute: Im Draft 2014 hat man etliche Optionen, einen guten Quarterback an Land zu ziehen, vom aus Florida stammenden Terry Bridgewater über exotischere Männer wie Mariota, Carr, Boyd, Hundley oder Manziel. Fix ist: Jacksonville wird einen Quarterback draften, und wenn sie den richtigen erwischen, kann es in der NFL innerhalb von 2-3 Jahren schnell mal steil nach oben gehen.

Die Offense Line muss dafür sicher eine zweite Priorität bekommen: Den Left Tackle hat man in Luke Joeckel bereits heuer gedraftet, bloß sitzt der momentan auf der Injuried Reserve Liste. Der Rest der Line ist eine Katastrophe.

Hinter RB Jones-Drew gibt es keine Tiefe im Backfield, aber ich sehe durchaus Potenzial im Corp der Ballfänger: Justin Blackmon mag ein charakterlicher Problemfall sein, aber den lass mal mit einem echten QB spielen. TE Marcedes Lewis gehört zu den überbezahltesten Spielern, aber ein Mittelklasse-TE ist er trotzdem, und als solcher sicher brauchbar. Und in der „Irrwisch-Kategorie“ haben wir drei potenzielle Kandidaten:

  • Denard Robinson
  • Ace Sanders. Finde ich bisher… hm. Gut, er war 5th-Rounder. Insofern für 2013 entschuldigt.
  • Mike Brown. Den habe ich am Sonntag zum ersten Mal registriert. Soll ein UDFA von einem kleinen FCS-College sein, der dort QB spielte. Vom ersten Eindruck ist der klar besser als Robinson und Sanders zusammen. Brown ist mit 1.78m zwar per Definition eher Typ Slot-WR, aber gegen San Diego spielte er meinen Eindrücken nach vor allem außen. Bei diesem Herrn würde ich abwarten, aber wenn das kein einmaliger Ausrutscher nach oben war, ist das ein potenzieller Sleeper für die nächsten Jahre.

Jacksonville könnte ein weiteres dieser Umbau-Experimente werden, das es sich zu verfolgen lohnt. Ich habe es nach der berühmten sieglosen 2008er-Saison der Detroit Lions mit „meinem“ Lieblingsteam erlebt: Ein radikaler Schnitt hat was, und man ist bei allen hohen Niederlagen, die zu Beginn kommen werden, dankbar, es erlebt zu haben. Jacksonville 2014 ist längst nicht so gut aufgestellt wie Carolina 2011 oder Indianapolis 2012 und Lichtjahre von Kansas City 2013 entfernt, aber Jacksonville 2014 hat ein besseres Fundament als die Lions nach 2008.

Ich erwarte, dass man Bradley selbst im „Worst-Case“ (die unwahrscheinliche, aber nicht mehr ganz auszuschließende 0-16 Saison) behalten wird. Dann würde ich alle Ressourcen in der Offseason rücksichtslos in meine Offense stecken, um dem neuen Franchise-QB eine passable Offense Line und Skill-Players zu geben mit denen er arbeiten und sich entwickeln kann.

Also. So vermurkst die Situation im Moment aussieht: Es rührt sich was. Ich sehe einige Hoffnung am Firmament.

Wembley bebt: Vor dem deutschen Endspiel der UEFA Champions League 2012/13

Es mag Ironie der Geschichte sein, dass im Endspiel der Champions League 2012/13, das die UEFA dem englischen Fußballverband zum 150ten Geburtstag schenkte, ausgerechnet zwei deutsche Vereine im Wembley Stadium aufeinander treffen. Bayern gegen Dortmund, das ist vermutlich das Horrorszenario für Englands Fußball, und es wäre nichtmal so, dass die beiden Finalkontrahenten von ihren Auslandsimporten leben. Nein: Einige der Schlüsselspieler auf beiden Seiten mögen zwar Einkäufe aus Frankreich, Spanien, Brasilien, Polen sein, aber im Kern steht sich heute Abend das Gerüst der deutschen Nationalmannschaft gegenüber.


