Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?

Italien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Heute: Italien. Das Schreckgespenst. Das Land, das nicht mehr weiß, wohin es gehört und wohin es sich orientieren soll. Das nur in einem weiß, was wirklich wichtig ist: Ein Chaot wie der Italiener ist, im Fußball kennt er keinen Spaß. Es gibt Tage, an denen denke ich mir, sie lassen zuerst den Staat den Bach runtergehen, bevor der calcio dran glauben muss.

Da passt ein Cesare Prandelli wie Arsch auf Kübel in dieses Bild. Prandelli ist ein famoser Taktiker, ein kühler Kalkulator. Prandelli aber reicht dieses Bild nicht. Er wollte als großer Staatsmann in die Historie des Fußballs eingehen. Stellte mit pompösen Gesten einen Ethik-Code auf die Beine der das neue Italien symbolisieren sollte, nur um zwei Tage später, bei der ersten Gelegenheit, schon wieder alles den Bach runterzuwerfen. Balotelli hatte mal wieder einen auf Balotelli gemacht. Und Prandelli begnadigte Balotelli. Italienischer geht es nicht: Wegen solcher Waschlappen funktioniert dieser Staat nicht, aber wegen solchem Pragmatismus funktioniert der calcio.

Prandelli ist somit die Galionsfigur nicht nur einer mitfavorisierten Mannschaft, sondern eines ganzen Landes. Folgerichtig verlängerte er auch schon vor dem Turnier den Vertrag als commissario tecnico um zwei weitere Jahre.

Nach Brasilien schickt er eine erschreckend stabile Mannschaft, der der ganz große Zauber wie immer abgeht, die aber mit ihrer berechnenden und gar nicht so kraftaufwändigen Spielweise im tropischen Klima durchaus eine Gefahr darstellt. Lass dich bloß nicht von der sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg täuschen, lass dich nicht von einem 1:1 vs Luxemburg blenden: Italien wird bereit sein, wie fast immer.

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Italien kann durchaus gut pressen, aber auch verblüffend abwartend spielen, wie letztes Jahr im Semifinale des Confed-Cups, als man Spanien zu sich runter zog und erst unverdient im Elferschießen verlor. Die Defensive ist egal in welcher Formation immer noch eine der stabilsten mit den beiden Juve-Holzhackern #3 Chiellini und #19 Bonucci, die vor allem in der Luft kaum zu bezwingen sind. Im Kasten steht mit #1 Buffon eine Legende, die allerdings längst nicht mehr jeden Ball festhält und von einigen hinter vorgehaltener Hand schon nur noch als zweitbester Keeper im Lande (hinter PSGs Sirigu) bezeichnet wird.

Die in Italien stets omnipräsente Systemfrage beantwortet Prandelli mittlerweile mit seinen Versuchen, ein flexibles Team einzustellen. Prandelli übernimmt nur noch selten das 3-5-2 von Juventus, sondern versucht, im Kern seine patentierte 4-3-1-2 Formation aufzustellen, wobei ihm jetzt kurz vor dem Turnier nach dem Beinbruch von Montolivo eine ganz zentrale Figur abhanden gekommen ist.

Prandellis rotierender Mittelfeldkern ist um den bissigen #16 De Rossi (der in einer 3-5-2 Variante zurück in die Abwehr beordert wird) und den Passgeber #21 Pirlo (mit 36 das letzte große Turnier, oder?) gebaut, aber ohne den für die Kurzpässe zuständigen Montolivo könnte einiges an Effizienz verloren gehen. Als Fixstarter gilt #8 Marchisio, der Arbeiter von Juventus, bei dem nur die Frage ist, ob er tendenziell vor oder hinter Pirlo aufgestellt wird.

Die Schaltstelle Montolivo kann nicht 1:1 gleichwertig ersetzt werden, aber mit dem eher defensiv ausgerichteten #6 Candreva oder dem eher offensiven Wusler #23 Verratti hat Prandelli diverse Optionen, seine Mannschaft dezent in die eine oder andere Richtung vertikal zu verlagern.

