Philadelphia Eagles 2016: Graue Maus und Grauer Bär

Der NFL-Weg nach einem gescheiterten Trainer-Experiment ist meistens derselbe: Such dir irgendwas Neues, was charakterlich oder philosophisch nicht dem Alten ähnelt. Also Offense nach Defense. Oder Player-Coach nach Disziplin-Nazi. Im Fall der Philadelphia Eagles reden wir vom zweiten Fall. Wir reden vom Nachfolger von Chip Kelly. Weiterlesen

Angriffig: NFL-Trainerkarussell 2016

Die NFL kennt in Sachen Trainerneueinstellungen keinen Trend. Sie kennt nur hopp oder topp. 2013 war ein Jahr voller Offense-Einstellungen, 2015 mit vielen Defense-Einstellungen, 2014 war recht ausgeglichen. In diesem Jahr gibt es nur Offense: 7/7 der neu bestellten Coaches haben einen Offense-Hintergrund. Der einzige der sieben neu Eingestellten, der mal in der Defense gearbeitet hat, ist Chip Kelly, der Anfang der 1990er mal Defensive Backs an der Highschool trainiert hat. Weiterlesen

Black Monday 2016

Hiermit schalte ich den Eintrag zum Black-Monday 2016 frei. Eventuell wird der Eintrag im Lauf des Tages aktualisiert.

Quellen? Ich hab nicht die Zeit um alles artgerecht zu verlinken. Die meisten News habe ich von den üblichen Verdächtigen: Ian Rapoport oder Adam Schefter. Weiterlesen

Coaches und GMs im AFC-East-Karussell

Nach dem alljährlichen black monday gab es etliche offene Trainer- und GM-Stellen. Die meisten sind nun besetzt. Werfen wir einen Blick auf die AFC East, in der es nur wenige neue, dafür viele alte Gesichter gibt. Weiterlesen

Der neue Weg der Washington Redskins

Die Washington Redskins haben vergangene Woche ihren neuen General Manager vorgestellt, und es ist ein Mann, bei dem das Prädikat „interessant“ ein Understatement sein dürfte: Scot McCloughan, ein Mann, der die Geister scheidet. Weiterlesen

Die Lupe auf das Trainerkarussell im College Football gerichtet

Der prominenteste zu besetzende Trainerposten der heurigen Offseason war zweifellos jener der University of Florida, wo der rabiate Schreihals Will Muschamp nach vier überwiegend enttäuschenden Jahren abgesägt wurde. Muschamp scheiterte in Gainesville letztlich an einer unterirdischen Offense, ohne die man sich mit viel Glück anno 2011 zu einer BCS-Bowl durchbeißen konnte, aber zuletzt zweimal en suite böse abschmierte. Weiterlesen

Trainerkarussell 2014: Ken Whisenhunt, Tennessee Titans

Lass uns mal den neuen Head Coach der Tennessee Titans unter die Lupe nehmen: Ken Whisenhunt.

Whisenhunt soll nach diversen Medienberichten auch ein Kandidat bei den Detroit Lions gewesen sein, weswegen ich ihn schon vor einigen Wochen genauer unter die Lupe genommen habe. Vom Gefühl her war „Whiz“ nicht mein Lieblingskandidat. Jetzt ist er bei den Titans untergekommen.

Whisenhunt ist extrem schwer in ein Schema zu pressen. Er war als Assistenzcoach, Coordinator und Alleinverantwortlicher enorm erfolgreich (brachte den Cardinals einen ewigen Underdog in die Superbowl), war aber auch verantwortlich für einen üblen Kollaps in Arizona. Aber der Reihe nach.

Whisenhunt war vor zehn Jahren Positionstrainer für Tight Ends in Pittsburgh, wurde 2004/05 zum Offensive Coordinator befördert (sein Vorgänger Mularkey hatte damals einen Cheftrainersessel in Buffalo bekommen). Whisenhunt war mit verantwortlich für die Entwicklung von Ben Roethlisberger. Er installierte ursprünglich die später gewohnte downfield-Offense der Steelers. Roethlisberger war schon als extrem junger Spieler sehr effizient: 7.4 NY/A und 7.8 NY/A in seinen ersten beiden Jahren in der NFL sind sensationelle Werte!

Pittsburghs Offense war damals nicht so passlastig wie in späteren Jahren gewohnt, ja sie war vielleicht sogar noch immer eine auf dem Laufspiel basierende Offense, aber es gebührt Whisenhunt großes Lob, dass er aus einem Rookie solch fassungslose Effizienz-Stats herauspressen konnte – und sei es „nur“ in einem Passspiel, das gelegentlich mit effizienten Plays den GamePlan unterstützte. Zum Vergleich: Ein Peyton Manning hat heuer auch 7.8 NY/A zustande gebracht. Zwar in viel mehr Passversuchen und als Hauptlast der Offense, aber es ist ja auch nur ein Zahlenvergleich.

Whisenhunt wurde 2007 Headcoach der Arizona Cardinals. Dort hatte er es mit einem QB-Jungspund zu tun, der erst ein Jahr zuvor vom Vorgänger-Regime gedraftet wurde, und der nicht in sein Konzept passte: Matt Leinart. Ein wurfschwacher Schönling, der keine Lust hatte seinen glamourösen Lebensstil aufzugeben. Whisenhunt hatte die Schneid, den QB-Oldie Kurt Warner Leinart vorzuziehen, und erreichte mit Warner 2008/09 die Superbowl. Arizona hatte damals kein überragendes Team, aber in einer schwachen NFC West reichte es zu mittelmäßigen Bilanzen, plus ein Ravens-artiger Playoff-Lauf. Aber nicht vergessen: Es war Arizona. Dort waren über etliche Jahrzehnte alle Coaches gescheitert, auch welche mit mehr und größeren Vorschusslorbeeren.

Warner trat nach der Saison 2009/10 zurück, und Arizona stürzte ab. Man macht heute viel davon an Whisenhunt fest. Aber eines muss man Whisenhunt lassen: Er hatte die Schneid, Leinart, den er als ungeeignet für seine Vorstellungen von Football erachtete, zu feuern. Nein, Whisenhunt bekam sein QB-Problem nach Warner nie gelöst. Aber was wären seine Optionen gewesen? 2010 gab es keinen würdigen QB im Draft (ok, Tebow…), 2011 war Newton schon vom Tablett, 2012… Russell Wilson hatte niemand viel zugetraut. Die richtigen Stars bekam Whisenhunt nie zu greifen.

Whisenhunt bekam aber mehr als die QBs nicht mehr in den Griff; es war auch die Offense Line. Die Cardinals ignorierten dieses Problem viele Jahre lang. Warner konnte es kaschieren. Durchschnitts-QBs wie Kolb, Skelton oder Hall sahen kein Land.

Whisenhunt ging nach San Diego und arbeitete dort an der Seite von Mike McCoy als OffCoord. Das Resultat ist verblüffend: Die Chargers-Offense ist ein Jahr, nachdem sie abgeschrieben war, wieder eine der drei besten der Liga. QB Philip Rivers sah aus wie in seinen besten Tagen. Ich meine: Der Vorgänger dort war in Norv Turner keiner, der nix von Offense versteht. Die Chargers-Offense ist mit das verblüffendste, das es dieses Jahr zu sehen gab.

Es gibt viele Anzeichen, dass Whisenhunt mit adäquatem Material viel herausholen kann. Er half Pittsburghs, genügend Offense zu kreieren, um die Superbowl zu gewinnen. Er brachte Arizona ins Endspiel. Er hatte 2011 eine mehr als konkurrenzfähige Cards-Truppe unter seinen Fittichen, die NFL-untaugliche Gurken auf QBs durchschleppen musste.