Vor einem Jahr bemängelte ich in der Vorschau zum CL-Finale 2012 den mangelnden Entwicklungstrieb beim FC Bayern und äußerte die Befürchtung, dass er möglicherweise in der Verwaltungsabteilung stecken bleiben würde. Ein Jahr später kann man diese Befürchtung in die Tonne kloppen. Die Vereinsführung zog aus der letzten Saison genau die richtigen Schlüsse und machte gelungene Einkäufe, darunter drei geniale:

  • Dante als technisch feiner Innenverteidiger für den Spielaufbau.
  • Martinez als passsicherer, spielintelligenter Sechser mit herausragenden Defensivqualitäten.
  • Mandzukic als selbstloser, laufstarker Mittelstürmer, mit dem Offensivpressing und somit Verteidigung begonnen werden kann.

Dieses Trio ist genau das, was ich einst gefordert hatte. Dazu der quirlige Shaqiri als Kampfgnom von der Bank. Ein Jahr nachdem dem Bayern-Kader jegliche Tiefe abging, kann die Mannschaft locker die Langzeitausfälle von Jungs wie Badstuber oder Kroos kompensieren, rein zufällig zwei der großen, wenn auch oft unterschätzten Mannschaftsstützen.

Der FC Bayern 2012/13 funktioniert wie eine Maschine, sämtliche Automatismen greifen. Das Offensivpressing beginnt bereits ganz vorne mit dem fleißigen Mandzukic, und dahinter sieht die gesamte Mannschaft sehr kohärent, sehr einheitlich gepolt aus. Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die so konsequent, so zeckig presste wie Bayern – selbst ohne Mandzukic – im ersten Spiel gegen den FC Barcelona, dem wie auch Juve mit dieser aggressiven Spielweise komplett der Zahn gezogen wurde.

Die Flanken der Bayern dürften mittlerweile europaweit konkurrenzlos sein: Wenn du vorne Leute wie Ribery und Robben hast, die dahinter von einem Lahm oder einem Alaba nicht bloß abgesichert, sondern volle Pulle nach vorn unterstützt werden, und in Mandzukic und/oder dem zentralen Mittelfeld-Pärchen Schweinsteiger/Martinez beziehungsweise im Halbstürmer Müller jederzeit zwei bis drei mögliche Abnehmer haben, bringst du jeden Gegner in Zugzwang.

Dass die Mannschaft so stark greift, kann sich Jupp Heynckes ganz fett auf die Stirn kleben. Heynckes hat es geschafft, und ich hatte es nicht wirklich für möglich gehalten. Wenn ein Manuel Neuer (!) als sowas wie der „Schwachpunkt“ der ersten Garnitur ausgemacht werden kann, stehst du nicht mehr ganz zufällig zum dritten Mal in vier Jahren im Endspiel.

Vielleicht reicht die Bayern-Ausgabe 2012/13 qualitativ nicht ganz an die epische Barcelona-Mannschaft von 2010/11 heran, aber auch wenn diese Bayern nicht so extrem passsicher sind und keinen Messi haben: Sie sind einen Tick athletischer, kraftvoller, dynamischer, und treffen in meinem Fußballgaumen damit sogar den besseren Geschmack.


Bayerns Vorgänger als beste Mannschaft Deutschlands (Europas?) ist Borussia Dortmund, seit Jahren mein heimlicher, wenn auch viel zu früh gescheiterter, Titelfavorit. Nach zwei Meisterschaften und einem Aus in der CL-Gruppenphase, der Freak-Charakter besonderen Ausmaßes hatte (sagen wir: Das Anti-Malaga), ist der BVB 2012/13 wohl nicht mehr ganz so ausgefeilt, so Rad-in-Rad-greift-ineinander wie noch in den letzten beiden Jahren. Trotzdem ist das Werk des Jürgen Klopp nicht hoch genug einzuschätzen: Klopp hat da einen schwarzgelben Riesen gebaut, der es zuletzt regelmäßig schaffte, Bayern den Nerv zu rauben.