Ganz vorn ist die Diskussion um die Stürmerpositionen längst entflammt. Der in Italien relativ unbekannte Giuseppe Rossi (geboren in den USA, spielte dann lange für ManUnited und Villareal) wurde nach einer langwierigen Verletzung trotz guter Form aus dem Kader gestrichen, dafür durfte der unbeliebte #10 Cassano, der schon des öfteren negative Kommentare über die Nazionale abgelassen hat, mit nach Brasilien. Cassano ist kein klassischer Mittelstürmer, eher so ein Zulieferer aus der „eineinhalbten“ Reihe. So ein Typ ist auch #21 Insigne von Napoli, der noch mehr die hängende Spitze ist und eventuell auch als Flügelstürmer einsetzbar wäre.

Haushoher Favorit auf den einen Stammplatz ganz vorn ist #9 Balotelli. Balotelli ist eine Symbolfigur, ein Bulle, der in motiviertem Zustand zu den besten im Land gehört. Aber Balotelli ist ein Spinner. Du kannst sein Hirn aufschrauben um nachzusehen was drin ist, aber nicht enttäuscht sein, wenn du nichts findest. Balotelli ist in gewissem Sinne eine Symbolfigur, rassistische Beleidigungen und Ausraster zum Trotz, und er ist für Prandelli wichtig genug um besagte Ethik erstmal an zweite Reihe zu stellen. Balotelli ist kein fauler Hund. Will er, ackert er über 90 Minuten, und auch wenn sein Positionsspiel in Teilen verbesserungswürdig ist, seine rohe Schussgewalt ist nicht nur den Deutschen noch in schmerzhafter Erinnerung.

Als Balotellis direkter Ersatzmann könnte #17 Immobile von Torino fungieren, der neue Lewandowski in Dortmund, ein junger Stürmer mit manchmal fragwürdiger Defensivarbeit, aber einer mit Drang zum Tor. Immobile muss mit der „verfluchten“ Unglücksnummer 17 auflaufen, in Italien seit jeher Symbol analog der 13 im angelsächsischen Raum.

Die Italiener sind unter Prandelli einen Tick moderner als ihr Ruf. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung am besten, wenn sie mit Führung spielen können. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung immer noch relativ anfällig dagegen, Rückstände aufzuholen und sie können einem gleichwertigen Gegner nicht wirklich den Stempel aufdrücken. Aber sie haben Waffen. Sie können dank Pirlos wunderbarer Schusstechnik Standards und haben auch um Chiellini mehrere kopfballstarke Hünen um für Gefahr zu sorgen.

Die Italiener sind nicht der Topfavorit, aber sie sind mit ihrer ökonomischen Spielweise umso gefährlicher je länger das Turnier geht. Und wenn sie in einem Halbfinale wie auch immer in Führung gehen, garantiere ich für nix…

Deutschland in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Deutschlands fantastische Nationalmannschaft dürfte jedem Leser hinlänglich bekannt sein. Betont werden muss aus der Außenperspektive, dass es den Deutschen nicht bewusst ist, welch großartiger Botschafter diese Elf im Ausland ist, wie ehrfurchts- und respektvoll zum Beispiel die Italiener – die es seit jeher als Hauptaufgabe sehen, Deutschland zu schlagen – über die Mannschaft von Joachim Löw sprechen. Es ist nicht nur ein sportlich und ästhetisch großes Produkt, es ist auch Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung mit einem Özil, Boateng oder Khedira als Leistungsträger in der ersten Mannschaft.

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Schon unter Klinsmann wurde der Mannschaftsgedanke ganz groß geschrieben, und auch der Stab unter Löw versuchte hernach stets, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass sich die Nationalelf einspielen konnte und auf und neben dem Platz zu einer verschworenen Einheit würde. Das wird auch 2014 ein Ziel gewesen sein, aber ein hehres Ziel ohne die notwendigen Leute bleibt halt oft ein unerreichbares Ziel. Deutschlands Vorbereitung war durch extrem viele Verletzungsausfälle geprägt, und man sollte nicht unterschätzen, was das für die Eingespieltheit dieser Jungs bedeutet. Das Achtelfinale ist noch drei Wochen entfernt, insofern bleibt Zeit, aber Deutschland hat eine hinreichend schwierige Gruppe erwischt, dass du nicht im Vorbeigehen mit einem lockeren ersten Platz rechnen kannst.

