NFL Draftvorschauer 2017 – Wide Receiver

Wide Receiver ist in der modernen NFL eine der wichtigsten Positionen geworden – und eine mit vielen offenen Stellen: Wo jede Mannschaft nur einen Quarterback und zwei Offense Tackles braucht, stellen zahlreiche Mannschaften heute standardmäßig drei Wide Receiver auf und halten sich im Hintergrund noch zwei weitere Ballfänger mit komplementären Skills auf. Weiterlesen

NFL Draft 2016 – Rede und Antwort | Wide Receiver

Nächster Teil der großen, extern unterstützten Draft-Vorschau von 2016: Christian Schimmel von DerDraft.de beantwortet meine Fragen zu den wichtigsten Prospects. Heute dran: Die Wide Receiver. DerDraft hat diese Positionsgruppe schon vor einigen Wochen im Draftcast S3/E26 besprochen. Weiterlesen

Die Wide Receivers im NFL-Draft 2013

Die Wide Receivers sind die Jungs, deren primäre Aufgabe es ist, den Ball zu fangen und danach Yards zu machen. Wide Receiver ist aber eine kompliziertere Position als bloß zu laufen und das Ei runterzupflücken: Die Jungs müssen genaue und präzise designte Routen teilweise im Vollsprint laufen können, sich aus hautenger Deckung befreien und dann häufig nicht einfach geworfene Bälle fangen. Der „Catch“ ist dabei nur die Ernte; die richtige Arbeit war schon vorher. Deswegen ist bei Receivern wichtig zu schauen, ob sie überhaupt flink oder stark genug sind, um einer Deckung zu entfleuchen oder sich physisch gegen einen Cornerback durchzusetzen. Wichtigste „Nebenaufgabe“ ist Physis, für das Laufspiel zu blocken.

Es gibt eine Vielzahl an Receiver-Typen: Den Wideout, der idealerweise an die 1,95m groß und sprungstark ist oder den Slot-WR, der häufig kleiner gewachsen, dafür extrem flink ist, um von Linebackers nicht verfolgt zu werden. Dabei können Receiver Typus speedster (Hauptsache gradeaus laufen klappt) oder Typus possession receiver (wichtig ist nicht die Geschwindigkeit, sondern den Ball auf Mitteldistanzen in enger Deckung fangen zu können) sein. Viele Wege führen zum Ziel, aber am Ende finden trotzdem längst nicht alle Bälle ihr Ziel. Wide Receiver ist eine der schwierigsten Positionen geworden.

Klassenbester: Tavon Austin, WVU

Klassenbester: Tavon Austin, WVU

Wunderbar zu dieser zunehmend vielseitigen Anforderung, die an die Position gesteckt wird, passt der gelbe Flitzer von West Virginia, Tavon Austin, den viele als ersten Receiver vom Board gehen sehen. Austin ist mit 79kg auf nur 1.73m eher am unteren NFL-Limit zu verorten, was Gewicht und Größe angeht, aber es gibt wenige Spieler, die mit dem Ei in der Hand mehr Gefahr ausstrahlen als Austin – ein Typ Percy Harvin: Nimmt alles auf, was maximal 10yds in der Luft war und fabriziert daraus ein neues 1st down, oder returniert jeden fünften Punt zum Touchdown. Solche Spieler sind ein Traum von Schachfigur für viele OffCoords, auch wenn sie selten mehr als 1000yds die Saison fabrizieren und am besten in eine Offense mit zumindest einem oder zwei weiteren veritablen Anspielstationen passen.

Eher der „richtige“ Wideout ist Cordarrelle Patterson, ein Schlaks von Mann (1.91m, 93kg), und so ziemlich alles, was Scouts und Medien lieben: Fiel am einzigen Jahr am College vor allem durch unausgeschöpftes Potenzial auf, rennt an guten Tagen jedem Bewacher auf und davon, aber noch nicht viele Seiten im Playbook gesehen. Patterson verkörpert den klassischen „Risiko-Pick“: Eine Wucht von Körper, aber wenn er die notwendigen Techniken nicht erlernt/beigebracht bekommt, kriegt er sich in der NFL nicht frei gelaufen – und dann nützen die superben Fanghände und die Explosivität after Catch nicht viel…

Hunter, damals noch mit der #87 - Bild: Flickr

Hunter, damals noch mit der #87 – Bild: Flickr

Patterson kommt von der University of Tennessee, die noch einen anderen Receiver ins Rennen schickt: Justin Hunter, 1.93m-Granate. Wer die Vols in den letzten Jahren häufiger sah, wird zustimmen, dass Hunter eigentlich in einer anderen Liga spielte als es Patterson je machte: Das ist ein „richtiger“ #1-Receiver, allerdings mit Konzentrationsproblemen (zu viele Drops) und vor allem einer mental noch nicht verarbeiteten schweren Knieverletzung (war danach oft nur mehr zögerlich unterwegs). Hunter ist ein Weitspringer von Weltformat und rennt die 100m in 10.52sek.