Die Mannschaft ist ein kleiner Gegenentwurf zu den FCBs: Im Herzen eine Spur passiver, weniger dominant, aber bei Ballgewinn überfallartig und mit den technisch feinen Einzelspielern im Vorwärtsgang nur schwer zu verteidigen. Götze, Reus, Lewandowski – das sieht an guten Tagen sogar noch dynamischer aus als beim FCB. Nun fällt allerdings ausgerechnet Götze allem Anschein nach aus; gleichwertigen Ersatz gibt es nicht – im Football würde man sagen, Klopp muss da mit wie „scheming“ antworten.

Ich sehe zwei große Fragezeichen: Das Spiel aus der Abwehr heraus krankt, weil insbesondere Subotic keinen sauberen flachen Ball über 10m hinkriegt, und das reine Rausdreschen gegen Bayern nach zwei Ballverlusten pro fünf Spielminuten riecht. Sollte Hummels tatsächlich ausfallen oder nur halbfit auflaufen können, wäre das eine extreme Schwächung insbesondere für das Dortmunder Aufbauspiel.

Zweites Problem ist die Zusammensetzung der Mittelfeldzentrale: Der sehr komplette Gündogan muss gesetzt sein, aber daneben gibt es für Klopp nur eindimensionale Optionen: Bender und Großkreutz mögen Kämpen sein, aber sie fallen spielerisch meterweit ab. Sahin ist die defensivschwächste Option; Kehl hat Routine und Abgewichstheit, aber ist zu langsam.

Die Lehren aus den bisherigen Saisonduellen waren: Klopp ist vorsichtiger geworden, als ob er plötzlich die Überlegenheit der bayrischen Ballkreisel anerkennen würde. Dortmund war im Vergleich zu den letzten Jahren in Sachen Einstellung und Körpersprache kaum wiederzuerkennen, wenn es gegen Bayern ging. Wird Klopp auch heute so zurückhaltend aufstellen? Das spräche gegen Sahin, für den zerstörerischen Bender.


Noch nicht vergessen oder verheilt - Das sollte Motivation genug sein.

Noch nicht vergessen oder verheilt – Das sollte Motivation genug sein.

Das Spiel hat das look’n’feel eines Ereignisses, die möglicherweise die Sichtweisen auf zwei Vereinsepochen definiert. Vor allem für den FC Bayern steht und fällt die Saison, ja die Ära Heynckes, mit dem Ausgang dieses Endspiels: Bei Sieg winkt ein Jahr nach dem Vize-Triple das „echte“ Triple, also jenes mit den Pokalen in der Vitrine. Bei Niederlage war die Rekordsaison viel gimmick, Hoeneß und Enttäuschung am Kulminationspunkt. Dortmund hat weniger zu verlieren: Das Endspiel ist, obwohl es sich für die Mannschaft wie der richtige Ort anfühlt, für den Verein und seine Fans schon etwas ganz Großes. Klopp hat da bereits mehr draus geformt als man von einem Club wie dem BVB erwarten konnte.

Die Fallhöhe für den FC Bayern ist natürlich eine ganz andere. Heynckes wirkt aber seit Montaten – spätestens seit der Bekanntgabe des Guardiola-Deals – extrem entschlossen. Da ist ein Mann on mission, will es allen nochmal zeigen. Möglicherweise wird es Jupps zweiter unfreiwilliger Abgang direkt nach dem Gewinn der Champions League (Madrid, 1998). Die Vorzeichen stehen gut: Im Gegensatz zu den letzten beiden Finals der Bayern sind diesmal keine Spieler zu Unrecht gesperrt (siehe: Ribery, Alaba).

Ich bin Bayern-Fan. Ich hatte in den Wochen vor diesem Endspiel lange das merkwürdige Gefühl, dass ich mit einem CL-Sieger „Borussia Dortmund“ keine Probleme hätte. Ich hätte es zugegeben immer noch nicht, aber mit jeder Minute, die der Kickoff näher rückt, wird klarer: Bayern muss diesmal den Pokal gewinnen. Die Kombination aus dem Katastrophenpotenzial einer weiteren CL-Endspielniederlage und dem Thrill, die beste Saison der Vereinsgeschichte gegen den größten innerstaatlichen Rivalen zu fixieren, macht dieses Spiel so einzigartig.