Ich sehe drei Knackpunkte:

  • Außenverteidiger. Im heutigen Spitzenfußball mit so vielen dynamischen Wingern sind zumindest gutklassige Außenverteidiger unerlässlich, und Deutschland hat nur Lahm, und selbst der könnte früher oder später als Stratege im defensiven Mittelfeld gebraucht werden. Bleiben Leute wie Durm oder Boateng für den LV und Lahm oder Großkreutz für einen RV – das kann man angesichts der sonstigen Kaderbesetzung durchaus als „Sollbruchstelle“ benennen. Aber es ist nicht das größte Fragezeichen.
  • Schaltzentrale. Schweinsteiger und der Freelancer Khedira sind als angedachte Stammformation im 4-2-3-1 Grundsystem von Löw mehr als fragliche Optionen. Schweinsteiger wurde schon vor zwei Jahren erfolglos unfit durch das Turnier geschleust; Khedira spielte gemessen an seiner langen Kreuzbandverletzung ordentliche CL-Finals und Testspiele, aber in einem schwülheißen Brazil-Nordosten brauchst du topfitte Leute, und topfit wird Khedira kaum sein. Wird also Lahm in die Zentrale beordert? Lahm, der sich heuer noch einmal einen Schritt nach vorn entwickelt hat? Kann Lahm mit einem Kroos eventuell die Zentrale bilden? Wie wirkt sich das auf den deutschen Spielaufbau aus, wenn die Sechser/Achter nicht richtig eingespielt sind? Und wie löst man dann die geöffnete Bruchstelle auf RV?
  • Mittelstürmer. Der Optimalfall ist „Klose wird fit und läuft zu großer Form auf“, aber es ist ein Optimalfall der winzigen Hoffnung. Die Experimente mit dem Halbstürmer Götze funktionierten bisher eher bescheiden; Versuche, Müller, Schürrle oder Podolski in die Sturmzentrale zu stellen, könnten Optionen werden. Müller fände ich von der Idee her eigentlich am besten, aber für Löw scheint es eher keine Alternative zu sein. Eigentlich krass, dass Deutschland bei allen superben Angriffsspielern so gar keinen gescheiten Mittelstürmer mehr hat… bzw die, die man hat, humpeln (Klose) oder gar net dabei sind (Gomez).

Gemessen an den letzten Monaten und der Vorbereitung wird es auch eine Aufgabe werden, den phlegmatischen Özil wieder hinzubiegen. Özil kann an guten Tagen gegen starke Gegner mit zum Unterschied beitragen, aber in der aktuellen Form ist es besser, ihn auf der Bank zu lassen. Wo setzt Löw an?

Wo Deutschland unschlagbar ist, sind die Flügel. Ein Müller ist mit seiner fantastischen Laufarbeit trotz seiner larifari-Technik eine Bereicherung für jede Offensive, ein Götze und selbst Draxler sind nicht weit von Weltklasse, ein Reus ist längst Weltklasse und gehört seit zweieinhalb Jahren zu den drei besten Flügelstürmern der Welt. Es bleibt halt die Frage, wer vorne abschließt.

Die Chancen auf den Titel standen schonmal besser, aber damals waren die zentralen Mittelfeldspieler alle fit und in Topform. Sind sie diesmal nicht mehr, und deswegen zweifeln viele am Titeltraum.

Für mich muss es nicht der Titel sein. Das Resultat muss aber so gut sein und so überzeugend zustande gekommen sein, dass jede Diskussion über eine Abkehr vom vor zehn Jahren eingeschlagenen Weg („Wir brauchen wieder Typen!“) im Keim erstickt wird. Mit etwas Glück – und das Los bescherte nach der nicht einfachen Gruppe einen machbaren Weg zumindest ins Semifinale – kann es auch für den ganz großen Wurf reichen. Aber es ist ein Turnier, wo spätestens ab dem Viertelfinale viele Unwägbarkeiten mit entscheiden, Kleinigkeiten, die du nicht immer kontrollieren kannst. In den letzten Jahren liefen sie stets tendenziell gegen Deutschland. Wenn sie diesmal für Deutschland laufen, kann es trotz der bekannten sehr fraglichen Punkte zum viel zitierten vierten Stern langen.

