Spiel des Jahres: Pittsburgh Steelers vs New England Patriots (Regular Season Variante)

Das AFC-Spitzenspiel zwischen den Pittsburgh Steelers und den New England Patriots enttäuschte nicht. Wir können guten Gewissens eine Note von 10/10 Punkten geben.

New England gewinnt 27-24 nach ultradramatischem Spielverlauf, aber das Drama allein kann auch die Qualität des Gebotenen nicht übertünchen. Denn: Es war ein fassungslos gutes, sauberes Spiel von beiden Mannschaften, die wenige Fehler begingen. Ein Protokoll.

Die erste Halbzeit ist eine Halbzeit der langen Drives: Zwar müssen die Steelers schon im ersten Drive punten, aber danach scoren sie in jedem Drive. Erster Strike der Patriots zum 7-0, aber sofortiger Ausgleich Pittsburgh, 7-7. Steelers hernach zum 10-7 und 17-10 mit insgesamt Drives von 8, 9 und 15 Plays vor der Pause. Und das ohne den extrem wichtigen WR #84 Antonio Brown, der sich schon eingangs des zweiten Viertels in die Umkleidekabine verabschiedet. Brown mit Fußverletzung – aber weniger schlimm als befürchtet: Ausfall bis Mitte Jänner ja, aber ab Viertelfinale soll er wieder teilnehmen können.

New England antwortet nach der Pause sofort mit dem nächsten Killer-Drive: 12 Plays, 75 Yards, abgeschlossen mit 3rd-Down Pass für WR #14 Cooks. Damit bringen die Patriots erstmals einen „echten“ Patriots-Drive Marke zick-zack zu Ende, nach einer ersten Halbzeit mit nur 20 Snaps und definiert vor allem durch einen isolierten tiefen Catch von Cooks.

Gostkowski, der Rekordhalter für meiste Extrapunkte en suite, verschießt allerdings und so bleibt Pittsburgh in Führung: 17-16.

Nächster Patriots-Drive: Interception gegen Brady. Brady unter Druck, wirft einen merkwürdigen, nicht abgefälschten Ball, den #98 Williams im Nachfassen fängt. Steelers legen den TD drüber, 24-16. Und Patriots antworten mit… Punt? Game over?

Nope. Es sind immerhin die Patriots. Das Schlussviertel ist nichts für schwache Nerven. Als Vorgeschichte blockiert Punt-Gunner #18 Matthew Slater den Ball an der PIT 3. Steelers nehmen mit einem 11-Spielzüge langen Drive gleich mal siebeneinhalb Minuten von der Uhr, aber die Offense kommt nur 30 Yards weit, weil OG Villaneuva ein Holding begeht – und: Die Steelers verbrennen mit exakt 11 Minuten auf der Uhr ihr erstes Timeout.

Punt an die NE 28.

Patriots-Offense übernimmt. Der Druck auf Brady intensiviert sich, aber Brady bringt einen fantastischen tiefen Ball für WR #14 Cooks an – der nicht zählt, weil Cooks aus dem Spielfeld war. Nächster Spielzug, Patriots stellen #87 Gronkowski wieder außen auf – gegen CB #25 Burns. DPI gegen den chancenlosen Burns, der wie ein Zwerg im direkten Vergleich zu Gronkowski aussieht.

Patriots in Scoring-Reichweite, aber dann zweimal Incompletion und Sack gegen Brady. Belichick mit der schwierigen Entscheidung zwischen Ausspielen und Fieldgoalschießen bei 4th&17 von der gegnerischen 28. Belichick entscheidet sich – begründbar – für den Kick. Patriots stellen 3:56 vor Schluss auf 19-24. Sein sparsamer Umgang mit Timeouts wird sich lohnen – er hat noch alle drei.

Pittsburgh-Offense folgt mit einem 3&out, weil WR #19 Smith-Schuster ein Yard vor gelber Linie von Rowe und Lee im Doppelpack abgewürgt wird. Ausgerechnet Lee – der Mann, der vor ein paar Wochen aus Buffalo geholt wurde.

Es folgt ein klassischer Brady: Erster Spielzug im finalen Drive, und fast die Interception von Unglücksrabe #28 Sean Davis, dem ein abgefälschter Ball durch die Finger flutscht. Davis, der Mann, der schon letzte Woche fast den Match-Loser gegen Baltimore gegeben hätte!

Patriots retten damit eine Sekunde vor der 2min-Warning und wechseln in den Gronk-Modus: Zweimal Gronkowksi über die Mitte für 26 und 17 Yards an die 8, und Pittsburgh ist gezwungen, mit exakt einer Minute sein zweites Timeout zu zücken. #33 Lewis mit dem schnellen TD zum 25-24, und Gronkowski gegen den chancenlosen Burns zur 2pt-Conversion auf der patentierten Fade-Route: 27-24 mit 56 Sekunden auf der Uhr.