Von einem knappen BVB-Sieg bis zu einem Kantersieg der Bayern halte ich vieles für möglich. Spielen wir die Partie zehnmal aus, gewinnt Bayern – sagen wir – siebenmal.

Über den Zustand der NFL International Series

Zuallererst die Warnung: Diesen Sonntag werden die NFL-Spiele aufgrund der Winterzeit-Umstellung eine Stunde früher beginnen (ab 18h), weil die Amerikaner sich mit ihrer Umstellung wie gewohnt eine Woche länger Zeit lassen. NFL-Woche 8, das ist auch das Wochenende des mittlerweile schon fast zur Tradition gewordenen London-Spiels der NFL („NFL International Series 2012“) im Wembley Stadium.

Sideline Reporter wird mit dabei sein – in Form von Co-Autor Herrmann, der sich irgendwann im Laufe des heutigen Tages gen England verabschieden wird. Ob ich selbst einen Fuß in Stadt oder Stadion setzen werde, steht noch in den Sternen. Eher… nicht. Der Zeitplan lässt höchstwahrscheinlich kein modernes Glücksrittertum für diesen Sonntag zu.

Anyhow. Es treffen am Sonntag um 18h MEZ aufeinander: Die New England Patriots gegen das designierte „Heimteam“, die St Louis Rams – die Neuauflage von Superbowl 36 vor zehneinhalb Jahren, dem ersten Footballspiel, das ich in voller Länge verfolgte.

Während bei den Rams die Legenden um Torry Holt höchstens als Maskottchen zur Promotion mit nach London gereist sind und die „neue“ Generation um Sam Bradford noch ihr Profil stärken muss, sind die beiden Hauptprotagonisten bei den Pats von einst auch heute noch mitten drin: Head Coach Belichick und Quarterback Brady.

Gegenwart und Zukunft der International Series

Die Rams waren ja eigentlich als das neue Fixteam der NFL für London angedacht gewesen, bis sich das lange Vermutete im August doch bewahrheitete: Der neue Rams-Besitzer Stan Kroenke hatte Wembley nur als Hebel für Stadionverhandlungen in der eigenen Stadt unterm Bogen genutzt, und bei der ersten Aussicht auf Erfolg den Dreijahresvertrag mit NFL/London gekündigt.

Ab 2013 werden andere am Start sein. Das neue London-Team für die Jahre 2013-2016 wird eines der unbekanntesten NFL-Teams sein, die Jacksonville Jaguars. Ein erstaunlicher Move vom neuen Jags-Owner Shadid Khan, der offenbar mit Gewalt seine Franchise zur „Marke“ werden lassen möchte.

Mir war bei dieser Nachricht erstmal das Frühstück auf das iPad gefallen. Von einem jungen, kleinen Team aus einem kleinen Markt, ohne große Erfolge und Anhaltspunkte, würde man eher erwarten, sich erstmal regional anzubiedern – zumal sich in Florida genügend Chancen bieten würden, wenn ich z.B. an die Region um Orlando denke.

Aber Khan hat für die Zukunft offenbar andere Pläne, wenn wir Peter King Glauben schenken dürfen: Khan schwebt Jacksonville als „Britain’s Teams“ oder „Europe’s Team“ vor, mit mindestens den vier Heimspielen in den nächsten Jahren (Khan möchte angeblich noch ein zweites Europaspiel implementieren, vielleicht in Irland oder Deutschland) und einem gar nicht unkreativen Reisepaket für europäische NFL-Fans, inklusive Heimspielbesuch in der Gator Bowl und Besuchen in Urlaubsdestinationen wie – eben – Orlando. Nach allem, was ich so beim Durchblättern des Orlando Sentinel aufschnappen konnte, stoßen solche Gedanken in der Region Orlando in etwa auf soviel Gegenliebe wie entzündete Furunkel am Arsch.