Damit ist das Urteil über ihn schnell geschrieben: Gib ihm einen adäquaten Quarterback, und er wird dich zu großem Ruhm führen. Ist es so einfach? Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist, dass Whisenhunt mit tauglichen QBs Großartiges erreicht hat. Fakt ist, dass Leute wie Kolb, Skelton, Leinart auch andernorts nix gerissen haben. Das einzige, das man ihm nachsagen könnte: Hat er zu stur an „seiner“ Offense festgehalten? Auf der anderen Seite: Alle Whisenhunt-Offenses haben als wichtiges Element ein tiefes Spiel zumindest in Spurenelementen. Leinart, Kolb oder Max Hall hatten bei weitem nicht den Wurfarm um die tiefen Bomben raketenscharf anzubringen.

Für vereinzelte tiefe Spielzüge an sich brauchst du keine Granate von Wurfarm. Aber sie hilft dir, und sie ist essenziell, wenn du ein vertikales Element als integralen Bestandteil zum Funktionieren deiner Offensiv-Ideen brauchst. Leute wie Leinart werfen zu langsame Bälle, zu hoch fliegende. Bogenlampen. Die werden dir abgefangen in der heutigen NFL. Du musst sie flach und scharf werfen. So wie QB Jake Locker in Tennessee. Locker hat einen extrem guten Wurfarm, dem allerdings die letzte Präzision abgeht. Locker galt zwei Jahre lang als stagnierendes Talent, bis er in der abgelaufenen Saison 2013 plötzlich einen großen Sprung nach vorn machte.


Whisenhunt gab in seiner ersten Pressekonferenz kein eindeutiges Statement pro Locker ab. Locker soll allerdings in der Titans-Organisation bei GM Ruston Webster ein gutes Standing genießen. Allerdings darf man auch festhalten, dass Whisenhunt im NFL-Draft 2011 als Cards-HC Locker mit den fünften Pick hätte ziehen können, aber die Cards zogen damals CB Patrick Peterson vor. Alles in allem wäre man aber schon überrascht, wenn Locker sofort abgesägt wird.

Whisenhunt will in Tennessee als Play-Caller in der Offense fungieren, was den neuen OffCoord Jason Michael, den er aus San Diego mitbrachte (Michael war dort TE-Coach), in realiter zu einer Art Assistenten für die OffCoord-Position verkommen lässt.

Für die Abwehr hat sich Whisenhunt den DefCoord der Cleveland Browns, Ray Horton, der schon sein DefCoord in Arizona war, geholt. Eine Wahl, die einiges verspricht. Horton hatte in Arizona eine der besten, meist unterschätzten Defenses unter seinen Fittichen. In Cleveland? Auch. Aber was erstaunte: Whisenhunt sprach in seiner ersten Pressekonferenz davon, auf keinen Fall eine 3-4, 2-gap Defense spielen zu wollen. Genau dafür aber steht und stand Horton schon immer. Vielleicht wird es eine lässige 2-4-5 Defense, die man der Cards-Defense von Horton unter der Hand auch schon nachsagte.

Wird auf alle Fälle eine interessante Zeit. Whisenhunt ist bekannt dafür, den „Steeler-Way“ zu gehen und nie allzu kurzfristig zu denken. Er möchte Stabilität und Kontinuität. Das hatten die Titans nun viele Jahre lang, erst unter Jeff Fisher und dann unter dessen Nachfolger Munchak, aber Whisenhunt ist der erste, der wirklich gewillt sein wird, eine echte Pass-Offense aufzuziehen.

Wer sollte Coach des Jahres 2013/14 werden?

Der Award „Coach des Jahres“ verhält sich in der NFL anders als alle anderen Awards. Denn während der NFL MVP oder Rookie-des-Jahres Preis tatsächlich an den Spieler vergeben werden, der nach common sense die beste Saison hatte (wie auch immer das definiert sein mag), so wird der Coach-Preis für gewöhnlich an den Coach gegeben, der an ihn gehegten Erwartungen vom Sommer am meisten übertrifft.

Die Wildcard gleich zu Beginn geht an John Fox von den Denver Broncos. Fox ist manchmal etwas nervtötend, weil er so konservativ ist, aber man kann ihm eines nicht absprechen: Dass seine Mannschaften nicht souverän spielen. Sie tackeln sicher. Sie begehen zwar Strafen, aber nicht viele Phantom-Tackles. Trotzdem spricht es Bände, dass der Coach, der seine Mannschaft dieses Jahr in die Superbowl geführt hat (Fox schaffte das schon vor zehn Jahren mit den Panthers), eigentlich kaum Presse. Denver wird als Peyton Mannings Team wahrgenommen. Aber allein mit Manning fährst du nicht in die Superbowl. Was Fox allerdings in dieser Liste knapp raus schießt: Er verpasste vier Spiele im November mit Herzproblemen. Klingt makaber, aber es gibt heuer genügend gute Coaching-Leistungen, dass ich das mal als Entschuldigung her ziehe. Ebenso knapp draußen: Sean Payton und Jim Harbaugh. Würde ich eine Top-10 Liste machen, zwei dieser drei hätten sie komplettiert.

#8 Andy Reid (Kansas City Chiefs)

Die Chiefs drehten ihre Bilanz innerhalb eines Jahres von 2-14 und Top-Draftpick auf 11-5 und Playoff-Qualifikation. Sie sind damit das zweite Team in Folge, dem das gelang (2012 schaffte es Indianapolis), und damals gewann der Colts-Headcoach den offiziellen Award. Andy Reid ist einer der Topfavoriten in diesem Jahr. Aber Hand aufs Herz: Reids Job war relativ einfach. Er fand zu seiner Einstellung vor einem Jahr einen Kader mit etlichen Pro Bowlern und vielen ehemals hohen Draftpicks vor, dem nur zwei Dinge abgegangen waren: Quarterback und Coaching. Zufällig sind das die wichtigsten Dinge im Football. Zufällig waren die Chiefs in diesen Bereichen nicht bloß schlecht, sondern unterirdisch.

Reid kam, und musste „nur“ zwei Dinge verändern. Er holte sich QB Alex Smith aus Kansas City. Es war wie erwartet das einflussreichste QB-Upgrade des Jahres. Und natürlich Reid selbst. Die Chiefs waren nicht besonders effizient nach Downs (Power-Ranking: untere Tabellenhälfte), aber weil sie mit der risikolosen Spielweise kaum Turnovers begingen, landeten sie doch bei 6.1 Punkten über Durchschnitt im SRS (#7 der Liga) und bei einem hervorragenden Pythagorean von 11.2 Siegen (#5 der Liga).

#7 Mike McCoy (San Diego Chargers)

Die Auswahl von Mike McCoy ist weniger ergebnisgetrieben als sie nach dem kurzen, aber doch überraschenden Playoff-Lauf aussieht. Ich hatte McCoy schon Ende November ganz weit oben auf meiner Short-List, und ich glaube, dass er einen echt guten Job als Rookie-Coach bei den Chargers gemacht hat.

Das Auffälligste an seinem Wirken war die Revitalisierung einer Chargers-Offense, die zuletzt nichtmal mehr Norv Turner formen konnte. Es war nicht bloß eine „gute“ Chargers-Offense 2013/14. Es war eine fantastische. Eine Offense Line bestehend aus Rookies und längst abgeschriebenen Altstars war gut genug um landesweit Aufmerksamkeit zu erregen. Ein QB Rivers blühte auf. Leute wie RB Mathews, der schon als Bust abgeschrieben war, gehörten plötzlich zu den ligaweit besten auf ihren Positionen. Rookie-WR Keenan Allen kam aus der dritten Runde und war per Knopfdruck einer der besten Wide Receivers in der NFL.

