Einen Superbowl für den Reißverschluss

Heute soll die Entscheidung über den Austragungsort von Super Bowl L (also die Jubiläumsausgabe 50) fallen. Dabei tritt Miami/FL als krasser Außenseiter gegen die Bay Area (San Francisco/Silicon Valley) an, obwohl Miami neben New Orleans vielleicht die klassischste Superbowl-Stadt überhaupt ist und es im Grunde keinen “logischeren” Ort für die 50te Ausgabe gäbe. Aber Miami hat Probleme, die Finanzierung für dringend notwendige Stadion-Upgrades sicherzustellen. Öffentliche Gelder zur Sanierung des Sun Life Stadiums gibt es längst nicht in dem Ausmaß wie sich die Eigentümerfamilie der Miami Dolphins es wünschen würde, und so ist mehr als ungewiss, ob bis Februar 2016 (dann findet SB 50 statt) alle Verbesserungen am Stadion durchgeführt sein werden.

Die Alternative steht bereits mit ausgestrecktem Arm da und ruft ganz laut “hier!”: Santa Clara, die Heimat der San Francisco 49ers, wo im nächsten Sommer ein hochtechnologisiertes neues Stadion eröffnet wird. Die Stadionbetreibergesellschaft gab vor zehn Tagen den neuen Namen des Stadions bekannt: Levi’s Stadium, benannt nach einem großen Jeans-Hersteller. Einzelheiten des Deals hat die Mercury News abgehandelt; im Kern ist es ein 20-Jahres-Deal über 220 Mio. Dollar.

Die Gesamtkosten vom Levi’s Stadium betragen geschätzte 1,2 Milliarden US-Dollar – eine wahnsinnige Summe für ein Stadion mit 68.500 Sitzplätzen. Die Arena ist als Aushängeschild für die komplette Region (das Silicon Valley) gedacht, inklusive WiFi im gesamten Gebäude, Nutzung von Solarenergie und stark „grün“ angehauchtem Daumen. Der Fan soll ohne Bargeld im Stadion alle Bedürfnisse abgedeckt bekommen und muss nur noch zum Klogang von seinem Sitz aufstehen. Es ist ein offenes Stadion ohne Dach, um die kalifornische Sonne genießen zu können, und um dem Besucher einen möglichst spektakulären Rundblick auf die umgebenden Technologiehochburgen zu bieten.

Diese Arena – bzw. etwas genereller das Thema “neues 49ers-Stadion” – war viele Jahre lang ein Streitobjekt an der Bucht. Der Name San Francisco 49ers hat aufgrund der sehr erfolgreichen Zeit in den 80er und 90er Jahren mit attraktivem Offensivfootball und vielen charismatischen Charakteren eine Strahlkraft, die weit über die NFL-Welt hinaus geht, und ein solches Team aus der Heimatstadt abziehen zu sehen, fühlt sich ein bissl „falsch“ an. Zumal Santa Clara kein Steinwurf von San Francisco und auch nicht von deren bisherigem Stadion (Candlestick Park) entfernt ist. Die Stadt liegt eine knappe Autostunde (in Stoßzeiten deutlich mehr) südlich, bildet gemeinsam mit dem Nachbarn San José das Epizentrum des Silicon Valley, jener Technologiehochburg, die einer guten halben Million Menschen auf engstem Raum Arbeit verschafft.

Microsoft, Apple, HP, Google, eBay, Nvidia, Intel, Yahoo!, Cisco und wie sie alle heißen – sie alle haben in der Umgebung ihre Firmenhauptsitze. Allein Cisco ist so groß wie eine Kleinstadt. Santa Clara ist zwischen den ganzen gigantischen Firmen noch einer typischen amerikanischen Stadt am ähnlichsten. Auf dem Weg runter von Palo Alto teilt die Autobahn immer wieder die amerikanischen Mittelstandswohnungen von den großen Industriebetrieben und Flughäfen, und erst als man an der Stadt Sunnyvale vorbeigefahren ist und links nur noch Sumpf und Mohr zu sehen ist, nähert man sich dem Stadiongelände, das im Norden von Santa Clara liegt.

Das Stadion wird derzeit in unmittelbarer Nähe der 49ers-Geschäftsstelle (ist schon seit ein paar Jahren in Santa Clara) gebaut. Es ist Teil einer großen Freizeit- und Unterhaltungszone. Vor dem Stadion wird man von Norden kommend erstmal von einer gigantischen Parkplatz-Landschaft begrüßt, und beim Rundgang trifft man auf haufenweise Fußball- und Tennisplätze, einen Golfplatz hinter dem Stadion, und im südlichen Teil einen riesigen Freizeitpark mit Namen „California’s Great America“. Da drinnen stehen u.a. acht Achterbahnen, von denen allerdings keine einer Silver Star das Wasser auch nur annähernd reichen kann (die achte ist derzeit in der Testphase, sieht aber auch nicht furchterregend aus).

Der Stadionbau selbst ist soweit, dass alle Tribünen bereits stehen. Man kann den Baufortschritt im Internet quasi live miterleben, da aus mehreren Perspektiven Webcams zur Verfügung stehen: Levi’s Stadium Baufortschritt live. Im Zeitraffer nachvollziehen, wie so ein Ding hochgezogen wird, geht übrigens auch.

Der Stadionbau dürfte spätestens im Hochsommer 2014 abgeschlossen sein (scheint mir ein realistischer Termin). Etwas unangenehm könnten Montagnacht- oder Donnerstagnachtspiele werden, obwohl die Parkplatzsituation trotz der vielen potenziellen Attraktionen in der unmittelbaren Umgebung gut ist: Vielmehr ist es so, dass der Kickoff bei „Nachtspielen“ an der Westküste in etwa halb sechs Uhr Ortszeit ist, also mitten im Feierabendverkehr. Ich kann mir vorstellen, dass die NFL für die 49ers künftig vorsichtig sein wird, wenn es ums Vergeben von Primetime-Spielen an Werktagen geht. Die Super Bowl selbst ist bekanntlich an einem Sonntag (Ortszeit) und dürfte insofern ein “kleineres Übel” darstellen.

Das Levi’s Stadium hat zwar grad auch für diese Region einen bizarren Namen, sollte aber auf alle Fälle ein würdiger Rahmen für die Jubiläums-Superbowl sein. Noch ist nicht ganz abzuschreiben, dass Miami nicht doch noch die Sensation schafft, aber es soll unwahrscheinlich sein.

Der Verlierer der Abstimmung für Superbowl 50 tritt dann heute im Anschluss in der Abstimmung über den Austragungsort für Superbowl 51 gegen das wunderschöne Reliant Stadium von Houston (zuletzt Anfang 2004 Superbowl-Austragungsort) an. Auch hier gälte Miami nur als Außenseiter.

The Countdown, T-minus 115: Colorado Buffaloes

Paul Myerberg ist in seinem College Football Countdown bei der #115 angelangt, den Colorado Buffaloes aus der Pac-12 Conference. Colorado war in den 90ern eine ganz große Nummer im College Football, gewann u.a. in der Saison 1990/91 die National Championship und später eine Heisman Trophy, war dank vieler ambitionierter Spielansetzungen auch eines der landesweit meist gezeigten Teams im Fernsehen. Die letzten Jahre waren ein permanenter Niedergang, vor allem in der Zeit unter dem Head Coach Dan Hawkins, dem Architekten des kleinen Footballwunders Boise State, der 2006 nach Colorado wechselte, dessen Ära aber unter keinem guten Stern stand, Stichwort culture clash. Vor zwei Jahren wurde der Schritt zurück ins Heimelige gemacht, und ein Coach „aus dem Volk“ ernannt. Ich schrieb schon damals:

Ähnlich schlecht ist die Stimmung beim neben Utah zweiten Neuzugang der Pac-12, den Colorado Buffaloes. Nach Jahren der Kontroversen wurde Head Coach Dan Hawkins abgesägt und mit Jon Embree nun ein neuer Mann – ein Colorado Man – eingestellt. Täuscht es, oder ist die Qualifikation „kennt die Uni und das Umfeld“ immer mehr ein Qualifikationsmerkmal für Head Coaches? Embree hat nicht einmal Erfahrung als Coordinator, trotzdem gilt der Mann als Messias. Es soll eine neue, bodenständige Offense eingeführt werden, ganz klassisch mit Fullback und Quarterback mit Händen am Arsch des Centers, anstelle von Shotgun Spread.

Zwei Jahre später ist Embree weg, nachdem er die einst stolzen Colorado Buffaloes in Grund und Boden gecoacht hatte. Die letzte Saison war der tiefste aller möglichen Tiefpunkte, mit Schlappen sogar gegen Teams aus der FCS und Niederlagen und einer 1-11 Bilanz. Der neue Coach ist Mike MacIntyre, der von San Jose State kommt; über MacIntyre schrieb ich letzten Sommer in der Preview von San Jose:

Über den Chefcoach Mike MacIntyre hört man nur Gutes: Der Mann soll seiner Mannschaft voll vertrauen und die Mannschaft gibt entsprechend Herz, Lunge und Seele für hingebungsvollen Football.