So oder so: Khan geht neue Wege. Ich bezweifle jedoch, ob sich der Move auszahlen wird, solange die Jags weiterhin als Billigteam am Bodensatz der NFL herumdümpeln.

Am 27. Oktober 2013 werden die Jags also erstmal eine Partie gegen die San Francisco 49ers in Wembley bestreiten – wobei erstmal nicht anzunehmen sein wird, dass Jacksonville die 49ers in der Fangunst ausstechen werden können.

In all dem Trubel um Rams, Jaguars und Shadid Khan ging letzte Woche, nach dem Herbstmeeting der NFL-Owner, fast unter, dass es 2013 noch ein zweites NFL-Spiel in London geben wird: Der 29. September 2013 wird die Minnesota Vikings und Pittsburgh Steelers gegeneinander gematcht sehen – eine Partie zwischen zwei klangvollen, geschichtsträchtigen Franchises, eine Wiederauflage der Superbowl IX. Eine Partie, die erstmal durchaus noch mehr Resonanz auslösen dürfte als jedes Jags-Spiel.

Dieses zweite NFL-Spiel kommt gleichzeitig einer Überraschung gleich: Jahrelang war nur geredet, und geredet,… und geredet, und geredet worden von weiteren Versuchen, mehr als ein Footballspiel der NFL in Europa auszutragen, und ich hatte schon lange nicht mehr dran geglaubt, zumal sich kein zahlungskräftiger Kunde (a.k.a. Großstadt) finden ließ, die der NFL die Millionen in den Popo schiebt, und auch, weil London in Großbritannien die Exklusivrechte an NFL-Spielen besitzt.

Ab 2013 also zweimal NFL pro Jahr. Beim Herbstmeeting wurde zum eintausendsiebenhundertdreiundvierzigsten Mal betont, dass diese London-Spiele eine Art Anfangsstadium einer Markterschließung für eine europäische Franchise sein sollen – der heimische, amerikanische Markt ist bald penetriert genug. We will see.

NFL 2011/12, Week #7 Preview: Rohe Eier aus England

NFL in Wembley, yaddayadda. Leider fehlt es Sideline Reporter erneut an Zeit und Geld, das alljährliche Europaspiel der NFL gebührend zu würdigen (sprich: zu besuchen). Für nächstes Jahr werde ich eine Spendenhotline für verarmte Studenten und Praktikanten andenken.

Tampa Bay Buccaneers – Chicago Bears

So, 19h LIVE bei ESPN America und Sport1+

Dabei hat es die heurige England-Paarung im Gegensatz zu 2010 durchaus in sich: Die Buccs sind extrem unberechenbar, scheinen aber der Pubertätsphase entwachsen zu sein und trotz gefühlter Unterlegenheit in der Lage, Titelkandidaten wie New Orleans aus dem Weg zu räumen. Hauptgrund neben ein paar wenigen Big Plays RB Earnest Grahams und wohl getimten INTs dafür sind QB Josh Freemans Coolness, nach drei missratenen Würfen im entscheidenden Moment trotzdem den siegbringenden Ball anzubringen, und eine Defensive Line, die schön langsam ernst zu nehmen ist und in dutzenden Formationen des Weges kommt. Man merke sich die Herren Bennett, McCoy, Price, Clayborn.

Die Chicago Bears sind vielleicht ganz froh, diese Woche fernab aller Lokalmedien in England spielen zu können. Denn die heimische Berichterstattung wird trotz der starken Vorstellung gegen Minnesota von einem anderen Thema überlagert, das sich da nennt: QB Jay Cutler und das F-Wort. Der eigentlich besonnene Dan Pompei (auch NFL/Yahoo) hat am Donnerstag in seinem Editorial (Cutler: „F in Leadership“) in der Printausgabe der Chicago Tribune Cutler so dermaßen in den Senkel gestellt, dass sich der ehemalige NFL-Profi Matt Bowen (auch NFP) genötigt sah, am Freitag eine beschwichtigende Kolumne einzuschieben.