Spanien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Das dominante Team der letzten Jahre, und trotzdem kriegt Spanien im Vorfeld dieser WM nicht mehr den ganz großen Favoritenstatus zugespielt: Woran liegt’s? Die Annahme, ein Team kann einfach nicht immer gewinnen, ist eine irrationale. Viel greifbarer sind die Dinge wie langsame Alterung, der zuletzt eher zähe Titel-Run 2012, und, viel mehr noch, die konditionelle Verfassung in schwül-heißen Gefilden und Spielweise der Seleccion.

Spanien hat sich in den letzten Jahren als extremst wandelbar gezeigt und von 4-3-3 über 4-2-3-1 über 4-5-1-0 so ziemlich alle großen Trends im Weltfußball vor- und mitgemacht, aber im Confed-Cup vor einem Jahr fiel auf, dass diese Offensivpressing-Maschine in klimatisch extremen Bedingungen (wie eben in Brasilien) nicht über mehrere Wochen durchhält. Es mag an mangelnder Ernsthaftigkeit gelegen haben oder woran auch immer, aber Spanien war spätestens im Halbfinale schwer angeschlagen, und war im Endspiel komplett shot, läuferisch drei Meter unter der Erde.

Diese Ballbesitzorientierung, dieses ständige Verlangen, Pressing zu spielen und somit dem Gegner den Ball abzujagen, kostet Kraft – ähnlich viel Kraft wie das Wetter in Brasilien. Das ist ein greifbarer Grund, weswegen Spanien diesmal vielleicht Probleme kriegen könnte.

Wie man die Spanier in Nöte bringen kann, haben in den letzten Jahren Mannschaften wie Portugal (EM-Halbfinale 2012) oder Italien und Brasilien (Confed-Cup 2013) eindrucksvoll gezeigt: Eigenes Gegenpressing oder einfach nur gezielte Phasen mit Pressing. Das schmeckt der spanischen Mannschaft nicht, aber es sind eben nur wenige Mannschaften in der Lage, hohes Pressing gegen die rote Furie zu spielen – und die, die es könnten, trauten sich zu selten.

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Spanien hat diesmal potenziell einige Sollbruchstellen. Die rechte Abwehrflanke ist mit Juanfran eher notdürftig besetzt, und im Tor dankt #1 Casillas immer noch einem Kopfball in der 93. Minute CL-Finale, dass er nicht zum Trottel der Nation erklärt wurde. Casillas wird mehr deswegen spielen, weil er als Kapitän Hausmacht und wichtig für Stimmung und Zusammenhalt im Team ist.

Die entscheidenden Stellen im spanischen Spiel sind aber ohnehin in Mittelfeld und Angriff zu finden, denn dort steht und fällt die spanische Spielweise, und dort liegt auch primär das Geheimnis, dass diese Mannschaft so wenige Gegentreffer bekommt: Sie gibt einfach zu selten den Ball her, und wenn sie es doch tut, luchst sie ihn sich schnell wieder zurück.

Es gilt als relativ sicher, dass Head Coach Del Bosque wieder versuchen wird, mit #16 Busquets und #14 Xabi Alonso (oder #4 Martinez) das zentrale Mittelfeldpärchen zu bilden. Es gilt auch als sicher, dass die Legende #8 Xavi noch einmal die zentrale Anlaufstelle für die Offensive sein wird, aber man darf durchaus fragen, in welcher Verfassung Xavi antreten wird: Der wichtigste Mann des spanischen Erfolgswunders ist mit mittlerweile 33 Lenze nicht mehr ganz der schnellste und war in manchen Spielen fast schon – Achtung, Gotteslästerung – ein Bremsklotz.

Knackpunkt wird auch sein, wer ganz vorne spielt: Die berühmte „Falsche Neun“ in #10 Fabregas oder der echte Mittelstürmer #19 Diego Costa. Costa kommt aus einer sensationellen Saison, ist aber trotz Pferdeblut wohl noch nicht ganz fit, und er ist vom Verein ein direkteres Spiel gewohnt, als es sich die kurzpassverliebte spanische Elf auf die Fahne geschrieben hat. Beweismaterial von Costas Integration in dieser Mannschaft gibt es nicht viel – gegen Italien im März funktionierte das aber eher dürftig. Mit einem Costa wird Spanien wohl fast sicher direkter spielen als mit jeder anderen Sturmlösung.

