Glaskugel 2012: Houston Texans

Jahrelang waren die Houston Texans der Geheimfavorit schlechthin. Seit Gary Kubiak seit 2006 das Sagen hat, haben sie aber nie mehr als neun Spiele gewonnen und in aller Regelmäßigkeit die Playoffs verpaßt. Als nach der enttäuschenden 6-10-Bilanz 2010 fast schon niemand mehr an das “andere” texanische Team geglaubt hat, sprang ihnen der wohlgesonnene Weltgeist zur Seite.

Die unüberwindbare Hürde in der AFC South, die Indianapolis Colts, lag plötzlich am Boden, nachdem Peyton Manning für 2011 passen mußte. So zogen die Houston Texans aus ihrem lächerlichen Schedule zehn Siege und marschierten locker in die Playoffs. Dort schlug man die Rookie-Combo Dalton/Green aus Cincinnati bevor dann gegen die Ravens in der Divisional Round die Segel gestrichen werden mußten.

Einer der Gründe für das Aussscheiden war das verletzungsbedingte Fehlen von QB Matt Schaub. Ab Ende November hat sich Rookie T.J. Yates als Spielmacher versucht. Er hat gespielt wie ein Rookie, wie ein einigermaßen guter Rookie zwar, aber das reicht in der Regel nicht, um gegen die Ravens zu bestehen. Insgesamt gingen – inklusive Playoffs – vier der letzten fünf Spiele verloren.

Völlig überraschend kam dagegen die Verteidigung unter dem neuen Defensive Coordinator Wade Philipps – sie kennen ihn aus Filmen wie DC in New Orleans, DC in Philadelphia, DC in Denver, DC in Buffalo, DC in Atlanta, DC in San Diego oder DC in Dallas – um die Ecke. 2010 noch die Lachnummer der Liga, war die Texans-D 2011 plötzlich gefürchtet und beinahe ein richtiges Bollwerk.

Texans Defense

Am Ende der Saison stand nach Yards Platz vier und nach Punkten Platz zwei zu Buche. Wie hat er das gemacht, der Phillips?

Zuallererst mal hat er den Laden umgekrempelt auf eine 3-4-Defense. Und dann wurde auch personell kräftig nachgebessert. Für die Secondary kamen CB Jonathan Joseph aus Cincinnati, einer der besten jungen Cover Guys der Liga und Safety Danieal Manning aus Chicago, solide nur, aber immer noch besser als alles, was da vorher kopflos wilde Sau gespielt hat. In der Draft kamen in den Runden eins und zwei mit 34-DE J.J. Watt und Pass Rusher Brooks Reed zwei heiße Jungspunde, die gleich voll eingeschlagen sind.

Mit Shaun Cody hat Phillips auch einen dicken Veteranen vorgefunden, der die Position des one gap Nose Tackles fast so gut spielen kann wie Jay Ratliff, der das Profil für Phillips bei den Cowboys ausgefüllt hat. Den neben Watt zweiten DEs hat Antonio Smith ganz passabel gespielt. Weil Smith aber auch schon 31 Jahre alt wird, kam in der diesjährigen Draft der talentierte Cornhuser Jared Crick dazu, um (noch) mehr frisches Blut in die Front-Seven zu bringen.

Denn sehr jung sind auch Connor Barwin, Brian Cushing und Brooks Reed (alle 25). Cushing gibt den Mike Backer, während Reed und Barwin zwei aufstrebende Pass Rusher sind. Um noch mehr junges Blunt zu injizieren und weil man auch nie genügend Pass Rusher haben kann, wurde der diesjährige 1st-rd pick für Illinois´ Quarterbackschreck Whitney Mercilus genutzt. Der Abgang von Mario Williams ist nicht mehr als eine Fußnote. Eine bessere Jung&Stark-Kombi in der Front-Seven wird man ligaweit kaum finden.

Die Secondary um Joseph und Manning ist nicht so stark, wie die Zahlen es vermuten lassen. Die anderen CBs sind der 24-jährige Kareem Jackson, der oftmals nur fragend um sich schaut und ein Haufen Typen, die man kaum kennt. Brandon Harris und Roc Carmichael, 3rd- bzw. 4th-rd picks 2011 stehen noch im Kader sowie Brice McCain oder Alan Ball. Alle nicht sehr vertrauenswürdig. Ebenso wie die Safety-Position: Manning ist ganz okay, Glover Quinn ist weniger okay. Und falls sich einer der beiden verletzten sollte, stehen dahinter nur Quintin Demps und Troy Nolan, die beide, obwohl noch sehr jung, von den Eagles gecuttet bzw. von den Texans gebencht wurden. Immer ein schlechtes Zeichen für so junge Leute.