Ist das zu viel Zeit gegen eine Steelers-Offense, die auch ohne Superstar Brown noch den ganzen Nachmittag die Ketten fast nach Belieben bewegt hat?

Die Antwort folgt auf dem Fuß: Roethlisberger quick für #19 Smith-Schuster, der dem ersten Tackle entfleucht, den zweiten (Rowe) aussteigen lässt und kreuz und quer über das Feld läuft, bis an die NE 10. 69 Yards im allerersten Spielzug!

Steelers ziehen mit 34 Sekunden ihr letztes Timeout. Drei Snaps zum Ausgleich, eventuell vier zum Sieg.

1st&Goal – ein Down, das Geschichte machen wird: Roethlisberger für TE #81 James. Catch, Ball durchbricht in Receivers Händen die gedachte Endzone-Linie, Touchdown. Als Lions-Fan denke ich intuitiv sofort „Calvin Johnson“ damals im Soldier Field von Chicago. Aber dann fällt mir ein, dass Lions-WR Tate mal in ähnlicher Situation einen TD zugesprochen bekam. Challenge – und ich habe keine Ahnung, wie das ausgehen wird.

Refs geben nach Videobeweis eine Incompletion. Ball kreuzt zwar in Besitz des Receivers die Goal Line, aber technisch gesehen verliert der Receiver hernach die Kontrolle. Also kein TD. Kannste gleich noch die Begründung der NFL nachschieben, die ihr Statement beginnt mit „we see that Roethlisberger completes (sic!) the pass to James“. Alles klar?

2nd&Goal: Pass für 3 Yards für Smith-Schuster. Getackelt im Spielfeld, und Steelers ohne Timeout müssen sich schleunigst an die Anspiellinie begeben.

3rd&Goal mit noch 10 Sekunden auf der Uhr. Snap, gefakter QB-Spike, Roethlisberger in die Endzone für WR Rogers, abgefälscht und abgefangen zur Interception für #30 Duron Harmon.

Sieg Patriots.

Der Sieg ist nicht untypisch für New England, das in einem völlig ausgeglichenen Spiel (je 21 First Downs, 6.6 zu 6.4 Yards/Snap, je ein Turnover) nur zwei Penaltys beging und die 1-2 Clutch-Plays mehr hatte – und natürlich das Glück bei der gedroppten INT plus 50/50 Entscheid beim TD auf seiner Seite. Aber sie hatten auch mal wieder die Eier. 8 Punkte Rückstand auswärts gegen eine monströse Offense – und über ein Viertel keine Punkte mehr zugelassen.

Pittsburgh verliert damit die Chance, aus eigener Kraft den AFC-Top Seed zu holen, muss sich aber nicht grämen: Roethlisberger mit einer famosen Vorstellung. Auch RB #26 Bell mit einem brutalen Spiel: 24 Carries für 117 Yards und TD, dazu 5 Catches für 48 Yards. Mehr noch: Bell fungierte nicht als Alleinunterhalter, weil auch Smith-Schuster mit gewaltigen Catch&Runs sowie #10 Martavis Bryant signifikante Plays machten – allein: Am Ende fehlte das eine 1st Down, das man vielleicht mit einem fitten Antonio Brown gemacht hätte.

Sollten wir in einem Monat ein Rückspiel in der Post Season sehen – mit Brown am Feld ist Pittsburgh gemessen an dieser Partie der Favorit.

New England war den Tick unrhythmischer in der Offense, aber die Patriots hatten Gronkowski, dem der Gegner nicht gewachsen war. Die Wischi-Waschi Strafen der NFL retten den Patriots womöglich die AFC #1: Gronkowski mit 9 Catches für 168 Yards, einer forcierten DPI und einer extrem wichtigen 2pts-Conversion.

Das war am Ende genug – auch wenn ich Pittsburghs Gesamtbild für besser empfand an diesem Tag, an dem New England in einer echten, für die NFL so typischen 50/50 Partie das eine Play mehr machte. Wie 2003, als man den Goal Line Stand von Willie McGinest brauchte und hinterher den Schneestrum im heimischen Massachussetts zum Superbowleinzug nutzte.

New England feiert den größten Auswärtssieg seit dem Armageddon-Spiel 2007 in Indianapolis und hat nun die Pole-Position für den Top-Seed in der Hand. Aber man braucht vermutlich noch zwei Siege.

Gemessen an der Partie kannst du dich nicht beschweren, wenn wir in einem Monat ein „Rückspiel“ in den Playoffs erleben. In Foxboro oder in Pittsburgh ist dann auch noch egal.