MacIntyre hat in seiner Vita wenig Glanz und Glorie gesehen, dafür umso mehr Erfahrung gemacht mit schwierigen Aufbauprogrammen. Im starken Solid Verbal Podcast von Ty Hill und Dan Rubenstein, seit Jahren dem besten Podcast über College Football, war MacIntyre letzte Woche zu Gast und machte einen extrem guten Eindruck.

MacIntyre kommt zugute, dass er drei Jahre Erfahrung in Kalifornien (San Jose liegt im Silicon Valley) sammeln konnte und sich dort einen guten Ruf erarbeitete. Das ist insofern wichtig, weil Kalifornien neben dem Heimatstaat Colorado und Texas der wichtigste Ort für das Recruiting der Buffaloes ist, oder wie es MacIntyre im Podcast formulierte „Texas und Kalifornien sind so riesig, dass sie für jeweils zwei oder drei Staaten zählen“.

MacIntyre kann mit einem attraktiven Programm werben: Trotz allem Niedergangs hört man nur Gutes über den Heimatort der University of Colorado, Boulder, wo es auf luftiger Höhe das ganze Jahr über viel zu erleben gilt; Colorado hat einen guten Namen, gehört immer noch zu den meist gesehenen Footballprogrammen im landesweiten Fernsehen, und solche Unique Selling Positions möchte er nutzen.

Er hat auch ansonsten einen Plan: Möchte eine Spread Offense installieren, die schnell spielt. Hat dabei schon daran gedacht, die Seitenlinien mit Sauerstoff-Tanks zu verbauen. Möchte für die Defense nur schnelle, wendige Linebacker und Nickelbacks rekrutieren, weil du sonst in der wieselflinken Pac-12 Conference kein Land siehst.

MacIntyre arbeitete im vergangenen Jahrzehnt mal drei Jahre bei den Dallas Cowboys als Assistenzcoach von Bill Parcells. Nach eigener Aussage soll das so was wie ein dreijähriges Trainee-Programm gewesen sein, in dem er drei Dinge lernte, die er nie vergessen wird:

  1. Trainingsplanung.
  2. Evaluierung von Spielertalenten.
  3. Motivation von Spielern.

MacIntyre gilt als die Sorte Coach, die sich auch über das Spielfeld hinaus um ihre Spieler kümmert, da sie der Ansicht ist, ein Mensch vertraut dem anderen nur dann voll, wenn er spürt, dass er ihm was wert ist. Schon bei San Jose hörte man immer wieder, wie gerne sein Team doch für ihn spielte, und Hand aufs Herz: In den Spielen zeigte sich das. Völlig limitierte Mannschaft, die aber biss und fightete bis zum Umfallen.

MacIntyres Ziel für diesen Herbst ist Aufbauarbeit und mehr Konkurrenzfähigkeit. Die Buffs wollen in möglichst vielen Spielen nicht schon zur Pause abgeschossen sein, denn das macht zweierlei: Du verlierst, und zwar hoch, und du bist gedanklich nur eine Halbzeit mit drin. Um für die Zukunft zu arbeiten, musst du aber versuchen, dich auch und vor allem im Kopf vorzubereiten.

Ob Colorado mit MacIntyre wieder zu alten Höhen finden wird, ist natürlich noch komplett in den Sternen, aber es scheint immerhin ein Ruck durch die Community gegangen zu sein, und MacIntyre ist da offensichtlich erheblich dafür mitverantwortlich.

Frischkellykur in Philadelphia: Eine Statue für Chip

Denken wir nochmal dran zurück, was wir von Chip Kelly bereits wussten: Er gilt als Meister der schnellen Offense, liebt groß gewachsene Athleten und hybride Defensiv-Aufstellungen. Was wir nicht in Betracht gezogen hatten: Chip Kelly kann einen reinrassigen Pocket-Passer holen.

Vor lauter Fokussierung auf die wendigen Quarterbacks auf flinken Füßen hatte ein Move wie die Einberufung von QB Matt Barkley mit dem ersten Pick der vierten Runde (98ter Pick overall) völlig ausgeschlossen geschienen. Kelly begründete Barkley mit lieber einen gescheiten Pocket-Passer als einen lauwarmen Scrambler. Ein Move, der total unerwartet kam, aber was wissen wir schon, wie die Eagles ihre Offense tatsächlich gestalten werden. Den Reaktionen nach zu urteilen hatten die Eagles Barkley als Top-50 Spieler gesehen und ergo an #98 erfreut zugegriffen. Pocket-Passer und No-Huddle schließen sich ja nicht grundsätzlich aus.

Das Quarterback-Karussell

Der Move für Barkley schiebt Michael Vick in Philadelphia gewaltig ins Abseits. Bisher hatte es so ausgesehen, als sei QB Nick Foles, Drittrundenpick im letzten Jahr, die lame duck, als eher hüftsteifer Werfer ohne große Scramble-Fähigkeiten. Mit der Ankunft von Barkley und dem nicht passierten Verkauf von Foles sendete Kelly ein Signal: Keine prinzipielle Abneigung gegen die Statuen. Vick ist maximal noch Statthalter, bis sich die beiden Jungen den Starter untereinander ausgeschnapst haben.

Das dürfte kein großes Problem sein. Vick gilt als menschlich gereift und es ist unwahrscheinlich, dass ein Vick im Kader zu einem Krebsgeschwür á la McNabb wird. Die Mitspieler lieben Vick und den Support, den er in den letzten Jahren auch von der Bank gab. Sollte Kelly bereits kurzfristig ohne Vick planen, könnte dessen Entlassung dank dessen billigen Vertrags immer noch erfolgen.

Vick ist 33 und hatte zuletzt zwei extrem fehleranfällige Jahre. Er ist noch flott bei Fuß und seine Rakete von Arm ist noch intakt, aber da Vick nie wirklich lernte, wie man Defenses liest, und stets auf seine herausragende Athletik baute, sind kleinste Alterserscheinungen tödlich für so einen QB-Typus. Vick ist ein brutal harter Knochen, der nicht zurückstecken wird. Mann kann ihm alles vorwerfe, aber nicht, dass er nicht immer vollen Einsatz bringt. Trotzdem ist er maximal die Gegenwart, aber gewiss nicht die Zukunft bei den Iggles.

Kelly liebt es, im Training Konkurrenzkampf zu schüren. Mit Dennis Dixon gibt es noch ein dark horse als vierten Mann, ein ehemaliger Oregon Duck, der einst kurzzeitig bis zu einer schweren Verletzung für den damaligen OffCoord Kelly gespielt hatte. Würde ich raten, so hat Barkley als der Kelly-Mann von 2013 einen leichten Kreditvorsprung, aber gleich dahinter kommt Foles als möglicher Erbe Vicks.

Matt Barkley

Matt Barkley - Bild: Wikipedia

Matt Barkley – Bild: Wikipedia

Für Barkley selbst dürfte Philadelphia eines der bestmöglichen Szenarien sein. Er kann sich sicher sein, dass sein Coach besser als die meisten anderen um seine Stärken und Schwächen weiß, schließlich musste sich Kelly am College einmal pro Jahr auf Barkley und seine USC Trojans vorbereiten.

Barkley ist kein unreifer Jüngling, der mit überzogenen Erwartungen in die NFL kommt. Spätestens der letzte Herbst dürfte ihm die Illusionen von einem beschwinglichen Leben als Profi genommen haben, aber Barkley hatte schon vorher einen Haufen Scheiße gesehen. Wenn du ans College kommst und plötzlich ist da nicht mehr „dein“ Coach, der dich rekrutiert hat, sondern ein beratungsresistenter Windhund wie Lane Kiffin dein Vorgesetzter, ist das eines. Wenn aber dann deiner Mannschaft Dutzende Stipendien und der BCS-Traum aberkannt werden und du wider Erwartungen zwei Jahre außer Konkurrenz in der Anonymität (ein relativer Begriff für USC, ich weiß) spielen musst, ist das schon was anderes.

Wenn du deines Traumes vom BCS National Championship willens dein letztes Jahr am College bleibst und einen Status als quasi fixer Top-10 Pick aufgibst, und dann mit deinem hochgejazzten Footballteam auf die Grausige abschmierst und in die vierte Runde des Draft fällst, weißt du, dass dir fortan nichts mehr geschenkt wird.

Matt Barkley dürfte ein reifer Mann sein. Er ist auf alle Fälle gewandt im Umgang mit den Medien, den er an einem der hitzigsten Colleges besser als alle anderen erlernen durfte – da ist USC sicher die beste Schule dafür. Und guter Umgang mit den Medien ist in einem Haifischbecken wie Philadelphia niemals eine zu unterschätzende Voraussetzung.

Dass Matt Barkley als Workaholic gilt, kann ihm im Ansehen des Trainerstabs nicht schaden; Kelly liebt Arbeiter, und er versuchte schon am College, auch für die besten Spieler gute Schüler als Backups zu rekrutieren, um den Konkurrenzkampf immer und immer wieder neu zu beleben. Und Konkurrenzkampf dürfte in Philly mit dieser QB-Situation durchaus massiv sein.

Das heißt nicht, dass Barkley es schaffen wird, oder dass er schon dieses Jahr der Starter sein wird. Es heißt bloß: Die erste Profistation hätte für Barkley eine weitaus schlimmere sein können. Barkley ist kein Wurftalent wie Luck oder RG3, seine besten Eigenschaften sind die, die ich eben beschrieb, und sie sind nicht direkt Football-lastig.