Ich glaube, man kann McCoy nicht daran aufhängen, dass die Defense so lange so absurd war; sie war schließlich unterirdisch besetzt. Es gibt personell keine NFL-Defense, die weniger an Spielermaterial hatte. Der einzige Verteidiger von NFL-Format, OLB Ingram, war fast die ganze Saison auf der Verletztenliste. Trotzdem wurde um dieses Problem herum gewerkelt, und in den letzten Wochen hatte San Diego dann sogar eine zumindest brauchbare Defense, und prompt ging es in die Playoffs.

Ein insgesamt sehr guter Job von McCoy, dessen Mannschaft momentan in den Top-10 des Power-Rankings rangiert. Die nach SRS 2.7 Punkte besser als der Liga-Durchschnitt ist. Der mit einem guten GamePlan auswärts ein Superbowl-Kaliber schlagen konnte (Cincinnati). Der am Ende aber ein Playoffspiel in Denver abschenkte, weil man zu lange zu starr an seinem längst gescheiterten Plan fest hielt.

#6 Bruce Arians (Arizona Cardinals)

Der amtierende Coach des Jahres. Arians gewann 2012 in Indianapolis als Interimscoach, ging aber im Anschluss daran zu den Arizona Cardinals um sich ca. 60jährig doch noch erstmals als Head Coach zu versuchen. Ich geben zu, ich war skeptisch. Aber Arians schaffte das, wofür er geholt wurde: Die Offense um QB Palmer beging zwar viele Turnovers, aber sie war immerhin wettbewerbsfähig genug um den schlafenden Riesen Arizona zu wecken.

Remember: Die Cards-Defense war schon in den letzten Jahren großartig gewesen; Arians‘ Coaching-Stab konnte den Level auch nach Abgang von DefCoord Horton sogar noch eine Stufe höher schrauben. Der Schlüssel aber war die Offense: QB Palmer warf zwar 22 INTs, aber er erlebte zumindest annähernd sowas wie einen dritten Frühling, als dass er Pässe für mehr als 6.5 NY/A an den Mann brachte – ein Wert, der Welten besser ist als alles was die Cards die letzten Jahre hatten.

Arizona war eines der besten und gefürchtetsten Teams der Liga in den letzten Wochen; niemand hätte gerne gegen die Cards in den Playoffs gespielt (sie verpassten diese trotz 11-5 Bilanz in der bockstarken NFC-West). Platz 7 im Power-Ranking, Platz neun im Pythagorean, Platz sechs im SRS: Das war ein komplettes Team.

Er formte WR Michael Floyd zur NFL-Tauglichkeit. Er machte die Offense zumindest glaubwürdig. Allein die viel zu geringe Einsatzzeit für den sensationellen Rookie-RB Ellington sowie ein katastrophales Game-Management (Field Goal bei -18?) gegen Seattle ziehen das Gesamtbild Arians‘ runter.

#5 Marv Lewis (Cincinnati Bengals)

Marv Lewis ist die graue Maus unter den NFL-Coaches: Ein stilles, schwarzes Männlein im leisesten Markt der Liga in Cincinnati, wo sich die eigene Bevölkerung nicht um die Mannschaft schert, weil sie den Owner hasst. Dieser Owner ist Mike Brown, und Mike Brown war vor drei Jahren nach dem Ende eines 4-12 Kollapses und zerbrochener Träume schlau genug um Marv Lewis nicht bloß nicht zu entlassen, sondern ihm sogar eine Vertragsverlängerung mit Kompetenzen-Zuwachs zu verschaffen. Als Resultat gibt es seither bis auf vielleicht Belichick in New England keinen Head Coach in der Liga, der ein breitere Themenfeld abdeckt als Marv.

Marv hatte 2013 sein bisher bestes Produkt auf dem Feld: Die Bengals gewannen mit 11-5 Siegen die AFC North und beendeten die Regular Season an #4 im Power-Ranking. Sie beendeten das Jahr mit nur 305 Gegenpunkten, fünftbester Wert der Liga. Und das, obwohl die beiden wichtigsten Spieler der Abwehr, DT Geno Atkins und CB Leon Hall, sich beide schon in den ersten zwei, drei Wochen verletzt in den Winter verabschiedeten. Einiges an der Defense-Arbeit mag an DefCoord Mike Zimmer liegen, und Zimmer konnte das kürzlich in seinen verdienten ersten Cheftrainerposten (in Minnesota) ummünzen.

Marv Lewis hat sich als quasi-GM einen famosen Kader zusammengestellt – und das ohne echte Free-Agency Aktivität. Er hatte das Team in hohen Höhen trotz eines mittelmäßigen QB um den herum gebastelt werden musste. Schade, dass die Saison letztlich so seelenlos gegen San Diego zu Ende ging.

#4 Chip Kelly (Philadelphia Eagles)

Die größten Befürchtungen erwiesen sich als nicht angebracht, zumindest nicht im ersten Jahr: Chip Kellys Offense hatte einen guten Einstand in der NFL. Er schaffte es, viele Konzepte seiner äußerst ansehnlichen Oregon-Ducks Offense in der NFL erfolgreich zu implementieren, und er schaffte es, obwohl er seinen Quarterback wechseln musste.

Nick Foles hatte ein extrem gutes Jahr als QB-Notnagel und als QB-Typ, der eigentlich alles andere als zum „klassischen“ Chip-QB taugte. Foles hat Limitierungen, die ihn möglicherweise eine Karriere als legitimer Franchise-QB kosten werden, aber Chip baute um ihn herum eine doch sehr ansehnliche Offense. Die Offense wurde nach seinen Vorstellungen zusammengestellt: Draften von massiven Offense Tackles, Draften von groß gewachsenen Tight Ends usw. Das ist Chip-Football par excellence, und es funktionierte.

Die Defense war bestenfalls unteres Mittelmaß, aber Chip musste auch erstmal mit einem Spielermaterial arbeiten, das für eine andere Art von Abwehr (die 4-3 Defense) gebaut war. Via Free-Agency wurden einige bessere Backups wie Sopoaga oder Cary Williams verpflichtet, aber mehr war in einer einzigen Offseason noch nicht drin.

Kellys Eagles sind im Efficiency-Ranking (Power-Ranking) die #5 der Liga. Das SRS ist okay, aber nicht überragend (1.9 Punkte über NFL-Schnitt). Die 10-6 Bilanz in der Regular Season ist es – zumindest gemessen an den Erwartungen, die den Eagles ca. ein 7-9 oder 8-8 prognostiziert hatten. Mische Kellys vergleichsweise aggressives Coaching in 3rd-Downs und 4th-Downs mit rein, wird die Coaching-Leistung noch besser. Verbesserungswürdig ist sein Handling mit der roten Flagge sowie war das eine oder andere Auszeiten-Ziehen suboptimal, aber es reicht locker für einen verdienten vierten Platz – aber nicht zu einer Medaille.

#3 Pete Carroll (Seattle Seahawks)

Pete Carroll hat in Seattle eine Mannschaft nach seinem Antlitz geformt. Das ist bemerkenswert, weil es so wenigen Coaches gelingt. Das geht nicht ohne ein Quäntchen Glück (wie z.B. die Glücksgriffe wie Chancellor oder Sherman, oder aber auch QB Wilson), aber du musst trotzdem eine funktionierende Einheit basteln.

Carrolls Seahawks von 2013 strahlen nicht mehr diesen Begeisterungsfaktor aus, der sie letztes Jahr berühmt machte, aber dafür sind sie insgesamt noch solider, tiefer besetzt und gehen zumindest nicht als Außenseiter in die Super Bowl.