13 Kommentare zu “Spiel des Jahres: Pittsburgh Steelers vs New England Patriots (Regular Season Variante)

  1. Es war schon krass zu sehen wie die Pats wenn sie gefordert sind einfach zu ihrem Cheat Code greifen und dann ist einfach egal was der Gegner macht. Welche Spieler haben eigentlich ein gutes 1gg1 Mu gegen Gronk, also physisch wie auch in coverage? Kuechly/Davis? Sherman? Berry? da wirds echt verdammt eng.

    Ich frag mich beim finalen Pass auch warum beim fake spike slant laufen und nicht fade. die fade kann Ben easy so werfen das sie nur der reciever vielleicht fangen kann. Und dann kickt man sich halt in die overtime.
    Ich sag mal, mit Antonio Brown wär das nicht passiert.

  2. Fake spike ist ein toller spielzug – weil der Spike von vielen nach wie vor antizipiert wird, obwohl es ein ganz schwacher spielzug ist – weil verschenktes down bei nur minimal kürzerer eit als beim passversuch

  3. Die Steelers haben den Fake-Spike aber auch schon öfter in entscheidenden Situationen eingesetzt, meist zur Verwunderung der Gegner. Ich denke gegen BB und Matt Patricia war das die falsche Wahl. Ein bisschen weniger Eier zeigen und FG zur Overtime nehmen und dann 50/50 Chance auf den Sieg wäre doch gar nicht so verkehrt gewesen, denke ich.

    Nichtsdestotrotz sind solche Spiele doch der Grund warum wir diesen Sport so lieben! Mir kommt kaum eine andere Sportart in den Sinn wo das ganze Geschehen sich kurz vor Schluss auf so spektakuläre Weise dreht und wendet und Sieg und Niederlage einen gefühlten Wimpernschlag voneinander entfernt liegen.

    Einfach der Wahnsinn!

  4. Korrektur meinerseits bei noch 10 sec und 3rd & Goal wäre ein FG ein Spielzug zu früh 😁
    Aber ich denke der Fake-Spike war trotzdem gegen die Patriots die falsche Wahl in der Situation.

  5. Ich verstehe die Diskussion um die Catch-Regel langsam wirklich nicht mehr, für mich ist bei dem play eindeutig zu sehen dass james nicht die kontrolle über den ball behält als er auf dem boden aufprallt. Damit ist es kein Catch.
    In den letzten Jahren gab es was diese Thematik angeht immer mal wieder kontroverse entscheidungen, aber für mein gefühl wird es mittlerweile einigermaßen dem Regelbuch entsprechend gepfiffen.

  6. Wenn man sieht, wie wenig die Steelers mal wieder Gronk im Griff hatte, darf man freilich die Frage stellen, warum Gronk für seinen dirty hit nur ein Spiel gesperrt wurde (übrigens genauso wie JuJu, der sich lediglich ein bisschen über einem am Boden liegenden Gegenspieler aufgemantelt), während Thomas Davis gerade zwei Spiele kassiert hat…

  7. Wäre es nicht cleverer gewesen, das 4th&1 kurz vor der Two-Minute-Warnung auszuspielen? Da ein FD und die Situation sieht schon wieder ganz anders aus. Und das nachdem man das Spiel über offensiv so stark war. Da hätte ich mir eine mutige Entscheidung mit dem Glauben an die eigene Stärke gewünscht, statt Brady mit über zwei Minuten und zwei Timeouts den Ball zurückzugeben.

  8. Ich muss auch sagen, dass der Fake Spike doch ziemlich offensichtlich war. Als nach dem Tackle in bounds alle Steelers an die LOS rennen und sich aufstellen, dachte ich sofort an den Fake Spike TD, den Big Ben auf AB geworfen hat gegen Dallas letztes Jahr. Die Patriots sind viel zu gut gecoached und vorbereitet, um auf sowas reinzufallen.
    Der (englische) Kommentator vom Spiel und @blub haben es auch schon angesprochen: Da sollte man halt als Offense eher den Fade werfen als den Slant, da beim Fade eine incompletion deutlich wahrscheinlicher ist als beim Slant – wo die ganzen Linebacker und D-Backs in der Mitte warten.

  9. Im Endeffekt war es ein wirklich großes Spiel, das durch Kleinigkeiten und Gronkowski entschieden wurde.
    Neben besagtem Gronkowski-Problem hatten die Steelers einfach Pech bei den entscheidenden kritischen Situationen.
    Egal ob es der wischi-waschi Holding Call gegen Villanueva war, der zurückgenommene TD (Cooks Sieg-TD gegen Houston war ähnlich fragwürdig, wurde aber gegeben) oder auch das nicht gegebene Holding an Rogers beim fatalen Fake-Spike (wenn man Villanuevas Holding pfeifft, muss man das hier auch).
    Naja, diesmal Pech, aber die Steelers hatten auch schon öfters Glück diese Saison. Hoffentlich sieht man sich in den Playoffs ein zweites Mal.

  10. Pingback: Round-Up zur NFL Saison 2017/18 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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