Cutler hatte am Sonntag nach dem x-ten Hit an der Seitenlinie seinen Frust an OffCoord Mike Martz abgelassen („Tell Mike Martz I said f*ck him“), was rein zufällig von NFL Films aufgefangen wurde. Dem menefregistischen Cutler wurde in genanntem Editorial von Bear Bryant über Sun Tzu hin zum alten Aristotel alles an klugen Sprüchen über Führungsperönlichkeiten um die Ohren gehauen.

Ein zweite Storyline ist das Wiedersehen von Bears-Headcoach Lovie Smith mit seiner ehemaligen Mannschaft Tampa Bay, wo Smith einst als Linebacker-Coach unter Tony Dungy die Basics der „Cover-2“-Defense erlernte, die er später in St Louis und Chicago zu ganz neuen Höhen getrieben hat. Jene „Cover-2“-Defense, die in den vergangenen Wochen immer lauter kritisiert wurde, auch aufgrund bockiger Safetys wie #31 Meriweather oder #46 Harris, deren undiszipliniertes Spiel für mehrere aufgegebene Big Plays gesorgt hatte, und die nun tatsächlich von den taufrischen Jungspunden Wright/Conte ersetzt werden sollen.

Chicago gegen Tampa. Ein Duell zweier Wundertüten, die mich für eine Prognose ziemlich ratlos hinterlassen.

Da ist es ergiebiger, über die Zukunft der NFL in London zu sprechen, über die vor wenigen Tagen auf dem Herbstmeeting der NFL-Owner abgestimmt wurde. Resultat: Eine Verlängerung des Vertrags bis 2016, mit der Option, ein zweites Europaspiel anzusetzen, falls sich ein entsprechender Abnehmer finden lässt, der die NFL gütlich genug zu entlohnen bereit ist. Interessanter Passus in den offiziellen Statements der Liga: Man gedenkt, eine fixe Heimmannschaft für das London-Spiel zu suchen.

Da ist der Gedanke „Tampa Bay Buccaneers“ nicht fern, zumal die Buccs bereits zum zweiten Mal nach 2009 in England angesetzt werden, ihr heimisches Raymond James Stadium nicht annähernd voll bekommen und die Buccs-Besitzerschaft (Reizwort Glazer) rein zufällig auch Eigner von Manchester United ist. Ob es für die bunte NFL-Anhängerschaft allerdings so reizvoll ist, jedes Jahr die selbe Mannschaft sehen zu dürfen/müssen/können… Abwarten und Tee trinken.

NFL 2011/12 Woche 7, der TV-Rest

Minnesota Vikings – Green Bay Packers (So, 22h LIVE ESPN America, Sport1+ und PULS4): Nach dem Ende der unsäglichen Ära Favre steht in der zuletzt hitzigen Rivalität Packers-Vikings diesmal mit QB Chris Ponder ein Rookie im Mittelpunkt: Minnesota prüft in den kommenden Wochen die Optionen Ponder und „Suck vor Luck“. Mitte November  dürfte die Richtung bekannt sein.

Ponder als Starter bedeutet im Umkehrschluss auch: Minnesota dürfte vor allem zu Beginn des Spiels primär auf RB Adrian Peterson setzen, um Ponder nicht schnell zu verunsichern. Von Green Bays Seiten kann man einen sehr druckvollen GamePlan erwarten, da sich bei Ponder letzte Woche andeutete, dass er bei überhasteten Würfen zu Fehlern neigt.

Tennessee Titans – Houston Texans (Mo, 10h Tape bei ESPN America): Wichtiges Spiel für beide, da es für beide die Playoffs kaum über eine Wildcard geben dürfte und somit der Divisionssieg wichtig wird. Houston ist eigentlich klar favorisiert, aber weil WR Andre Johnson keine Möglichkeit auf einer Schlägerei-Revanche kriegt und die Texans nach zwei unnötigen Niederlagen schon wieder Schlotterknie mitschleifen, darf man Tennessee mit seiner kühlen Spielweise, seiner starken Offensive Line und einer soliden Secondary eine Chance geben.