Seattle beendete die Regular Season mit 13-3 Bilanz. Normalerweise ist eine 13-3 Bilanz ohne etwas Glück nicht leicht erreichbar, aber der Pythagorean behauptet, Seattle habe die Performance einer Mannschaft erbracht, die im Schnitt 12.9 Spiele gewinnt. Das ist nur ein Jota unter der schwarzen Zahl. Seattle ist die #1 im Power-Ranking. Seattle ist die #1 im Simple Ranking System mit 13.0 Punkten über NFL-Schnitt.

Die Seahawks waren das dominanteste Team des Jahres, und sie sind nach dem Abbild des ehemaligen Defensive-Backs Coaches Pete Carroll gebaut. Die große Stärke ist die Legion of Boom, die Secondary, in der Carrolls Schützlinge Earl Thomas und Richard Sherman Angst und Schrecken verbreiten.

Carroll hätte zwingend schon im letzten Jahr den Coach-des-Jahres Preis gewinnen müssen. Dieses Jahr gibt es aber zwei Kandidaten, die ich knapp vor Carroll sehe.

#2 Bill Belichick (New England Patriots)

Letzte Woche wurde ich im Podcast bei den Sofa-Quarterbacks um eine Einschätzung zu Bill Belichick gefragt, und ich kann das, was ich dort verzapfte, nur noch einmal wiederholen: Man hat sich an die Größe Bill Belichicks gewöhnt, so sehr, dass eine erneute 12-4 Saison des alten Mannes keine Sensation mehr ist. Es gibt keinen besseren Coach da draußen. Vielleicht gab es noch nie einen so guten Coach da draußen. Vielleicht ist Belichick der beste NFL-Headcoach aller Zeiten. Aber man registriert es gar nicht mehr. Belichick ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Drei Superbowl-Siege sind das eine. Viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es Belichick in einer Ära, in der alles auf Gleichheit getrimmt wird, jedes verdammte einzelne Jahr ein Produkt aufs Feld schickt, das um den Titel mitspielt. Ohne Unterbrechung. Belichick verpasste seit seinem ersten Titel 2001/02 nur zweimal die Playoffs – beide Male mit Winning-Record. Einmal davon mit 11-5 Bilanz und Durchwursteln mit einem Quarterback, von dem nie zuvor jemals jemand was gehört hatte (Matt Cassel war sogar am College nur Backup gewesen).

Belichick erfindet sich jedes Jahr von neuem. Aber 2013 mag sein bisher markantestes gewesen sein. Eine Offense, die nach einer Lawine an schlechten Nachrichten in der Offseason und anfänglichen Schwierigkeiten durchaus wieder phasenweise exzellente Spiele hatte. Eine Defense, die bis zum Zuschlagen des Verletzungsteufels mit einem Male wieder Top-Team würdig war. Ein konstant wandelnder GamePlan, der um diese Probleme herum dokterte.

Am Ende war New England ein Top-10 Team nach Effizienz, was angesichts der Kaderqualität bemerkenswert ist. New England war 5.9 Punkte besser als der Durchschnitt nach SRS (#8der Liga). #8 nach Pythagorean. 12-4 Siege, und es hätten je nach Ausgang einiger Zufalls-Plays in den letzten Sekunden auch 10 oder sogar 14 sein können. Das müsste eigentlich reichen für den COTY, aber…

#1 Ron Rivera (Carolina Panthers)

Ich löse mein Versprechen ein und küre den Coach, der wie kein anderer für die neue Welle an aggressiven (besser: rational richtigen) 4th-Down Calls stand: Riverboat Ron. Ron Rivera ist mehr als die paar 4th-Downs. Ron Rivera war der Hauptgrund, weswegen die Carolina Panthers in der vorangegangenen Saison 2012 so „schlecht“ abschnitten: Wegen seines üblen „in-Game Managements“. Dass Rivera aus einem Schrotthaufen von Mannschaft, die er 2011 übernommen hatte, innerhalb von kürzester Zeit eine titelfähige Mannschaft gebastelt hat, habe ich nie abgestritten; Carolina hatte schon 2012 eine Superbowl-fähige Mannschaft, aber einen Top-Draftpick würdigen Coach.

Rivera war der Hauptgrund, besser: der alleinige Grund, weswegen ich Carolina im Sommer knapp außerhalb der Playoffs gesehen hatte. Bei allem Respekt für seine sicherlich exzellente Trainings- und Vorbereitungsarbeit, aber er hatte sie so oft mit inaktzeptablen in-Game Entscheidungen negiert, dass diese kein Zufall sein konnten. Weil Menschen Gewohnheitstiere sind und sich – wenn überhaupt – nur seeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr langsam ändern, hatte ich Rivera bereits als hoffnungslosen Fall abgeschrieben.

Woche 2 gegen Buffalo, und Rivera machte nahtlos weiter mit seinem „Punt in 4th-und-kurz“. Resultat: Zwei Saison-Pleite im zweiten Spiel.

Aber dann muss sich etwas bei Rivera getan haben, denn quasi über Nacht mutierte Rivera vom konservativsten Head Coach der NFL zu einem, der 4th-Down auf 4th-Down auf 4th-Down ausspielen ließ und damit mehr als eine Partie zu Gunsten seiner Mannschaft drehte. Carolina war am Ende 12-4, in etwa die Bilanz, die die Panthers schon 2012 hätten einfahren müssen. Man war ein Top-8 Team nach Effizienz-Stats. Man war die #4 der Liga im SRS mit 9.1 Punkten über Liga-Schnitt. Man stellt mit 11.7 Siegen das drittbeste Team nach Pythagorean.

Und mehr: Die Panthers funktionieren mittlerweile wie eine Mannschaft nach Riveras Vorstellungen: Massive Front-Seven, okayes Defensive Backfield. Rivera und sein Staff machten in der Offseason genau die richtigen Moves um den letztjährigen Underachiever zu upgraden. Das größte Upgrade aber war Rivera selbst – und das verdient ihm den Sideline Reporter Coach oft he Year 2013/14 Award.

Der neue König der Löwen: Jim Caldwell

Kein Blick einer Raubkatze: Jim Caldwell

Kein Blick einer Raubkatze: Jim Caldwell

Zu sagen, dass die Ernennung von Jim Caldwell in Lions-Fankreisen „Entsetzen“ ausgelöst hätte, würde den tatsächlichen Geschehnissen nicht gerecht werden. Es ist viel besser mit Galgenhumor beschrieben, oder Resignation. „Same old Lions“ war das Schlagwort. Was habe man schon anderes erwarten können. Die Franchise schaffe es doch immer, das Falsche zu machen, und wenn man auch nicht in der Offseason gewinnt, so sei es doch bezeichnend, dass es Detroit sogar schaffe, es auch in der Offseason zu verbocken. Meine paar Cents dazu.

Jim Caldwell ist den meisten Fans von seiner dreijährigen Zeit als Head Coach der Indianapolis Colts bekannt, die er von 2009 bis 2011 als auserwählter Nachfolger von Tony Dungy coachte. Seine Bilanz in den drei Jahren dort: 26-22 Siege in der Regular Season, 2-2 in den Playoffs. Was man Caldwell dabei ankreidet: Er habe die Mannschaft sukzessive schlechter gemacht: Von 14-2 und Superbowl auf 10-6 und Playoff-one and done, auf 2-14 und Top-Draftpick.

Wie viel an der Kritik berechtigt ist, ist schwierig zu beurteilen. Caldwell führte auf alle Fälle die Colts in der Saison 2009/10 in ungekannte Höhen. Diese Mannschaft war eine der bizarrsten der letzten 10-15 Jahre: Sie begann die Saison mit 14-0 Siegen und stand kurz vor der dritten Perfect Season der modernen NFL-Geschichte. Dann nahm Caldwell in Woche 15 bei Führung gegen die Jets seine Stammspieler runter um keine Verletzungen zu riskieren. Als Folge wurden die letzten beiden Spiele abgeschenkt. Trotzdem war das ein 14-2 Team. Aber seine pythagoreische Erwartung war relativ schlecht: 10.9 Siege. Ein Punkteverhältnis von 416-307. Extrem viele knappe und sehr knappe Siege.