Aber ich würde doch mehr als ein paar Cents drauf wetten, dass Kelly mit Barkleys Football-Voraussetzungen – schneller Release, gute Wurfpräzision auf Mittel- und Langdistanzen, Spielintelligenz – etwas anzufangen weiß, das einem Eagles-Quarterback Barkley zumindest eine gute Chance zum Erfolg gibt.

The Countdown, T-minus 119: Texas-San Antonio Roadrunners

Paul Myerberg ist mittlerweile schon bei der #119 im Countdown angelangt, und es handelt sich dabei um ein interessantes Projekt aus dem texanischen San Antonio, einer Stadt mit einem seit seinem Bau fast brach liegenden Stadion, dem 60.000 Zuschauer fassenden Alamodome. Seit zwei Jahren ist dort ein neues FBS-Programm im Aufbau, die Roadrunners von der University of Texas, San Antonio (UTSA).

Die Jungs debütierten letztes Jahr in der FBS und fuhren gleichmal zum Einstand einen 8-4 Record ein! Okay, sie spielten viermal gegen die FCS und gewannen davon viermal, und von den vier Siegen gegen die FBS waren zwei Siege gegen die Debütantenkollegen von South Alabama und Texas State sowie gegen zwei Gurkentruppen, die zusammen 2-22 waren, aber wen kratzt’s? Die Roadrunners sind nicht soooo übel wie man meinen würde. Und weil sie viele Ressourcen haben und offensichtlich potente Booster, wechseln sie schon gleichmal diesen Herbst in die Conference USA, die deutlich über die Qualität der aufgelösten WAC einzustufen ist.

Head Coach ist mit Larry Coker kein unbekannter Name: Coker war vor einem Jahrzehnt der Cheftrainer der Miami Hurricanes, deren 2001er-Mannschaft als vielleicht beste aller Zeiten im College-Football gilt. Cokers Teams brachten Superstars wie Ed Reed, Andre Johnson, Vince Wilfork, Jonathan Vilma, Clinton Portis oder Willis McGahee in die NFL (die Liste ist noch länger!). Coker galt allerdings nie als Mann, der ein Team aufzubauen vermag, sondern mehr der Typ Mourinho, der aus einem fast fertigen underachiever einen Champion formt. Bei UTSA beweist Coker gerade das Gegenteil, denn auch wenn die meisten Siege nur gegen inferiore Konkurrenz kamen: Es sind beachtliche Erfolge für eine Mannschaft, die ganze 22 (!) Spiele in ihrer Geschichte bestritten hat.

Ich habe Coker mal bei ESPN im Interview gehört und er meinte sinngemäß: Es ist eine geile Aufgabe, ein Programm von null auf aufzubauen. Das schwierigste ist am Anfang, eine Philosophie, eine Kultur zu schaffen. Das dauert. Du musst deinen Trainerstab darauf einschwören, das ist nicht einfach. Es werden nicht alle Spieler mitziehen und du hast am Anfang erfahrungsgemäß viel personellen Turnover (also Abgänge), aber damit musst du leben.

Das zweitschwierigste ist, dass du keine erfahrenen Recken hast, die die Youngster führen. Das ist nicht zu unterschätzen, denn die Jungs sind keine Dummies. Sie sehen genau, was vorgeht und wenn es ihnen nicht in den Kram passt und sie nicht von Kumpels geführt werden, machen sie Sachen, die sie nicht sollten. Wenn du deine Arbeit aber gut machst, beißen sie sofort an.

Es ist zwar schwierig vorstellbar, dass ein traditionsloses Programm aus dem Nichts komplexer ist als, sagen wir, aus den Alabama Crimson Tide ein Angriffsmonster zu basteln, das statt 13-7 nun eben 54-51 gewinnt, aber das ist nicht der Punkt. Coker hat in Texas riesige Footballbegeisterung und einen unerschöpflichen Pool an Talenten aus den Highschools, dass die großen Player wie Texas-Austin, Texas A&M oder Oklahoma gar nicht genug abgreifen können, als dass nicht noch ein paar gute Spieler für die Roadrunners abfallen.

Für 2013 sollte man von Texas-San Antonio erneut keine Wunderdinge erwarten, aber es gibt zwei positive Dinge: QB Eric Soza ist ein wirklich ansehnlicher Mann, der brutal gut scrambeln kann, ein Näschen dafür hat, Sacks zu vermeiden und erstaunlich wenige Turnovers produziert. Zum anderen soll die neue Recruiting-Klasse gut sein, auch weil einige gute Jungs aus den Junior-Colleges (JUCO) gekommen sind.

Texas-San Antonio spielte bisher ganze acht Spiele gegen FBS-Konkurrenz. In diesem Jahr werden es allein zwölf sein. Eine erneute 8-4 Bilanz ist nicht nur unrealistisch, sondern komplett ausgeschlossen, und trotzdem wird die Mannschaft eine bessere sein als letztes Jahr.


Der Coach der #118 im Countdown hat am selben Tag Geburtstag wie der NFL-Rekordhalter an Catches bis zum Jahre 1995, nur in einem anderen Jahr.

(Tipp: Besagter Rekordhalter könnte Art Monk gewesen sein, der 1995 zurücktrat; Monk hat am 5. Dezember Geburtstag. Jim Tressel hat lt. Datenbank am 5.12. Geburtstag, ist aber derzeit a) nur als Berater angestellt und zwar bei Akron, das b) schon im Countdown vorgekommen ist)

Frischzellenkur rewind: Der Seahawks-Draft von 2010

Die Wurzeln des Seahawks-Aufstiegs sind Ende der Saison 2009/10 zu finden, als der Besitzer der Seahawks, Paul Allen, den Head Coach Jim Mora jr., der schon in Atlanta einen schlechten Job gemacht hatte, und GM Tim Ruskell rauswarf und sich anschickte, die seit Jahren dümpelnden Hawks wieder auf Vordermann zu bringen. Allen installierte den neuen GM John Schneider aus dem Personalbüro der Green Bay Packers, und holte Pete Carroll zurück vom College in die NFL. Für Carroll war das damals nicht bloß die Chance, es nach einer nur mäßig erfolgreichen Zeit in den 90ern noch einmal der NFL zu beweisen, sondern auch willkommene Gelegenheit, die University of Southern California rechtzeitig zu verlassen, bevor ein halbes Jahr später der Hammer der NCAA im Fall Reggie Bush zuschlug.

Erster großer Auftritt der neuen Seahawks-Leitung war der NFL-Draft 2010 – und drei Jahre später kann man ein exzellentes Zeugnis für diese Draftklasse ausstellen. Zugegeben, mit dem ersten Erstrundenpick (Pick #6) konnte Seattle damals nix falsch machen. Die Mannschaft war ein Scherbenhaufen, es gab keine „würdigen“ Quarterbacks (obwohl Tebow aufm Tablett war) und Seattle holte sich den Muskelberg LT Russell Okung von der Oklahoma State University. Die Tackle-Klasse von 2010 hatte als massiv gut besetzt gegolten, und Okung war auf den meisten Boards der höchstbewertete Tackle gewesen; als Washington an #4 OT Trent Williams zog, war eigentlich allen klar: Seattle würde in der Lotterie Okung ziehen. Es war ein einfacher Pick, den jeder Holzkopf geschafft hätte, und alle konnten die Logik nachvollziehen. Okung hatte in der NFL zwar viele Zipperlein, weil immer wieder Muskeln rissen und die Wade zwickte, gilt aber unisono anerkannt als einer der besten seiner Zunft.

Wenn du eine Draftklasse von Prädikat ganz groß haben willst, musst du auch ein wenig Glück haben. Seattle hatte das in Form eines letzten Geschenks des alten Regimes, das anno 2009 via Trade mit dem grünschnäbeligen Head Coach Josh McDaniels (Denver Broncos) einen Erstrundenpick für einen Zweitrundenpick generieren konnte! So durften die Hawks 2010 auch noch an #14 picken – und sie schlugen zu: S Earl Thomas von der University of Texas ist heute ein dynamischer Playmaker, einer meiner Lieblingsspieler, der an die besten Zeiten des besten Safetys ever, Ed Reed, erinnert. Thomas ist ein Freelancer und begeht als solcher naturgemäß viele Fehler – gescheiterte Blitzes, schlechte Coverage – macht das aber mit dem wett, was Scouts range nennen: Der Mann ist so schnell, so flink, dass er vom Gegner als ständige Bedrohung wahrgenommen wird, der man extra Aufmerksamkeit in der Vorbereitung schenken muss.

Der Thomas-Pick war seinerzeit nicht ohne Nebengeräusche, da alle Welt von Carroll erwartet hatte, dass er „seinen“ Schützling vom College, S Taylor Mays, mit diesem Pick holen würde. Das ist so ein gängiges Gerede vor dem Draft: Coach X holt Spieler Y, weil er den am College unter seinen Fittichen gehabt hatte. Stimmt manchmal, oft aber nicht: Carroll kannte die Schwächen des undisziplinierten Mays und überging die Sentimentalitäten. Es ist eine vergleichbare Situation mit der Nassib/Marrone-Geschichte bei den Bills dieses Jahr. Mays ging dann übrigens in der zweiten Runde nach Cincinnati, wo man seither versucht, ihn irgendwie ins System einzubauen.