Und weil die Vols so häufig versagten, schicken sie einen dritten Mann – allerdings mit Sternchen – ins Rennen: Da’Rick Rogers, der in Knoxville das Spiel erlernte, aber den abgelaufenen Herbst nach wiederholten Drogenproblemen in den Niederungen des College Football verbrachte. Rogers ist auch so ein 1.90m-Bolzen, der in Tennessee häufig im Slot spielte und als solcher zu einer kaum einzubremsenden Naturgewalt für die SEC-Verteidiger wurde. Sofern der Mann seine nervenaufreibenden Fragen nach seiner Vergangenheit zur Zufriedenheit beantworten kann, geht er Ende erste, Mitte zweite Runde.

Ähnliche Anlagen wie Rogers haben nach Scout-Ansichten Leute wie DeAndre Hopkins von Clemson oder Chris Harper von Kansas State. Hopkins ist nicht der große Filigrantechniker, sondern glänzt in traffic mehr mit Physis, Sprungkraft und macht die schwierigen Catches. Solche Krieger gelten in der NFL selten als #1-Receiver, sondern eher als komplementäre Spielfiguren für OffCoords.

Die sieben Zwerge

Den Blitz, Austin, hatten wir schon. Wer Austin verpasst, kann alternativ zu dessen College-Teamkollegen Stedman Bailey (1.78m) greifen, nicht viel größer, aber auch nicht so explosiv, dafür aber ein technisch sauberer Receiver. Ryan Swope von Texas A&M wäre eine weitere Option: Nicht so flink, nicht so ausgefeilt, aber ein 1.83m-Kraftbolzen vom Schlage eines Xherdan Shaqiri. Swope ist ein optischer Genuss, scheut keinen Zweikampf im umkämpften Mittelfeld und grätscht bei Not auch mal dazwischen um einen verloren geglaubten Pass noch abzufangen. Lief in der Combine eine 4.34sek und hatte auch ansonsten so sensationelle Werte, dass sie fast schon verdächtig antrainiert wirkten. Ist ein lustiger Typ, aber das nur nebenbei.

Noch verrückter ist Marquise Goodwin von der University of Texas, der mit 10.24sek durchaus in einem sauberen 100m-Olympiafinale mitlaufen kann (wenn er selber sauber ist), und vor allem Athletik in rauen Mengen anbieten kann. Typ „Leichtathlet, der sich zum Football verirrt hat“.

Shoelace - Bild: Wikipedia

Shoelace – Bild: Wikipedia

Der Quarterback, der sich bei den Wide Receivers verirrt hat, ist Denard Robinson, genannt Shoelace, weil er an der University of Michigan immer mit offenen Schuhlitzen spielte. Robinson war eine der prägenden Figuren im College Football der letzten Jahre, aber er fiel auch durch nicht erfüllte Versprechungen auf. Teilweise war daran eine mehr als unzufrieden stellende Trainersituation schuld. Aber Robinson entwickelte sich auch nie zu einem Werfer, der in der NFL eine Chance hätte, spielte im abgelaufenen Herbst dann gar nur mehr den aus der Not geborenen Running Back. Was jedermann ihm nachsagt: Er ist ein Arbeiter, ein Kämpfer, der nicht aufgibt. Robinson hat sich damit abgefunden, dass er kein Quarterback mehr werden wird, und freut sich auf eine Zukunft als Wide Receiver. Ist natürlich technisch noch nicht auf einem Niveau mit seinen Draft-Konkurrenten, aber die Fortschritte sollen in den letzten Monaten für gehobene Augenbrauen bei den Scouts gesorgt haben.

Ein dark horse für die späteren Runden könnte Ace Sanders werden, der nach der Volksschule mit dem Wachsen aufgehört hat bzw. sich den Spinat nicht in die Unterarme, sondern in die Oberschenkel schüttete. Sanders ist mit unter 1,70m kein NFL-Maß und er ist kein Bewegungswunder, aber viele gehen davon aus, dass er ab der vierten Runde vom Tablett ist. Letzter der Zwerge ist Josh Boyce von TCU, der aber auf wenigen Boards als „draftable“ aufscheint.

