Cleveland Browns in der Sezierstunde

Novum in der NFL: Die Cleveland Browns sind eher Superbowl-Contender denn Kandidat für einen Top-5 Draftpick. Das sorgt für Euphorie, birgt aber auch Risiken.

Die Wettbüros sehen Clevelands Superbowl-Chancen vor der anstehenden NFL-Saison in etwa bei 1/14. Das ist nicht ganz so hoch wie bei den Patriots (1/6) oder Chiefs (1/10), aber die drittbeste Quote der AFC. Damit scheinen die Browns dort angekommen zu sein, wo Sashi Brown vor drei Jahren mit seinem intentionalen „Tanking“ hinwollte – doch nicht hindurfte, weil man auf halbem Weg die Richtung wechselte und GM John Dorsey einstellte.

Wo Sashi vor allem zukunftsbezogen dachte und einen kurzfristigen Absturz billigend in Kauf nahm, zeichnet sich Dorsey kenntlich für totalen Gegenwartsbezug. Dorsey setzte in dieser Offseason alle seine Jetons auf das Hier und Jetzt.

Seine Moves sind noch heute atemberaubend aggressiv:

  • WR Odell Beckham jr. und DE Olivier Vernon aus New York gekauft für den #17 Draftpick, OG Zeitler und FS Jabrill Peppers
  • RB Kareem Hunt für 1.1 Mio von der Straße geholt
  • DT Sheldon Richardson via Free Agency (3 Jahre, 12.3 Mio/Jahr, 15 Mio guaranteed)
  • CB Greedy Williams (2nd Round) und LB Sione Takitaki als die beiden höchsten Draftpicks

Dorseys Bruch mit allen Sashi-Moves war am Ende komplett, als er EDGE Ogbah nach Kansas City verkaufte sowie LB Jamie Collins feuerte.

Das sind alles „All-in“ Moves. Sie werden früher als vor ein paar Monaten gedacht für Cap-Probleme in Cleveland sorgen, doch sie bringen Titel-Ambitionen in die Stadt. Und diese Titel-Ambitionen sind legitim, denn Baby: Die meisten Dorsey-Moves sind Moves, die Passspiel stärken – in Offense und Defense! – und somit automatisch Favoriten des Autors dieser Zeilen [bitte angemessene Anzahl an Ausrufezeichen einfügen]

Roster-Überblick

Offense

QB Baker Mayfield
RB Nick Chubb, Kareem Hunt, Duke Johnson
WR Odell Beckham, Jarvis Landry, Antonio Callaway
TE David Njoku, Demetrius Harris
OL Greg Robinson, Joel Bitonio, JC Tretter, Austin Corbett, Chris Hubbard

Die Schwachstelle ist nach dem Zeitler-Verkauf natürlich klar: Offense Line. Es wird spannend sein, ob Dorsey hier bis zum Saisonstart noch einmal aktiv wird – z.B. durch einen möglichen Einkauf des in Washington zickenden OT Trent Williams – oder ob er tatsächlich gedenkt, mit einem Tackle-Duo Robinson/Hubbard in die Saison zu gehen.

Ein weiterer Move, der eventuell bevorsteht: Verkauf von Duke Johnson, der offensichtlich weg will, weil ihm Chubb und Hunt vorgesetzt wurden. Johnson wäre als fangstarker Back mutmaßlich der wichtigste der drei Backs in Cleveland.

Doch der Rest? Ziemliche Sahne. Mayfield war als Rookie eine Augenweide, Beckham ist einer der legitimen NFL-Superstars und sein Compagnon Landry ist bei aller Kritik an seinen niedrigen Yards/Catch Werten eine 1st-Down Maschine und recht effizient nach Yards/Route-Run.

Defense

EDGE Myles Garrett, Olivier Vernon
DI Sheldon Richardson, Larry Ogunjobi
LB Joe Schobert, Christian Kirksey
CB Denzel Ward, Greedy Jackson, T.J. Carrie, Philip Gaines
S Demarious Randall, Morgan Burnett, Eric Murray

Defensive Line ist im ersten Anzug sensationell, auch wenn der Verkauf Ogbahs Fragen nach der Tiefe aufwirft. Auf Linebacker ist man eher Durchschnitt, doch das ist die unwichtigste Position der Abwehr. Dafür klingt das Defensive Backfield extrem tief besetzt.