Mit dem Zweitrundenpick (#60) bekamen die Seahawks WR Golden Tate, dessen berühmteste Szene bisher sicher der Freak-Touchdown bei der Hail Mary gegen Green Bay war. Niemand hält Tate heute für den besten Receiver der Liga, aber in einem kompletten WR-Corp ist Tate durchaus ein wertvoller Baustein, ein Spieler, für den es sich lohnt, einen so hohen Draftpick zu investieren.

Was beim Blick auf die Seahawks-Klasse von 2010 auffällt, ist, dass sie viele Trades machten: Nur der Okung-Pick war einer, der ursprünglich den Hawks gehört hatte; alle anderen wurden entweder gegen andere Picks eingetauscht oder von der NFL in Form von Compensatory Picks geschenkt. So hatte Seattle keinen Drittrundenpick, was in der Retrospektive nicht übel ist, da die dritte Runde von 2010 nur wenige wirklich herausragende Spieler produzierte (LB Bowman und TE Graham sind die mit Abstand besten).

Der dritte Tag des Drafts 2010, also ab vierte Runde, tut in der Rücksicht etwas weh, da die Seahawks Granaten wie DT Geno Atkins oder TE Aaron Hernandez verpassten, obwohl beide Positionen als große Needs gegolten hatten. Gerade ein Hernandez hätte wunderbar in die Carroll-Philosophie gepasst, Spieler zu holen, die alles Potenzial der Welt hatten, aber charakterliche Zeitbomben sind. Man lasse sich heute nicht davon täuschen: Hernandez war ein Knallkopf, der allerhand Probleme mit der Justiz hatte und sich mehr als einmal die Woche die Birne zukiffte. Aber er hatte auch als fantastisches sportliches Prospect gegolten, fiel dann aber wohl wegen der Bedenken in die vierte Runde. New England sagte danke. Seattle holte seinen Tight End erst in der sechsten Runde in Form von TE Anthony McCoy, und der war ein Carroll-Schützling vom College; McCoy ist kein Mann, um den du deine Offense baust, aber das verlangt von einem Sechstrundenpick auch niemand.

Seattle verpasste Hernandez also in der vierten Runde, und das gleich zweimal (Seattle hatte zwei 4th-Rounder). Mit dem ersten Viertrundenpick holte das Front-Office CB Walter Thurmond, der auch ins Schema des Carroll passte: Eigentlich ein Talent für die höheren Runden, aber ein großes Verletzungsfragezeichen nach einer horrenden Knieverletzung mit mehreren Bänderrissen. Thurmond ist drei Jahre später ein wertvoller Cornerback für die Rotation. Starter ist er keiner, da die Hawks ein Jahr später Browner und Sherman vom Schrotthaufen aufklaubten, und bei den Jungs muss sich keiner grämen, wenn er nicht dran vorbei kommt. Der andere Viertrundenpick der Seahawks war DE E.J. Wilson, ein längst vergessener Mann.

Die Klasse ist bisher schon sehr gut, aber das Kronjuwel fehlt noch: SS Kam Chancellor, der in der fünften Runde mit dem 133ten Pick kam und im Grunde eine Markt-Ineffizienz offen legte. Die NFL war zu dieser Zeit gefangen in ihren immergleichen Deckungssystemen, und Chancellor war so ein Spieler, der nirgendwo richtig reinpasste: Zu klein für einen Linebacker, zu groß für einen Safety, zu wenig Spezialist, zu viel Generalist. Der Typ Spieler, den du in den letzten Runden draftest eben. Oder auch nicht.

Es mag Zufall sein, und vielleicht waren Carroll und DefCoord Gus Bradley überrascht, dass Chancellor so gewaltig einschlug, aber es ist schwierig zu leugnen, dass Carroll/Bradley einen Plan für ihre Defense hatten. Der Plan legte wert auf Aggressivität und Physis an der Anspiellinie. Aggressivität, Physis und superbe Lauf-Defense sind die größten Assets des Kam Chancellor, der gern auch mal über die Strenge schlägt und nicht weit davon entfernt ist, das Label des nächsten großen Hard Hitters übergestülpt zu bekommen. Für den Gedanken, dass sie einen Plan hatten, steht auch die Einberufung von CB Richard Sherman ein Jahr später: Sherman war ein ähnlicher Spielertyp und kam in der fünften Runde.

Chancellor war also in gewissem Sinne auch ein Trendsetter. Heute, nur drei Jahren später, werden solche Spielertypen in der zweiten und dritten Runde gedraftet, sind also sehr viel teurer. Die Pioniere profitierten noch vom ineffizienten Markt.

(Man muss an der Stelle allerdings auch anmerken, dass die überwiegende Mehrzahl der Pioniere mit ihren unkonventionellen Ideen scheitert und nur die paar wenigen gelungenen Neuerungen wie eben Chancellor am Ende herausragen. Der Draft 2010 hatte auch ein bekanntes Negativbeispiel: Tim Tebow)

Die Erfolgsquote der Running Backs, ihre Bedeutung und die dazugehörige Leseempfehlung

Die beste Nachricht voraus: Das Blog lebt! Andy Goldschmidt hat auf seinem Blog „Football is Sex, Baby“ über das Phänomen der Running Backs und ihrer Erfolgquote geschrieben, was ich unbedingt als Lektüre empfehlen würde.

Die Erfolgsquote (englisch Success Rate) beschreibt, ob ein Spielzug einen positiven oder negativen Beitrag gebracht hat. Man muss sich das so vorstellen: Ein Down ist die Ressource, mit der ein Coach arbeitet. Gewinnt die Mannschaft im ersten Versuch zwei Yards, ist das ein negatives Erlebnis, da in die Opportunity Costs das verlorene Down mit reingerechnet werden muss. 2nd-und-8 ist schlechter als 1st-and-10.

Es gibt verschiedene Definitionen der Success-Rate, wie Footballissexbaby richtigerweise schreibt. Diejenige von Brian Burke dürfte die am meisten entwickelte sein. Bei Burkes Success-Rate springen zwei Dinge ins Auge:

  • Die Success-Rate des Laufspiels korreliert mit Sieg und Niederlage sehr viel besser als die einfachere Statistik Yards/Lauf (Y/A), und zwar mit 0.42; Y/A korreliert fast überhaupt nicht mit Sieg und Niederlage (0.08).
  • Success-Rate im Laufspiel korreliert sehr viel besser mit Yards/Passspielzug (NY/A) denn Yards/Laufspielzug, und zwar mit 0.39 (gegenüber 0.03).

Man kann daraus schließen, dass NFL-Trainerstäbe primär versuchen, ihre Siegchance mit viel klein-klein im Laufspiel zu optimieren, anstelle noch aggressiver via des viel riskanteren Passspiels den großen Knockout-Punch zu suchen.

Adrian Peterson scheint übrigens nicht unter den besten Running Backs auf, wenn wir auf die Erfolgsquote schauen. Das kann mehrere Gründe haben: Peterson ist erwiesenermaßen eher ein Back der Güteklasse boom or bust, gibt also lieber sieben Carrys mit null Yards für den einen Big Play auf als konstant die 3-4 Yards zu nehmen. Es kann aber auch dran liegen, dass die Vikings häufig „Feldposition“ spielen und bei drittem Down und neun Yards to go lieber laufen, punten, und auf ihre Defense vertrauen.

Das ist dann ein Punkt, an dem ich nicht mehr komplett einher mit Footballissexbaby gehe: Ich sehe die Success-Rate eher als Bewertungskriterium für die gesamte Offense als für einen einzelnen Spieler. Gerade Running Backs sind relativ machtlos den Gameplans ihres Coaches ausgesetzt und haben sehr viel weniger Kontrolle über ihre persönlichen Statistiken als z.B. ein Quarterback.

It’s my job now to, I hope, be a light who inspires others

Die US-amerikanische Basketballspielerin Brittney Griner von der Baylor University hat ein exzellentes Essay über die Anfeindungen und Diskriminierungen gegenüber Homosexuellen für die New York Times geschrieben. Griner gilt als eine der besten Basketballspielerinnen aller Zeiten und war in der jüngsten Draft für die Frauen-Basketball Profiliga WNBA der erste Draftpick. Sie ist in die Geschichte des College Basketballs der Frauen aber nicht nur als beste, sondern auch als eine der tragischsten Figuren eingegangen, weil Baylor immer und immer wieder viel zu früh scheiterte und nur einen großen Titel holte.

Und Brittney Griner ist lesbisch.

It’s taken me a long time to figure out exactly where I fit. During that journey, I realized that everyone has a unique place in this world. I also discovered that the more open I was with my family and friends, the more I embraced others, and the more committed I became to doing the things I love, like basketball, skating and, of course, eating bacon (the greatest food of all time), the more love and confidence I received in return.

“Just as basketball doesn’t define who I am, neither does being gay.”