Die großen Jungs

Prospects 2013

Name                  Rd
Cordarrelle Patterson 1
Tavon Austin          1
Robert Woods          1-2
Keenan Allen          1-2
DeAndre Hopkins       2
Justin Hunter         2
Terrance Williams     2-3
Markus Wheaton        2-3
Ryan Swope            2-3
Quinton Patton        2-3
Stedman Bailey        2-3
Chris Harper          2-3
Da’Rick Rogers        2-4
Cobi Hamilton         3-5
Marquise Goodwin      3-5
Aaron Mellette        3-5
Kenny Stills          3-5
Denard Robinson       3-5
Aaron Dobson          3-5
Corey Fuller          3-5
Ace Sanders           3-5
Josh Boyce            3-5

Mayocks Top-5

1 - Austin
2 - Patterson
3 - Hunter
4 - Allen
5 - Hopkins
5 - Woods

Der verlorene Sohn auf vielen Draft-Boards war Robert Woods von USC, der vor einem Jahr als potenzieller Top-Pick gegolten hatte, dann aber letzten Herbst von Teamkollege Lee in Grund und Boden gespielt wurde. Was im Lee-Hype (war fast ein Heisman-Finalist) unterging: Woods hatte kein so schlechtes Jahr. Woods bekam erst in den letzten Wochen wieder etwas Presse und gilt mittlerweile wieder als potenzieller 1st rounder. So schnell geht’s. Woods ist mit 1.85m und seinem Physis ein ähnlicher Spielertyp wie Justin Blackmon, aber ihm geht die letzte Explosivität ab, um per sofort einen Angriff auf seinen Schultern zu tragen. Im Optimalfall ein Mann für Mitte erste Runde.

Keenan Allen (1.88m) von Cal ist eher der Anti-Woods: Bekam zwar auch viel Presse, aber die Presse schrieb ihn dann im Frühjahr zunehmend aus der ersten Runde raus, runter in die mittleren Runden. Das Problem: Allen war ein extrem produktiver Receiver am College, technisch sauber, sehr sichere Fanghände, präziser Routenläufer, aber nicht die sensationelle Explosivität – und zuletzt mit einer mittelschweren Knieverletzung. Die hinderte Allen im Frühjahr daran, auf voller Höhe die Vorstellungs-Einheiten zu absolvieren, und so waren viele Werte nicht bloß enttäuschend, sondern schlicht unter den Benchmarks vieler NFL-Teams. Es gilt jedoch als sicher, dass einige Teams weiterhin bereit sind, einen hohen Pick für Allen zu investieren.

Zwei Aarons von kleinen Schulen, die ich nicht kenne, die aber beide groß gewachsen, kräftig und außerordentlich durchsetzungsstark in enger Deckung sein sollen: Aaron Dobson von Marshall und Aaron Mellette von der kleinen Elon-University aus North Carolina, einer Uni mit Schwerpunkt Sieben Freie Künste. Football wird dort auch gespielt, und Mellette muss gut gewesen sein, denn Experten, auf die ich was gebe, schwärmen von dem Burschen.

So. Im Prinzip könnte man noch fuffzehn bis zwanzig Jungs durch den Äther jagen, aber das bringt’s nicht. Man müsste haufenweise Klischees durch die Murmeltierschleife schieben um den ganzen Bulk von Receiver zu beschreiben. Es ist so, wie auf vielen anderen Positionen auch: Es gibt zwei, drei Top-Leute, die sichtbar über den anderen stehen. Dann gibt es ein paar Jungs, die durch irgendwas auffallen – persönliche Geschichte, athletische Voraussetzung – und dann gibt es die graue Masse, wo jeder alles irgendwie kann. Für die Teams sind das dann die Jungs, die sich in den mittleren Runden ziehen und hoffen, dass sie den Richtigen der vielen 0/8/15-Mann bekommen.

FAQ – Receiver fängt kniend den Ball

Weil ich gerade die Statistiken durchstöbere und einen hilfsbereiten Moment erwische. Seit Tagen werde ich gefunden unter der Frage:

Ein Receiver fängt kniend den Ball. Ist der Pass vollständig?

Die Antwort muss lauten:

Der Pass ist vollständig, wenn der Ball gefangen wird und nicht den Boden berührt bzw. erst dann den Boden berührt, wenn der Receiver die Kontrolle über den Ball erlangt hat.

„Kontrolle“ ist dabei Auslegungssache der Referees (und by the way nicht selten umstritten) – oder eine Macke im Regelbuch, siehe Calvin Johnson (was jetzt nichts mit „knien“ zu tun hat, sondern rein mit der Kontrolle).

Interessant dabei ist: Am College oder in Europa (Amateurregeln lehnen sich an das College an) ist der Spielzug in dem Moment, wenn das Knie den Boden berührt und gleichzeitig der Ball gefangen wird auch beendet. In der NFL könnte der Receiver noch weiterlaufen, sofern er nicht berührt wird, wenn das Knie am Boden ist – denn dann wäre er down by contact.

Down by contact ist eine Regel, die es am College nicht gibt.

So, lieber Freund. Hoffentlich ist dir geholfen!