Das Spiel mit einem Fabregas als der berühmten Falschen Neun funktionierte in der Vergangenheit immerhin zufriedenstellend, aber Fabregas hat keine gute Saison gespielt. #7 Villa und #9 Torres dürften zu Notfalloptionen verkommen sein; bei einem Torres ist der sportliche Abstieg seit minimum vier Jahren offensichtlich, und bei Villa war nicht zuletzt im CL-Finale erkennbar, dass auch er längst nur noch ein Schatten alter Tage ist.

Als verkappte Flügel hinter dem Stürmer werden wohl zwei aus dem goldenen Trio #6 Iniesta, #21 Silva und #17 Pedro agieren. Iniesta ist dabei logisch der Star, aber unterschätze einen Pedro nicht: Pedro wurde heuer bei Barca oft geopfert, weil man dort den 80-Mio. Mann Neymar auflaufen lassen musste, aber ehrlicherweise funktionierte Barca mit Pedro stets besser. Und Pedro ist rein zufällig der Mann, der in der Nationalelf häufig den Job als Goalgetter übernahm: Letzte 21 Partien – 12 Tore für Pedro.

Beeindruckend an diesem Team ist weiterhin ihre Flexibilität und die sensationelle Kadertiefe, die auf Auswahlebene am ehesten mit jener der heutzutage besten Vereinsmannschaften mithalten kann. Ich erwarte aber aufgrund der ausgeführten Zweifel, dass diesmal früher oder später jemand den Erfolgslauf der Furia Roja stoppen wird.

Brasilien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Die brasilianische Nationalmannschaft gilt als einer der zwei, drei größten Turnierfavoriten vor dieser WM. Dabei ist die Selecao von Coach Felipe Scolari ja gar nicht personell so besetzt, dass du per se von einem kommenden Weltmeister ausgehen würdest. Der Favoritenstatus bei den Brasilianern rührt neben dem Heimvorteil vor allem von dem, was sie diesmal im Vergleich zu anderen Mitfavoriten nicht haben: Eine echte Schwachstelle.

Scolari hat die Mannschaft erst vor 18 Monaten übernommen, aber er hat es geschafft, dem Team ein Gesicht zu geben, das mit jenem der seelenlosen Copa-America 2011 nicht mehr zu vergleichen ist. Brasilien spielt sehr zielstrebig. Schlüssel sind eine wuchtige Defensive und ein völlig unspektakulärer Mittelstürmer Fred, der vorne als Ballbouncer funktioniert, damit die beiden offensiven Außenverteidiger und die beiden Flügelstürmer aus der zweiten Reihe heraus operieren können.

Scolari war nie der ganz große Taktiker. Seine Stärke ist, dass er eine Mannschaft zusammenschweißen kann. Er gilt als player’s coach, dessen oberste Priorität es ist, das Team zu einen. Entsprechend fallen bei Scolari auch Individualisten mit großen Namen durch das Beuteraster und wurden aussortiert. Eine Besonderheit bei Scolari ist, dass er sich relativ schnell auf seinen Kern eingeschossen hat, und nie Diskussionen über Nominierungen und Nichtnominierungen aufkommen ließ. Die Stammelf steht seit gut zwölf Monaten mehr oder weniger in Stein gemeißelt. So wird bei dieser WM ein Team auftreten, das mit dem Siegerteam vom Confed-Cup 2013 nahezu identisch ist.

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Mögliche Stammformation von Brasilien im 4-2-3-1

Wichtig bei den Brasilianern unter Scolari ist die Stabilität in der Spielfeldmitte: Das künftige Verteidigerpärchen vom PSG, #4 Tingeltangel Luiz / #3 Thiago Silva, dürfte zu den besten im Turnier gehören. Ihnen vorgeschaltet sind mit #17 Luis Gustavo und dem etwas blässlichen, aber fleißigen #18 Paulinho zwei Abräumer, die immer defense first denken.