Buffalo Bills 2013: So schnell wie der Wind

Seit im Winter Owner Ralph Wilson jr. mit der Mistgabel durch den Laden lief und den nur unwesentlich jüngeren Al Davis von Petris Pforte zum neuen General Manager beförderte, steht in Buffalos Offense der sechste Gang hoch im Kurs: Die an sich schon sehr schnelle Offense wurde im Draft 2013 um eine ganze Latte an explosiven Playmakern gänzt. Nach der Einberufung von QB E.J. Manuel (16ter Pick), WR Robert Woods (41ter Pick) und WR Marquise Goodwin (78ter Pick) liest sich der Bills-Angriff mit einem Mal erstaunlich spektakulär:

QB – Manuel, Kevin Kolb

RB – C.J. Spiller, Fred Jackson

WR – Stevie Johnson, Woods, Goodwin, Da’Rick Rogers

Es war ja einer der Hauptkritikpunkte an Chan Gailey gewesen, dass er zuviel Energie in das Bauen der Fundamente (Lines und Linebackers) gesteckt und in diesem Zug komplett vergessen hatte, dass Football ja eigentlich mit Eiern und Händen gespielt wird und ausgerechnet dort, bei den Skill Players (also Quarterbacks, Runningbacks, Wide Receivers, Tight Ends), kaum Hochkarätiges aufgeboten wurde. Das führte zwar in jedem Jahr zu Lobpreisungen von wegen „sie haben es drauf, ein Team zu bauen“, aber mehr als die 6-10 und 7-9 Jahre sprangen nicht heraus, weil die richtigen Granaten außerhalb der Lines fehlten.

Der neue Approach unter Head Coach Doug Marrone scheint eher in Richtung Hochgeschwindigkeits-Offense zu gehen. Spiller und Goodwin gehören zu den schnellsten Spielern ligaweit, und QB Manuel ist auch einer der Quarterbacks, die etwas flotter auf den Füßen sind. Es wird gemunkelt, dass Buffalo Elemente der read-option Offense einbauen will, eine Offense, die Marrone an seiner vorherigen Station am College in Syracuse immer wieder versuchte zu implementieren, aber nicht die richtigen Spieler dafür hatte.

Manuel ist als Spielertyp wie gemacht dafür: Nicht der allerpräziseste und geschliffenste Werfer unter der Sonne, aber genügend Gefahr als Scrambler ausstrahlend um für voll genommen zu werden, wenn ein Option-Spielzug ansteht. Manuel wird mittelfristig das Zepter in Buffalo übernehmen, nachdem der eingekaufte Free Agent-QB Kolb meistens nur drei Wochen von der ersten Gehirnerschütterung entfernt ist oder mit einer Lawine von Incompletions selbst für seine Degradierung sorgt.

Auch für den brutal explosiven Spiller, der auch ein guter Fänger ist und der die effizienteste Saison 2012/13 aller Running Backs spielte, und den Arbeitstier-RB Fred Jackson dürfte ein mobiler Quarterback wie Manuel Vorteile bringen: Historisch gesehen helfen flotte Quarterbacks dem Laufspiel, selbst wenn sie keine 65% Completion-Rate einfahren.

Der WR-Corp liest sich auf dem Papier auch ganz ordentlich: Johnson ist als Charakter zwar nicht unumstritten und galt als Buddy vom gefeuerten QB Fitzpatrick, dürfte aber vom Einkauf des possession receivers Woods profitieren: Woods ist kein Sprinter, kam aber in der zweiten Runde des Drafts und gilt als cleverer und abgewichster Mann. Sein Fallen in die zweite Runde wird unglücklichen Umständen zugeschrieben, nachdem es bei USC, seinem College, im abgelaufenen Herbst teilweise Auflösungserscheinungen zu beklagen gab. Als ungedrafteter Rookie-Free Agent (UDFA) kommt Da’Rick Rogers von Tennessee bzw. Tennessee Tech. Rogers gilt als physisch allen Cornerbacks dieser Welt gewachsen und pfeilschnell, aber als charakterliche Zeitbombe.

Bei Goodwin weiß keiner so recht, was uns erwartet. Lt. Mayock ist das ein „Leichtathlet, der Football spielt“. Das liest sich nicht per sofort als einsatzbereit, aber Goodwin (ein Olympionike im Weitsprung) offeriert Antrittsschnelligkeit und Ausdauer auch für die langen Sprints. Dass sich Goodwin durchsetzen wird, gilt als längst nicht sicher, aber die Herangehensweise der Bills ist eindeutig: Speed, Speed, Speed, und damit passt er zumindest konzeptionell in diesen Wirbelwind von Angriff, der in den nächsten Jahren über Orchard Park/NY fegen soll.

The Countdown, T-minus 125

Der großartige Paul Myerberg ist in der Fanszene des College Football berühmt für seine alljährliche gigantische Vorschauserie „The Countdown“ auf die kommenden Saison im College Football. Myerberg schreibt seit Oktober für die USA Today, und hat gestern seine Countdown-Serie 2013 begonnen.

Die #125 bei Myerberg ist übrigens ein Neuling in der FBS: Die Georgia State Panthers aus Atlanta, eine Uni mit hohem Anteil an schwarzen Studenten. Georgia States Footballprogramm existiert erst seit drei Jahren und fuhr letztes Jahr in der FCS eine 1-10 Bilanz ein. Ihr neuer Head Coach ist Trent Miles, der vorher an einer aberwitzig schlechten Uni respektable Aufbauarbeit geleistet hatte. OffCoord ist der ehemalige College-Cheftrainer von Matt Ryan, der nun im gleichen Stadion wie die Panthers die NFL aufwühlt. Georgia State wird in die Sunbelt Conference aufgenommen und spielt – wie eben angedeutet – im Georgia Dome. Georgia States Offense ist noch komplett im Fluss, während in der Defense wenigstens die Line halbwegs solide besetzt ist. Ein oder zwei Saisonsiege wären schon ein Erfolg für die Debütanten, bei einem 5-7 würden sie eine Party schmeißen, die der Süden nie vergisst. Am besten nutzen sie das Jahr nur zum Aufbau. Ach ja, der Spieler mit dem besten Namen (ein rekurrierendes Thema bei Myerberg) ist LB Cole Moon.

Oft kopiert, nie erreicht: Paul Myerberg und sein Countdown. Wer alles über alle Teams wissen will, ist bei der USA Today am rechten Ort. Die #124 hat letztes Jahr übrigens gegen die sechs Bowl-Teams in seinem Schedule insgesamt mit 75 zu 278 Punkten verloren. Wer das ist? Sie sind dran mit der Recherche.

Der Nachwuchs der Detroit Lions 2013

Es dürfte sich herumgesprochen haben, welcher NFL-Mannschaft ich in erster Linie die Daumen drücke. Daher heute mal etwas ungewöhnlich ein etwas genauerer Blick auf die einzelnen Moves und der Versuch, die angeknackste sportliche Leitung einzuordnen. Die einzelnen Picks im Überblick:

DE Ziggy Ansah. Ich schrieb schon direkt nach dem Draft, warum ich Ansah mag. Der Spieler selbst gilt als exorbitantes Risiko: Riesentalent, aber noch wenig Zeit im Vorlesungssaal verbracht. Am College mag dieser „Theorie ist nicht gleich Praxis“-Ansatz gut gegangen sein, weil Ansah kleine Jungs übers Feld schieben durfte. In der NFL ist die Konkurrenz eine andere, und reine körperliche Wucht reicht nicht mehr. Die Hoffnung ist, dass der hoch geschätzte DL-Coach Jim Washburn und HC Jim Schwartz, der von der Defense Line kommt, Ansah innerhalb von zwei, drei Jahren fit kriegt. Der Knackpunkt ist aber, dass Schwartz dead man walking ist und schneller als gedacht auf dem Markt sein wird, wenn dieses Jahr erneut eine unterdurchschnittliche Bilanz eingefahren wird.

Detroit hat zu wenig Kadertiefe, um Ansah gemächlich an die NFL heranzuführen. Die Ends sind teuflisch dünn besetzt, wenn schon Leute wie Young und Jason Jones, eigentlich eher Tackles als Ends, die großen Starter geben müssen. Ziggy wird mehr Snaps sehen als man einem Rohdiamanten seiner Güteklasse zumuten möchte. Dass er sich dabei nur nicht verbrennt.

CB Darius Slay. Wie Ansah auf Defensive End ist auch der Cornerback Slay ein Prospect, das eine seit Jahren offene Baustelle schließen soll. Slay gilt als fassungslos schnell und lernbereit, aber das zeigte sich im Spiel bei Mississippi State nur allzu selten. Die anhaltenden Knieprobleme sind ein weiterer Punkt mit Fragezeichen für einen Spieler auf einer Position, auf der Detroit zuletzt extrem viele Verletzungsausfälle hatte und wo man endlich Stabilität braucht. Die Moves der Offseason waren immerhin allesamt gut: Der bei mir hoch geschätzte FS Louis Delmas wurde gehalten, mit S Glover Quin kommt etwas Erfahrung aus Houston, S Spievey als Backup – nimmste gern. Bei den Cornerbacks bleibt Chris Houston der erste Starter, dahinter dürfte sich Slay mit den Youngsters Bentley, Greenwood und Green um die Hackordnung balgen. Letzteres Trio geht ins zweite Jahr NFL, und die Jungs hinterließen offenbar genügend Eindruck, dass Detroit keine weiteren Defensive Backs nach dem Abgang von Lacey holte.

Eine Art Zusatzaufgabe schimmert bei Slay auch schon durch: Return-Spiel als Ergänzungsspieler für Reggie Bush und Stefon Logan.