Auf der anderen Seite: Ihre Play-by-Play Effizienz-Stats waren gigantisch: Indianapolis dominierte damals das Power-Ranking nach Strich und Faden, viel überlegener als es z.B. die Seahawks heuer waren. Man schloss zwar nur als #5 ab, aber darin sind die abgeschenkten Spiele inkludiert. Die Stamm-Elf fuhr in 14 Spielen einen .810 Wert ein, ein Wert, der nur von den Patriots 2007 geschlagen wird.

Ein Jahr darauf zeigten sich immer mehr Klüfte. Die Colts gewannen nicht mehr alle knappen Spiele, Offense und Defense kassierten erste Risse, man flog im ersten Spiel gegen die Colts raus, u.a. wegen eines verblüffenden Timeouts, das Caldwell wenige Sekunden vor Schluss nahm. Ich war damals im Liveblog entsetzt.

In seinem dritten Jahr der Kollaps: 2-14. Es war allerdings die Saison, in der die Colts auf den nackenverletzten Peyton Manning verzichten mussten, und mit QBs wie Orlovsky oder Painter ging natürlich nix. Man kann Caldwell zum Vorwurf machen, nix aus der Situation gemacht zu haben, oder man kann darauf verweisen, dass es dort trotz zwischenzeitlichem 0-13 Start und der reellen Gefahr, die neuen Lions zu werden, ruhig blieb. Caldwell hatte den Laden soweit unter Kontrolle, dass nicht Woche ein, Woche aus schmutzige Wäsche gewaschen wurde. Seine Teams zogen bis auf eine Ausnahme (das berüchtigte Saints-Spiel) bis zum Ende durch und ließen sich nicht abschlachten wie das Opfer auf der Bank.

Caldwell war zuvor Head Coach bei Wake Forest am College in der ACC gewesen. Seine Bilanz dort: 26-63 Siege. Für Wake-Verhältnisse nicht unterirdisch, aber es gibt Coaches, die später mehr aus Wake gemacht haben.

Er ging nach Indianapolis und war in den 2000ern der Lieblingsassistent von Tony Dungy. Dungy wählte Caldwell schließlich als seinen Nachfolger bei den Colts eigenhändig aus. Dungy war es auch, der Caldwell den Lions empfohlen haben soll.


Soweit das, was Caldwell an Resultaten als Head Coach vorzuweisen hat. Über seinen Stil ist nicht viel bekannt. Er ist ein stilles Männlein, schüchtern und zurückgezogen, und gegen seine Statements auf Pressekonferenzen ist ein Belichick der reinste Redeschwall.

Sein Coaching-Stil ist relativ unbeschrieben. Er arbeitete in Indianapolis nicht als eigentlicher Coordinator, sondern viele Jahre als assistent head coach. Dungys Verwalter. Erst in Baltimore trat Caldwell wieder als Coordinator in Erscheinung, in den letzten Wochen der Saison 2012/13, als er kurz vor Weihnachten den geschassten OffCoord Cameron ersetzte und der Ravens-Offense vorstand. Geändert wurde am Gameplan für meine Begriffe relativ wenig, aber rein zufällig in jener Zeit explodierte Joe Flacco und hatte seinen mittlerweile legendären Playoff-Lauf inklusive Superbowl-Gewinn. Die Saison danach bestritt Caldwell als OffCoord. Ich schrieb im Sommer, „hat er was anderes drauf als sechs lange Bälle anzusagen und darauf zu hoffen, dass der Safety daneben springt?“ – und die Antwort – oder zumindest das, was die Ravens-Offense auf dem Feld zeigte – darf man mit „Nope“ beantworten. Ravens-Offense 2013/14, das war nix. Nada.

Wie viel ist Caldwell daran schuld? Die Offense Line war eine Katastrophe, WR Boldin ward verkauft, TE Pitta schnell verletzt, Flacco war wieder Flacco, Rice war Avon Couborne, und auch Caldwell unternahm nicht viel, um eine am Boden liegende Offense zu reanimieren. Zumindest war das nach außen der Eindruck. Zumindest scheinen Ravens-Fans froh zu sein, nun einen neuen OffCoord zu bekommen.

Auch das ist Caldwell: Zweimal ein Werk eines Vorgängers übernommen, zweimal mit zumindest nach Ergebnissen überzeugendem Erfolg (Superbowl als Head Coach, Superbowl-Sieg als Coordinator). Zweimal ging es nach dem anfänglichen Erfolg schnell nach unten in relativ tiefe Tiefen. Ist auch das ein Grund, weswegen so viele Caldwell hassen bzw. ihm nix zutrauen, obwohl auch Schwartz nach drei vielversprechenden Jahren nix mehr weiterbrachte?

Warum aber hat Dungy dann eine so hohe Meinung?


Ein gängiger Witz unter Lions-Fans ist der Ablauf des Bewerbungsgesprächs von Jim Caldwell in Detroit.

Frage: „Wie gedenken Sie, die Offense in Detroit zu gestalten.“
Caldwell: „…“
Frage: „Wie gedenken Sie, die Defense zu gestalten?“
Caldwell: „…“
Frage: „Wollen Sie den Job als Head Coach?“
Caldwell: *nickt*

Caldwell ist keine inspirierende Wahl. Man weiß nicht so recht, was er drauf hat. Man weiß nur, dass er zweimal schnell Erfolg hatte, aber den Erfolg aus verschiedenen Gründen nicht halten konnte. In diesem Hinblick ist Caldwell gar nicht so verschieden von einem Ken Whisenhunt, der angeblich einer der Favoriten auf den Lions-Posten war, aber dann trotz eines bereits gecharterten Flieger der Ford-Familie in Tennessee unterschrieb.

Caldwell ist auch aufgrund seines Äußeren nicht inspirierend. Er ist 58, aber man sieht es ihm nicht an. Man sieht ihm überhaupt kein Alter an. Er ist zeitlos, aber auch ausdruckslos. Sein Gesicht kennt man nur im immergleichen, verzagten Ausdruck, und du siehst ihm nicht an, ob seine Mannschaft in Schwierigkeiten drei TD zurückliegt, oder gerade den Superbowl erreicht hat. Ist das ein Grund dafür, dass ihn alle so hassen, auch die, die Schwartz hassten, weil er so emotional war?


Gehen wir mal mit dem, was greifbar ist: Caldwell war nicht der Favorit auf den Trainerposten in Detroit. Er war bestenfalls die #2 hinter Whisenhunt, aber möglicherweise auch noch hinter Bill O’Brien (jetzt Houston) und Lovie Smith (jetzt Tampa Bay). Damit wird er zurechtkommen müssen, egal wie viele Lippenbekenntnisse es ob seiner Bewerbung gibt. Ablauf und Zeitpunkt seiner Einstellung sprechen ganz offen dagegen, dass Caldwell die erste Wahl war. Das Front-Office weiß das. Die Spieler wissen es. Die Fans wissen es. Caldwell weiß das. Er wird damit zurechtkommen müssen.