Detroit Lions – Atlanta Falcons (Mo, 12h Tape bei ESPN America): Die Lions bangen um ihr Laufspiel, nachdem bei RB Harrison ein Hirntumor prognostiziert wurde, der einen Trade für RB Brown negierte, und RB Jahvid Best geraten wurde, aufgrund akuter Gehirnerschütterungsgefahr die Saison vorzeitig zu beenden. Atlanta dagegen schraubt an allen Ecken und Enden, um seine lahme Offense und den blassen QB Matt Ryan in Gang zu bekommen. Dass dabei nun ausgerechnet die mächtige Defensive Line der Lions wartet, dürfte das Unterfangen erschweren.

New Orleans Saints – Indianapolis Colts (Mo, 14h Tape bei ESPN America): Das Superbowl-Rematch, diesmal unter völlig veränderten Vorzeichen, weil die Hauptstrategen von damals fehlen. QB Peyton Manning und Coach Sean Payton, der mit Schienbeinbruch nur limitiertes PlayCalling machen soll. Es bleibt abzuwarten, ob dies die Saints-Offense gegen eine wenigstens beherzt spielende Colts-Defense entscheidend einbremsen wird können. Das Duell LT Bushrod gegen DE Freeney riecht aber wenigstens nach drei Sacks und zwei Fumbles, insofern ist für die Colts nicht alles bereits vor dem Kickoff verloren.

Jacksonville Jaguars – Baltimore Ravens (Mo/Di LIVE bei Sport1+, Di, 14h30 Tape bei ESPN America): Das MNF-Spiel, eher auch kein Augenschmaus. Jacksonvilles Rookie-QB Blaine Gabbert kann sich in seinen Meriten aber vermerken, sich jüngst von Pittsburgh nicht verrückt machen gelassen zu haben (wow, ging das sprachlich denn nicht einfacher?). Allerdings dürfte Baltimores Defense, vor allem in der Front Seven, zurzeit einen Gang höher einzuschätzen sein. Auf der anderen Seite stehen die Jaguars bei mir im Ruf, in Primtetime-Spielen seit Jahren immer mal wieder eine Überraschungsleistung auf das Parkett zu zaubern, als ob sie bloß die nötige Aufmerksamkeit bräuchten.

NFL 2011/12 Woche 7, sonst so

Abseits von Ponders Debüt gibt es auch in Washington (von Grossman zu John Beck), Seattle (vom verletzten Jackson zu Charlie Whitehurst) und – natürlich – in Denver Quarterback-Wechsel. Die Broncos starten heute vor ausverkauftem Haus in Miami die Ära Tim Tebow, der passenderweise vor dem Spiel auch noch für seine 2008er-Titelsaison am College geehrt wird. Gestern im Sportscenter bei ESPN wurde mit Jerry Rice eine interessante Komponente angesprochen: Nicht nur für die Offensive Line, sondern auch für die Wide Receivers bedeutet der Wechsel von einem Rechtshänder (Orton) auf einen Linkshänder (Tebow) eine Umstellung: Der Ball rotiert entgegengesetzt, was erhöhte Konzentration beim Fangen bedeutet (die Flugkurve selbst ist arm-unabhängig).

Völlig unter dem Radar fliegt bei uns das IMHO hochinteressante Duell der New York Jets gegen die San Diego Chargers, die beide in ihren Divisionen unerwartet hartnäckige Konkurrenz bekommen haben und bislang nicht rundum überzeugend aufgetreten sind. Alle Statistiken weisen darauf hin, dass die Jets nur dann eine Chance gegen die giftige Defense der Chargers haben werden, wenn sie konsequent hartes Laufspiel durchziehen können – etwas, das mit RB Shonn Greene schwer möglich werden wird.

Am Boden liegen aktuell die St Louis Rams, bei denen man offenbar bereits in Betracht zieht, Steve Spagnuolo noch vor Saisonende zu rasieren. Heute wird erstmal QB Sam Bradford fehlen. Backup A.J. Feeley gibt den Notnagel gegen Dallas.

Okay. In einer Stunde beginnt das WM-Finale im Rugby. Man sieht sich dann am Abend.