RG Larry Warford. Warford ist ein Spieler, bei dem sich Mike Mayock gar nicht mehr einkriegen konnte, als er gedraftet wurde. Soll ein gigantisches Talent sein, ein extrem muskulös gebauter Mann für die seit Jahren vakante Guard-Position in der Line der Detroit Lions. Ich kann nachvollziehen, warum man selbst nach dem Rücktritt von LT Backus und RT Cherilus keinen Tackle holte: QB Matt Stafford kriegt den Ball wenn nötig schnell genug aus der Pocket, weil es kaum einen Quarterback gibt, der schneller beim Rausfeuern ist. Stafford ist allerdings immer dann gefährdet, wenn der Spielzug gewollt (per Design) oder ungewollt (also wenn Druck über die Mitte kommt) aus der Pocket hinausführt. Und da kommen die Guards ins Spiel. Nicht nur für offenere Bahnen im Laufspiel, sondern auch für bessere Pass-Protection gegen Defensive Tackles oder blitzende Linebackers. Das Fragezeichen ist freilich, weshalb der offenbar so großartige Warford in Runde drei purzelte, aber wollen wir im Zweifel doch mit Mayock gehen.

DE Devin Taylor. Taylor ist der erste der Spieler in diesem Lions-Draft, die für diese Saison nicht als Starter eingeplant sind. Taylor ist ein 2m-Hüne mit Armlänge einer Spinne, und schaut eigentlich aus wie der Prototyp von Defense End, den die NFL immer sucht. Ich hab Taylor bei den South Carolina Gamecocks häufig gesehen und hatte stets eine gute Meinung von diesem Prospect, aber er soll nicht agil, nicht sauber genug für die NFL sein. Taylor könnte wie Ansah ein Fall für das Feintuning bei Coach Washburn sein, aber der Punkt, dass Taylor es in vier Jahren am College nicht hinbekam, zumindest NFL-ähnliche Technik zu entwickeln, hinterlässt mich doch stutzig und fragend ob seines NFL-Potenzials. Liest sich wie der nächste Spieler, der in Detroit vor allem deswegen gedraftet wurde, weil er was werden könnte. Irgendwann.

Taylor ist immerhin ein „need“-Pick für die Kadertiefe, für 15 bis 25 Snaps jedes Spiel zum langsamen Einlernen. Ein kluger Plan könnte sein, Taylor, Ansah und den ebenso noch jungen DE Ronnell Lewis (letztes Jahr gedraftet) jeweils in Teilen einzusetzen und so langsam an die NFL zu führen. Mit einem situational player wie DE Willie Young und an der Seite der Tackle-Giganten Suh und Fairley sollten es diese jungen Spieler auch einfacher haben, sich bei den Profis einzugewöhnen.

P Sam Martin. Bei angeblichen number’s guys wie GM Mayhew und Jim Schwartz ist es immer überraschend, wenn sie einen Punter draften. Keine Frage: Das Punt-Spiel der Lions war letztes Jahr schwach, und es ist seit Jahren ein kleines Ärgernis. Insofern kann man die Intention hinter diesem Pick durchaus verstehen. Es ist mehr… alle Zahlen weisen drauf hin, dass a) die Produktivität eines Punters extrem schwer messbar ist und b) die Leistungen von Puntern aufgrund der geringen Anzahl an Versuchen extrem schwankt. Das macht den Punter zu einer verhältnismäßig wertarmen Position, oder wie es ein amerikanischer Kollege mal ausdrückte: Wenn durchschnittliche Teams Punter draften, stellen sie sicher, dass diese auch gebraucht werden. Dass ein Mathe-Stratege und Schachspieler wie Schwartz so stark an Sam Martin interessiert war, dass er ihn per Draftpick golte, überrascht.

WR Corey Fuller. Dafür, dass Detroit seit Jahren konsequent ein bis zwei Wide Receiver draftet, ist die Position immer noch enttäuschend besetzt. Fuller könnte sich bei gutem Verlauf schneller als gedacht etwas Spielzeit kaufen: Calvin Johnson ist gesetzt, aber dahinter ist vieles im Flow. Nate Burleson ist rekonvaleszent und wird nicht jünger, Ryan Broyles hatte zuletzt zwei Kreuzbandrisse en suite, Kris Durham und Mike Thomas sind auch nicht die Granaten, um die du mit heutigem Wissen bauen willst. Fuller wäre das sechste Rad am Wagen, aber bitte nicht überrascht sein, wenn vor Saisonstart entweder Durham oder Thomas zu seinen Gunsten fliegen.

RB Theo Riddick. Es ist zwar eigenartig, einen Running Back zu holen, aber immerhin passt bei Riddick die Anlage: Wendig, fangstark, quick. Riddick ist gebaut wie der typische role player auf Runningback. Problem ist nur, dass mit Reggie Bush schon ein ähnlicher Spielertyp im Kader steht (und, so er die 2%ige Chance nochmal fit zu werden nutzen kann, auch Jahvid Best). Riddick riecht etwas wie ein Streichkandidat und möglicherweise hättest du lieber einen Offense Liner für die Kadertiefe gehabt.

TE Michael Williams und LB Brandon Hepburn kommen aus der siebten Runde und sind größtenteils unbeschriebene Blätter. Williams kommt aus dem stärksten aller Football-Colleges (Alabama), fiel dort aber in Dutzenden Übertragungen fast gar nicht auf. Sehr selten, dass ich von NFL-Kalibern solcher Unis nicht eine einzige Notiz über die Jahre gemacht habe; bei Williams ist das der Fall. Hepburn kommt von Florida A&M, was bei einem Basketballspieler nach dieser March Madness eine coole Geschichte abgeben würde, aber übers Footballteam kann ich wenig bis nix schreiben: Nie gesehen. Beide Positionen waren zudem nicht wirklich problematisch in Sachen depth.

Bei den ungedrafteten Free Agents (UDFA) sticht der Name von QB Alex Carder heraus, der Mann von Western Michigan: Ein wuseliges double threat mit relativ guter Wurftechnik, und einer meiner Lieblingsspieler in den letzten zwei Jahren. Carder war vielleicht der beste, aufregendste Quarterback in der Mid-American Conference, die immerhin auch einen Zac Dysert in diesem Draft schickte. Carder könnte Kellen Moore den Platz als dritter Quarterback im Roster streitig machen.


Man sieht, dass Mayhew/Schwartz unter Druck sind: Die meisten Picks sind auf die großen Baustellen im Kader ausgerichtet, auch wenn sie nicht die risikofreiesten Spieler sind. Die komplette sportliche Leitung muss hoffen, irgendwie eine akzeptable Saisonbilanz (Güteklasse 8-8 bis 10-6) hinzukriegen und nebenbei bei Leuten wie Ansah, Slay oder Taylor wenigstens ein paar Schleifspuren zu hinterlassen. Ich habe prinzipiell nix gegen den Versuch, mögliche All-Pros wie Ansah oder Slay zu holen auf das Risiko hin, dass die Jungs es nicht packen und als Mega-Busts in die Geschichte eingehen. Auf solch wichtigen Positionen willst du möglichst hohes „Upside“. Allerdings ist das Einberufen solch unreifer Prospects normalerweise eine bessere Idee bei eh schon gut besetzten Teams, die sich ein langsames Heranführen leisten können. Detroit ist kein solches Team.

Alle Indizien deuten bei Ansah und Slay auf eher geringe denn höhere Chancen hin, dass sie jemals ihr Potenzial voll ausschöpfen können, aber immerhin haben Mayhew/Schwartz erstmals wirklich mit Nachdruck versucht, an diesen beiden großen Baustellen zu arbeiten.

Sämtliche Neueinkäufe plus Draftees dieser Offseason gelten aber immerhin als einwandfreie oder zumindest nicht skandalträchtige Charaktere. Das ist wichtig, nachdem Detroit zum wiederholten Male mit seinem Versuch, die bad boys II aufzubauen, gescheitert ist. Vielleicht wird es also doch noch was.

Die Legenden sind tot.

Die Big Ten Conference wird ab 2014 ihre Divisionen neu sortieren. Einher geht das Ableben der clownigen Divisionsnamen „Legends Division“ und „Leaders Division“, die ein Versuch waren, den Stolz der urigen und ältesten noch bestehenden College-Conference zu manifestieren. Aber wie es so ist mit zu originellen Ideen: Sie verwirrten die Fans, die nicht mehr unterscheiden konnten, welche Teams denn nun in der Legends und welche in der Leaders Division spielten.

Die Reaktion der Big Ten auf diesen ihren gescheiterten Marketing-Gag: Die Divisionen werden ab 2014 (weil dann Rutgers und Maryland neu dazustoßen werden) nach geographischen Gesichtspunkten sortiert, was immer der einfachste und verständlichste Weg ist. Dumm ist dabei höchstens eines: Die beiden Aushängeschilder der Conference, die University of Michigan (aus Ann Arbor nahe Detroit) und die Ohio State University (aus Columbus im Herzen von Ohio), werden dann in dieselbe Division eingeteilt werden. Ein Conference-Finale zwischen Michigan und Ohio State („The Big Game“) wird damit unmöglich.