Was man sich erhofft

#1 Dass die Offense zündet: Mayfields Rookiesaison hatte ich schon unter der Lupe. Er scheint eines dieser Juwele zu sein, bei denen man sich schon nach einer einzigen Saison traut, von zukünftigem Top-10 Status zu schreiben.

Mayfield mit Beckham als deep threat, Landry underneath und TE Njoku über die Mitte klingt schon fabulös. Dass die Offense-Plays künftig nun auch noch vom ehemaligen Air-Raid Coordinator Todd Monken (kommt aus Tampa) designt werden und auch der Headcoach als Verfechter von aggressivem Passspiel gilt, sorgt nur für weitere Vorfreude.

#2 Play-Calling: Interims-OffCoord Freddie Kitchens designte letztes Jahr die Browns-Offense über Nacht so, dass sie Mayfields Stärken entgegenkamen, und verdiente sich damit eine fixe Anstellung als Head Coach. Mit einer vollen Saison Vorbereitung ohne permanentes Sabotage durch Hue Jackson ist weitere Verbesserung möglich.

#3 Defense auf allen Levels griffbereit. Letztes Jahr war Passrush gepaart mit unerfahrener Secondary. Jetzt hat man Passrush^2 und eingelernte Cornerbacks.

Doch was sind die Risiken?

#1 – Das größte Explosionspotenzial liegt in der völlig veränderten Ausgangslage: Noch zur letzten Saison gingen die Browns mit der Erwartung in die Saison, das eine Handvoll Siege schon als Erfolg zu werten wäre. So ging das in Cleveland seit 20 Jahren. Niemand wurde nervös, weil die Mannschaft Mitte Oktober bei 2-5 stand, weil eh niemand mehr erwartet hatte.

Doch damit ist nun Schluss. Startet Cleveland, sagen wir, 1-4 oder 2-3, ist nach wenigen Wochen Feuer am Dach. Die Erwartung lautet mindestens „Gewinn der Division“ – aber im Prinzip wäre niemand mit weniger als zumindest dem Gewinn eines Playoffspiels zufrieden mit der Browns-Saison.

Das sorgt dafür, dass der Saisonstart der Browns von essenzieller Bedeutung ist. Der Schedule bis zur Bye-Week Mitte Oktober lautet wie folgt:

  • Week 1: vs. Tennessee
  • Week 2: @ NY Jets
  • Week 3: vs. LA Rams
  • Week 4: @Baltimore
  • Week 5: @San Francisco
  • Week 6: vs Seattle

Es ist ein Auftakt nicht ohne Stolpersteine. Tennessee ist nie ein angenehmer Gegner, die Rams kommen frisch aus der Superbowl, Baltimore auswärts mit völlig unkonventioneller Rushing-Offense und danach hintereinander auswärts gegen die offensive Wundertüte San Francisco sowie zuhause gegen Russell Wilson? Es lauert mehr als eine potenzielle Niederlage.

Was, wenn Cleveland zur Bye-Week 2-4 ist und in der spielfreien Woche Odell Beckham ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt?

#2 – Head Coach Freddie Kitchens mag ein cooler Typ sein, der mit seinem Offensiv-Design genau Mayfields Nerv getroffen hat. Doch man darf nicht vergessen zu betonen, dass Kitchens noch fast keine Erfahrung auf höchstem Niveau hat – ein halbes Jahr als Interims-OC um genau zu sein. Eben das letzte halbe Jahr.

Bei allem sportlichen Talent: Die Charaktere sind nicht alle einfach. Hat Kitchens die Autorität, insbesondere bei etwaigem schwierigem Saisonstart den potenziell explosiven Locker-Room zusammenzuhalten?

#3 Defensive Coordinator: Um einem dieser Risiken vorzubeugen, feuerte man den ultraschwierigen DefCoord Gregg Williams, letztes Jahr Interims-Headcoach und Freddies Vorgesetzter. Man ersetzte den bis zur Halsschlagader arroganten Williams durch den jüngst in Arizona grandios gescheiterten Steve Wilks, der als wesentlich pflegeleichter gilt. Wilks hat zumindest etwas Headcoach-Erfahrung und ist gleichzeitig auf Wiedergutmachungs-Tour.