Für den Angriff sind andere zuständig. Die Flankenläufer #6 Marcelo (links) und #2 Dani Alves (rechts) stoßen immer wieder sehr weit nach vorne und sorgen dafür, dass die nominellen Flügelstürmer #10 Neymar und #19 Hulk immer wieder nach innen ziehen.

Hulk war letztes Jahr beim Confed-Cup nicht wirklich in Form, scheint aber trotzdem gesetzt. Er soll mit seiner physischen Präsenz auch eine Art Absicherung geben, wenn Alves mal wieder zu offensivtrunken wird und seine defensiven Aufgaben vergisst. Der zentrale Mann hinter dem Mittelstürmer dürfte #11 Oscar sein, der einen Schuss Kreativität ins Spiel bringen soll.

Marcelo, Alves, Hulk, Oscar, Neymar: Sie alle suchen immer wieder den Mittelstürmer #9 Fred, der nach gefühlt zehn Jahren als Ergänzungsspieler mit einem Mal der zentrale Offensivspieler ist. Fred spielt mittlerweile bei Fluminense, musste erst letztes Jahr einen Abstieg aus der brasilianischen Liga verkraften und hatte zuletzt recht viele Wehwehchen, aber für Scolari ist er als Abpraller der entscheidende Mann.

Im Confed-Cup fiel bei den Brasilianern auf, wie überfallartig sie ihre Spiele zu beginnen pflegten. Das wahnsinnige Offensivpressing in den ersten Minuten im Endspiel gegen die Spanier steht nur stellvertretend für eine Mannschaft, die in jedem Spiel auf den schnellen Treffer ging. Jeder druckvollen Anfangsphase folgte dann allerdings alsbald auch wieder der Rückzug nach der ersten Viertelstunde oder so. Hatte man den Treffer erzielt – wie gegen Spanien oder gegen Mexiko – gut, wenn nicht, entwickelten sich schon auch eher zähe Angelegenheiten.

Die Mannschaft wirkt kohärent, sie arbeitet vor allem gegen den Ball als eine Einheit. Selbst scheinbar egomanische Künstler wie Neymar leisten Defensivarbeit (Neymar war im Confed-Cup nicht nur der meistgefoulte Spieler; er beging auch die meisten Fouls).

Probleme wird Brasilien vor allem dann bekommen, wenn das schnelle Gegenpressing nicht in frühe Tore umgemünzt werden kann; das Brasilien 2014 ist ein Team, das insbesondere von seiner Qualität, mit einer Führung im Rücken spielen zu können, lebt. Probleme wird Brasilien bekommen, wenn ein Gegner wirklich hochklassig über die rechte Abwehrseite kommt (zum Beispiel Argentinien). Dazu gesellt sich ein guter, aber nicht mehr herausragender Torwart Julio Cesar.

Die Erwartungen sind klar: Der Titel muss es sein. Und der Titel ist nicht unrealistisch. Brasilien stellt keine Zaubermannschaft, aber in den Druckphasen ist das doch ein sehr sehenswertes Team, das ruhig ein paar Runden weit kommen darf.

WM-Caipirinha 2014: Die Rahmenbedingungen

Anpfiff für die Fußball-WM 2014 in Brasilien ist erst am nächsten Donnerstag, 12. Juni, aber das soll uns nicht von einer ausgedehnteren Vorschau auf das beste Sportturnier der Welt abhalten. Den sozialpolitischen Hintergrund mit der befürchteten Protestwelle kann ich dabei nur am Rand tangieren, dafür gibt es bessere, kompetentere Anlaufstellen. Lass uns diese Rahmenbedingungen zum Start einer Preview nicht ganz vergessen. Also, schon einmal aus Eigeninteresse zur Info-Clusterung, eine Caipirinha an WM-Zutaten vor dem eigentlichen sportlichen Start.

Die Stimmung auf den Straßen

Die ersten Massendemonstrationen sind bereits im Gange und es werden wohl mehr im Verlauf des Turniers erwartet. Wird FIFA-Boss Blatter bessere Antworten finden als letztes Jahr beim Confed-Cup? (Kann er überhaupt schlechtere finden?) Wie wird die Polizei reagieren? Es gibt Bürgergruppierungen, die unter dem Schutz des Demonstrationsrechts stehen, und sie werden von der Polizei nicht überhart angegangen werden dürfen.