Ich wollte immer Dungy, aber Dungy war nie erreichbar. Caldwell ist ein Dungy-Jünger, und Dungy hat eine hohe Meinung von Caldwell, also dürfte zumindest dieser Punkt in meiner Wunschliste – zumindest ansatzweise – erfüllt sein. Zumindest sind wir keine Lichtjahre entfernt. Sollte es kein Dungy werden, wollte ich:

  • Offensiv-Geist. Passt. Zumindest halbwegs. Caldwell kommt von der Offense. Caldwell war jahrelang ein QB-Coach in Indianapolis. Er coachte dort: Peyton Manning (ab 2002). Er hatte bestimmt einen Anteil daran, dass Peyton Manning „Peyton Manning“ wurde. Die Offenses, in denen Caldwell auch nur adäquates Spielermaterial hatten, waren alle effizient und produktiv.
  • Disziplin. Das passt. Dungy war berühmt dafür, dass seine Mannschaften diszipliniert spielten. Nach der Messung „Penalty-Yards per Play“ (Strafen-Raumverlust pro Spielzug) waren Caldwells Colts immer in den Top-5. Dass Egomanen runter genommen wurden. Bloß hatten es Dungy/Caldwell nur mit einem Nick Harper zu tun, nicht mit einem Suh oder Fairley.
  • Stratege. Keine Ahnung, ehrlich. Aber ich komme gleich zu seinem Trainerstab.
  • Spielverständnis. Das ist dann aber der Punkt, der mir das blanke Gänserupfen über den Rücken hinunterjagt. Caldwell war 2011 einer der Head Coaches, deren 4th-Down /usw. Entscheidungen mit die am wenigstens verheerenden für die Sieg-Chance seiner Mannschaft waren, aber das kann auch daran liegen, dass die Colts stets schnell in Rückstand lagen und niemals viel zu verlieren hatten. Greifbarer ist für mich da das teilweise pathetische Handling bei den Colts. Das Timeout-Management. Für jenes Timeout gegen die Jets gibt es keine Entschuldigung, aber „keine Entschuldigung“ wäre immer noch besser anfühlend als die sinnfreie Erklärung, die Caldwell für sein Handeln abgab.

Ich mache mir Sorgen, dass Detroit nach dem unsouveränen Jim Schwartz hier möglicherweise einen noch unsouveräneren Game-Manager geholt hat – ganz unabhängig jetzt mal davon, was Caldwell in der täglichen Trainingsarbeit so leistet.


Um zu dem zu kommen, was ich mit Spannung erwartet hatte: Den Stab „hinter“ dem Head Coach. Auf diesem Gebiet hat mich Caldwell positiv überrascht. Als OffCoord wollte er angeblich erst den QB-Entwickler des Andrew Luck einstellen, Clyde Christensen von den Colts, aber als das schief lief, blieb immer noch ein sehr attraktiver Kandidat übrig: Bill Lazor, der QB-Coach der Philadelphia Eagles. Letztlich hat Caldwell beide nicht bekommen. Positiv finde ich aber die Richtung: Dass Coaches dieser Güteklasse in Betracht gezogen wurden, dem kann ich vieles abgewinnen.

Es ist noch nicht bekannt, wer der neue OffCoord denn nun werden wird. Offensiv-Assistent wird Ron Prince, ein Mann, der in den Staaten vor allem deswegen bekannt ist, weil er die Kansas State Wildcats vor einigen Jahren so weit runterwirtschaftete, dass die Trainerlegende Bill Snyder aus dem Ruhestand zurückkehrte um „seine“ Mannschaft wieder gerade zu biegen.

Caldwells Statement ob des Profils des neuen OffCoords soll vor allem „innovativ“ sein. Das klingt schon mal gut. Noch wichtiger wäre ein OffCoord, der auf die Basics achtet. Lazor wäre so einer gewesen. Man darf hoffen, dass Caldwell noch immer nach einem Typus Lazor sucht.

Der neue DefCoord ist Teryl Austin, bisher DB-Coach bei den Baltimore Ravens. Das ist mein neuer Lieblings-Coach. Auf so eine Einstellung hatte ich gehofft. Ein Coach aus einer Defensiv-Schmiede, der Ahnung hat vom Defensive Backfield, und der mit dieser Unit in Baltimore Herausragendes geleistet hat.

Austin wird zweifellos dieser Defense helfen. Die Defense hat gute bis sehr gute Spieler in allen Bereichen, aber sie war bekannt dafür, ihre Wucht nur phasenweise auf das Spielfeld zu bringen und dann immer wieder mit schlampigen Spielzügen und Strafen das Erreichte einzureißen.

Neben DefCoord Austin wurde auch Bill Sheridan als LB-Coach eingestellt. Sheridan lieferte zuletzt in Tampa keine Bewerbung für strategische Aufgaben wie „DefCoord“ und GamePlanning ab, aber als Positionscoach sicher ein Mann mit großer Erfahrung.

Das Gute bei Caldwell: Er scheint eher einer zu sein, der sich aus dem Tagesgeschäft etwas zurückhält. Der lieber die große Rahmenplanung und –steuerung macht. Das macht Hoffnung, dass Detroits GM Martin Mayhew sich aus der Sache raushält – und das kann nur Gutes heißen.


Summa summarum: Ja, ich bin überrascht von der Einstellung des Jim Caldwell. Nein, ich bin nicht begeistert. Im ersten Moment war ich erschrocken. Dann kam die Phase des Negierens („So schlimm wird es nicht werden“). Dann die Erinnerung an den so stark besetzten Kader in Detroit. Dann erweckte Hoffnung durch die erfolgsversprechenden Assistenzcoaches, allen voran Austin. Dann das Einreden, dass sich Caldwell nicht so stark ins Tagesgeschäft einmischen würde.

Caldwell ist Caldwell. Er hatte große Erfolge, aber die Erfolge schreibt man größtenteils anderen zu. Er hatte große Misserfolge, und man schreibt sie größtenteils ihm zu. Seine Arbeitsweise ist quasi unbekannt. Er spricht nur unter Protest. Er schaut stets traurig drein. Man traut ihm nicht zu, ein Team zu bauen. Er muss in Detroit aber nur ein Team disziplinieren. Er ist nach allen bisherigen Erkenntnissen ein schlechter In-Game Coach. Aber alle seine bisherigen Spieler liebten ihn, und seine Mannschaften zogen ihren Scheiß stets bis zur Schlusssirene durch.

Jim Caldwell und Detroit. Ich bin nicht besoffen vor Glück, aber ich bin gespannt.

Der Wunschtrainer: Jim Schwartz

Die Entscheidung des Front-Office der Detroit Lions, Head Coach Jim Schwartz nach dem erneuten Verpassen der Playoffs zu entlassen, kam nicht sonderlich überraschend, und die Beweggründe sind relativ einfach nachvollziehbar: Es ist nicht so sehr das Verpassen der Playoffs, sondern die Murmeltierschleife, in der die Schwartz’schen Lions stecken geblieben sind. Punxatowney Phil meldet: Schlampige Spielzugausführung, dumme Penaltys, schlimmes Timeout-Management und als Resultat zu viele unnötig verlorene Spiele. Das stumpft dich als Fan ab, und es fällt unweigerlich – ob fair oder nicht – auf die Führungsfigur, in diesem Fall Jim Schwartz, zurück.

Persönlich geht für mich damit mein Lieblingstrainer verloren. Ich habe 2009, kurz nach Ende der legendären 0-16 Saison der Lions und einen Tag nach der Entlassung von Rod Marinelli und dem kompletten Trainerstab in einem italienischen Forum folgendes gepostet (lose übersetzt):

Wenn ich eine Wahl hätte, sie würde auf Jim Schwartz fallen, und die Entscheidung ist keine knappe. Schwartz steht für so vieles in einem Head Coach, was ich sehen will. Er steht für Defense. Detroit braucht zu allererst Defense. Ich würde im Normalfall immer schreiben „wir brauchen Offense“, aber die Offense ist nicht einmal das große Problem in Detroit. Es fehlt an der Abwehr. Schwartz hat jahrelange exzellente Arbeit in Tennessee geleistet, obwohl er neben Haynesworth keinen zweiten exzellenten Spieler hatte. Als ehemaliger Offensive Consultant kennt Schwartz aber auch die Wichtigkeit von Offense.