Wilks birgt jedoch selbst ein Risiko: Er ist ein DefCoord, der in Vergangenheit vor allem Zone-Defense propagierte und coachte – doch die Browns haben im jungen Cornerback-Pärchen Ward/Jackson zwei exzellente Manndecker-Prospects im Kader. Springt Wilks über seinen Schatten und bringt das, was alle Experten fordern – nämlich Man-Coverage, auch wenn er damit nicht zu 100% vertraut ist?

Normalerweise möchte man meinen, dass die Browns eine derartige potenzielle Diskrepanz zwischen Spielerkader und Trainervorstellung im Vorfeld diskutiert haben. Doch das Beispiel Jets zeigte jüngst mal wieder, dass man in der NFL von so einem Szenario per se nicht ausgehen sollte.

#4 – Der Hidden-Fact: Ein Hidden-Fact liegt im Faktor „Regression zur Mitte“: Natürlich sprangen die Browns letztes Jahr von 2-5-1 auf 7-8-1, nachdem man den episch schlechten Hue Jackson gefeuert hatte. Kitchens war 5-3 und hat nun verbesserten Kader, doch die Advanced-Stats sahen selbst die zweite Saisonhälfte der Browns „nur“ als #10 der NFL, und nicht als den absoluten Elite-Contender.

Historisch gesehen konnte man zwei Schlüsse ziehen:

  1. Teams mit einem „Lauf“ in der zweiten Saisonhälfte waren in der Folgesaison nicht erfolgreicher als Team, deren „Lauf“ bereits in der ersten Saisonhälfte kam.
  2. Teams mit gewaltigen Leistungssprüngen innerhalb eines einzigen Jahres hatten in der Folgesaison häufig damit zu kämpfen, dass der Weg nach oben eben nicht linear verläuft.

Ergo: Es sind Kinderkrankheiten zu erwarten. Dass die Browns von Anfang an aus allen Rohren feuern, ist eher unwahrscheinlich (wenn auch nicht unmöglich).

Und langfristig?

Dorsey geht mit seiner aggressiven Einkaufspolitik auch langfristig ein Risiko ein: So sehr er das Browns-Fenster der nächsten beiden (oder drei) Jahre dadurch optimiert, so sehr verbrauchte er in den letzten beiden Offseasons einen hohen Prozentsatz der durch Sashi bereitgestellten Ressourcen.

Die Browns haben Stand heute in der nächsten Saison nur noch 20 Mio. Cap-Space (können allerdings noch 32 Mio. durch Roll-Over verschieben) – und spätestens im Frühjahr 2021 wird mit DE Myles Garrett der erste der blutjungen Superstars einen Langzeitvertrag fordern.

Um das Ganze zu summieren

Entzückende Ausgangslage. So sehr ich anfangs den einen oder anderen Dorsey-Move als zu kurzsichtig interpretiert hätte, so nachvollziehbar ist eine Einkaufspolitik, bei der man ganz einfach zugreift, wenn Leute wie Beckham oder Vernon verfügbar sind – gerade in Cleveland, wo Top-5 Draftpicks über Jahrzehnte an der Tagesordnung standen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto schwieriger ist es, einzelne Moves oder auch das Gesamtkonstrukt zu kritisieren. Hätte man vielleicht Bruce Arians als Headcoach an Stelle eines Freddie Kitchens bevorzugt? Vielleicht – doch dann wiederum wäre Kitchens vielleicht weg gewesen, und ein Duo Kitchens/Monken keine Option.

Ist Wilks der ideale Defensive Coordinator? Vielleicht nein – doch am Ende muss der Hausverstand siegen und Wilks sein Scheme an seine Spieler anpassen. So blind kann kein Coach sein. So ahnungslos von einem wesentlichen Teil des Spiels – Man-Coverage – auch nicht.

Das größte Problem an den Browns ist wohl die extrem hohe Erwartung, die an dieses einstige Loser-Team gerichtet ist. Das macht Cleveland fast prädestiniert für eine Enttäuschung, denn weder ist die AFC North mit Pittsburgh und Cleveland (und den nicht zu unterschätzenden Cincinnati Bengals) eine Staffel, die man im Vorbeigehen aus dem Weg räumt, noch ist das mögliche AFC-Playoff Feld mit abgewichsten Teams wie den Patriots oder Granaten wie Chiefs oder Chargers ein leichtes.