Traditionalisten sehen das nicht mal als größtes Übel, da für sie das Big Game eh nur einmal jedes Jahr stattfinden darf. Bis vor wenigen Jahren war das am Samstag vor Thanksgiving. Seither ist es am Samstag nach Thanksgiving, und das war schon ein krummes Ding, für das die Conference-Leitung eine Tracht Prügel einstecken musste.

Die aufgeblähte Big Ten Conference wird ab 2014 also 14 Teams haben; ab 2016 wird jedes Team dann neunmal gegen Conference-Rivalen spielen (bisher waren es acht Spiele). Der Vollständigkeit halber nachfolgend die neue Divisions-Rangordnung ab 2014:

Eastern Division: Indiana Hoosiers, Maryland Terrapins, Michigan Wolverines, Michigan State Spartans, Ohio State Buckeyes, Penn State Nittany Lions, Rutgers Scarlet Knights.

Western Division: Illinois Fighting Illini, Iowa Hawkeyes, Minnesota Golden Gophers, Nebraska Cornhuskers, Northwestern Wildcats, Purdue Boilermakers, Wisconsin Badgers.

Vier der sechs Universitäten (Michigan, Michigan State, Ohio State, Penn State) mit den größten Ressourcen werden also im Osten spielen (Nebraska und Wisconsin sind die anderen beiden).

Frischzellenkur in Jacksonville: Grundsteinlegung

Grundsteinlegung ist das Thema, unter das man die Draftklasse der Jaguars von 2013 einordnen kann. Der erste Draft vom neuen Gespann um die Owner-Familie Khan, GM David Caldwell und Headcoach Gus Bradley litt unter dem Fehlen des so händeringend gesuchten Top-Quarterbacks, aber angesichts der unglücklichen Umstände, dass du dir mit dem zweiten Pick overall eigentlich nix kaufen kannst, gefällt mir das, was Jacksonville so alles unter Dach und Fach brachte, extrem.

OT Luke Joeckel gilt als relativ unspektakulärer, solider Pick, der die Ecken der Offense Line sicherer gestaltet. LT Eugene Monroe, einstiger hoher Pick von 2009, arbeitete sich in den letzten beiden Jahren in die Sphären der besten Pass-Blocker nach vorn, aber sein Vertrag läuft nächsten Winter aus. Behalten die Jags Monroe, dürfte das Tackle-Duo auf Jahre gesichert sein. Geht Monroe, ist zumindest der wichtige Left Tackle in Form von Joeckel bereits im Kader. Wer auch immer nächstes Jahr den Quarterback gibt, er dürfte es hinter einer Offense Line tun, die wenig Raum für Ausreden lässt. Wenn der 2te Draftpick overall erstmal nur als Right Tackle eingeplant ist, kannst du nix anderes schreiben.

Wenn es schon keinen QB gibt, dann verbessere wenigstens neben der Offense Line noch die Anspielstationen: In der vierten Runde kam in WR Ace Saunders ein Prospect für den Slot, in der fünften Runde schoben Caldwell und Co. in einem der interessantesten Moves Denard Robinson nach. Es ist nicht sicher, ob Robinson NFL-fit auf Wide Receiver gebracht werden kann (Stichwort: Routenlaufen und Ball festhalten), aber die Coaches gehören zum Teufel, wenn sie nicht irgendein Einsatzgebiet für den Weltklasseathleten Robinson (als Jungendlicher 10,44sek über 100m) finden. Vielleicht wird er auch ein change of pace-RB. Würzig ist der Pick auch, weil Robinson aus der Gegend stammt (sein Heimatdorf liegt ein paar Kilometer südlich von Jacksonville) und dort immer noch als kleiner Volksheld gilt. Ein WR-Corp aus Justin Blackmon (sofern er nach verpasstem Drogentest nicht rausgeschmissen wird), Cecil Shorts, Saunders und möglicherweise Robinson plus ein halbwegs brauchbarer Tight End in Marcedes Lewis könnte schon NFL-würdig sein.

Die klare Message dürfte in aller erster Linie QB Blaine Gabbert verstanden haben: Die Zeit der Ausreden und des Fingerzeigens auf die Mitspieler ist vorbei. Der lethargische Gabbert, bisher übel gefloppter 1st round pick von 2011, kriegt wohl zumindest noch die ersten Wochen der neuen Saison, um sich zu beweisen. Und immerhin ist Gabbert erst 23, ein Alter, in dem andere Jungs wie ein Tyler Wilson noch am College waren.

Gabbert wird sich erstmal gegen Backup Chad Henne durchsetzen müssen, und in der Hinterhand wartet mit dem ungedrafteten Free Agent-QB Matt Scott ein Junge, auf den QB-Coach Scelfo höchstpersönlich angeblich scharf war: Scelfo war Scotts Coach am College, als Scott dort den Backup für Nick Foles geben durfte. Scott ist technisch unausgegoren, aber wuselig und ein Krieger von Spieler, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er ein Jahr Lernzeit im Training kriegt und wir nächstes Jahr nochmal drüber diskutieren, ob aus ihm mittelfristig was werden kann. Der vierte Mann im Quarterback-Bunde ist ebenso UDFA (undrafted rookie free agent) Jordan Rodgers von Vanderbilt. Rodgers? Yup, Aarons Bruder. Mit 25 Lenze schon etwas betagt für einen Rookie, sah aber durchaus NFL-kompatibel in seiner Wurfbewegung aus. Scott und Rodgers könnten sich um den letzten Platz im Roster prügeln.

Jacksonville hat gewiss einen langen Weg zu gehen, aber die Tatsache, dass hier nicht verzweifelt einen Quarterback-Nachfolger für Gabbert abgegriffen wurde, lässt mich hoffen, dass das neue Regime dort die Geduld hat, Caldwell/Bradley erstmal arbeiten zu lassen. Für Gabbert ist es der dritte Trainerstab, sicherlich suboptimal, aber wenn er es jetzt nicht schafft, kannst du den #10-Draftpick guten Gewissens auf die Straße setzen und fast sicher in einem Jahr in den Top-10 startend erneut auf die QB-Jagd gehen. Dann werden auch wieder reifere QB-Prospects erhältlich sein.


In der Defense bekommt Bradley den interessantesten Safety des Jahres: Jonathan Cyprien von Florida International. Ich kenne Cyprien nicht, aber die Scouting-Reports lassen einen enorm dynamischen, kraftvollen Spieler erwarten. Dynamisch? Kraftvoll? Riecht hier irgendwas nach Earl Thomas, Bradleys Super-Safety in Seattle? Cyprien war mit dem 33ten Pick noch zu haben, und glaubt man den Experten, war das ein Schnäppchen für die Jaguars.

In Josh Evans von der nahen University of Florida kam in den späten Runden noch ein weiterer Safety, in Dwayne Gretz und Jeremy Harris in den mittleren und späten Runden zwei Cornerbacks. Bradley bastelt an der Secondary, die schon in Seattle den Kern seiner Abwehr bildete. „Vorne“ scheint es erstmal mit vorhandenem Personal und Scheming weiterzugehen.

Geno Smith und die New York Jets

Die Einberufung von QB Geno Smith mit dem 39ten Pick zu den New York Jets war eine der weitreichendsten Entscheidungen in diesem Draftwochenende 2013. Meine erste Reaktion war „also doch“. Ich war nicht wirklich überrascht, auch wenn jedem sofort bewusst war, wie heikel die Entscheidung der Jets war.

Ma überlege: Geno Smith ist alles andere als ein fertiges Produkt. Die Skill-Player sind selbst nach dem Trade für RB Chris Ivory maximal lauwarm besetzt, die Offense Line ist eher so naaaaaaaja, der Trainerstuhl des Rex Ryan ist schon an zwei Beinen quasi durchgesägt. Oben drauf kommt noch die aggressivste Boulevard-Presse und ein Publikum, dessen Geduld nun zwei Jahre überstrapaziert wurde. Entsprechend schaumgebremst guckte Geno auf der Vorstellungspressekonferenz dann auch aus der Wäsche.

Geno Smiths Einberufung bedeutet auch: Er ist quasi per sofort der beste Quarterback im Jets-Kader. Ob er deswegen auch gleich ins Getümmel geschmissen werden sollte, ist eine andere Frage: Man riskiert, ihn zu verbrennen. OffCoord Marty Mornhinweg ist kein unterirdischer Mann, aber es galt als Konsens, dass Geno als Rookie einige Zeit zum Einlernen brauchen würde. Bloß: Von wem willste lernen?

Weil die Jets Quarterbacks sammeln wie andere Bierdeckel, war Geno Smith der sechste Quarterback im Jets-Kader. Wir sind mittlerweile bei fünf, da Tebow wie lange erwartet am Montag gefeuert wurde. Der Tebow-Einkauf letztes Jahr wird ein Mysterium bleiben, der letzte oder vorletzte Bock des ehemaligen GMs Tannenbaum. Tebows Entlassung kostet 1.5 Mio. Cap-Penalty, spart aber insgesamt 1 Mio. Platz unter der Cap ein (Tebow schreibt momentan zirka 2.5M an). Auch Matt Simms können wir als sicheren Streichkandidaten eintragen.