Was passiert aber mit den Trittbrettfahrern, den autonomen Randalierern, die nur die Plattform „Weltmeisterschaft“ nutzen? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Proteste eskalieren? Wie geht die FIFA damit um, dass möglicherweise ihr Vorzeigeprodukt befleckt wird? Es wäre nun auch nicht so, dass sich die einheimischen Fußballer in Brasilien unberührt von den Protestwellen gezeigt hätten, nein: Sie unterstützen großteils die Bürgerbewegungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit der Proteste.

Die Infrastruktur

WM-Stadion Sao Paolo - Bild: Wikipedia

WM-Stadion Sao Paolo – Bild: Wikipedia

Thema Stadien: Wie sicher werden sie sein? Wie sicher wird die Umgebung der Stadien sein? Ein Kollege war letztes Jahr in Sao Paolo und er berichtete, dass man sich in Touristengebieten in Brasilien aufgrund massivem Polizeiaufkommen tendenziell sehr sicher fühlen kann. „Fertig“ sind die Stadien eh nicht alle, namentlich zu nennen sei da das Stadion des Eröffnungsspiels in Sao Paolo, das noch nie in voller Auslastung getestet wurde.

Das neue Maracana-Stadion

Das neue Maracana-Stadion

Die Stadien selbst sind architektonisch alle recht hübsche Dinger, auch das sanierte Maracana-Stadion sieht wie ein klassisches, neuartiges Fußball-Stadion aus, aber es bleibt da immer ein schaler Beigeschmack, wenn in solchen Schwellenländern öffentlich mitfinanzierte Kathedralen in der Wüste hingeknallt werden, teuer und ohne weitere Verwendung. Die ersten Hardcore-Fangruppierungen beklagen auch schon den Verlust der Seele der alten brasilianischen Stadien. Ein Maracana-Stadion, viele Jahrzehnte gefeiert dafür, für Arm und Reich gleichermaßen zugänglich zu sein, wird künftig breiten Bevölkerungsschichten verschlossen bleiben: Zu sehr mussten die Eintrittspreise erhöht werden um dem Anspruch des Neuen gerecht zu werden.

In Sachen Infrastruktur sind die Stadien, so überdimensioniert und teuer sie auch sein mögen, aber nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger sind Flughäfen, Autobahnnetze und Busverkehr. In vier Städten sollen notwendige Erweiterungen der Flughäfen nicht abgeschlossen sein; in Fortalezas zum Beispiel kann ein ganzer neuer geplanter Terminal nicht zur WM geöffnet werden. Erwartet werden rund eine halbe Million ausländischer Touristen. Wie bewegen sich also die Fans durchs Land? Provisorische Lösungen werden gefunden werden, aber wenn ich lese, dass letzte Woche in Sao Paolo mit 344km Stau schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt wurde, wird einem ganz anders.

Achte auf das Zebra

Auf der anderen Seite soll die Vorfreude auf das Fußballturnier selbst im Land schon gewaltig sein. Die Selecao gilt ja mittlerweile als größter Titelfavorit, und mit der starken Leistung letztes Jahr im Confed-Cup ist die Freudenstimmung dann auch im positiven Sinn explodiert.

Explodiert impliziert aber immer noch auch explosiv, heißt: Die Brasilianer dürfen nicht zu früh rausfliegen. Die Welt zu Gast in diesen sündhaft teuren Tempeln, und Neymar liegt schon seit dem Achtelfinale auf den Malediven? Es braucht nicht viel Phantasie, dass es dazu nicht kommen darf. Generell gilt die FIFA als Verein, der kein Interesse an einer WM ohne Veranstalter hat. Die Spielplan-Auslosung lief wie sie gelaufen ist (Brasilien könnte schon im Achtelfinale auf Spanien oder Holland treffen), aber gerade deswegen gilt es, ein Auge auf Schiedsrichteransetzungen und -leistungen zu werfen.