Man darf auch nicht vergessen, daß Houston 2011 hauptsächlich gegen Kaliber wie Kerry Collins, Chad Henne, Jason Campbell, Dan Orlovsky und zwei Mal Blaine Gabbert verteidigen durfte. Als dann mal ein Drew Brees vorbeigeschaut hat, wurden ihm gleich 350 Yards auf den Spielberichtsbogen geschrieben, einem Joe Flacco auch 300.

Texans Offense

Die Offense ist gebaut um das Zone Blocking im Laufspiel, das Kubiak vom legendären Alex Gibbs übernommen hat. Die Texans sind tatsächlich eines der letzten Teams, die ihre Offense um das Laufspiel herum aufbauen. In der letzten Saison hatten die Texaner die meisten Läufe für die zweitmeisten Yards und die drittmeisten Touchdowns zu Fuß.

Arbeitstier Arian Foster, ehemals ungedrafteter Philosophiestudent, hat in dieser Offseason dann endlich seinen großen Vertrag bekommen (5Jahre, $21M garantiert), man fragt sich nur, warum von den Texans? In diesem ausgefeilten zone blocking system können viele RBs gut aussehen, dafür kann man auch einfach einen von der Straße nehmen. Das hat Kubiak ja selbst mit Typen à la Olandis Gary, Mike Anderson oder eben Foster bewiesen. Zumal mit Ben Tate  auch noch jemand im Kader ist, der mit 5,4 yards einen ganzen Meter pro Lauf mehr macht als Foster.

Schedule

Wk1 v MIA
Wk2 @ JAX
Wk3 @ DEN
Wk4 v TEN
Wk5 @ NYJ (MNF)
Wk6 v GB (SNF)
Wk7 v BAL
Wk8 BYE
Wk9 v BUF
Wk10 @ CHI (SNF)
Wk11 v JAX
Wk12 @ DET (TNF)
Wk13 @ TEN
Wk14 @ NE (MNF)
Wk15 v IND
Wk16 v MIN
Wk17 @ IND

Vielleicht hat Kubiak wegen seiner Offensive Line kalte Füße bekommen. Von der sind nur noch 3/5 übrig. Eric Winston, der sich hinter keinem Right Tackle der Liga verstecken muß, verdient seine (größeren) Brötchen jetzt in Kansas City. Mike Brisiel war mit seinen flinken Füßen unter dem großen Oberbau ideal für das zone blocking, er tänzelt nun in Oakland. Den letzteren wird Antoine Caldwell ersetzten, der seine Sache in den letzten drei Jahren angeblich ganz gut gemacht hat, wenn er mal auf dem Platz stand. Den ersteren sollte eigentlich Veteran Rashard Butler ersetzen, nach der Preaseason ist man sich da aber nicht mehr ganz sicher und hat eine offene competition zwischen Butler und dem 24-jährigen Derek Newton von Arkansas State um den Startplatz.

Die anderen 3/5 sind die allseits geschätzten Center Chris Myers, einer der besten seines Faches, links daneben spielt Wade Smith solide wie eh und je und ganz links steht Duane Brown, der ruhigen Gewissens von sich behaupten kann, einer der drei besten  Left Tackles der AFC zu sein. Das große Fragezeichen ist hier natürlich, wie gut die rechte Seite der Linie sein wird. Eine Frage ist die nach der individuellen Klasse von Caldwell/Butler/Newton, eine andere das Zusammenspielen als Einheit, was bei diesem zone blocking scheme ungemein wichtig ist und was einige Zeit braucht, um sich zu entwickeln.

Mit der Top-Defense und dem starken Laufspiel im Rücken spielt das passing game nur die zweite Geige. QB Matt Schaub ist auf fast schon spektakuläre Weise unspektakulär und langweilig, produziert trotzdem ganz gute Zahlen und weiß, was er macht. korsakoff schrub mal, Schaub ist sowas ein Kyle Orton für Reiche – das trifft es genau.

Nun ist aber Schaubs Spielzeugkiste leider nur sehr spartanisch ausgestattet. Andre Johnson könnte immer noch einer der besten WR der Liga sein, hat aber in einer erschreckenden Regelmäßigkeit mit muskulären Problemen zu kämpfen. In den letzten beiden Saisons hat er von 34 Spielen nur 20 mitgemacht. Ob das jetzt mit 31 Jahren nochmal besser wird? Nr. 2 WR Kevin Walter ist so trocken wie eine Scheibe Brot, fängt aber jedes Jahr seine 40 bis 50 Bälle. Der junge Jacoby Jones, der mit 16,5 Yards/Catch wenigstens noch ein bißchen Feuer ins Paßspiel gebracht hat, wenn Johnson mal nicht konnte, ist abgewandert und soll jetzt ersetzt werden von: keine Ahnung. Da stehen ein paar Rookies im Kader wie die diesjährigen 3rd- und 4th-rd picks DeVier Posey und Keshawn Martin, aber kein guter erfahrener Mann. Die kleine Ente Jeff Maehl trainiert auch noch mit, aber mehr als ein vierter Receiver wird er wohl nie.