Die Browns sollten wettbewerbsfähiger sein als letztes Jahr, aber einen nahtlosen Anschluss an die zweite Saisonhälfte 2019 sollte man nicht ohne weiteres erwarten. Müsste ich heute tippen, würde ich sagen 10-6 mit Option auf 9-7 oder 11-5.

7 Kommentare zu “Cleveland Browns in der Sezierstunde

  1. „[…] denn weder ist die AFC North mit Pittsburgh und Cleveland (und den nicht zu unterschätzenden Cincinnati Bengals) eine Staffel, die man im Vorbeigehen aus dem Weg räumt […]“
    Das sollte Pittsburgh und Baltimore heißen, oder?

    Ansonsten würde ich dir fast überall zustimmen. Auf dem Papier sieht das alles toll aus, aber so richtig trauen kann ich dem Braten nicht.

    Mein Hauptargument: Die sample size von HC Freddie Kitchens ist halt fast gleich null. Was Wilks mit seiner Zone-Defense vorhaben könnte, birgt auch Risiken.

    Ich bin der Meinung, dass ein gutes coaching staff einen noch viel größeren Einfluss auf Sieg und Niederlage haben, als die Öffentlichkeit annimmt (mir fehlen leider aussagekräftige Statistiken, die diese These untermauern).

    Da haben Baltimore und Pittsburgh noch ihre Vorteile.

  2. Zitat: „Dorsey geht mit seiner aggressiven Einkaufspolitik auch langfristig ein Risiko ein: So sehr er das Browns-Fenster der nächsten beiden (oder drei) Jahre dadurch optimiert…“
    Das einzige Ziel kann für die kommende und nachfolgende Saison nur die Teilnahme am AFC Conferenz-Finale sein.
    Nur ein Ausfall (Verletzung) von QB Baker Mayfield kann als scheitern hinzu gezogen werden, oder trauen sie Backup QB Drew Stanton einen Nick Foles Effekt zu?

  3. Danke dir für den wie immer spannenden Einblick in die Browns.

    Michael Silver berichtet, daß die Anpassungen von OC Monken nicht so gut greifen wie gewünscht und daß Kitchens schon eingreifen musste:

    Die Lokalpresse war ja in Cleveland nie zimperlich, aber mit dem Contender Status mischen sich jetzt auch die National Media ein. Ganz neue Dimension mit der die Browns erstmal umgehen müssen.

    @Colo: AFC Finale ist schon sehr optimistisch. Playoffs müssen ein Ziel sein, aber einen Durchmarsch darf man einfach nicht erwarten.

  4. Rein vom Football-Level her würde ich die O-Line als größten Stolperstein sehen. Baker ist zwar mobil, aber eine miese O-Line hat schon einem Russell Wilson über Jahre hinweg mehr Erfolg gekostet – und auf dem Level sehe ich Baker (noch?) nicht. Gerade in einer Division, in der es auch gerne mal kalt und unangenehm ist vom Wetter her und in der knochenharte Defenses am Programm stehen, sehe ich das als großes Problem für den propagierten Air Raid-Spaß.

  5. @Colo: Das AFC Finale als Ziel auszugeben ist schon sehr „bold“ bei dem Hintergrund der Browns. Natürlich kann es dazu kommen, aber eine Selbstverständlichkeit ist das im Leben nicht. Sie müssen erstmal die Division gewinnen (was schwer genug wird) und überhaupt seit gefühlt hundert Jahren mal wieder eine winning season hinlegen (dürfte gelingen).

  6. „bold“ zu sein passt aktuell schon finde ich. Damit sind sie letztes Jahr nach Hue Jackson ganz gut gefahren, es entspricht der Persönlichkeit ihres zentralen Leaders (Mayfield) und verkörpert gewissermaßen die Antithese der faden Jackson-Jahre, damit schüttelt man denke ich auch gerne diese Zeit ab. Und wenn man auf die Schnauze fällt ist es auch kein Beinbruch, dann geht es halt nächstes Jahr weiter. Ist ja nicht so, dass es jetzt das eine All-in Jahr wäre, in dem alles funktionieren muss

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