Schwartz ist ein studierter Ökonom. Das zeigt sich in der Arbeit. Er gilt in Footballkreisen als Pragmatiker. Er führt Sheets in denen die Spieler Down für Down nach ihren Leistungen bewertet werden. Das ist methodisch um mehrere Welten von allem entfernt, was Detroit in den letzten Jahren gesehen hat und in der NFL noch immer nicht gang und gebe. Insofern ist Schwartz ein Vorreiter.

Schwartz hat bei den besten gelernt: Bei Belichick, als Belichick noch Wunderknaben produzierte, und später bei Jeff Fisher. Fisher schwärmt noch immer in den höchsten Tönen von Schwartz, auch wenn er ihn jetzt verlieren könnte. Belichick war aktiver Förderer von Schwartz noch bevor Belichick zu „Belichick“ wurde und noch als junger Hüpfer in Cleveland seine ersten Coaching Erfahrungen machte.

Dungy wird vielleicht zurücktreten, aber er wird danach sicher keinen anderen Job annehmen, zumindest nicht 2009. Damit fällt die einzige akzaptable Alternative flach bevor sie eine Chance hat diskutiert zu werden. Dadurch wird Schwartz zur mit meilenweitem Abstand besten Wahl. Also nehmen wir ihn. In bocca al lupo!

Martin Mayhew griff danach tatsächlich zu Schwartz, dem damaligen Defensive Coordinator von Tennessee. Ein Jahr später schrieb ich im selben Forum.

Das erste Jahr war richtig schlecht. Diese Lions haben zwar zwei Spiele gewonnen, aber vielleicht waren sie noch schlechter als ihre Vorgänger, die kein einziges Spiel gewonnen haben, aber mal ehrlich: Wer irgendwas anderes erwartet hatte, möge die Hand heben und das Wort ergreifen.

Um das Jahr zu rekapitulieren: Ich war von Anfang an gegen Matt Stafford als QB, und die Schlechtigkeit der Offensive Line hat mich bestärkt in meiner Meinung, dass die Lions ihren Franchise QB verheizen. Aber ich gebe zu, dass der Move ein Jahr später besser aussieht als vorher. Stafford hat sich zwar zweimal verletzt und er hat oft schlecht gespielt, aber who cares? Das ist ein Rookie in einer grottenschlechten Mannschaft, da willst du erstmal sehen ob du einen Kämpfer hast oder einen mutlosen Schisser. Alles andere ist eh zweitrangig. Es liegt jetzt an Stafford und den Coaches die richtigen Schlüsse aus dem Rookie-Jahr zu ziehen. Staff hat das Potenzial, und die Spiele wie Cleveland [s. hier] sind das, wofür ich die NFL und Spieler wie Stafford so liebe. Grade: Vielleicht eine 7 [dt. Note in etwa zwischen 3 und 4] für Matthew. Jetzt bitte noch etwas O-Line einkaufen.

Die Lions haben nun den zweiten Pick im Draft und existiert irgendein Zweifel, wen wir nehmen müssen? Nein, Suh ist ein Gigant, ein Monster, und ich stimme [User carroba41] uneingeschränkt zu: Die Rams werden einen QB nehmen, und Suh wird auf den zweiten Platz fallen. Es gibt keine Position die für die Lions 2010 wichtiger ist als DT und Suh. Jeder der Suh gegen Nebraska gesehen hat, weiß das das der Spieler ist, den dieses Jahr alle wollen.

Zu Schwartz kann man nicht viel Negatives sagen: Er hatte keine Spieler, aber seine Aufgabe dieses Jahr war, sich die wenigen herauszusuchen, die die Seinigen sein werden. Wenn Schwartz so pragmatisch ist wie sie alle behaupten, dann wird er die Richtigen auswählen. Ich bin jedenfalls zuversichtlich. Nächstes Jahr schon werden die Lions mindestens 6 oder 7 Spiele gewinnen.

2010 beendete Detroit mit sechs Siegen. Es war das Jahr, das sich am bisher besten anfühlte, da man stets den Eindruck hatte, dass der Druchbruch kurz bevor stand. Detroit verlor zwar acht der ersten zehn Spiele, und war noch längst nicht wirklich eine richtig gute Mannschaft, aber die Lions verloren damals fast nie hoch, bleiben meistens lange im Spiel, und das, obwohl der QB Matthew Stafford aufgrund einer schweren Verletzung nur drei Einsätze hatte. Das war auch das große Fragezeichen nach 2010. Aus der Sezierstunde nach der Saison 2010:

2010/11 hat uns ein 6-10 beschert. Es passiert nur in Detroit, dass „6-10“ mit gutem Gewissen in das Regal mit dem Aufkleber „Erfolg“ eingelegt werden kann.

2010/11 waren die Lions ein deutlich wettbewerbsfähiger Haufen als in den letzten 2-3 Jahren. Die Schwachstellen sind teilweise eklatant, aber sie haben meist voll durchgespielt und mit ihrem Sieg über Tampa in Woche 15 sogar dem Superbowl-Champ Green Bay überhaupt erst die Playoff-Teilnahme ermöglicht!

Die zehn Saisonniederlagen lesen sich so: -5 gegen Chicago, -3 gegen Philadelphia, -14 gegen Minnesota, -2 gegen Green Bay, -8 gegen die Giants, -3 (OT) gegen die Jets, -2 gegen Buffalo, -14 gegen Dallas, -21 gegen New England (als die jeden Gegner in Grund und Boden gespielt haben) und -4 gegen Chicago. Vier Siege im Dezember, unter anderem gegen Green Bay und Tampa Bay, die beide voll im Saft um die Playoffs waren. Und man bedenke: Über weite Strecken wurde mit Backup-QB und sogar Third Stringer und Backup-RB gespielt. Trotzdem hat z.B. ein Calvin Johnson wieder über 1000yds und 12TDs gefangen.

Das unbeschreibbare Wort „Siegermentalität“ ist zwar nicht so meins. Aber so oft wie die Lions diese Saison an einem Sieg dran waren und trotzdem noch vergeigt haben… Wenn ich an Leute wie C Raiola denke, die seit ungefähr drei Jahrzehnten nur losing seasons erleben mussten, ist das auch kein Wunder. Die wissen gar nicht, wie man das macht, selbst wenn einem mal ein starkes Spiel ausrutscht.

Ein Jahr später folgte die erste Playoff-Qualifikation. Es war aber auch die Saison, in der sich erstmals in eklatanter Weise die Probleme wie Schlampigkeiten zeigten, die nicht ausgemerzt wurden, oder unendliche Serien an Strafen. Diese Undiszipliniertheiten machten durchaus Sorgen, aber der Grundtenor blieb weiterhin optimistisch:

Für die Detroit Lions war 2011/12 trotz einiger Turbulenzen ein sehr gutes, weiteres Jahr des Aufbaus. Mit 10-6 Siegen und einem Ranking im oberen NFL-Drittel in fast allen wichtigen Statistiken zeigt der Trend ein weiteres Jahr steil nach oben, und nach einigen knappen Niederlagen gegen die NFL-Elite brach man im Wildcard-Spiel bei den extrem heimstarken New Orleans Saints erst im Schlussviertel einer auf mehreren Ebenen unglücklich verlaufenen Partie ein. Konzeptionell ist die Mannschaft 1A zusammengebaut: Via Draft, mit einigen ergänzenden Einkäufen vom Transfermarkt. Ohne die vielen Nebengeräusche abseits des Spielfelds wären die Lions ein gigantischer Sleeper.