Zweitwichtigste Waffe für Schaub sollte wieder TE Owen Daniels sein. Daniels ist nicht auf dem Niveau der TE-Rockstars der Saints oder Patriots, aber seine 50 Yards pro Spiel gibt er Schaub immer, wenn der mal sonst nicht weiß, wohin. Abgewandert ist TE/FB/H-Back Joel Dreessen (nun in Denver), der in der Offense ein sehr beliebtes Puzzlestück war, weil man mit ihm einfach alles machen konnte. Mit 6 TDs war er auch der mit Abstand erfolgreichste Scorer durch die Luft.

Ausblick Houston Texans

Houston ist für 2012 schlechter aufgestellt als für 2011. Im Angriff wird die OLine umgebaut; fehlen Jones und Dreessen, die der Offense wenigstens einige unberechenbare Momente gegeben haben; hängt sehr viel am Fitneßzustand von Andre Johnson. Es hat auch nicht eine personelle Verstärkung gegeben, kein einziger namhafter Neuzugang. Trotzdem sollte dieser Angriff zumindest gut sein und auch mal ein Spiel gewinnen können, wenn die Defense einen schlechten Tag hat.

Die Verteidigung ist viel besser aufgestellt, hat aber auch so ihre Fragezichen. Die Secondary bräuchte neben CB Joseph noch einen weiteren Playmaker. Dann muß man sehen, ob die vielen jungen Typen wirklich so gut sind, oder ob sie nur von den schwachen Gegnern profitiert haben. 2012 kommen Peyton Manning, Rodgers, Cutler, Stafford und Brady zum Härtetest, außerdem wurden Orlovsky von Andrew Luck ersetzt. Das wird eine ganz andere Hausnummer.

Nichtsdestotrotz sind die Texans der Favorit auf die AFC-South-Krone. Aber danach traue ich ihnen nicht mehr viel zu. Irgendwie fehlt in der Defense der eine große difference maker und man darf niemals vergessen: Gary Kubiak ist immer noch der Head Coach. Der hat schon ganz andere Sachen vergeigt. Playoffs müssen drin sein, daneben sehe ich nur ganz kleine Außenseiterchancen auf die Lombardi Trophy.

AFC South in der Frischzellenkur 2012 (II)

Houston Texans

  • #26 (1) DE Whitney Mercilus (Illinois)
  • #68 (3) WR DeVier Posey (Ohio State)
  • #76 (3) G Brandon Brooks (Miami, OH)
  • #99 (4) C Ben Jones (Georgia)
  • #121 (4) WR Keshawn Martin (Michigan State)
  • #126 (4) DT Jared Crick (Nebraska)
  • #161 (5) K Randy Bullock (Texas A&M)
  • #195 (6) OT Nick Mondek (Purdue)

So schlecht die Free Agency der Houston Texans war, so gut sieht ihre Draft aus. Sechs Picks in den ersten vier Runden sorgen vor allem für eine Sicherheit spendende Tiefe.

Von DE Whitney Mercilus, dem 1st-rd pick, wird allerdings mehr erwartet. Er wurde gedraftet, um den nun leeren Platz des abgewanderten Mario Williams zu füllen. Mit Brooks Reed und Connor Barwin zusammen soll Mercilus das Pass-Rusher-Trio bilden, um das die gesamte Abwehr aufgebaut ist. Mit Cornhusker Jared Crick kam in Runde vier noch eine sehr talentierte Verstärkung für die Defensive Line. Crick ist gedacht für den anderen DE-spot gegenüber des letztjährigen 1st-rd picks J.J.Watt. Sollte Crick tatsächlich das Zeug haben, dort starter niveau zu zeigen, haben sich die Texans in verdammt kurzer Zeit eine verdammt junge und gute Front Seven zusammengeholt.

Zwischen den Picks #68 und #121 gabs vier Mal Offense, zwei WRs, zwei OLiner. Wobei WR Keshawn Martin vor allem als Returner geholt worden sin dürfte. DeVier Posey soll mit seinen fast 100kg ein guter possession receiver sein, jemand, zu dem man immer werfen kann, wenn Andre Johnson mal wieder gedoppelt oder verletzt ist. Houstons Plan für Posey ist wohl, so etwas wie ein Anquan Boldin für Arme zu werden. Nötig hätten sie es auch, ist doch ihr WR-Corps einigermaßen dünn.