Vielleicht kann David Garrard als Art Mentor fungieren. Garrard geht auf die 40 zu und hat seit gut drei Jahren nicht mehr gespielt. Wenn schon Mentor, kann der Mann auch gleich einen auf Assistenzcoach geben und als solcher eingestellt werden. Greg McElroy ist noch jung und zwar blass, aber keinesfalls so unterirdisch, dass man ihn unbedingt rausschmeißen möchte. McElroys Entlassung käme aber praktisch gratis (nur 32k Cap-Penalty).

Bleibt The Sanchize, Mark Sanchez, der nach vier Jahren Stagnation als komplett verhasst in der Anhängerschaft gilt. Seine Vorstellungen schreien seit zweieinhalb Jahren nach „entlasse! Entlasse!“, aber weil ihm Tannenbaum letztes Jahr einen Deal aufsetzte, wie ihn nur ein Wahnsinniger ausschreiben kann, ist Sanchez nicht schlecht gegen den Rauswurf versichert: Er schreibt 2013/14 mit 12 Mio. Dollar unter der Salary Cap an – ein Wahnsinnspreis, aber nix gegen die Kosten, die seine Entlassung noch vor der Saison kosten würde: Die dead money würde 17 Mio. betragen, also mehr als Sanchez‘ Gehalt!

Jedem ist klar, dass Sanchez nicht die Zukunft ist. Bisher war man davon ausgegangen, dass er aufgrund des idiotischen Vertrags aber zumindest noch eine Saison überleben würde. Nach Geno Smiths Einberufung sind Zweifel angebracht: Sanchez muss sich trotz der dead money-Absicherung Sorgen machen um seine Jobsicherheit. Ein Rauswurf wäre der beste Move für die Jets.

Am günstigsten wäre eine Abschreibung noch vor dem 1. Juni, also keine Verschiffung von dead money in die nächste Saison. Die Jets würden eine Saison 2013/14 in der Hölle durchleben, aber sie hätten in einem Jahr millionenweise Platz unter der Salary Cap (locker 40-50 Mio.) – ausreichend Platz um einen Neustart zu iniziieren, ob mit oder ohne einen Head Coach Rex Ryan.


Ich sehe den Jets-Pick für Geno Smith optimistischer als andere Beobachter. Alle waren der Meinung, dass Smith die Voraussetzungen hat, eine Franchise zu führen, dass er aber Zeit brauche und man von ihm keine Luck’schen Wunderdinge erwarten dürfe. Die Jets verbrannten keine wertvollen hohen Draftpicks für die Wundertüte Geno, sondern den relativ risikofreien Pick in der zweiten Runde. Das ist insofern wichtig, da es immerhin finanziell und medial deutlich weniger heikel ist, einen Quarterback aus der zweiten Runde zu bekommen. Freilich wäre das Jahr Einlernzeit für Geno der beste Fall, aber sofern man nächstes Jahr durchstarten möchte, sollte man Sanchez entlassen und mit dem Rookie Geno in die Saison gehen. Die Offense kann eh nicht mehr unterirdischer werden und wenn alle Stricke reißen, wartet nächstes Jahr eine interessantere Quarterback-Gruppe in den Top-10.

Only God Can Judge

Unter der Woche outete sich der NBA-Center Jason Collins als erster aktiver Sportler in den Big-4 der Profiligen als homosexuell. Die Versuche der Amerikaner, mit diesem Coming Out umzugehen, gestalten sich nicht einfach und wirken stark verklemmt. Zwar unterstützt die Mehrzahl der Prominenten Collins’ Entscheidung in der Öffentlichkeit (es gibt Ausnahmen), aber draußen in den kleinen Ortschaften sieht das anders aus. Ein Beispiel: Der ehemalige NFL-Safety Leroy Butler (Green Bay Packers) sollte eine Rede in seiner Kirchengemeinde halten. Aber lesen Sie selbst:

Haben die Minnesota Vikings richtig gehandelt?

Die Minnesota Vikings haben am Donnerstag die dicken Klöten ausgepackt und als erstes Team seit Äonen gleich drei Erstrundenpicks gedraftet. Zwei hatten sie bereits vor dem Donnerstag gehalten (#23 und #25 für den Harvin-Trade), ein dritter kam ganz am Ende hinzu, als sie sich den 29ten Pick von den New England Patriots kauften, um WR Cordarelle Patterson einzuberufen. Der Gegenwert: Pick #52 (Runde 2), Pick #83 (Runde 3), Pick #102 (Runde 4) und Pick #229 (Runde 7).

Die Vikings holten sich mit den Picks Patterson, DT Sharrif Floyd und CB Xavier Rhodes – allesamt Spieler, die im unteren Drittel der ersten Runde als „guter Value“ eingestuft werden und die Needs der Vikes stopfen. Aber war der Trade rational betrachtet eine gute Entscheidung?

Case Massey präsentierte auf der Sportkonferenz auf der SLOAN (MIT), einer Tagung der amerikanischen Mathleten, das Ergebnis einer Studie über den Zeitraum 1991-2004, das prinzipiell zwei Dinge besagt:

  • Ja, die Prospects in den frühen Draftrunden werden bessere Spieler als jene in den späteren Runden.
  • Zwischen den 32 Teams aber gibt es kaum Unterschiede in der Effizienz, der Qualität der Spieler, die die Teams draften.

Letzteres mag überraschen. Andererseits aber auch nicht: Der Draft ist ein relativ geschlossenes System, in dem alle Teams mehr oder weniger die gleichen Zugänge haben (Tapes, Combines, Pro Days) und mehr oder weniger die gleichen Informationsquellen (Scouting-Netzwerke, Interviews). Dazu kommt der schwer prognostizierbare Prozess am Draftwochenende, mit etlichen unkontrollierbaren Faktoren („hab keinen Tau, ob das Team vor mir meinen Favoriten vor der Nase wegschnappt“).

Das heißt im Umkehrschluss: Teams, die mal zwischendurch bedeutend besser draften, sind in erster Linie glücklich. Teams, die mal schlecht draften, hatten hauptsächlich Pech. Und es ist was dran: Gute Draft-Teams werden immer und immer wieder plötzlich zu schlechten und umgekehrt. Auch schlechte Front-Offices zaubern immer mal wieder einen sensationell guten Draft aus der Tüte. Indianapolis mutierte unter GM Bill Polian von einem Tag auf den anderen von einer der besten zur vielleicht schlechtesten Draft-Organisation. Dito San Diego unter GM Smith. Belichick war vor zehn Jahren das Genie, produzierte dann fünf Drafts nur Müll.

Wenn wir – dank Masseys Studie kann man sagen: richtigerweise – davon ausgehen, dass Erfolg und Misserfolg eines Draftpicks größtenteils dem Zufall zuzuschreiben ist, ist die beste Strategie einer Mannschaft, möglichst viele Picks zu sammeln, denn: Zweimal 1/10 Chance ist besser als einmal 1/7 (denn 2/10 oder 1/5 > 1/7).

Ich wette, viele im Scouting ist verbesserungswürdig (zum Beispiel die Entwicklung einer Franchise-eigenen Spielphilosophie und das Abstellen der hire and fire-Mentalität in den Scoutingabteilungen). Aber wenn alle 32 Teams so weiterwursteln wie bisher, macht es Bill Belichick am besten: Macht per Trade einen 1st rounder zu drei bis vier Picks in der zweiten bis vierten Runde und kann sich zwei komplette Flops erlauben und steht am Ende immer noch besser da als vorher.

Insofern: Natürlich kann Patterson wie eine Granate einschlagen. Aber man vergesse nicht die Opportunity Costs der verkauften Picks und auch nicht, dass man seine Chancen am meisten dann verbessert, wenn man viele mittelhohe anstelle von wenigen hohen Picks sammelt. Die beobachteten Daten (s. oben verlinkte Massey-Studie) sprechen eine klare Sprache.

Ich schrieb schon mal auf diesem Blog, dass das von vielen Franchises benützte Jimmy-Johnson-Rechenmodell ein längst überholtes ist, da es die hohen Picks massiv überschätzt, und die klügeren Teams längst andere Modelle benutzen. Chase Stuart zum Beispiel kreierte ein Modell, das den Karrierewert von Draftpicks besser annähert. Den Trade gewannen *Überraschung* die Patriots um Längen (ROI: 159% für die Pats!).

Fazit: Minnesota machte rational betrachtet einen Fehler auf vielen Fronten.


Sie auch: Advanced NFL Stats mit dem ursprünglichen Kommentar zur Massey-Studie und HardCount Blog, wo Flo Zielbauer heute Nachmittag einen Artikel veröffentlichte, der die Gegenseite vertritt, vor allem mit dem Argument der limitierten Roster Spots. Wie schon geschrieben: Der zum Exzess getriebene Trade nach unten ist nicht ratsam, da die hohen Picks höheren Wert besitzen. Aber alle empirischen Daten deuten im Falle des Patriots/Vikes-Trade darauf hin, dass Belichick Spielman/Frazier übern Tisch gezogen hat. Cordarrelle Patterson legt mal besser eine deutlich überdurchschnittliche Karriere für einen 29ten Draftpick hin.

Edit 6. Mai 2013: Die Angaben zur Sportkonferenz stimmten ursprünglich nicht. Die SLOAN ist natürlich die Business-School des MIT und nicht die Konferenz selbst. Danke an Leser Ben für die Korrektur.