Als jemand, der in Italien lebt, habe ich nur zu gut in Erinnerung, wie vor 12 Jahren ein Gastgeber Südkorea ins Halbfinale durchgepfiffen wurde, und an den Aufschrei danach. Natürlich werden Schiedsrichter allein keinen Weltmeister machen, aber würdest du dagegen wetten, dass nicht im stillen Hinterkämmerlein ein Plan B für alle Notfälle bereit liegt? Kleinigkeiten können den Ausschlag geben, wieso also nicht eine überflüssige gelbe Karte für einen potenziellen nächsten Gegner? Ins Bild passt da auch die merkwürdige Konstellation, dass am dritten Gruppenspieltag wider der alphabetischen Logik die Gruppe B (also die Spanien-Gruppe) vor der Gruppe A (der Brasilien-Gruppe) die Endstände ausgespielt haben wird.

Die Schiedsrichter werden noch aus einem anderen Grund zu beobachten sein: Es gerüchtelt, dass die FIFA massive Anstrengungen unternimmt um die signalisierten Wettmanipulationen vor allem gegen Ende der Gruppenphase soweit es geht zu unterbinden. Es werden Topexperten ins Land geschickt um die Performances in den Stadien im Auge zu halten, aber man behalte immer im Hinterkopf, dass der „andere“ Teil des Wettgeschäfts, der Wettmarkt selbst, vor allem in Asien noch immer quasi nicht überwacht ist.

Der Fluch und das Klima

Europäer haben auf amerikanischem Boden noch keine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder, der sich entfernt für Fußball interessiert, wird schon davon gehört haben. Dass dabei mexikanische Moctezumas oder peruanische Atahualpas ihre Hände im Spiel haben, kann man getrost bezweifeln: Gerade als ein Blog, das großteils auf Statistik baut, muss man darauf hinweisen, dass der angebliche Fluch auf ganzen sieben Turnieren gründet – eine nicht ernst zu nehmende Testmenge.

Real sind aber die zu erwartenden extremen klimatischen Bedingungen. Rio, Belo Horizonte oder Sao Paolo sind verhältnismäßig gemäßigte Klimazonen für diese Jahreszeit (in Brasilien ist aktuell schließlich Spätherbst), aber selbst dort werden auch abends Temperaturen um die 25°C mit massiver Luftfeuchtigkeit erwartet.

Richtig schlimm dürfte es vor allem im Amazonas-Gebiet und im Nordosten des Landes werden, wo es über 30°C haben kann, plus 80% Luftfeuchtigkeit. Jeder, der öfter in solchen Bedingungen spielen musste, weiß wie heftig es werden kann, wenn dir der Schweiß am Körper nicht mehr verdunstet, und wenn du dann auch keinen Windstrom spürst, hilft im Prinzip nur noch das Eine: Trinke über den Durst, auch wenn das Durstgefühl schon lange Stopp schreit.

Letztes Jahr im Confed-Cup merkte man manchen Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf schon recht deutlich an, wie ihnen der Sprit ausging – und da hast du zwei, drei Runden weniger zu absolvieren. Eine spanische Mannschaft konnte als Beispiel ein ganzes Spiel gegen Tahiti mit der Ersatzmannschaft bestreiten, und dennoch war die A-Elf im Endspiel ein saftloser Haufen, müde und abgehalftert. Teams, die hohes Pressing mit viel Laufbereitschaft spielen wollen, werden es schwer haben in diesem Turnier. Dummerweise gehört Deutschland zumindest in der Theorie zu ihnen, und dummerweise spielt Deutschland in der Praxis zumindest in der Gruppenphase in den klimatisch extremsten Zonen.

Viele erwarten, dass die Südamerikaner durch das Klima einen entscheidenden Vorteil haben werden, aber so sicher bin ich mir nicht. Klar ist, dass die Spieler dort aufgewachsen sind, aber viele von ihnen spielen seit Jahren in Europa, und auch sie werden sich alle wieder umstellen müssen. Ich erwarte eher, dass sich von der Spielanlage eher passive Teams etwas leichter tun werden, sollten sie die erste Runde überstehen. Auf alle Fälle wird die Kondition entscheidend. Es wird nicht passieren, dass ein aufopferungsvoll kämpfendes Team vom Schlage eines Atletico Madrid hier durchmarschiert.