Was aber gar nicht so schlimm ist, weil die Offense mittlerweile vom Laufspiel getragen wird. Und dafür gab es an den Positionen #76 und #99 gleich zwei Verstärkungen, die nach den Abgangen von G Briesil und RT Winston auch dringend benötigt wurden. Vor allem Ben Jones soll perfekt in das zone blocking scheme der Texans hineinpassen und könnte damit gleich den Platz von Briesil übernehmen. Brandon Brooks ist wohl mehr ein Entwicklungsspieler, der aber als freak of nature allerbeste körperliche Voraussetzungen hat mit 150 Kilos verteilt auf 1,96m. Brooks gilt als ungeschliffener Diamant, der so raw ist, daß er nicht mal zur Combine eingeladen wurde.

Das sieht insgesamt sehr vernünftig aus, was Houston da gemacht hat. Die eh schon gute Front Seven mit frischem Talent und depth versorgt sowie mit zwei Top-100-picks versucht, die Abgänge der OLine zu kompensieren. Sollten die beiden WRs dann noch eine tragende Rolle im Angriff spielen können, sind die Texans gut gerüstet für Ziel, den Gewinn der AFC South zu wiederholen.

Tennessee Titans

  • #20 (1) WR Kendall Wright (Baylor)
  • #52 (2) LB Zack Brown (North Carolina)
  • #82 (3) DT Mike Martin (Michigan)
  • #120 (4) CB Coty Sensabaugh (Clemson)
  • #145 (5) TE Taylor Thompson (SMU)
  • #190 (6) S Markelle Martin (Oklahoma State)
  • #211 (7) DE Scott Solomon (Rice)

Der Top-Pick der Titans ist der Lieblingsbuddy von RGIII am College gewesen. Kendall Wright war bei Baylor der Mann für die Big Plays. Sehr schnell, sehr kräftig und mit tollen, explosiven Moves im open field. Es wird interessant sein zu sehen, wie er sich in der NFL macht, wo er sicher nicht soviel verlassenes grünes Gras vor sich finden wird wie am College. Immerhin wird er den Luxus von single soverage genießen, solange RB Chris Johnson und WR Kenny Britt alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Der einzige weitere Pick für den Angriff ist TE Taylor Thompson in der fünften Runde. Oder besser: Defensive End Taylor Thompson. Thompson hat bei SMU DE gespielt. Dort hat er in den vergangenen zwei Jahren 12 Sacks gemacht und wurde zweimal ins All-Conference-USA gewählt. Nun will er aber (wie schon vor seiner Collegezeit) Tight End spielen. Seine Maße gleichen fast aufs Komma denen von New Orleans´ Jimmy Graham. 6-6, 259lbs, 4.56 40-yd dash. Die Gronkowskis und Grahams dieser Welt haben dazu geführt, daß so gut wie alle Mannschaften händeringend einen „neuen Tight End“ suchen und dabei auch unkonventionelle Lösungen ausprobieren, von Basketballspielern bis zu Defensive Ends. Durch seinen defensiven Hintergrund dürfte Thompson aber zumindest in dieser Saison keinen großen Einfluß haben.

Für ihre schon traditionell sehr tiefe Defensive-Line-Rotation haben die Titans erneut zwei Spieler gedraftet. DT Mike Martin, der soforft in die Rotation soll, hat für einen inside guy angeblich sehr gute pass rushing skills. Damit verstärkt er das junge Duo Karl Klug und Jurrell Casey in der Mitte. DE Scott Solomon aus der siebten Runde hat Außenseiterchancen auf einen der sieben bis acht Posten in der Rotation.

Eine solide Klasse für die Titans, wie eigentlich immer, möchte man sagen. LB Brown und DT Martin sollen von Anfang an wichtige Rollen in der Defense spielen; CB Coty Sensabaugh wird aufgrund mangelnder Tiefe wohl auch sofort in Nickel- und Dime-packages geworfen werden, vor allem aber ein ungemein explosiver Special Teamer sein. Etwas seltsam aber, daß das CB-Problem nicht früher und aggressiver angegangen wurde. In der Offense versucht man alles, um dem letztjährigen 1st-rd pick Jake Locker das Leben so einfach wie möglich zu machen. Wenn WR Wright Tennessees Victor Cruz wird, wenn TE Thompson sich schnell entwickelt, wenn RB Chris Johnson zu alter Form zurückfindet – dann kann Locker gar nicht schlecht aussehen, wenn er dann mal den Platz von Matt Hasselbeck erobert. Wennwennwenn. Wenn nicht alles eintritt, muß er sich schon ziemlich strecken, um seinen 8th overall pick zu rechtfertigen.