In der Katastrophensaison 2012/13 lief alles gegen die Lions. Die 4-12 Bilanz war nicht verdient, und auch die Mannschaft kollabierte nicht, verlor nur ein einziges Spiel wirklich hoch (@Arizona spät im Dezember). Aber es zeichnete sich schon zu Thanksgiving ab, dass Schwartz die Felle davon schwimmen. Detroit war zum Zeitpunkt, als ich die Thanksgiving-Preview 2012 schrieb, bei 4-6 Siegen, also noch vor der finalen Pleitenserie und kurz bevor Schwartz den „Schwartz“ (den ominösen Flaggenwurf gegen Houston) machte:

Klingt alles nicht gut für Detroit – aber: Die Defense ist diese Saison ein eher kleines Problem, hielt Detroit selbst gegen starke Angriffe meistens lange im Spiel.

Dennoch: Ich bin etwas besorgt. Nicht wegen einer potenziell weiteren Niederlage – die Playoffs hatte ich dieses Jahr von den Lions ebenso wenig „erwartet“ wie eine 11-5 Bilanz. Aber die Stimmung in Mannschaft, Trainerstab und auf den Rängen müffelt bereits dezent angefäult; die merkwürdigen, unpragmatischen Moves von Jim Schwartz in den letzten Wochen haben mich aufhorchen lassen. Irgendwo durch die riesigen Gläser des Ford Fields dämmert schon fin de siécle-Atmosphäre.

Ich hänge an Mannschaft wie Trainer genug, dass ich lieber ein weiteres Jahr mit Schwartz in den Abgrund fahre, als bereits diesen Winter eine erneute Generalüberholung in dieser Franchise zu sehen.

Also. In den letzten Wochen war die Halbwertszeit zwischen Opening Kickoff und ersten Buhrufen im Ford Field keine drei Spielminuten. Eine weitere Pleite wird in dieser eh schon verfallenden Stadt Detroit kein gutes Gegengift sein…

Lieber in den Abgrund, als den Lieblings-Coach aufzugeben. Da steckt glaube ich auch ein bissl der Denke von NFL-Coaches in mir, die ihren QB-Bust nicht zu früh aufgeben wollen anstelle ihn als „sunken cost“ abzuschreiben. Ich weiß nicht, ob diese Denke von mir ebenso unpragmatisch wie Schwartz war. Aber wer will schon seinen absoluten Wunschkandidaten zu früh aufgeben?

In der Sezierstunde nach der Saison 2012/13 schrieb ich:

Die Saison 2012/13 wird als Saison der enttäuschten Hoffnungen in die Lions-Historie eingehen: Nach zwei Jahren Euphorie und Weg nach oben folgte der brutale Absturz auf bekanntes Terrain: Vierter Platz in der NFC North mit einer 4-12 Bilanz. Das schwache Gesamtbild der Detroit Lions wurde abgerundet durch nach außen getragene interne Schwierigkeiten und aufkommende Zweifel an der Qualität des Head Coaches Jim Schwartz.

Leser dieses Blogs dürften mittlerweile mitbekommen haben, dass der Lions-Laden trotzdem noch kein Fall fürn Notarzt ist. Zu gut waren die Vorstellungen gegen einen überwiegend schwierigen Schedule, zu viele Niederlagen selbst gegen sehr gute Teams waren einfach knapp (3-9 in One-Score-Games). Und gleich mehrfach war nicht bloß ein etwas besserer Gegner schuldig, sondern Detroit mit Eigenfehlern: Schlechte Coaching-Entscheidungen, Fehlkicks, Turnovers zum dümmsten Zeitpunkt.

Die Mannschaft bewegte sich zwischen frustrierend und aufregend. Spiele wie gegen Phialdelphia, Seattle, Green Bay oder Houston waren sinnbildlich für diese Saison: Hautenge Partien mit Punch und Gegenpunch, Comebackversuch und am Ende 1-2 Plays, die die Entscheidung herbeiführten.

Freilich bedeutet all das nicht, dass die Lions per sofort als Spitzenteam anzusehen sind. Sie waren mittelmäßig. Man lernte in dieser Saison aber nicht viel Neues über das Team, was nicht eh schon klar ist.

[…] Auf der anderen Seite ist Schwartz angezählt. Eine weitere Wackelsaison und wir sehen nächsten Winter einen neuen Lions-Cheftrainer.

Die Wackelsaison ist gekommen. Schwartz musste gehen. Schwartz hat letztlich nicht das gehalten, was er versprochen hat: Er erwies sich nicht als „analytischer Head Coach“, als der er vor Amtsantritt präsentiert wurde. Der Schachspieler Schwartz war deutlich weniger pragmatisch als gedacht. Nach drei guten Jahren zum Einstand wurden seine Moves immer bizarrer, immer bauchgetriebener.

Er hat die die Detroit Lions aus dem tiefsten Tal herausgeführt. Detroit ist kein 0-16 Team mehr. Aber man fühlt sich nicht viel besser, wenn man mit 8-8 abschließt und weiß, dass so viel mehr drin gewesen wäre; wie schon 2012; wie eigentlich schon 2011, als man noch jeden Sieg mit Kusshand nahm, da es ein Sieg war. Von der Hoffnungslosigkeit eines 0-16 ging es zur Hoffnung, die eine 2-14 Saison bot. Dann kam eine schaumgebremste Zeit, in der eine verletzungsgeplagte Mannschaft immerhin mit 6-10 abschloss. Dann kamen die Playoffs, die so viel mehr versprachen. Dann kam der Kollaps. Gleich zweimal in Serie.

Danke Jim Schwartz für fünf aufregende Jahre. Ich wusste nicht, wie es sich fühlt, eine NFL-Mannschaft zu unterstützen, die realistische Playoff-Chancen besitzt. Nun weiß ich es. Es kann verdammt nervenaufreibend sein. Der nächste Coach findet zwar eine Mannschaft in Salary-Cap Schwierigkeiten vor, aber das Potenzial der Stammspieler, die unter Vertrag stehen, ist gegeben.


Mein persönlicher Wunschkandidat als neuer Lions-Headcoach war natürlich Dungy, aber Dungy wird es nicht werden. So bleibt das Wunsch-Profil des neuen Head Coaches ein folgende Punkte umfassendes:

  1. Ein Offensiv-Geist. Oder zumindest jemand, der einen kompetenten OffCoord einstellt. Die Lions-Probleme starten im Angriff.
  2. Ein Stratege. Der neue Head Coach muss dringend Mitspracherecht in der Kaderzusammenstellung bekommen. GM Mayhew hat sich als unfähig erwiesen, ein gescheites Vertragsmanagement auf die Beine zu stellen, weswegen Detroit in den großen Fragen auf Jahre die Hände gebunden sein werden.
  3. Stats-Guy. Zumindest Basis-Verständnis für Advanced-Metrics würde ich mir schon vom neuen Headcoach wünschen. Also genau das, was man sich vor fünf Jahren von Schwartz versprochen hat.
  4. Disziplin als hohe Priorität. Der neue Lions-Coach muss großen Fokus auf Disziplin am Spielfeld legen.

So long. Einer der Favoriten auf den Job soll Ken Whisenhunt (derzeit OffCoord von den Chargers) sein. Mit ihm könnte ich leben, auch wenn der gestrige GamePlan Whisenhunts in Denver selten beknackt war. Whisenhunt hat eine gute Historie, aus vielversprechenden QBs (damit sind nicht gemeint: Max Hall, Drew Stanton, John Skelton, Kevin Kolb…) Großartiges herauszukitzeln. Und Whisenhunt hat dieses Jahr aus weniger Personal viel mehr gemacht als die Lions je an Offense hatten. Dazu aber vielleicht in den nächsten Tagen mehr.